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12MAI2024
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Die Menschen hatten keine Wahl - vor acht Wochen in Russland. Das Ergebnis der sogenannten Präsidentschaftswahlen stand schon vorher fest. Dass diese Pseudowahl trotzdem ernsthaft inszeniert wurde, hab ich vor allem als großes Kompliment verstanden. Als Kompliment für jede echte Demokratie, die in einer freien Entscheidung einfach die beste aller Möglichkeiten sieht, wichtige Posten neu zu besetzen. So attraktiv offenbar, dass sich auch Diktatoren – nicht nur in Russland – durch Fake-Wahlen legitimieren wollen.

Nun sind auch die Kirchen, besonders die katholische, keine wirklichen Demokratien. Aber Wahlen kennen sie doch. Und deren Ergebnis steht, anders als in Russland, keineswegs schon vorher fest. Ob es um die Wahl eines neuen Papstes geht, einer neuen Kirchenpräsidentin oder von Gemeinderäten vor Ort. Es sind echte Wahlen. Und die gab es sogar schon am Anfang der Kirche. Davon erzählt eine Geschichte, die heute in den Katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Einer der zwölf Apostel, Judas Iskariot, hatte seinen Freund und Meister Jesus an die jüdischen Behörden verraten. In der Runde der Zwölf hatte er nichts mehr verloren. Ersatz musste her. Und so haben die verbliebenen Elf dann zwei Kandidaten aufgestellt, die sie beide für geeignet hielten, die Runde wieder zu ergänzen. Der eine hieß Josef, der andere Matthias. Bloß, zu einer Wahl, wie wir sie heute kennen, ist es dann doch nicht gekommen. Stattdessen haben sie inständig gebetet und Gott gebeten, das doch bitte für sie zu entscheiden. Schließlich kenne Gott ja jeden Menschen in- und auswendig. Wie das gehen kann? In der Bibel heißt es nur: Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias. (Apg 1,26) Eine zugegeben etwas fragwürdige Art zu wählen. Und auch eine, die heute wohl kaum noch akzeptabel wäre. Nicht nur bei Menschen, die eh nicht an Gott glauben. Ich kenne das ja aus meinem Job. Wenn etwa in kirchlichen Gremien Posten neu zu besetzen sind, dann gibt es Personalvorschläge, Personalbefragungen und –beratungen. Von wegen „Los werfen“. Ein möglichst genaues Bild möchte man sich machen. Wer wählt, will wissen, wie der Andere tickt. Was sie oder er so draufhat. Und doch gaukelt man sich nicht selten auch eine Objektivität vor, die es schlicht nicht gibt. Denn meine Wahlentscheidung hat viel damit zu tun, wie sympathisch mir jemand ist. Das ist nicht verkehrt. Aber oft ist das das entscheidende Kriterium. Viel mehr, als wir uns eingestehen. Ob Beten da hilft? Wäre es also doch besser, die Entscheidung öfter mal Gott zu überlassen?

 

Vor einer Abstimmung beten. Das gibt’s auch heute noch. Bevor ein neuer Papst gewählt wird erscheint das irgendwie selbstverständlich. Aber auch eine neue Legislaturperiode im Bundestag beginnt traditionell noch immer mit einem Gottesdienst. Als sich das Parlament, in dem über entscheidende Fragen für unser Land abgestimmt wird, vor drei Jahren neu konstituiert hat, fand vor der ersten Sitzung ein ökumenischer Gottesdienst statt. Rund 150 Abgeordnete haben daran teilgenommen. 150 von 734. Immerhin also fast jeder fünfte. Ob sie da auch um gute Entscheidungen gebetet haben? Ich weiß es nicht. Aber vor wichtigen Abstimmungen nochmal zu beten finde ich prinzipiell gut. Wer betet, gesteht sich ja ein, dass er nicht nur Menschen, sondern auch Gott gegenüber verantwortlich ist. So steht es auch in der Präambel unseres Grundgesetzes: In Verantwortung vor Gott und den Menschen, heißt es da. Wenn ich bete, mache ich mir klar, dass ich nicht der allmächtige Macher bin. Dass da eine Macht ist, die unendlich viel größer ist als ich. Wer betet, wird auch demütig. Vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung für Leute, deren Entscheidungen das Leben vieler Menschen tangieren. Und wenn ich bete, trete ich mein Votum ja auch nicht an Gott ab. Sage nicht: „Mach du mal, du kannst das besser.“ Nicht Gott ist es, der abstimmt und entscheidet, sondern immer noch ich. Ich kann meine Verantwortung nicht an Gott delegieren, mich nicht hinter Gott verstecken. Ich allein bin verantwortlich für das, was ich entschieden habe – vor meinen Mitmenschen und vor Gott.

Natürlich heißt das nicht, dass alle, die nicht glauben, nicht beten, die keinen Gottesdienst besuchen, schlechtere Entscheidungen fällen. Dass sie nicht genauso ernsthaft und überlegt abstimmen würden. Gläubige sind weder bessere Menschen, noch bessere Politiker. Aber sie wissen sich eben in ein größeres Ganzes eingebunden. Als Glaubender weiß ich, dass es nie nur von mir abhängt. Dass ich allein vieles nicht in der Hand habe. Ganz gleich, ob es um große, weltbewegende Entscheidungen geht, oder um die kleinen, privaten Fragen. Ich kann alles tun, dass eine Freundschaft ein Leben lang hält. Ich kann meine Kinder unterstützen, so gut es geht, damit aus ihnen starke, soziale Persönlichkeiten werden. In der Hand habe ich allein es am Ende nicht. Und letztlich kann mich das sogar gelassener machen. Denn wenn ich alles Menschenmögliche versucht und alles getan habe und am Ende dennoch damit scheitere, kann ich alles Weitere in Gottes Hand legen. Kann ihm sagen: Ich bin mit meinem Latein am Ende, komme nicht mehr weiter. Nun liegt es bei dir. Mach das Beste daraus.

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05MAI2024
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„Ich bin klein, mein Herz mach rein. Soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ So klingt eines der wohl bekanntesten Kindergebete. Vielleicht haben Sie es auch mit Generationen von Kindern abends vor dem Einschlafen gesprochen. Und vielleicht haben Sie mit Generationen von Erwachsenen nicht nur dieses Kindergebet, sondern das Beten überhaupt irgendwann aufgegeben. Es ist ja auch eine berechtigte Frage: Wie kann ich beten, wenn das Gebet mit den Worten anfängt: „Ich bin groß!“?

