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SWR3 Gedanken

13JUN2026
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Wenn ich in den letzten Tagen das Fenster geöffnet habe, dann ist mir manches Mal das Wasser im Mund zusammen gelaufen: Vom leckeren Grillgeruch aus den Nachbargärten… Für mich jedes Mal ein Zeichen dafür, dass es endlich Sommer wird.

Ich liebe es, zu grillen. In unserer Familie gibt es sogar eine Art „Geheimrezept“ für eine besonders leckere Marinade, die schon mein Opa gemacht hat. Und die übrigens nicht nur bei Koteletts, sondern auch für vegetarisches Grillgut hervorragend funktioniert.

Neben dem leckeren Essen finde ich beim sommerlichen Grillen besonders auch so schön, dass alle zusammenkommen. An einem lauschigen Abend noch lange gemeinsam im Garten oder auf der Terrasse sitzen, in mehreren Etappen leckere Köstlichkeiten auf den Grill schmeißen, sich vorab schon den Bauch mit duftigem Brot vollschlagen, erzählen, zusammen WM oder einfach auch nur andächtig still gemeinsam in den sich langsam dunkler färbenden Himmel schauen. –

Essen hält Leib und Seele zusammen – so sagt man. Und bei solchen Grillabenden wird das für mich wieder besonders deutlich. Es geht nicht nur darum, satt zu werden. Es tut gut, miteinander am Tisch zu sitzen, Zeit zu teilen, zu lachen und zuzuhören. Vielleicht ist es das, was die Bibel meint, wenn sie so oft vom gemeinsamen Essen erzählt: Gott begegnet Menschen nicht nur in großen Worten, sondern mitten im Alltag – am Tisch, im Teilen, in der Gemeinschaft. Deshalb freue ich mich auch dieses Jahr wieder besonders auf die sommerlichen Grillabende – und bin dankbar, dass ich dabei immer wieder schmecken und spüren kann, wie gut das Leben ist.

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SWR Kultur Wort zum Tag

13JUN2026
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Lena ist zwei Jahre alt und die Tochter meines Kollegen Tobi. Neulich ist sie ganz erschüttert vom Kinderturnen zurückgekommen, erzählt er. Er sieht ihr unglückliches Gesicht, als sie an der Hand ihrer Mutter nach Hause kommt, und fragt: „Hast du dir wehgetan? Hast du ein Aua?“, und sie nickt heftig. – „Wo ist denn das Aua, Lena? Am Bauch?“  - Lena schüttelt den Kopf.  – „Sind es die Füße?“ – Die sind es auch nicht. – „Ist das Aua am Kopf?“ – Auch da scheint der Schmerz nicht festzumachen zu sein, und auch nicht an den Armen, den Knien oder dem Rücken. Mein Kollege ist besorgt und ratlos - was für ein Schmerz quält seine Tochter? Schließlich sagt sie: „Ganze Lena aua!“ Und die Mutter, die dabei war, berichtet: Lena hat sich gar nicht selbst verletzt. Ein anderer Junge aber ist aus vollem Lauf gefallen und hat nach seinem Sturz markerschütternd laut geweint. Das hat Lena wehgetan. Dass einer neben ihr plötzlich laut schreit vor Schmerz, hat auch sie im Innersten getroffen. „Ganze Lena aua“.

Wie erschütternd für sie und ihre Eltern, dass man einen fremden Schmerz so deutlich spüren kann. Wie gut Lena zum Ausdruck bringen konnte, was das mit ihr gemacht hat.

Mich beschäftigt dieses Erlebnis, weil es so eindrücklich eine unmittelbare menschliche Reaktion zeigt auf den Schmerz, den jemand neben mir hat und einfach hinausschreit.  Lena fühlt den Schreck, das laute Weinen, das Unglück des Jungen ganz als ihren eigenen Schmerz. Sie ist jetzt noch klein, gerade mal zwei; später wird sie leichter unterscheiden können zwischen sich und anderen. Sie wird lernen, wie sie anderen helfen kann, wenn ihnen etwas wehtut – und wie sie sich selbst davor schützen kann, dass der Schmerz anderer bei ihr ganz körperlich wird. Vielleicht ist alles Laute für Lena unangenehm und sie war darum so erschüttert. Vielleicht ist sie aber auch besonders schmerzempfindlich, wenn es um andere geht, besonders mitfühlend. Was für eine wichtige Eigenschaft! Mitlachen, mitweinen, mitfühlen, mitschweigen, mithelfen: das stärkt den Zusammenhalt. Mitgefühl ist eine Fähigkeit, ohne die das Zusammenleben von Menschen nicht gelingt. „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“: aus der Bibel, von Paulus stammt der Satz. Wenn jemand mitfühlt, spüre ich: Ich bin nicht allein. Wir sind miteinander verbunden. Und zwar nicht nur, wenn es um schöne Gefühle geht – sondern auch da, wo es wehtut.

