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07JUN2026
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Hätten Sie auch gern ein Zimmer in Paris? Dort stehen angeblich 274 000 Wohnungen leer! Nur auf dem Markt angeboten werden sie leider nicht. Die Gründe sind vielfältig: Schlechte Erfahrungen mit Mietern, zerstrittene Erbengemeinschaften, ein Renovierungsstau, der lähmt. Oder die Wohnung wird als Spekulationsobjekt zurückgehalten. Vielleicht gehen die Preise ja noch weiter durch die Decke. Zurzeit liegen sie bei 10 000€/Quadratmeter. Das Ganze ist aber leider kein Luxusproblem. Denn auch in deutschen Städten herrscht akute Wohnungsnot. Der hohe Leerstand ist dabei nur einer von vielen Gründen. Auch bei uns auf dem Land: Egal, mit wem ich darüber ins Gespräch komme: Jeder kennt irgendwo in seiner Nähe ein unbewohntes Haus oder eine nicht genutzte Wohnung.
 
Da liest sich der Satz aus dem Predigttext für die Gottesdienste heute wie eine Notiz aus dem Paradies. Von den ersten christlichen Gemeinden wird da berichtet: „Keiner betrachtete etwas von seinem Besitz als sein persönliches Eigentum. Vielmehr gehörte alles, was sie hatten, ihnen allen gemeinsam. Wer Grundstücke oder Häuser besaß, verkaufte diese und stellte den Erlös zur Verfügung.“ Wahnsinn! Wenn es denn mal wirklich so gewesen wäre. Aber wahrscheinlich ist dieser Zustand auch schon vor 2000 Jahren schon mehr Ideal als Wirklichkeit gewesen.
 
Trotzdem steht es so in der Apostelgeschichte. Vielleicht, weil gute Beispiele einfach motivierender sind als moralische Appelle oder offizielle Aufrufe. Sie machen Mut, neue Wege auszuprobieren und auch mal was zu riskieren. Und siehe da: gute Beispiele entstehen gerade auch bei uns. Eins sogar ganz in meiner Nähe. In unserer Nachbarschaft sind jetzt zwei Frauen Anfang 20 in eine seit Jahren leerstehende Einliegerwohnung gezogen. Es hat ein bisschen Überzeugungsarbeit gebraucht und viele Gespräche, bis die Eigentümer sich darauf einlassen konnten. Schließlich hat die ganze Nachbarschaft beim Entrümpeln geholfen. Die Frauen zahlen nur wenig Miete; sie sind beide in der Ausbildung. Dafür – so ist‘s vereinbart – mähen sie alle zwei Wochen im Garten den Rasen und schneiden die Hecke. Und einmal in der Woche erledigen sie die Einkäufe. Das klappt bisher ganz gut. Für die Vermieter ist das fast wie im Paradies. Und für die Mieterinnen viel schöner als ein Zimmer in Paris. 
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04JUN2026
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„Nichts ist für die Ewigkeit.“ So lautet eine Volksweisheit. Und ich finde: Sie stimmt. Was ich sehe, was ich habe, was mir unendlich wichtig vorkommt. Alles ist endlich und damit nicht für die Ewigkeit: mein Haus, mein Auto, mein Beruf, mein ganzes Leben. Auch meine Texte hier in SWR1, sogar wenn sie sich mit der Ewigkeit beschäftigen. Was ich hier sage, ist eine Momentaufnahme, die morgen schon wieder überholt sein kann. Ich suche nach der Wahrheit, nach dem, was Bestand hat, und finde doch nur Vergängliches.

Was ist dann aber mit dem folgenden Satz, der heute an Fronleichnam in den katholischen Gottesdiensten eine zentrale Rolle spielt: Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben[1]. Es gibt kein Brot und auch sonst nichts, das ewiges Leben schenkt. Menschen haben immer wieder damit experimentiert, ohne je etwas gefunden zu haben. Für manche ist es eine verlockende Vorstellung, das Altern stoppen zu können. Eine gesunde Ernährung, Methoden sich selbst zu optimieren – die Ideen dazu schießen wie Pilze aus dem Boden.

