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30NOV2025
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Es sind dramatische Worte, die heute diejenigen hören, die in einem katholischen Gottesdienst sind. Da ist die Rede davon, dass die Sonne finster wird. Und, so heißt es dann: „der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“. (Mt 24,29) Alles gerät aus den Fugen. Endzeitstimmung. Von wegen heimelig-schöner Advent.

Dass der Advent auch eine aufrüttelnde, ja sogar erschütternde Zeit sein kann, die mich weiterbringen kann, habe ich bei Alfred Delp gelernt. Er war Jesuitenpater und wurde von den Nazis hingerichtet. Er hat erlebt, wie die Welt aus den Fugen gerät. Wie unmenschlich und grausam es zugehen kann. Und vermutlich schreibt er gerade deshalb: „Der Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll, zu sich selbst.“ Und weiter schreibt er, dass, gerade wenn man hilflos ist, und die Welt über einem zusammenbricht, dass einen dann „goldene Fäden erreichen können“, die sich zwischen Himmel und Erde aufspannen.

Es sind sperrige Worte von Alfred Delp, und ich musste seine Zeilen ein paar Mal lesen. Doch mich lässt der Satz nicht los, dass der Advent mich erschüttern soll, und ich wach werden soll zu mir selbst. Das heißt doch, dass ich mich mit mir selbst konfrontiere und mir Zeit nehme zu entdecken, wer ich als Mensch bin. Was mich ausmacht, aber auch welche offenen Stellen ich mit mir rumtrage. Wo ich noch hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe und auch mit anderen nicht gut umgehe.
Das anzuschauen, ist kein Spaziergang. Es ist herb zu erkennen, dass mir nicht alles gelingt. Und ich fühle mich ohnmächtig, wenn ich merke, dass ich nicht alles selbst in der Hand habe, dass ich verletzlich und endlich bin.
Aber ich habe in solchen Momenten auch schon die „goldenen Fäden zwischen Himmel und Erde“ entdeckt, von denen Alfred Delp schreibt. Wenn ich mich selbst wahrnehme und aushalte, was ist, dann kann ich auch etwas von Gott erahnen. In einer Kraft, die mir zukommt und die mich aufrichtet, wenn ich innerlich fast zusammenfalle. Ich denke da auch an Nina, die seit Jahren an einer chronischen Krankheit leidet. Sie ist sehr reflektiert und denkt oft über ihre Situation nach. Ich bewundere sie für ihre Stärke, die sie aufbringt, um mit ihrer Krankheit zu leben. Sie macht mich sogar immer wieder auf schöne Dinge aufmerksam und kann anderen Menschen Kraft geben. Ihre Krankheit ist erschütternd, aber an Nina werden mir die goldenen Fäden deutlich, die sich zwischen Himmel und Erde aufspannen – trotz allem.

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23NOV2025
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Es gibt diese Zeiten in denen ich unzählige Dinge vor mir herschiebe.
Den Geburtstagsanruf, den ich längst hätte machen wollen. Das Ausmisten der berühmten Kruschtelschublade. Oder das Gespräch mit einem guten Freund, um ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen.

Und dann kommt das Leben dazwischen: Alltag, ein Arzttermine oder ein Handwerkerbesuch. Manche Dinge kann man problemlos schieben. Wenn die Schublade ein paar Wochen länger chaotisch bleibt – nicht schlimm. Aber beim Geburtstagsanruf oder bei einer versöhnenden Aussprache ist das anders. Da kann es tatsächlich ein „zu spät“ geben. Da macht es einen Unterschied, wenn ich meine Prioritäten falsch gesetzt habe.