Empathisch sein: eine tolle Eigenschaft. Zusammen mit der Widerstandfähigkeit, um sich von den vielen schmerzhaften Gefühlen in der Welt nicht überschwemmen zu lassen. Das weiß Paulus offenbar auch: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem!“ Ich denke, Lena hat das Zeug dazu.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

13JUN2026
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Vor einigen Tagen musste ich an eine Geschichte denken. Die Geschichte von einem Süppchen. Ein berühmter christlicher Lehrer aus dem Mittelalter, Meister Eckhart, beschreibt darin einen Menschen, der ganz im Beten versunken ist. Offenbar ist dieser Mensch gerade dabei, ganz nah bei Gott zu sein. Aber genau in diesem Moment erfährt er von einem Freund, dass ein kranker Mensch seine Hilfe braucht, und zwar ganz praktisch: jemand muss ihm ein Süppchen kochen. Was soll dieser Mensch nun tun? Meister Eckhart lässt keinen Zweifel: er soll seine Gebete unterbrechen und dem Kranken helfen, was denn sonst? Gott geht ja nicht verloren, wenn man sich einem anderen Menschen zuwendet. Im Gegenteil: Gerade dort begegnet man ihm.

Mich berührt dieser Gedanke sehr. Oft stelle ich mir den Glauben als etwas Stilles vor, dass nur zwischen mir und Gott passiert. Beten, Nachdenken, zur Ruhe kommen. Ich kenne auch diese Situationen, wo ich endlich einen Moment für mich haben möchte. Und genau dann kommt mein Sohn um die Ecke und braucht mich oder ein Nachbar klingelt, weil er kurz mit mir sprechen möchte.

Die Zeit für mich allein bleibt wichtig, keine Frage. Jeder und jede braucht Auszeiten. Die Geschichte mit dem Süppchen erinnert mich jedoch daran, dass glauben nicht nur im stillen Kämmerlein geschieht. Sondern dass Christsein sich besonders darin zeigt, wie ich mit anderen Menschen umgehe, ganz konkret in meinem Alltag. Dort, in den kleinen Begegnungen mit meinen Mitmenschen.   

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13JUN2026
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Vor wenigen Wochen saß ich am Sterbebett eines Freundes und früheren Kollegen. Ich hatte ihn in der langen Zeit seines Leidens seelsorgerlich begleitet. Wenige Stunden nach meinem letzten Besuch ist er „heimgegangen“, wie wir als Gläubige gerne sagen. Angekommen dort, wo wir hergekommen sind: aus der Liebe Gottes. Daran möchte ich glauben, auch wenn ich immer wieder Gott bitten muss: „Hilf meinem Unglauben!“

Schwer atmend hatte mich mein Freund erkannt und wahrgenommen und stammelte einige Sätze, ehe er wieder völlig erschöpft in seinen unruhigen Schlaf versank. Vieles hat ihn offensichtlich in seinen letzten Stunden umgetrieben. Ständig bewegte er mit geschlossenen Augen seine Lippen, als hätte er noch so viel zu erläutern, zu erklären und richtig zu stellen. Mir schien, als ob da sein ganzes Leben wie in einem Film noch einmal an ihm vorüberzog. Immer wieder versuchte ich, ihm in wenigen Worten und Gesten in wachen Augenblicken Mut zuzufächeln und ihm zu spiegeln, wie glaubwürdig und überzeugend sein Leben war, und wie vielen Menschen er als Seelsorger beigestanden hat. 

Die längste Zeit aber hielt ich einfach nur seine Hand und saß leise betend neben ihm, reflektierte ein wenig unsere lange Freundschaft. Und dachte auch an alle Widerwärtigkeiten und Konflikte, die wir gemeinsam aushalten mussten. Vor allem aber sah ich mich auch mit meinem eigenen Tod konfrontiert, dem ich immer noch so gerne ausweiche. Der aber kommt für uns alle: un-ausweichlich.

