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18JAN2026
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Heute beginnt in vielen Kirchen die ökumenische Gebetswoche für die Einheit der Christen. Eine Woche, in der Christen unterschiedlicher Konfessionen bewusst miteinander und füreinander beten. Dieser Gedanke ist einfach – und doch herausfordernd: Bete ich da für Einheit? Ich habe gemerkt: Das entscheidet sich dort, wo ich anderen wirklich begegne. Zum Beispiel, wenn ich ein Gespräch nicht abbreche, obwohl es anstrengend wird. Wenn ich jemanden nicht sofort in eine Schublade stecke, sondern nachfrage. Wenn ich mir im Stillen sage: Gott, hilf mir, diesen Menschen nicht als Gegner zu sehen.

Ich erinnere mich an folgende Szene: Eine Freundin erzählt mir von einem Missverständnis, das sich aufgestaut hat. Sie sagt: „Ich dachte, der andere versteht mich, aber wir meinen völlig unterschiedliche Dinge.“ Gelöst hat es sich erst, als sie nicht mehr erklären wollte, sondern gefragt hat. Und in diesem Moment wurde mir klar: Einheit ist mehr als Einigkeit. Einheit bedeutet: verstehen wollen, aufmerksam sein, dem anderen wirklich zuhören. Widerspruch aushalten und sich am Ende doch die Hand reichen können.

In der Bibel lesen wir von Jesus, wie er mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sicht- und Lebensweisen ins Gespräch kommt. Er versteht sie nicht immer sofort. Und doch sucht er Verbindung. Er lädt ein, über die eigenen Grenzen des Bekannten hinauszugehen. Und genau das ist Einheit: der Mut, Brücken zu bauen. Nicht um Unterschiede aus dem Weg zu räumen, sondern um sie in Nächstenliebe zu tragen.

Gebet kann so eine Brücke sein. Wenn ich bete, öffne ich mein Herz. Ich sage: Gott, ich brauche deine Hilfe, wo ich spalte, statt verbinde, wo ich richte, statt verstehe. Dort, wo eben mein Glaube kleiner ist, als meine Ärger mit dem Anderen.

Die ökumenische Woche lädt ein, nicht nur über Einheit zu reden, sondern sie zu leben. Ich denke an Menschen, die sich nicht immer verstehen – und einander trotzdem nicht aufgeben. Die ringen, widersprechen und verbunden bleiben. Wie bei einem Familienessen: unterschiedliche Meinungen, aber Platz für jede und jeden. So ist Einheit: nicht Gleichheit, sondern Verbundenheit im Unterschied.

Ich lade Sie ein: Beten Sie für Menschen, mit denen es schwierig geworden ist – und dafür, selbst nicht hart zu werden. Beten wir, dass wir Brücken bauen lernen, nicht Mauern. Denn Einheit wächst dort, wo wir einander begegnen.

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11JAN2026
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Freundinnen sind ein besonderer Glücksfall im Leben. Das ist mir jetzt wieder klar geworden, als ich zum wiederholten Mal eine kleine Veranstaltungsreihe durchgeführt habe über „Die Frauen meines Lebens“. Zuerst ging es um Mütter und Großmütter. Dabei ist auch viel Schmerzhaftes ans Licht gekommen: unterschiedliche Erwartungen, zu viel Nähe, zu viel Härte, missverstandene Liebe. An starken weiblichen Vorbildern und erst recht an weiblichen Gottesbildern hat es vielen Teilnehmerinnen gefehlt. Aber als es um Freundinnen ging, wurde es mit einem Mal ganz warm im Raum. Von ihren Freundinnen haben eigentlich alle geschwärmt.

