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... mit Johanna Vering und meine Gesprächspartnerin stellt sich am besten einfach selbst vor.
Ja, hallöchen, ich bin Betty BBQ, die Schwarzwald Drag Queen, Entertainerin.
Betty BBQ trägt einen roten Bollenhut und ein Kleid, das an eine Schwarzwälder Tracht erinnert. Und Betty BBQ ist eine Kunstfigur.
Der Mensch hinter Betty BBQ ist ein homosexueller Mann. Und katholischer Christ. Jetzt ist unsere katholische Kirche ja nicht gerade bekannt dafür, dass sie queeren Menschen gegenüber wahnsinnig offen ist. Das finde ich echt spannend. Wie ist das mit der Kirche und ihm? Hat er seinen Platz gefunden?
Ja, würd ich tatsächlich sagen, als Privatperson auf jeden Fall. Ich geh ja nicht als Betty Barbecue in die Kirche, das Bedürfnis hätte ich auch gar nicht. Das ist zwar eine Seite von mir, das ist mein Job, das ist zum Teil auch meine Berufung. Aber der Mensch dahinter, der glaubt, der muss sich nicht zweieinhalb Stunden aufhübschen, um in den Gottesdienst zu gehen, sondern vor dem Herrn stehe ich dann privat, so wie ich bin.
Also das ist für mich auch immer wieder ein Ausgleich, auch wenn ich in der Kirche ganz, ganz oft die Gemeinschaft vermisse, die so gepredigt wird, wenn ich ehrlich bin. Aber ich hab meine Wege gefunden, eben trotzdem dort willkommen zu sein.
Und dann erzählt Betty, wann sie Gott besonders spürt.
Da stutzen jetzt sicher einige Zuhörer, aber eben Gott und Glaube finden auch da statt, wo eben nicht nur Leid ist, sondern wo Menschen zusammenkommen, wo sie sich gemeinsam freuen, gemeinsam lachen, vielleicht auch mal die Sorgen vergessen und auch einfach Zwischenmenschliches, wo Bänder entstehen. Genau dort ist auch Gott und Glauben.
Und das ist das, was mir so unfassbar viel Energie gibt. Und ganz tief in mir drin bin ich überzeugt, dass ohne Gott das alles gar nicht möglich wäre.
Diese Energie nutzt sie unter anderem, um bei ihren Stadtführungen Menschen zusammen zu bringen und ihnen ihre Heimat Freiburg näher zu bringen. Betty BBQ ist so etwas wie die regionale Botschafterin für Vielfalt und gute Unterhaltung.
Ich habe ein Lebensmotto, das heißt, Heimat ist nicht nur schwarz-weiß. Vielfalt, das ist das, was wichtig ist und Vielfalt kann auch überall zu Hause haben.
Zur traurigen Wahrheit gehört leider auch, dass Betty schon mehrfach angegriffen worden ist. Von Menschen, die ein Problem mit einem Mann in Frauenkleidern haben oder mit Personen, die sich so öffentlich für Vielfalt und buntes Leben engagieren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man solche Angriffe verkraftet. Wie hat Betty das geschafft?
Mein Umfeld hat mir immer wieder zugesprochen und ich hab mich halt auch immer wieder auf meine Berufung bezogen, weil ich bin der tiefen Überzeugung, dass das, was
ich mit Betty BBQ hab, das ist, was in meinem Leben vorgesehen ist, das ist mein Weg.
Das Ganze auch in meinem Leben und meiner Arbeit nicht so viel Raum gewinnen zu lassen, weil man darf dem Bösen nicht so viel Raum geben.
Wow, ich bewundere, wie sie das schafft, unter allen Umständen für sich und das, was ihr wichtig ist, einzustehen.
Was macht die Drag Queen eigentlich gerne, wenn sie nicht mit Makeup und Bollenhut in der Stadt unterwegs ist?
Wenn manchmal nicht so viel los ist, einfach ein Käffchen trinken, draußen sitzen, die Leute beobachten und vor allem das dann privat, also nicht im Fummel, wie man bei Drag Queens ja sagt, sondern ganz einfach in Jeans und T-Shirt. Kein Mensch erkennt mich und ich kann mal ganz passiv einfach nur Beobachter sein.
Betty liebt die Stadt. Auf ihren Führungen geht es natürlich immer auch ins Münster, dem Wahrzeichen der Stadt. Was bedeutet diese Kirche für Betty?
Das Freiburger Münster bedeutet tatsächlich viel für mich. Und vor allem ist es auch der Punkt, der einen begrüßt. Ob man vom Bahnhof kommt, ob man mit dem Auto in die Stadt fährt oder ob man gar zu Fuß Richtung Freiburg pilgert, das Münster mit seinem schönsten Turm der Christenheit, wie mal ein Historiker geschrieben hat, begrüßt einen von weitem.
Genau das erlebe ich auch. Ich hab in Freiburg studiert und bis heute geht es mir so. Wenn ich in Freiburg bin und das erste Mal den Münstertum sehe, bekomme ich Gänsehaut.
Für Betty BBQ und mich steht der Münsterturm auch für den Glauben. Und der spielt eine wichtige Rolle in Bettys Leben. Was ist es, was sie daran schätzt?
Ich kann immer nur dazu sagen, der Glaube bedeutet mir wahnsinnig viel und hat mir auch schon sehr, sehr viel geholfen. Ob ich jetzt wirklich ein frommer oder gläubiger Mensch bin, das weiß ich nicht zu beurteilen. Aber auch als Sünder angenommen zu sein, das ist eine sehr, sehr schöne Botschaft, die mich schon über vieles gerettet hat in meinem Leben.
Betty BBQ hat nicht nur ihren Platz in der Kirche gefunden, sondern ...
... auch meine spirituellen Wege gefunden, indem ich zum Beispiel unfassbar viel pilgere und wallfahrte.
Betty ist schon nach Santiago de Compostela gepilgert, zum Heiligen Rock nach Trier, nach Köln, nach Walldürn im Odenwald oder auch auf den Hörnleberg im Elztal. Was reizt sie daran?
Die Ruhe, das Gottvertrauen und die Erfahrungen am Wegesrand. Einfach dieses in Einsamkeit Gemeinschaft erleben. Hört sich jetzt komisch an, aber genau das, das ist Pilgern zum Teil. Man ist zum Teil sehr, sehr viel wirklich einsam, hat Zeit, viel nachzudenken. Aber wenn der Weg und der Herrgott es will, dann hat man auch Leute an seiner Seite, weil man einfach jemand kennenlernt, weil man spontane Begegnungen hat.
Dieses komplett leben aus dem Gottvertrauen heraus und das mit nur einem Rucksack auf dem Rücken, mit den wenigsten Dingen, die man braucht, dieser Minimalismus auf Zeit, das ist so unfassbar befreiend und auch erfüllend.
Ich bin auch fest davon überzeugt, dass Gott mitten im Leben ist. Sei es unterwegs beim Pilgern, beim Feiern in der Freiburger Altstadt oder wenn es Zuhause drunter und drüber geht. Betty fasst es so zusammen:
Wer Gott ist, das wage ich nicht zu sagen. Ich wage es aber aus voller Überzeugung zu sagen, er ist da!
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Martina Steinbrecher trifft Anna-Manon Schimmel
Die Pfarrerin lebt idyllisch: Ein großes Haus auf dem Land, bevölkert von Hunden, Katzen und Schildkröten; viel Platz für Mensch und Tier. Drei Dörfer in den Rheinauen in der Nähe von Offenburg gehören zu Annas evangelischer Gemeinde. Heute, am katholischen Feiertag Fronleichnam hat sie frei. Sie hat aber auch schon mal mitgeholfen bei den Vorbereitungen für die Fronleichnamsprozession:
Die schönste Erfahrung, die ich gemacht habe mit Fronleichnam war, als ich tatsächlich selber morgens, ganz ganz früh, mit ganz vielen Menschen Blüten gelegt habe auf dem Boden – diese Blütenbilder.
Typisch Anna: Wenn sie was anpackt, kniet sie sich voll rein. Und auch heute Morgen haben sich wieder an vielen Orten landauf landab vor allem Frauen ins Zeug gelegt, um aus tausenden von Blüten kunstvolle Bodenbilder zu arrangieren. Über diese Blütenteppiche schreitet dann später der Priester mit der Monstranz. Und die ganze Gemeinde hinterher. Was der evangelischen Pfarrerin am katholischen Brauch gefällt:
Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass wir mit unserem Glauben an die Öffentlichkeit gehen müssen, weil er sonst verschwindet. Dass man nicht wartet, bis sonntags die Kirche voll wird, sondern eben schaut, wo kann ich denn hingehen? Wo ist Öffentlichkeit? Wo kann ich auftauchen? Das finde ich einfach superwichtig.
