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SWR1 Begegnungen

26MAI2024
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Martina Rudolph-Zeller Copyright: Stuttgarter EVA

Ich treffe Martina Rudolph-Zeller, die die evangelische Telefonseelsorge in Stuttgart leitet. Die 62-jährige Sozialpädagogin hat mehrere therapeutische Ausbildungen und ist bereits seit 10 Jahren dabei. Was für sie der Kern der Telefonseelsorge ist, beschreibt sie so:

Jeder kann Telefonseelsorge nutzen, jeder kann die Telefonnummer wählen. Wir sind so ein offenes Angebot. Wir fragen nicht nach der Krankenkasse, wir fragen nicht nach der Versicherung. Es kostet kein Geld.

Als ich Frau Rudolph-Zeller frage, wie viele Anrufe sie und ihr Team pro Tag bewältigen können, bin ich schier überwältigt:

Circa 40 pro Tag. Insgesamt führen wir pro Jahr über 13.000 Gespräche, ungefähr 1500 Chats und sind im Kontakt mit 1500 Menschen per Mail.

Und das allein im Großraum Stuttgart. Sehr viele Menschen suchen den Kontakt, weil sie sich einsam fühlen. Wie zum Beispiel eine junge Frau, die – neu nach Stuttgart zugezogen – einfach keinen Anschluss gefunden hatte.

Wir haben gemeinsam überlegt, welche Möglichkeiten sie noch finden kann, welche Hobbys sie hat und welche Vorlieben und wo sie noch mal schauen kann, welche Gruppe es da noch gibt. Hier in der neuen Stadt. Und die ganz gestärkt und hoffnungsvoll aus dem Gespräch ging, in der Kraft, sich wieder neu, doch auch dem Thema zuzuwenden und nicht aufzugeben.

Die Menschen wechseln ihren Wohnort und damit ihr soziales Umfeld viel häufiger als früher, meint Rudolph-Zeller. Gleichzeitig bleibt der Austausch über Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram eher oberflächlich.

Die tragfähigen Beziehungen sind rar. Menschen zu haben, mit denen man wirklich über die Dinge sprechen kann, die einen im Tiefsten berühren und nicht nur oberflächlich Smalltalk führen. Da gibt es einen hohen Bedarf und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Mangel.

Wer einsam ist, ist auch mit seinen Sorgen und Ängsten allein. Das kann hilflos machen. Und dann kann es passieren, dass diese Hilflosigkeit umschlägt in Wut und Aggression.  Auch davon bekommen die Ehrenamtlichen an den Apparaten der Telefonseelsorge einiges ab.

Wir hören vor allem zu. Wir versuchen auch nachzuvollziehen und zu verstehen: Wie kommt es zu dieser Haltung? Ganz oft hören wir dann von viel Ungerechtigkeit, die erlebt wurde im Leben. Das Gefühl: alle kriegen und ich krieg nix oder ich komme zu kurz, es geht über mich hinweg. Keiner sieht mich, keiner nimmt Rücksicht.

Der Bedarf nach einem offenen Ohr und einem persönlichen Gespräch ist groß. Und um dem gerecht werden, ist das Team der Telefonseelsorge beständig auf der Suche nach Nachwuchs. 

Zusammen mit ihrer Stellvertreterin und einer 50%-Honorarkraft betreut Martina Rudolph-Zeller 120 Ehrenamtliche, die sich in der Stuttgarter Telefonseelsorge engagieren. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, für die die Ehrenamtlichen gut ausgebildet und sorgfältig ausgewählt werden. 

Man muss sich bei uns bewerben. Wir führen Kennenlerntage durch, wir nehmen uns richtig Zeit miteinander, führen Einzelgespräche: Wie stabil ist die Person, wie gut hat sie auch die Dinge, die sie erlebt hat, verarbeitet? Welche Motivation hat die Person, dieses Ehrenamt auch zu machen?

Diejenigen, die schließlich ins Team kommen, erwartet eine Tätigkeit, die fürs eigene Leben sehr bereichernd ist.

