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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Es geht mir nur um die Sache.“ Diesen Satz hört man oft, wenn jemand in einer Diskussion sehr engagiert seine Position vertritt, vielleicht sogar verletzend wird. Ich frage mich dann immer: Warum passiert das? Warum schießt hier Jemand so über das Ziel hinaus?
Ich glaube, dass es etwas mit dem Herzen zu tun hat. Wenn es mir wirklich nur um die Sache geht, dann steuert eher der Kopf. Und dann schieße ich seltener über das Ziel hinaus. Ich überlege genauer, was ich wann und vor allem wie ich es sage. Ich wäge ab, wie ich am besten zu meinem Ziel komme. Dabei kann ich mich stärker von der Sache selbst distanzieren und sachlich argumentieren. Aber wenn ich mit dem Herzen bei der Sache bin, zumal mit vollem Herzen, geht es irgendwie um mehr. Dann bin ich viel stärker mit dem Thema verbunden. Es berührt mich. Ich bin emotional beteiligt. Dann wird es schwieriger, zwischen der Sache selbst und mir zu unterscheiden.
Mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein bedeutet alles daran zu hängen, sich voll und ganz rein zu begeben: Mit meiner ganzen Kraft, mit meinen ganzen Emotionen. Und weil ich mich ganz und gar hineinbegebe, ist es oft so schwierig, wenn meine Mitmenschen nicht mitgehen oder mitmachen. Dann fühle ich mich unverstanden, fühle ich mich allein gelassen und ohnmächtig und ja, dann schieße ich leicht über das Ziel hinaus und werde verletzend. Das will ich nicht. Dann sage ich entschuldigend: „Aber es geht mir doch um die Sache!“
Schwierig.
Denn ich will nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit vollem Herzen bei der Sache sein. Denn ich bin anders, wenn ich mit ganzem Herzen bei der Sache bin. Dann bin ich voll dabei.
Nicht umsonst heißt es beim Doppelgebot der Liebe in der Bibel „Liebe Gott von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Vielleicht ist genau das die Herausforderung: Mit ganzem Herzen bei der Sache sein und gleichzeitig Kritik an der Sache nicht persönlich zu nehmen und dadurch ein offenes Herz für den anderen zu behalten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45302SWR3 Gedanken
Die meisten romantischen Filme enden genau an der Stelle, wo es eigentlich spannend wird: Das glückliche Paar kommt endlich zusammen, dann sieht man noch den Brautstrauß in die Luft fliegen und fertig.
Ich sitze dann noch den ganzen Abspann mit dem Popcorn da und denke: schön war’s! Und jetzt? Was ist, wenn die Hochzeitsdeko im Keller verstaubt? Wenn der erste Streit um die Kücheneinrichtung ausgefochten wird - oder wenn ein Baby zuverlässig die Nächte über den Haufen wirft und niemand mehr besonders romantisch aussieht.
In unserer Wohnung hängt ein Schild, das für meine Frau und mich wie eine Art Mantra geworden ist. Darauf steht: „Es geht nicht ums Happy End. Es geht um die Geschichte.“ Ich mag diesen Satz. Obwohl ich hoffnungslos romantisch bin. Er holt mich immer wieder zurück auf den Teppich, weil er mich daran erinnert: Liebe ist so viel mehr als die Höhenflüge des Anfangs. Mehr als Rosamunde Pilcher. Liebe ist das Danach – die Story…
Kein Mensch kann auf Dauer alles für einen anderen sein: Seelenverwandter, bester Freund, Trostspender und persönlicher Glücksgarant in einem. Und keiner muss das auch.
Ich vertraue drauf, dass ich mit Gott noch einen ganz anderen Partner an meiner Seite hab. Einer, der mich hält und liebt, und deswegen muss meine Frau nicht mein „Alles“ sein. Das nimmt Druck raus. Und es macht mich freier, sie als den Menschen zu lieben, der sie ist: wunderbar – und unperfekt. Genau wie ich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45288SWR Kultur Wort zum Tag
Ein Kumpel von mir möchte heiraten. Und wir beide hatten vorher einen richtig schönen Männerabend. Mit Bierchen und so. Irgendwann haben wir angefangen, uns die Vorteile vom Singledasein aufzuzählen. Und da kamen ganz schön viele zusammen: Man kann machen, was man will, die Fernbedienung gehört nur einem selbst. Und niemand räumt einem seine Sachen weg.
