« Zeige Beiträge 11 bis 20 von 43074 »
Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Bei uns in Deutschland wird nach wie vor viel gespendet. Für einen gemeinnützigen Verein zum Beispiel, für ein soziales Projekt, für Hilfe ganz in der Nähe oder weiter weg. Und ich finde das bemerkenswert – dass so viele Menschen bereit sind, von ihrem Geld etwas abzugeben. Für ihr Geld haben sie schließlich gearbeitet und haben es sich verdient.
Auch ich arbeite für mein Einkommen. Ich investiere Zeit und Kraft, bringe meine Fähigkeiten ein – und bekomme dafür ein Gehalt. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: Habe ich mein Geld deshalb komplett selbst verdient? Dass ich meinen Beruf überhaupt ausüben kann – das habe ich doch nicht nur mir selbst zu verdanken. Da habe ich Unterstützung und Hilfe erfahren. Ich konnte eine lange Ausbildung machen, ich habe eine passende Stelle gefunden, ich bin gesund genug, um morgens aufzustehen – das alles habe ich nicht verdient. Für mich ist das vor allem ein Geschenk.
Zu biblischen Zeiten, vor vielen hundert Jahren in Israel, da haben sich die Menschen vorgestellt: Das Land, auf dem wir leben und arbeiten, das gehört nicht uns. Das Land gehört eigentlich Gott. Und dass auf dem Land Früchte wachsen, die wir dann ernten und verkaufen können oder mit denen wir unsere Tiere füttern, das haben wir nicht komplett selbst verdient. Das ist Gottes Geschenk an uns. Wir haben nur einen kleinen Teil dazu beigetragen.
Deshalb war es damals auch selbstverständlich, etwas abzugeben von der Ernte oder vom Geld. Meistens ein Zehntel des Ertrags [vgl. z.B. 5. Mose 14,28f.].
Ein Zehntel – zehn Prozent also. Das klingt erst mal nach sehr viel. Jedenfalls dann, wenn ich davon ausgehe, dass mir alles komplett selbst gehört und ich davon was abzwacken soll. Aber mit der alten biblischen Logik sieht die Rechnung plötzlich ganz anders aus: Wenn alles, was ich bekomme, geschenkt ist, und ich gebe ein Zehntel davon weiter, dann darf ich ganze neunzig Prozent für mich behalten! Ich bleibe also überreich beschenkt. Und andere haben auch noch was davon.
Sich beschenkt wissen und davon weitergeben. Diese Haltung hat etwas, finde ich. Wenn ich auf diese Weise Geld spende, verändert das auch in mir selbst etwas.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44498SWR1 Begegnungen

Martina Steinbrecher trifft Anna-Manon Schimmel
Die Pfarrerin lebt idyllisch: Ein großes Haus auf dem Land, bevölkert von Hunden, Katzen und Schildkröten; viel Platz für Mensch und Tier. Drei Dörfer in den Rheinauen in der Nähe von Offenburg gehören zu Annas evangelischer Gemeinde. Heute, am katholischen Feiertag Fronleichnam hat sie frei. Sie hat aber auch schon mal mitgeholfen bei den Vorbereitungen für die Fronleichnamsprozession:
Die schönste Erfahrung, die ich gemacht habe mit Fronleichnam war, als ich tatsächlich selber morgens, ganz ganz früh, mit ganz vielen Menschen Blüten gelegt habe auf dem Boden – diese Blütenbilder.
Typisch Anna: Wenn sie was anpackt, kniet sie sich voll rein. Und auch heute Morgen haben sich wieder an vielen Orten landauf landab vor allem Frauen ins Zeug gelegt, um aus tausenden von Blüten kunstvolle Bodenbilder zu arrangieren. Über diese Blütenteppiche schreitet dann später der Priester mit der Monstranz. Und die ganze Gemeinde hinterher. Was der evangelischen Pfarrerin am katholischen Brauch gefällt:
Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass wir mit unserem Glauben an die Öffentlichkeit gehen müssen, weil er sonst verschwindet. Dass man nicht wartet, bis sonntags die Kirche voll wird, sondern eben schaut, wo kann ich denn hingehen? Wo ist Öffentlichkeit? Wo kann ich auftauchen? Das finde ich einfach superwichtig.
Anna-Manon Schimmel hat die Frage nach einem Ort, an dem sie mit ihrem Glauben zu den Menschen gehen kann, für sich eindeutig beantwortet:
Also, sagen wir so: Ich bin selber Kneipengängerin, und als ich Studentin war, bin ich wirklich sehr, sehr gern in Heidelberg in die ganzen Kneipen in der Unteren Straße gegangen.
