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SWR Kultur Wort zum Tag

20JUN2024
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Wir waren unterwegs und ich hatte mir einen Fingernagel eingerissen. Da brauchte es eine kleine und preiswerte Nagelfeile; gut, dass da gerade die Apotheke am Weg lag und geöffnet hatte… „Moment bitte“, sagt der Apotheker –, „die Kollegin geht gerade nach hinten.“ Und während sie im Lagerraum verschwindet, meint der Chef: „Entschuldigen sie bitte – das sollte jetzt kein Mann beherrscht Frau-Spiel sein. Die Mitarbeiterin kennt sich einfach in unserem System da hinten besser aus.“ Und sie bestätigt das noch mal ausdrücklich.

Ob es ihm geholfen hat, dass ich wirklich kein Problem hatte? Hab ich ihm ausdrücklich gesagt: Weder wirkte die Kollegin, als hätte sie sich kommandiert gefühlt noch gar als Frau herabgesetzt. Und dass sie ins Lager ging, war einfach geschickter, weil sie ohne großes Suchen gleich die richtige Schublade wusste. „Kein Chef muss alle Details des Betriebs kennen“, meinte sie auch noch. Und ich war doch gut bedient.

Manchmal kann man das mit dem Gendern echt übertreiben. Und verschiedene Ranghöhen von Frauen und Männern als solche sind doch eigentlich längst abgeschafft. Aber manche – etwa der Apotheker in unserer Geschichte – manche hängen da in den alten Denkmustern irgendwie fest; und er hätte anscheinend gemerkt, dass sich da was ändern sollte.

Und sollte er das Gefühl haben, dass ich noch so altmodisch denke: Dann wär's doch sogar schön: Vielleicht will er mir das austreiben; und nutzt die Szene mit „Kollegin guckt im Lager nach“, um mir zum neuen Denken zu helfen. Ein bisschen Learning by Doing oder Lernen aus Erfahrung. Apotheke als Lernort fürs richtige Miteinander… Könnte ich gut mit leben … Apotheker sollen die Leute ja immer gut beraten. Gern auch darüber, dass Frauen und Männer gleiche Würde besitzen – so unterschiedlich sie sind. Und dass sie eben manchmal verschiedene Aufgaben übernehmen, weil es einfach praktisch ist und damit es vorangeht.

Ich weiß schon – ich rede da wie aus einem kirchlichen Glashaus; noch immer sieht es so aus, als wären Männer in meiner Kirche was Besseres – obwohl schon in der Bibel steht, dass Gott Mann und Frau gleich erschaffen hat und dass beide Gottes Bild sind, dass sie gleiche Würde und Rechte haben... Und ja: da muss sich was ändern – gerade an der Verteilung von Macht und Aufgaben – zwischen Frauen und Männern, zwischen klerikalen Amtsträgern und sogenannten Laien, die ja oft ganz gut wissen, wo sie suchen und finden, was die Menschen wirklich brauchen...

Hat mir der Apotheker nochmal klargemacht.

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SWR4 Abendgedanken

20JUN2024
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Die Kirchen sollen sich auf ihre „Kernkompetenz“ beschränken, lese ich in letzter Zeit häufiger. Aha, da wissen einige anscheinend, was die Kernkompetenz sein soll: Die Kirchen mögen sich doch bitte nur um die Frömmigkeit ihrer Mitglieder kümmern. Nicht um Politisches und Soziales. Also Kirchenraum statt Welt - so sehen das manche Kritiker. Ich sehe das nicht so. Es verkürzt das, was Christinnen und Christen aufgetragen ist. Und das empört mich. Denn: In der Bibel steht es deutlich anders!

Klar, für Frömmigkeit sorgen und von Gott sprechen ist die erste Aufgabe der christlichen Kirchen. Glauben ist für viele Menschen ein großer persönlicher Gewinn. Für mich auch. Ich kann mit meinem Glauben mein Leben besser meistern. Finde darin Mut und Lebenshoffnung. Aus dem Kontakt mit Gott entsteht eine Menge Energie. Und ich habe darin viele Lebensmöglichkeiten entdecken dürfen, die mein Leben reich machen.

