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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich mag den jüdischen Humor. Dabei habe ich lange nicht verstanden, warum gerade ein Volk, das in seiner Geschichte so unendlich viel Leid erfahren hat, so viele Witze hervorbringt. Im Grunde aber ist das gar nicht verwunderlich. Denn wie sollte sich eine kleine Minderheit in der Gesellschaft behaupten, wenn nicht mit Humor? Da wird der Witz zur Waffe des Wehrlosen, zum Instrument des Widerstands.
Jüdische Witze sind intelligent, trickreich, keck und fast immer scharfsinnig. Eine große Rolle spielt dabei die Selbstironie. Über sich selbst lachen zu können, zeugt von Stärke und Selbstbewusstsein. Nichts ist vor dem jüdischen Humor sicher. Auch nicht die eigene Religion. So nehmen unzählige Witze die Gebote der Tora und wie man mit ihnen umgehen kann auf die Schippe. Beispiel gefällig?
„Shlomo sucht verzweifelt einen Parkplatz. Nach einer halben Stunde blickt er zum Himmel und sagt: „Entschuldigung, Gott, ich bin´s, Shlomo. Ich brauche deine Hilfe! Ich kann keinen Parkplatz finden. Ich verspreche dir: Wenn Du mir einen zeigst, werde ich jede Woche in die Synagoge gehen und mich an alle jüdischen Gebote halten. Im selben Moment wird ein Parkplatz vor ihm frei. Shlomo blickt wieder zum Himmel hoch und sagt: „Ach, mach´ dir keine Mühe, Gott. Ich habe gerade einen gefunden!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43719SWR4 Abendgedanken
Heute ist Weltknuddeltag. Dieser Tag soll mich daran erinnern öfter mal Gefühle zu zeigen. Also jemanden, den ich mag, mal in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, was er mir bedeutet, eine Freundin spüren zu lassen, wie wichtig sie mir ist.
Nun bin ich nicht der Knuddelmensch. Aber meine Gefühle kann ich ja auch anders zeigen: durch meine Worte oder mit meinem Verhalten insgesamt.
Neulich habe ich mich über eine Freundin geärgert, weil sie etwas gemacht hat, was mir nicht gefallen hat, aber vor allem, weil sie es einfach gemacht hat. Ohne mich zu fragen. Die Absicht war gut. Sie wollte mich entlasten. Sie hat einfach schon alles für eine Bastelaktion eingekauft. Ohne zu fragen, ob ich die Idee gut finde, ob ich genau das basteln möchte oder doch etwas anderes. Plötzlich war alles da. Vorbereitet. Eingekauft. Andere waren eingeladen. Und ich habe mich richtig geärgert.
Aber ich habe den Ärger nicht in mich hineingefressen, sondern meine Gefühle gezeigt. Ich habe ihr eine Email geschrieben, beschrieben, wie es mir mit der Situation geht. Leider zu ehrlich und zu direkt. Das hat die Sache nicht geklärt, sondern verschlimmert. Also haben wir uns getroffen. Uns Zeit genommen, geredet, und uns dann aufrichtig beieinander entschuldigt: Ich mich für meine klaren, zu harten Worte, sie sich für ihr übergriffiges Verhalten.
Mich hat das an ein Wort des Apostel Paulus erinnert. Er hat vor beinahe 2000 Jahren geschrieben: Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. (Epheser 4,15)
Wahrhaftig und ehrlich zu sein in der Liebe – das bedeutet doch: Ehrlich sein zu sich selbst und zu anderen. Nicht zu schweigen, weil es bequemer ist, sondern auch zu kritisieren. Aber sachlich, nicht verletzend. Aufrichtig, nicht heuchlerisch.
Aber es dann auch gut sein zu lassen. Den Fehler nicht weiter nachzutragen, immer wieder auszukramen, sondern wirklich zu verzeihen. So wie Jesus es auch getan hat.
Er hat den Menschen wirklich verziehen. Nichts hat dann mehr zwischen ihm und den Menschen, zwischen ihm und Gott gestanden. So will ich es auch handhaben. Mich an Jesus orientieren. Ehrlich sein. In Liebe. Nicht nur am Weltknuddeltag, sondern am besten an jedem Tag. Ein ehrliches „Es-tut-mir leid“ ist wie eine wohltuende, zärtliche Umarmung. Es streichelt die verletzte Seele und Wunden können heilen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43714SWR Kultur Wort zum Tag
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Diesen Satz habe ich einmal bei einem Vortrag gehört. Er hat sich mir eingeprägt und beschäftigt mich immer noch. Erst einmal klingt das nämlich ziemlich verrückt. Kein Mensch kann doch im Nachhinein etwas an seiner Kindheit ändern! Ihr ein nachträgliches Glück verpassen, das es in Wirklichkeit kaum gegeben hat. Wie soll das möglich sein?
