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06DEZ2025
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Diesen Sommer war ich viel mit dem Fahrrad unterwegs. Unter anderem in Holland. Was mir dort auffällt: An jeder Ampel gibt es einen Countdown. Der zählt die Zeit runter, bis es grün wird und ich mit dem Fahrrad weiterdüsen darf: Ich kann zuschauen, wie die grüne Ampel immer näher rückt.

Irgendwie beruhigt mich das. Denn Warten kann ich gar nicht gut. An der Supermarktkasse ist es okay — da schau ich zur Ablenkung aufs Handy. Aber wenn beim Arzt unklar ist, ob alles ok ist mit meinem Körper oder ich behandelt werden muss. Dann drehe ich innerlich fast durch. Dann fühlt Warten sich für mich an wie Ohnmacht: Ich kann in dem Moment nix machen. Und das macht mich wütend.

Was ich inzwischen gelernt habe: Wut ist meistens ein Zeichen, dass mir etwas wichtig ist – und ein Signal, dass es gut wäre, jetzt die Kontrolle abzugeben. Das gelingt mir nicht immer. Dann schreie ich ins Kissen, bete oder schreibe alles auf, was mir durch den Kopf geht. Das hilft: Gefühle rauslassen. Um dann – langsam – zuzulassen, dass ich nichts machen kann.

Wenn ich mal wieder auf was warte, zähle ich runter — nicht die Sekunden an der Ampel — sondern meine eigenen, bis ich ruhig werde. Und dann wird das Warten zu einer Pause für mich. In der ich atme, Wut zulasse und sich womöglich etwas ordnet. Und ich dann gestärkt weiterdüsen darf.

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05DEZ2025
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„Seid ihr auch alle brav gewesen?“ So begrüßt der Nikolaus jedes Jahr bei uns im Viertel die Kinder. Die Kinder stehen dann ganz aufgeregt da: Herzklopfen, leise Kicherer, manche gucken verstohlen auf ihre Hände – haben sie vielleicht doch einen kleinen Streich gemacht?

Als Kind habe ich genau das selbst auch erlebt: diese Mischung aus Spannung, Freude und einem Hauch Angst. Seid ihr auch alle brav gewesen? Klang damals wie heute für mich nach: Macht ihr auch das, was Erwachsene von euch erwarten? Ich finde das unpassend, wenn ein fremder Nikolaus sowas Kinder fragt. Denn der echte Nikolaus damals, der Bischof vor anderthalbtausend Jahren, der Menschen freikauft, Armen hilft und gegen Unrecht handelt, der hat das nie gefragt. Seine Geschenke waren keine Belohnung fürs Bravsein, sondern für die, die es schwer haben, für die, die nicht in die Norm passen, für die, die mutig sind.

Vielleicht ist das die Botschaft, die uns Nikolaus heute erzählt: Heilig sein heißt ganz oft, nicht brav, sondern mutig zu sein. Nicht nur das zu tun, was von einem erwartet wird, sondern für andere einzustehen, für Gerechtigkeit, für Menschlichkeit.

Daran ich denken, wenn ich heute Abend die Stiefel meiner Kinder fülle: dass ich sie nicht fülle, weil sie „brav“ sind, sondern dafür, dass die beiden mutig sie selbst sind. Und ich finde, das kann auch ein Nikolausgedanke für alle sein, die heute Abend einen Stiefel füllen: für die, die kleine oder große Wege gehen, um Gutes zu tun, auch wenn es niemand sieht.

