Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

       

Autor*in

 

Archiv

SWR3 Gedanken

13JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Verpfuschte Tattoos haben zwei entscheidende Nachteile: erstens sehen sie nicht gut aus. Und zweitens sind sie sehr haltbar. Ich habe schon mal welche gesehen: Sterne, bei denen zwei drei Zacken zu klein geraten sind oder einen Namenszug mit verschmierten Buchstaben. Manches im Leben, das fühlt sich auch an wie ein verpfuschtes Tattoo. Es gibt Spuren, die sind so tief in die Seele eingegraben, ähnlich wie die Spur von einer Tattoo-Nadel auf der Haut.

Wer schon mal verletzt wurde, weiß was ich meine. Oder wer früh einen geliebten Menschen verloren hat. Der wird vielleicht sagen: „Diese Erfahrung hat sich ganz schön tief eingeritzt. Irgendwie kriege ich das nicht los.“

Tattoos kann man mittlerweile wieder entfernen lassen. Das kostet eine Menge Geld und ist auch ziemlich schmerzhaft. Es braucht Zeit und in den allermeisten Fällen bleiben Narben zurück.

Ich glaube, dass es mit den schlimmen Erfahrungen, ähnlich ist. Der Schmerz wird vielleicht bleiben und auch Narben. Aber niemand muss dem, was sich da eingezeichnet hat, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bleiben. Es ist möglich, an die heikle Stelle ranzugehen, sie langsam abzutragen. Das geht nur behutsam und dadurch, dass ich bereit bin darüber zu reden. Und natürlich muss ich jemanden haben, der zuhört und der mich sehr ernst nimmt.

Natürlich ist das keine Garantie dafür, dass ich einfach ausradieren kann, was mal passiert ist. Aber es ist auf jeden Fall eine Chance.  Und wenn ich die nutze, dann kann ich am Ende vielleicht sagen: „Ich bin nicht mehr nur ausgeliefert. Ich kenne meine wunden Stellen und ich passe gut drauf auf.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44804
weiterlesen...

SWR4 Abendgedanken

13JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Viel braucht es nicht: einige Tischtennisplatten, ein paar Stühle und Regale, Kaffeemaschine, eine immer gefüllte Keksdose – und ein leeres Ladengeschäft, in dem das alles Platz hat. Pingpong-Salon heißt das Projekt. Es lebt nicht hier, sondern in Neustrelitz an der mecklenburgischen Seenplatte. Aber ein solcher Pingpong-Salon würde überall passen. Denn dieser Salon ist ein Treffpunkt geworden, und für viele Menschen ganz wichtig. Er kostet keinen Eintritt. Niemand muss sich vorher anmelden. Man kann einfach hingehen. Immer findet sich jemand zum Tischtennis-Spielen oder zum Reden. Dieser Ping-Pong-Salon ist ein Ort für Gemeinschaft geworden. Wer kommt, kann tun, was ihm oder ihr guttut: einfach zusammensitzen, miteinander Karten spielen oder stricken oder was ihnen einfällt. Inzwischen hat sich das Angebot im ganzen Ort herumgesprochen - und nun gibt es dort auch gemeinsame Weihnachts-Abende, ab und zu Vorträge, Yoga-Übungen, Sing-Gruppen, Flüchtlings-Arbeit und mehr. Der Pingpong-Salon in Neustrelitz ist eine Art Marktplatz geworden. Hier können sich Menschen mit Menschen treffen. Der Rundlauf um die Tischtennisplatte ist das absolute Highlight geblieben. 

Nicht alleine zu Hause sitzen, sondern andere Leute treffen können – das ist einer der normalsten Wünsche der Welt. Wir Menschen sind Kontaktwesen. Wir brauchen Gespräche, gemeinsame Unternehmungen und Miteinander. Das findet sich in Vereinen, Chören, Kirchengemeinden, Volkshochschulen, auch Kneipen. Aber die gibts nicht mehr überall. In kleineren Orten ist manchmal viel vom früheren Gemeinschaftsleben eingetrocknet. Weil die Jüngeren weggezogen sind. Oder tagsüber weit entfernt arbeiten. Wie kriegen wir es also hin, dass die Menschen sich wieder treffen können, dass sie miteinander reden, sich bewegen, in Kontakt kommen? Ohne große Kosten, ganz niederschwellig?

