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Im alttestamentlichen Jeremia-Buch heißt es von Gott: „Ich habe die Erde gemacht und Menschen und Tiere, die auf Erden sind, durch meine große Kraft und meinen ausgereckten Arm ..." (Jeremia 27,5).
Der Flügel einer Eintagsfliege ist ein zartes, transparentes Gebilde mit einem feingeäderten Netz. Ein Puma ist in der Lage, aus dem Stand heraus über fünf Meter hoch zu springen. Elefanten können Infraschall (– das sind Töne unterhalb der menschlichen Hörschwelle, die sich kilometerweit über den Boden verbreiten) – mit ihren Füßen wahrnehmen und mit Ohren- und Rüsselbewegungen miteinander kommunizieren. Mistkäfer schaffen es, mehr als das Eintausendfache ihres Gewichts zu stemmen, Adler vermögen eine Maus aus über 3 Kilometern Höhe zu erkennen, während ein Mensch nur 50 Meter schafft.
Die Beispiele ließen sich schier unendlich fortsetzen. Unsere Mitgeschöpfe verdienen unseren Respekt. Nicht nur, wenn sie die Dimensionen eines Walfischs haben.
„Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es mit Vernunft wahrnimmt, an seinen Werken ersehen“, schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer (1,20).
Wenn wir uns das bewusst machen, kann uns auch nicht gleichgültig sein, wie mit Tieren umgegangen wird: In den 30 Tagen, in denen das Land sich so rührend um den Wal Timmy sorgte, wurden bei uns rund vier Millionen Schweine geschlachtet und 58 Millionen Hühner. In der Ostsee werden täglich zwischen fünf und neun Millionen Fische kommerziell gefangen. Aber sie haben keinen Namen und bekommen keine Schlagzeilen in der Bild-Zeitung.
Ich verlese hier kein Manifest gegen Massentierhaltung und Tierquälerei, aber wir sollten wenigstens wissen, dass Menschen Verantwortung tragen – auch dort, wo keine Kamera und kein Politiker medienwirksam danebenstehen.
Es wäre einiges erreichbar, wenn Menschen erkennen, dass Tiere keine Sachen sind, sondern Geschöpfe – sehr oft mit übermenschlichen Kräften und außerordentlichen Fähigkeiten.
So viele Wunder, so viel Erstaunliches – das kann uns auch ein Hinweis sein auf „den Schöpfer des Himmels und der Erde", wie wir es im Glaubensbekenntnis aussprechen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44553Warum genau tue ich das, was ich tue? Welche Erfahrungen haben mich dazu gebracht, wo hat meine Lebensgeschichte ihre entscheidenden Impulse bekommen?
Diese Frage finde ich spannend. Und ich bin darauf gestoßen, als ich mich mit Theo Lorch beschäftigt habe. Theo Lorch war Pfarrer in Württemberg. Und unter seiner Regie wurde 1969 der Verein „Werkstatt für Behinderte in Ludwigsburg e.V.“ gegründet. Menschen mit Behinderung sollten dort die Möglichkeit bekommen, sich beruflich im Arbeitsleben einzubringen. Das war damals ein wichtiger Schritt. Denn davor hatten Menschen mit Behinderung höchstens noch die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Anschließend gab es keinen richtigen Platz mehr für sie.
Wenn man in Theo Lorchs Lebensgeschichte schaut, merkt man: Keinen Platz zu haben, ausgeschlossen zu sein, das hat auch er persönlich erlebt, gleich mehrmals.
Als er gerade mal zehn Monate alt war, sind seine Eltern als Missionare nach Kamerun gereist – und zwar ohne ihren Sohn. Zusammen mit seinen beiden älteren Schwestern ist Theo Lorch bei einer Großtante geblieben. Mit sechs Jahren dann ist er in ein Kinderhaus gekommen. Dort waren Mädchen und Jungen streng getrennt – nur sonntags zwischen 13:00 und 14:00 Uhr durften sich die Geschwister sehen. Für Theo Lorch war das ein heftiger Einschnitt. Die Erfahrung, zurückgelassen zu werden und alleine zu bleiben, muss ihn tief geprägt haben.