In so einer Kneipe hat Anna dann auch so eine Art Berufungserlebnis gehabt. Sie weiß es noch genau: Es war ein Faschingsdienstag. Und nach der Uni ist sie mit ein paar Kommilitonen in eine Kneipe eingekehrt.
Und plötzlich: Alle sind dann irgendwie aufgestanden und haben gesagt: Anna, du predigst jetzt! Und dann hat irgendjemand zum Wirt gesagt, er soll mal die Musik leise stellen, und dann hat er die Musik leise gestellt und dann hatte ich auch keine Wahl.
Anna steht auf und predigt. Mitten hinein in die Gespräche und Themen der Leute an den Tischen und an der Theke. Von Jesus, der dabei ist im Leben, auch wenn’s mal eng wird.
… und alle waren so still und danach waren alle irgendwie total ergriffen. Und da habe ich das erste Mal gedacht: Krass, dass es geht an so einem Ort, dass es mucksmäuschenstill werden kann, an einem Ort, wo das Leben tobt.
Mir fällt dazu der alte Schlager von der kleinen Kneipe in unserer Straße ein: „Und du stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke, und bist gleich mit jedem per Du. Die Rechnung, die steht auf dem Bierdeckel drauf, doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.“ 50 Jahre später ist die Kneipenkultur längst eine andere. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Anna mit ihrer Botschaft sehr gut in diese Atmosphäre hineinpasst: Bei dem Gott, von dem sie erzählt, hat schließlich auch jeder Kredit. Gnade heißt das im Kirchensprech.
Ich sage immer, in der Kneipe muss es eben nicht leise sein. Wenn ich spreche, wird es automatisch leise. Aber die Leute dürfen sich eben noch ihr Bier oder ihre Cola weiterhin bestellen. Gerade dieses Wuselige, das ist eben so charmant an der Kneipe.
Anna trägt keinen Talar. In Jeans und T-Shirt unterscheidet sie sich nicht von den anderen Kneipengängern. Zum Predigen lehnt sie am Tresen; zum Beten setzt sie sich auf den letzten freien Platz auf der Treppe. In einer anderen Ecke sitzt ein Gitarrist auf einem Barhocker.
Wir haben schon mehr mit Schlagermusik gehabt, mit Akkordeon und Gitarre. Und bei Liedern, die alle kennen, dann schunkeln und singen natürlich schon auch Leute mit. Aber wir singen eben nicht „Großer Gott, wir loben Dich“ oder eben diese klassischen Gesangbuchlieder.
Jeder darf mitmachen, keiner muss. Auch die Liturgie – also die Form des Gottesdienstes – ist an den Ort bestens angepasst. Es beginnt mit einer Begrüßung.
Und dann eben immer dieses „Prost Gott!“ Da zähle ich dann bis drei. Und wir heben alle unser Glas und schauen gegen den Himmel. Und sagen Prost Gott. Das machen wir einmal am Anfang. Und einmal ganz am Schluss vor dem Segen.
Gebetsanliegen werden auf Bierdeckel geschrieben und anschließend eingesammelt, egal wie viele. Alle Gebete werden laut vorgelesen Das kann dann schon mal länger dauern als ein Gottesdienst am Sonntagmorgen. Abschaffen möchte Anna-Manon Schimmel den übrigens nicht. Sie will aber Mut machen, mit Gottesdiensten auch an andere Orte zu gehen, und vor allem zu Menschen, die mit einem klassischen Sonntagsgottesdienst nicht so gut klarkommen:
In der Kirche ist es ja manchmal so, dass man denkt: O je, wenn es über eine Stunde geht, dann scharrt man schon mit den Hufen und denkt, jetzt könnte die Person da vorn mal zum Punkt kommen. Aber in der Kneipe erlebe ich das anders. Weil mehr ein Austausch, ein Miteinander ist.
Und das ist dann tatsächlich ein sehr evangelisches Konzept: Gottesdienste sind nicht an heilige Orte oder Zeiten gebunden. Sie können überall stattfinden, wo Menschen sich im Namen des dreieinigen Gottes versammeln: eins, zwei, drei: Prost, Gott!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44544SWR Kultur Lied zum Feiertag/Zum Feiertag

Heute feiern wir katholisch das Gegenteil, was der Name „Fronleichnam“ zu sagen scheint. „Fron“ klingt nach schwerer „Fronarbeit“. Aber es kommt von Frönen, etwas mit Leidenschaft und sehr gerne tun. Und „Leichnam“ meint in der ganz alten Sprache nicht den toten Leib, sondern den lebendigen. Das Fest ist also nicht tot und schwer, sondern lebendig und freudig. Fronleichnam bringt die Feiernden in Bewegung, zum Beispiel bei der Fronleichnamsprozession.