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04DEZ2025
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Mein Opa ist ein geselliger Mensch gewesen. Einer, der sich im Brauhaus zuhause gefühlt hat: zwischen Stimmengewirr, Gelächter und dem Klang von Gläsern. Er hat laut diskutiert, viel gelacht und die Gemeinschaft geliebt. Als Kind habe ich ihn oft dort erlebt. Er ist Bauingenieur gewesen und hat am Abend alle Leute bei deftigem Essen zusammen an einen Tisch gebracht. Wie anstrengend der Tag auch gewesen ist, er hatte die Gabe, alle zum Lachen zu bringen. Deshalb sitze ich auch heute noch gerne in so einem Brauhaus. Ich schaue den älteren Leuten zu, wie sie reden, lachen, einfach zusammen sind – und denke an ihn. Dort, mitten im Leben, spüre ich die Sehnsucht nach meinem Opa besonders. Weil ich mich ihm dort ganz nahe fühle.

Trauer sucht sich solche Orte. Orte, die nicht unbedingt leise oder feierlich sein müssen. Für viele ist der Friedhof ein guter Platz. Ich merke: Meine Trauer braucht auch Raum im Alltag – genau dort, wo mein Leben stattfindet. Dort, wo ich Erinnerungen teile mit meinen geliebten Verstorbenen.

Denn ehrlich gesagt fällt es mir schwer, im Alltag überhaupt traurig zu sein. Ich gestehe mir das oft nicht ein, weil ich ja gut funktionieren will – meinen Job gut machen, zu Hause danach schauen, dass alles läuft. Trauer macht mich langsamer, verletzlich. Und genau deshalb schiebe ich sie manchmal gerne einfach zur Seite. Dabei ist es mir so wichtig, auch mal richtig traurig sein zu können.

Deshalb braucht meine Trauer ihren Ort, ihren Moment, ihren Platz – mitten im Leben. So wie ich ihn manchmal im Brauhaus finde, wenn ich an meinen Opa denke.

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03DEZ2025
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„Provozieren, das ist wie ein Orgasmus.“[1] Das sagt ein Mann, der im Internet als Troll unterwegs ist. Er beleidigt, hetzt, macht andere wütend – und genießt genau das Gefühl, wenn Menschen verletzt werden und ausrasten. Ich finde das erschreckend. Dass Wut für manche zur Befriedigung werden kann.

Trolle sind wie Hacker unserer Gefühle. Sie greifen uns dort an, wo wir empfindlich sind. Und wenn wir aufspringen, haben sie gewonnen. Wenn mich jemand beleidigt, egal ob analog oder digital, dann fällt es mir total schwer, ruhig zu bleiben. Aber vielleicht ist genau das der erste Schritt: ruhig zu bleiben. Nicht, weil mir alles egal ist, sondern weil ich mich nicht manipulieren lassen will.

Und dann: Haltung zeigen. Ohne Aggression, mit Grenzen. Sachlich und ruhig. Aber deutlich. Hass im Netz ist laut, aber er kommt meist nur von wenigen. Die vielen, die anders denken, sind oft mehr – aber sie bleiben still.

Vielleicht liegt genau darin die Verantwortung, wenn mir Hass im Netz begegnet: diese leisen Stimmen zu stärken. Mit Worten, die aufklären statt verletzen. Mit Geduld, Respekt und Nächstenliebe. Uns nicht vom Hass anstecken lassen, sondern bewusst entscheiden, wie wir reagieren.

Denn Nächstenliebe bedeutet in diesen Fällen, sich nicht provozieren zu lassen – und trotzdem nicht wegzuschauen. Sie heißt: den Menschen sehen, auch wenn sein Verhalten abstößt. Für Wahrheit und Fairness einstehen, ohne selbst unfair zu werden.

So schützen wir uns selbst – und gleichzeitig das Miteinander. Damit das Netz nicht nur laut ist, sondern menschlich bleibt.