Aber Glaube ist mehr als nur eine persönliche Entfaltung. Glauben muss über den Kirchturm hinausgehen. Raus in die Welt, nah oder fern. Fordert Engagement für die Menschen und ihre Nöte. Jesus hat gesagt: Selig, die Frieden stiften ... Selig, die barmherzig sind ... Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Manchmal hat er es auch so ausgedrückt: Ihr sollt Frucht bringen.

Eine Bekannte, die gerne weite Reisen gemacht hat, sagte: „Ich mache keine Flugreisen mehr. Unverantwortlicher Ausstoß von CO² und anderes mehr. Ich will darauf verzichten. Auch wenn es mir gar nicht leichtfällt. Aber ich tue das auch wegen meiner Enkelkinder. Ich kann doch nicht Christin sein und es ist mir egal, in welche kaputte Welt meine Enkelkinder hineinwachsen.“  Ich weiß, dass sie nicht nur hier verzichtet hat. Sie hat ihren Glauben ernst genommen und will Gottes Schöpfung nicht noch mehr belasten. Auch das gehört zur Kernkompetenz im Glauben. Christsein als Verantwortung - über den Kirchturm hinaus.

Das Ringen darum, die Schöpfung zu bewahren, ist kein Alleinstellungsmerkmal von Christinnen und Christen. Aber auch das gehört, neben anderen sozialen und politischen Themen, zur christlichen Kernkompetenz.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20JUN2024
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Neulich habe ich eine Mutter mit ihrem Baby beobachtet. Gerade noch hat das Baby erbärmlich geschrien. Kurz darauf hört man nur noch zufriedenes Glucksen und leise Schmatzgeräusche. Mit großen Augen betrachtet das winzige Wesen seine Mutter, während es an der Brust trinkt – und wirkt dabei so tiefenentspannt, dass ich beim Beobachten auch gleich ganz ruhig werde.

Bei mir ist es nun schon Jahre her, dass ich gestillt habe – aber ich erinnere mich auch noch gut an dieses Glück, wenn das Baby aufhört zu quengeln und einfach zufrieden trinkt.  An das Gefühl von Nähe und Geborgenheit in diesem Moment… Für mich einfach ein kleines Wunder.

Was ich lange nicht wusste: Es gibt auch ein Gebet in der Bibel, das vom Stillen spricht – und von der wunderbaren Ruhe und Zufriedenheit, die sich dabei ausbreiten: Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind an meiner Brust, so ist meine Seele zur Ruhe gekommen. So heißt es im 131. Psalm in der Bibel.

Mir gefällt dieses Gebet gut. Einmal schon allein deshalb, weil hier offenbar eine Frau betet. Lange ist man wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass alle Psalmen Gebete von Männern sind. Erst eine neue Übersetzung hat mich drauf gebracht, dass das hier anders ist. In älteren Versionen ist nämlich vom Stillen gar nicht die Rede – vielleicht haben sich die Übersetzer davor gescheut, das zu so klar zu benennen.

Wie das gestillte Kind an meiner Brust, so ist meine Seele zur Ruhe gekommen. Das Gebet berührt vor allem, weil es so anschaulich und innig ist. Die Beterin beschreibt, wie sie im Vertrauen auf Gott loslassen kann – schwierige Fragen, die sie umtreiben, aber auch falschen Stolz und zu hohe Ansprüche an sich selbst. Ich gebe mich nicht mit Dingen ab, die zu groß sind … für mich, vertraut sie Gott im Gebet an. Vielmehr fand ich zur Gelassenheit zurück und meine Seele konnte zur Ruhe kommen wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter.

Ja, solche Momente kenne ich auch – Momente, in denen die Seele zufrieden ist wie ein satter Säugling. Für mich haben diese Momente, genau wie die Beterin es im Psalm beschreibt, mit Vertrauen zu tun. Mit Gottvertrauen, aus dem Selbstvertrauen wächst – und das Vertrauen zu anderen Menschen.