Bevor mein Kumpel jetzt aber seine Hochzeitspläne begräbt, dachte ich, müssen wir jetzt auch noch nach Dingen suchen, die man nicht alleine machen kann. Mein Kumpel war sofort dabei, und als erstes sagt er: „Kinder kann man nicht alleine machen.“ OK, das musste ja kommen. Aber dann haben wir auch noch andere Sachen gefunden: sich den Rücken mit Sonnencreme einschmieren zum Beispiel. Oder auf dem Spielplatz wippen. Freundschaftsbändchen ums Handgelenk binden, einen Kanon singen. Oder sich mit etwas überraschen.
Wir sind auf ziemlich viel schöne und auch ganz schön alberne Dinge gekommen. Und als das Thema langsam ausgereizt war, wird mein Kumpel plötzlich ernst und sagt: „So schwierig wie das manchmal unter uns Menschen ist mit streiten, ärgern, fies sein und ignorieren - irgendwie sind wir auch füreinander gemacht. Und ich meine jetzt nicht nur als Mann und Frau, sondern auch als Oma und Enkel, Nachbarinnen und natürlich auch beste Kumpels.“
Stimmt, wir Menschen können uns gegenseitig unglaublich auf die Nerven gehen, uns verletzen, enttäuschen und manchmal aus dem Weg gehen. Und trotzdem brauchen wir einander. Vielleicht ist es genau das, was Gott sich dabei gedacht hat, dass er uns nicht als Einzelkämpfer auf die Welt geschickt hat. Wir müssen unser Leben nicht nur irgendwie alleine über die Bühne bringen. Nein, wir sollen teilen, miteinander lachen, uns lieben und trösten, uns überraschen, einander den Rücken freihalten, und manchmal eben auch den Rücken eincremen.
Meinem Kumpel und seiner Zukünftigen wünsche ich, dass sie diese Gratwanderung zwischen Freiheit, Unabhängigkeit und aufeinander angewiesen sein gut hinkriegen werden. Meine Erkenntnis des Abends heißt: Wir brauchen uns einfach. Und das ist etwas sehr Menschliches - und vielleicht auch Göttliches.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45211Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Sonntagnachmittag. Kleiner Ausflug nach Uhlbach. Spaziergang zur Grabkapelle auf dem Rotenberg oberhalb von Stuttgart. Meine Frau und ich lieben diesen Ort. Wegen der Aussicht. Und wegen der Weinberge. Und wegen der Romantik … „Die Liebe höret nimmer auf.“ – zu lesen in goldenen Lettern außen an der Kapelle. Diese Aufschrift hat König Wilhelm im Jahr 1824 da für seine zu früh verstorbene Frau, Königin Katharina, anbringen lassen.
„Die Liebe höret nimmer auf.“ An diesem Nachmittag allerdings hört der Sommer auf. Gefühlt.Wir sind losgegangen bei angenehm spätsommerlicher Witterung. Aber auf einmal wird es herbstlich. Von Westen her. Wolken und Wind. Und gleich „an Kittel kälter…“ Zunächst Enttäuschung. „Jetzt wars die ganze Woche schön.“
Aber dann entdecke ich, verstärkt durch das Grau am Himmel, plötzlich wunderbare Sachen.Goldgelbe Quitten, einen Apfel zum Anbeißen, knallige Hagebutten, eine Dahlie wie ein Kunstwerk, einen knallgrünen Grashüpfer auf einem schwarzen Autodach. Alles Herbst. Aber wunderschön. Und zumindest für mich erst sichtbar, als mich die Sonne nicht mehr blendet und der Himmel grau geworden ist.
Als ich die tiefroten Weinblätter an den Rebstöcken sehe, denke ich: Wie schön die Blätter älter werden. Zum Glück versuchen sie nicht krampfhaft, jung zu bleiben. Und faltenfrei. Wäre schade um den Herbst. Auch im Leben. Klar ist Altwerden nichts für Feiglinge. Aber ob Botox und Anti-Faltencreme die Sache besser machen?
Oben an der Grabkapelle angekommen: ein Paar. Beide sicher um die 80. Sie stehen vor der Grabkapelle und versuchen sich an einem Selfie. Klappt nicht so ganz. Immer fehlt was.
„Soll ich ein Bild von Ihnen machen?“ frage ich?