In der biblischen Geschichte, die heute in vielen evangelischen Gottesdiensten im Mittelpunkt steht, geht es ums Beten. Und es geht um einen großen Beter. Mose ist ein erwachsener Mann, mit allen Wassern gewaschen. Lebenserfahren, gefahrerprobt. Und ein Leben lang im Zwiegespräch mit seinem Gott geblieben. Zu Beginn der Erzählung ist er auf einen Berg gestiegen, um zu beten. Doch er kommt gar nicht dazu. Denn – man höre und staune – Gott selbst hat großen Redebedarf. Er will Mose sein Herz ausschütten. Er ist so richtig fertig mit der Welt. Und klagt ihm sein Leid: Denn seine wunderbaren Pläne mit den Menschen sind nicht aufgegangen. Große Mühen hat er darauf verwendet, einen Haufen Sklaven aus katastrophalen Lebensumständen zu befreien. Auch an großen Wundern hat er es nicht fehlen lassen, um sie aus der Gewalt eines despotischen Herrschers loszueisen. Aber im weiteren Verlauf der Geschichte zeigen die Befreiten sich undankbar. Sie wissen es nicht zu schätzen, was Gott für sie getan hat. Und statt ihm bis in alle Ewigkeit dankbar ergeben zu sein, finden sie an ihrer neuen Lebenslage wieder etwas auszusetzen. Weil die Freiheit, nach der sie sich gesehnt haben, ganz schnell zur Selbstverständlichkeit geworden ist, fangen sie an, an vielen Kleinigkeiten herumzunörgeln. Und Gott ist erschöpft. Ja mehr noch: Er hat es satt. Eine sehr menschliche Reaktion. Und mehr noch: Er redet sich in Rage. Er gerät in Wut und will Schluss machen. Schluss mit den Menschen, die nichts kapieren, die einfach nichts dazu gelernt haben.

Mose bekommt es mit der Angst. Und bevor die Lage eskaliert und Gott womöglich Ernst macht mit seinen Androhungen, versucht er, diesen aufgebrachten Gott zu besänftigen. Er spricht mit ihm. Er betet. Und traut sich was. Er redet Gott gut zu, er redet ihm ins Gewissen. Er erinnert Gott an seine guten Eigenschaften. An seine großen Pläne mit der Welt, an alles, was er den Menschen je an Zukunft versprochen hat. Und am Ende dieses außergewöhnlichen Gesprächs hört Gott auf Mose und bereut seinen Zornesausbruch.

Mose hat sich nicht klein gefühlt und nicht klein gemacht, sondern er spricht sehr selbstbewusst mit Gott. Dass er zum Beten auf einen Berg gestiegen ist, mag ein äußeres Zeichen dafür sein. So stellt er Augenhöhe her. Und auch im Gespräch bietet er Gott, dem scheinbar Unausweichlichen die Stirn. Und er tut es geschickt. Taktisch klug, würde ich sagen. Er packt Gott bei seiner eigenen Ehre: Bei allem, was ich von dir weiß, bei allem, was ich von dir glaube: Du kannst nicht im Ernst die Welt und die Menschen, die du geschaffen hast, zerstören wollen. Bei allem Respekt! Erinnere dich, wofür Du als Gott angetreten bist!

So wie Mose möchte ich auch beten können. Mit einer Haltung, die von Gott etwas erwartet. Und es ihm auch sagt. Nicht als demütige Bittstellerin, sondern als erwachsener Mensch, der von einem großen Gott zurecht Großes erwartet. In der biblischen Erzählung hat es Gott gutgetan, dass ein Mensch so mit ihm gesprochen hat. Er hat sich bewegen, ja umstimmen lassen. Vielleicht kann das ja ein Anreiz sein, es mit dem Beten wieder einmal aufzunehmen. Vielleicht so: „Gott, ich bin groß. Ich lass dich nicht los. Du segnest mich denn.“

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28APR2024
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Ich bin Badezimmersänger. Ich bin Flurpfeifer. Ich bin Fahrstuhlsummer. Ich verrutsche zwar immer wieder in den Tonarten. Aber ich singe gerne. In den meisten Fällen aus guter Laune oder weil ich meine Laune aufhellen möchte.

Entweder sing ich das, was mir gerade besonders gefällt oder aber die Sachen, die ich von klein auf kenne, auch Lieder aus dem Gesangbuch. In den meisten Fällen sind das die Lieder, die wir damals im Kindergottesdienst gesungen haben. Mit 8 Jahren habe ich wahrscheinlich einfach mitgesungen, mit 10 vielleicht auch über die Texte nachgedacht. Und kurz vor der Konfirmation haben wir uns natürlich über manches Lied auch amüsiert.

Ein Beispiel: Am Schluss des Kindergottesdienstes haben wir oft ein Segenslied gesungen:  „Herr, wir bitten komm und segne uns“ gesungen. Und immer, wenn die Stelle kam: „Lege auf uns Deinen Frieden“ dann haben mein Freund und ich so getan, als würde etwas Schweres auf uns drauf liegen. Bei der Zeile:  „Segnend halte Hände über uns“. Da haben wir Pfarrer gespielt und der Luft vor uns die Hände aufgelegt. Und bei „Rühr uns an mit Deiner Kraft“ haben wir so getan, als würden wir in einem großen Topf Suppe rühren. Haha, haha.

Wir fanden das damals natürlich fürchterlich witzig. Und unsere Leiter mussten ebenfalls grinsen, wenn sie uns Quatschköpfen zugeschaut haben.   Wir waren ja noch ziemlich klein und ziemlich stolz auf uns, dass wir wussten: Rühren heißt beides! In der Suppe rühren und berühren und bewegen. Und wir haben eben gerne auch mal Quatsch gemacht.  

Aber, und das hätten wir nicht vermutet: Über die Jahre hinweg – erst in der Kinderkirche, dann im Konfirmandenunterricht und noch darüber hinaus - ist das Lied sehr bei uns geblieben. Es ist tatsächlich ein Lebensbegleiter geworden.  

Herr, wir bitten komm und segne uns hat mich nie mehr verlassen. Im Studium haben wir es gesungen. In meiner ersten Gemeinde gehörte das Lied zum Repertoire des Gemeindechores. Die Jugendlichen, mit denen ich Gottesdienste feiere, singen es gerne.

Und manchmal singe ich es im Bad oder pfeife es im Flur. Die Rührbewegung mache ich mittlerweile nicht mehr. Stattdessen spüre ich dem Gefühl nach, wie dieses Lied aus meiner Kinderzeit mich heute prägt und wie sehr es meine Beziehung mit Gott und Welt beschreibt.