Anna-Manon Schimmel hat die Frage nach einem Ort, an dem sie mit ihrem Glauben zu den Menschen gehen kann, für sich eindeutig beantwortet:
Also, sagen wir so: Ich bin selber Kneipengängerin, und als ich Studentin war, bin ich wirklich sehr, sehr gern in Heidelberg in die ganzen Kneipen in der Unteren Straße gegangen.
In so einer Kneipe hat Anna dann auch so eine Art Berufungserlebnis gehabt. Sie weiß es noch genau: Es war ein Faschingsdienstag. Und nach der Uni ist sie mit ein paar Kommilitonen in eine Kneipe eingekehrt.
Und plötzlich: Alle sind dann irgendwie aufgestanden und haben gesagt: Anna, du predigst jetzt! Und dann hat irgendjemand zum Wirt gesagt, er soll mal die Musik leise stellen, und dann hat er die Musik leise gestellt und dann hatte ich auch keine Wahl.
Anna steht auf und predigt. Mitten hinein in die Gespräche und Themen der Leute an den Tischen und an der Theke. Von Jesus, der dabei ist im Leben, auch wenn’s mal eng wird.
… und alle waren so still und danach waren alle irgendwie total ergriffen. Und da habe ich das erste Mal gedacht: Krass, dass es geht an so einem Ort, dass es mucksmäuschenstill werden kann, an einem Ort, wo das Leben tobt.
Mir fällt dazu der alte Schlager von der kleinen Kneipe in unserer Straße ein: „Und du stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke, und bist gleich mit jedem per Du. Die Rechnung, die steht auf dem Bierdeckel drauf, doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.“ 50 Jahre später ist die Kneipenkultur längst eine andere. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Anna mit ihrer Botschaft sehr gut in diese Atmosphäre hineinpasst: Bei dem Gott, von dem sie erzählt, hat schließlich auch jeder Kredit. Gnade heißt das im Kirchensprech.
Ich sage immer, in der Kneipe muss es eben nicht leise sein. Wenn ich spreche, wird es automatisch leise. Aber die Leute dürfen sich eben noch ihr Bier oder ihre Cola weiterhin bestellen. Gerade dieses Wuselige, das ist eben so charmant an der Kneipe.
Anna trägt keinen Talar. In Jeans und T-Shirt unterscheidet sie sich nicht von den anderen Kneipengängern. Zum Predigen lehnt sie am Tresen; zum Beten setzt sie sich auf den letzten freien Platz auf der Treppe. In einer anderen Ecke sitzt ein Gitarrist auf einem Barhocker.
Wir haben schon mehr mit Schlagermusik gehabt, mit Akkordeon und Gitarre. Und bei Liedern, die alle kennen, dann schunkeln und singen natürlich schon auch Leute mit. Aber wir singen eben nicht „Großer Gott, wir loben Dich“ oder eben diese klassischen Gesangbuchlieder.
Jeder darf mitmachen, keiner muss. Auch die Liturgie – also die Form des Gottesdienstes – ist an den Ort bestens angepasst. Es beginnt mit einer Begrüßung.
Und dann eben immer dieses „Prost Gott!“ Da zähle ich dann bis drei. Und wir heben alle unser Glas und schauen gegen den Himmel. Und sagen Prost Gott. Das machen wir einmal am Anfang. Und einmal ganz am Schluss vor dem Segen.
Gebetsanliegen werden auf Bierdeckel geschrieben und anschließend eingesammelt, egal wie viele. Alle Gebete werden laut vorgelesen Das kann dann schon mal länger dauern als ein Gottesdienst am Sonntagmorgen. Abschaffen möchte Anna-Manon Schimmel den übrigens nicht. Sie will aber Mut machen, mit Gottesdiensten auch an andere Orte zu gehen, und vor allem zu Menschen, die mit einem klassischen Sonntagsgottesdienst nicht so gut klarkommen:
In der Kirche ist es ja manchmal so, dass man denkt: O je, wenn es über eine Stunde geht, dann scharrt man schon mit den Hufen und denkt, jetzt könnte die Person da vorn mal zum Punkt kommen. Aber in der Kneipe erlebe ich das anders. Weil mehr ein Austausch, ein Miteinander ist.
Und das ist dann tatsächlich ein sehr evangelisches Konzept: Gottesdienste sind nicht an heilige Orte oder Zeiten gebunden. Sie können überall stattfinden, wo Menschen sich im Namen des dreieinigen Gottes versammeln: eins, zwei, drei: Prost, Gott!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44544
Sie ist die Autorin des Buches „Vier minus drei”*, das nun verfilmt wurde. „Vier minus drei” - die drei steht für drei Personen: ihren Ehemann Heli und ihre Kinder Thimo und Fini. Alle drei hat die Österreicherin vor 18 Jahren bei einem schrecklichen Unfall verloren. Barbara Pachl-Eberhart kann sich noch genau daran erinnern:
Gründonnerstag 2008, ein sonniger Tag, ein bisschen kühl aber durchaus strahlend und ich war gerade unterwegs, hatte mich in der Früh noch verabschiedet, fröhlich, glücklich von meiner Familie. War bei einem Arzttermin mit dem Auto ein bisschen weit entfernt. Und dann noch schnell im Supermarkt Ostereinkäufe machen. Und gerade als ich ins Auto eingestiegen bin, hat mein Handy geläutet und es war die Tagesmutter meiner Tochter und am anderen Ende der Leitung war eine sehr brüchige Stimme - die nur gesagt hat: „Du, es war ein Unfall mit einem Clownbus an einem Bahnübergang.”
Der Clownbus - so hieß das Fahrzeug, weil Barbara und ihr Mann Heli beide als Clowns gearbeitet haben. Barbara als Krankenhausclown in jenem Hospital, in das nun ihre Kinder eingeliefert werden und wo sie kurz darauf sterben:
Ich hab zehn Jahre lang als Clown gearbeitet in genau diesem Krankenhaus - ich hätte auch am selben Tag um die selbe Zeit einen Clowneinsatz gehabt, auf der Station auf der meine Kinder lagen, und wo ich außerdem - und ich glaub das ist ganz wichtig - , wusste dass ich bei Weitem nicht die einzige bin, der so etwas passiert.
Barbara Pachl-Eberhart beginnt in den Wochen nach dem Unfall ihren Verstorbenen Briefe in den Himmel zu schicken - sie glaubt bis heute ganz fest, dass es ihnen gut geht, da wo sie jetzt sind, bei Gott. Sie liest spirituelle Bücher, stellt die Sinnfrage...
Und ich denk geistige Nahrung kann an einer Stelle, wo alles andere wegbricht unendlich lebensrettend sein. Und die Herausforderung war dann eher mich auch um meinen Körper zu kümmern.
Dabei hilft ihr ganz konkret ihr Freundeskreis. An den hat sie in einer emotionalen Mail einen Hilferuf geschrieben: „Vergesst mich bitte nicht...” Die Botschaft kommt an:
Meine Freunde haben mir Essen gebracht, aber sie haben mir z.B. auch Klopapier gebracht, die haben mitgedacht: Die haben gedacht die Barbara war jetzt schon zwei Wochen nicht mehr einkaufen, was könnte sie brauchen? Oder sie sind einfach gekommen und haben mir den Rasen gemäht und ich war so dankbar für diese praktischen Hilfen an einer Stelle, wo ich das selber einfach nicht konnte.
Mich beeindruckt sehr, wie der Glaube an Gott Barbara Pachl-Eberhart, trotz allem was sie erleben musste, immer noch trägt:
Ich glaub nicht, dass Gott die Kraft ist, die uns beschützt vor allem was uns weh tut. Aber ich glaube, dass Gott ganz unbedingt die Kraft ist, die ganz nah bei uns ist und die uns trägt, wenn etwas weh tut. Und wenn Menschen an mich denken im Krankenhaus am Bett meiner Kinder, die sterben und sich fragen: „Wo war denn Gott da?” Dann sag ich: „Bei mir natürlich und er hat meine Hand gehalten und er ist mir beigestanden und er hat dafür gesorgt, dass ich irgendwie dadurch gehen kann.