Ehrenamtliche sagen, dass sie eine Gemeinschaft gefunden haben. Ganz viele sind sehr beglückt über die sinnhafte Tätigkeit und viele sagen, sie selber haben sich auch ein bisschen verändert und können ihre Themen, Konflikte besser angehen.

Trotzdem gehen die Sorgen und Nöte der Menschen nicht spurlos an den Ehrenamtlichen vorbei. Regelmäßig treffen sie sich deshalb in Kleingruppen zur Supervision um das Erlebte aufzuarbeiten. Und auch Einzelgespräche sind jederzeit möglich:

Wir haben hier eine Mitarbeiterin, die ein Einzelgespräch bei mir suchte. Ihr Mann war plötzlich verstorben, schon vor einigen Jahren. Und sie dachte, sie hätte es gut verarbeitet. Und dann hat sie am Telefon eine trauernde Frau gehabt, die ihren Mann verloren hat. Und sie war sehr konfrontiert mit ihrer eigenen Trauer, die sie richtig überschwemmte in diesem Gespräch. Und das musste sie erst mal für sich wieder verarbeiten.

40 Telefonate gehen bei der Stuttgarter Telefonseelsorge täglich ein. Der Bedarf wäre sogar noch größer, aber dazu fehlen schlicht und ergreifend die Mittel. Neben der Finanzierung durch die evangelische Kirche und die Stadt Stuttgart ist die Telefonseelsorge jetzt schon auf Spenden angewiesen, und wie die Arbeit auch in Zukunft solide finanziert werden kann, ist ungewiss.
Martina Rudolph-Zeller jedenfalls will den Menschen Mut machen, zum Hörer zu greifen und die 0800 111 0 111 zu wählen, wenn die Sorgen übergroß geworden sind, oder Einsamkeit und Angst nach der Seele greifen. Und sie unterstreicht: die Sehnsucht nach einem offenen Ohr ist konfessionslos:

Es gibt Menschen, die sich bei uns melden, die hadern mit Gott, die sagen, warum lässt Gott das zu, dass es mir schlecht geht? Wie kann Glaube mir helfen? Und es gibt aber auch Menschen, da ist das Thema Glaube und Gott und Kirche überhaupt kein Thema. Die sind ganz in ihrer Situation und suchen jetzt eine Gesprächspartnerin, die für sie da ist und mit ihnen nach einer Lösung und nach einer Erleichterung sucht und auch nach einem Trost.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

26MAI2024
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Vielleicht besuchen Sie heute einen Gottesdienst. Oder vielleicht gehen Sie stattdessen lieber in der Natur spazieren. Vielleicht machen Sie aber auch beides. Ich hätte da ein hübsches Lied, das auf jeden Fall für beide Gelegenheiten passt:

Musik 1: Strophe 1

Himmel, Erde, Luft und Meer
zeugen von des Schöpfers Ehr.“
Das kann ich jetzt im Frühling gut nachvollziehen! Ich gehe an gelben Rapsfeldern entlang und weiter in grüne Wälder. Am Himmel wechseln Wolken und Sonne, in der Luft liegen verschiedene Düfte.
Wenn Himmel und Erde davon zeugen, wie wunderbar Gott alles gemacht hat, dann kann auch ich nicht schweigen:
„Meine Seele, singe du,
bring auch jetzt dein Lob herzu.“

Musik 1: Strophe 2

Diesen Lobgesang hat Joachim Neander geschrieben. Er lebte von 1650 bis 1680, davon entscheidende fünf Jahre als Prediger in Düsseldorf. Dort schrieb er viele Lieder, unter anderem dieses.
In der Nähe von Düsseldorf ist ein Tal nach ihm benannt: das Neandertal. Er besuchte es, so oft er konnte. Alte Bilder zeigen eine Schlucht, hohe Felsen umrahmen einen Bach. Wunderschön muss es dort gewesen sein. Heute sieht es dort ganz anders aus: Die Felsen wurden abgetragen und als Baumaterial verwendet. Wir Menschen machen uns alles zu Diensten und zu Nutzen. Haben wir noch Platz für das Lob des Schöpfers?