Auch das Lied zum Feiertag „Gott sei gelobet und gebenedeiet“ lädt zu einer Wanderung ein. Starten wir mit einem Orgelstück zum Lied von Heinrich Scheidemann. Da wandern die Füße des Organisten durch den Choral. Man hört das gut, weil es dann immer in den Tiefen, im Pedalwerk der Orgel, laut und kräftig wird. Vielleicht erkennen Sie ja sogar die Melodie!
Musik 1: Heinrich Scheidemann: Choralbearbeitung für Orgel
Gott sei gelobet und gebenedeiet,
der uns selber hat gespeiset
mit seinem Fleische und mit seinem Blute,
das gib uns, Herr Gott, zugute.
Kyrieleison.
Herr, du nahmest menschlichen Leib an,
der von deiner Mutter Maria kam.
Durch dein Fleisch und dein Blut
hilf uns, Herr, aus aller Not.
Kyrieleison.
Von der festlichen Orgelmusik führt uns unsere Fronleichnamswanderung jetzt weit zurück, nämlich ins 13. und 14. Jahrhundert. Aber es wird interessant! Damals war die Liturgie vorwiegend lateinisch, auch am Fronleichnamsfest, das Papst Urban IV. im Jahr 1264 für die gesamte Kirche eingeführt hatte. Das Fest erinnert an das Abendmahl Jesu am Gründonnerstag. Im Mittelpunkt steht aber jetzt, mitten im Sommer, nicht die Leidensgeschichte Jesu, sondern die Freude über das Geschenk von Brot und Wein aus Jesu Händen.
Musik 2: Kanon instrumental
An diesem neuen Feiertag – wir sind immer noch im 14. Jahrhundert - stimmt die Schola gregoriana den vielstrophigen Gesang Lauda Sion salvatorem (Lobe Zion, deinen Hirten) an. Der mittelalterliche Theologe und Kirchenlehrer Thomas von Aquin hat die Worte eigens für das neue Fest gedichtet. Daran gefällt mir, dass der große Theologe nicht nur Bücher mit tausenden von Seiten für die Gelehrten verfasst hat, sondern auch Liedtexte, die bis heute von vielen gesungen werden! Wenn dann noch eine gute Melodie dazukommt, deren Komponist wir leider nicht kennen, dann bringt das die Worte in Schwung, so dass wir mit diesem musikalischen Rückenwind gleich weiterwandern können.
Musik 3: Lauda Sion gregorianisch
Er ist uns im Brot gegeben,
Brot, das lebt und spendet Leben,
Brot, das Ewigkeit verheißt,
Brot, mit dem der Herr im Saale
dort beim österlichen Mahle
die zwölf Jünger hat gespeist.
Auf der nächsten Etappe unserer frühmorgendlichen Wanderung mit Musik zum Fest Fronleichnam kommt es zu einer schönen Begegnung. Jetzt sind wir schon im 15. Jahrhundert bei einer Fronleichnamsprozession im Schwäbischen. Der Chor, der für den liturgisch-lateinischen Gesang zuständig ist, singt das „Lauda Sion“, wie wir es gerade gehört haben. Zwischen diesen Versen aber stimmen die Schulkinder immer wieder deutschsprachige Strophen an. Sie singen „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, der Titel unseres Liedes zum heutigen Feiertag. Woher wissen wir das? Es steht sehr genau in einer Schulordnung im schwäbischen Crailsheim. Da ist zu lesen: „Es folgt das lobwürdige Fest Fronleichnam, bei welchem das Lauda Sion gesungen wird, zu dem ein volkstümlicher Gesang hinzutritt: Gott sei gelobet und gebenedeiet.“ Etwa so könnte es geklungen haben:
Musik 4 und 5:
Schola gregorianisch „Lauda Sion“, dann Kinderchor Borken aus www.katholisch.de
Lateinisch und deutsch sind hier friedlich vereint! Eine solche Eintracht wünsche ich mir bei manchen kirchlichen Auseinandersetzungen heute. Eine versöhnte Verschiedenheit sollte es auch bei den musikalischen Stilen geben. Ob klassisch oder Gospel oder Lobpreis. Und es sollte sie ökumenisch geben, mit der Gastfreundschaft beim Abendmahl, auch und gerade an Fronleichnam. Jesus hat uns doch verheißen, „dass alle eins sind“. Mich schmerzt es, dass Christen das nicht umsetzen. Aber das Lied zum Feiertag erinnert uns heute daran, dass das anders werden muss.