Die Melodie ist fröhlich und motiviert zum Mitsingen. Der Text ist dann aber ziemlich ernst. Zum Beispiel der Vers: „In den Streit der Welt hast du uns gestellt, deinen Frieden zu verkünden…“ Wir Christinnen und Christen stehen im Leid und im Streit der Welt. Und unsere Aufgabe ist es, Frieden zu verkünden und Liebe zu bezeugen. Damit das gelingt, braucht es den Segen Gottes.

Ich entdecke in diesem Text immer wieder meine Verantwortung in der Welt. Und ich entdecke das gern in einem Segenslied, weil Gott mir den Mut gibt, mich Leid und Streit entgegen zu stellen.

Als Kind habe ich den Text so klar nicht verstanden. Da haben wir uns immer nur auf den Kehrvers gefreut. Erst als Jugendlicher und junger Mann habe ich gemerkt: Die Welt ist nicht so fröhlich und beschwingt, wie die Melodie des Liedes es vermuten lässt. Mein Glaube steht auf der Hoffnung, dass alles, was Menschen niederdrückt, beschwert und sogar tötet nicht das letzte Wort hat. Dass Gott jedes Leid bei sich aufnimmt und wegnimmt. Und dass er uns seinen Segen mitgibt, damit wir uns gegen das Leid stemmen – und bereits zu Lebzeiten.

Wenn ich dieses Lied singe oder pfeife, erinnere ich mich an diesen Gott. Meine Hoffnung. Und an meine Verantwortung, genau hinzusehen. Und dann gebe ich mein Bestes. Weil ein Lied, dass ich nun seit 30 Jahren mit mir trage, mein Gottvertrauen aktiviert. Vielleicht haben Sie ja auch so ein Lied, das sie schon lange begleitet und das so für Sie wirkt.

Ich jedenfalls pfeife mir gleich ein „Herr, wir bitten, komm und segne uns.“ Und wenn mein Freund und ich uns ab und zu im Gottesdienst treffen, machen wir immer noch kleine Rührbewegungen mit der Hand. Und dann grinsen wir verstohlen und merken: Uns ist was Gutes passiert.

Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

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21APR2024
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Von Hirten und Schafen
Im Moment wird über vieles diskutiert. Um Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe geht es, um Klimaschutz und Tempolimit und vieles mehr. Viele wünschen sich da weniger Regeln und mehr Freiheit. Wollen selbst bestimmen. So entscheiden, wie sie es wollen. Über ihren eigenen Tod, ob sie das Auto nutzen oder ein Fahrrad, ob sie Fleisch essen oder Veganer sind. Andere rufen nach starken Politikerinnen. Wollen, dass die sagen, wo es lang geht. Wollen klare Ansagen in den strittigen sozialen Themen.
Selbst bestimmen oder geführt werden – was ist da richtig? Um diese Frage zu beantworten, kann ich auch auf alte christliche Bilder zurückgreifen. Eins davon: Der gute Hirte.
Bis heute gibt es die Rede vom Hirten. So stammt etwa das Wort „Pastor“ aus dem lateinischen und heißt genau das: Hirte. Und von Bischöfen wird gesagt, sie üben ein Hirtenamt aus. Sollen Oberhirten sein.
Doch die Rede vom Hirten ist älter als das Christentum. Auch das Judentum kennt dieses Bild. Viele wichtige biblische Personen sind Hirten. Das reicht von Abel, der von seinem Bruder Kain erschlagen wird, bis hin zu Abraham, auf den sich Judentum, Christentum und der Islam berufen. Auch Mose, der die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit, war Hirte.
Hirte, das ist mehr als ein Beruf. Denn der Hirte hat besondere Verantwortung für seine Herde. Für Schafe, Ziegen, Kühe oder Pferde. Ein Hirte oder eine Hirtin setzt sich für die Tiere ein. Kümmert sich um sie. Führt sie von Weide zu Weide, zu frischem Futter. Sorgt für einen Stall. Beschützt mit Hütehunden die Herde. Und zugleich entscheiden Hirten auch über ihre Tiere. Scheren sie, verarbeiten ihre Milch und ihr Fleisch, setzen sie für die Arbeit ein.
Hirten stehen damit für zwei Aspekte des Lebens: Sie sorgen sich um andere – und geben zugleich die Richtung vor, bestimmen, was Sache ist. Wenn ich also nach Hirten rufe, nach Führung, nach Vorgaben, dann muss mir klar sein: Ich mache mich selbst zu einem Schaf, zum Teil einer Herde. Das macht mir manchmal das Leben leichter. Aber zugleich gebe ich damit die Freiheit ab, selbst entscheiden zu können.


Sich selbst einbringen
Das Bild vom guten Hirten ist im gesamten Orient seit Jahrtausenden verbreitet. Es steht für die Art und Weise, wie Menschen ihre Macht und Herrschaft ausüben. Das Bild enthält damit zwei Elemente. Erstens: Der Hirte will bestimmen. Schafe oder andere Tiere sollen ihm als Herde folgen. Zweitens: Herrschaft geht mit Fürsorge einher. Hirten haben sich um ihre Herden zu kümmern.
Aber das ist nicht alles. Als Jesus vor gut zweitausend Jahren auftritt, da prägt er ein drittes Element. Der gute Hirte, so sagt Jesus, ist der, der sogar sein Leben für die Schafe einsetzt. Der alles tut, damit kein Schaf verlorengeht, stirbt, verhungert, erfriert, von wilden Tieren gerissen wird. Ein Hirte ist nur dann ein guter Hirte, wenn er sich selbst für seine Herde einsetzt.
Das finde ich einen ziemlich spektakulären Gedanken. Er hat viele Menschen inspiriert. Es gibt unzählige Darstellungen in der Kunst, die Jesus als guten Hirten zeigen. Meist trägt er dabei ein Schaf auf seiner Schulter. Die Idee dahinter: Der gute Hirte, der geht so weit wie jedes einzelne Schaf. Holt es aus jeder kniffligen Situation. Und riskiert dabei, sich selbst zu verletzten, abzustürzen, zu sterben.
Damit wird das Verhältnis von Hirte und Herdentier quasi umgedreht. Statt dass der Hirte über seine Tiere bestimmt, macht sich zu ihrem Diener. Setzt die Tiere an die erste Stelle – und eben nicht mehr sich.
Ich finde das ein starkes Bild, auch für meine Gegenwart. Denn wenn ich die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen ansehe: Da könnten wir durchaus mehr Führungsgestalten brauchen, die für die Menschen da sind. Ich würde mir da oft mehr vom guten Hirten wünschen, wie Jesus ihn vorstellt. Natürlich in Politik und Wirtschaft, aber auch bei vielen ganz normalen Menschen. Und da schließe ich mich ein. Denn es gibt ja die guten Hirten, die riskieren, für ihr Engagement auch angefeindet zu werden: Die Nachbarin, die für einen syrischen Flüchtling da ist; die Schule, die sich gegen Rassismus einsetzt; die Familie, die wegen des Klimaschutzes wochentags kein Fleisch mehr isst. Das kostet nicht das Leben. Aber es macht deutlich: Hier setzen sich Menschen radikal für andere ein – wie der gute Hirte.