Die Gründerin des Pingpong-Salons hat nicht gewartet, sondern ihre Idee einfach ausprobiert. Es hätte auch schiefgehen können. Aber bisher wird ihr Treffpunkt gut angenommen und entwickelt sich weiter. Ich finde einen Treffpunkt wie den Pingpong-Salon großartig. In der Form oder anders. Zum Nachmachen unbedingt empfohlen. Damit das Miteinander wieder rundläuft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44792
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

13JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Die Töpfe in unserem Haushalt tun nun schon seit über 30 Jahren ihren Dienst. Wir haben sie – ganz klassisch – zur Hochzeit geschenkt bekommen. Mein Mann legte damals Wert auf beste Qualität – und ich muss ihm nachträglich Recht geben. Tag für Tag sind sie im Einsatz und sie haben sich bewährt.

So ein Kochtopf ist nicht gerade ein gängiges Symbol für eine Ehe. Für mich passt es trotzdem. Denn in einer Ehe geht es nicht nur um romantische Gefühle, sondern auch darum, wie wir den Belastungen des Alltags standhalten können. Wer kocht und kauft ein? Wer holt das Kind aus der Kita ab? Wer wechselt die Reifen? Wodurch wird eine Beziehung resilient – wie ein Kochtopf, der eben auch Hitze und heftige Dämpfe aushalten muss?

Eine Ehe beginnt mit einem gegenseitigen Versprechen: „Ich will dich lieben, achten und ehren und dir die Treue halten, solange ich lebe.“ Das sagen sich Mann und Frau bei einer kirchlichen Trauung zu, und ich finde, das ist ein gutes Fundament für eine Beziehung.

Es geht nicht nur um ein einmaliges Versprechen, sondern um eine Grundhaltung: Wir vertrauen uns und wir bemühen uns umeinander. Da muss nicht alles perfekt sein, es gibt auch Auseinandersetzungen und Enttäuschungen. So wie bei einem Topf manches anbrennt. Doch das lässt sich lösen, wenn jeder versucht, auch das Erleben des anderen zu verstehen und zugleich seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche ehrlich mitteilt.

Sich für ein ganzes Leben die Treue zu versprechen – das ist ein hohes Ideal. Kann ich das aus eigener Kraft überhaupt leisten? Im kirchlichen Trauritus heißt es: „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an als meinen Mann / als meine Frau.“

Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament, also ein Zeichen, in dem Gott erfahrbar wird. Denn Gott hat einen Bund mit uns geschlossen, der unwiderruflich ist. In diesen Bund sind wir als Paar hineingenommen. 

Und doch können wir auch an Grenzen stoßen, die unüberwindlich erscheinen. Ich finde es daher tröstlich, dass es im Trauritus weiter heißt: „Gott wird das Gute, das er in euch begonnen hat, vollenden.“ Treue ist kein abstraktes Ideal. Wir leben sie in unseren menschlichen Bedingungen und wie leicht werden wir durch gegenseitige Verletzungen blind und fühllos füreinander. Aber wir können darauf vertrauen, dass es in unserer Beziehung noch einen Dritten im Bunde gibt, nämlich Gott. Seine Liebe und Treue zu uns bleibt, was auch immer geschieht. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44777
weiterlesen...

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine Freundin Anne sitzt neben mir im Gottesdienst. Sogar in der Kirche ist es drückend heiß. Inzwischen sind wir aber auf die Hitze vorbereitet und ziehen beide fast gleichzeitig einen Fächer aus unseren Handtaschen heraus. Wir prusten los: Zwei Freundinnen, ein Gedanke… Wir lachen so oft miteinander. Was für ein Geschenk!

Aber was ist das? In Annes Augenwinkeln sehe ich es glitzern. Das sind doch Tränen und keine Schweißperlen? Verstohlen blicke ich mehrfach zu ihr hinüber. Kein Zweifel: Jetzt laufen ihr Tränen über die Wangen. Und beim anschließenden Kirchenkaffee erzählt sie mir, was los ist: Am Abend davor war sie mit dem Fahrrad von einer sommerlichen Veranstaltung nach Hause gefahren; ganz beglückt, weil das Theaterstück unter freiem Himmel so schön gewesen ist. An einer Ampel musste sie anhalten, ist dann bei Grün rechts abgebogen – und wäre um Haaresbreite von einem Auto über den Haufen gefahren worden.