 

 

[1] Aus: „Hass im Netz. Ich bin der Troll“, erschienen am 8.9.2014 in der FAZ

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02DEZ2025
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Ich sehe auf Insta ein Foto von einer Parkbank. Auf der Rückenlehne steht: „Für Thomas. Damit er immer einen Platz auf dieser Erde hat. Und damit alle, die ihn kannten, einen Ort haben, wo sie ihm nah sein können.“ Seine Freundinnen und Freunde haben die Bank gekauft und das drauf geschrieben. Thomas war jung, viel zu jung, als er gestorben ist. Und trotzdem ist da jetzt etwas, das bleibt: ein Platz zum Erinnern. Zum Innehalten. Zum Weiterreden. Denn manchmal hilft genau das – sich hinzusetzen und leise weiterzusprechen. Als wäre er noch da.

Wie gut, dass es diese Parkbank gibt. Weil Trauer oft sprachlos macht. Weil wir nicht wissen, wohin mit all dem, was wir noch sagen wollen. Diese Bank ist ein Ort dafür. Ein Ort, an dem Erinnerungen Platz haben dürfen. An dem seine Freundin Platz nehmen kann, um sich ihm näher zu fühlen. Oder seine Kumpels sich treffen, um gemeinsam an ihn zu denken. Eine Bank, an der, was war, nicht einfach vergeht. Wo Menschen sich gegenseitig erzählen können, wer Thomas war, was er geliebt hat, wie er gelacht hat.

Und vielleicht spürt man dort auch etwas von dem, was bleibt, wenn Worte fehlen – dieses leise Gefühl von Nähe, das sich nicht erklären lässt. Vielleicht ist genau dort auch Gott: Wo Menschen sich hinsetzen, um zu erinnern, um zu lieben, um nicht zu vergessen. Da ist Leben. Da ist etwas Heiliges.

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01DEZ2025
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Hand aufs Herz: Wer hat bei Ihnen zu Hause den Adventskalender gefüllt? Wer backt die Plätzchen, organisiert das Weihnachtsfest, denkt an Nikolaus, Geschenke, Deko und Essen? Wenn Sie jetzt an eine Frau denken, dann liegen Sie wahrscheinlich richtig. Denn in vielen Familien sind es immer noch die Frauen, die im Dezember den Überblick behalten – und dafür sorgen, dass alles läuft. Advent – das ist ja eigentlich die Zeit der Besinnung. In Wirklichkeit ist es aber für viele die Zeit der Belastung. Weil alles schön werden und niemand enttäuscht werden soll. Weil so viele Erwartungen mitschwingen.

Vielleicht ist es an der Zeit, den Advent neu zu denken. In zweierlei Hinsicht: Als Zeit des Loslassens – und des Übernehmens.

Loslassen heißt: Ich muss nicht alles perfekt machen. Nicht jedes Geschenk, nicht jedes Menü, nicht jede Stimmung. Ich darf auch mal was vergessen, darf müde sein, darf’s einfacher halten. Weil Advent nicht bedeutet, alles zu schaffen – sondern offen zu sein für das, was kommt.

Und Übernehmen heißt in diesem Jahr: Ich schau hin, wer bei uns die meiste Last trägt. Und frage: Wo kann ich mit anpacken? Vielleicht heute mal die Plätzchen backen, das Geschenk besorgen, oder einfach sagen: „Lass, ich mach das.“

Echte Besinnung passiert nicht zwischen Geschenkpapier und Lichterglanz, sondern da, wo wir fairer miteinander umgehen. Wo jemand spürt: Ich muss das hier nicht alles allein tragen. Oder: Ich sehe, wieviel du machst und packe nun auch mit an.

Advent heißt ja: Warten – auf jemanden, der die Welt ein bisschen besser macht. Und das beginnt mitten unter uns.

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30NOV2025
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Bei uns zieht jedes Jahr am ersten Advent jemand ein. Eine Wichtelin. Sie heißt Alva. Und sie bringt ihre eigene Tür mit, einen winzigen Briefkasten und sogar einen Mini-Vorgarten. Schon Wochen vorher haben meine Kinder Postkarten an sie geschrieben: „Liebe Alva, ziehst du dieses Jahr wieder bei uns ein?“

Heute war’s soweit. Die Tür hängt. Alva ist zurück. Und ab jetzt schreibt sie jeden Tag kleine Briefe. Manchmal mit Quatsch, manchmal mit kleinen Aufgaben oder Geschichten. Und ganz nebenbei hilft sie uns Ungeduldigen, auf Weihnachten zu warten.