Das ist aber alles mit diesem biblischen Gedanken nicht gemeint. Als Jesus den Satz vom Brot der Ewigkeit sagt, löst er damit bei dem anwesenden Menschen eine große Irritation aus. Er soll etwas haben, dem der Tod nichts anhaben kann? Er behauptet: Es gibt auf dieser Welt doch etwas für die Ewigkeit. Etwas, das die Grenze zum Himmel überwinden kann. Etwas, das sich nicht den Gesetzen von Raum und Zeit unterwerfen muss, weil es aus dem Himmel, aus der Ewigkeit stammt: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.[2]

Um zu verstehen, was Jesus damit meint, muss man jeden Gedanken an Kannibalismus oder Zauberei beiseitelegen. Jesus sagt auf seine Weise, dass er der Weg ist, um in die Ewigkeit zu kommen. Konkret heißt das: Wie er leben – menschenfreundlich, großherzig, gütig. An ihn glauben, der aus Liebe in den Tod ging. Das ist die Richtung, die Christen einschlagen sollen. Und damit sie wenigstens etwas in der Hand haben, einen Vorgeschmack des Himmels, vergleicht Jesus sich mit Brot. Ich bin wie das wichtigste Lebensmittel. Schlicht und unverzichtbar.

Daran denken Katholiken heute an Fronleichnam, wenn sie ein kleines Stückchen Brot verehren; es durch die Straßen tragen, vor ihm das Knie beugen, Blumen streuen, feierliche Lieder singen. Weil sie glauben: Mit Jesus bin ich gerettet. Mit ihm gehe ich in die Ewigkeit.

 

[1] Johannes 6,51b

[2] Johannes 6,51ab

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31MAI2026
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Wenn ich wissen will, wie ich gerade aussehe – mein Gesicht, meine äußere Erscheinung – dann schaue ich in den Spiegel. Und wenn ich wissen will, wie es in mir drin aussieht, dann schaue ich – Werbung: im Fernsehen oder auf Social Media. Denn gute Werbung hat ein feines Gespür für meine innersten Wünsche und Sehnsüchte. Ist ja klar: mit denen kann sie mich locken, verlocken und oft genug auch verführen: mein Geld zu investieren in meine Träume.

Dieses Parfüm zum Beispiel – da könne ich doch ganz ich selbst sein, wenn ich es auftrage. Oder diese Heckenschere – mit Akku-System, das auch zum kabellosen Rasenmäher passt: das ideale Hilfsmittel, um im Garten „ganz mein Ding“ durchzuziehen.

„ICH – SELBST – MEIN DING“ – es ist dieses Motiv, das in der Werbung ständig auftaucht – egal für was. Und obwohl das natürlich auch bei mir zieht, ist es mir manchmal zu viel. Als wäre das Bild meines Inneren im Spiegel „überschminkt“ mit zu roten und breiten Lippen und einem Gesicht, das gar nicht mehr lebendig aussieht, sondern eher wie eine Schaufensterpuppe. Und ich selbst? So wie ich nun mal wirklich bin und aussehe? Bin dahinter verschwunden.

ICH – SELBST – so, wie ich bin: darüber kann ich eben nicht bestimmen. Ich kann etwas aus mir machen, ja. Aber mir Charaktereigenschaften oder Fähigkeiten dazukaufen, die ich gerne hätte so wie ein Parfüm – das geht eben nicht. Ich kann mich nicht selbst erschaffen – wie es mir Werbung manchmal vorgaukelt: Sondern ich bin geschaffen. Bin lebendig durch eine Kraft, über die ich niemals verfüge.

Diese Lebenskraft – daran glaube ich – ist ein Segen, und zwar ganz wörtlich. Im biblischen Wort für Segen steckt das nämlich drin: Kraft um zu leben, um es zu meistern und zu gestalten. Schon in biblischen Zeiten haben sich die Menschen danach gesehnt.  Und bis heute findet in unserer christlichen Gemeinschaft nichts Wichtiges ohne einen Segen statt: am Ende jedes Gottesdienstes, bei jeder Taufe oder auch Hochzeit. Auch auf der Straße oder bei Festen sind heute viele Pfarrerinnen und Pfarrer präsent, um Menschen den Segen zuzusprechen, die das gerne möchten: Ein Geschenk von außen und nichts, was wir Menschen selbst erschaffen könnten. Mit biblischen Worten klingt das so:

Gott, der Herr, segne Dich und behüte Dich
Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir – Frieden.