Vom besonderen Glücksfall einer Freundschaft zwischen Frauen hatten auch biblische Autoren schon eine Vorstellung. Zumindest der Evangelist Lukas erzählt davon. Maria und Elisabeth sind bei ihm zwar entfernt miteinander verwandt, aber ihre Beziehung ist ganz und gar freundschaftlicher Art. Die junge Maria ist ungewollt schwanger und weiß nicht, an wen sie sich in ihrer Not wenden soll. Der Engel, der ihr gut zugeredet hat, ist verschwunden; weder ihre Eltern noch ihr Verlobter Josef kommen als Gesprächspartner infrage; da sucht sie ihre ältere Freundin Elisabeth auf und findet bei ihr mehr als ein offenes Ohr und Anteilnahme. Elisabeth, selbst im sechsten Monat schwanger, freut sich nämlich einfach. Sie urteilt nicht, sie äußert keine Bedenken, sie muss nicht wissen, wie es überhaupt dazu hat kommen können, sie versichert einfach: Ich werde alles tun, um dich zu unterstützen, denn, glaub mir, deine Schwangerschaft ist ein Segen Gottes. Alles wird gut. So sind Freundinnen. Ein Glücks- und Segensfall im Leben. Schade, dass Lukas die Geschichte dieser wunderbaren Freundschaft nicht weitererzählt hat. Denn im weiteren Verlauf seines Evangeliums geht es vor allem um die Söhne der beiden. Um Johannes den Täufer und um Jesus. Ich stelle mir aber gerne vor, dass Maria und Elisabeth ein Leben lang in Kontakt geblieben sind. Schließlich haben ihre Kinder beide sehr ungewöhnliche Lebenswege eingeschlagen. Da wird es immer wieder die Unterstützung und den Trost einer guten Freundin gebraucht haben. Eine, die sagt: Ich bin für dich da. Ganz egal, was passiert.

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04JAN2026
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Heute ist Welt-Braille-Tag, d.h. der Gedenktag der Blindenschrift - diese kleinen Hubbel im Papier. Sie heißt auch „Braille-Schrift", weil sie der Franzose Louis Braille erfunden hat. Er hat gewusst, dass Blinde zwar kaum oder gar nicht sehen können, dafür aber umso besser tasten.

 

Für Abbas ist die Brailleschrift total wichtig. Er ist blind und lebt in Berlin. Er beschreibt, wie es für ihn ist, wenn er mit seinem „Lesefinger" die Blindenschrift ertastet. Er sagt: „Dieses Gefühl ist schwer zu vermitteln. Zunächst ist es nur ein diffuses Kribbeln in den Fingern. Dann kommt der Moment, wo das Herz lacht und der Geist jauchzt: Ja, ich habe es begriffen."

 

Das Institut für Neuropsychologie in Hamburg hat dieses Gefühl jetzt etwas genauer untersucht. Können Blinde tatsächlich besser tasten? Es wurde herausgefunden, dass sie nicht etwa feinfühligere Finger haben als Sehende. Aber ihre entsprechenden Gehirnareale sind einfach größer, und so können sie die Informationen aus den Fingern besser auswerten. Das, was die Finger ertasten kann schneller umgesetzt oder eben übersetzt werden, weil das Gehirn mehr Kapazitäten dafür zur Verfügung stellt.

 

Wenn Abbas über seine Blindheit spricht, dann weist er gerne auf die Chancen hin, die darin stecken. Er will nicht um das trauern, was ihm fehlt, sondern er freut sich über das, was er mit seinen Fingern und seinem super-flexiblen Gehirn leisten kann. Abbas räumt zwar ein: „Mit den Augen geht vieles vielleicht noch flinker. Aber was soll´s, wenn ich einmal nur die Hände habe!"

 

Wenn er die Braille-Schrift mit den Fingern entziffert, dann ist das für ihn sogar eine spirituelle Erfahrung. Vor allem wenn er seine dicke Blinden-Bibel liest. Die hat um die 8 ½ Millionen Punkte. Wenn seine Finger darüber gleiten, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, dann erschließt sich für ihn allmählich ein Sinn. Abbas beschreibt das so: „Ich lese, und in mir wird es langsam immer heller. Mit keinem anderen Licht der Welt wollte ich dieses Licht tauschen."