„Ja gerne.“ Beide strahlen. Schön, das Foto. Die beiden sind zufrieden. Am oberen Rand natürlich der Schriftzug. „Die Liebe höret nimmer auf.“
„Stimmt das?“ frage ich. „Ja, schon.“ sagen beide. „Aber ab und zu versteckt sie sich. Dann muss man sie suchen.“
Beim Zurückgehen läuft meine Frau vorne draus. Mir kommt ein Lied auf die Lippen. „Sie hat zwei blaue Äugelein, sind röter als der Wein. Ein solches Mädchen findtst du nicht, wohl unterm Sonnenschein.“
Es regnet. Und meine Frau geht in drei Monaten in den Ruhestand. Aber stimmt trotzdem. Das mit dem Mädchen und dem Sonnenschein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45278SWR3 Worte
Heute ist der Gedenktag des Heiligen Franz von Assisi. Vor 800 Jahren ist er gestorben. Hinterlassen hat er uns den “Sonnengesang” - ein Gebet, das Gott und die Schöpfung lobt und alles zu Bruder und Schwester des Menschen erklärt. Franziskus schreibt :
“Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
[...]
durch Schwester Wasser,
[...]
durch Bruder Feuer,
[...]
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.
Quelle:
https://franziskaner.de/der-sonnengesang/ , Ausdruck bom 30.09.2026 um 23:25 Uhr.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45318Begegnungen

… heute mit Martin Wolf und mit dem Franziskanerbruder P. Norbert Lammers. Ich treffe ihn am sogenannten Geistlichen Ort Hofheim im Taunus. Da lebt und arbeitet er. Seit mehr als 40 Jahren gehört Bruder Norbert der Gemeinschaft des Heiligen Franz von Assisi an. Der ist fast auf den Tag genau vor 800 Jahren gestorben. Geboren als Sohn eines reichen Kaufmanns in Assisi gibt Franz mit 26 Jahren allen Wohlstand auf. Er lebt von da an radikal so, wie er die Botschaft Jesu verstanden hat. Als Armer unter den Armen. Eine irre Geschichte. Was ist das, was Menschen noch heute an ihm fasziniert?
Das eine Stichwort ist in der Tat Armut. Ich würde es heute übersetzen mit „einfaches Leben“. Also was brauche ich oder was brauche ich auch nicht? Das andere ist, wie Franziskus Schöpfung gesehen und entdeckt hat und wie er sich darin bewegt hat. Ich glaube, das ist heute etwas sehr Aktuelles. Und das Stichwort Evangelium. Nicht nur die Lebensbiografie eines Jesus von Nazareth, sondern einfach, was da an Impulsen drinsteckt. Was lässt sich herunterbrechen in meine Zeit und Welt. Es gibt ja diesen schönen Satz: Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hast. Und ich glaube, darum geht es.
Nun ist Armut ja etwas, das vielem widerspricht, was Menschen heute wichtig ist. Wie schafft man es, freiwillig arm zu leben?
Mit einer Portion Ernsthaftigkeit und mit einer Portion Leichtigkeit. Also Armut sollte nichts Verkrampftes sein, sondern ich sehe es als eine Grundrichtung im Sinne eines einfachen Lebens. Das heißt auch für mich, ich brauche nicht alles, sondern ich finde hinein in ein miteinander teilen. Ich bin mir auch dessen bewusst: Ich werde nicht so arm leben, wie ein Armer lebt. Und da ist für mich ganz wichtig, die Armen zu sehen: wie nehme ich sie wahr, wie begegne ich ihnen?
Franz ist damals, wie Jesus, zu den Leprakranken gegangen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren? Warum war das im Rückblick so wichtig?
Die Begegnung mit dem Aussätzigen ist für Franziskus die zentrale Schlüsselstelle seines Lebens gewesen. Den Menschen nicht auszuweichen in ihren Lebenssituationen, sondern sich diesen Situationen auch zu stellen. Franziskus hat sich selber überwinden müssen und kann rückblickend sagen: das ist nicht aus meiner eigenen Kraft entstanden, sondern ich weiß mich geführt von etwas Größerem.
Ich begegne Franziskanerbruder P. Norbert Lammers. Einem echten Nordlicht. Aufgewachsen im Emsland hat es ihn durch seinen Orden vor vielen Jahren nach Hessen verschlagen.
Sein Ordensgründer Franz von Assisi hat im Jahr vor seinem Tod ein Stück Weltliteratur geschrieben. Ein großes Loblied auf Gottes Schöpfung. Auf alles, was ihn umgibt. Alles seine Brüder und Schwestern, sagt Franz.