Später als Pfarrer ist Theo Lorch mit seiner eigenen Familie nach Indien gegangen, hat dort an einer theologischen Ausbildungsstätte gelehrt. Doch 1939 wurde die Familie von der englischen Kolonialregierung verhaftet, musste für sieben Jahre in ein Internierungslager. Dort war Theo Lorch arbeitslos. Auch das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, seine Fähigkeiten nicht einbringen zu können, hat er also aus eigener Erfahrung gekannt.
Ich glaube: Das alles hat eine Rolle gespielt bei der Gründung der Werkstatt für Menschen mit Behinderung später in Ludwigsburg. Da hat Theo Lorch seinen Teil dazu beigetragen, dass Menschen eben nicht ausgeschlossen werden und einen guten Platz finden.
2006, vor zwanzig Jahren also, ist Theo Lorch im Alter von 100 Jahren gestorben. Bereits im Jahr zuvor wurde das von ihm mitgegründete Unternehmen nach ihm benannt: In den Theo-Lorch-Werkstätten nehmen heute über 800 Menschen mit Behinderung aktiv am Arbeitsleben teil.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44497„Ich glaube an die Menschen!“ Die Mitarbeiterin in einem Kassenhäuschen hat mir das neulich gesagt. Wir wollten unseren Eintritt mit Karte bezahlen – das war dort aber technisch nicht möglich. Und genügend Bargeld hatten wir nicht mit dabei. Spontan durften wir dann einfach so rein – mit dem Versprechen, das Geld später vorbeizubringen. „Ihren Ausweis brauche ich nicht“, hat die Mitarbeiterin noch gemeint. Ich glaube an die Menschen.“
Das hat mich ganz schön überrascht. Wir kannten uns ja gar nicht – im Anschluss hätten wir einfach auf Nimmerwiedersehen verschwinden können. Und ich habe mich gefreut. Dass es doch noch geklappt hat, dass wir nicht wieder gehen mussten. Aber fast noch mehr gefreut hat mich das Vertrauen dieser Mitarbeiterin. Sie hat daran geglaubt, dass wir unser Wort halten, dass man sich auf uns verlassen kann. Da habe ich Verbundenheit gespürt, einfach von Mensch zu Mensch.
Und ich habe mich gefragt, ob ich selbst auch dieses Vertrauen hätte. Würde ich einem wildfremden Menschen abnehmen, dass er seinen Eintritt auch später noch bezahlt?
Vermutlich hätte ich da auch meine Zweifel. Wenn’s ums Geld geht, dann vergessen manche Leute sehr schnell, was sie mal versprochen haben. Die Erfahrung habe ich schon machen müssen. Aber – die Frau im Kassenhäuschen ja ganz sicher auch. Und trotzdem hat sie sich entschieden, weiter an die Menschen zu glauben. Und das hat den Unterschied gemacht.
Vielleicht ist das ja wie mit meinem Glauben an Gott. Auch da habe ich regelmäßig meine Zweifel. Hat Gott diese chaotische Welt wirklich in seiner Hand? Glaube ich also an das Gute in der Welt? Bewirkt es was, wenn ich bete? Was genau heißt es, dass ich Christ bin? Glauben ohne zu zweifeln, das kann ich gar nicht. Trotzdem wage ich es weiter, Gott zu vertrauen. Und ich merke: Das macht einen Unterschied in meinem Leben. Dann will ich auch an die Menschen glauben, an das Gute in uns allen – so wie die Frau im Kassenhäuschen neulich.
Übrigens: Das Eintrittsgeld, das wir damals nicht gleich in bar bezahlen konnten, hat uns dann eine andere Familie an Ort und Stelle ausgelegt, gegen Online-Überweisung. Da hat also gleich nochmal jemand an die Menschen geglaubt, und an uns. Das war die zweite schöne Erfahrung an diesem Tag.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44493Ich bin mit meiner Mama auf dem Wochenmarkt. Zwischen Gemüse, Brot und Käse entdecke ich einen Blumenstand voller Pfingstrosen, Nelken und Hortensien. Während ich noch die Farben bestaune, hält meine Mama plötzlich einen kleinen Blumentopf hoch.