Zu Johannes 10, 11-18
In jener Zeit sprach Jesus: Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

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14APR2024
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Da ist eine vollkommen verzweifelte Frau: eine Sklavin, die aus ihren fürchterlichen Lebensverhältnissen geflohen ist. Die jetzt auf der Flucht ist, völlig allein, ohne Anlaufstelle und noch dazu – schwanger. Die Bibel erzählt von ihr im Alten Testament. Die Frau heißt Hagar. Sie ist völlig am Ende – da findet sie ein Engel, also ein Bote Gottes; mitten im Nirgendwo. Offensichtlich hat er Hagar gesucht. Ein Engel! Die Rettung für Hagar – könnte man meinen.

In der biblischen Erzählung hört sich der Engel Gottes Hagars Leidensgeschichte an – und schickt sie dann zurück. Zurück zu ihrer Herrin Sarah und damit zurück ins Elend. Und ich denke nur: Wie kann das sein? Der Bote Gottes macht Hagar auch keine Versprechungen, keine Illusionen, dass es besser werden würde. Dass die Herrin ihre Sklavin nun besser behandeln würde oder sie sogar gleichberechtigt leben dürfte. Nein, der Engel schickt sie zurück und sagt ihr ausdrücklich, dass sie sich weiter demütigen lassen soll. Wie kann das sein? Warum ist Gott derart unbarmherzig?

In meinem Hinterkopf tauchen sofort die Bilder von den vielen Flüchtlingen weltweit auf. Und natürlich die Diskussion bei uns über Migration, Integration und Abschiebung. Um auf die Parallele zu kommen, braucht’s nicht viel Phantasie, finde ich. Gerade bei der Diskussion rund um die Abschiebung. Denn selbst wenn geflüchtete Menschen in ihrer alten Heimat nicht mit dem Tod bedroht sind. Und selbst wenn man die Ansicht vertritt, dass wir so viele Menschen bei uns nicht aufnehmen können – ist es nicht unfassbar unbarmherzig von unserer Gesellschaft, diese Menschen zurück in ihre hoffnungs- und perspektivlose Lebensumstände zurückzuschicken?

Der Sonntag heute trägt den altkirchlichen Namen „Misericordias Domini“. Das heißt: „Die Barmherzigkeit des Herren.“ Und gerade heute geht es in den evangelischen Gottesdiensten genau um die Geschichte von Hagar und dem Engel Gottes. Ich finde, man sollte diese Geschichte noch etwas genauer anschauen.

Also noch einmal: Hagar ist geflohen, weil ihre Herrin sie bei jeder Gelegenheit gequält hat. Hagar ist nämlich schwanger. Sie soll an Stelle von Sarah ein Kind austragen, weil Sarah selbst keine Kinder bekommen kann. Eine üble Konstellation. Sarah ist eifersüchtig und lässt ihren Frust an ihrer Sklavin aus.

Und genau in diese Situation schickt der Engel Gottes Hagar zurück. Aber eben nicht, um sie einfach abzuschieben – aus den Augen aus dem Sinn. Der Engel Gottes hatte Hagar ja selbst gesucht und hat ihre Geschichte hören wollen. Und er gibt ihr eine Perspektive für die Zukunft mit. Und Hagar geht zurück – mit der Gewissheit, dass sie einen Sohn zur Welt bringen wird und dass ihr Sohn ein gutes Leben haben wird. Das ist es, was Hagar wohl mehr braucht als alles andere: Die Gewissheit, dass es Hoffnung gibt. Für sie und für ihr ungeborenes Kind!

Wieder muss ich an die Bilder der Flüchtlingsströme unserer Zeit denken. An die vielen Männer, Kinder und Frauen – und auch die schwangeren Frauen – die aus Verzweiflung ihre Heimat verlassen und hoffen, dass sie irgendwo jemanden finden, der ihnen hilft.

Und im reichen Europa und bei uns in Deutschland, da ringen wir um die Frage, ob es vertretbar ist, verzweifelte Menschen einfach zurückzuschicken. Die biblische Geschichte von Hagar lässt mich auf diese Frage klar mit einem „Nein!“ antworten. Selbst wenn wir nicht alle aufnehmen können oder wollen, wir dürfen Menschen in Not nicht einfach abschieben nach dem Motto: aus den Augen aus dem Sinn.  Wenn wir Menschen ohne Hoffnung lassen, dann wäre das wirklich unbarmherzig.

Wie das gehen kann? Wie unsere Gesellschaft Menschen auf der Flucht eine Perspektive geben kann – ob nun hier oder in einem anderen Land? Das ist eine riesige Herausforderung, denke ich. Aber eine, der wir uns stellen müssen. Wir müssen barmherzig sein und Menschen, die zu uns kommen auf der Suche nach Hilfe eine Perspektive geben. Ich denke, das ist es, was mehr braucht als alles andere. Wir brauchen – Hoffnung.

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07APR2024
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Ich erinnere mich an eine Kunstinstallation, die in den 70er Jahren eine große Unruhe ausgelöst hat. Der Künstler Joseph Beuys hat mitten in München in einem Fußgängertunnel folgende Szene gestaltet: Vor einer Betonwand stehen zwei Leichenbahren aus der Pathologie, an der Wand hängen zwei Tafeln mit der Aufschrift: „Zeige deine Wunde“. Joseph Beuys hat seine Aktion mit folgenden Worten erklärt: „Zeige die Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will“.

Es ist ein ungewohntes Bild, mitten in einer belebten Fußgängerzone. Josef Beuys zeigt uns den Teil der Wirklichkeit, den wir gerne ausblenden. Er erinnert an Wunden und Verletzungen, an Krankheit und an Tod und weist auf die vielen äußerlich und innerlich angeschlagenen Menschen hin. Es gibt nicht nur die gesunden und fitten Menschen oder die schönen und erfolgreichen. Beuys entzaubert eine scheinbar heile Welt und erinnert daran, wie begrenzt unser Leben ist und wie verletzbar wir sind: Unsere Vorstellung entspricht nicht der Wirklichkeit. Keiner ist pausenlos einsetzbar, wir haben nicht alles im Griff und sind schon gar nicht nur die Macher und Könner. Unser Körper kann versagen, wir fühlen uns erschöpft und ausgebrannt, weil wir oft genug unsere Kräfte überschätzen. Und dann ist da die eine Grenze, über die wir nicht gerne reden. Ich meine den Tod. Die zwei Bahren von Josef Beuys sind unmissverständlich, sie signalisieren: An dieser Grenze unseres Lebens kommt niemand vorbei. Das ist die Wunde, die uns alle betrifft.