Ich weiß: Es ist nicht immer möglich, dieses Vertrauen so ungebrochen zu spüren. Aber ich glaube: Gerade weil das Leben so viele komplizierte Herausforderungen an uns stellt, tut es mir gut, immer wieder loszulassen und mich anzuvertrauen – anderen Menschen und auch Gott. Und dann zu spüren: Meine Seele ist zur Ruhe gekommen – wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

20JUN2024
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Meine Kollegin Tina ist ein wandelndes Stopp-Schild. Nein, kein Verkehrszeichen. Ich meine: Wenn sie ansetzt zum Sprechen, kommt fast immer ein Ja, ABER! Heißt ja mit anderen Worten: Stopp! Lass uns nochmal nachdenken…..

Sie können mir glauben: oft und ausgiebig habe ich mich darüber schon geärgert. Denn dieses gedankliche Stopp-Zeichen – das mag ich eigentlich nicht. Ich komme mir dann so ausgebremst vor.

Manchmal war ich sogar schon genervt, bevor ich zu einer Besprechung mit Tina gegangen bin. Spätestens aber wenn sie den Mund aufgemacht hat, habe ich mich dann geärgert.

Ich gebe es zu:  Ein Teil des Problems lag durchaus bei mir. Aber mein Ärger – manchmal auch mein Frust war aufgrund der vielen Erfahrungen einfach da.

Bis zu dem Tag, an dem eine Kollegin zu mir gesagt hat: „Florian, Gott hat alle Menschen geschaffen und ich gehe davon aus, dass er sich dabei etwas gedacht hat. Vielleicht übersiehst du etwas bei all deinem Ärger.“

Das begleitet mich seither. Immer wenn es zu einem dieser nervigen Momente kommt, so einem Stopp-Moment, erinnere ich mich an diese Sätze. Ich atme durch und lasse mich auf das „Stopp“nein. Ich spreche mit Tina – oder wem auch immer - die Idee, das Anliegen, den Plan nochmal durch. Denke nochmal nach.

Mittlerweile kann ich so ein „Stopp“ besser annehmen. Ich sehe es als Chance, einen Augenblick innezuhalten, zu überlegen: ist das der richtige Weg?

Und ich kann zustimmen: Ja, Gott wird sich dabei etwas gedacht haben, Menschen wie Tina zu erschaffen, die mich zu einer Pause anhalten, zum Innehalten. Damit ich nochmal nachdenke, bevor ich dann weitermache. So oder so.

Inzwischen sehe ich Tina bei allen möglichen Gelegenheiten manchmal vor meinem geistigen Auge. Wie sie das Wort ergreift und zum Stopp-Schild wird. Und da hat Gott sicher recht – es ist wichtig, dass es solche Menschen gibt. Die sagen: Hey, denk nochmal nach! Und sei offen dafür, deinen Plan auch nochmal zu ändern. Gott wird sich ja hoffentlich auch etwas dabei gedacht haben, als er mich erschaffen hat.

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SWR3 Gedanken

20JUN2024
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Es ist ganz schön eng, links und rechts von mir liegt ungespültes Geschirr. Auch der Mülleimer steht ganz schön unpraktisch im Weg. Aber wir machen uns da nichts draus. Wir drehen die Musik einfach lauter und machen unsere Küche zum Dancefloor. Wir, damit meine ich meine Kinder, meinen Mann und mich. Und auch wenn die Küche als Tanzort ästhetisch noch ausbaufähig ist – das Tanzen an diesem Ort hat bereits eine lange Tradition bei uns.

Denn genau so habe ich meinen Mann kennen gelernt: Auf der Geburtstagsparty von unserem Freund Peter. Wir standen in der WG Küche, Peter hat uns einander vorgestellt – wir haben nur ganz kurz gesprochen, dann habe ich schon gerufen, dass wir hier dringend gute Musik brauchen. Und mein Mann – damals noch ein Fremder für mich – rief mir zu: Zu guter Musik muss man aber auch tanzen. Und dann haben wir getanzt, ohne uns eigentlich zu kennen, mitten in der Küche.  Während die anderen Gäste über wichtige Themen debattiert haben oder über den Sinn des Lebens philosophierten, haben wir getanzt. Und sind dabei zu einer vielleicht viel wichtigeren und sinnvolleren Erkenntnis gekommen, die unser Leben seither verändert hat: Wir finden uns mehr als gut.