Dieser Gesang ist ja geboren worden in einer für Franziskus sehr schwierigen Zeit, wo er über sich und seinen Weg nachgedacht hat. Und als wenn so ein Schalter umgelegt wird, dass er, wenn er über sich und sein Leben reflektiert, aufmerksam wird mehr und mehr auf den, der hinter allem steht. In der Schöpfung entdeckt Franziskus etwas von der bedingungslosen Liebe des Schöpfers, der Schöpferin.
Meine ganze Umwelt also ein einziger Ort, an dem auch ich Gott erfahren kann.
Jemand hat mal davon gesprochen, dass Gott transparent ist. Und das finde ich eigentlich ein schöner Ausdruck auch. Gott wird transparent in der Schöpfung. Wenn der Mensch darüber staunt, wie schön die Schöpfung ist.
Wenn ich die Welt so wie Franz von Assisi sehe, was wären die Konsequenzen?
Ich glaube, den Blickwinkel auf die Schöpfung zu verändern. Also nicht als Gegenüber, mit dem ich machen kann, was ich will. Die Schöpfung wirklich sehen zu lernen als Mitgeschöpf und ja, der Schöpfung zum Leben zu verhelfen.
Naturschutz könnte man dann auch als eine Art spirituelle Übung sehen.
Spiritualität hat etwas mit einer Einstellung oder mit einer Geisteshaltung zu tun. Das heißt, aus welchen Quellen lebe ich? Oder möchte ich leben? Also ich glaube schon, dass Schöpfung und der Umgang mit ihr etwas mit Spiritualität zu tun hat.
Am Ende frage ich Br. Norbert zu einem besonderen Aspekt der Schöpfung. Nach der Bibel erschafft Gott zum Schluss den Menschen. Gott sah alles an, heißt es da, und es war sehr gut. Daran knüpft die berührende ARD-Doku „Wie Gott uns schuf“ an. Auch Br. Norbert hat darin mitgewirkt. Sie stellt mehr als 100 Menschen vor, die für die Katholische Kirche arbeiten und queer sind. Für Manche in der Kirche ein Problem. Ist also doch nicht alles gut, was Gott geschaffen hat?
Also ich sage immer gerne: Gott ist der Liebhaber oder die Liebhaberin der Vielfalt. Die Vielfalt der Schöpfung. Die Buntheit. Und wenn er den Menschen geschaffen hat, und es war sehr gut, dann liebt Gott auch die Liebesfähigkeit und die Liebesbedürftigkeit des Menschen und will, dass der Mensch sich auch entfalten kann. Also ich glaube, wir queere Menschen sind von Gott gewollt und geliebt und das ist bei allen Menschen noch nicht angekommen. Leider.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45309SWR Kultur Lied zum Sonntag
Die Extreme des Lebens liegen manchmal ganz schön nahe beieinander. Da ist der wunderbare Urlaub mit der Familie und nach der Rückkehr erfährt die Mutter, dass ihr gekündigt wurde. Da ist das Fest mit vielen Gästen und wenige Tage später erzählt ein Freund von der Krebsdiagnose. Glück und Schmerz, Freude und Trauer liegen oft nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt. Erfahrungen, die das Lied verdichtet, das ich heute vorstelle. Es heißt: Korn, das in die Erde.
Wie sich Sterben und Leben, Ende und Anfang ineinander verschränken, wird in einem ganz alten Bild erzählt. Das Samenkorn wird ausgesät, stirbt, verwandelt sich, wächst und durchbricht mit grünen Halmen die Erde. Ein mächtiger Vorgang. Der lässt sich nicht aufhalten. Die Natur, das Leben setzt sich immer wieder durch. Kein Wunder, dass Christinnen und Christen dieses Bild mit Ostern verknüpfen.
Die Anspielungen auf Ostern entnimmt der deutsche Texter Jürgen Henkys dem englischen Original Love is Come Again. Der anglikanische Theologe John Macleod Campbell Crum schreibt Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Liedtext auf die Melodie eines französischen Weihnachtsliedes aus dem 15. Jahrhundert: Noël nouvelet, Noël chantons ici. Auf deutsch: Neues Weihnachten, Weihnachten singen wir hier.