Musik 1: Strophe 3

Das alte Loblied öffnet mir eine neue Sicht: Etwas, das ich so besinge, das versuche ich auch zu schützen. Ich sehe, wie in der Schöpfung eins ins andere greift und alles seinen Platz hat. So suche auch ich meinen Platz darin. Die Welt ist Gottes Schmuckstück. Und Gott lässt nicht nach, immer wieder Neues zu schaffen. Als die Industrie das von ihr zerstörte Neandertal wieder sich selbst überließ, entstanden dort neue Schönheiten. Gottes Finger zeigen mir neue Wege.

Musik 1: Strophe 4

So, wie Neander die Vögel beschreibt, denke ich dabei auch an uns Menschen: Sie sind nicht allein, sie brauchen einander. So wie wir.
Donner, Hagel und Wind, die Naturkräfte, denen wir oft hilflos ausgeliefert sind: Neander nennt sie Gottes Diener. Ein steiler Gedanke! Doch: Wenn selbst der Sturm Gott dienen soll, dann ich erst recht.

„Ach mein Gott, wie wunderbar
nimmt dich meine Seele wahr!
Drücke stets in meinen Sinn,
was du bist und was ich bin.“

Was ich bin: nicht der, der das alles gemacht hat. Ich bin selbst ein Teil der Schöpfung.
Neanders Lied kam mit einer anderen Melodie ins Evangelische Gesangbuch. So singen wir – und singen zusammen als Gemeinde:

Musik 2: Strophen 5+6

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Lied: Himmel, Erde, Luft und Meer (EG 504)

Komponist
Text: Joachim Neander 1680
Musik 1: Lobwasser Psalm 136 / Lobet den Herren inniglich
Musik 2: Georg Christoph Strattner 1691

Musikquellen

Musik 1: Himmel, Erde, Luft und Meer / Fortune’s Musicke / Psalter und Harffe wach't auff (Aus dem Liederbuch des Joachim Neander) / Cantate LC: 00147, C58056 / 01
Musik 2: Himmel, Erde, Luft und Meer / Jugendkantorei Sennestadt / WDR-Kompilation / 6051582106. 001.001(DAAS)

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SWR3 Gedanken

26MAI2024
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Seit fast einem Jahr wohnt er bei uns. Naja, was heißt bei uns?
Serge – so heißt er, sitzt jeden Tag neben der Kirche auf der kleinen Bank, unter der Überdachung und schaut durch die Gegend. Manchmal spielt er auch Karten mit sich selbst oder er schläft. Serge ist wohnungslos. Bei uns im Dorf hat er einen Ort gefunden, wo er sich anscheinend wohl fühlt.

Als es im letzten Winter ein paar Tage sehr kalt wurde, habe ich ihm als Pfarrerin der Kirchengemeinde angeboten, ein paar Nächte in der Kirche zu schlafen. Er hat es gerne angenommen und aus den paar Nächten wurden schlussendlich fast drei Monate. Wenn wir tagsüber die Kirche benutzt haben, verschwand er und kam pünktlich zum Schlafen wieder.

Als der Frühling gekommen war, haben wir von der Kirchengemeinde entschieden, dass es nun warm genug sei, und ich habe ihn gebeten, nicht mehr in der Kirche zu schlafen. Serge hat mich fragend angeschaut, widerwillig genickt und gefragt, ob er nicht noch ein paar Nächte bleiben könnte. Das hat mich geärgert!

Kein Danke! Kein Wort! Ja, nicht ein Wort darüber, dass es ein Glück für ihn war, den ganzen Winter über in der Kirche sein zu dürfen. Stattdessen sogar noch eine Forderung. Sprachlos bin ich rüber ins Pfarrhaus.

Ich hatte Dankbarkeit erwartet. Ganz selbstverständlich. Ich hatte Serge ja was Gutes getan und dafür wollte ich das Mindeste: ein kleines Danke oder wenigstens ein Lächeln. Ich wollte den Beweis dafür bekommen, dass ich wirklich ein guter Mensch bin und jemandem ganz uneigennützig geholfen hatte.