„Schau mal“, sagt sie, „eine Akelei. Die nehme ich für den Garten mit.“
Mir kommt die Pflanze mit ihren dünnen Stängeln und den paar Blättchen ziemlich mickrig vor, aber als ich genauer hinschaue, sehe ich, wie kunstvoll und fein die Blüten sind. Sie wirkt leicht, zart und gleichzeitig erstaunlich elegant.
Später schaue ich im Internet nach und lese: Die Akelei gilt auch als Symbol für den Heiligen Geist. Das überrascht mich. Mit dem Heiligen Geist verbinde ich bisher eher Sturm, Feuerzungen und große Kraft – so wie an Pfingsten eben. Laut und eindrucksvoll.
Vielleicht wirkt der Heilige Geist oft ganz anders. Nicht üppig und farbenfroh wie Pfingstrosen oder Hortensien, sondern leise und unaufdringlich. Wie eine Akelei eben. Vielleicht wächst er in mir wie ein Gedanke, der mich nicht mehr loslässt. Wie ein Mut, den ich plötzlich finde. Oder wie eine Entscheidung, die auf einmal klar wird, obwohl vorher alles unsicher war.
Und noch etwas fällt mir an der Akelei auf: Ihre Blüten neigen sich leicht nach unten, wie eine kleine Verbeugung. Fast demütig, bescheiden und still. Vielleicht bewirkt der Heilige Geist genau das manchmal auch in uns: Dass wir nicht immer im Mittelpunkt stehen müssen. Dass wir anderen Raum geben können. Zuhören. Rücksicht nehmen. Nicht größer von uns denken, als wir sind.
Dabei ist die Akelei alles andere als empfindlich. Sie ist widerstandsfähig und wächst an Orten, an denen man sie kaum erwartet – zwischen Steinen, am Wegesrand, im Halbschatten. Und wenn sie einmal Wurzeln geschlagen hat, kommt sie immer wieder.
So ist es auch mit dem Heiligen Geist. Er lässt manchmal gerade dort etwas wachsen, wo ich es nie vermutet hätte. Mich erinnert das an meine Cousine Moni. Sie kämpft seit Jahren mit ihrer Gesundheit. Kaum geht es mal bergauf, taucht eine neue Baustelle im Körper auf. Und trotzdem gibt sie nicht auf. Anstatt zu verzweifeln, ist da eine Kraft in ihr, mit der sie den nächsten Tag schafft. Eine Hoffnung, die sie immer wieder nach vorne schauen lässt.
Vielleicht wirkt der Heilige Geist genau so: nicht immer wie ein Sturm, der alles verändert. Manchmal eben eher wie eine Akelei – leise, zart und doch stark genug, selbst auf kargem Boden zu blühen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44436Ich lebe allein. Nicht, weil ich keine Menschen mag oder nicht mit anderen zusammenleben könnte. Im Gegenteil. Ich bin mit drei Geschwistern groß geworden, habe in WGs gelebt und bin gern unter Leuten. Ich treffe Freundinnen, gehe ins Konzert oder sitze nach der Chorprobe noch mit anderen in der Kneipe. Und ich mag eben auch das Alleinsein. Nach Hause kommen und dort einfach meine Ruhe haben. Tun und lassen können, wonach mir gerade ist.
Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich einsam fühle. Momente, in denen ich mir jemanden wünsche, der mit mir den Alltag meistert. Der daran denkt, dass endlich eine Lampe aufgehängt werden müsste oder der Wasserkocher entkalkt gehört. Oder jemand, der mich nach einem anstrengenden Tag einfach in den Arm nimmt. Aber diese Momente sind seltener als andere vielleicht denken. Meistens fühle ich mich in meinem Leben allein ziemlich wohl.