Ich treffe Barbara Pachl-Eberhart in Wien, wo sie heute lebt. Nachdem sie mit Anfang 30 Ehemann und beide Kinder verloren hat, durchlebte sie Schmerz, Trauer, Depressionen, Zusammenbrüche. Ging zur Psychotherapie. Die heute 52-Jährige hat sich aber auch neu verlieben können, ist heute Mutter der 9-Jährigen Erika. Und sie strahlt mit ihren wachen Augen eine Lebensfreude aus, die mich vor dem Hintergrund ihres Verlusts, sehr bewegt. Das geht nicht nur mir so - inzwischen ist sie für viele Menschen zu einer Anlaufstelle in Trauerfragen geworden, hat darüber auch das Buch „Warum gerade du?”** verfasst, bietet Schreibseminare und Trauerkurse an.
Ein Rat, den ich wirklich gerne und von Herzen gebe, ist, dass man nicht versuchen sollte die Dinge ganz allein zu schaffen, nur mit sich selbst auszumachen - das ist zu wenig. Deshalb gibt es ja so viele von uns. Und wenn man das auf eine spirituelle Ebene bringt, dann gibt es eben jenseits von allen Menschen, mit denen wir reden können, auch noch ein Du, an das ich mich wenden kann , bei dem ich wirklich davon ausgehen kann, dass es mich versteht und nicht nur das, sondern dass es vielleicht auch aktiv irgendwie mir hilft.
Natürlich hat sich ihr Glaube an Gott verändert, aber verloren hat ihn die katholische Christin nicht:
Geblieben ist einfach dieses ganz tiefe Gefühl wir sind nicht allein, wir sind begleitet und vielleicht die Erscheinungsform in der mir Gott am meisten erscheint ist jeder neue Tag, im Wissen da gibt es ein Du. Und der neue Tag ist ein Du, das ich noch nicht kenne, aber dem ich vertraue.
Dieses Vertrauen in den Urheber allen Lebens strahlt sie während unserer Begegnung auch aus. Und sie packt es in wunderbare Bilder - ihre Bücher zu lesen ist trotz der Schwere der Thematik immer auch eine literarische Freude. Weil sie so sprachsensibel ist, hat sie am eigenen Leib erlebt, dass Sprache auch verletzen kann. Insbesondere in der Trauer. Etwa die Frage: „Ist es nicht mal bald gut mit dem Trauern?” Aber auch: „Wie geht es dir?” Für trauernde Menschen oft total überfordernd. Besser ist: „Wie geht es dir heute?” Sie ermutigt mit Trauernden im Kontakt zu bleiben. Und sich immer wieder diese Fragen zu stellen:
Frage dich jeden Tag: wie wärs wenn ich morgen sterben würde, könnte ich im Frieden gehen, hab ich alle Konflikte geklärt, bin ich jemandem was schuldig innerlich, hab ich meine Werte in die Welt gebracht? Und diese Fragen find ich extrem wertvoll für jeden Tag, den uns das Leben schenkt.
Dass ihr Leben nun verfilmt wurde und sie auch ganz eng in den Prozess der Entstehung mit einbezogen war, das ist für Barbara Pachl-Eberhart ebenfalls ein großes Geschenk. Der Film „4-3” wurde auf der Berlinale uraufgeführt, ist weiterhin in Kinos zu sehen und erscheint bald auf DVD.
Ich möchte wirklich allen Menschen danken, die den Mut haben den Film anzuschauen - danke, dass ihr euch traut ein offener Mensch zu sein, euch einzulassen.
Und ich danke Barbara Pachl-Eberhart, für den Lebensmut, den sie mit anderen teilt.
*Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei. Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand, Wilhelm Heyne Verlag, München.
** Barbara Pachl-Eberhart: Warum gerade du?, Antworten auf die großen Fragen der Trauer, Wilhelm Heyne Verlag, München.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44539
Felix Weise trifft Max Magiera, mitten auf einer Baustelle
Er arbeitet beim Stuttgarter katholischen Jugendreferat und begleitet den Umbau der St. Nikolauskirche in Stuttgart – maßgeschneidert für die Bedürfnisse von jungen Menschen. Ein Projekt mit einiger Tragweite: Über 4 Millionen Euro werden bis zum Ende der Bauzeit in diesem Jahr investiert. So ein Investment muss gut überlegt und begleitet werden. Max Magiera erzählt, dass die ersten Überlegungen schon vor vielen Jahren begonnen haben:
2018 sind wir erst mal in einen Beteiligungsprozess gegangen und haben uns eben in verschiedenen Workshops an verschiedenen Stationen damit auseinandergesetzt, wie denn verschiedene Menschen sich die Kirche vorstellen und was dann auch verschiedene Akteure von dieser Kirche brauchen.
Klar – eine Kirche soll Raum bieten, um Gottesdienst zu feiern. Aber was genau sollte sich verändern, damit St. Nikolauskirche zur katholischen Jugendkirche wird? Max Magiera und das Team haben angefangen, mit dem Raum zu experimentieren und ihn ganz neu zu entdecken. Erst einmal, indem sie Kirchenbänke ausgebaut haben.
Dann gab es eine Übergangszeit,[…] man hat alle Bänke rausgenommennd man konnte den ganzen Raum, eben die ganzen 13 m bis nach oben mit einem Vorhang dann abtrennen und hatte so ein ganz anderes Raumgefühl und war mal ein bisschen weg von dem, was man sich dann so in der Kirche vorstellt.
Als wir jetzt in der Kirche stehen, ist von dem Vorhang und den ersten Experimenten nicht mehr viel zu sehen. Die Wände strahlen schon in einem warmen weiß und in den Rundbögen sind Querstangen eingelassen, an denen vielleicht irgendwann wieder Vorhänge hängen werden. Im Kirchenraum gibt es einen Altar und auch eine Figur der Heiligen Maria – an einem festen Platz, wie es sich für einen katholischen Kirchenraum gehört.
Man kann den Kirchenraum komplett umstellen. Also alles, was auf dem Boden steht, ist ziemlich flexibel, bis auf den Altar und die Marienanbetung, die sind nicht flexibel, aber ansonsten kann man den Raum wirklich dann komplett umgestalten. Man kann die Kirchenbänke zu zweit einfach an einen anderen Ort tragen und das ist natürlich ein ganz anderes Raumgefühl. Und das geht sogar so weit, dass man das Kreuz, was eigentlich vorne im Altarraum steht, sogar aus dieser Position nehmen kann und dann noch an verschiedenen anderen Stellen im Kirchenraum aufstellen kann.
Und dann sind da noch die die Querstangen in den Rundbögen, die ich vorhin schon genannt habe:
Dort kann man dann z.B. Vorhänge einhängen, man kann Workshopwände einhängen, man kann mal geschwind eine Projektionsfläche aufstellen und wirklich ganz, ganz individuell hier auch Räume und Nischen schaffen, wo man dann wiederum Dinge veranstalten kann.
Also nicht nur Gottesdienste, sondern auch Workshops, Konzerte und Kulturveranstaltungen. Und: Die neu gestaltete Kirche soll auch zum Entdecken einladen:
Es gibt so kleine Spielereien, […] zum Beispiel an einer Tafel, so ein Steckspiel, da kann man quasi verschiedene Wörter dann hinterlassen. Es gibt einen eine Nische, dass ein Taize Gong mit drinne. Also so ein bisschen dieses Entdeckerische, Spielerische kommt dann hier sehr schnell in dem Kirchenraum auf.
Hier entsteht eine Jugendkirche mit einem radikal flexiblen Konzept: ein Ort für Gemeinschaft in den unterschiedlichsten Formen. Max Magiera erzählt, was an der Atmosphäre auch als junger Mensch schätzt.
Ich genieße die Stille und die Ruhe und kann vielleicht eine Kerze anzünden, weil ich gerade an jemand denkt, dem es nicht so gut geht. Das sind doch so Momente, wo man dann gerne in die Kirche kommt. Und gerade bei jungen Menschen ist es auch so, dass sie natürlich viel unterwegs sind, viel in der Schule, im Studium sind. Da hilft es dann auch, wenn sie einen Ort haben, wo sie einfach mal ein bisschen sich zentrieren können.
Dieses Gefühl erlebt er nicht in jeder Kirche. Es hat etwas mit der Architektur, aber eben auch mit der Konzeption des Kirchraums zu tun:
Ich erlebe es häufig eher im Gegenteil, dass man Kirchen hat, die unordentlich sind, die so bisschen kruschtelig sind, wo dann noch irgendwie ja der Schriftenstand überquillt und dann noch die Flohmarktkiste nebendran steht. Und ich finde es in der heutigen Zeit, wo wir doch viel auch irgendwie im digitalen Raum unterwegs sind, braucht es eher Orte, die ein bisschen schlichter sind, eine klarere Linie vorgeben und wo man mal wirklich zu sich selbst findet.