Aber so ganz uneigennützig war es nicht: Der Eigennutz war, dass ich mich besser fühlen wollte. Mir wurde augenblicklich klar: Meine Nächstenliebe gibt es anscheinend nicht bedingungslos.

Das hat mich entsetzt und ich habe mich gefragt, kann ich das überhaupt: jemandem etwas Gutes tun, ohne etwas dafür zu erwarten? Das ist richtig schwer! Und wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin - wahrscheinlich auch gar nicht möglich.

Serge ist immer noch da. Ich unterstütze ihn, wo ich kann, und freue mich, wenn er manchmal deswegen lächelt. Aber ich ärgere mich nicht mehr, wenn kein Danke kommt.

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SWR4 Sonntagsgedanken

26MAI2024
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Immer froh und gut gelaunt …

Stellen Sie sich vor, Sie gehen spazieren. Da kommt ein Mann auf Sie zu; mit Bart. Allerdings nur in der Hälfte des Gesichts! Ich müsste da wahrscheinlich lachen. Und genau das haben die Leute damals in Rom getan, als sie Philipp Neri begegnet sind und der nur halb rasiert war.

Philipp Neri hat im 16. Jahrhundert gelebt. Er war so eine Art Lebenskünstler, ein Heiliger und Spaßvogel. Heute ist sein Gedenktag.

Philipp soll immer froh und gut gelaunt gewesen sein. Und er wollte andere mit seiner Freude anstecken. Mal hat er sich dazu nur halb rasiert, mal ist er im Sommer mit einem dicken Mantel rumgelaufen. Der Effekt war immer derselbe: Die Menschen haben gelacht und für einen Moment vergessen, was sie gerade beschäftigt hat. Sie konnten kurz abschalten. Philipp hat sie aufgeheitert und ihnen vermittelt, dass es sich mit einer Prise Humor leichter leben lässt. So ist er zum Patron der Clowns und Gaukler geworden.

Allerdings war Philipp mehr als ein Scherzkeks: Er wollte durch seine Aktionen vor allem mit Leuten ins Gespräch kommen – und das richtig, mit Tiefgang. Er hat ganz gewöhnliche Dinge getan; aber auf ungewöhnliche Weise. Das hat Menschen irritiert. Sie haben ihn angesprochen und Philipp konnte so den Bogen zu dem schlagen, was ihm wichtig war und ihn selbst so mit Freude erfüllt hat: Gott.

Eines Tages ist Philipp zum Beispiel mit einer Schachtel in Rom unterwegs. Er sucht Perlen. Die Leute sehen ihn und fragen: „Du kannst doch in Rom keine Perlen finden. Philipp lässt sich nicht beirren: „Doch, es gibt welche. Ich habe schon einige gefunden.“ Er öffnet die Schachtel und jeder, der hineinschaut, lächelt. In der Box ist ein Spiegel. Für Philipp ein echter Grund zur Freude: „Du bist eine Perle, ein Schatz. Von Gott geliebt und unheimlich wertvoll.“

Durch solche Aktionen war Philipp bekannt und beliebt. Seine Freude hat ausgestrahlt. Er hat es verstanden, Menschen von Gott zu begeistern. Das haben die Leute in der Kirche damals nicht immer so erlebt und das ist ja auch heute leider oft noch so. Legendär ist auch sein großes Herz. Philipp hat nicht nur von Gott erzählt. Er hat etwas dafür getan, dass Menschen spüren, wie Gott sich ihnen zuwendet: er hat nach den Kranken geschaut, die Armen versorgt und sich um Pilger gekümmert, die nach Rom kamen. Für jede und jeden hatte er ein gutes Wort übrig.

Und trotzdem war Philipp kein Friede-Freude-Eierkuchen-Heiliger!

Aber davon gleich mehr …

… mit dem Finger in der Wunde

Der heilige Philipp Neri war eine Frohnatur. Er hat vor rund 400 Jahren gelebt. In meinen Sonntagsgedanken habe ich erzählt, wie er Menschen aufheitert, ihnen von Gott erzählt und vor allem Freude am Glauben vermittelt. Er konnte aber auch den Finger in die Wunde legen.