Lange Zeit hatte ich trotzdem das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Vor anderen und vor mir selbst. So, als wäre das Alleinleben nur eine Übergangsphase. Bis irgendwann „der Richtige“ kommt. Doch dann habe ich gemerkt: Es bringt nichts, mein Single-Leben mit anderen Lebensformen zu vergleichen. Oder gar gegeneinander auszuspielen. Menschen sind verschieden. Und Lebenswege verlaufen oft anders, als man sie sich einmal vorgestellt hat. Deshalb gibt es ganz unterschiedliche Arten zu leben: Familien mit Vater, Mutter und Kindern. Patchwork-Familien. Paare ohne Kinder. Alleinerziehende. Wohngemeinschaften. Mehrgenerationenhäuser. Geschwister, die zusammenwohnen. Und Menschen wie mich, die allein leben – freiwillig oder weil das Leben es so mit sich gebracht hat.
Entscheidend ist für mich nicht, wie Menschen leben. Sondern ob sie verbunden sind mit anderen. Ob sie Menschen haben, die ihnen guttun. Freundschaften. Nachbarinnen. Kollegen. Familie. Menschen, die zuhören und sich mit mir freuen – auch über Kleinigkeiten. Und die da sind, wenn es mal nicht so rund läuft.
Genau das hat für mich mit Pfingsten zu tun. In der Bibel heißt es, dass Gott seinen Heiligen Geist schickt – einen Geist, der Menschen miteinander verbindet. Der Verständnis wachsen lässt, trotz aller Unterschiede. Der hilft, ehrlich, friedlich und liebevoll miteinander umzugehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Frage: nicht, ob jemand allein lebt oder nicht. Sondern aus welchem Geist heraus wir leben. Denn wo Menschen einander offen und liebevoll begegnen, da ist niemand wirklich allein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44435Ein verregneter Sonntagnachmittag, viel zu kalt für die Jahreszeit. Ich liege auf dem Sofa und mache etwas, das ich nicht wirklich gutheiße: Mitten am Tag schalte ich den Fernseher an und zappe mich durch die Mediatheken. Bei einer 16teiligen US-amerikanischen Serie bleibe ich schließlich hängen: „Das Haus David“ aus dem Jahr 2025. Was ganz Neues! Der Film erzählt die Geschichte vom Aufstieg des biblischen Hirtenjungen David zum König von Israel. Den biblischen Stoff lasse ich als Entschuldigung fürs nachmittägliche Fernsehen durchgehen – ist ja ein bisschen wie Gottesdienst. Inzwischen habe ich die ganze Staffel gesehen und warte sehnsüchtig auf das Erscheinen der nächsten. Wie das eben so ist, wenn es einer Verfilmung gelingt, einen in ihren Bann zu ziehen und für ihre Figuren einzunehmen.