Mit dem „Vater unser“ und dem Krankensegen habe ich mich von meinem sterbenden Freund verabschiedet und bin eigentlich getröstet gegangen. Auf der langen Heimfahrt kam mir der Satz aus dem Römerbrief in den Sinn: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Ob wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (14,8).

Das heißt: Ob im begrenzten „Diesseits“, in dem ich noch lebe oder im ewigen „Jenseits“, wohin mir mein Freund nun vorausgegangen ist – wir sind und bleiben hier wie dort dem Herrn verbunden.

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SWR3 Worte

13JUN2026
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Wir sind ständig Erwartungen von Menschen ausgesetzt.  Das gehört zum Alltag dazu. Und es macht müde. Josephine Teske kennt das. Die Pfarrerin hat für solche Situationen ein Gebet geschrieben:

„Gott, mich macht es müde, wenn ich daran denke, mich irgendwie verändern zu müssen – zum Besseren oder was auch immer, mich neu zu denken. Was ich brauche, ist keine Perfektion. Was ich brauche, ist Liebe. Frei will ich sein von der Erwartung, das Leben müsste besser sein, von den Rechnungen, Sorgen, meinen Rollen. Dich brauche ich, Gott, dass du in mir wirkst!“

Josephine Teske, Unsere Réstistance. Gott. Immerdar. Gebete zum Leben

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SWR3 Gedanken

12JUN2026
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Voller Wut lässt Lina die Tür ins Schloss knallen. Mit hochrotem Kopf schaut sie ihren Vater an – die Wut steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. „Sei doch nicht so wütend“, sagt ihr Vater. „Das steht dir nicht.“ 

Wut ist nicht gerne gesehen. Zumindest nicht bei Mädchen und Frauen. Wütende Frauen irritieren, und gelten schnell als irrational, sogar als „hysterisch“. Das hat eine lange Geschichte und wurde nicht nur uns Frauen viel zu tief eingeprägt.

Eigentlich ist Wut nämlich etwas Gutes, Sinnvolles: Eine Energiequelle, aus der heraus dann der Mut entstehen kann, Dinge zu verändern. Häufiger Auslöser für solch eine Wut, die Kraft hat zu verändern? Ungerechtigkeit! Und die erleben wir Frauen ja leider noch immer und wieder viel zu oft. 

So wie Lina. Ihr fast gleichaltriger Bruder darf abends noch raus, sich mit einem Freund treffen. Wie gerne wäre sie auch noch zu ihrer besten Freundin geradelt! Stattdessen soll sie in der Küche helfen und die kleine Schwester ins Bett bringen… Das nagende Gefühl im Bauch kennt sie schon. „Das ist so ungerecht!“, denkt sie. Traut sich aber nicht, noch mehr zu sagen.

Was würde Jesus dazu sagen? Ich bin sicher: Er wäre wütend! Wut über Ungerechtigkeit – das kommt bei ihm öfter vor, vor allem dann, wenn Menschen Unrecht geschieht. Wenn er zum Beispiel am Sabbat, am Ruhetag, keine Menschen in Not heilen soll, weil das die damals geltenden Regeln so vorsahen. Dann wurde er schon ziemlich deutlich. Voller Wut und auch Traurigkeit darüber, dass Regeln über Barmherzigkeit gestellt werden, heilt und hilft er trotzdem. Und: Er hat zwar meines Wissens nie Türen geknallt, aber durchaus auch mal Tische umgeschmissen… Also, Mädels, lasst uns ruhig auch mal wütend sein! Zumindest dann, wenn wir wieder dieses nagende Gefühl spüren – und denken: Das ist so ungerecht! Dann steht uns das nämlich durchaus gut…

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SWR Kultur Wort zum Tag

12JUN2026
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Meine Großnichte Nila hat ihren Schatten entdeckt. Ich war nicht dabei, aber in unserer Online-Familiengruppe schaue ich mir das Video immer wieder an: Ein heller Sommermorgen. Die Sonne scheint, und Nila stapft mit ihrer Mutter über einen stillen Parkplatz. 14 Monate ist sie alt, und schräg vor ihr her läuft ihr Schatten. Es dauert eine Weile, ehe Nila ihn sieht. Sie bleibt stehen. Er rührt sich nicht. Lange betrachtet sie die dunkle Gestalt auf dem Boden, streckt schließlich die Hand nach ihm aus - und fasst ins Leere.