Auf den ersten Blick mutet das ziemlich merkwürdig an. Eine Melodie, auf die sich sowohl ein Weihnachts- wie auch ein Osterlied singen lässt. Für mich ist das eng miteinander verbunden. Bei der Geburt, da wird ein Same gelegt. Wir können nicht wissen, was aus dem neugeborenen Menschen wird. Wie sein Leben verläuft. Und es dauert Jahre, in denen dieses Leben wächst, entfaltet, blüht und selbst wieder Früchte trägt. Mehr noch: Jedes Leben ist doch davon gekennzeichnet, dass es Höhen und Tiefen gibt. Manches kommt zur Welt. Es gibt kleine Tode und viele Momente, in denen etwas Neues beginnt. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der das auch in der Natur deutlich wird. Da zeigt sich, wie eng Tod und Leben, Vergehen und Werden zusammenhängen. Da wird gesät und dann ruht über den Winter der Samen in der Erde. Mit der Hoffnung verbunden: Da wird was draus.
Gerade der Herbst ist eine Zeit, die für Tod und Geburt und Neuanfang steht. Das kann ich ganz nüchtern betrachten. Oder ich kann merken, dass ich selbst verstrickt bin in dieses Leben, in diese Geschichten zwischen Weihnachten und Ostern. Davon erzählt die dritte Strophe.
Hier komme ich ins Spiel. Als Mensch, der selbst manchmal verloren ist, wie ein Samenkorn in der Erde. Von Wachstum ist da nichts zu sehen. Eher vom Gestrüpp und von Dornen, die mich gefangen halten. Manchmal ist da gar nichts anderes möglich, als das auszuhalten. Den Tod, das Sterben, das Ende auszuhalten. Und sich an den grünen Halm der Liebe zu klammern. Der im Frühjahr aus dem Boden wächst. Von dem an Weihnachten und Ostern erzählt wird. Und der da zu wachsen beginnt, wo Menschen sich mit Liebe begegnen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45295SWR3 Gedanken
Es gibt Leute, die stehen morgens auf, fahren einmal mit dem Kamm durchs Haar – und die Frisur sitzt. Bei mir ist das anders. Ich kann gelen, kämmen und kleistern, so viel ich will: Am Ende machen meine Haare doch was sie wollen.
Manches lässt sich im Leben eben nicht in Form bringen. Da helfen keine Tricks. Ich kann die klügsten Organizer-Apps nutzen, mich fit und gesund halten und voller Tatendrang in den Tag starten; und trotzdem wird es immer wieder Dinge geben, die ich nicht im Griff habe: Zum Beispiel welche Wege meine Kinder einmal gehen werden. Ob das Wetter meine Pläne durchkreuzt. Oder ob eine Bekannte, um die ich mir Sorgen mache, sich endlich Hilfe holt.
Für Anpack-Freaks ist das schwer auszuhalten. Die wollen helfen, Probleme lösen, Ratschläge geben, motivieren. Ich bin auch so ein Typ, doch nicht alles, was mir wichtig scheint, ist auch meine Aufgabe.
Dann ist Ärmel hochkrempeln einfach nicht dran, sondern Loslassen. Nicht so, dass mir die Leute um mich herum egal sind. Sondern eher so in die Richtung, dass ich anerkenne, wo meine Verantwortung endet und Vertrauen anfängt. Das hat für mich auch was mit meinem Glauben zu tun. Ich vertraue darauf, dass Gott bei denen ist, die ich nicht retten, lenken oder festhalten kann. Und ich bete um Gelassenheit.
Vielleicht ist das die schwierigste Übung für Anpack-Freaks; zu sagen: Es ist nicht meine Geschichte - es ist deine; ich kann dich begleiten, aber du schreibst sie weiter und wenn du willst, kannst du sie auch in Gottes Hand legen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45287SWR1 3vor8
„Der Weg zu Gott kann niemals am Menschen vorbeiführen.“ Dieser Satz wird Franz von Assisi zugeschrieben. Aber ob er so von Franz von Assisi gesagt wurde? Bei einer Person, die gestern vor 800 Jahren gestorben ist, ist das schwer zu sagen. Aber dem Sinn nach entspricht das wohl genau seiner Grundüberzeugung. Ich versuche es einmal mit meinen Worten zu sagen: Wer etwas über Gott sagen will, muss den Menschen kennen. Er muss wissen, was ein Mensch braucht, um zu leben, was ihn glücklich sein lässt oder traurig macht. Er muss tief in die menschliche Natur eindringen, um zu verstehen, wo der Mensch über sich selbst hinauswachsen kann und wo er erbärmlicher ist als jede andere Kreatur.