„Zeige deine Wunde“ – diese Kunstinstallation kann man heute in einem Museum in München anschauen. Auch nach so vielen Jahren regt sie zum Nachdenken an und provoziert.

Unsere Wunden zeigen – wo können wir das? Wo kommen unsere Ängste und Verletzungen ans Licht? Nach außen hin müssen wir funktionieren, wie es tatsächlich um einen steht, wird verschwiegen. Aber die Fassade trügt. Dahinter sitzt oft ein einsamer oder verzweifelter Mensch, der niemanden hat, dem er sich offen zeigen kann.

Eine biblische Geschichte erzählt von solch einer Situation: Es geht um Thomas, einen der Jünger von Jesus. Der ist nach dem Tod Jesu total verunsichert und zweifelt an dem, was die anderen ihm erzählt haben. Nämlich, dass Jesus auferstanden sei. Ich habe nie verstanden, dass man diesen Thomas den Ungläubigen nennt. Denn er will nicht bloß auf das hören, was die anderen sagen, er will selber sehen, selber erfahren, dass Jesus lebt und bei ihnen ist. Für mich ist er einer, der sucht, der zweifelt und der gleichzeitig ganz tief mit Jesus verbunden ist. Von wegen der Ungläubige! Das macht ihn mir so sympathisch.

Thomas sieht die verwundeten Hände und die verletzte Brust Jesu. Das ist der entscheidende Augenblick. Jetzt kann Thomas an ihn glauben. Erst die Wunden, die Verletzung, die Verletzlichkeit Jesu machen ihn für Thomas glaubwürdig. Da ist einer wirklich ganz menschlich, der sich nicht geschont, sondern sich für die anderen aufgeopfert hat. Da scheut sich einer nicht, auch seine Verwundung und seine Ohnmacht offen zu zeigen. So kann Thomas erkennen, dass Jesus nicht bloße Einbildung, nicht bloße Fantasie ist, sondern ein wirklicher Mensch, nahbar und berührbar. Er erfährt, wie menschlich Jesus mit ihm umgeht. Er versteht seine eigenen Zweifel, sieht seine Not und spürt seine große Sehnsucht.

Für mich ist diese Szene ein wunderbares Beispiel für Freundschaft und Nähe. Zwei Menschen trauen sich, einander ihre Schwäche zu zeigen. Sie müssen sich nicht gegenseitig behaupten und eine scheinbar heile Fassade aufrecht halten, sie brauchen sich nichts vormachen und können sich so zeigen, wie sie sind. Ein Philosoph sagt dazu: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren“. Das passt zu der Begegnung von Thomas und Jesus.

Vielleicht hat sich Josef Beuys bei seiner Installation „Zeige deine Wunden“ von dieser biblischen Geschichte berühren lassen. Jedenfalls wusste er, wie heilsam es ist, wenn wir unsere Schwächen zeigen können. Wenn jemand da ist, der uns mit ehrlichen und menschlichen Augen anschaut. Dann können Wunden heilen!

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24MRZ2024
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Mit einem lebendigen Esel beginnt heute am Palmsonntag der Gottesdienst bei uns. Auf dem Marktplatz von Blieskastel im Saarland wird er auf seinen großen Auftritt warten. Bis zur Kirche wird er von den Kommunionkindern und ihren Eltern begleitet. Alle tragen bunte Palmsträuße. Mehr oder weniger geduldig wird der Esel mitgehen. Geführt vom Pfarrer an einer Leine. Seit dem 10. Jahrhundert gibt es diese Tradition. Die Pfarrer ritten am Palmsonntag auf einem Esel durch die Stadt zur Kirche. Sie spielten einfach nach, wie es Jesus damals erlebt hatte. Wie er begrüßt wurde von jubelnden Menschen auf den Straßen von Jerusalem. Bis zur Kirche war es weit und der Esel nicht selten störrisch. So mussten die Prozessionen öfters so lange anhalten, bis der Esel wieder bereit war weiterzugehen.

Irgendwann hatte man es satt mit den Launen des eigensinnigen Tiers. Die Lösung war ein sogenannter „Palmesel“ mitsamt einer Jesusfigur aus Holz. Auf Rädern montiert ging alles seinen geordneten Weg, ohne das ungebührlich störrische Verhalten eines Esels.

Nach altem Brauch wurde früher am Palmsonntagsmorgen so mancher Langschläfer mit den Worten „Du bist der Palmesel“ begrüßt. Das hatte seinen guten Grund. So störrisch wie ein Esel erschienen auch die Spätaufsteher. Sie kamen nicht voran, oder in diesem Fall, aus ihrem Bett.

Der Esel ist zwar ein Nebendarsteller in der Geschichte vom Palmsonntag. Aber ein wichtiger. Erzählt er doch viel von dem, den er trägt. Von diesem Jesus, denn auch der geht seinen eigenen Weg. Unbeirrt. So ganz anders, als all die andern es wollen. 

Heute beginnt für Christen die wichtigste Woche im Jahr. In den Gottesdiensten werden dramatische und emotionale Geschichten erzählt. Vom letzten Mahl Jesu mit seinen Freunden kurz vor seiner Gefangennahme. Von seinem Prozess und dem brutalen Mord am Kreuz. Aber auch von einer glücklichen Wende an Ostern. Alles beginnt heute, mit dem Palmsonntag. Wie bei einem Event. Es ist ganz großes Kino. Voller lebendiger Bilder.

In der Geschichte vom Palmsonntag wechselt Jesus sein Fortbewegungsmittel. Nicht mehr zu Fuß ist er unterwegs, sondern auf dem Rücken eines Esels kommt er daher.

Am Rand der Straße jubeln ihm die Menschen zu. Sie kennen all die uralten Prophezeiungen. Die erzählen davon, wie ein König kommen wird. Sanftmütig sei er, erzählt man sich. Nicht hoch zu Ross. Auf einem Esel werde er reiten. Nicht Krone und Schwert trägt er. Bewaffnete Begleiter an seiner Seite braucht er nicht. Es sind einfache Leute in seinem Freundeskreis. Jetzt ist es so weit, sagen sich die Menschen in der jubelnden Menge. Dieser Jesus wird Frieden bringen im von den Römern besetzen Land. Im Eselreiter kommt der lang ersehnte König zu uns.