Kirche als Ruhepol in der Dauerinformationsflut unseres Medienzeitalters. Holy Detox sozusagen. Und ich kann mir das in dieser Kirche vorstellen, auch wenn ich sie noch als Baustelle sehe. Ganz neu erfunden wird hier das Rad nicht – aber mein Eindruck ist auch, dass das gar nicht der Anspruch ist. Vielleicht liegt das Innovative auch nicht so sehr in der Architektur, sondern im Zweck, den das Kirchengebäude erfüllen soll. Sie ist nicht nur ein sakraler Zweckbau, sondern ein ästhetischer Ort:
Hier fühlen sich erstmal alle Leute wohl, weil es eben auch eine Kirche ist, die erst mal schön ist, die strahlt, die ruhig ist. so einen Ort braucht es glaube ich schon in jeder größeren Stadt, wo einfach die Menschen auch reinkommen können und wo sie sich wohlfühlen.
Kirche als Gebäude, an dem Menschen einen Ort haben, um zur Ruhe zu kommen und sich wohlzufühlen. Kommt das dann ganz ohne Gottesdienste aus, so eine Jugendkirche? Im Gegenteil. Im Planungsteam habe man beschlossen…
…dass hier jeden Sonntag um 11:00 Uhr ganz normale Gemeindegottesdienst gefeiert wird und dann und wirklich auch jeden Sonntag um 18:30 Uhr ein junger Gottesdienst stattfindet in ganz unterschiedlichen Formaten. Also es kann eine kleine Andacht mal sein, das kann auch mal ein Taizegebet sein, das kann eine internationale Feier sein, also wirklich ganz, ganz individuell, aber sehr verlässlich.
Ein verlässlicher Ort zum Wohlfühlen – ich finde es gibt schlechtere Pläne für einen Kirchenraum. Das klingt auch in Max Magieras Wunsch für die nächsten 10 Jahre mit:
Ich hoffe einfach, dass die Kirche in zehn Jahren ein Ort ist, der Relevanz hat, den die Menschen kennen. Wo sie wissen, da bekommen sie eben etwas, das sie in ihrem Leben begleitet und unterstützt. Und dass der Raum einfach offen ist für den Stadtteil, für die ganze Stadt. Vielleicht strahlt er auch ein bisschen weiter hinaus, das hier Menschen herkommen und das einfach genießen.
Mehr Informationen zum Umbau: https://stuttgart.bdkj.info/themen/Jugendkirche


Ich hab Konfliktsituationen schon überall erlebt: Unterwegs in der Bahn, bei der Arbeit, im Klassenzimmer und natürlich auch zu Hause. Da wird was Blödes gesagt, was Blödes getan und plötzlich kippt die Stimmung und jemand wird aggressiv.
Lars Groven ist überzeugt: Konflikte kann man frühzeitig entschärfen. Er ist Experte für Gewaltprävention und Deeskalation. Damit das klappt...
„...muss ich erst mal überhaupt erkennen „Okay, warte mal, ich sehe, da ist eine Grenzverletzung. Meine innere Haltung sagt mir, das ist nicht okay, ich gehe da jetzt hin.““
Ich muss also ein Gespür dafür haben, wann jemand nicht richtig behandelt wird. Und was sagen. Keine große Sache. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich bekomme immer wieder mal mit, dass jemand zum Beispiel in einer vollen Bahn blöd angemacht wird. Ich finde es dann auch nicht richtig, was da passiert. Aber den Mund bekomme ich trotzdem nicht auf. Zuschauer-Effekt, sagt Lars Groven:
„Man hat mit Studien herausgefunden, ab ungefähr 27 bis 28 Leute fühlt sich keiner mehr zuständig. Und jeder denkt „Na ja, ich habe ja heute schon was Gutes getan.“ [Und] eigentlich steckt in uns: Wir wollen helfen. Wir wollen was sagen.“
Groven sensibilisiert und trainiert Menschen, um solche Konfliktsituationen zu entspannen. Er bietet Methoden, Ideen, Ansätze um geschickt im Konflikt zu sein.
Ich hätte in der Bahn sagen können: „Entschuldigung, hier wird es gerade laut. Wie kann ich helfen?“ Offene Fragen sind ein gutes Mittel, um den Konflikt zu lenken und andere Perspektiven zu eröffnen. Beispiel Schulhofsituation.
„Ein Kind schubst ein anderes Kind weg und du gehst zum Verursacher und fragst „Hey, ich sehe, du hast geschubst. Stopp! Was ist los?““
Auch hier: offene Fragen stellen, im Gespräch bleiben. Das Gegenüber soll sich bewegen können. Und wenn das Kind nicht reden will?
„Kann ich ja fragen „Okay, ich merke, du willst jetzt nicht reden. Wann?““
Nicht lockerlassen. Weil in einer Gesellschaft ein gutes Miteinander wichtig ist. Und wie wichtig, das zeigen auch die Berufsgruppen und Einrichtungen, mit denen er zusammenarbeitet:
„Mit Pflegefachkräften, Ärztinnen und Ärzten, Friedhofsgärtnern, KiTa- Mitarbeitenden, stationäre, aber auch ambulante Jugendhilfe, Standesamt, Bürgerzentrum, Bürgerservice & Co., Hausmeister, Busfahrer, ...“
... Schüler, Lehrer, Eltern! In seinen Workshops arbeitet Groven viel mit Selbstbewusstsein und Körpersprache. Wie wichtig das ist, erklärt er an einem Beispiel aus der Schule:
„Wenn im Unterricht: Eine Schülerin verweigert das Handy abzugeben - Wie bleibe ich da präsent, ohne dass ich sage „Doch, du musst aber jetzt und jetzt sofort.“ Und wie schaffe ich das, mit Präsenz dazu beizutragen, dass die Schülerin eine gute Entscheidung treffen kann?
Ich bin immer ein Freund davon, erst mal mit einer guten Beziehungsstrategie zu arbeiten. Und wenn ich eben nur mit Druck arbeite, dann gefährdet das immer Beziehung, Nähe...“
Ob Pöbler in der Bahn oder Schülerin im Unterricht - Lars Groven geht es immer auch darum, den Menschen zu sehen und ihm seine Würde zuzugestehen. Auch wenn er sich daneben verhält. Bei Kindern ganz besonders:
„Was wir sagen, ist: „Liebes Kind, egal was du tust, du schaffst es nicht, dass ich dich ablehne. Ich werde dir ein Gegenüber bleiben. Mit Verhalten von dir bin ich nicht einverstanden. Das sage ich dir auch in aller Deutlichkeit. Nur du schaffst es nicht, dass wir dich ablehnen. Dafür bist du viel zu wichtig.“ Und das ist eine Haltung, die finde ich ganz wichtig.“
Da kann ich gut mitgehen. Auch wenn mich meine drei Kleinkinder manchmal ziemlich nerven und ich deshalb mal zu streng oder zu laut reagiere. Am Ende zählt der Mensch und wie ich ihn behandle.
In meinen Augen leistet Lars Groven eine ziemlich wertvolle Arbeit. Dabei hatte er nie die Absicht sich mit dem Thema Gewalt beruflich zu beschäftigen.
Bei Lars Groven spüre ich, wie er als Deeskalations- und Coolnesstrainer für seine Arbeit brennt. Umso erstaunter bin ich, als ich erfahre, wie er dazu gekommen ist. Aufgewachsen ist Lars Groven nämlich auf einem Bauernhof:
„Drei Generationen unter einem Dach. Da hieß es schon auch ein bisschen mithelfen auf dem Hof. Und da war ganz klar: Bestimmte landwirtschaftliche Geräte teilen wir mit dem Nachbarn. Man macht das und man grüßt sich.
Wenn die Kuh ein Kalb kriegt, nachts um drei ruft man den Nachbarn und dann kommt er und hilft .“
Das Elternhaus und auch die Jugendarbeit im Christlichen Verein Junger Menschen - kurz CVJM - prägen ihn. Erst ist er nur dabei, weil ihm aber die Jugendarbeit Spaß macht, wird er Jugendgruppenleiter. Trotz seines Engagements ist ein sozialer Beruf für ihn zunächst keine Perspektive. Er wird Kaufmann im Groß- und Außenhandel und merkt schnell, das ist okay, mehr aber nicht.