„Ja“, sagt ihre Mutter lächelnd. „Das ist dein Schatten.“ Nila geht in die Hocke, schaut sich das Ganze näher an und greift nochmal ins Schwarze. Da stimmt was nicht. Das ist unheimlich. Unruhig schaut sie zur Mutter. „Alles gut, Nila, das ist doch nur dein Schatten.“ Nila macht schnellere Schritte – die dunkle Gestalt auch. Sie lässt sich auf den Boden plumpsen, und groß und dunkel sitzt ihr Schatten vor ihr. Erschrocken schaut sie zur Mutter. Der Film endet. Denn Nila braucht ihre Mutter jetzt ganz bei sich.

Den eigenen Schatten wahrnehmen. Wie groß und dunkel er ist, und erkennen, dass die anderen meine Schattenseiten womöglich auch deutlich gesehen haben – darüber bin ich auch schon ordentlich erschrocken. Was, diese dunkle Seite gehört zu mir, diese negative Eigenschaft? So feige bin ich, so hart, so laut? Das soll niemand sehen. Da will ich selbst nicht hinschauen. So will ich doch gar nicht sein.

Wegschauen oder den Schatten verleugnen hilft aber nicht. Was wahr ist, was da ist, verschwindet nicht, wenn ich nicht hinschaue. Eher wird es für alle noch offensichtlicher. Nila hat es schon ganz richtig gemacht: sie hat sich mit ihrem Schatten beschäftigt. Ihre Mutter hat ihr dabei geholfen. Und da hat diese dunkle Gestalt ihren Schrecken verloren.

„Liebt eure Feinde!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. (Mt 5,44) Meistens denke ich bei Feinden an andere Menschen, die ich nicht leiden kann – Leute mit unfreundlichem Benehmen, unmöglichen Einstellungen. Aber da gibt es auch Eigenschaften in mir, die ich zu meinen inneren Feinden erklärt habe, eigene ungeliebte Seiten …

Was, wenn ich das unangenehm Dunkle in mir nicht länger feindlich, sondern liebevoll anschaue? Wenn ich vor meinem Schatten nicht davonrenne, sehe ich ihn besser: Aha, da bist du. So siehst du also aus. Gar nicht so groß…

Wenn ich meine Schattenseiten nicht bekämpfe und abwehre, können sie sich zeigen – und werden friedlicher, habe ich den Eindruck. Das macht mich entspannter. Ich finde sie immer noch nicht toll, diese Eigenschaften von mir. Aber sie haben ihren Schrecken verloren. Manchmal kann ich sogar über sie lachen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

12JUN2026
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Neulich hatte ich eine Begegnung mit jungen Menschen aus einer sehr frommen Glaubensgemeinschaft aus Amerika. Die jungen Leute eröffneten das Gespräch mit einer Frage: „Was ist dein Lieblingsvers in der Bibel?“ Das kam überraschend. Ich musste kurz nachdenken. Dann aber fiel er mir ein: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“ Das ist der Anfang des 130. Psalms.

Nach der Begegnung habe ich darüber nachgedacht, warum mir dieser Vers eigentlich so wichtig ist. Zuerst weil er mich vertrauen lässt, dass Gott da ist und dass ich mich ihm zuwenden kann. Aber da ist noch mehr: Denn dort wird laut gerufen, nicht leise vor sich hin gebetet. Zu Gott kann ich rufen, ja sogar schreien. Manchmal ist mir wirklich danach, wenn ich an all die Grausamkeiten denke, die Menschen einander antun. Oder wenn mir klar wird, dass wir den Klimawandel wahrscheinlich nicht mehr aufhalten können. Das macht mich wütend, auch gegenüber Gott, und am liebsten möchte ich schreien: „Warum das alles? Hättest du uns Menschen nicht etwas weniger egoistisch erschaffen können?“

Solche Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Leere sind der Bibel nicht fremd. Zum Glück. Sie gehören offenbar dazu, wenn man gläubig ist. Ich finde es befreiend, dass ich manchmal auch meine Hoffnungslosigkeit zu Gott bringen kann. Das schützt mich davor, den Kopf in den Sand zu stecken und zuversichtlich zu blieben. Trotz allem!

„Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12JUN2026
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Jeden Tag kommt Elisabeth auf den Friedhof Schönenberg. Sie besucht das Grab ihres Mannes. „Nun ist er erlöst", sagt sie, „er hat viel leiden müssen." Gedanklich nimmt sie ihre drei Kinder und die neun Enkel dorthin mit. Sie sind alle schon erwachsen. Und sie sind umhüllt von der Liebe ihrer Mutter und Großmutter. 