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Der Satz stammt ursprünglich von dem amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Milton H. Erickson. Erickson war ein herausragender Arzt, der wichtige Impulse für die Psychotherapie entwickelt hat. Interessanterweise hat er selbst von außen betrachtet keine wunderbare Kindheit erlebt. Er hat als Kind unter Legasthenie gelitten und wurde deshalb verspottet. Eine Zeitlang dachten seine Eltern, dass er geistig zurückgeblieben sei. Später, als Jugendlicher, erkrankte er an Kinderlähmung und war lange bewegungsunfähig an Bett und Rollstuhl gefesselt. Ausgerechnet dieser Mann sagt: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben!“
Ich finde, dass gerade die Herausforderungen, denen Erickson ausgesetzt war, seinen Satz glaubwürdig machen. Hier spricht jemand, der weiß, wovon er redet. Ich glaube: Erickson möchte, dass Menschen wissen, dass sie ihrer Lebensgeschichte nicht hilflos ausgeliefert sind. Es gibt die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln. Aus einem unglücklichen Jungen mit Schulschwierigkeiten und einer schweren Behinderung ist so ein bedeutender Wissenschaftler geworden. Erickson hat für sich entdeckt: Es gibt mehr als die abwertenden Urteile anderer Menschen. Ich bin in der Lage, mein Leben und mich wertzuschätzen! Jedes Leben ist kostbar!
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen wäre, aus eigener Kraft diese freundliche Sicht auf mein Leben zu entwickeln, dem eigenen Unglück zum Trotz. Milton H. Erickson hat gewusst, dass nicht jeder aus eigener Kraft die Perspektive wechseln kann. So hat er als Therapeut anderen geholfen. Als Christin freue ich mich darüber hinaus über göttliche Sehhilfe beim Perspektivwechsel. Ich glaube daran, dass Gott auch im größten Chaos meines Lebens etwas entdeckt, was es wert ist, glücklich genannt zu werden. Sein liebevoller Blick hilft, eine freundliche Perspektive auf das eigene Leben zu entdecken. Gott sagt: Komm, es ist nie zu spät. Schau hin. Du hast Glück! Du darfst nämlich: leben!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43711SWR3 Worte
Marlene Engelhorn ist sehr reich, Sie selbst sagt: überreich. Sie spricht und schreibt darüber, dass Reichtum Menschen zu viel Macht gibt. Sie sieht darin eine grundlegende Ungerechtigkeit und fragt sich warum gerade diejenigen, die am wenigsten Unterstützung brauchen, am meisten Einfluss auf die Politik nehmen dürfen:
Es wäre seltsam, einem Menschen Essen zu geben, weil er satt ist.
Es ist für uns aber nicht seltsam, einem Menschen Macht zu geben, weil er Geld hat.
Es fragt sich, warum unsere Gesellschaft überreichen Menschen eher politische Macht verleiht als armen. Wenn Geld nicht Macht bedeuten würde, sondern nur Mittel zur Deckung der Grundbedürfnisse wäre, dann wäre Reichtum irrelevant. Er hätte keinen gesellschaftlichen Mehrwert. Irgendwann ist der Hunger gestillt.
Geld. Marlene Engelhorn
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43705SWR3 Gedanken
Ich stöbere im Katalog eines Möbelhauses. Jede Seite mit perfekt eingerichteten Zimmern, gutaussehenden Menschen, Leichtigkeit. Während ich blättere, gleiche ich das mit meiner Wohnung und meinem Leben ab. Mein Leben sieht nicht aus, wie in einem Möbelhauskatalog. Und im ersten Moment stört es mich, dass ich manche Erwartung, die es in meinem Leben gibt, nicht erfüllen kann. Nicht nur auf die Einrichtung meiner Wohnung bezogen, sondern so generell. Die Erwartungen von verschiedenen Seiten:
Meine Mutter erwartet ungeduldig Enkelkinder???
Mein Chef will, dass ich mehr leiste???