Vorbereitet zu sein und die eigenen Prioritäten richtig zu setzten: Genau darum geht es auch in einer biblischen Geschichte, die Jesus einmal seinen Anhängerinnen und Anhängern  erzählt. Es geht um eine Hochzeit, ein großes Fest. Zehn junge Frauen sind auch dazu eingeladen. Sie warten nachts darauf, dass der Bräutigam in ihrer Stadt ankommt, um ihn dann festlich durch die Straßen zu begleiten. Dafür haben sie  Lampen dabei – kleine Öllampen. Fünf der jungen Frauen haben genug Öl eingepackt – sie sind vorbereitet. Die anderen fünf nicht. Als der Bräutigam endlich kommt, sind ihre Lampen ausgegangen.  Sie laufen schnell los, um Neues zu besorgen. Aber als sie zurückkommen, ist die Tür bereits geschlossen. Und Jesus schließt die Geschichte mit dem Rat: „Bleibt wachsam! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“

Das Gleichnis selbst erzählt hart davon, dass es ein „zu spät“ geben kann. Ein „zu spät“ um mich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist und was ich wirklich geklärt haben sollte in meinem Leben. Es gibt Dinge, die man nicht endlos aufschieben kann – anders als die Kruschtelschublade. Darum der sehr eindringliche Aufruf, seine Prioritäten richtig zu setzen.

Ich höre darin jedoch weniger eine Drohung als einen Weckruf. Einen Impuls, sich dem Wichtigsten zuzuwenden. Und zugleich vertraue ich darauf, dass Gott größer ist als jedes Gleichnis. Dass uns am Ende keine zugeknallte Tür erwartet, sondern eine Liebe, die uns kennt und trägt.
Diese Hoffnung ist es, die mich beruhigt – sogar dann, wenn ich selbst einmal zu spät dran bin.

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16NOV2025
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Ich lese, was Lukas da schreibt, und reibe mir die Augen. Und denen, die den Text heute in einem katholischen Gottesdienst hören, wird es kaum anders ergehen:

Manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden[1].

Ist das nicht genau das Gegenteil, was der Evangelist Lukas da in zwei aufeinander folgende Sätze packt? Er lässt Jesus ankündigen, dass seinen Jüngern eben das bevorsteht. Sie werden gehasst und getötet werden. Bald, in absehbarer Zeit. Und gleichzeitig verspricht er, dass ihnen nichts passieren wird. Sie bleiben trotzdem unversehrt. So verstehe ich, was da steht, und verstehe es eben doch nicht, weil es sich widerspricht. Wie also passt das zusammen?

Der Zusammenhang, in dem die beiden Sätze stehen, ist eine apokalyptische Rede. Jesus zeigt darin, dass mit ihm eine neue Zeit anbricht, dass die Welt sich grundlegend verändern wird. Und dass die Umstände dabei nicht rosig sein werden. Er spricht von Kriegen und Unruhen, von falschen Propheten und Anführern, die die Menschheit an den Rand des Untergangs bringen. Auch die Kräfte der Natur, die kein Mensch beeinflussen kann, werden rebellieren: Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte sind die äußeren Zeichen der bevorstehenden Zeitenwende. Und mittendrin er, Jesus, und die Menschen, die zu ihm gehören. Denen das alles nicht erspart bleibt. Denen aber gleichzeitig ein anderes Schicksal bestimmt ist.

Der Untergang, der Tod wird ihnen nichts anhaben. So die steile Behauptung. Jesus sagt: Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen[2]. Und verspricht damit so etwas wie das Ewige Leben. Jedenfalls sagt er, dass das Ende dieser Welt nicht das letzte Wort sein wird. Die Perspektive lautet: Es geht mit Gott weiter, als ihr im Moment seht.

Was sich wie ein Widerspruch anhört, bekommt dann auf einmal einen Sinn. Dazuhin einen, der aktuell ist und bleibt. Erdbeben in Afghanistan, Verwüstungen in Indonesien, Hungersnöte in Afrika, Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Die apokalyptische Ankündigung Jesu liest sich wie eine Nachrichtensendung unserer Tage. Nur dass die beim Schrecken stehen bleibt. Und Jesus weitergeht. Durch den Schrecken und den Tod hindurch. Weil er ahnt, vielleicht weiß, dass Gott sich damit nicht zufriedengeben kann und wird. So darf es mit der Welt nicht enden, die er geschaffen hat und mit den Menschen nicht, die er liebt. Manch einer wird das als Vertröstung verstehen. Ich nenne es: Hoffnung!