Musik 6 – instrumental wie Musik 2
Gehen wir noch einen Schritt weiter auf unserer Liederwanderung. Das Lied „Gott sei gelobet und gebenedeiet“ wird bald in allen Konfessionen gesungen. Warum aber ist Fronleichnam bis heute ein typisch katholisches Fest? Dazu müssen wir gedanklich in die Reformationszeit wandern. Da begegnet uns Martin Luther in Wittenberg. Er findet es gut, dass das Fronleichnamsfest abgeschafft wird! Denn ihm gefällt es nicht, dass die geweihte Hostie als Leib des Herrn durch die Straßen getragen wird ohne den Wein, der doch das Blut des Herrn ist.
Aber das Lied „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, das will Martin Luther nicht aufgeben. Er nennt es lobend „ein christlich rein und fein Bekenntnis“. Und dann findet der Reformator eine perfekte Lösung für das Lied. Er war ja musikalisch sehr begabt, er konnte singen, die Laute spielen und etwas komponieren. Also formt Martin Luther das alte Fronleichnamslied zu einem neuen Abendmahlslied um, das ganz oft gesungen werden kann. Heute ist das Lied ein musikalischer Baustein für die geeinte Kirche, so wie Jesus sie will. Der Segen Gottes dafür ist schon da!
Musik 7: Jonathan R. Brell: Gott sei gelobet und gebenedeiet; Leitung: Klaus-Martin Bresgott
Gott geb uns allen seiner Gnade Segen,
dass wir gehn auf seinen Wegen
in rechter Lieb und brüderlicher Treue,
dass uns die Speis nicht gereue. Kyrieleison.
Jetzt sind wir auf unserer Lied-Wanderung in der Gegenwart angekommen. Die dritte Strophe ist mein persönliches Motto heute. Da heißt es: „Gott, geb uns allen seiner Gnade Segen, dass wir gehn auf seinen Wegen“. Nachher wird aus dieser fiktiven Wanderung mit unserem Lied zum Feiertag wohl noch eine „echte“ Wanderung. Ich werde an der Fronleichnamsprozession mitlaufen. Und beim Gehen denke ich auch an die vielleicht auch mal schwierigen Wege der nächsten Tage und Wochen. Einen besseren Wunsch als „Gott geb uns allen seiner Gnade Segen“ kann ich mir da kaum vorstellen.
Musik 7 – Fortsetzung Jonathan Brell
Herr, dein heilger Geist uns nicht verlass,
der uns geb zu halten rechte Maß,
dass dein arm Christenheit
leb in Fried und Einigkeit. Kyrieleison.
Komponist
unbekannt, Mainz um 1390, Wittenberg 1524
Textdichter
Martin Luther nach älteren Vorlagen
Musikquellen
Musik 1: Heinrich Scheidemann: „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, Choralbearbeitung für Orgel; Interpretin: Julia Brown, M0026985
Musik 2/6: Martin Agricola: Kanon über das Lied (instrumental) - M0012415
Musik 3: „Lauda Sion“ gregorianisch, Scola gregoriana – BR C5115070109
Musik 4: „Lauda Sion“ gregorianisch, Capella antiqua – WDR 6015149104.001.
Musik 5: „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, Gottelob-Einspielungen www.katholisch.de
https://www.youtube.com/watch?v=7ZCSrCQa-Gs
Musik 7: Jonathan R. Brell: „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, Athesinus Consort Berlin, Klaus-Martin Bresgott, WDR 6196085115.001.001 (oder CD Luthers Lieder Carus 83.469, LC 3989, Track 15)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44541SWR3 Gedanken
Heute Feiertag, morgen Brückentag, langes Wochenende. Für Viele zumindest. Fronleichnam sei Dank. Doch was da eigentlich gefeiert wird, das wissen deutlich weniger. Wenn ich mich ans katholische Westfalen erinnere, wo ich aufgewachsen bin, dann bedeutete Fronleichnam damals vor allem: Geschmückte Straßen. Blumenteppiche in Hauseingängen. Feierliche Prozessionen. Fronleichnam, das waren Blaskapellen und hunderte Menschen, die singend und betend durch den Ort zogen. Und ein Pfarrer, der mittendrin das geweihte Brot aus dem Gottesdienst feierlich durch die Straßen trug. Das alles gibt es auch heute noch. Nur vielleicht bescheidener als früher.