Vollbremsung, quietschende Reifen, Schockstarre; der Fahrer steigt aus und entschuldigt sich tausendmal; beide sind grün im Gesicht. Und in Annes Kopf hämmert es: „Mein Gott, ich hätte tot sein können! Einfach so; von jetzt auf gleich. Da hast du alles richtig gemacht, jede Verkehrsregel beachtet, einen Helm auf, Reflektoren am Fahrrad und trotzdem!“

Sie denkt an ihre Kinder, an ihre Tochter, die übermorgen Geburtstag hat. Nachts findet Anne dann kaum Schlaf. Trotzdem kommt sie am nächsten Morgen zum Gottesdienst; wir hatten uns da verabredet. Und langsam fängt der Schock vom Abend zuvor an, sich zu lösen. Aus Annes Lachen werden Tränen. Die Lieder, die wir schon so oft gemeinsam gesungen haben, hören sich plötzlich ganz anders an: „Du hast uns deine Welt geschenkt, du gabst uns das Leben, du hast uns deine Welt geschenkt, Gott wir danken dir!“ Was für ein kostbares Geschenk doch das Leben ist! Und wie zerbrechlich in jedem einzelnen Augenblick. Ich kann es ihr so gut nachfühlen, und als sie mir alles erzählt hat, nehme ich sie fest in den Arm.

Eine große Dankbarkeit für mein Leben durchströmt mich, und auf dem Heimweg summe ich das Lied aus dem Gottesdienst vor mich hin: „Guter Gott, ich bitte dich: Schütze und bewahre mich. Lass mich unter deinem Segen leben und ihn weitergeben. Bleibe bei uns allezeit, segne uns, segne uns, denn der Weg ist weit.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44780
weiterlesen...

SWR3 Worte

13JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Schauspieler und zweifache Vater Bob Odenkirk ist durch die Rolle des zwielichtigen Anwalts Saul Goodman in der Serie Breaking Bad zum Weltstar geworden. Als der Schauspieler in einem Interview gefragt wird, welche Menschen er beneidet, antwortet er:

„Jeden, der noch kleine Kinder zu Hause hat. Ich wusste genau, was ich tat, als meine Kinder heranwuchsen. Ich war Vater. Ich meine, das war mein Job. Mich zu fragen: ‚Was mache ich eigentlich hier? Wie kann ich Teil dieser Welt sein? Was ist heute von Bedeutung?‘ Das musste ich mich gar nicht fragen – denn die […] Antwort liegt genau zwischen hier und der Tür. Geh einfach hin, sorg dafür, dass sie in die Schule kommen, und lach mit ihnen. Ich habe [das Leben] verstanden. Ich habe meine Bestimmung verstanden.“

Quelle:

Bob Odenkirk im Podcast „Working It Out“ von Mike Birbiglia, Episode 179: „The Art of Anger in Comedy” am 28.07.2025, aufgerufen am 13.06.2026 auf: https://www.youtube.com/watch?v=oPfjNDs2agA.

Der Schauspieler und zweifache Vater Bob Odenkirk ist durch die Rolle des zwielichtigen Anwalts Saul Goodman in der Serie Breaking Bad zum Weltstar geworden. Als der Schauspieler in einem Interview gefragt wird, welche Menschen er beneidet, antwortet er:

„Jeden, der noch kleine Kinder zu Hause hat. Ich wusste genau, was ich tat, als meine Kinder heranwuchsen. Ich war Vater. Ich meine, das war mein Job. Mich zu fragen: ‚Was mache ich eigentlich hier? Wie kann ich Teil dieser Welt sein? Was ist heute von Bedeutung?‘ Das musste ich mich gar nicht fragen – denn die […] Antwort liegt genau zwischen hier und der Tür. Geh einfach hin, sorg dafür, dass sie in die Schule kommen, und lach mit ihnen. Ich habe [das Leben] verstanden. Ich habe meine Bestimmung verstanden.“

Quelle:

Bob Odenkirk im Podcast „Working It Out“ von Mike Birbiglia, Episode 179: „The Art of Anger in Comedy” am 28.07.2025, aufgerufen am 13.06.2026 auf: https://www.youtube.com/watch?v=oPfjNDs2agA.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44758
weiterlesen...

Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

13JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein Mann sitzt mit seiner Gitarre im Nashorngehege und singt. Einfach so. Er macht das öfter, für Tiere singen. Ob Wolf oder Waschbär, Kakadu und Krokodil, Lama oder Löwe. Auf Youtube kann man kleine Videos ansehen, in denen der französische Sänger Plumes für Tiere singt.