Klar, das ist keine klassische Weihnachtstradition. Und mit Jesus hat das auf den ersten Blick auch nicht viel zu tun. Aber nur auf den ersten Blick.

Denn Alva macht genau das, was Advent eigentlich bedeutet: Sie schafft Erwartung. Sie schenkt uns kleine Momente der Vorfreude, indem sie meine Kinder zum Lachen bringt. Abends legen die Kinder ihr kleine Briefe in den Briefkasten; und morgens stürmen sie als erstes ins Wohnzimmer um zu sehen, was Alva ihnen für eine Tagesaufgabe gibt: Aufschreiben, was sie alles Tolles am Tag erleben, jemandem ein Kompliment machen oder einfach mal laut einen Witz in der Schule erzählen. Die Wichtelin macht unseren Advent zu einem Ausnahmezustand. Und der heißt: Leben schätzen und lieben lernen.

Meine Kinder wissen übrigens, dass es Alva in echt gar nicht gibt. Sie wissen, dass Mama und Papa dahinterstecken. Und sie wissen auch, worum es an Weihnachten wirklich geht: Dass manchmal etwas ganz Kleines kommt – still, unscheinbar – und plötzlich wird alles heller. So wie durch eine kleine Tür, die sich öffnet und Hoffnung hereinlässt.

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29NOV2025
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Morgen ist der erste Advent. In unserer Kirche: Lichter und Zweige und der Adventskranz. In der Kirche sitzen immer Leute: Kirchenhüter, die Ehrenamtlichen der offenen Kirche. Die öffnen morgens die Kirchentüren, entzünden die Altarkerzen, und in der Adventszeit auch die am Adventskranz. Sie begrüßen Menschen und sind ansprechbar bei Problemen oder Fragen. Auf den Tisch für die Ehrenamtlichen habe ich vor Jahren das erste Mal einen eigenen Adventskranz gestellt. Natürlich einen selbstgebundenen. Am dritten Tag waren bereits drei der Kerzen angebrannt.

Das geht für mich gar nicht, denn am Adventskranz lese ich ab, wie lange es noch dauert bis Weihnachten. Also wird am ersten Advent, die erste Kerze entzündet, am zweiten Advent die zweite, am dritten Advent die dritte und am vierten die Vierte. Dann kann man ablesen an den Kerzen, die unterschiedlich weit herabgebrannt sind, wie wir uns Weihnachten nähern.

Es gibt aber auch die Sparmethode im Umgang mit dem Adventskranz. Die funktioniert so, dass alle Kerzen gleichmäßig herunterbrennen. Keinesfalls soll die erste Kerze zu früh abbrennen und ersetzt werden müssen. Für mich ist das schlicht falsch, und ich habe mich mit den Ehrenamtlichen darüber gestritten und natürlich durchgesetzt, weil ich bei solchen Traditionsfragen sehr pingelig, rechthaberisch und streithaft sein kann. So wie ich es sage, ist es einfach richtig.

Nun frage ich mich, wie geht das anderen? Was ist bei euch im Advent und an Weihnachten nur auf eine Weise richtig? Und mit wem könnt ihr darüber streiten? Denn das sind doch wirklich mal wichtige Auseinandersetzungen!