Diese Liebe wuchs in der langen Ehe. Der berühmte Tübinger Philosoph Ernst Bloch redet „von der großen Schifffahrt, die Ehe sein kann und die" – so schreibt er – „mit dem Alter nicht aufhört, nicht einmal mit dem einseitigen Tod." 1)

Solche Liebe strömt weiter und hüllt alle Menschen ein, die Elisabeth in ihrem Herzen mit hierher nimmt.

Nachdem sie am Grab war, geht sie die wenigen Schritte zur Kirche. Dort ist ihre stille Einkehr immer auch eine Zeit, um ein Dankgebet zu sprechen und um Gott zu sagen, was sie bewegt, bedrängt, bedrückt: Großmuttergebete eben.

Ich hörte mal einen Vortrag eines Arztes, der sinngemäß sagte: Wir Ärzte wissen auch oft nicht, was wirklich heilt und hilft. Sind es unsere Maßnahmen, die Medikamente und verordneten Heilmittel oder – die Gebete der Großmutter?

Ich selbst habe immer wieder gesehen: Hinter solchen Gebeten steht ja ein gelebter Glaube, der geprägt ist von Liebe, Vertrauen und Hingabe. Da wo Hände gefaltet werden, wurden sie zuvor geöffnet: Haben fürs tägliche Wohl gesorgt, gekocht und gewaschen, Tränen und Nasen getrocknet und fürsorglich das getan, was guttut.

Elisabeth kann nicht mehr alles alleine bewältigen. (Keiner von uns kann das). Aber sie kann alles, was ansteht, mit Gott besprechen und sich und ihre Lieben IHM anvertrauen. Das gibt ihr Kraft und – es tut auch denen gut, für die gebetet wird.

 

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1) Ernst Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“, Erster Band, Frankfurt am Main 1973 (st W 3), S. 381 f

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SWR4 Abendgedanken

12JUN2026
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„Wir werden einander viel verzeihen müssen“. Das hat Jens Sphan gesagt - im April 2020 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag. Jens Spahn war damals Gesundheitsminister und die Coronapandemie hatte gerade begonnen. Niemand hat zu diesem Zeitpunkt so richtig gewusst, was es mit diesem neuen Virus aus China so auf sich hat und wie man es eigentlich behandeln muss. Nur eines hat man schnell bemerkt: Das Virus ist sehr ansteckend. Immer mehr Menschen sind daran erkrankt. Auch die Politiker waren unsicher: Was sollen wir tun? Wie können wir die Menschen am besten vor dem Virus schützen: Kontaktverbote? Maskenpflicht? Abstandsregeln? Sollen Schulen geschlossen werden? Müssen Geschäfte zumachen? Darf man ältere Menschen noch im Seniorenheim besuchen? Sollen sogar Gottesdienste ausfallen? Jens Sphan hat geahnt, dass die Politik in den kommenden Monaten nicht alles richtig machen wird. Sie wird Regeln erlassen und Anordnungen treffen, um Menschen zu schützen und manches davon wird sich später vielleicht als falsch herausstellen. Darum sagte er: „Wir werden uns viel verzeihen müssen.“

Ich denke oft an diesen Satz von Jens Spahn. Nicht wegen der Coronaregln von damals, sondern weil Jens Spahn mit diesem Satz so recht hatte. Und das nicht nur mit Blick auf die Coronazeit. Immer, jeden Tag, gibt es etwas, dass wir Menschen einander verzeihen müssen. Wir sind alle nicht perfekt. Wir machen Fehler. Wir gehen in unseren Freundschaften und Ehen nicht gut miteinander um. Wir verletzen einander, sagen unabsichtlich böse Worte, können hartherzig und ungeduldig miteinander sein. So ist das unter uns Menschen. –Ich habe es nötig, dass andere mir vergeben, was ich ihnen oft unbewusst angetan habe. Und ich selbst muss anderen auch verzeihen dafür, wie sie manchmal mit mir umgehen. Wenn ich anderen nicht ihre Schuld vergebe, dann vergiftet der Groll und die Unversöhnlichkeit mein eigenes Herz. Ich lebe davon, dass andere mir immer wieder vergeben und ich will es auch tun. Darum bitte ich Gott jeden Tag, wenn ich das Vaterunser spreche: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

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