 

[1] Lukas 21,17f.

[2] Lukas 21,19

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09NOV2025
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Manchmal schreiben mir Hörerinnen oder Hörer, wenn sie mich im Radio gehört haben. Bedanken sich für einen anregenden Gedanken, erzählen, was sie noch beschäftigt hat. Manche stimmen mir zu, andere nicht. Und manche hauen mir ihre gesammelte Wut auf die Kirche und ihr Personal um die Ohren. Was alles dahinter steckt, kann ich oft nur vermuten. Aber manchmal trifft mich so eine Nachricht, ob ich will oder nicht, auch ganz persönlich. Ärgert oder verletzt mich. Manchmal hab ich dann große Lust, genauso aggressiv und pampig zurückzuschreiben. Ich versuche aber, erst mal eine Nacht drüber zu schlafen. Denn morgens gelingen sachliche Formulierungen und ein freundlicher Tonfall meist besser. Und siehe da: Schon oft ist es passiert, dass die Hassschreiber ganz überrascht reagieren, weil sie eine Antwort erhalten und sich mit ihrem Anliegen ernst genommen fühlen. Manche entschuldigen sich sogar für ihren rüden Ton. Ein Automatismus wird positiv durchbrochen, jemand kommt zur Besinnung.

Ich glaube, das ist es, was Jesus beabsichtigt, wenn er in der Bergpredigt sagt: „Liebet eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen. Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin. Und nimmt dir einer den Mantel weg, dem überlasse auch das Hemd.“ Diese Sätze muss man erst mal auf sich wirken lassen. Sie sind ja wirklich eine Zumutung! Aber sie bieten eben auch diese Chance: dass aus Konfrontation etwas andres werden kann. Ich glaube, sie sind ein Versuch, vorhersehbare Gewaltspiralen zu durchbrechen: Eine Beleidigung nicht mit einer noch ätzenderen Beleidigung kontern. Das Streitgespräch mit einer Liebeserklärung durchkreuzen, statt die schon tausendmal ausgetauschten Argumente nochmal rauszuhauen. Den, der mir immer so blöd kommt, überrumpeln mit einem Satz oder einer Geste, mit der er im Leben nicht gerechnet hat. Und im besten Fall können wir dann darüber in ein echtes Gespräch kommen, oder zusammen in helles Gelächter ausbrechen. Keine Garantie, dass das immer funktioniert. Und was Jesus in der Bergpredigt sagt, bleibt eine Zumutung. Aber eine, die es Wert ist, finde ich. Schreiben Sie mir gerne, was Sie davon halten. Ich schreib auch zurück.

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02NOV2025
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Als mein Vater vor sechs Jahren starb, wie sehr hätte ich mir da für einen Moment gewünscht, seinen Tod rückgängig machen zu können. Womöglich geht es vielen so, die einen geliebten Menschen verlieren. Aber den Tod rückgängig machen, das geht nicht. Wenn etwas in diesem Leben unwiderruflich und endgültig ist, dann ist es der Tod.

Doch der Bibeltext, der heute, am Fest Allerseelen, dem Gedenktag für alle Verstorbenen, in den katholischen Kirchen verlesen wird, erzählt etwas anderes. Da wird Jesus zu einem schwerkranken Freund gerufen, Lazarus. Als er endlich dort ankommt, ist dieser Lazarus schon seit vier Tagen tot. Marta, die Schwester des Toten, ist sich sicher: Ihr Bruder wäre gar nicht erst gestorben, hätte Jesus früher da sein können. Aber der sagt zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Was er Marta damit wohl sagen will: Wer wie Lazarus auf Gott vertraut hat, der wird leben. Auch nach dem Tod. Sicher völlig anders als im Hier und Jetzt. Aber er wird leben. Wenig später wird dann sogar erzählt, wie Jesus zum Grab hinausgeht und den seit Tagen toten Freund zurück in dieses Leben holt. Eine Vorstellung, mit der nicht nur ich mich schwertue.