„Der Weg zu Gott kann niemals am Menschen vorbeiführen.“ Ich könnte es auch so sagen: Wer Gott nahe sein will, muss den Menschen lieben. Anderen helfen, dass ihre Sehnsüchte erfüllt werden, dass sie an ihren Grenzen - zuletzt am Tod - nicht verzweifeln.
Gott ist Mensch geworden, damit wir ihn besser verstehen. An Weihnachten in Jesus von Nazareth. An jedem Tag in jedem von uns. Das ist ein Kerngedanke des christlichen Glaubens, den es so in keiner anderen Religion gibt. Mir scheint, aus diesem Grund hat der Hl. Franziskus die Weihnachtskrippe erfunden. Weil der Weg zu Gott bei ihm über die Kreaturen führt. Ochs und Esel, Hirten und Schafe sind von Gott geschaffen, um Gott in ihre Mitte zu holen und ihn dort anzubeten. Umgekehrt bedeutet das: Überall, wo zerstört wird, was Gott geschaffen hat, geht es gegen Gott. Dort kann kein wahrer Glaube sein, dort ist Gott fern. Wo Tiere gequält werden, damit wir billiges Fleisch haben. Wo das Wetter verrückt spielt, weil uns egal ist, wie das Klima sich verändert. Wo Krieg geführt wird, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was der Mann aus Assisi tun würde, sähe er das Ausmaß, mit dem der Mensch gegen Gottes Schöpfung handelt.
Ein Text ist von Franziskus mit Sicherheit überliefert: der Sonnengesang. Er heißt ursprünglich „Cantico delle Creature“, wörtlich übersetzt: Gesang der Geschöpfe. Alle, die wissen, dass Gott sie geschaffen hat, loben den Höchsten. Sie beugen sich unter seiner Weisheit und Größe. Sie stellen eben nicht sich selbst an die erste Stelle, sondern verstehen, wie klein und unbedeutend sie im Bezug zum Wunder der Schöpfung sind. Das liegt eben auch im menschlichen Wesen. Es ist entscheidend, sich darüber klar zu sein. Und wahrscheinlich der erste Schritt, um unsere Welt besser zu machen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45248SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Michael, Raphael, Gabriel – drei Engel, die einen Namen haben. Diese drei werden in der katholischen Kirche als Erzengel bezeichnet.
Ganz ehrlich, mit dem Wort kann ich wenig anfangen. Das klingt in meinen Ohren verstaubt und altbacken. Erzengel bedeutet so viel wie „Oberengel“. Sorry, aber das ist nicht mein Fall. Soll es etwa auch noch bei den Engeln eine Hierarchie geben?
Ob mit oder ohne Namen, unter Engeln verstehe ich Boten zwischen Gott und den Menschen. Und diese drei, Michael, Raphael und Gabriel, sie stehen für ganz unterschiedliche Aspekte Gottes. Das wiederum finde ich schön und damit kann ich auch was anfangen.
Da ist Gabriel. Bekannt aus der Weihnachtserzählung. Er bringt Maria die Botschaft, dass sie ein ganz besonderes Kind zur Welt bringen wird.
Oder Raphael, der in der Bibel den Israeliten Tobit begleitet. Ganz unscheinbar, aber äußerst hilfreich.
Und schließlich Michael. Im letzten Buch der Bibel wird er als Kämpfer gegen das Böse vorgestellt.
Die Erzählungen zeigen mir, wie in dieser Welt schon ein Stück Himmel erfahrbar werden kann. Engel bringen mir Gott nahe, machen mir deutlich, wie sich Gott mitten in unserem Alltag zeigt. Manchmal überraschend, manchmal ganz versteckt oder auch ganz offensichtlich. Und das Beste: Durch Menschen wie du und ich. So kommt es, dass auch ich hin und wieder zu jemandem sage: „Du bist ein Engel“. Das kann die Nachbarin sein oder der Freund.
Es sind Momente, in denen ich spüre: Da ist jemand für mich da. Da kommt Hilfe zur rechten Zeit. Da hat jemand ein gutes Wort für mich eingelegt oder eine Hand ausgestreckt nach einer Auseinandersetzung. Und das finde ich weder verstaubt noch altbacken, sondern richtig gut!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45247