Und es kommt, wie es so oft kommt. Erst hören wir, dass Jesus unter lautem Jubel durch Jerusalems Straßen zieht. Wie er als der lang ersehnte Retter gefeiert wird. Und dann kurz darauf brüllt man: „Ans Kreuz mit ihm.“ Die Menschen, die ihm erst nachlaufen und zujubeln, stehen Tage später schweigend am Kreuz, oder verfolgen das grausame Geschehen aus Angst von der Ferne.

Die Stimmung der Öffentlichkeit ist wankelmütig. Bis heute ist das so. Nicht nur in den sozialen Medien. Erst viele Likes und dann ein tödlicher Shitstorm. Daumen hoch. Daumen runter. Von jetzt auf nachher. Was für ein krasser Umbruch. Jubel und Hass, Leben und Tod sind ganz nah beieinander. All das erleben auch wir. Wir freuen uns an der Wärme des Frühlings. Der Natur, die endlich wiedererwacht. Und sehen die bedrückenden Bilder des Krieges. Die Menschen auf der Flucht. Das Sterben der Kinder. Wir freuen uns auf das Osterfest und betrauern die Toten.

Sanftmütig kommt er daher, steht in den uralten Prophezeiungen. So ganz anders als erwartet. Kann uns der Mann auf dem Esel heute noch Vorbild sein? Unzählige machen es so wie er. Sie gehen ihren Weg entschieden. Ganz anders, als die Mächtigen es wollen. Sanftmütig. Ohne Gewalt. Der Liebe und der Menschenwürde verpflichtet. All die Frauen, die jetzt im Krieg das Leben ihrer Kinder retten wollen. Sie tragen keine Waffen. Wurden unschuldig hineingezogen in den Wahn des Krieges. Ich denke an mutige Menschen, die irgendwo auf der weiten Welt auf die Straßen gehen und für den Frieden demonstrieren. Selbst auf die Gefahr hin festgenommen und verhaftet zu werden. All die Jüdinnen und Juden, die noch immer auf Freiheit warten. Ihre Familien, die seit dem 7. Oktober sehnlichst erwarten, sie wieder in den Arm nehmen zu können. Ich denke an den mutigen Alexei Nawalny. Seinen Kreuzweg. Entschieden und unbeirrt ging er seinen Weg. Das Ende einer mörderischen Diktatur war seine Vision. Das bezahlte er mit seinem Leben.

Mit dem Palmsonntag beginnt die wichtigste Woche der Christen. Der Mann auf dem Esel hat der Welt keinen Frieden gebracht. Aber eine Botschaft, die nicht totzukriegen ist.

Mitten im Leid bleibt er ihr treu. Es ist die Botschaft der Liebe und der Gerechtigkeit. Die Botschaft von der Würde eines jeden Menschenkindes. Ich will ihn mir zum Vorbild nehmen.

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17MRZ2024
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Guten Morgen!

„Das ist ungerecht!“, ruft der kleine Junge empört. „Die kriegt viel mehr als ich!“ „Die“ – das ist die jüngere Schwester des kleinen Jungen. Der Vater seufzt, holt ein Lineal und misst die beiden Kuchenstücke genau aus. Tatsächlich könnte es sein, dass das Kuchenstück des Mädchens einen knappen Millimeter breiter ist, bei gleicher Höhe. Der Vater holt ein feines Messer und schneidet eine hauchdünne Scheibe vom Kuchen des Mädchens ab. Die legt er auf den Teller des Jungen. Der ist zufrieden, hatte er doch recht: Seine Schwester hatte viel mehr zugeteilt bekommen als er! Dafür fängt die Kleine nun an zu weinen und will ihren Kuchen gar nicht mehr haben. Papa ist so ungerecht!

Während der Junge zufrieden seinen Kuchen isst, wiegt der Vater seine weinende Tochter. Bis die so weit ist, dass sie doch ein Stück von ihrem Kuchen isst.

So oder so ähnlich haben wir das wohl alle als Kinder erlebt – und dann wieder als Eltern oder Großeltern, oder bei den Nichten und Neffen. Und schmunzeln jetzt als Erwachsene: Ja, so sind Kinder eben.

Nein. So sind Menschen. Die Großen nicht anders als die Kleinen. Unsere Nachrichten sind voll von Konflikten. Menschen streiten sich wegen gefühlten oder tatsächlichen Ungerechtigkeiten. Weil das Erwachsene sind, wird das vielleicht ernster genommen als bei Kindern. Aber das Gefühl dahinter ist doch ähnlich: Ich bin zu kurz gekommen! Mir wird was weggenommen! Keiner hört mir zu! Wenn ich nicht laut werde, beachtet mich keiner!

Und noch etwas ist ähnlich. Wie nannte der Kleine seine Schwester: „die“. Ich muss schon sagen, das Wort höre ich oft von Erwachsenen. Die machen doch eh, was sie wollen! Die stopfen sich die Taschen voll, und wir müssen’s bezahlen! Aber man darf ja gar nichts mehr sagen, dafür sorgen die schon!

Für „die“ kann man einsetzen: die Regierung, die Politiker, „die da oben“; oder: die Flüchtlinge, die Bauern – irgendwas davon stimmt immer.

Sind wir also nicht weiter als kleine Kinder? Nun, in einer Hinsicht sind Kinder vielleicht sogar weiter. Sie wissen nämlich: Wir gehören zusammen. Wir sind eine Familie. Und es wird auch wieder gut.

Davon erzählt die Bibel schon am Anfang: Alle Menschen sind eine große Familie. Und sie setzt noch eins drauf: In der Bibel steht nämlich, wie Gott aussieht. Gott können wir zwar nicht sehen. Aber wenn ich wissen will, wie Gott aussieht, dann muss ich mich eigentlich nur umschauen. So wie die Menschen um mich herum, so wie Sie oder ich: So sieht Gott aus. Denn wir sind alle Gottes Bild. So steht es in der Bibel. Auch ganz am Anfang.

Nicht die also. Wir! Du und ich.

Meine Güte, denke ich – so viele Gottesbilder! Männer und Frauen: davon spricht schon die Bibel. Das ist die einzige Unterscheidung, die sie macht. Eine Unterscheidung, aber kein Wertunterschied. Es sind wirklich alle gleich viel wert! Jung und Alt, dick und dünn, schwarz und weiß, gesund und krank, reich und arm, hässlich und schön, klug und weniger klug. Erst alle zusammen würden ein Bild von Gott ergeben. Aber alle zusammen ergeben dieses Bild tatsächlich. Freilich gehören dazu auch alle, die einmal gelebt haben. Und alle, die einmal leben werden. Wir können es also einfach nicht fassen!