Er setzt sich mit größerem Abstand zu den Tieren auf einen Hocker, beginnt die Gitarre zu zupfen und zu singen. Oft sind es Lieder, die von Liebe oder Freundschaft handeln. Und so klingt es auch, eher leise, freundlich, leicht.

Egal ob Raubkatze, Reptil oder Fluchttier – die Tiere kommen zu ihm. Manche lassen sich direkt vor ihm nieder, so wie die Krokodile. Sie scheinen still zuzuhören.

Andere wollen es genauer wissen: die Pferde beschnuppern ausgiebig Gitarre und Gesicht, die Lemuren interessieren sich besonders für seine Finger und der Elefant macht seinen Rüssel ganz lang, um das Mikrofon zu ertasten.

Manchmal passiert es sogar, dass eines der Tiere den Mund aufmacht als ob es mitsingen will: Ein Faultier zum Beispiel, oder ein Affe. Ganz zu schweigen von den Graupapageien.

Die kleinen Videos von Plumes bei den Tieren berühren auf eigenartige Weise mein Herz. Als würden sie verstehen, dass er sein Lied von Freundschaft und Liebe für sie singt. Sie zeigen weder Angst noch Aggressionen, wenn sie näher kommen. Als würde die Musik Mensch und Tier dabei helfen, einander freundlich zu begegnen.

So ähnlich stelle ich mir das Paradies vor, von dem in der Bibel erzählt wird:
Der Mensch begegnet der Natur freundlich und zart. Unbewaffnet lebt er mit den Tieren zusammen und fürchtet sich nicht davor, verletzt zu werden. Mensch und Tier teilen das Leben, ohne Angst.

Und ich frage mich, ob sich in unserer Welt etwas ändern würde, wenn es mehr Menschen gäbe wie Plumes. Vielleicht kämen wir dem Paradies dann ein Stück näher.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44680
weiterlesen...

SWR3 Gedanken

12JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Zwei Freundinnen von mir sind so richtige Perfektionistinnen. Ich mag sie gern. Und weil sie versuchen immer alles perfekt zu machen, sind sie auf ihre Weise auch echt gut. Aber trotzdem mache ich mir Sorgen.

Meine Freundin Leni ist die typische Allround-Perfektionistin. Sie trägt immer den perfekten Style, sie managt ihre Zeit super und sie ist bei der Arbeit toll.

Und Marga ist eine „soziale Perfektionistin“. Für andere macht sie alles möglich, egal ob es um selbstgebastelte Geschenke geht oder um das tolle Menü, wenn Gäste kommen. Ich habe das Gefühl, dass sie da manchmal ganz schön über die eigenen Kräfte geht.

Wenn man immer nur und überall perfekt sein will, dann, glaube ich, wird das auf Dauer zu anstrengend. Weil Ruhepausen fehlen oder weil man vor lauter Rumrödeln keinen Schlusspunkt findet. Und dazu kommt, dass man was wert ist, ganz unabhängig davon, was man alles schafft.

In einer jüdischen Geschichte, da geht es genau darum, dass mal Schluss sein muss mit dem Immer-Perfekt-Sein-Wollen. Die Geschichte geht so:

Ein Mann ging durch seinen Weinberg. Da fand er eine kaputte Stelle in dem Zaun, der um seine Reben gezogen war. Gleich hat er angefangen daran rumzudoktern und den Zaun wieder ganz zu machen. Dann fiel ihm aber plötzlich was ein: Es ist ja heute Sabbat! Am Sabbat sollte man laut jüdischem Gesetz so etwas wie das Loch im Zaun gar nicht reparieren. Also beschloss er: Ich lasse das, und zwar für immer. Dieses Loch im Zaun werde ich nie ausbessern.

Vielleicht war dieser Mann auch Perfektionist. Und das Loch im Zaun ist sein selbstgemachter Denkzettel. Auf dem steht: Perfektionismus okay, aber irgendwo muss auch mal Schluss sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44803
weiterlesen...

Begegnungen

12JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in
Stephan Seiler-Thies

Barbara Wurz trifft Pfarrer Stephan Seiler-Thies

Seit 2019 ist er Hochschulpfarrer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Er ist Ansprechpartner für Studentinnen, Studentin und die Lehrenden und gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen fürs kirchliche Veranstaltungsprogramm zuständig.  Alle Angebote sind wie selbstverständlich ökumenisch. Und natürlich dürfen auch alle Interessierten kommen – egal ob evangelisch, katholisch, muslimisch oder ohne Religion. Da gibt es

Wir haben Themenabende, Kochabende, Spieleabende ... dann gibt es Veranstaltungen, die wir in der Stadt machen, zum Beispiel mit der Volkshochschule, mit dem Scala oder der Landeszentrale für politische Bildung. Das können sich manche Studierende sogar fürs Studium Generale anrechnen lassen. Dann geht es mal hoch auf 150 bis 220 Studierende.