„Ich habe gemerkt, das will ich nicht machen auf Dauer, sondern ich brauche irgendwie das Sinnstiftende! (...) Und dann habe ich über den zweiten Bildungsweg mir nochmal die Fachoberschulreife nachgearbeitet und den Zivildienst gemacht im Kindergarten. Und da habe ich gemerkt, dass ich ja dieses Soziale tatsächlich als Beruf machen kann.“
Er studiert Religionspädagogik und parallel dazu soziale Arbeit. Dann beginnen seine Lehrjahre. Er arbeitet zunächst als Schulsozialarbeiter und später in einer Jugendarrest-Anstalt.
„Völlig unwissend bin ich da rein. Ich hatte die Idee „Wow, jetzt arbeite ich mit Straftätern. Die Straftäter werden bestimmt das tun, was ich sage.“ Das war so meine Idee und ich habe dann so gemerkt: Ich habe keine Ahnung. Nett, dass ich studiert hab, aber ich bin total blank.“
Er bildet sich zum Anti-Aggressivitäts- und Coolnesstrainer fort. Dann Job-Wechsel, wieder schwierige Situationen, wieder eine Weiterbildung. So kommt eins zum anderen und er macht sich selbstständig als Deeskalations- und Gewaltpräventions -Experte. Stress, Gewalt, Konflikte - Das muss man schon auch wollen, oder?
„Das Thema Gewalt passt eigentlich nicht zu dem Lebensentwurf, den ich sonst so habe. Aber das ist da.“
Er erinnert sich an Scheunen- und Straßenfeste, an seine Zeit beim Fußball und in Jugendclubs, wo es Stress gab. Aber auch:
„Ich habe immer gemerkt, dass ich überhaupt keinen Bock habe auf Gewalt und dass ich glaube, ein ganz gutes Händchen hatte, Situationen wieder runter zu kochen.“
Im Gespräch merke ich immer wieder, wie sehr Lars Groven ein gutes Miteinander am Herzen liegt.
„Es ist wichtig, wie du lebst und wie du Mensch bist.“
Damit das gewaltfrei gelingt, dafür setzt er sich ein, das ist seine Mission. Für ihn ist ein Workshop dann erfolgreich, wenn die Leute am Ende Bock auf Konflikte haben. Oder wenn er von Lehrern Sätze wie diese hört:
„Boah, ich habe jetzt echt ein paar Ideen. Ich freue mich auf Schüler XY, der mich sonst immer zur Weißglut treibt, weil ich einfach ein paar neue Ideen habe. Ja, kann losgehen!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44467
Anne Waßmann-Böhm trifft Susanne Schmuck-Schätzel, Dekanin des Dekanats Alzey-Wöllstein
Mitten in der Nikolaikirche im rheinhessischen Alzey schwebt unser Planet: die Erde. Sechs Meter groß und sanft von innen leuchtend, rotiert sie langsam um die eigene Achse. Um sie herum sind im Kirchenraum immer wieder Geräusche zu hören wie im Kontrollzentrum einer Raumstation. Ein Soundtrack gehört nämlich auch dazu. „Gaia“ heißt die Kunstinstallation des britischen Künstlers Luke Jerram. Hier in der Nikolaikirche treffe ich Susanne Schmuck-Schätzel, Dekanin des Dekanats Alzey-Wöllstein. Sie hat Gaia nach Alzey geholt und für sie schließt sich damit ein Kreis. Aber erst einmal staunt sie selbst darüber:
Gigantisch, viel größer, als ich es mir vorgestellt habe. Und auch so das Gefühl, das füllt die Kirche aus. Also Kirche und Welt und Welt und Kirche, das ist ein Berufsleben lang mein Thema gewesen und jetzt ist es so. Also da ist die Welt in die Kirche gekommen und die Kirche ist in der Welt.
Gaia reist schon seit acht Jahren um die Erde, von England über Asien, Australien, jetzt nach Rheinhessen. Die Idee, Gaia nach Alzey zu holen, hat Susanne Schmuck-Schätzel von Kollegen.
Kollegen waren in St. Blasien in Urlaub und kamen begeistert zurück und haben gesagt, das möchten wir so gerne haben. Dann habe ich auf der Homepage nachgeguckt und habe gedacht, ja, das gehört in die Nikolaikirche in Alzey. Vor allem wegen der Christuskugel, des Christussymbols.
In der Alzeyer Nikolaikirche hängt nämlich nirgendwo ein Kreuz, wie man es von anderen Kirchen kennt. Stattdessen liegt im Chorraum eine eindrucksvolle Steinkugel auf dem Boden. Durchzogen ist sie von Hohlräumen – als Symbol für Jesus Christus, seinen Tod und seine Auferstehung aus dem Felsengrab.
Diese Christuskugel, die halt auch die fünf Wundmale von Christus, zeigt, als etwas, was auch Leben gebrochen sein lässt oder was auch an Narben und an Fehlern im Leben kommt. Und dann davor jetzt diese riesige Gaia, die auch einfach das Symbol dessen ist, dass das unsere aller Lebensgrundlage ist.
Die Besucher können hier in der Kirche etwas erleben, was Astronauten den „Overview-Effekt“ nennen, das Gefühl, wenn sie die Erde das erste Mal aus dem Weltraum sehen. Und dieser Blick kann den Besuchern einen großen Mehrwert bringen, erklärt Susanne Schmuck Schätzel:
Zum einen die Schönheit, das ist ja was ganz Schönes. Die Farben, also dieses viele Blau, das Weiß der Wolken, aber auch das Braun der Erdteile. Das andere, diese Vollkommenheit. Also für mich ist auch diese Kugel etwas wirklich Vollkommenes. Aber auch der Blick von außen. Wir sind so klein und sieht man nicht auf der Erde. Und trotzdem haben wir ja eine gewisse Verantwortung, weil, wir stehen auf dieser Erde und gucken jetzt auf diese Gaia und denken, na ja, was tun wir auch mit dieser Erde?
Die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe der Kirche sichtbar zu machen – auch deshalb hat sich die Dekanin für das Projekt stark gemacht. Noch bis zum 3. Juni wird Gaia in der Nikolaikirche hängen. Und auch eine Veranstaltungsreihe rund um das Kunstprojekt könnte den einen oder anderen Besucher zum Nachdenken bringen:
Wir haben zum Beispiel den ehemaligen Chef der ESA in Darmstadt gewinnen können, der wird einen Vortrag halten. Wir haben eine Tanz-Performance. Wir haben verschiedene Lesungen, auch zum Thema, wie leben Menschen auf dieser Erde. Es ist uns auch wichtig, dass es auch solche Zeiten gibt, also Zeiten, in denen unter der Kugel ganz viel Leben passiert, aber auch Zeiten, in denen Ruhe ist.
Gaia bewegt die Menschen. Das erlebt Susanne Schmuck-Schätzel seitdem sie für die Ausstellung wirbt. Und genau das ist der eigentliche Auftrag von Kirche, findet sie:
Es ist so schön, wie Menschen da mitgehen. Also ich habe Anrufe: ‚Ich war in Dresden, ich habe gesehen, dass das hierherkommt.‘ Ich finde das wunderschön, dass sie das nach Alzey bringen. Und in einer Zeit, in der ja vieles auch schwer ist und auch schwer wiegt bei den Menschen, ist das wirklich schön. Und es ist etwas ganz Wichtiges, dass wir als Kirche, als diejenigen, die Kirche vertreten, Menschen zeigen: Da ist mehr. Da ist Inhalt. Und da ist das Thema: Was geschieht in dieser Welt? Wie leben wir auf dieser Welt miteinander? Wie gehen Menschen miteinander um auf dieser Welt? Unglaublich wichtig.
Welt und Kirche. Kirche und Welt. Für Susanne Schmuck-Schätzel gehört beides zusammen. Und vielleicht macht genau das diesen Blick auf Gaia so besonders. Denn dieser Blick führt vom Staunen über die Schönheit zur Verantwortung für die Schöpfung. Für alles, was Gott so gut geschaffen und uns zum Leben geschenkt hat:
„Gott sah es an und es war gut.“ Und wir haben ein Stück Verantwortung, jeder und jede Einzelne, dass das auch so bleibt. Wir alle wissen, wie gefährdet die Erde ist und es ist schön zu sehen, wie diese Welt sein kann und dass wir dazu beitragen müssen, dass es so bleibt.
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Heute mit Manuela Pfann und mit Winfried Kretschmann, dem nun ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Wir haben am Rand einer Tagung miteinander gesprochen. Deshalb ist es zu Beginn unseres Gesprächs noch ein wenig unruhig. Auf dieser Tagung ging es um die Zukunft der Kirche. Von Winfried Kretschmann weiß man, dass er aktiver Christ und Katholik ist – und immer auch einen kritischen Blick auf die Kirche hat.