 

Abbas kann über diese Erfahrung nur staunen. Und noch mehr staunt er über Gott. Wie viele Wege der kennt, um das Herz der Menschen zu erreichen: Wenn man sich begegnet oder sich berührt, wenn man staunt, schmeckt, riecht, wenn man Musik hört, in der Stille sitzt, oder eben wenn die Finger nach und nach diese vielen kleinen Hubbel auf dem Papier ertasten.

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28DEZ2025
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„Zwischen den Jahren“ - schon seit meiner Kindheit ist die Zeit zwischen Weihnachten und dem 6. Januar für mich etwas ganz Besonderes. Ich bin am Rande des Odenwalds groß geworden. Und unsere Oma hat mit den alten Odenwälder Sagen gelebt. „Zwischen den Jahren“, das waren für sie die 12 Rauhnächte. In diesen Nächten war für sie der „Wilde Reiter“ im Odenwald unterwegs. Unsere Oma konnte sehr eindrücklich davon erzählen, wie er mit seinem „Wilden Heer“ aus bösen Geistern und Dämonen lärmend durch die Lüfte reitet.  Wer sich ihm in den Weg stellt, wird mitgerissen und ist für immer verloren. War das unheimlich! Wir Kinder haben diese verwunschenen Geschichten geliebt und konnten gar nicht genug davon bekommen.

Aber, was wir noch mehr geliebt haben, war, dass unsere Oma plötzlich so viel Zeit für uns hatte. Denn für die Rauhnächte hat es Regeln gegeben. Und unsere Oma hat sich streng daran gehalten. Sie hat keine Wäsche gewaschen, denn in der aufgehängten Wäsche konnten sich die Geister verfangen. Viele Hausarbeiten blieben liegen, um kein Unglück fürs neue Jahr heraufzubeschwören. Das fanden wir Kinder wunderbar. Denn plötzlich hatte unsere Oma, die sonst immer mit dem Haushalt der Familie beschäftigt war, ganz viel Zeit. Ich erinnere mich an endlose Nachmittage mit immer noch einer weiteren Runde „Oma, spiel mit uns“. Für uns Kinder war es ein verlängertes Weihnachtsfest und ein wunderbarer Start ins neue Jahr. Ein riesiges Geschenk!

Geglaubt habe ich Omas „Rauhnächte-Spukgeschichten“ schon damals nicht so recht. Aber ich versuche bis heute diese Zeit „zwischen den Jahren“ als ganz besonderes Geschenk zu leben. Ich habe die Traditionen meiner Oma beibehalten: Bei uns zu Hause hat die Hausarbeit zwischen den Jahren Pause. Wir sperren den Alltag aus und nutzen die geschenkte Zeit miteinander: zum Erzählen und Spielen, für Besuche und Telefongespräche, für die sonst keine Zeit ist. Und zum Sortieren und Kraft tanken für den Alltag, der wie ein „Wilder Reiter“ schon ganz schnell wieder vor der Tür stehen wird.

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26DEZ2025
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Als ich dieser Tage Klamotten in meinen Kleiderschrank sortierte, fiel mir auf, wie alt der schon ist und wie oft umgezogen. Ein „mädchenhafter“ Kleiderschrank, weiß, mit braunen Leisten verziert.

Ich habe ihn mir gekauft, als mein damaliger Partner auf einmal eine Andere  gefunden hatte, mit der er sich traf. Ich habe mich also getrennt, mir eine neue Wohnung gesucht und Möbel gekauft. Natürlich war ich sehr traurig damals, aber dann in der kleinen Wohnung mit meinen eigenen Sachen auch zufrieden.

Also Dankeschön, Kleiderschrank, es war tröstlich, dich entsprechend meinem eigenen Geschmack zu wählen und du hast mir schon viele Jahre gute Dienste geleistet.

Ich sage auch dem Wind oft Danke. Mit Asthma ist man auf frische Luft angewiesen und ich stelle mich gern ans offene Fenster und atme die klare Eifelluft und freue mich, dass ich nicht in einer engen Großstadt lebe oder in einer Gegend auf der Welt, die von Smog beherrscht wird.