Eines Tages empfängt Philipp Kardinäle, also hohen kirchlichen Besuch. Als sie eintreffen, wirft er sich ein rotes Tuch über. Damit sieht er ähnlich aus wie sie in ihrer Pracht; und veralbert sie zugleich: er hält ihnen einen Spiegel vor und kritisiert ihr Auftreten. Sie sollten lieber bescheiden sein – so wie es Christus war. Ein anderes Mal kritisiert Philipp sogar den Papst; zwar auch höflich und charmant, aber unmissverständlich. Auch ihn erinnert er daran, demütig zu bleiben und sich an Christus auszurichten.
Dass sich Philipp das getraut hat! Er hat Dinge angesprochen, die in Schieflage geraten sind; bis auf die oberste Ebene. Da gehört schon was dazu. Aber offenbar hat es ihm keiner übelgenommen. Woran das wohl liegt?

Zum einen hat Philipp für eine gute Atmosphäre gesorgt. Die Leute haben gespürt, dass er es gut mit ihnen meint. Er hat Kritik geäußert, ohne zu verletzen. Ich glaube, darauf kommt es an! Wenn mir jemand Dinge wertschätzend sagt, wohlwollend, auf Augenhöhe und gerne mit etwas Humor, kann ich Kritik annehmen und damit umgehen. Leider scheinen das heute viele zu vergessen: Politikern zum Beispiel werden kaum noch Fehler verziehen. Statt sie konstruktiv zu kritisieren und ihnen eine zweite Chance zu geben, werden sie angegangen und mit Hass überzogen.

Philipp Neri war sich außerdem nicht zu schade, den Clown zu spielen. Die Leute konnten über ihn lachen. Mit dem roten Überwurf hat er sich und die Kardinäle zum Affen gemacht. Das war lustig und hat doch gesessen. Wer kleine Kinder oder Enkel hat, kann den Effekt mal ausprobieren: Wenn das Kind im Supermarkt rumschreit und sich auf dem Boden wälzt, weil es nichts Süßes kriegt, machen Sie es genauso: Werfen Sie sich auf den Boden, strampeln Sie und halten Sie dem Kind den Spiegel vor. Es wird peinlich. Aber vermutlich bewirkt es was!

So etwas braucht allerdings Mut! Man muss schon sehr selbstsicher sein, um das zu tun; von sich selber absehen und wissen, was einem wichtig ist. Das ist der dritte Punkt, warum Philipp wahrscheinlich so ungeniert den Finger in die Wunde legen konnte: er war innerlich frei. Er hat oft gebetet und sich mit anderen über Gott ausgetauscht. Er hat genau hingeschaut auf das, was er geglaubt hat: Von Jesus hat er Demut gelernt, den Nächsten zu lieben und auf Gott zu vertrauen. Das hat ihn gestärkt, ihm Orientierung und Halt gegeben. Und deshalb konnte er Menschen auf das aufmerksam machen, was für ihn nicht zu einem Leben im Sinne Gottes gepasst hat.


Philipp Neri wird oft als Spaßvogel bezeichnet. Für mich ist er aber mehr als das. Er zeigt mir, dass es sich lohnt, immer wieder mal in mich zu gehen und zu schauen, was mich froh macht, woraus ich Kraft schöpfe und was in meinen Augen gut ist – für mich, für andere und vor allem für das Miteinander.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

26MAI2024
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„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Der Satz ist eindeutig und klar. Fast auf den Tag genau seit 75 Jahren steht er so im Grundgesetz. Männer und Frauen sind gleichberechtigt – das klingt so einfach, aber es war ein hartes Stück Arbeit, bis diese Worte 1949 ins Grundgesetz aufgenommen wurden. Vier Frauen haben sich dafür eingesetzt. Man nennt sie die „Mütter des Grundgesetzes“. Einer von ihnen bin ich vor kurzem gegenübergestanden. Elisabeth Selbert aus Kassel. Nein, nicht leibhaftig, sie lebt nicht mehr. Aber: Es gibt eine besondere Erinnerung an sie. Mitten in der Fußgängerzone von Kassel steht Elisabeth Selbert in Bronze gegossen. Lebensgroß, mit Akten unter dem Arm und – im Laufschritt unterwegs. Sie steht nicht wie Statuen normalerweise auf einem Sockel, sie steht direkt auf dem Boden, da, wo alle laufen; einen Fuß hat sie vor den anderen gesetzt. Diese Körperhaltung animiert, mich bei ihr unterzuhaken und in Gedanken ein Stück auf ihrem Weg mitzugehen.