Und so machen wir beide es auch heute noch, mittlerweile mit unseren Kindern, fast jeden Abend: Gute Musik laut aufdrehen und tanzen. Wild ausgelassen, alle so, wie sie es fühlen, ohne Regeln. Mal tanzt einer vor, dann wieder alle – und das, genau wie damals, vor fast 17 Jahren, mein Mann und ich – zwischen ungespültem Geschirr und Essensresten, aber genau so, wie wir es grad fühlen. Dabei können wir den Frust des Tages abladen, das Leben feiern und genießen, laut lachen und dankbar sein für all das, was wir aneinander haben; und an unsere Tradition anknüpfen: Wir finden uns mehr als gut!

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SWR3 Worte

20JUN2024
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Ein Rezept für Durchhaltevermögen? Die Köchin Monika Fuchs verrät ihres. Sie erzählt:

 

Ich war am Boden, aber hangelte mich selbst wieder nach oben, indem ich mich gefragt habe: Was kommt als Nächstes? Es geht immer weiter, das Leben ist wie ein Fluss, der beharrlich fließt und einen mitreißt, ob man will oder nicht. Den Lauf der Dinge zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen ist die hohe Kunst. Und das Mutigste, das ich im Leben gemacht habe, ist sowieso: Weitermachen.

 

Quelle

Maike Knorre: „Das Mutigste, das ich im Leben gemacht habe, ist Weitermachen“, Interview mit Monika Fuchs, in: flow. Das Magazin für persönliche Entwicklung, Kreativität & mehr Ruhe, Nummer 81, Deutsche Medien-Manufaktur GmbH & Co. KG, Münster 2024, S. 42.

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SWR4 Abendgedanken

19JUN2024
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Die Enkelkinder sind müde und drehen noch mal so richtig auf. Springen herum, toben wild, sind laut. Großes Vergnügen! Erfahrungsgemäß gibt es da oft ein böses Ende. Weil irgendwas passiert. Aber bitte nicht jetzt am Abend! Deshalb ist es höchste Zeit, einzugreifen. Sie sollen sich beruhigen und runterkommen. Also läute ich die Zeit für Schlafanzug und Zähneputzen ein. Jetzt ist Ruhe dran. Geschichten vorlesen, kuscheln, vielleicht ein wenig über den Tag sprechen oder über die Angst vor der Nacht. Sie sollen sich beruhigen und entspannen. Damit sie dann auch bald schlafen. Denn morgen ist wieder ein Tag – und die Oma ziemlich müde.

Und was mache ich, wenn es ruhig ist? Ich setze mich und lese die Zeitung. Endlich! Ich lese gerne solche Zeitungen, die meine Gedanken in Schwung bringen. Wo ich was zum Nachdenken habe. Meistens fange ich hinten an. Da geht es um Theaterstücke, Bücher, Filme. Um gesellschaftliche Fragen. Langsam taste ich mich zu den politischen Seiten vor. Die stehen ganz vorne, ich lese sie aber immer zuletzt. Weil sie mich am meisten aufwühlen.

Und da ist mir was aufgefallen. Es tut mir nicht gut, wenn ich am Abend noch schwierige politische Themen studiere. Die verfolgen mich sonst in die Nacht. Da geht es mir wie den Kindern. Am Abend brauche ich Ruhe. Nein, die Probleme der Welt sind mir deshalb nicht egal. Ich will wissen, was los ist. Es geht ja um mein Leben, und um das Leben der nächsten Generationen. Aber sie sind keine gute Lektüre auf dem Weg in die Nacht.

In der Nacht sind wir Menschen dünnhäutiger und empfindlicher. Sorgen plagen uns in der Nacht viel mehr als am Tag. Schmerzen fühlen sich stärker an. Deshalb lege ich die Zeitung bewusst zur Seite. Die komplizierten Themen können warten auf den hellen Tag. 

Ich muss genauso runterkommen wie die Kinder. Auch meine Gedanken sollen abends nicht noch wild herumtoben, meine Sorgen nicht noch vermehrt werden. Also helfe ich mir selbst. Lege die Zeitung auf die Seite. Sage mir: Das lese ich morgen! Und noch etwas tue ich: ganz bewusst lege ich diesen Tag und Abend Gott in die Hände. Das hilft!