Im Moment jedenfalls ist für mich klar: Es gibt keine spannendere biblische Gestalt als David. Um das Jahr 1000 vor Christus ist er Israels zweiter und wohl berühmtester König geworden. Dabei ist er am Anfang nur der jüngste von acht Brüdern eines Landwirts, meistens mit einer Herde Schafe unterwegs, irgendwo in der Steppe. Nicht im Blick, wenn es um wichtige Entscheidungen und die Vergabe von Posten geht. Wunderbar darum die Folge, in der der Prophet Samuel gerade diesen Außenseiter zum künftigen König salbt. Denn, so der biblische Begleittext, „ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ Wer wollte sich in diesen Worten nicht wiederfinden! Trotzdem ist der Weg auf den Königsthron für David noch mit vielen Hindernissen gepflastert. Weil er ein begabter Harfenspieler ist, wird er an den Hof des amtierenden Königs Saul geholt und ist dort als Musiktherapeut tätig. Seine Musik beruhigt und belebt den König, der an depressiven Stimmungen und aggressiven Schüben leidet. Seinen endgültigen Durchbruch schafft Davd, als er im Krieg gegen die Philister den bis an die Zähne bewaffneten Superhelden Goliath besiegt – mit einem einzigen Wurf aus seiner Steinschleuder. Der Kampf der ungleichen Gegner ist sprichwörtlich geworden, immer wenn sich ein völlig chancenloser Winzling gegen eine überwältigende Übermacht durchsetzen kann. Und natürlich gewinnt David schließlich auch noch die Hand der schönen Königstochter Michal. Aber sine Frauengeschichten werden erst in Staffel zwei erzählt. Ich kanns kaum erwarten!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44422In der Bibel wird dieses Ereignis, die Himmelfahrt Jesu, so beschrieben: 40 Tage nachdem Jesus an Ostern auferstanden ist, ist seine Zeit auf der Erde, seine irdische Zeit, also nun endgültig vorbei. Er verabschiedet sich von seinen Jüngern und wird in einer Wolke hochgehoben in den Himmel. Die Jünger schauen ihm nach, bis er verschwunden ist. Zwei Engel beobachten das alles und fordern die Jünger dann sinngemäß auf: „Was steht ihr da rum und guckt in den Himmel? Auf jetzt!“
Die Engel erinnern die Jünger damit an etwas, das Jesus ihnen schon vorher aufgetragen hatte: Geht los, raus in die Welt, erzählt von mir und von Gott. Und lebt so, wie ich es euch gezeigt habe. Redet mit den Leuten, kümmert euch um die, die ungerecht behandelt werden, und vergesst nicht, was Nächstenliebe bedeutet.
Christi Himmelfahrt ist deshalb so etwas wie ein Tag des Aufbruchs.
Ich finde, genau das ist heute überall zu spüren: An keinem anderen Tag im Jahr sind gefühlt so viele Leute draußen unterwegs, unter freiem Himmel. Und dabei vermischen sich christliche Bräuche und weltliche Traditionen: Die einen ziehen in einer Prozession mit Kreuz und Fahne über Wiesen und Felder, und bitten für eine gute Ernte und um den Segen für die Schöpfung. Die anderen haben den Bollerwagen vollgepackt, mit kühlen Getränken und Musikboxen. Sind stundenlang unterwegs, von einem Dorf zum nächsten - und feiern. Den freien Tag, die Freundschaft, was auch immer.
Ich habe Christi Himmelfahrt immer als einen friedlichen Tag erlebt. Einfach nur draußen zusammen unterwegs sein. Ohne große politische Debatten, ohne einander zu beschimpfen oder zu belehren. Das ist kein Zufall. Wenn Menschen aufbrechen und sich bewegen, auf denselben Straßen unterwegs sind, dann verändert sich was. Sie kommen einander näher. Ich denke, das hat Jesus gewusst. Und deshalb hat er seine Jünger angewiesen, sich nicht hinter Büchern zu verstecken, sondern eben rauszugehen, auf die Straße, zu den Leuten.
Ich werde heute wahrscheinlich mit dem Rad unterwegs sein. Von einem Fest, oder, wie man im Schwäbischen sagt, von einer Hocketse zur nächsten. Hier ne Rote essen, dort ein Stück Kuchen genießen. Und zwischendrin Leute treffen oder einfach auf ner Bierbank sitzen und in den Himmel gucken. Und dann wieder aufbrechen.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag, wo auch immer Sie heute unterwegs sind, und ganz egal ob mit Kreuz oder mit Bollerwagen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44374Wir sitzen im Kollegenkreis zusammen und reden über diesen Sonntag heute, über den Muttertag. Es ist echt interessant, was ein Thema auf einen Schlag für Reaktionen auslösen kann. Eine Kollegin verdreht gleich die Augen. Eine sagt: „Ach, da kann man doch etwas echt Nettes im Radio erzählen.“ Eine andere meint: „Den Tag haben doch die Nazis eingeführt.“ Ganz nebenbei: Haben sie nicht. Der Verband der Blumenbinder hat ihn in den 1920ern eingeführt. Aber die Nazis haben den Tag benutzt, um ihr Bild von der „Deutschen Mutter“ zu propagieren.