An dieser Stelle könnte ich natürlich aussteigen, das Ganze als abstruses Märchen abtun. Denn diese Art von Happy End gibt es nicht. Nichts und niemand hätte meinen Vater damals wieder lebendig machen können. Das ist die bittere Wahrheit, mit der sich jede und jeder abfinden muss, der einen Menschen verliert. Doch wenn ich das, was die Bibel erzählt, nur darauf verkürze, dass es ja biologisch absurd ist, übersehe ich vielleicht das Entscheidende: Dass es letztlich nicht darauf ankommt, ob ein Toter wieder lebendig herumspaziert. Es kommt darauf an, dass es etwas gibt nach dem Tod. Nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt. Die Wundergeschichte von Lazarus erzählt eben keine Naturwissenschaft. Sie erzählt vom Glauben. Von der Hoffnung, die gläubige Menschen seit alters her mit Gott verbinden. Von der Hoffnung, dass es noch mehr geben kann als dieses Leben - über den Tod hinaus.

Mir hat dieser Glaube damals sehr geholfen. Meinen Vater musste ich loslassen. Unwiderruflich. Aber die Hoffnung, dass er nun in einem anderen, besseren Dasein ist und dass wir uns dort vielleicht einmal wiedersehen, irgendwann, die hat mich getröstet. 

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01NOV2025
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Heute ist der erste November: Allerheiligen. Eigentlich ist das ein katholischer Feiertag.

An der Grundschule, an der ich unterrichte, haben wir uns ökumenisch auf die Suche gemacht. Evangelische und katholische Kinder zusammen haben überlegt: Wer sind denn diese Heiligen, an die heute gedacht wird? Und wo begegnen uns eigentlich Heilige?

„Wer von Euch kennt denn einen Heiligen?“ frage ich. Und sofort schnellt der Finger eines Jungen in die Luft. Er ist katholisch, und der Heilige Stephanus hat es ihm besonders angetan. „Dem ist unsere Kirche geweiht“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Der Junge weiß noch mehr: Zum Beispiel, dass Stephanus in der allerersten christlichen Gemeinde in Jerusalem mitgearbeitet hat. Und dass er für seinen Glauben sogar gestorben ist. Die Bibel erzählt davon: Wie er wegen seines Bekenntnisses zu Christus angefeindet worden ist. Und wie ihn eine aufgebrachte Menschenmenge schließlich gesteinigt hat. „Deshalb“ erzählt mein Schüler weiter „wird Stephanus oft mit Steinen in der Hand dargestellt. Und er ist der Schutzheilige der Maurer!“

Ich bin aber kein Maurer.“ sagt darauf ein anderer Junge „Und sterben will ich auch nicht.“

Einen Moment lang ist es still im Klassenzimmer. Dann erzähle ich von meinem Lieblingsheiligen, dem heiligen Judas Thaddäus. Der ist nämlich der Heilige für hoffnungslose Fälle. In Mexico z.B. haben ihn kriminelle Banden zu ihrem Schutzpatron auserkoren – vielleicht, weil viele gezwungen werden, mitzumachen. Und weil es so hoffnungslos erscheint, wieder auszusteigen und ein friedliches Leben zu führen.

Der Heilige Judas zeigt mir: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Da ist jede und jeder wert, gerettet zu werden und sei es vor sich selbst.

Auch Judas Thaddäus ist der Legende nach für seinen Glauben gestorben. Aber genau deshalb bitten ihn bis heute viele Menschen um Hilfe – grade dann, wenn es richtig schwierig wird im Leben. Oder wenn jemand merkt, dass er absolut kein Heiliger ist, sondern einfach nur ein sterblicher Mensch.