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19JUN2024
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Heute Abend kommen sie nach Stuttgart, die deutschen EM-Kicker – das erste Deutschlandspiel im Ländle! Vielleicht sind Sie ja sogar vor Ort dabei – in der Fan Zone in der Stuttgarter Innenstadt oder gar im Stadion? Aber egal ob Fan oder Fußballmuffel: Auf eine friedliches und faires Fußballfest auf den Straßen und auf dem Rasen hoffen wohl alle.

Auf dem Platz sorgen die Schiedsrichter dafür, dass fair gespielt wird – wenn nötig auch mit einer gelben oder gar roten Karte. Gelbe und rote Karten – die kennt jeder. Aber haben Sie beim Fußball auch schon mal von einer weißen Karte gehört? Die kennt kaum jemand – aber es gibt sie. Vom portugiesischen Fußballverband wurde sie vor einigen Jahren eingeführt – erst für die Jugend, inzwischen auch bei den Fußballfrauen.

Bei der EM werden keine weißen Karten gezeigt. Schade eigentlich – die Grundidee ist nämlich gar nicht schlecht, finde ich: Die weiße Karte ist eine "Fairplay-Karte“. Sie soll respektvollen Umgang auf dem Platz belohnen: Sich bei Fehlern zu entschuldigen, Schiedsrichterentscheidungen zu akzeptieren oder Mitspieler zu unterstützen.

Manchmal, so habe ich den Eindruck, wäre so eine weiße Karte nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch im Alltag eine gute Sache. Denn auch da verteilen wir verbal gerne mal gelbe und rote Karten – an andere Verkehrsteilnehmer, aufmüpfige Kinder oder andere Leute, die nicht tun, was wir für richtig halten. Geschimpft ist schnell – aber wie wäre es, das Repertoire auch mal um eine weiße Karte zu erweitern und zur Abwechslung anderen deutlich zu sagen: Das hast du richtig gut gemacht. Zum Beispiel: Vielen Dank, dass Sie so perfekt eingeparkt haben – jetzt passe ich auch noch daneben!  Oder: Super, dass du aufgestanden bist und deinen Platz im Bus dem älteren Herrn angeboten hast.

Als Christin kann ich die Sache mit der weißen Karte sogar noch weiterdenken. Denn bei Gott kommt die weiße Karte sogar zuerst – noch bevor mich besonders vorbildlich verhalten habe oder eine besondere Leistung gezeigt habe. Eigentlich noch bevor ich irgendetwas gemacht habe. Der Theologe Eberhard Jüngel hat es mal so gesagt: Christus hat uns angenommen … deshalb verdient ein jeder von uns einfach dafür, dass er da ist, zumindest ein wenig gelobt zu werden.

Ich finde jedenfalls: Für die weiße Karte gibt es viele Verwendungsmöglichkeiten. Nicht nur auf dem Rasen. Es lohnt sich, das Kartenrepertoire in unserer Hosentasche zu erweitern. Statt einer gelben oder gar roten Karte auch mal die weiße zu zücken und so zu zeigen: Finde ich gut!

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

19JUN2024
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Wenn Deutschland bei der EM heute Abend gegen Ungarn spielt – dann gibt es wieder bekanntlich solche und solche.  Die einen, die es lieben, public viewing zu machen. Und die anderen.

Ich gehöre eher zu den Letztgenannten. Ich schaue gerne Fußball – ja – aber nicht unbedingt in großer Runde.

Mein Kollege Martin hingegen kann es sich kaum vorstellen, Fußballspiele nicht in Gemeinschaft zu erleben, nicht im Stadion oder beim public viewing zu sein.

Für ihn stellt sich die Frage heute Abend nicht. Für mich schon: allein zu Hause oder doch zusammen mit anderen? Gemeinschaftlich vorm Fernseher, der Leinwand oder allein auf dem Sofa?

Das, was Martin anzieht, ist gleichzeitig das, was es mir schwer macht. Der kollektive Moment, der Augenblick der Gemeinschaft. Das in der Menge aufgehen, Teil des Ganzen zu sein. Für Martin ein tolles Erlebnis. Für mich manchmal schwer, obwohl ich natürlich auch Teil einer Gemeinschaft sein möchte

Martin ist total glücklich, wenn er mit tausenden Anderen ein Tor bejubelt oder sich über ein Foul aufregt. Er beschreibt es fast schon spirituell – als Auflösen im großen Ganzen, eins sein anderen, mit der Natur, dem Universum, der Menschheit. Diese Momente liebt und sucht er.