So viele verschiedene Menschen. Da gibt es natürlich auch unzählige verschiedene Meinungen. Verschiedene Interessen, verschiedene Erfahrungen. Und natürlich gibt es dann Streit. Aber wie bei den kleinen Kindern in meinem Beispiel bleibt dieser Streit in der Familie. Die ganze Menschheit ist eine riesengroße Familie, sagt die Bibel. Alle sind miteinander verwandt. Alle gehören zusammen. Wie unterschiedlich wir auch sind, wir gehören alle zusammen! Unsere Unterschiede sind kein Grund, deshalb Krieg anzufangen. Sie sind kein Grund für Rassismus.

Die jüdische Holocaust-Überlebende Margot Friedländer hat gesagt: „Wir sind alle gleich – es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Ihr habt alle dasselbe. Wir kommen alle auf diese Art und Weise auf diese Welt. Wir sind Menschen, nichts anderes. Seid doch Menschen!“

Ja, Streiten ist menschlich. Aber Streit will gelernt sein! In der jüdischen Tradition ist Streit ganz wichtig. Die Rabbinen, die großen Gelehrten, die waren überzeugt: Erst der Streit hilft uns, die Wahrheit zu erkennen. Nach und nach erkennen wir dann, worum es geht. Aber damit sind wir nie fertig.

Darum gibt es in der Bibel verschiedene Geschichten darüber, wie die Welt und die Menschen entstanden sind. Darum gibt es vier verschiedene Evangelien.

Es gibt nicht die eine Wahrheit. Darum gibt es auch keine vollkommene Gerechtigkeit. Wenn wir versuchen, einem gerecht zu werden, gibt es oft neue Ungerechtigkeit. Neues Leid.

Aber wir sind alle Gottes Bild. Wir haben alle unseren kleinen Anteil an der Wahrheit. Tragen wir das zusammen!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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10MRZ2024
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Zu viel Kirche, zu wenig Jesus. So nehmen viele Menschen wahr, was ihnen in der Öffentlichkeit begegnet, wenn von Kirche und Christentum in Deutschland die Rede ist. Die Kirche ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie liefert unentwegt schlechte Nachrichten, auf die die Medien einsteigen können. Viele, die frustriert aus der Kirche austreten. Frauen, die nicht gleichberechtigt sind.

Ein Paradebeispiel für diese falsche Prioritätensetzung hat sich zuletzt auf der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe ereignet. Die Konferenz hat ein beachtenswertes Papier verabschiedet, in dem sie sich ungewöhnlich scharf gegen rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien und für ein demokratisches Miteinander ausspricht. Völkisches Gedankengut ist nicht mit dem Christentum vereinbar, schreiben sie. Der Vorsitzende der Konferenz, Bischof Bätzing aus Limburg, geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er sagt, dass weder Ämter noch Ehrenämter in der katholischen Kirche mit einer Mitgliedschaft in der AfD vereinbar sind. Wer Menschen nach ihrer vermeintlichen Rasse einteilt, wer alles angeblich Undeutsche aus Deutschland vertreiben will, der kann sich nicht gleichzeitig auf das Evangelium berufen. Im Papier der Bischofskonferenz steckt also viel Jesus drin. Aber leider wurde dieses positive und klare Signal von einer Meldung überlagert, die in den Medien mehr hermacht, die schneller war und bewusst vorher platziert wurde. Aus Rom kam der Befehl: kein synodaler Rat in der deutschen Kirche. Keine verbindliche Mitsprache von Laien bei den wesentlichen Entscheidungen. Und sofort sind wir wieder bei der Kirche und ihren Strukturen - und nicht bei dem, worauf es ankommt: bei Jesus und seinen Weisungen für ein gelingendes Leben.

Ich weiß, dass dieser Gegensatz pauschal ist, zu pauschal vermutlich. Die Kirche hat immer auch etwas mit Jesus zu tun. Was aber bleibt, ist der Anschein: Der Kirche geht es darum, ihre Macht zu erhalten, und es wird viel um Feinheiten gestritten, die kein Mensch mehr versteht. Jesus dagegen ging es vor allem um das Glück des Einzelnen und das Heil der ganzen Welt. Das gerät in Vergessenheit. Eine berühmte Stelle im Johannesevangelium formuliert das so: Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab (…). Er hat ihn gesandt, (…) damit die Welt durch ihn gerettet wird (vgl. Johannes 3,16f.).

Die Botschaft ist klar. Unsere Welt braucht keine selbsternannten Führer, keine politischen Messiasse. Sie braucht: mehr Jesus. 

Für meine Verhältnisse kommt das, was Jesus wichtig war, viel zu kurz in der Kirche, weil sie sich um sich selbst dreht und ihren eigentlichen Auftrag oft vernachlässigt. Dabei hat Jesus den Menschen so viel zu geben. Ich weiß noch sehr gut, was am Ende meiner Schulzeit den Ausschlag gegeben hat, dass ich Pfarrer werden wollte: Ich wollte – sozusagen mit Jesus und seinen Gedanken im Gepäck – die Welt ein bisschen besser machen. Wie frei er mit allem umging, was Menschen unnötig belastet hat. Die starren Vorschriften der Religion hat er einfach ignoriert. Was den Menschen glücklich macht, was ihn aufatmen lässt, stand für ihn an erster Stelle. Das ist beispielhaft frei, wenn ich daran denke, wie die Kirche bis heute Menschen einteilt wegen ihres Geschlechts, ihrer Sexualität, ihrem Lebenswandel. Wenn jemand zu ihm kam, der eine große Last mit sich herumgetragen hat, weil er sich schuldig gemacht hatte – das soll bis heute vorkommen. So einen hat er getröstet, ihm verziehen und Tipps gegeben, wie er neu anfangen kann. Es geht eben nicht um die, die schon das meiste haben, sondern um die, denen was fehlt. Um die muss die Kirche sich kümmern: Und das tut sie ja auch, aber es bleibt oft unbemerkt, weil es keine Schlagzeilen produziert. Jesus steht für eine großartige Botschaft, weil sie so menschenfreundlich ist, so großherzig und zärtlich. Das braucht unsere Welt. Davon kann das Miteinander in unserer Gesellschaft bloß profitieren.