Die Frage nach der Zukunft der Kirche ist ein passendes Thema für den heutigen Feiertag, Christi Himmelfahrt. Denn kurz zusammengefasst ist vor über 2000 Jahren folgendes geschehen: Himmelfahrt ist den biblischen Erzählungen nach jener Moment, an dem Jesus die irdische Welt verlässt und seine Nachfolger aussendet. Sie sollen fortsetzen, was er begonnen hat. Sie sollen als Christen so leben, dass es in der Welt, in der Gesellschaft sichtbar wird.
In der Kirche, die dann nach und nach entstanden ist, da ist sicher nicht immer alles gut gelaufen.
Ich frage Winfried Kretschmann: Wie müsste denn für ihn eine Kirche aussehen, in der er gerne Christ wäre.
Ich meine, ich bin ja Mitglied der Kirche. Ich war ja ausgetreten, bin wieder eingetreten. Da muss man schon wissen, was man tut. Und ich bin gern in der Kirche, auch so, wie sie ist. Natürlich muss sie sich auch immer wieder ändern und gucken, dass sie zeitgenössisch bleibt. Also im Kern wünsche ich mir eine Kirche, die streitet. Ja, die streitet um den rechten Glauben, die streitet, wie man diesen Glauben in die Gesellschaft übersetzt.
Und streiten heißt für Winfried Kretschmann keinesfalls zerstreiten oder im Streit auseinander gehen, sondern im Gegenteil:
Dialog, Dinge durchsprechen. Und das ist der Wunsch für die Gesellschaft wie für die Kirche. Da unterscheiden sich beide nicht. In der Gesellschaft müssen wir mal durchsprechen: Was bedeutet unsere Verfassung, was ist daran wichtig, was ist unaufgebbar? Und das muss die Kirche mit ihrem Evangelium genauso machen. Was ist unaufgebbar? Was muss ich ändern? Was muss ich anpassen? Was muss eine andere Gestalt annehmen?
Für den Katholik aus Sigmaringen ist die Kirche, so wie sie ist, schon in Ordnung, sagt er. Im Grundsatz hadert er nicht, aber mit einzelnen Fragen natürlich schon, zum Beispiel:
Dass sie Frauen von Ämtern ausschließt. Das wird sie niemals durchhalten können in der Zukunft. Das halte ich für völlig ausgeschlossen.
Aber an dem Punkt möchte er sich nicht mehr abarbeiten. Da hat er jahrelang öffentlich seine Meinung geteilt. Winfried Kretschmann ordnet alles in einen größeren Zusammenhang ein. Nicht nur Glauben und Kirche, auch die Politik. Und da kann ich zwischen den Zeilen ganz deutlich seine Haltung hören. Es geht darum, dankbar und demütig zu sein für das, was ist.
Die Demokratie ist eben nicht selbstverständlich. Friede ist nicht selbstverständlich. Freiheit ist nicht selbstverständlich. Das dachten wir aber jetzt jahrzehntelang. Und erst in der Krise merken wir das. Und so ist es natürlich mit dem Glauben auch. Der ist eine große Ressource der Sinnstiftung, hat sich niedergeschlagen, in vielem. Denken Sie nur, dass die Person im Mittelpunkt von Rechten steht. Das ist einfach ein großes Erbe des Christentums. Und das kann schnell wieder verloren gehen, wenn Diktatoren kommen, dann giltst du als Einzelner mal nichts.
Ich bin Manuela Pfann und spreche mit Winfried Kretschmann, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Der Glaube ist für ihn essentiell, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu gestalten. Er hofft, dass die Menschen das erkennen. Gerade jetzt, in Zeiten, in denen der Glaube in einer Krise steckt.
Der Glaube ist nicht nur irgendwie was für irgendwelche Sonntagsreden. Der hat was mit der Wirklichkeit zu tun und daraus wird dann Dankbarkeit entstehen. So wie wir heute merken, wie dankbar wir für Freiheit und Demokratie sein müssen. So dankbar dürfen wir auch dafür sein, dass Jesus in Christus Mensch geworden ist. Das ist einfach ein grandioses Ereignis der Geschichte. Mir begegnet da etwas außerhalb meiner eigenen Wirklichkeit.
Ja, das ist richtig. Und ich merke, dass ich diesen Anfang manchmal selbst beiseiteschiebe, vor lauter Kritik, natürlich auch berechtigter Kritik an der Institution Kirche. Für Winfried Kretschmann gibt es über die Bedeutung von Glaube und Kirche gar keinen Zweifel. Weil die Kirche für ihn gefühlt immer da ist:
Da wirst du getauft bis zur Beerdigung. Die Kirche begleitet dich dein Leben lang. Ich meine, wer macht das bitte schon sonst? Also, das muss man einmal sehen. Das ist eine gewaltige Ressource, die wir da in der Kirche haben. Und die kommen auch dann, wenn andere einen Bogen um dich machen. Ja, also, wenn du krank bist, wenn du behindert bist, wenn du irgendwie aus dem Rahmen fällst, wenn du arm bist. Da kümmern sie sich wirklich darum. Das ist eine unglaubliche Ressource.
Was dann fehlt, würde man erst merken, wenn die Kirche nicht mehr da ist, meint Kretschmann. Und das macht ihm tatsächlich Sorgen.
Wenn sie verschwindet, kommt sie so schnell nicht wieder. Insofern müssen wir schon auch darum kämpfen, dass die Kirchen stark bleiben. Sie können klein sein. Deswegen kann man trotzdem stark sein, wirkmächtig und einfach relevant.
Meine Frage, ob er ganz sicher nicht nochmals aus der Kirche austreten wird, kann ich kaum bis zu Ende aussprechen.
Nein, nein, ganz sicher nicht.
Am Ende seines Vortrags auf der Tagung macht der ehemalige Ministerpräsident den Christen im Land Mut; und zwar mit einem klaren Auftrag:
Nehmen Sie sich wichtig! Ich meine persönlich sollte man sich natürlich als Christ nicht zu wichtig nehmen, aber als Christ sich wichtig zu nehmen, das ist entscheidend und das braucht die Gesellschaft.
Ja, wenn Kirche überhaupt eine Zukunft haben will, dann gilt es den christlichen Auftrag ernst nehmen. Das heißt für Winfried Kretschmann und auch für mich – sowohl hier im Südwesten wie auch weltweit – wahrnehmen, was Menschen brauchen.
Wir sind Weltkirche und wir sind für die Welt da und wir sind für die ganze Welt da!
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Pfarrerin Barbara Wurz und trifft heute Diakon Martin Heubach: Diakon im Ruhestand – ehrenamtlich nach wie vor stark engagiert…
Während wir uns unterhalten, merke ich schnell: So ganz trifft es das nicht. Martin Heubach ist nicht der Typ, der einen Beruf hat – sondern eher eine Berufung. Und er ist auch nicht einfach engagiert – sondern lebt, was er glaubt – als Christ. Eine Lebenshaltung, die ihn weit hat herumkommen lassen - viel weiter, als seine Familie das zu Beginn gedacht hätte:
Ich war ein ganz schlechter Hauptschüler und mein Vater hat immer gesagt gehabt: „Aus dir wird mal nix.“ Weil ich nicht gelernt habe, und weil mir alles andere wichtig war. Zum Beispiel mit zehn hab immer erst Mopedle gekriegt - eine Quickly - und die konnte ich auseinander bauen und wieder zusammen und bin Gelände gefahren, bis ich dann Schrott gefahren habe.
Das Motorrad sollte später wieder eine wichtige Rolle in seinem Leben bekommen. Doch zunächst hat Martin Heubach Elektromechaniker gelernt. Und ging mit seiner Volljährigkeit als Zivildienstleistender zum evangelischen Jugendwerk.
Und während diesem Zivildienst im Jugendwerk habe ich so für mich den Ruf des Himmels erfahren; Geh aus seinem Vaterland in ein Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich - obwohl aus dir nichts wird - zum Segensträger machen.
Geh aus deinem Vaterland – das ist ein Wort aus dem Alten Testament der Bibel. Und bedeutet für Martin Heubach: verlasse die üblichen oder scheinbar vorgezeichneten Wege – und folge dem Ruf: Anderen zum Segen zu werden.
Meine Leidenschaft gilt denen, die nicht in die Kirche kommen, (…) und die kann ich dort treffen, was meine Leidenschaft ist. (…) Über Sachen, die mir Spaß machen und da wo ich brenne, da kann ich auch Leute zum Brennen bringen.