Elisabeth Selbert wollte eigentlich Lehrerin werden, doch weder fürs Mädchengymnasium und schon gar nicht für ein Studium hat das Geld der Eltern gereicht. Sie wurde Postbeamtenanwärterin – und diese Stelle hatte sie nur bekommen, weil es, mitten im 1. Weltkrieg, nicht genug Männer gab. Sie hat dann die richtigen Leute kennengelernt und sich politisch engagiert – für (die) Gleichberechtigung. Und weil sie gemerkt hat, dass sie unbedingt mehr wissen muss, um mitreden zu können, hat sie nochmals die Schulbank gedrückt. Da war sie 30 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern: Sie hat dann das Abitur nachgeholt, Jura studiert, promoviert und nebenher Geld für die Familie verdient. Das war in den 1920er Jahren alles andere als einfach! Als es dann 1949 darum ging, ein Grundgesetz für die Bundesrepublik auszuarbeiten, wurde der Parlamentarische Rat gewählt. Elisabeth Selbert gehörte dazu. Und mit ihr 61 Männer und drei Frauen, die an diesen Formulierungen gefeilt haben.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Für diesen Satz musste Elisabeth Selbert auch bei den Frauen um Unterstützung werben. Sie hat ihnen etwas gesagt, dass noch heute wichtig ist: Es ist die Pflicht der Frauen, sich politisch zu informieren und sich zu engagieren.

Demnächst bin ich wieder in Kassel, zur Fortbildung, und werde bei Elisabeth Selbert vorbeischauen. Weil sie mich inspiriert und mir zeigt: Es lohnt sich dranzubleiben, für Visionen und Träume zu arbeiten.

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SWR1 3vor8

26MAI2024
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In meiner Wohnung gibt es eine Kiste mit Tagebüchern, alten Kalendern und liebevoll geschriebene Karten, die ich irgendwann mal bekommen habe. Ab und zu ist mir danach, in dieser Kiste zu stöbern und ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen. Mit den Dingen in der Hand bin ich ganz schnell in der Vergangenheit. Urlaubsnotizen und Geburtstagskarten liegen da neben den Momenten, in denen ich nächtelang gegrübelt habe, wie ich diese oder jene Entscheidung treffen soll. Hoch-Zeiten neben traurigen und einsamen Stunden.

 

Dass es gut ist, ab und zu mal zurückzuschauen, davon ist auch Mose überzeugt. In katholischen Gottesdiensten ist heute zu hören, wie er die Israeliten auffordert, kurz bevor sie nach vielen Jahren Wüstenwanderschaft ins gelobte Land kommen: „Forsche einmal in früheren Zeiten nach.“ (Dtn 4,32 EÜ)

Und dann fängt Mose direkt selbst damit an, in die Vergangenheit zu schauen: Er erinnert sich, wie er am brennenden Dornbusch Gottes Stimme gehört hat. Wie Gott ihn und das ganze Volk aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat. Mose spannt den Bogen sogar noch weiter, wenn er sagt: „Geh in Gedanken zurück: Beginne bei dem Tag, an dem Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat! Erforsche die weite Welt: Geh von einem Ende des Himmels bis zum anderen!“ (Dtn 4,32 Basisbibel)

Mose ist überzeugt: Gott wirkt in der Geschichte. Indem ich auf die Vergangenheit zurückschaue, kann ich entdecken, wie Gott wirkt. Und im Blick auf meine eigene Lebensgeschichte, auf das, was mein Leben geprägt hat, kann ich den Weg erkennen, den Gott mit mir durch Höhen und Tiefen gegangen ist und immer noch geht.