Und noch etwas: Christen glauben, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Aus Liebe. Er wollte damit zeigen, wie weit einer gehen kann, wenn er an der Liebe festhält. Dass die Liebe Grenzen überwindet. Am Ende sogar den Tod. Spätestens dann landen wir bei der Frage, was denn unser Leben ausgemacht hat, was wichtig war und was bleibt. Es täte mir als Teil der Kirche gut, mich immer wieder auch mit dieser letzten Konsequenz zu konfrontieren. Was bleibt von allem, was wir tun, wenn es auf das Ende zugeht? Macht und Formen und Farben und Gesetze sind es nicht. Als Jesus gekreuzigt wurde, heißt es, sind zwei übrig geblieben von den vielen, die ihm vorher die Treue geschworen hatten. Nur zwei. Eine davon war Maria, die Mutter Jesu, die auch Mutter der Kirche genannt wird. Sie geht mit Jesus durch dick und dünn. Sie bleibt bei ihm, als es eng wird, weil sie ihn liebt. Ich finde: Darauf kommt es an. Bei mir, in der Kirche, in unserer Welt.

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03MRZ2024
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Beim Stichwort „teuer erkauft“, was fällt Ihnen da ein? Ich musste natürlich musste ich zuerst an Geld, an hohe Summen denken. Und es gibt Sachen, die sind wirklich unfassbar teuer!

Kunstwerke zum Beispiel: Skulpturen oder Gemälde alter Meister. Im Jahr 2017 wurde ein Gemälde des Malers Leonardo da Vinci versteigert. Demselben Künstler, der auch die Mona Lisa gemalt hat. Es ist eine Darstellung von Jesus und hat den Titel: „Salvator Mundi“ oder auf Deutsch: "Der Retter der Welt."

Ein Jesus-Porträt vom legendären Leonardo da Vinci! Das war eine Sensation! Die Gebote haben sich damals überschlagen. Bei über 450 Millionen US-Dollar hat schließlich ein anonymer Bieter den Zuschlag erhalten. Teuer erkauft.

Können Sie das nachvollziehen? Dass jemand so viel Geld hergibt für ein einziges Bild? Wahrscheinlich ist der Käufer so reich, dass er das einfach so kann. Vielleicht ist er aber auch an seine Grenzen gegangen oder sogar darüber hinaus – einfach, weil er dieses einmalige, wunderschöne und kostbare Bild unbedingt haben musste. Dann hat er es „teuer erkauft“ einfach, weil es ihm das wert war.

Bei dem Stichwort „teuer erkauft“ muss ich aber auch an etwas ganz anderes denken, das mit Geld nichts zu tun hat: an die schrecklichen Kriegsbilder, an den hohen Blutzoll, der in jeden Tag bezahlt wird - für den Widerstand gegen irgendwelche Despoten und für jeden noch so kleinen Sieg im Kampf um die Freiheit.  Fast jeden Tag wird uns genau das in den Nachrichten vorgeführt, was „teuer erkauft“ eben auch bedeuten kann. Der Einsatz eines Lebens für die Freiheit.

Und heute lese ich in der Bibel im ersten Petrusbrief und höre ich im Gottesdienst (1Petr.1,18-21), dass Sie und ich, dass jeder einzelne Mensch für Gott einen so unschätzbar hohen Wert besitzt. Er lässt nicht zu, dass ich am Leben verzweifle und die Hoffnung aufgebe. Und für seinen Sohn, Jesus, ist kein Preis zu hoch, wenn er meine Freiheit teuer erkauft, durch sein eigenes Blut. Jesus ist der Retter aller Menschen und der ganzen Welt – der „Salvator Mundi“, wie in dem Gemälde von Leonardo da Vinci.

Ganz ruhig lässt Leonardo seinen Jesus erscheinen. Er blickt mich freundlich an. In seiner einen Hand hält er eine durchsichtige Glaskugel, eine Art Globus. Und die rechte Hand ist zum Segnen erhoben.

Dieser Jesus hat sein Leben für Sie und für mich eingesetzt. Sein wertvolles Blut wurde vergossen. Für mein Leben, für meine Freiheit. So unendlich viel bin ich, sind Sie Gott wert. Teuer erkauft. Mir gibt das Hoffnung und stärkt mein Vertrauen, wenn ich daran denke, dass Jesus die ganze Welt und jedes einzelne Leben in seiner Hand hält – wie die Glaskugel auf dem Bild von Leonardo da Vinci.

Jesus hat alles für mich getan und hält bereit, was ich brauche. Nämlich Freiheit. Ich muss mich nicht beherrschen lassen von den Schreckensnachrichten, die jeden Tag auf mich einströmen. Gott ist stärker. Und auch von meinen eigenen Fehlern muss ich mich nicht unterkriegen lassen. Gott wird wieder gerade rücken, was durch mich krumm und schief geworden ist. Und dafür muss nicht ich erst einmal etwas leisten und mich als würdig erweisen, sondern Gott setzt alles für mich ein, zahlt für mich den höchsten vorstellbaren Preis.

Nicht morgen, nicht irgendwann. Er hat es bereits getan. Mich teuer erkauft. Damit ich aus dieser Liebe und Hoffnung leben kann, die er mir entgegenbringt.

Und wieder muss ich an den Salvator Mundi, den Retter, den Erlöser der Welt denken. Denn in meinem Leben ist auch vieles nicht gelungen oder unweigerlich offengeblieben. Mit über 60 Jahren rückt zudem die Grenze meines eigenen Lebens näher. Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, dass er von den Toten auferstanden ist, was wir bald miteinander am Osterfest auch feiern werden.

Das ist meine Zukunftshoffnung – und es darf auch Ihre Zukunftshoffnung sein. Denn, was Christus getan hat, das gilt für jeden und jede von uns. Ob wir damit bisher viel anfangen konnten oder mit dem Glauben unsere Schwierigkeiten haben. Es geht nicht darum, was ich vorweisen kann oder eben nicht, sondern dass Christus seine Hand nach seinen Menschen ausstreckt, damit wir uns an ihm festhalten. So verstehe ich glauben. Jesus will unsere Hände ergreifen, uns halten und er will uns segnen.

Wie auf diesem wertvollen Gemälde. In der linken Hand hält Jesus unsere Welt, mein kleines Leben, meine kleine Welt, er umfängt mein ganzes Leben, ja unsere ganze Welt. Und mit der rechten Hand segnet er uns. Hier und für alle Zeiten.

Damit Liebe und Hoffnung auch mein Leben, Ihr Leben trägt und erfüllt. Das wünsche ich Ihnen heute von Herzen und einen gesegneten Sonntag.

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