Ich weiß nicht, ob meine Schülerinnen und Schüler mit den Heiligen jetzt mehr anfangen können. Mich jedenfalls haben sie weiter beschäftigt. Und auch die Frage, was mich mit ihnen eigentlich verbindet. Und ich meine: Es ist unser gemeinsamer Glaube an Jesus Christus. Vielleicht ist meiner nicht so stark wie der von Stephanus oder dem Heiligen Judas Thaddäus. Aber er ist da. Mein Glaube, dass Christus an meiner Seite ist. Dass er mich rettet, mich heiligt, auch wenn ich mich gar nicht so fühle und nichts mehr tun kann. Christus schenkt mir das Vertrauen: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

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26OKT2025
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Ich denke gern über Worte nach, die etwas angestaubt sind. Das Wort „Demut“ ist eines davon. Ein Wort, in dem ganz viel Lebensweisheit steckt, aber auch eines, auf das man gut aufpassen muss. Denn das Wort darf nicht in falsche Hände geraten und benutzt werden, um andere runterzumachen. Demut meint auch nicht, dass ich mich selbst klein mache oder gar für wertlos halte. Doch was heißt es dann?

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, hilft mir, etwas besser zu verstehen, was Demut meint. Jesus erzählt in einem Gleichnis von zwei Menschen. Der eine macht auf den ersten Blick alles richtig. Heute würde man sagen, er lebt einfach und nachhaltig, verzichtet auf übermäßigen Konsum und spendet für die, die weniger haben. Der andere ist das genaue Gegenteil. Er denkt nur an sich und den eigenen Vorteil.
Beide gehen in den Tempel, um zu beten. Schnell wird dem einen klar: so wie ich bislang gelebt habe, kann es nicht weitergehen. Er betet: „Gott, vergib mir. Ich weiß, dass ich ein Sünder bin.“ (Lk 18,13). Der andere aber fühlt sich moralisch überlegen, schließlich führt er ein vorbildliches Leben und hat sich nichts vorzuwerfen. Hochmütig betet er: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen“ (Lk 18,11).
Jesus macht damit denen, die ihm zuhören, deutlich: egal, wie gut du lebst, halte dich nicht für etwas Besseres. Dieses Urteil steht dir nicht zu.

Und da sind wir wieder bei der Demut. Denn wer demütig ist, braucht die anderen nicht, um groß zu sein. Sondern schaut ehrlich auf sich selbst. Und kann dabei erkennen: da gibt es einiges, was wertvoll und liebenswert an mir ist. Was mir gelingt und was ich einbringen kann, damit es anderen dient. Aber ich gestehe mir auch ein, dass ich an Grenzen komme. Dass ich nicht immer so bin, wie ich mich gern nach außen gebe. Das erfordert Mut. Denn ich muss mich mir selbst stellen.

Wie es im Alltag gehen kann, weder in die Falle zu tappen, überheblich zu werden noch sich klein und ohnmächtig zu fühlen, zeigt eine jüdische Erzählung. Darin empfiehlt ein Rabbi seinen Schülern: „Jeder von euch muss zwei Taschen in seiner Jacke haben, um nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können: In der einen Tasche liegt ein Zettel, auf dem steht: ‘Ich bin Erde und Asche’, und auf dem Zettel in der anderen Tasche steht: ‘Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden’“.

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19OKT2025
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„Bin ich Jesus?“ mit einem lockeren Schulterzucken haben wir in meinem Freundeskreis diesen Satz oft gesagt – früher, als ich noch ein Teenager war. Auch ich habe diesen Satz gerne benutzt. Wenn ich jemandem nicht helfen konnte oder wollte. Wenn ich etwas nicht verändern konnte oder wollte. „Bin ich Jesus?“

Meine Mutter hat dieser Satz damals sehr geärgert. „Nein, natürlich bist Du nicht Jesus, das weiß ich auch. Aber ist Jesus etwa der Einzige, der dafür zuständig ist, sich zu kümmern? Du kannst Dich nicht immer nur zurücklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“ Diese oder eine ähnliche Antwort musste ich mir dann anhören.

