Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

Es ist fünf vor zwölf, sagen manche. Wir stehen am Abgrund. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dann geht alles den Bach runter.
So hätten wohl auch die ersten Christen reden können und Paulus an ihrer Spitze. Sie wurden von ihren Nachbarn bespitzelt, waren bedroht von der Staatsmacht. Viele von ihnen waren arm. Und die Vermögen hatten, haben nicht eingesehen, warum sie davon abgeben sollten. Es gab Streit und Auseinandersetzungen. Besonders in Korinth wurden die Leute unsicher: Wo sollte das alles hinführen!

Da hat Paulus den Leuten in Korinth einen Brief geschrieben. Heute wird daraus in den evangelischen Gottesdiensten vorgelesen. „Seht doch“ hat Paulus geschrieben, „jetzt beginnt die Zeit, in der Gott seine Gnade schenkt. Seht doch, jetzt ist der Tag des Heils.“ (2. Kor 6, 2) Paulus stimmt nicht ein ins Lamentieren. Wie kommt er dazu, frage ich mich. Will er nicht sehen, was los ist? Wie kann er Gutes erkennen, wo andere nur Unheil sehen?

Vielleicht weil er sich nicht hat mitreißen lassen von den Klagen der anderen. Vielleicht, weil er genauer hingeschaut hat. Seht doch! Hat er geschrieben. Seht doch hin.
Gott schenkt seine Gnade unabhängig davon, was ich geschafft und angeschafft habe. Also muss ich auch nicht Angst haben, dass mir jemand wegnimmt, was mir gehört. So kann ich voller Gottvertrauen leben. Ich kann großzügig sein und auch den anderen etwas gönnen.

Seht doch hin, schreibt Paulus. Gott schenkt seine Gnade gerade auch den Erfolglosen und den Bedürftigen. Auch sie sind Gottes geliebte Geschöpfe. Und wer duldet, dass die Armen zu kurz kommen – der lässt Gottes Geschöpfe zu kurz kommen. Heute. Jetzt.

Gottes Gnade, darauf kommt es an. Die bleibt nicht folgenlos. Paulus hat die Folgen beschrieben:
Manche verachten uns Christen, weil sie Religion lächerlich finden. Man hetzt die Leute gegen uns auf, weil wir kritische Fragen stellen. Aber wir halten an der Liebe fest. Liebe deinen Nächsten, das gilt. Ohne Obergrenze.

Wir machen uns Sorgen, schreibt Paulus, und haben Angst vor der Zukunft. Es gibt ja auch genügend Anlass dazu. Aber wir halten daran fest: Die Welt kann anders werden. Wenn wir uns nicht einschüchtern lassen und großzügig und großherzig auch an die anderen denken.

Wir sind nicht reich, manche von uns sind sogar richtig arm. Und doch können wir andere reich machen: wenn wir freundlich zu ihnen sind, wenn wir Zeit für die Alten haben und für die Kinder, wenn wir von der Hoffnung reden, die uns bewegt.

Seht doch! Ich habe das Gefühl, Paulus schreibt das auch an mich heute.  Gottes Gnade ist für alle da. Darauf kommt es an. Und der Weg vom Unheil zum Heil ist manchmal ganz klein.

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