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25MAI2026
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Was ist Wahrheit? Eine berühmte Frage. Gestellt hat sie der römische Statthalter Pontius Pilatus. So jedenfalls erzählt es die Bibel. Damals machten ihm die Jerusalemer Obrigkeiten Druck. Denn nur er, der römische Beamte, durfte Jesus verurteilen. Und das sollte er in ihren Augen auch tun. Aber Pilatus zögert und windet sich. Er weiß genau, dass es ein Unrechtsurteil wäre. Und stellt deshalb gequält diese Frage: Was ist Wahrheit?

Wahrheit. Das ist so ein Wort, dass zwei Seiten hat. Wahrheit ist grundsätzlich gut, hat in der Kirche aber leider auch eine unselige Geschichte. Nicht nur wegen Pilatus. Denn im Namen einer vermeintlichen Wahrheit sind auch Leute, die anders dachten und lebten, als es die Kirche vorgab, verfolgt und massakriert worden. Im Namen dieser Wahrheit wurden Kriege geführt. In ihrem Namen ist denunziert, ausgegrenzt und gedemütigt worden. Was ist Wahrheit?

Heute, am Pfingstmontag, ist in den Bibeltexten von ihr die Rede. Vom Geist der Wahrheit nämlich, den Gott in die Welt schicken werde. Jesus ist nicht mehr da. Und weil man ihn nicht mehr um Rat fragen kann, soll sein guter Geist kommen. Für alle. Überall. Er soll den Menschen helfen, den Spuren Jesu in ihrem Leben zu folgen. Soll sie erkennen lassen, wie das ist mit Himmel und Erde.

Wahrheit ist auch nicht nur abstrakt. Zwei mal Zwei ergibt Vier, und zwar immer. Das ist wahr. Und wahr ist auch, dass jeder Wassertropfen aus Millionen Molekülen besteht, die alle gleich gebaut sind. Aus Sauerstoff- und Wasserstoffatomen nämlich. Nachweisbar im Experiment. Das ist wahr. Beim Glauben allerdings, da wird es schwieriger. Ob es Gott gibt oder einen Heiligen Geist, das kann niemand beweisen. Das kann ich nur glauben und darauf hoffen. Und ich kann danach leben. So, wie Jesus es vorgemacht hat. Ich kann so leben, dass jeder Mensch zu meinem Nächsten wird. Weil ich ihn als Mensch achte und ernst nehme, selbst dann noch, wenn er vielleicht ein schlimmer Kotzbrocken ist. Ich kann so leben, dass Ehrlichkeit und Verlässlichkeit keine Worthülsen sind. Sondern dass Menschen das wirklich spüren, wenn sie mit mir zu tun haben. Auch das ist dann wahr.

Doch auch wenn ich das alles aufrichtig will, fällt es manchmal schwer. Als Christ kann ich da immerhin auf diesen guten Geist hoffen, der uns damals versprochen worden ist. Als Maßstab und Ansporn. Den „Geist der Wahrheit“, der spürbar wird, wo geglaubt, gehofft und geliebt wird.

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24MAI2026
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Manchmal gibt es in alten Kirchen ein besonderes Detail: das sogenannte Heiliggeistloch oder Pfingstloch: Ein kreisrundes Loch mit einem verzierten Rand hoch oben in der Kirchendecke.

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Und das war anscheinend immer schon ein schwieriges, weil nicht wirklich anschauliches Fest. Um Gottes Geist also anschaulicher zu machen, hatten Kirchenbauer im Mittelalter die clevere Idee, ein solches Loch in die Kirchendecke einzulassen. Das besagte Heiliggeistloch. Mit Hilfe dieser Öffnung konnte man der Gemeinde jetzt nicht nur von Gottes Geist erzählen. Die Gemeinde konnte den Heiligen Geist sehen und erleben. Und zwar folgendermaßen:

Genau in dem Moment, wenn an Pfingsten die Geschichte vorgelesen wurde, wie Gottes Geist wie eine Taube vom Himmel zu den Menschen kommt – genau dann hat man durch das Loch weiße Tauben in die Kirche fliegen lassen. Und weil die Bibel den Heiligen Geist auch mit Feuer vergleicht, regneten durch manche Heiliggeistlöcher sogar brennende Holzspäne durch das Loch in den Kirchenraum. Eine richtige Inszenierung wie im Theater, damit sich die Menschen die Pfingstgeschichte besser vorstellen konnten. So als wären sie selbst dabei gewesen:

Wie die Jünger Jesu zuerst verängstigt waren nach Jesu Tod, sich versteckt und eingeschlossen hatten. Wie dann der Geist Gottes in Form von Feuerzungen auf die Jünger Jesu herunterkam und sie gespürt haben: Gottes Geist macht nicht halt vor verschlossenen Türen, verrammelten Fenstern und dicken Mauern. Er findet immer einen Weg.

Diese Geschichte erzählt das Heiliggeistloch. Manche Kirchengemeinden haben es wieder entdeckt und nutzen es an Pfingsten. Natürlich fliegen keine lebendigen Tauben in die Kirche und auch brennende Holzspäne wären viel zu gefährlich. Heutzutage regnen mancherorts rote Rosen- und Pfingstrosenblätter durch das Loch auf die Gemeinde. Wo Gottes Geist weht, da bringt er die Liebe mit.

Von einer Gemeinde habe ich gehört, dass die Kinder aus diesen roten Blütenblättern ein großes Herz auf dem Kirchenboden formen. Ich finde das ganz wunderbar. Denn es reicht nicht, sich vom Geist berieseln zu lassen.
Gottes Geist will uns bewegen. Nicht nur unsere Augen, sondern unser Herz.
Er will durch uns nach draußen. In unsere Worte. In unser Handeln. In unsere Welt.

Vielleicht ist ja das eigentliche Heiliggeistloch unser Herz.

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17MAI2026
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Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein Wartesaal. Etwas ist zu Ende gegangen – und das Neue hat noch nicht richtig begonnen.
So geht es gerade Debora, bei der ich Gesangsunterricht habe. Sie hat ihr Musikstudium abgeschlossen. Hinter ihr liegen intensive Monate voll mit Üben, Prüfungen und Lampenfieber. Jetzt ist sie erst einmal erleichtert. Und stolz darf sie auch sein. Aber gleichzeitig steht die große Frage im Raum: Wie geht es weiter? Ein paar kleinere Jobs hat sie schon. Doch bis sie wirklich von ihrer Musik leben kann, wird es dauern.

Solche Zwischenzeiten entstehen öfter als man denkt: z.B. beim Schulabschluss, nach einem Umzug, nach einer Krankheit. Nach dem Ende einer Beziehung oder mitten in einer beruflichen Neuorientierung.

In der Bibel gibt es ebenfalls so eine Zwischenzeit. In dem Abschnitt aus der Apostelgeschichte, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, sitzen die Freunde Jesu in einem Haus in Jerusalem zusammen. Es war so viel los: Jesus ist gestorben und auferstanden. Und nach seiner Himmelfahrt ist er wohl endgültig nicht mehr bei ihnen. Sie wissen noch nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird. Doch anstatt auseinander zu laufen, bleiben sie zusammen. In der Bibel heißt es: „Sie alle verharrten (…) einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apg 1,14) Sie haben so viel miteinander erlebt, und auch jetzt halten sie die Zeit miteinander aus. Sie tun nicht so, als müssten sie sofort Antworten haben. Sie beten. Sie warten.

Das klingt zunächst passiv. Aber vielleicht braucht es manchmal genau das: eine Zwischenzeit aushalten, in der scheinbar nichts passiert. Nicht sofort in Aktionismus verfallen und jede Leerstelle sofort füllen. Und auch nicht krampfhaft nach schnellen Lösungen suchen. Denn manches wächst langsam.

In der Landwirtschaft kennt man das Bild der Brache. Ein Feld wird bewusst eine Zeit lang nicht genutzt, damit der Boden neue Kraft sammeln kann. Damit später wieder etwas wachsen kann. Ich hatte in meinem Leben auch schon solche Brachzeiten. Zeiten, in denen ich unsicher war und mehr Fragen als Antworten hatte. Aber es ging weiter und irgendwann habe ich gemerkt: da ist ja doch einiges passiert.