Damals fand ich mich lässig, mit meinem Schulterzucken und meiner Antwort: „Bin ich Jesus?“ Heute verstehe ich die Reaktion meiner Mutter sehr gut und mag den Satz auch nicht mehr. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und verteile Armbändchen an meine Konfirmandinnen und Konfirmanden. Auf denen steht: „WWJD“. Das ist die Abkürzung für: „What would Jesus do? – Was würde Jesus tun?“ Mit diesen „Was würde Jesus tun?“-Bändchen schicke ich sie dann in ihre Woche. Als kleine Erinnerung in ihrem Alltag kurz darüber nachzudenken, wie Jesus wohl in dieser oder jener Situation reagieren würde. Würde er freundlich bleiben, helfen, ehrlich sein?

Diese Frage hat auch Jakobus umgetrieben. Jakobus ist Gemeindeleiter in einer der frisch gegründeten christlichen Gemeinden im Römischen Reich. Viele Menschen in seiner Gemeinde sind arm. Andere in der Gemeinde sehen diese Not, könnten helfen, sagen aber: „Bin ich Jesus?“ Denen schreibt Jakobus ins Buch: „Was nützt es wenn jemand behauptet zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt?“ (Jakobus 2,14) Und er spitzt es noch zu: „Wenn der Glaube sich nicht in Taten zeigt, ist er tot.“ (Jakobus 2,17)

Nein, ich bin nicht Jesus. Ich kann die Welt nicht retten. Aber ich darf Gottes Liebe in meinem Leben spüren. Und wer geliebt wird, der will das doch auch weitergeben. Dann kann ich doch gar nicht mit den Schultern zucken und die Welt so lassen wie sie ist. Dann juckt es mich in den Fingern, sie liebevoller zu machen. Und deshalb ist es gut, dass Jakobus mich heute daran erinnert: „Denk in Deinem Alltag immer mal wieder kurz darüber nach – Was würde Jesus tun?“

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12OKT2025
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Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wer einen Hund hat wie ich, weiß das ganz genau. Wenn mein Hund Essen vom Tisch stiehlt oder andere Hunde anpöbelt, dann muss ich Ruhe ausstrahlen und so mit ihm trainieren, dass er sich zu benehmen weiß. Das Problem ist immer am anderen Ende der Leine. Bei dem, der führt, der die Kommandos gibt, der vorausschaut und mitdenkt. Oder eben nicht.

Jesus hat gewusst, was Menschen brauchen. Davon erzählt die Episode aus dem Lukasevangelium, über die heute in den katholischen Gottesdiensten gepredigt wird. Es geht um eine Gruppe von Kranken, die gehört haben, dass von Jesus eine heilende Kraft ausgeht, und sich deshalb an ihn wenden. Ihre Heilung geschieht auch umgehend, allerdings auf ziemlich eigenartige Weise. Jesus kümmert sich nämlich selbst gar nicht um sie, sondern schickt sie zu den zuständigen Seelsorgern. Und als sie sich dorthin aufmachen, sind sie bereits geheilt. Und nun beginnt das Problem. Denn offenbar hatten die Geheilten keinen, der ihnen gute Manieren beigebracht hat. Sie nehmen ihre Heilung an, als wäre sie das Selbstverständlichste von der Welt, und sehen keinen Grund sich zu bedanken. Offenbar hat ihnen das keiner beigebracht. Kein Vorbild, das ihnen eine Perspektive gibt, die über den eigenen kleinen Horizont hinausreicht. Sie haben keine Ahnung, worum es geht. Nämlich nicht nur um die Krankheit, die lediglich ein Teil von ihnen ist, nicht alles. Und sie sehen auch nicht, was möglich wäre, wenn sie sich dankbar zeigen würden. Dass es da einen Gott gibt, der ihnen mehr verspricht als physische Gesundheit. Das bleibt ihnen verschlossen.