Sauberes Wasser aus dem Kran. Keinesfalls selbstverständlich.

Dass mein Auto morgens anspringt und der Streudienst bei Glatteisgefahr vorsorglich feuchtes Salz streut, sodass wir Verkehrsteilnehmer ungefährdet die Serpentinen von Kirchwald ins Nettetal fahren können. Prima.

Der Weihnachtskaktus, der so prächtig blüht.

Die Grüße und Geschenke, die es Weihnachten gab.

Etwas Sonne an einem Tag, wo es in mir ganz düster ist.

Es gibt so viele Sachen, denen ich DANKE sagen kann.

Schöner noch ist die Vorstellung, dass GOTT mir da ein Zeichen schickt.

Ich sage Sachen gern Danke.

Menschen, wie zum Beispiel dem Winterdienst, sage ich noch lieber Danke.

Aber in meinem Kopf ist es immer GOTT, der das alles geschaffen hat.

Und dafür sage ich am liebsten IHM   Danke.

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25DEZ2025
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„Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst”, so haben wir gestern, am Heiligabend, in der Kirche gesungen. Die Kinder konnten richtig mit schmettern, auch wenn die Orgel gespielt hat, ungewohnt.

Und die Erwachsenen, ziemlich textsicher, auch ohne Gesangbuch.

Ja, schön, dass Jesus geboren ist.

Aber was würden wir vermissen, wenn ER nicht auf die Welt gekommen wäre?

Die Adventszeit mit Kerzen und Plätzchen backen auf jeden Fall und die Traditionen, die jeder von uns mit Weihnachten verbindet. Adventskränze, Tannenbäume, Lametta.

Kartoffelsalat und Würstchen. Stille Nacht gäbe es nicht und kein Weihnachtsoratorium von Bach. Den Kölner Dom gäbe es nicht und nicht die Kirchen in aller Welt, keine Kapellen in Kirchwald und anderswo in der Eifel.

Was ich besonders vermissen würde, wenn Jesus nicht geboren worden wäre:

die Idee, dass alle Menschen Kinder Gottes sind und also untereinander Brüder und Schwestern. Manche denken ja, Schwarze Menschen oder Arbeitslose oder körperlich Eingeschränkte oder Geflüchtete wären zumindest weniger Wert als die anderen, aber seit Jesus wissen wir: das ist Quatsch.

Wenn Gott sich aus dem Himmel aufmacht und Mensch wird, um die menschliche Existenz mit uns zu teilen, dann werden in seinen Augen wohl die Menschen sehr viel Wert sein.

Nicht nur die Blonden mit blauen Augen, die auch, aber eben alle. Gott hier in der Welt hat einen Namen: sein Name ist ICH BIN DA. Wir können ihn in jedem anderen Menschen erkennen.

Und für die, die nicht an Gott glauben: es steht sogar im Grundgesetz: Alle Menschen sind gleich an Würde.

Deswegen singe ich Weihnachten mit Freude: „wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.”