Und eine seiner Leidenschaften ist Motorradfahren. Den Helm aufsetzten, den Motor starten und dann …
… eben den Wind, die Geschwindigkeit, die Kurven, die Landschaft, die anderen Menschen, die mitfahren: Das ist für mich ein Hauch vom Himmel.
Auf der Straße begegnet man sich. Und weil Martin Heubach der Meinung ist, dass Kirche dort stattfinden muss, wo das Leben stattfindet, engagiert er sich im Arbeitskreis „Motorrad und Kirche“ für die Motorradgottesdienste in ganz Baden-Württemberg. An Christi Himmelfahrt am kommenden Donnerstag zum Beispiel, da finden um 10 Uhr gleich zwei statt: der eine beim Hessigheimer Dreschschuppen, der andere in Bad Überkingen.
Mit anderen ins Gespräch zu kommen - ihnen abzuspüren, ob sie etwas erzählen wollen oder ob sie etwas auf dem Herzen haben - und dann den Raum dafür zu geben, das ist die Segensgabe von Martin Heubach. Auch früher schon, als er als Seelsorger auf der Stuttgarter Messe gearbeitet hat.
Und dann hat eben einer gesehen, wenn einer Namensschild hat, dass sie mir ja der will nichts kaufe, sondern mich irgendwo auf der Messe. Und dann sagte er: „Wissen Sie, eigentlich wollte ich jetzt grad lieber bei der Beerdigung von meinem Freund Vater, der sich das Leben genommen hat, sein. Aber ich kann es nicht, weil ich hier auf der Messe gebunden bin.“
Ob es nun die Gespräche auf der Stuttgarter Messe gewesen sind oder die auf der Straße beim Motorrad-Fahren: Es sind die zentralen Fragen des Lebens, die bei Martin Heubach immer mitschwingen.
Hast du für dich geklärt: Wo komme ich her? Bin ich, weil meine Eltern nicht aufgepasst haben? Ungewollt? Oder bin ich ein von Gott geschaffenes und gewolltes Kind? (…) Die zweite Frage heißt: Warum lebe ich? (…) Neulich hat man in Lastwagenfahrer erzählt: Na ja, dass eben die Menschheit erhalten bleibt, das ist mein Sinn des Lebens. Oder dass ich ein schönes Häusle habe oder mit meine Kinder protzen kann… Das ist für mich zu wenig. Wenn ich da ein Sinn habe, anderen helfen zu könne, anderen die Augen aufzumachen, dass es mehr gibt im Leben.
Und die dritte grundlegende Frage des Lebens: Was kommt, wenn das Leben endet?
Dafür bürgt die Bibel und das glaube ich auch: Es geht weiter, mit einer Identität „Martin Heubach“. Ja (…) Ist doch anders, wie wenn ich sage muss: Puh, ja vielleicht, oder ich weiß nicht... Oder es ist alles aus. Also für mich wäre ein Leben, das im Sterben endet, unerträglich und bin erstaunt, wie das Menschen so übergehen und für sich nicht beantworten.
Martin Heubach lebt seinen Glauben und fühlt sich getragen von Gott. Das spürt man deutlich. Regelmäßig bietet er deshalb auch für Motorradfahrer Spirit-Touren an: Gemeinsam auf schönen Strecken unterwegs und mit Impulsen für die Seele.
Und dann waren wir mit zehn Leuten in der sieben Kapellen Tour im Donau Ried unterwegs. Und dann hat einer anschließend geschrieben: „Ich habe wieder was Positives von der evangelischen Kirche mitbekommen: Große Brise, Hauch vom Himmel mit dem Moped erfahren.“ Ist doch klasse!
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Vorgestern war der „Tag der Arbeit“. Dazu habe ich Norbert Clausen besucht, der sich um Menschen kümmert, die es schwer haben überhaupt Arbeit zu finden. Ich treffe ihn in seinem Büro im sogenannten „Gelben Haus“ in Offenbach am Main. Dort leitet er seit knapp zwei Jahren die Geschäftsstelle der Initiative Arbeit e.V., einer Einrichtung des Bistums Mainz. Davor war der diplomierte Theologe etliche Jahre in der Jugendhilfe tätig. Was hat ihn gereizt an diesem Wechsel?
Ich bin mein Leben lang ein überzeugter Christ, bin mein Leben lang ein sozialer Mensch, der in verschiedenen Bereichen gearbeitet hat. Und nachdem meine Zeit in der Jugendhilfe zu Ende ging, habe ich einfach einen sozialen Bereich wieder gesucht. Und ich finde es sehr spannend, wieder mit Menschen zu arbeiten, die dankbar dafür sind, dass sie Hilfe erhalten.
Denn darum geht es in der Initiative Arbeit: Menschen unterstützen, die oft große Probleme haben, einen normalen Job zu finden. Mit Faulheit, wie oft unterstellt, hat das aber selten zu tun. Es gibt Hindernisse. So vielfältig wie die Menschen.
Die einen haben nach ihrer Elternzeit keine Chance mehr, in die Arbeit wieder reinzukommen, … Andere haben krankheitsbedingte Ausfälle hinter sich, Suchterkrankungen, psychische Erkrankungen. Wer jahrelang arbeitslos ist, der hat oft keinen geregelten Tagesablauf. Das muss man tatsächlich monatelang erst wieder üben, bis man da reinkommt. Fehlende Kinderbetreuung, fehlende Pflege für alte Leute. Bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund, die oft schon 20 Jahre hier leben, ist es einfach die Sprache, die fehlt.
Eine Arbeit zu haben, sagt Norbert Clausen, sei für Menschen immens wichtig. Warum das so ist?
Arbeit dient zum Erwirtschaften von Geld. Aber Arbeit ist natürlich auch ein Status. Wer keine Arbeit hat, fühlt sich oft wertlos. Arbeit stiftet Anerkennung, gibt einem das Gefühl, ich leiste etwas und bekomme etwas dafür. Es ist Wertschätzung. Es hat aber auch soziale Komponenten. Wenn ich in einem Betrieb arbeite, dann habe ich dort ein soziales Netz, was ich zu Hause alleine nicht hätte. Ich habe etwas, was ich erlebe, was ich wieder zu Hause teilen kann. Und das ist mir mindestens so wichtig wie die Erwerbsarbeit zum Gelderwerb.
Menschen, die warum auch immer aus dem Arbeitsleben rausgefallen sind, wieder so stark zu machen, dass sie im besten Fall einen festen Job finden – für ihn ist das konkrete, greifbare Seelsorge.
Wir bieten Räume, wo Menschen angenommen werden, die sonst diese Annahme als Menschen nicht finden. Wenn ich eines unserer Projekte nehme, sogenannte ‚Arbeitsgelegenheiten‘. Da kommen Langzeitarbeitslose und werden einfach gerne gesehen. Sie kommen zu einer bestimmten Zeit morgens. Sie gehen nachmittags nach Feierabend wieder. Sie lernen natürlich dieses geregelte Leben, aber vor allen Dingen erfahren sie Wertschätzung. Und diese Annahme des Menschen, das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, weil damit stärke ich Menschen.
Wie er die Diskussion ums Bürgergeld sieht und warum das, was er tut, für ihn etwas christlich ist, darum geht’s gleich.
… ich begegne Norbert Clausen von der Initiative Arbeit im Bistum Mainz. Dort kümmert man sich um Menschen, die es schwer haben, einen Job zu finden. Menschen ohne Arbeit sind immer wieder auch Gegenstand politischer Debatten. Die Diskussion ums Bürgergeld etwa vor der letzten Bundestagswahl. Wie hat Norbert Clausen sie empfunden?
Ich fand die Diskussion damals sehr plakativ, sehr flach, sehr kurz und es wurden Bilder gezeichnet, die einfach so nicht stimmen. Es wurde sehr stark herausgezeichnet: Wer nicht leistet, der ist auch nichts wert. Das finde ich aus christlicher Sicht eine Katastrophe. Der Mensch an sich ist wertvoll und nicht nur, wenn er leistet.
Denn jenseits von pauschalen Vorurteilen gilt …
Es gibt sehr wenige Verweigerer. Es gibt viele, die haben Hemmnisse, aus welchen Gründen auch immer. An die muss man herangehen, ohne zu stigmatisieren.
Menschen mit sogenannten Vermittlungshemmnissen wie etwa chronischen Krankheiten, der Pflege von Angehörigen oder Sprachproblemen finden oft nur ganz schwer in reguläre Beschäftigung. Diese Menschen zu sehen mit all ihren Problemen, das ist Norbert Clausen wichtig. Denn eine Gesellschaft, die nur noch auf maximale Leistungsfähigkeit getrimmt ist, sei letztlich eine arme Gesellschaft.