Ein Beispiel ist die Reihe „Ethik im Dialog“. Da geht es gezielt um Themen, die viele Menschen gerade bewegen: Klimawandel, Künstliche Intelligenz oder Demokratie.

Vor kurzem war der Fußball das Thema – mit der ZDF-Sportmoderatorin Claudia Neumann und dem Ehrenpräsidenten des VFB, Erwin Staud, auf dem Podium -  passend zur Weltmeisterschaft.

Und ich dachen na ja: wer Ehrenpräsident ist oder Sportsjournalistin ist: die werden den Sport lieben. Und es waren aber wirklich ganz, ganz kritische Töne, dass sie gesagt haben: Wir lieben alle den Sport Fußball, da sind wir aufgewachsen, wir arbeiten in diesem Feld, aber wir sehen hier Entwicklungen, die uns einfach nicht gut gefallen, (...) die ganze Kommerzialisierung, dass sozusagen es nur noch um Geld geht, Vereine aufgekauft werden... All das war an diesem Abend da und es war auch im Publikum zu spüren.

Mich interessiert, warum die Kirchen gerade solche Diskussionsveranstaltungen überhaupt mitorganisieren. Welches ist die Rolle, die sie bei den großen Gesellschaftlichen Fragen einnehmen sollte?

Es sind vielleicht die großen gesellschaftlichen, auch vielleicht gesellschaftspolitischen Themen und trotzdem erleben wir immer wieder in Reaktionen von Podiumsteilnehmern oder vom Publikum, wie ganz, ganz persönliche Fragen plötzlich eine Rolle spielen,(...) und dann ist man plötzlich ganz nah an den Menschen ran dran. (...) Und da sage ich: Was kann Schöneres passieren? Und ich glaub da spielt der Glaube, die Ethik und auch die Kirche einfach eine Rolle, diese Frage zu ermöglichen.

Die Fragen ermöglichen. Ich denke, das beschreibt sehr treffend den Kern von Hochschulseelsorge. Denn wenn Studentinnen und Studenten das persönliche Gespräch mit Stephan Seiler-Thies suchen, dann geht es oft genau darum. Um offene Fragen und Sorgen vor der Zukunft.

Das fängt an bei Klimakrise, geht über KI, dass sie sagen: Weiß ich denn noch, ob es meinen Beruf, wenn ich mit dem Studium fertig bin, überhaupt noch so gibt? Es geht aber auch bis in ganz persönliche Fragen. Was mich wirklich überrascht hat, (...) wie viel das Thema Trauer – Abschied von Menschen, die gestorben sind –  bei jungen Erwachsenen eine Rolle spielt.

Vor einiger Zeit war eine Studentin zu Stephan Seiler-Thies gekommen, weil sie den Tod ihrer Großmutter noch einmal neu verarbeiten musste. Dabei war die schon vor Jahren gestorben.

Und wir haben uns dem angenähert, dass sie gemerkt hat: sie ist von zu Hause ausgezogen, wo die Oma, die sie ihr Leben lang begleitet hat, wieder ganz wichtig und sie sich noch mal – ein zweites Mal – im Grunde verabschiedet, (...) weil sie jetzt selbst in eine neue Lebensphase einsteigt.

Mit dem Abschied vom Elternhaus und der Sicherheit des bisherigen Lebens kam auch die Trauer um den früheren Abschied zurück. Für mich ein Zeichen, wie herausfordernd der Aufbruch für junge Menschen in die Zukunft heutzutage ist. Heute scheint die sehr ungewiss. Und Stephan Seiler-Thies sieht noch eine Herausforderung:

Die jungen Menschen heute haben so wahnsinnig viele Möglichkeiten, vielleicht so viele wie niemand zuvor. (...) Also unsere Tochter hat neulich gesagt: „Es gibt über zehntausend Studiengänge.“ Ich dachte: Was, so viele? „Was soll ich jetzt studieren?“ Ich erlebe das bei ganz vielen jungen Menschen, die sagen: Die Welt steht mir offen, aber wohin soll ich denn jetzt gehen?