Meine Freundinnen finden, ich solle mal was ändern???
Und ich selbst möchte eigentlich in allem perfekt sein???
Ich befürchte, ich muss mir bewusstwerden, dass ich zum einen nicht verpflichtet bin, allen Erwartungen gerecht zu werden. Zum anderen: Das schaffe ich sowieso nicht.
Mit fällt es schwer, mir einzugestehen, dass ich Fehler habe oder Ziele nicht erreichen kann. Aber so geht es doch jedem von uns Menschen: Die Möbelhauskatalog-Leben sind nicht echt. Es gibt keine perfekten Menschen. ABER ich kann trotz meiner Schwächen eine Bereicherung für andere sein.
Also: Sich mit anderen vergleichen, bringt nichts. Viel besser ist es, darüber nachzudenken, was ich anderen gebe und geben kann.
Bin ich gut genug? Ja!
Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
In dem Haus, in dem ich früher gewohnt habe, gibt es ein Treppenhaus, das abends ziemlich dunkel wird. Das Licht geht nur an, wenn man auf einen kleinen Schalter drückt.
Jedes Mal ist mir dann dasselbe passiert: Ich drücke den Schalter, das Licht springt an, es bleibt aber nie so lange an, wie ich es bräuchte. Irgendwann, zwischen zwei Stockwerken, geht es einfach wieder aus.
Ich erinnere mich noch gut an einen Abend, an dem es gefühlt besonders dunkel war: Ich habe Einkaufstaschen in der Hand, bin müde – und das Licht geht schon nach der Hälfte aus. Ich stehe da und schnaube: „Nicht jetzt.“ Ich drücke erneut. Das Licht springt wieder an. Und ich merke, wie mich dieser kleine Moment nervt – jedes Mal.
Auf dem Weg nach oben denke ich: Vielleicht ist das Treppenhaus gar kein Problem. Vielleicht zeigt es mir etwas über mein Leben. Denn genauso geht mir manchmal das innere Licht aus. Ich starte motiviert in die Woche, ich habe Kraft, Energie, Freude. Und dann kommt etwas dazwischen. Eine schlechte Nachricht. Ein voller Kalender. Ein Streit. Und plötzlich stehe ich im Dunkeln.
Es wäre doch viel besser, wenn mein inneres Licht dauerhaft hell bleibt. Dass ich stabil funktioniere. Dass ich belastbar bin. Aber so bin ich nicht gebaut. Mein Licht hat Phasen. Es flackert. Es geht aus. Es geht wieder an. Und manchmal brauche ich jemanden, der für mich drückt, weil ich es gerade nicht schaffe.
So ist es für mich wie mit Gott. Er ist kein Scheinwerfer, der alles hell macht. Sondern jemand, der das Licht immer wieder einschaltet: in mir, um mich herum, in Begegnungen mit Menschen. Manchmal gebraucht Gott dafür andere: ein gutes Gespräch, ein ehrlicher Blick, ein Satz, der mich trägt. Und manchmal geschieht es leise: durch Ruhe, durch Musik, durch Gebet.
Ich mag einen Gedanken aus dem Psalmenbuch: „Herr, Du machst meine Finsternis hell.“ Das heißt nicht: Du nimmst alle Probleme weg. Es heißt: Wenn mein Licht ausgeht, kommt Gott mir entgegen.
Als ich mir das bewusst gemacht habe, bin ich anders durch Treppenhäuser gelaufen. Ich ärgere mich nicht mehr so sehr darüber, wenn das Licht zu kurz an bleibt. Denn ich weiß, ich muss gar nicht alles im Dunkeln aushalten, ich darf auf jedem Stockwerk einen Schalter drücken.
Niemand muss permanent stark sein. Niemand muss alles allein schaffen. Niemand muss im Dunkeln stehen bleiben, wenn das Licht ausgeht.
Wenn Ihr Licht heute schwächer wird – drücken Sie ruhig. Einmal mehr. Und wenn Sie es gerade nicht können: Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man sich tragen lässt. Von einem Menschen, von einem Wort, von einer Hoffnung, die größer ist als man selbst.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43687Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Heute, auf den Tag genau vor 65 Jahren, wurde John F. Kennedy als Präsident der USA vereidigt. Die Ansprache, die er damals an die Amerikaner und an alle Menschen in der Welt richtete, kann man als sein Vermächtnis verstehen. Denn nach nur 1000 Tagen im Amt starb der erst 46-Jährige bei einem Attentat in Dallas/Texas.