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28NOV2025
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Drei junge Leute sind bei mir zu Besuch. Kennengelernt habe ich sie noch als Studierende. Jetzt arbeiten zwei von ihnen bei einer Versicherung. Die eine coacht ältere Herren in deren Kommunikation. Erzählt: „Darauf haben die nicht so große Lust, sich von mir etwas sagen zu lassen.“ Die andere ist bei ‚Lebensmathe‘. „Wo?“ frage ich, und bekomme einen Einblick in das Versicherungswesen. Bei Lebensmathematik wird berechnet, wie hoch unterschiedliche Risiken im Leben sind. Für Lebensversicherungen eben: Krebserkrankung, Schlaganfall, Herzinfarkt, Grippe, Suizid, Demenz, Essstörung, Unfälle; bei Männern und Frauen je unterschiedlich, woran und wann jemand wahrscheinlich stirbt.

Alles wird nach Statistiken genau berechnet. Damit die Versicherung am Ende beim Geschäft mit den Lebensversicherungen mehr rausbekommt als die Versicherten. Versicherungen müssen schließlich auch von was leben.

Ganz schön gruselig finde ich das. Ich möchte weder mein Leben noch die Gefahren, die mir begegnen können, so berechnet wissen oder gar selbst berechnen. Ich hätte gerne, dass bei Lebensmathe etwas ganz anderes berechnet würde, Fragen wie: Wie oft verliebt man sich durchschnittlich im Leben? Wie viele Küsse? Wie viele Umarmungen? Wie oft tanzen wir? Und wie oft gehen wir Schlittschuhlaufen? Wie viele Feste, die richtig glücklich machen, feiern wir? Wie verändert sich das mit dem Alter? Und wie gelingt es mir, der Lebensmathe ein Schnippchen zu schlagen und auch mit 80 noch zu schaukeln, zu singen und auf Bäume zu klettern? Und wenn dann noch jemand ausrechnen könnte, wie ich die Wahrscheinlichkeit steigern kann, eine beste Freundin zu finden und ein Leben lang zu behalten und mit ihr glücklich durch den Wald zu spazieren, dann würde Lebensmathe für mich richtig Sinn machen!

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27NOV2025
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In meiner Wohnung richte ich jetzt alles auf Advent ein: Sterne, Engel, Rotkehlchen, Fensterbilder, Lichter. Gerade wenn ich das tue, muss ich daran denken, dass Leute bei uns auf der Straße leben. Junge und Alte, selbst Kinder. Bei allen, die draußen leben, die ich kennengelernt habe, war fast niemand dabei, der sich das selbst ausgesucht hat.

Eigentlich wollen alle ein Zuhause haben. Wollen jetzt die Wohnung mit Adventskranz und Engeln schmücken und gemütlich im warmen Wohnzimmer die dunklen Tage verbringen und Tee trinken. Anstatt einen Schlafplatz auf einer Parkbank, dem Heizungsschacht, einer Baustelle oder Gartenlaube zu suchen.

Die Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag stehen, dass Obdachlosigkeit in Deutschland bis 2030 beseitigt werden soll. Aber ab dem nächsten Jahr soll das Bürgergeld abgeschafft werden und eine Grundsicherung eingeführt, die Menschen so rigoros bestraft, wenn sie einen Termin verpassen oder einer Auflage nicht nachkommen, dass jetzt schon klar ist, dass mehr Menschen dadurch in Wohnsitzlosigkeit geraten werden. Zudem werden Wohnungen, die mal als Sozialwohnungen gebaut wurden, teuer renoviert und dem freien Wohnungsmarkt zugeführt.

Für die Menschen, die jetzt schon draußen sind, sorgt das für immer düsterere Aussichten. Wenn alle es sich gemütlich machen, sich einstellen auf Weihnachten mit Geschenken und köstlichem Essen, fühlt es sich noch schwerer an, eine eiskalte oder gar keine Wohnung zu haben.

Ich jedenfalls wünsche mir und vor allem denen, die auf der Straße leben müssen, sehr, dass in unserem reichen Land auch Ärmere bald wieder leichter Wohnungen finden. Damit auch sie zum Advent die Wohnung schmücken und in Frieden Tee trinken können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43382
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