Bis auf einen. Der geht zu Jesus zurück und bedankt sich, indem er Gott lobt. Offenbar hat er kapiert, dass es Jesus um ihre ganze Existenz geht. Und dieser eine, der sich dankbar zeigt und noch einmal zu Jesus zurückkehrt, war nicht mal Jude, keiner von Jesu Volks- und Glaubensgenossen, sondern ein Fremder, für den Jesus zunächst gar nicht zuständig ist. Dieser Fremdling weiß, wie man sich benimmt. Vermutlich hatte er gute Lehrer, Vorbilder, die ihm gezeigt haben, wie viel Gutes entstehen kann, wenn man mit Gott rechnet.

Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wenn einer nur an sich selbst denkt, ständig davon spricht, was ihm fehlt, obwohl gerade ein anderer ihm seine Not klagt. Wenn jemand gar nicht sieht, was möglich ist, weil er sich immer zu kurz gekommen fühlt und um sich selbst kreist. Aber es ist ebenso der Mensch, in dem Großes steckt, der Wunderbares erreichen kann - wenn er sich anstecken lässt. Von Menschen, die wissen, dass Gott immer mehr kann als der Mensch.

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05OKT2025
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Heute feiern viele Kirchengemeinden das Erntedankfest. Es ist eine gute Ernte gewesen, dieses Jahr. Und auch bei mir in der Gemeinde danken wir heute Gott dafür, dass er seinen Segen gegeben hat – zu der Arbeit der Landwirte auf den Feldern, im Weinberg oder in den Obstanlagen. Denn dafür, dass wir die Früchte unserer Arbeit auch ernten dürfen, braucht es den Segen.

Eigentlich ist das bei jeder Arbeit so – nicht nur in der Landwirtschaft - auch im Büro zum Beispiel, in einem Handwerksbetrieb oder einer Werkhalle. Wir Menschen arbeiten, stecken unsere Kraft in eine Aufgabe so weit es in unserer Macht steht. Und hoffen, dass wir gute Ergebnisse ernten dürfen. Und natürlich auch den angemessenen Lohn. Allerdings fällt die Ernte hier manchmal nicht so rosig aus, wie erhofft. Immer öfter stimmt das Verhältnis nicht. Reicht trotzt lebenslanger Berufstätigkeit die Rente nicht, verlieren Arbeitnehmer unverschuldet ihren Arbeitsplatz, ist es für alleinerziehende Mütter oder Väter besonders schwer, eine vernünftige Arbeit zu finden usw. Und das liegt sicher nicht daran, dass auf der Arbeit dieser Menschen kein Segen liegen würde.

Nein, das liegt an etwas anderem. Und ich denke, dass der Bibeltext, der heute in vielen Erntedankgottesdiensten im Mittelpunkt steht, den richtigen Hinweis gibt. Der Text steht im Alten Testament beim Propheten Jesaja, und da heißt es:

Schaff die Unterdrückung bei dir ab,
zeig auf niemanden mit dem Finger
und unterlass‘ üble Nachrede.
Nimm dich des Hungrigen an
und mach den Notleidenden satt. (aus Jes. 58, Basisbibel)

Wenn Menschen nicht das bekommen, was ihre Arbeit wert ist, dann fehlt nicht einfach der Segen Gottes. Sondern das hat mit Ungerechtigkeit zu tun, mit Unterdrückung und Not. Und daran sollten wir etwa ändern. Da sollten wir unsere Arbeitskraft reinstecken, gerade jetzt, wo es in der Wirtschaft nicht so gut läuft. Dieses Jahr heißt Erntedank für mich auch: Meine Arbeitskraft in ein gutes Miteinander zu stecken. Mit aufzupassen, dass niemand bei uns übersehen wird. Oder nicht das bekommen kann, was zum Leben nötig ist. Sich dafür einzusetzen, lohnt sich ganz bestimmt. Und ganz bestimmt ist Gott mit seinem Segen dabei, wenn er verspricht:

Mach die Notleidenden satt.
Dann wird Gott dich immer und überall führen.
(...)
Dann wirst du wie ein gut bewässerter Garten sein,
wie eine Quelle, die niemals versiegt.

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