Ein Satz aus Kennedys Antrittsrede ist besonders in Erinnerung geblieben: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Dieser Appell sorgte damals für einen großen Aufbruch, besonders unter der amerikanischen Jugend.
Ich denke, einen solchen Aufruf könnten wir in unserem Land gerade gut gebrauchen. Vor allem junge Leute sind - auch in Folge der digitalen Medien - zunehmend orientierungslos. Vielen fehlt eine Perspektive für ihr Leben. Akuelle Studien zeigen, dass fast die Hälfte der 16- bis 30-Jährigen unter Einsamkeit leidet. Ein besorgniserregender Befund.
„Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ So käme wieder Bewegung in eine Gesellschaft, die vielerorts müde, antriebslos und schlecht gelaunt erscheint. Einige Politiker haben ein allgemeines Pflichtjahr für alle jungen Frauen und Männer ins Spiel gebracht. Jede und jeder könnte dann entscheiden, ob man sich in der Landesverteidigung engagieren will oder im zivilen Bereich mitarbeiten möchte. Die Kirchen wären dabei mit ihren sozialen Einrichtungen auf alle Fälle ein wichtiger Partner. Für ein Jahr mit anderen zusammen eine sinnvolle Tätigkeit ausüben. Anpacken statt jammern, aktiv mitgestalten statt passiv zuschauen. Das wäre für alle eine Win-Win-Situation.
Übrigens: Kennedys Satz hat sich nicht nur an die junge Generation gerichtet…
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43718SWR4 Abendgedanken
Am Anfang des neuen Jahres räume ich immer auf. Das Aufräumen zieht sich über Tage, eigentlich über den ganzen Januar. Denn zuerst sortiere ich stapelweise Papiere, die sich im vergangenen Jahr in meinem Büro angesammelt haben. Dann überlege ich, was ich davon wirklich noch brauche und was ich wegwerfen kann. Aber allein das dauert schon. Denn mit jedem Stück Papier, das ich in der Hand habe, verbinde ich etwas: einen Einkauf, eine Begegnung, ein Gespräch oder gar eine besondere Aktion.
Bei manchen Dingen fällt es mir leicht, sie in den Papierkorb zu werfen: Alte Rechnungen, Kassenzettel, Aufgabenlisten. Erledigt. Weg damit. Bei schönen Postkarten, Konzertkarten, Notizzetteln mit Gedanken fällt mir die Entscheidung schon schwerer: Soll ich sie wegwerfen oder eventuell doch in meine Erinnerungsbox legen?
Wenn ich am Anfang des Jahres aufräume, befreie ich mich damit von Ballast, löse ich mich von alten Dingen und schaffe Platz für Neues.
Beim Aufräumen merke ich, dass das nicht nur für mein Büro und für meine Regale gilt, sondern dass ich damit auch in mir Platz für Neues schaffe. Ich löse mich, ich denke nach, ich lasse mich auf das ein, was kommt. Neugierig und offen. Und ich merke, dass ich auch in mir Ordnung schaffen kann. Vielleicht kann ich im neuen Jahr auch alte Gewohnheiten, die mich selbst nerven, einfach mal sein lassen und mich an Neues wagen? Muss ich wirklich immer alles gleich und sofort machen oder darf ich mir auch einfach mal Zeit nehmen?
Aufräumen und Ordnung schaffen, sortieren und ablegen, loslassen und Platz für Neues schaffen gilt also auch für mich und mein Inneres.
„Siehe, ich mache alles neu!“ sagt Gott (Offenbarung 21,5). Dieser Satz steht als Motto, als Losung über diesem Jahr. Ein Satz, der mir Hoffnung gibt. Denn ich höre daraus, dass Gott mir beim Aufräumen hilft, dass er meine alten Lasten von mir nimmt und so in mir Raum für Neues schafft. Ich muss das alte nicht mit mir rumschleppen, mich damit abmühen, ich darf es Gott anvertrauen und darauf vertrauen, dass er es neu macht. Wenn ich mich von alten Dingen löse, von alten Verletzungen, Fehlern, Strukturen, dann bin ich auch offen für all das Neue, das Gott mir schenkt. Wenn ich mich nicht selbst lösen kann, dann vertraue ich darauf, dass Gott das kann.