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21DEZ2025
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Die Sensation schlechthin in der Bibel ist die:  Gott spricht. Für die Menschen, von denen in den Geschichten der Bibel erzählt wird, Abraham oder Moses zum Beispiel, scheint das ganz normal zu sein. Manchmal erschrecken die Menschen auch,  je nachdem was Gott von ihnen will. Oder wenn‘s donnert und blitzt, während Gott spricht.  Heute, am 4. Advent, erzählen die Lesungen in den Gottesdiensten gleich zwei Mal davon, dass Gott spricht. So spricht er als Engel zu Josef im Traum und sagt ihm, dass Maria ein Kind erwartet. Ganz ehrlich: ich würde wohl eher mit einem Kopfschütteln aufwachen und denken: “was hast du denn da wieder geträumt heute Nacht?“ Wir Menschen heute rechnen gar nicht mehr damit, mitten im Alltag von Gott angesprochen zu werden. Wobei wir ja jetzt mit großen Schritten auf Weihnachten zugehen.  Da könnte die Chance, Gott zu hören, größer sein.  Weihnachten – das ist der Beginn eines intensiven Gesprächs Gottes mit den Menschen. So könnte man den bekannten Satz des Evangelisten Johannes interpretieren: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Das bedeutet: Gott spricht zu uns durch seinen Sohn. Das feiern Christen überall auf der Welt in vier Tagen an Weihnachten. Mehr kann Gott eigentlich nicht tun. Mehr kann er uns nicht sagen. Gott kann uns nicht mehr mitteilen als sein „letztes Wort“, seinen Sohn.  Er ist einer von uns geworden. Er teilt mit uns ein Leben hier auf der Erde von der Geburt durch Maria bis zum Tod am Kreuz. Die  Advents- und Weihnachtszeit bietet die Gelegenheit, sich daran zu erinnern und  auf die Stimme Gottes im Alltag zu lauschen. Dem Josef hat er übrigens im Traum den Namen des Kindes verraten: Immanuel. Das heißt übersetzt:  Gott mit uns. Wenn das so ist – und das hoffe ich- dann kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43540
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14DEZ2025
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Wilson Bentley ist ein Spinner. Meinen seine Nachbarn. Denn der Bauernsohn hat eine Schwäche für Flüchtiges. Konkret für Schneeflocken. Sie faszinieren ihn. Keine zwei Schneeflocken sehen gleich aus. Und kaum ist eine auf der Hand gelandet, schmilzt sie auch schon dahin. Schneeflocken sind so schnell vergänglich, sozusagen Schnee von gestern. Statt wie seine Alterskameraden Schlitten zu fahren, will Wilson Bentley diese flüchtigen und wunderschönen Erscheinungen festhalten. Er will Schneeflocken fotografieren. Als er siebzehn Jahre alt ist, da ist es dann soweit: Wilson Bentley‘s Mutter überredet seinen Vater, dem Sohn einen Fotoapparat zu kaufen. Da wir das Jahr 1882 schreiben, ist das ein Kasten so groß wie ein kleiner Schrank. Und funktioniert auch bei weitem nicht so einfach und von selbst wie die Fotofunktion eines Smartphones heute. Bentley experimentiert drei volle Jahre herum, dann endlich hat er den Dreh heraus und weiß, was er anstellen muss, damit es ein ordentliches Foto gibt.

Zuerst wird eine einzelne Schneeflocke mit Hilfe einer Truthahnfeder auf ein schwarzes Samttuch gelegt. Das Samttuch mit der Schneeflocke kommt dann auf ein Holzbrett, das unter ein Mikroskop gelegt wird. Hinter dem Mikroskop steht schon der riesige Fotoapparat. Die Belichtungszeit wird möglichst lang gewählt. Wenn dann die Fotoplatten entwickelt worden sind, gibt es wunderschöne Aufnahmen von einzelnen Schneeflocken. Über 5.000 hat Wilson Bentley in seinem Leben gemacht, genau sind es 5.381. – 5.381 Portraitaufnahmen von unverwechselbaren, einmaligen Schneeflocken, die es so nie wieder geben wird.

Seine Leidenschaft hat Bentley einen Spitznahmen eingebracht: Snowflake, Schneeflocke. Ich finde, dass ist ein guter Spitzname. Ein Mensch wendet sich einer Sache zu, die nicht groß sein muss, die ganz klein sein darf. Und da investiert er seine Leidenschaft und Energie und Achtung für das Kleine. Und so wird aus dem Farmer ein Flockenforscher.

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07DEZ2025
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Die Weihnachtsgeschichte, die Geschichte von der Geburt Gottes im Stall von Bethlehem ist für viele nur ein Märchen. Also allenfalls etwas für Kinder. Dabei sind Märchen auch etwas für Erwachsene. Denn auch wenn Märchen häufig unrealistisch und phantastisch klingen, so drücken ihre Geschichten oft wichtige Inhalte und tiefe Wahrheiten aus. Im Orient weiß man darum. Da erzählt man die Märchen auch den Erwachsenen, Märchenerzähler ist da ein angesehener Beruf.