Zurück zu unserem Dienstgespräch. Die augenrollende Kollegin sagt schlussendlich: „Mir brauchen meine Kinder am Muttertag nichts schenken. Wenn sie mir sonst das ganze Jahr auch keine Blumen schenken.“ Letzteres verstehe total. Also entweder soll jemand das ganze Jahr über aufmerksam sein oder gar nicht. Aber eben nicht nur an einem Tag.
Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob diese Begründung so schlüssig ist. Weil mit diesem Argument könnten wir doch alle Gedenktage abschaffen, oder? Warum gibt es zum Beispiel den Volkstrauertag? Weil wir uns immer neu daran erinnern sollen, wie viele Menschen in den letzten Kriegen gestorben sind. Und bei den christlichen Gedenktagen ist das genauso. Warum feiern wir einmal im Jahr Weihnachten und einmal im Jahr Ostern? Eben, dass wir uns daran erinnern, dass Gott Menschen geworden und Jesus auferstanden ist. Dass Gott uns begleitet. Im Leben und auch im Tod. Aber ist uns das immer bewusst? Jeden Tag? Mir zumindest nicht. Deshalb ist es wichtig, dass immer wieder zu hören und zu feiern. Zumindest an einem Tag im Jahr. Als Menschen brauchen wir solche Tage als Erinnerungshilfen.
Und so verstehe ich auch den Muttertag. Ich hab leider nicht immer parat, wie dankbar ich meiner Mama dafür bin, dass sie mich auf die Welt gebracht hat und jahrelang unglaublich viel Zeit in Windelwechseln, Kochen, Waschen und tausend andere Dinge investiert hat. Das habe ich eben nicht immer vor Augen.
Ok, nur Blumen zu schenken, ist wahrscheinlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber vielleicht ist der Muttertag eine gute Erinnerung meiner Mama zu sagen, wofür ich ihr dankbar bin. Das kann man auch das ganze Jahr über, richtig. Trotzdem ist heute dafür eine gute Gelegenheit. Und ich will sie nutzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44370In ein paar Tagen wird er 76 Jahre alt. Die Rede ist von Thomas Gottschalk. Seine Fernsehkarriere hat er schon mehrfach für beendet erklärt, um dann doch wieder in irgendeiner Show aufzutauchen. Da ist der, der für viele auch im fortgeschrittenen Alter und trotz Erkrankung noch immer der Thommy ist, nicht besonders konsequent. An anderer Stelle schon. Gefragt, ob er noch in der Kirche sei, antwortet er: „Solange ich mir Schuhe von Louis Vuitton leisten kann, solange kann ich mir auch die Kirche leisten.“ Da hat er leicht Reden – kann man jetzt sagen – hat ja auch Geld wie Heu. Stimmt. Und sowohl von Louis Vuitton Schuhen als auch von Thomas Gottschalk kann man halten, was man will.
Was mir gefällt, ist sein klares Bekenntnis zur Kirche. Und seine versteckte Kritik an denen, die behaupten, sie könnten sie sich nicht mehr leisten. Mal ehrlich: Auch mit weniger Geld als Thomas Gottschalk können die meisten von uns entscheiden, was für sie wichtig ist. Und ich glaube, darum geht es: Sich ehrlich klarzumachen, was mir wichtig ist.
Warum mir die Kirche wichtig ist? Ein paar Beispiele: Weil sie mich geprägt haben, die kirchlichen Jugendräume, in denen wir früher die ersten Partys ohne Eltern gefeiert haben, und ich mir wünsche, dass es solche Orte auch heute noch gibt. Weil ich sie im wahrsten Sinn des Wortes notwendig finde, die Hilfsangebote von Diakonie und Caritas, zu denen ich Menschen schicken kann, die nicht mehr weiterwissen. Und weil sie mir am Herzen liegen, die Kirchen in unseren Städten und Dörfern, die oft geöffnet sind und Orte der Ruhe bieten. Zweckfreie Gebäude, Leerräume, in denen nichts produziert wird, die uns aber verbinden, mit so vielen, die vor uns waren und vorausgegangen sind.