Natürlich ist es auch toll, so viele Möglichkeiten zu haben! Glaube und kirchliche Traditionen können da helfen, neue Orientierung und Halt zu finden. Das Wissen darüber geht bei den jungen Leuten aber immer weiter zurück, wie Stephan Seiler-Thies beobachtet. Doch gleichzeitig steigt das Interesse daran wieder. Zum Beispiel, wenn er bei einem Wanderangebot durch den Schwarzwald mit einem Segen in den Tag startet. Und ein junger Mann ihm prompt folgende Rückmeldung gibt:  

"Das mit dem Morgensegen, das kenne ich nicht so. Ihr Pfarrer müsst das wahrscheinlich machen. Aber es hat trotzdem gutgetan." Und da dachte ich: Wie schön! Für ihn was ganz Neues, und er ist offen darauf zugegangen und hat gesagt: Nehme ich einfach mal so mit.

Ich denke, darum geht es dem Hochschulseelsorger Stephan Seiler-Thies: Nicht um fertige Antworten, sondern darum, jungen Menschen einen Raum zu öffnen für Fragen. Und manchmal auch, um einen Segen mit auf den Weg zu bekommen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44791
weiterlesen...

SWR1 3vor8

12JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein Vorwurf gegen das Christentum lautet: Ihr Christen vertröstet ins Jenseits. Und damit macht ihr die Leute gefügig und stellt sie ruhig. Wer daran glaubt, dass es einmal besser wird, irgendwann, in der Welt nach diesem Tod, der lässt sich mehr gefallen, solange er lebt. Der probt keinen Aufstand gegen die, die ihn klein halten wollen.

Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll[1]. Das schreibt der Apostel Paulus an die Christengemeinde in Rom. Heute ist diese Bibelstelle im katholischen Gottesdienst dran. Und der Verdacht liegt nahe, dass Paulus damit genau das tut, was man Christen gerne vorhält: Er vertröstet die Christen dort in der Hauptstadt des mächtigen Römerreichs. Er lenkt sie ab von ihren Problemen, von ihrer existentiellen Not, damit sie länger durchhalten, solange sie bis aufs Blut bekämpft und verfolgt werden.

Wer diesen Satz des Paulus so verwendet, der muss sich den Vorwurf der Vertröstung gefallen lassen. Wer einer Familie im Libanon sagt, sie müsse den Krieg eben aushalten, das sei nun ihr Los, und im Himmel würde es schon besser, argumentiert eiskalt. Wenn mir jemand sagt, der Krebs an meiner Niere sei nun eben mein Schicksal, nimmt mein Leben nicht ernst. Er lenkt vom Leid ab, tut so, als sei ein Krieg oder eine Krankheit etwas, das man halt hinnehmen müsse. Und verspricht etwas, worüber er nicht verfügt. Die Not von Menschen ist real. Die Hoffnung auf Erlösung aber hat niemand in der Hand. Und Hoffnung verträgt es nicht, wenn man mit ihr rechnet.

Trotzdem hat Paulus recht. Die Welt, in der wir leben, ist nicht perfekt. Sie liegt – wie er sagt - in Geburtswehen. Gottes Schöpfung seufzt bis zum heutigen Tag[2]. Weil das Älterwerden eine Last ist, weil wir das Böse nicht in den Griff kriegen, weil wir aus Egoismus den Planeten zerstören.

Aber er hat auch mit dem zweiten Teil seiner Botschaft recht: Wir werden davon befreit werden, wir werden die Herrlichkeit Gottes[3] schauen und diese Zukunft nicht aus den Augen verlieren. Wenn und solange wir uns nicht mit der Gegenwart und ihren Problemen abfinden. Beides gehört zusammen. Beides darf nicht gegeneinander ausgespielt oder miteinander verrechnet werden. Mehr noch: Gerade weil Christen wissen, was ihre Hoffnung ist, stellen sie sich auf die Seite der Notleidenden. Sie spenden echten Trost, keine Vertröstung.

[1] Römerbrief 8,18

[2] Römerbrief 8,22

[3] Ebd.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44790
weiterlesen...

SWR3 Worte

12JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wer Hoffnung hat, dem geht nie die Puste aus. Das findet der Prophet Jesaja. In der Bibel beschreibt er das so:

„Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen.
Die aber auf [Gott] hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“

Quelle:

Jesaja 40, 30 – 31, Die Bibel, Einheitsübersetzung 2016.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44757
weiterlesen...