Für meine Gesangslehrerin Debora bedeutet das vielleicht: weiter üben, Kontakte knüpfen, kleine Konzerte geben – und gleichzeitig akzeptieren, dass der eigene Weg Zeit braucht. Und vielleicht liegt gerade darin Hoffnung: Dass Neues oft leise beginnt. Nicht mit einem großen Knall, sondern in einer Zeit des Wartens.

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14MAI2026
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Ich weiß nicht, ob Sie das schon erlebt haben: So einen Gänsehautmoment, wenn man das Gefühl hat, mit den anderen um einen herum verbunden zu sein – im gleichen Rhythmus, der gleichen Stimmung. Auf einem Konzert vielleicht oder auch im Stadion? Ich kenne das vom Singen im Chor: Wenn man probt und probt und dann – plötzlich -  nicht mehr 20 oder 30 Einzelstimmen hört, sondern sich ein großer Klang ergibt. Solche Momente bleiben etwas Besonderes.

Es ist etwas Besonderes, so untereinander verbunden zu sein: wenn man förmlich spürt, wie man mit den anderen um einen herum zu einer richtigen Einheit wird. Eine Einheit, die jeden einzelnen darin trägt. Und die wünscht sich auch Jesus für seine Anhängerinnen und Anhänger. Im Gottesdienst an Christi Himmelfahrt heute erzählt eine Bibelstelle davon: Von seinem Wunsch, dass aus den vielen einzelnen Gläubigen eine starke Einheit wird. Jesus betet für seine Freunde und bittet darum:… 21dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

Alle, die glauben verbunden und eins mit Gott dem Vater und Jesus. Das klingt wunderbar und erinnert mich an meine Erfahrung vom Singen. An diese Gänsehautmomente, wenn unsere Stimmen zu etwas Größerem verschmelzen – und trotzdem singen wir nicht immer alle das gleiche. Bass, Tenor – Alt und Sopran singen jeweils ihre eigene Linie. Und alle bringe die verschiedensten Töne ein, die in Akkorden zu einem schönen Gesamtklang verschmelzen. Eins werden, das geht auch ohne Gleichmacherei oder Einheitslösung.

Ja, Chorsingen wäre gerade zu langweilig, wenn alle immer den gleichen Ton singen würden. Die vielen verschiedenen Töne zusammen ergeben einen neuen Klang. Und trotzdem braucht es etwas, dass die Sängerinnen und Sänger eint. Wenn alle einfach wild einen beliebigen Ton singen, dann entsteht Chaos, ein undefinierbarer Brei aus Tönen, der nicht schön klingt.
Erst durch die gemeinsame Vision, einen Plan – in dem Fall die Noten, denen die Sänger folgen, entsteht etwas Schönes.

Im vielstimmigen Chor der Christinnen und Christen ist Jesus so etwas wie der Dirigent und er hat den Menschen durch sein Leben und seine Worte eine Partitur gegeben. Wir müssen nicht alle die gleiche Stimme singen – nein, es ist sogar für den Gesamtklang besser, wenn es unterschiedliche Stimmen gibt.  Durch die gemeinsame Vision vom Reich Gottes, da kann aus den verschiedenen Stimmen, ein geeinter Chor mit Orchester werden. Gänsehautmomente. 

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10MAI2026
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„Die Hoffnung stirbt zuletzt“. So heißt ein beliebtes Sprichwort. Und irgendwie ist da ja auch was dran. Hoffen zu können, das hält am Leben. Und hoffen kann ich letztlich auf ganz verschiedene Dinge. Da kann die Hoffnung sein, eine schwere Krankheit gut zu überstehen, bei der ich noch nicht weiß, wie sie ausgeht. Ich kann hoffen, dass mir ein berufliches Projekt gelingt, in das ich schon viel Zeit und Herzblut gesteckt habe. Aber auch, dass die kriselnde Beziehung zu einem nahen Menschen sich schon wieder einrenkt. Solange ich hoffen kann, dass etwas gut ausgehen wird, so lange spüre ich auf jeden Fall Lebensenergie in mir. Das Tolle an der Hoffnung ist ja: Sie braucht nicht mal einen handfesten, beweisbaren Grund. Und dennoch ist Hoffnung auch kein Wolkenkuckucksheim. Um hoffen zu können reicht schon ein kleiner Anhaltspunkt, eine Ahnung vielleicht, dass es klappen könnte. Dass die medizinische Therapie wirkt, die neue Sendung im Radio gut angenommen wird, die Aussprache mit dem Partner der Beziehung einen neuen Kick gibt.