Natürlich kann und darf nicht alles beim Alten bleiben, gerade in der Kirche. Natürlich wurden Fehler gemacht und sind wir Menschen nicht gerecht geworden. Und natürlich müssen wir uns täglich neu fragen, was es heute bedeutet, Kirche für die Menschen zu sein. Aber gerade deshalb bin ich Thomas Gottschalk und allen anderen, die uns die Treue halten, sehr dankbar. Denn im Gegensatz zu den Louis Vuitton Schuhen handelt es sich hier nicht um eine Geschmacksfrage. Vielmehr geht es um die Frage: Bin ich bereit, etwas beizutragen und einzubringen, auch wenn mir das vielleicht nicht immer und sofort etwas Zählbares bringt? Bin ich bereit, in Leerräume zu investieren, die es ermöglichen, dass Menschen sich getragen fühlen? Ganz gleich in welchen Schuhen ich durch mein Leben gehe.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44289Mitten in der Nacht passiert es: Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert und es kommt zu einer Nuklearkatastrophe. Heute, vor genau 40 Jahren. Plötzlich ist nichts mehr selbstverständlich. Meine Eltern fragten sich damals: Dürfen die Kinder draußen spielen? Ist der Salat aus dem Garten noch essbar? Der Regen hat nämlich die radioaktiven Partikel, die der Wind her geweht hat, gebunden und auf Böden und Pflanzen verteilt. Eine Katastrophe von weit weg, ist plötzlich überall.
Tschernobyl ist nicht nur eine Explosion. Sondern ein Tag, an dem die Welt lernt: Der Mensch kann Dinge schaffen, die er schlichtweg nicht mehr im Griff hat. Und sie können sich auf jeden auswirken.
40 Jahre später frage ich mich: Haben wir die Lehren von Tschernobyl wirklich verstanden?
Damals ist es die Kernenergie, heute sind es andere Systeme, die ich selbstverständlich akzeptiere: Ich kaufe meine Bananen im Winter. Aber dafür erschöpfen langsam die Böden der Plantagen und verbrauchen so viel Grundwasser, dass Menschen dort nicht mehr Leben können und fliehen.
Anderes Beispiel: Ich nutze Künstliche Intelligenz so selbstverständlich, wie Strom aus der Steckdose. Und denke nicht darüber nach, woher die Energie dafür kommt oder wie sich das auf Arbeitsplätze auswirkt, geschweige denn, ob es bei KI noch Kontrolle gibt.
Ich sehe den Fortschritt und was plötzlich möglich ist, bin dabei. Bis plötzlich der Regen radioaktiv ist oder Ernten ausfallen und Menschen woanders Arbeit suchen. Oder ein Algorithmus entscheidet, wer eine Wohnung bekommt. Und erst dann macht sich bemerkbar: Wir haben wieder nicht hingeschaut, bis es zu spät war.
Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft aus Tschernobyl den Mut ziehen, anders zu handeln. Nicht erst, wenn die Katastrophe da ist, sondern vorher: „Was könnte passieren? Wem schadet das? Wer trägt die Folgen?“
Doch ich weiß: Wenn ich nur auf andere zeige, mache ich es mir zu einfach. Auch ich muss mir die Frage stellen: Wie lebe ich, wo ich doch weiß, dass alles Konsequenzen hat?
Die Bibel spricht davon, dass uns die Welt anvertraut ist. Gott legt uns vertrauensvoll die Welt in unsere Hände. Wie etwas ganz Wertvolles, was wir uns ausleihen und unversehrt weitergeben an unsere Kinder.
Ich habe die Angst von 1986 nicht selbst erlebt. Aber ich lebe in einer Welt, die damals gelernt hat, wie fragil sie ist. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe dieses Jahrestags: Nicht zurückzublicken, sondern nach vorn zu handeln.
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