Die Bibel ist im Orient entstanden und voller phantastischer Geschichten - wenn sie so wollen voller Märchen. Etwa, wie der Prophet Jona vom Fisch verschluckt und nach drei Tagen wieder ausgespuckt wird. Oder wie Moses auf Geheiß Gottes die Hand ausstreckt und damit das Rote Meer spaltet. Oder wie Jesus mit fünf Broten und zwei Fischen tausende von Leuten satt bekommt. Der orientalische Mensch weiß: Bei diesen phantastischen Geschichten geht es eigentlich um die Inhalte, die da vermittelt werden sollen. Beim Propheten Jona zum Beispiel dass man sich vor Gott nicht verstecken kann, bei Moses dass Gott sein Volk auch in ausweglosen Situationen rettet und beim Brotwunder von Jesus: Wenn wir teilen, was wir haben, werden alle satt.

Wie es wirklich war mit der Geburt Jesu, das wissen wir nicht. Aber mit der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem will uns die Bibel sagen: Gott liebt diese Welt und uns Menschen so sehr, dass er einer von uns geworden ist. Und daran glaube ich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43447
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30NOV2025
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Heute ist der erste Advent. Und ganz ehrlich: Ich bin noch nicht in Adventsstimmung: Mir ist gar nicht nach Weihnachtsmarkt und Glühwein zumute. Zu Hause habe ich auch noch nichts dekoriert und vorbereitet: Ich habe bis jetzt noch nicht mal einen Adventskranz besorgt.

Zuerst hat mich das geärgert: Am ersten Advent dastehen ohne Adventskranz– wie blöd ist das denn! Dann habe ich überlegt: Wie könnte ich es hinkriegen, doch noch einen Adventskranz zu besorgen? Oder könnte ich noch irgendwie einen basteln? Aber diese Überlegungen habe ich ganz schnell wieder verworfen – der Stress wäre zu groß.

Und nun stehe ich da ohne Adventskranz am ersten Advent. Je länger ich mir das bewusst mache, desto mehr finde ich mich damit ab. Vielleicht besorge ich einfach später noch einen.

Während ich darüber nachdenke, erinnere ich mich auch daran, was Advent eigentlich bedeutet. Der Advent ist eine „Wartezeit“. Im Advent warten wir auf das, was noch kommt. Wir zählen die Tage herunter und üben uns in Geduld. Es ist die Zeit, um sich auf Weihnachten vorzubereiten.
Also muss auch nicht am ersten Advent alles schon perfekt sein. Mit vielem können wir uns Zeit lassen. Schließlich ist Weihnachten erst am 24. Dezember – bis dahin ist Zeit für Vorbereitungen.

Eins meiner Lieblingslieder im Advent fragt: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?“ Mir gefällt diese Frage: Wie soll ich dich empfangen? Im Lied ist Gott gemeint – schließlich feiern wir an Weihnachten, dass Jesus geboren und Gott Mensch wird. Gott kommt in unsere Welt. Und ich habe jetzt Zeit, mich darauf vorzubereiten und frage mich: Wie möchte ich mich dieses Jahr auf Weihnachten einstimmen? Was brauche ich in diesem Advent, damit es für mich Weihnachten werden kann? Brauche ich mehr gemütliche Auszeiten zu Hause am Adventskranz? Mehr Zeit zum Innehalten? Oder brauche ich in diesem Jahr eher viel fröhliches Beisammensein auf dem Weihnachtsmarkt und beim Plätzchenbacken?

So schön ein Adventskranz auch ist – dieses Jahr verzichte ich wohl auf ihn. Ich belasse es bei einer Kerze und freue mich an ihrem Licht. Denn ich merke, dass ich dieses Jahr vor allem mehr den Moment genießen möchte, damit es bei mir so richtig Weihnachten werden kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43421
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