 

Wenn ich in meiner Erinnerungskiste krame, dann bekomme ich davon eine Ahnung. Ich entdecke, dass manches anders geworden ist, als ich es mir vor Jahren erträumt hatte. Aber auch, dass mein Leben deswegen nicht schlechter ist - dass auch Gutes und Schönes möglich wurde.

Ich erkenne immer wiederkehrende Themen, die an verschiedenen Stellen meines Lebens auftauchen, mit denen ich noch nicht fertig bin, aber mit denen ich zu leben lerne.

Vor allem aber wächst beim Stöbern in mir die Dankbarkeit: für das, was war. Für Familie und Freunde. Und dass ich, im Nachhinein betrachtet, mich gerade auch in schweren Zeiten getragen und gehalten fühlte.

Gott war bei mir und bleibt bei mir! Auch am heutigen Sonntag.

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SWR3 Worte

26MAI2024
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Sind die Zeiten für Religion und Kirche vorbei? Die Bischöfin Petra Bahr ist überzeugt, dass Kirchen auch heute viel zu bieten haben: 

"Christen sind ja keine Popgruppe, die heute retro war und morgen wieder angesagt sein könnte. Kirchen sind und bleiben Orte, in denen nach Gott gefragt wird. Hier ist Platz für Gebete und Stille, für Ohnmacht, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Natürlich sind Kirchen auch Räume, in denen gefragt wird: Was sollen wir tun? (Und:) Was können wir lassen?" 

https://taz.de/Bischoefin-Petra-Bahr-ueber-Pazifismus/!5936205/ Juni 2023

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SWR3 Worte

25MAI2024
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Auch wenn sich Gebete oft nicht erfüllen hat die Pfarrerin Susanne Schneider-Riede Gründe zu beten. Sie sagt:

Ich selbst (..) bete, weil ich (…) darauf setze –, dass Gottes Horizont größer ist als meiner. (…)

Auch für jemand anderes zu beten, ist ein sehr trostreiches Gefühl, denn es gibt uns die Gewissheit, demjenigen etwas Gutes getan zu haben, vor Gott an ihn oder sie gedacht zu haben. Gerade dann, wenn Beten vielleicht das einzige ist, was wir überhaupt tun können.

Wenn man überhaupt erst einmal ausgesprochen hat, was einen bewegt (…) dann ist das bereits eine große Erleichterung und tut einfach gut, selbst wenn unklar ist, was weiter passieren wird.  

 Quelle: Susanne Schneider-Riede: Weil Beten Hoffnung gibt…

Interview durch Judith Weidermann in: ekiba intern. Voller Hoffnung, März 2/2024 , Herausgeber: Evangelische Landeskirche, Evangelischer Oberkirchenart Karlsruhe, S. 9.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

25MAI2024
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Schwarzwälder Kirsch und Himbeer-Sahne – das steht auf Inges und Günthers Kaffeetafel zur Auswahl. Schwarzwälder Kirsch, weil das Günthers Lieblingstorte ist, und Himbeer-Sahne, weil Inge die am liebsten mag. Und dann gibt es noch Butterkuchen, für die Enkelkinder.

Günther und Inge haben etwas zu feiern. Sie sind seit 50 Jahren verheiratet. Ihre Gäste tummeln sich heute im Wohn- und Esszimmer.

Alle bewundern die liebevolle Dekoration: Die feinen Tischdecken, die noch von Tante Liesel bestickt wurden, dazu das kostbare Geschirr und farblich passende Blümchen in zierlichen kleinen Vasen.

Gerade haben die Inge und Günther erzählt, wie sie sich kennengelernt haben, damals, als Günther zur Ausbildung in den Betrieb von Inges Eltern kam. Dann, zwischen Kaffee, Sahnetorte und Prosecco erzählen die beiden kichernd, wie sie sich heimlich in der Mittagspause getroffen haben.

Und jetzt sind sie also schon 50 Jahre verheiratet.

„Was ist denn euer Geheimnis? Wie habt ihr das geschafft?“ fragt ihre Nachbarin, während sie die Kuchengabel weglegt und ihre Serviette zusammenfaltet.