Mag sein, dass manches heute auch etwas aus der Zeit gefallen erscheint. Auch für viele Katholiken. Nicht aus der Zeit gefallen ist aber, worum es dabei gehen sollte. Denn Prozessionen erzählen ja immer von einer Hoffnung. Dass Gott mit dabei ist. Mit auf dem Weg. Überall. Und weil Gott nun mal nicht zu greifen ist, wird das Brot aus dem Abendmahl mit durch den Ort getragen. Das Brot als Zeichen der Gemeinschaft mit ihm. So wie Jesus es damals, bei seinem letzten Mahl mit seinen Jüngern, gewollt hatte. Wenn Katholiken Fronleichnam feiern, dann feiern sie also dieses Brot der Gemeinschaft. Und einen Gott, der sich nicht in Kirchen versteckt. Einen, der sich überall finden lässt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44516SWR3 Worte
Ist es noch zeitgemäß, an Fronleichnam mit Prozessionen durch die Straßen der Städte zu ziehen? Der Kirchenhistoriker Bernhard Schneider hat folgende Antwort:
Eine Kirche, die sich versteckt (…), das ist für mich eine ziemlich traurige Form von Kirche. (…) Von daher (kann) ein solches Fest (…) ein Anlass sein, (…) nach draußen zu gehen und da (…) die Gemeinschaft (…) sichtbar nach außen zu zeigen in der Verbundenheit mit dem Glauben an (…) Jesus, der jetzt mitten unter uns ist.
Quelle
Interview in SWR2 „Zum Feiertag“ vom 19.06.2014: Wolfgang Drießen trifft Prof. Berhard Schneider. Online abrufbar unter https://www.kirche-im-swr.de/beitraege/?id=17759 (aufgerufen am 18.05.2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44509
SWR4 Feiertagsgedanken
Ich bin Manuela Pfann und wünsche Ihnen einen guten Morgen an diesem Feiertag, an Fronleichnam.
Bei uns zuhause ist jeden Mittwoch ein kleines bisschen Fronleichnam. So jedenfalls würde ich unseren Mittwochabend beschreiben. Da essen wir Pfannkuchen. Immer. Jeden Mittwoch. Wir, dass sind vor allem meine Kinder und ich. Aber, und das ist das Besondere: Wir genießen unsere Pfannkuchen zwar am selben Abend, aber an unterschiedlichen Orten, rund 800 Kilometer entfernt voneinander. Mein jüngster Sohn und ich zuhause am Esstisch, meine Tochter in Norddeutschland. Das ist zu einer kleinen Familientradition geworden, seit sie zum Studium ausgezogen ist. Mehl, Eier, Milch, ein bisschen Butter in die Pfanne. Und dann am liebsten Zimtzucker drüber. Für mich ist diese Mehlspeise mehr als nur Nahrung, um satt zu werden. Für mich ist sie ein Zeichen, das uns verbindet. Weil wir an diesem Abend ganz bewusst aneinander denken, wenn wir am Tisch sitzen.
Und im Kern geht es genau darum an Fronleichnam. Das Wort Fronleichnam bedeutet übersetzt: Der Leib des Herrn. Der Tag heute soll erinnern. An Jesus, seine Botschaft und an das Zeichen, das er seinen Jüngern hinterlassen hat: Als alle zum letzten Mal zusammengesessen sind, beim letzten Abendmahl, da hat Jesus das Brot mit den Jüngern geteilt und gesagt: „Das ist mein Leib.“ Das bedeutet so etwas wie: Das bin ich für Euch! Daran sollten sie denken, wenn er nicht mehr da ist.
Als Erinnerung an diesen Jesus wird deshalb das gebrochene Brot in Form einer Hostie verehrt. Und heute, an Fronleichnam, öffentlich in Prozessionen durch die Straßen getragen.
„Tut dies zu meinem Gedächtnis" – so steht es im Evangelium und diese Worte werden in der katholischen Kirche in jeder Eucharistiefeier wiederholt. Sonntag für Sonntag. Wenn der Priester mit der Gemeinde das Abendmahl feiert. Es hat also funktioniert, was Jesus damals angefangen hat: zusammen sein, Brot teilen, Gemeinschaft spüren. Das ist bis heute so geblieben. Mich beeindruckt immer wieder aufs Neue, wie einfach diese Idee ist.
In vielen Kulturen gilt nämlich: Wer an meinem Tisch sitzt, ist mein Gast, dem will ich nichts Böses. Am Tisch beisammen sein, das schützt, verbindet und versöhnt. Jesus hat das gewusst. Und er hat dieses urmenschliche Zeichen mit seiner tiefsten Botschaft verbunden: Ihr gehört zusammen – auch wenn ich nicht mehr da bin. Wer miteinander isst, vertraut sich. Wer Brot mit anderen teilt, der teilt auch ein Stück von seinem Leben.