 Martin wird heute Abend auf eine Weise also glücklich sein –   relativ egal wie die deutsche Mannschaft abschneidet.  Weil er Gemeinschaft erleben wird. Momente des Eins sein mit sich und allen anderen.

Diese Momente kann man natürlich nicht nur beim Fußball erleben. Für die einen ist es die Wagner Oper, das Taylor Swift Konzert oder auch die Demonstration. Etwas mit vielen anderen zusammen zu erleben - manchmal auch zu erleiden - und Gemeinschaft zu spüren – das ist das, was Menschen verbindet. Alle Menschen. Denn so hat Gott uns gemacht. Und deshalb werde ich heute Fußball schauen wie Millionen anderer Menschen auch. Wahrscheinlich in kleiner Runde, aber in Gemeinschaft. Und ich werde mich darüber freuen, dabei mit anderen zusammen zu sein und ihn genießen, diesen kleinen Gruß vom lieben Gott.

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SWR Kultur Wort zum Tag

19JUN2024
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„Gewalt ist keine Lösung.“ Das war vor mehr als zwei Jahren richtig, als Russlands Krieg gegen die Ukraine gerade erst drei Monate andauerte – Gewalt ist und bleibt keine Lösung – alle Argumente und Gedanken, alle Sprüche und Einsprüche der Friedensbewegung sind und bleiben ja richtig: Gewalt erzeugt Gewalt und GegenGewalt. Liebt eure Feinde – zumindest den Menschen im jeweiligen Feind; und tut denen Gutes, die euch hassen und Gewalt antun! Und überhaupt: wohin führen denn immer neue Raketen, Flugzeuge, Panzer, Kanonen, Bomben …

Alles richtig – jedenfalls bis zur „Zeitenwende“. Europa war fast ohne Krieg erblüht und ist zusammengewachsen. Konflikte lösen sich durch Gespräche und Verhandlungen; mit Wandel durch Handel, mit Austausch von Menschen und Meinungen. So entsteht Friede – offensichtlich sehr lange haltbar, also nachhaltig…

Aber inzwischen ist leider auch klar: Keine Gewalt ist auch keine Lösung! Niemand kann etwa der Ukraine ernsthaft vorschlagen oder gar verlangen, dass sie die Waffen streckt und mit „Hände hoch“ sich ergibt – als sollte jetzt doch das Recht des Stärkeren gelten; als wäre Ohnmacht eine Lösung, die Unterwerfung unter einen abenteuerlichen Anspruch eines einzelnen Machthabers und seiner Clique.

Ja – richtig: Gewalt ist keine Lösung. Allerdings: ohne Gewalt beendet anscheinend eben auch niemand die Gewalt. Und solange auf der einen Seite, in Moskau also, jemand fehlt, der einsehen würde, dass auch seine Gewalt keine Lösung ist; dass er sich auf ernsthafte Verhandlungen einlassen sollte, statt nur so zu tun als ob vielleicht. … so lange gilt leider erst mal: Keine Gewalt ist auch keine Lösung. Aufgeben und Unterwerfung wäre großes Unrecht.

Was bleibt in diesem Dilemma? Ich kann beten – und Gott die Not vor die Füße werfen; etwa im Friedensgebet im Trierer Dom, immer am vierundzwanzigsten, am Monats-Erinnerungstag an Putins Überfall.

Auch Gebet ist vielleicht keine Lösung – aber wir erleben, dass es hilft: zumindest den geflüchteten Menschen aus der Ukraine, die dankbar sind, dass wir demonstrativ beharrlich bleiben im Gebet. (Den Auftrag haben die Christenmenschen schon von Jesus selbst.)

Gewalt ist keine Lösung – aber keine Gewalt wohl auch keine. Da hast du’s, guter Gott des Friedens und der Gerechtigkeit – da hast du’s. Hilf, dass ich wenigstens von hier aus helfe und tue, was ich kann! So wenig das sein mag.

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