Die beiden schauen sich verschmitzt an, und Inge lacht: „Ach, mit der Zeit lernt man, nicht mehr so schnell beleidigt zu sein. Dann geht´s schon.“

Und schnell wird klar: Das Geheimrezept von Inge und Günther ist keines, das von rosa Brillen und Romantik erzählt. Sondern eher davon, wie man Kompromisse schließt und über Bedürfnisse spricht, wie man verhandelt und nachgibt, wie man lernt, einander weniger zu verletzen und wieder aufeinander zuzugehen, wenn es doch passiert ist. Und vor allem, das betont Günther noch einmal, hat es ihnen immer wieder geholfen, wenn sie sich selbst nicht zu ernst zu genommen haben.

„Wenn ich könnte, würde ich euch das Rezept ja aufschreiben“, sagt Inge am Ende und fährt mit dem Finger die Stickereien auf der Tischdecke nach. Aber das kann sie leider nicht. Denn die Zutaten, so sagt sie, die könne man leider nicht kaufen. Manche könne man sich erarbeiten.

Aber die meisten, sagt Inge, die meisten bekäme man wohl geschenkt, weiß der Himmel woher.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

25MAI2024
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Manchmal fühlt sich das Leben toll an, finde ich. Unbeschwert die Sonne genießen, Freunde treffen, zusammen lachen, … Aber es gibt auch Tage, da greifen andere Gefühle nach mir: Trauer. Schmerz. Angst. Solche negativen Gefühle können das Leben sehr schwer machen. Sollte man sie also möglichst rasch wieder loswerden? *

Natürlich kann man versuchen, die negativen Gefühle zu verdrängen. An was anderes, Schönes zu denken. Den schwierigen Themen auszuweichen. Von Zeit zu Zeit ist das sicher auch vernünftig, um sich nicht komplett runterziehen zu lassen. Aber ich erlebe immer wieder, dass das nicht auf Dauer hilft. Trauer, Schmerz, Angst kommen wieder hoch, wenn ich sie einfach nur wegschiebe. Manchmal ganz unvermittelt oder noch stärker als vorher.

Schon zu biblischen Zeiten hat man diese Erfahrung vermutlich gekannt. Jesus hat mal von einem bösen Geist gesprochen, der einen Menschen für kurze Zeit verlässt, dann aber bald noch stärker zurückkommt. „Am Ende geht es diesem Menschen noch schlechter als am Anfang“ [Lukas 11,26b; BasisBibel], sagt Jesus dazu.

Wenn ich diesen „bösen Geist“ mit dem „bösen Geist“ negativer Gefühle vergleiche, dann heißt das für mich: Es geht nicht darum, negative Gefühle komplett loszuwerden. Aber ich kann lernen, mit ihnen zu leben und sie dabei ein Stückweit innerlich loszulassen. So dass sie mich nicht dauerhaft beherrschen. Ich habe dann immer noch zum Beispiel Angst. Aber die Angst hat nicht mehr mich. Sie gehört zu meinem Leben, aber sie bestimmt es nicht.

Negative Gefühle dürfen also sein. Es ist nicht falsch, dass sie zu meinem Leben gehören. Und schon gar nicht bin ich falsch, wenn ich traurig bin oder Schmerz empfinde oder Angst habe. Das zu wissen, finde ich wichtig. Es hilft mir, negative Gefühle zu benennen, sie auszudrücken. In der Bibel passiert das ganz oft. Zum Beispiel in den Psalmen. Da beschreiben Menschen anschaulich ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Angst. Und sagen das alles sogar Gott im Gebet.

Und: Wenn ich negative Gefühle als Teil meines Lebens akzeptiere, – dann können sie mir mit der Zeit vielleicht auch Wichtiges verraten. Über mich selbst, mein Innerstes, meine Lebensziele. Und dann haben Trauer, Schmerz oder Angst sogar noch etwas Gutes.

*? [Vgl. im Folgenden „barfuß + wild“, „Die Kunst des Loslassens: Wie Vergebung (wirklich) funktioniert, https://seelenfutter.barfuss-und-wild.de/kleineweisheit/1850]

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39930
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