Fronleichnam wird in der Theologie auch als „Ideenfest“ bezeichnet. Bei diesem Hochfest geht es nicht um ein Ereignis aus dem Leben von Jesus, also zum Beispiel wie an Weihnachten um seine Geburt oder wie an Ostern um die Auferstehung. An Fronleichnam geht es um Jesus selbst und um seine ur-eigene Botschaft – vereinfacht gesagt: um die Idee von einem guten Leben. Und die hat zu tun mit der Erinnerung an das letzte Abendmahl vor seinem Tod, als er das Brot mit seinen Jüngern geteilt hat. Daran sollten sie denken, wenn er nicht mehr da ist. Sie sollten zusammenkommen, gemeinsam essen und mit den Menschen so umgehen, wie sie es bei ihm gesehen hatten. Und das bedeutet: sich um die Schwachen und die Außenseiter kümmern, auf die Kinder achtgeben, den Menschen helfen, ihnen zuhören und sie fragen: Was braucht ihr?
Fronleichnam, ein Ideenfest. Mich inspiriert dieser Begriff darüber nachzudenken, was jetzt gerade, in dieser Zeit, dran wäre, wenn ich an die Botschaft Jesu denke. Ich stelle mir Folgendes vor: Was wäre, wenn an Fronleichnam die ganze Stadtgesellschaft zusammenkommt und miteinander isst? Auch diejenigen, die im Tafelladen einkaufen. Und jene, die am Rand der Stadt in Flüchtlingsunterkünften leben. Was wäre, wenn es etwa für alle eine lange Nacht der Blumen gäbe? Wie es an vielen Orten zu Fronleichnam üblich ist, legen die einen traditionelle Blumenteppiche – die anderen, vielleicht junge Leute, treffen sich auf dem Marktplatz in der Stadtmitte. Und gestalten die ganze Nacht: farbige Blumen-Graffitis aus Kreide. Sie schreiben auf den Asphalt und erzählen von ihren Wünschen und Träumen, und was das für sie heißt, ein gutes Leben. Der Pfarrer ist auch dabei und predigt am nächsten Morgen im Fronleichnamsgottesdienst darüber.
Ich mag dieses Fest, Fronleichnam. Weil in diesem Brot, das durch die Straße getragen wird, eine Idee steckt. Eben diese Idee vom guten Leben; in der Bibel heißt das: ein Leben in Fülle. Ich finde, Fronleichnam lädt ein, das immer wieder neu zu entdecken und zu hinterfragen. Die Prozessionen, die Blumenteppiche, die Monstranz mit der Hostie unter freiem Himmel – das sind Zeichen: Wir katholischen Christen tragen das, was uns trägt. Wir zeigen: Dieser Glaube gehört nicht nur in die Kirche. Er gehört auf die Straßen und Plätze unserer Stadt, in den Alltag, an den Tisch. Auch an unseren Mittwochabend-Tisch. Mit Pfannkuchen. Denn am Ende geht es darum, verbunden zu sein. Mit der Familie, mit den Leuten in unserer Stadt, mit Gott. Über Entfernungen und Zeiten hinweg.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44500SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Warum genau tue ich das, was ich tue? Welche Erfahrungen haben mich dazu gebracht, wo hat meine Lebensgeschichte ihre entscheidenden Impulse bekommen?
Diese Frage finde ich spannend. Und ich bin darauf gestoßen, als ich mich mit Theo Lorch beschäftigt habe. Theo Lorch war Pfarrer in Württemberg. Und unter seiner Regie wurde 1969 der Verein „Werkstatt für Behinderte in Ludwigsburg e.V.“ gegründet. Menschen mit Behinderung sollten dort die Möglichkeit bekommen, sich beruflich im Arbeitsleben einzubringen. Das war damals ein wichtiger Schritt. Denn davor hatten Menschen mit Behinderung höchstens noch die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Anschließend gab es keinen richtigen Platz mehr für sie.
Wenn man in Theo Lorchs Lebensgeschichte schaut, merkt man: Keinen Platz zu haben, ausgeschlossen zu sein, das hat auch er persönlich erlebt, gleich mehrmals.
Als er gerade mal zehn Monate alt war, sind seine Eltern als Missionare nach Kamerun gereist – und zwar ohne ihren Sohn. Zusammen mit seinen beiden älteren Schwestern ist Theo Lorch bei einer Großtante geblieben. Mit sechs Jahren dann ist er in ein Kinderhaus gekommen. Dort waren Mädchen und Jungen streng getrennt – nur sonntags zwischen 13:00 und 14:00 Uhr durften sich die Geschwister sehen. Für Theo Lorch war das ein heftiger Einschnitt. Die Erfahrung, zurückgelassen zu werden und alleine zu bleiben, muss ihn tief geprägt haben.