Hoffen, das ist für mich aber auch ein anderes Wort für Glauben. Hoffen zu können ist deshalb etwas, das zum Christsein unbedingt dazugehört. Ja, das vielleicht sogar eine Art Markenzeichen sein kann für einen Christen, eine Christin. Petrus, der ja so was wie der engste Vertraute von Jesus war, hat die frühen Christen damals aufgerufen: Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt. Seine Aufforderung, fast 2000 Jahre alt, gilt auch noch heute. Was also würde ich einem antworten, der von mir wissen will, worauf ich als Christ eigentlich hoffe. Drei Dinge würde ich aufzählen.

Ich würde antworten, dass ich zwar nicht beweisen kann, dass es einen Gott gibt. Aber dass ich darauf hoffe. Und dass diese Hoffnung der Kern meines Glaubens ist. Ich würde antworten, dass meine Hoffnung auch den Tod einschließt, und ich darauf vertraue, dass der nicht das letzte Wort sein wird. Weil mir dieser Gott Hoffnung gibt, dass da noch etwas kommt. Und schließlich hoffe ich auf Gerechtigkeit. Weil ich es sonst kaum ertragen könnte, wie viel Unrecht, Niedertracht und Gewalt es gibt, die hier auf Erden nie gesühnt werden. Eine Gerechtigkeit über den Tod hinaus. Auch die verbinde ich mit Gott. Glauben. Für mich ein anderes Wort für Hoffen. Eine Hoffnung, die nicht stirbt.

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03MAI2026
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Als Jugendlicher habe ich zum ersten Mal erlebt wie sich Beklemmung anfühlt: als würde es einem den Brustkorb einschnüren – ganz schrecklich. Ich war damals nachts mit Freunden unterwegs. Den letzten Zug hatten wir verpasst. Deshalb mussten wir laufen, immer an den Gleisen entlang. Als wir aus der Bahnhofsbeleuchtung heraustreten umschließt uns Finsternis. Von nun an läuft Angst mit. Bald konzentrieren wir uns nur noch auf das Wesentliche: einatmen, ausatmen. Dann, die Wende: Ein Freund stimmt ein Volkslied aus dem Musikunterricht an. Ausgerechnet. Im Unterricht haben wir dies Lied häufig gesungen und ebenso häufig belächelt. Aber wir kennen es. Alle. Erleichtert stimmen wir ein – auch der, der sonst nie mitsingt. Etwas Wunderbares geschieht und wir werden zu einem Klangkörper, dem die Finsternis nichts mehr anhaben kann.

Damals am Bahndamm habe ich gespürt: Dieser klingende Moment ist uns geschenkt, das ist eine Rettung, die hat nicht nur mit uns zu tun. Und andererseits hat diese Rettung nur mit uns zu tun. Denn auch wenn es an den Bahngleisen finster bleibt: für uns hat sich mit dem Gesang alles verändert.

Viel später habe ich diese Motive in einer Bibelgeschichte wiedergefunden. Sie gehört zum heutigen Sonntag Kantate, dem Sonntag, der dem Lobgesang zu Gott gewidmet ist: Der Apostel Paulus und sein Begleiter Silas sind im Gefängnis - einem Ort ultimativer Angst. Dort sind sie hineingeraten, weil sie öffentlich von ihrem Glauben erzählt haben. An ihrem Glauben halten die beiden fest, auch wenn sie nun dicke Mauern umgeben und ihre Füße im Holzblock stecken. Um Mitternacht umschließt sie tiefe Finsternis.