Wenn ich mich an früher erinnere, an die Dörfer, da gab es immer Menschen, die keine Arbeit hatten. Da war in jedem Dorf der, der einfach nur da war, aber überall mitgeholfen hat. Der war auch wertvoll. Und diese Menschen, die haben wir heute nicht mehr im Blick. Und die fehlen unserer Gesellschaft. Die Leistungsgesellschaft ist arm, wenn sie nicht solche Menschen hat, die mit ihrem Menschsein sie bereichern.
Nun ist Unterstützung für Menschen ohne Arbeit ja vor allem eine Sache der staatlichen Jobcenter. Warum engagiert sich die Kirche in diesem Bereich?
Für mich ist das die Nachfolge Jesu, weil, Jesus hat sich um die Menschen gekümmert, die kein Ansehen und keinen Platz in der Gesellschaft hatten, die abgehängt waren, hat dazu aufgerufen: Schaut nach denen, die am Straßenrand sind, die nicht mitkommen mit der Gesellschaft, die Hilfe brauchen. Und genau das tun wir. Wir kümmern uns um die, um die Gesellschaft sich nicht mehr so sehr kümmert.
Hört sich an wie eine ganz handfeste Art, das Evangelium zu verkünden.
Es ist keine Verkündigung mit vielen Worten, sondern eine Verkündigung mit Haltung, würde ich sagen, bei mir vom christlichen Selbstverständnis her. Die zeige ich anderen Menschen und gebe sie auch gerne als Beispiel weiter. Das ist für mich pure Verkündigung. Und ich glaube auch die nachhaltigste, weil nur mit der eigenen Haltung, mit dem eigenen Vorbild kann man andere auch überzeugen.
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Martina Steinbrecher trifft den Fußchirurgen Dr. Dirk Thümmler aus Bad Säckingen.
Der Arzt ist Spezialist einer noch jungen chirurgischen Disziplin, die sich ausschließlich mit dem Wohlergehen von Füßen befasst. Das oft stiefmütterlich behandelte Körperteil weckt in ihm große Begeisterung:
Ja, also der Fuß ist für mich ein Wunder der Evolution. Der besteht aus 26 Knochen, aus 33 Gelenken, aus mehr als 100 Bändern und aus 20 Sehnen. Und wenn nur einer dieser Bauteile nicht funktioniert oder einen Defekt hat oder nicht richtig angesprochen wird durch eine Nervenverletzung oder Nervendysfunktion, dann kann dieses ganze System kollabieren und man merkt es erst, wenn der Fuß nicht mehr funktioniert, wie wichtig der dann ist.
Tatsächlich habe ich seit dem Gespräch mit Dirk Thümmler meinen Füßen schon häufiger ein paar liebevolle Blicke und Gedanken zugeworfen - schließlich tragen sie mich seit vielen Jahren zuverlässig durchs Leben. Für den Fußchirurgen sind Füße aber noch viel mehr. Was den Mensch zum Menschen macht? Was ihn vom Tier unterscheidet? Für Dirk Thümmler ist die Antwort klar:
Aus der Evolution finde ich auch spannend, dass die Füße wohl das erste waren, was den heutigen Menschen auszeichnet, also das zweibeinige Gehen, dadurch sind die Hände frei geworden und dann erst ist das Gehirn gewachsen.
OK, denke ich mir, aber auch auf zwei Beinen sind wir anderen Lebewesen doch weit unterlegen. Aber da denke ich wohl zu kurz:
Was uns Menschen auszeichnet: Wir sind nirgends wirklich gut, aber wir können fast überall mitmachen. Also wir sind weder die Schnellsten, wir sind sehr ausdauernd, wir können weder gut auf Bäumen, aber wir können gut auf dem Boden, wir können einigermaßen schwimmen, wir sind sehr vielseitig, wir können bei Tag, bei Nacht, wir kommen in jedem Gelände zurecht und das haben wir unseren Füßen zu verdanken.
In seinem Arbeitsalltag in einer Schweizer Klinik behandelt Dirk Thümmler Patienten nach Sportunfällen, mit Verschleißerkrankungen oder mit Problemen als Folge von Ersterkrankungen wie Diabetes; das Spektrum ist groß. Richtig in die Öffentlichkeit gerückt ist seine Arbeit jetzt durch einen Preis, den er Anfang des Jahres bekommen hat: Der Hermann-Stratz-Preis für Zivilcourage würdigt die Arbeit, die Dirk Thümmler ehrenamtlich in Indien leistet. Auch dort operiert er Füße, aber die von Kindern aus ärmeren Familien - und setzt dafür jedes Jahr zwei von sechs Wochen seines Jahresurlaubs ein.
In der Regel gehen wir immer zu dritt los. Zwei Fußchirurgen, die sich wirklich anatomisch perfekt auskennen. Das ist wichtig, weil wir haben häufig keine Röntgengeräte, die uns helfen. Das macht es spannend und dafür ist es aber gut, dass es zwei gibt, die sich aufeinander verlassen können, weil wir tasten dann gegenseitig Fixpunkte am Fuß und dirigieren uns über die Finger, in welche Richtung wir die Schrauben bohren …
Dirk Thümmler ist ein Mann Mitte 50, verheiratet, vier Kinder, und ein renommierter Spezialist für Fuß-Chirurgie. Zusätzlich zu seiner regulären Arbeit in der Schweiz operiert er in Indien jedes Jahr ehrenamtlich vierzehn Tage lang Kinderfüße. Sein Einsatz ermöglicht dort nicht nur die Korrektur von Fehlstellungen, sondern die Begradigung kompletter Lebensläufe:
Wir hatten in Srinagar ein Mädchen, die hat eine Deformität an einem Unterschenkel gehabt. Bei der sind am Unterschenkel die Hälfte der Knochen nicht angelegt gewesen. Und wenn dieses Kind gestanden ist, dann stand die wie ein Storch, und dieses kurze Ding war in der Luft. Und wenn sie laufen wollte, dann musste sie ihr gesundes Bein um 90 Grad im Knie biegen, damit sie ebenerdig stand, und dann ist die gewackelt.
Dafür gab es von Gleichaltrigen vor allem Spott und Hänseleien. So schlimm, dass sie nicht mehr in den Kindergarten gehen wollte. In der Klinik hat sie einen Arzt-Kollegen von Dr. Thümmler getroffen, der selbst beinamputiert ist.
Der hat dann seine Jeanshose hochgehoben und dann hat die dieses Kunstbein gesehen und dann hat dieses fünfjährige Kind gesagt: Das will ich auch. Und sie hat sich amputieren lassen, und dieses Kind läuft heute schmerzfrei mit einer Prothese, ohne dass sie in der Schule gehänselt wird.
Dirk Thümmler und sein Team erhalten viel Unterstützung von einheimischen Fachkollegen und indischen Sponsoren. Besonders wichtig ist das für die Nachsorge bei den kleinen Patienten, wenn das Ärzteteam aus Europa das Land wieder verlassen hat. Das indische Gesundheitssystem sieht für alles eine finanzielle Eigenbeteiligung vor. Wer arm ist, muss für eine Operation lange sparen. Diese Ungerechtigkeit wird kaum infrage gestellt:
Wir sind zum Beispiel mal von einem Arzt beschimpft worden, wir würden denen die Patienten wegnehmen, und wir waren dann ganz entsetzt und haben geantwortet, wir nehmen doch nur die Ärmsten, die sich das nicht leisten können. Er sagte, ja, das stimmt nicht, die können 20 Jahre lang sparen und dann können wir die operieren. Dass ein Kind dann nicht in die Schule gehen kann, das ist denen vollkommen egal. Also das sind Gedankengänge, die sind uns nicht zugänglich, das kann man nicht verstehen.
Solange ein soziales Bewusstsein für die Armen und Schwachen fehlt, wird der Verein „Kinderfüße brauchen Hilfe“, der die Arbeit von Dirk Thümmler und seinen Kollegen trägt, weiterhin ärztliches Know-how und chirurgisches Material ins Land bringen.
Dort unten sind wirklich Kinder, die können einfach das eigene Haus nicht verlassen, weil man denen nicht hilft, und die könnten es, wenn man ihnen helfen würde. Das heißt, wir geben dort Kindern eine Chance, ins Leben hineinzugehen, sprichwörtlich, die die dann auch nutzen.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, geht mir der Satz aus einem biblischen Psalm nach unserem Gespräch durch den Kopf. Das Engagement von Dirk Thümmler hat mir dafür ganz neue Perspektiven eröffnet: Was es wirklich heißt, auf eigenen Füssen stehen zu können.
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