Später als Pfarrer ist Theo Lorch mit seiner eigenen Familie nach Indien gegangen, hat dort an einer theologischen Ausbildungsstätte gelehrt. Doch 1939 wurde die Familie von der englischen Kolonialregierung verhaftet, musste für sieben Jahre in ein Internierungslager. Dort war Theo Lorch arbeitslos. Auch das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, seine Fähigkeiten nicht einbringen zu können, hat er also aus eigener Erfahrung gekannt.
Ich glaube: Das alles hat eine Rolle gespielt bei der Gründung der Werkstatt für Menschen mit Behinderung später in Ludwigsburg. Da hat Theo Lorch seinen Teil dazu beigetragen, dass Menschen eben nicht ausgeschlossen werden und einen guten Platz finden.
2006, vor zwanzig Jahren also, ist Theo Lorch im Alter von 100 Jahren gestorben. Bereits im Jahr zuvor wurde das von ihm mitgegründete Unternehmen nach ihm benannt: In den Theo-Lorch-Werkstätten nehmen heute über 800 Menschen mit Behinderung aktiv am Arbeitsleben teil.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44497SWR1 3vor8
„Nichts ist für die Ewigkeit.“ So lautet eine Volksweisheit. Und ich finde: Sie stimmt. Was ich sehe, was ich habe, was mir unendlich wichtig vorkommt. Alles ist endlich und damit nicht für die Ewigkeit: mein Haus, mein Auto, mein Beruf, mein ganzes Leben. Auch meine Texte hier in SWR1, sogar wenn sie sich mit der Ewigkeit beschäftigen. Was ich hier sage, ist eine Momentaufnahme, die morgen schon wieder überholt sein kann. Ich suche nach der Wahrheit, nach dem, was Bestand hat, und finde doch nur Vergängliches.
Was ist dann aber mit dem folgenden Satz, der heute an Fronleichnam in den katholischen Gottesdiensten eine zentrale Rolle spielt: Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben[1]. Es gibt kein Brot und auch sonst nichts, das ewiges Leben schenkt. Menschen haben immer wieder damit experimentiert, ohne je etwas gefunden zu haben. Für manche ist es eine verlockende Vorstellung, das Altern stoppen zu können. Eine gesunde Ernährung, Methoden sich selbst zu optimieren – die Ideen dazu schießen wie Pilze aus dem Boden.
Das ist aber alles mit diesem biblischen Gedanken nicht gemeint. Als Jesus den Satz vom Brot der Ewigkeit sagt, löst er damit bei dem anwesenden Menschen eine große Irritation aus. Er soll etwas haben, dem der Tod nichts anhaben kann? Er behauptet: Es gibt auf dieser Welt doch etwas für die Ewigkeit. Etwas, das die Grenze zum Himmel überwinden kann. Etwas, das sich nicht den Gesetzen von Raum und Zeit unterwerfen muss, weil es aus dem Himmel, aus der Ewigkeit stammt: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.[2]
Um zu verstehen, was Jesus damit meint, muss man jeden Gedanken an Kannibalismus oder Zauberei beiseitelegen. Jesus sagt auf seine Weise, dass er der Weg ist, um in die Ewigkeit zu kommen. Konkret heißt das: Wie er leben – menschenfreundlich, großherzig, gütig. An ihn glauben, der aus Liebe in den Tod ging. Das ist die Richtung, die Christen einschlagen sollen. Und damit sie wenigstens etwas in der Hand haben, einen Vorgeschmack des Himmels, vergleicht Jesus sich mit Brot. Ich bin wie das wichtigste Lebensmittel. Schlicht und unverzichtbar.
Daran denken Katholiken heute an Fronleichnam, wenn sie ein kleines Stückchen Brot verehren; es durch die Straßen tragen, vor ihm das Knie beugen, Blumen streuen, feierliche Lieder singen. Weil sie glauben: Mit Jesus bin ich gerettet. Mit ihm gehe ich in die Ewigkeit.
[1] Johannes 6,51b
[2] Johannes 6,51ab
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44485SWR4 Abendgedanken
Ich mag den Frühsommer, wenn Wälder und Wiesen voller Leben sind. Besonders mag ich die weiten Felder mit Gänseblümchen. Jedes einzelne kann für mich etwas vom Leben erzählen.
Da steht ein kleines, noch ganz junges Gänseblümchen im Gras. Die Blütenblätter sind weiß, manche zart rosa überhaucht, die Mitte leuchtet hellgelb. Es wirkt frisch und offen, als hätte es gerade erst das Licht der Welt erblickt.