Ich stelle mir vor, wie die beiden ein- und ausatmen und dann – so weiß der Text – singen (Apg 16,25). Ihren Gesang adressieren sie an Gott, der ihnen ihren Lebensatem geschenkt und in seinem Sohn ihre Finsternis geteilt und überwunden hat. Diese wunderbare Verbindung wirkt. Paulus und Silas spüren wie die Gefängnismauern in ihren Grundfesten wanken, sich die Holzfesseln lösen und sich die Zellentüren öffnen.

Und obwohl es in ihrer Gefängniszelle immer noch finster und dunkel ist, bleiben sie dort. Der Ort hat sich nicht verändert, aber für Paulus und Silas hat sich etwas verändert, auch ihnen wurde eine Rettung geschenkt: Sie haben sich freigesungen von ihrer Angst. Und sie bleiben – ausgerechnet wegen des Gefängniswärters. Der eilt schnell in Paulus und Silas Zelle. Sind die Gefangenen geflohen, muss er den Kopf hinhalten. Im Schein der Fackel, die er mitgebracht hat geht ihm ein Licht auf: Die Gefangenen sind noch da. Seinetwegen! Auch er wird ein Teil dieses Klangraums, dieser rettenden Verbindung zu Gott. Diese Rettung strahlt aus und führt zusammen wie ein Lied in der Finsternis!

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26APR2026
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Für ein paar Euro kann man im Internet ein Bild erwerben, das manche wohl schlicht und einfach religiösen Kitsch nennen würden. Da steht Jesus mit fescher Föhnfrisur im milden Licht der untergehenden Sonne auf einer Weide. Um ihn herum eine Schafherde. Auf dem Arm trägt er ein Lämmchen. Es ist das klassische Bild von Jesus, dem „guten Hirten“. Eins der bekanntesten Motive aus der Bibel. Unzählige Künstler hat es im Lauf der Jahrhunderte zu Darstellungen inspiriert. Manche mehr, manche weniger gelungen. Ich gebe zu, dass ich schon öfter mit diesem biblischen Motiv gehadert habe. Weil ich mich einfach nicht mit einem unmündigen Schaf vergleichen will, das einem Hirten unreflektiert hinterhertrottet. Die Einladung, den Spuren Jesu in meinem Alltag zu folgen, habe ich so jedenfalls nie verstanden. Und dass kirchliche Würdenträger sich ja auch als Hirten und Oberhirten bezeichnen lassen, macht die Sache leider nicht besser.

Um Hirten und Schafe geht es heute Morgen auch in den katholischen Gottesdiensten. Von einem Schafstall ist da die Rede. Von der Tür, die in den Stall führt und durch die der Hirte kommt. Aber auch von zwielichtigen Gestalten, die nicht die Tür nehmen, sondern sich illegal Zutritt verschaffen, um den Schafen zu schaden. Manches an diesen Bildern ist heute nur noch schwer verständlich. (vgl. Joh 10,1-10)

Etwas aber hat mich an dieser Bibelstelle beeindruckt: Die Schafe. Die werden hier nämlich weder dumm noch einfältig dargestellt. Einem Fremden werden sie nicht folgen, weil sie die Stimme nicht kennen, heißt es da. Diese Schafe entscheiden also selbst, wem sie folgen und wem nicht. Spüren, wer es gut mit ihnen meint und wer nur egoistisch seine eigenen Interessen verfolgt. Die Schafe übernehmen Verantwortung für sich selbst. Keine dummen Geschöpfe, die bloß gehorsam einem Führer hinterhertrotten.

Am Ende sagt Jesus schließlich: Der Dieb kommt nur, um zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Darum geht es. Ums volle Leben. Für alle. Auch für die, die schwach, krank oder fremd sind. Wo Leben behindert, erniedrigt oder vernichtet wird, kann das nie im Sinne Jesu sein. Biblische Texte erklären keine gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie können aber Denkanstöße geben. Können mich etwa kritisch fragen lassen, wem ich vertrauen kann. Wer es wirklich gut meint mit mir und anderen, und wer nur sein ideologisches Süppchen kocht. In der Politik und auch in der Kirche. Das Lebensbeispiel, das Jesus hinterlassen hat, kann der Maßstab sein. Eine Tür ins Leben.

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