Neu wird nicht alles auf einmal. Aber Gott kann alles neu machen. Auch mich. Nicht nur zu Jahresbeginn.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43713SWR Kultur Wort zum Tag
Mein Nachbar findet, dass „die jungen Leute“ heute zu sehr an sich denken. Das missfällt ihm. Ich kann seine Einschätzung nicht teilen. Die jungen Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe, wirken auf mich sehr engagiert. Manche haben sogar erfolgreiche Berufstätigkeiten aufgegeben, um stattdessen Theologie zu studieren. Das Pfarramt erscheint ihnen sinnstiftender als eine Tätigkeit, die sich vor allem finanziell auszahlt. Ich kann das nur bestätigen: Es trägt viel zur eigenen Sinnerfahrung bei, wenn ich etwas für das Ganze beitragen kann, von dem jeder Mensch schließlich selbst ein Teil ist.
Auch außerhalb der Kirche engagieren sich viele Menschen für unsere Gesellschaft.
Zum Beispiel bei der Feuerwehr. Es freut mich, dass die Freiwilligen und Berufsfeuerwehren gerade bundesweit einen Mitgliederboom verzeichnen. Die bedrohliche gegenwärtige Lage bewegt viele junge Menschen offenbar gerade nicht zu einem Rückzug in die private Komfortzone. Die jungen Leute sagen sich: Wir wollen etwas tun. Wir sind nicht hilflos den Verhältnissen ausgeliefert, wir können mitgestalten, jede und jeder vor Ort.
Ich habe Einblick in und Respekt vor dieser gemeinnützigen Aufgabe, denn ich bin mehr als zwanzig Jahre lang die ehrenamtliche Feuerwehrpfarrerin von Mainz gewesen. Ganz im Gegensatz zur Einschätzung meines Nachbarn sind mehrere hunderttausend junge Menschen in den Kinder- und Jugendfeuerwehren überall in Deutschland aktiv und lernen, wie sie im Notfall das Hab und Gut von Menschen und deren Leib und Leben retten können. Ich weiß sehr gut, dass das eine anstrengende und anspruchsvolle Ausbildung erfordert und man im Einsatz viel riskiert – manchmal das eigene Leben. Dennoch sagen diese jungen Leute: ich bin dabei!
Diese Menschen machen die wohltuende Erfahrung: Wer etwas für andere Menschen leistet, belohnt sich selbst mit Sinnerfahrung. Nicht zuletzt erfahren sie Gemeinschaft und erleben, wie gut es tut, wenn man sich gegenseitig unterstützen kann. Auch wenn die Aufgabe anstrengend ist und man sich manchmal aufraffen muss, nach der Schule oder der Arbeit noch mit den anderen zu üben.
Als Christin erlebe ich es so: Wenn ich entdecke, dass Gott sich mit meiner Geburt etwas für diese Welt gedacht hat, dann kann mich das sehr glücklich machen. Sehr viel glücklicher, als nur um den eigenen Bauchnabel zu kreisen. Ich glaube, dass sich Gott bei jedem Menschen etwas gedacht hat. Und ich glaube, dass es dieser Welt guttut, wenn möglichst viele Menschen herausfinden, was genau ihr eigener Auftrag für die Welt sein könnte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43710SWR3 Worte
Im Iran toben Aufstände gegen Unterdrückung und Not, das Mullah-Regime reagiert mit Gewalt. Karen Baradaran ist aus dem Iran geflüchtet, seine Freundinnen und Freunde verhaftet und ermordet, weil sie, wie er, Christen sind. Er hat ein Lied für sein Land geschrieben:
Oh, ihr Menschen dieser Welt, die Heimat trägt einen Kloß im Hals.
Eine Hand an der Wand, die andere dem Galgen nah.
Die Heimat ist zerfetzt, die Heimat hat Grund zu weinen.
Ihr Herz hat keine Kraft mehr, es hält kein weiteres Brechen aus.
Die Heimat ist im Blut versunken, vergiss das niemals.
Unser Leben gleicht dem Wahnsinn.
Die Heimat tut weh, die Heimat ist in Stücke gerissen.
Antworte mir, oh mein Gott, lass es regnen.
Du, mein Land, ich setze mich nicht an dein Grab.
Möge ich sterben, ohne deinen Schmerz zu sehen.
Die Stimme einer Mutter hallt in meinen Ohren.
Für mein Land lege ich schwarze Kleidung an.
Quelle: nicht veröffentlichter Text
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