Wenn ich dieses junge Blümchen anschaue, denke ich an einen Anfang, der noch nicht beladen ist. An das Helle und Unschuldige, das wir alle einmal in uns getragen haben. An diese erste Offenheit, die in Kinderaugen glänzt.
Daneben steht ein zweites Gänseblümchen. Es hält sich noch aufrecht, aber der Wind hat es zerzaust. Einige Blütenblätter fehlen, andere hängen schief. Man sieht ihm an: Da ist schon einiges darüber hinweggefegt. Regen. Kälte. Vielleicht ein Fußtritt. Vielleicht einfach die Zeit.
Bei diesem zweiten Blümchen empfinde ich eher Respekt und Achtung. Es ist, als schaue ich in ein altes Gesicht. Ein Gesicht mit Falten und Müdigkeit. Verwittert und nicht mehr makellos, aber mit einer Würde, die tiefer reicht als äußerliche Schönheit.
Im christlichen Glauben gibt es die Hoffnung, dass das, was mich verletzt und verwundet hat, nicht ausradiert werden muss, damit neues Leben möglich wird. Auch der auferstandene Jesus wird nicht als einer gezeigt, an dem alles Leid spurlos vorübergegangen ist. Seine Wunden bleiben sichtbar. Aber sie bestimmen ihn nicht mehr. Sie stehen nicht im Mittelpunkt.
Für mich ist das die tröstliche Botschaft unseres Glaubens: Gott liebt nicht nur das, was unversehrt ist. Nicht nur, was jung ist und blüht. . Gott sieht auch das Zerzauste. Das Müde. Das, was nicht gelungen ist. Auch das, was Wunden trägt und trotzdem weiterwächst und lebt.
Die beiden Gänseblümchen erinnern mich an diese beiden Seiten. Das eine sagt: Vergiss nicht, dass in dir etwas unschuldig geblieben ist, das heil ist. Etwas Helles. Etwas, das hoffen kann.
Und das andere sagt: Auch deine Spuren gehören zu dir. Deine Wunden nehmen dir nicht deine Würde. Und Deine Narben: hey - die machen Dich liebenswert.
Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Fahrradfahren gelernt habe. Ich war vier, mächtig stolz und überzeugt: Ich kann das jetzt. Genauso wie meine große Schwester. Deshalb habe ich gedrängelt, dass die Stützräder endlich weggemacht werden. An einem Samstagvormittag war es dann so weit: Mein Vater hat die Stützräder abgeschraubt, und ich habe mich voller Stolz auf mein orangerotes Fahrrad gesetzt. Und – bin umgefallen. Ich musste lernen, dass so ein Fahrrad mit seinen zwei schmalen Reifen erst stabil wird, wenn man losfährt. Meinen Vater hat das viel Mühe gekostet. Denn er musste bei meinen weiteren Fahrversuchen die ganze Zeit hinterherrennen und mich am Sattel festhalten. Irgendwann hat er einfach losgelassen. Und das Wunder ist passiert: Ich bin mühelos weitergefahren.
Ich habe gemerkt: Es trägt. Ich komme vorwärts. Es funktioniert tatsächlich.
Ich finde, dass Fahrradfahren und Glauben da eine ganze Menge gemeinsam haben.
Manchmal sagt jemand zu mir: „Ich kann erst an Gott glauben, wenn ich Beweise habe, dass es ihn gibt.“ Aber vom Fahrradfahren weiß ich: Auch der Glaube funktioniert gar nicht so, dass erst alle Zweifel verschwinden und man dann sicher losglauben kann.
Ich erlebe: Beim Glauben ist es wie beim Fahrradfahren: Ich muss einfach mal loslegen. Obwohl ich nicht alles weiß. Sonst komme ich nicht vom Fleck. Vielleicht ein Gebet sprechen, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es jemand hört. Vertrauen wagen, Schritt für Schritt. Die Stabilität kommt dann unterwegs. Dass mein Glaube mich trägt, das habe ich oft erst mitten im Leben gemerkt.
Heute, am 3. Juni, ist der „Tag des Fahrradfahrens“. Ein Tag für etwas, das viele jeden Tag wie selbstverständlich tun. Trotzdem ist Fahrradfahren für mich ein kleines Wunder geblieben: Denn man bleibt nur im Gleichgewicht, wenn man sich bewegt. Und genauso erlebe ich meinen Glauben: nicht als fertige Sicherheit, sondern als Vertrauen auf dem Weg. Einfach losfahren — und irgendwann überrascht feststellen: Ich werde getragen. Wie wunderbar!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44531






