Zeige Beiträge 1 bis 10 von 507 »
Heute ist der erste Advent. Und ganz ehrlich: Ich bin noch nicht in Adventsstimmung: Mir ist gar nicht nach Weihnachtsmarkt und Glühwein zumute. Zu Hause habe ich auch noch nichts dekoriert und vorbereitet: Ich habe bis jetzt noch nicht mal einen Adventskranz besorgt.
Zuerst hat mich das geärgert: Am ersten Advent dastehen ohne Adventskranz– wie blöd ist das denn! Dann habe ich überlegt: Wie könnte ich es hinkriegen, doch noch einen Adventskranz zu besorgen? Oder könnte ich noch irgendwie einen basteln? Aber diese Überlegungen habe ich ganz schnell wieder verworfen – der Stress wäre zu groß.
Und nun stehe ich da ohne Adventskranz am ersten Advent. Je länger ich mir das bewusst mache, desto mehr finde ich mich damit ab. Vielleicht besorge ich einfach später noch einen.
Während ich darüber nachdenke, erinnere ich mich auch daran, was Advent eigentlich bedeutet. Der Advent ist eine „Wartezeit“. Im Advent warten wir auf das, was noch kommt. Wir zählen die Tage herunter und üben uns in Geduld. Es ist die Zeit, um sich auf Weihnachten vorzubereiten.
Also muss auch nicht am ersten Advent alles schon perfekt sein. Mit vielem können wir uns Zeit lassen. Schließlich ist Weihnachten erst am 24. Dezember – bis dahin ist Zeit für Vorbereitungen.
Eins meiner Lieblingslieder im Advent fragt: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?“ Mir gefällt diese Frage: Wie soll ich dich empfangen? Im Lied ist Gott gemeint – schließlich feiern wir an Weihnachten, dass Jesus geboren und Gott Mensch wird. Gott kommt in unsere Welt. Und ich habe jetzt Zeit, mich darauf vorzubereiten und frage mich: Wie möchte ich mich dieses Jahr auf Weihnachten einstimmen? Was brauche ich in diesem Advent, damit es für mich Weihnachten werden kann? Brauche ich mehr gemütliche Auszeiten zu Hause am Adventskranz? Mehr Zeit zum Innehalten? Oder brauche ich in diesem Jahr eher viel fröhliches Beisammensein auf dem Weihnachtsmarkt und beim Plätzchenbacken?
So schön ein Adventskranz auch ist – dieses Jahr verzichte ich wohl auf ihn. Ich belasse es bei einer Kerze und freue mich an ihrem Licht. Denn ich merke, dass ich dieses Jahr vor allem mehr den Moment genießen möchte, damit es bei mir so richtig Weihnachten werden kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43421In den evangelischen Kirchen wird heute der Totensonntag begangen. Dass der heutige Sonntag auch „Ewigkeitssonntag“ heißt, gefällt mir sehr gut. Der Name verbindet mich auch mit dem Fest, das ich heute als katholischer Christ mit meiner Gemeinde feiere. „Ewigkeit“ - das heißt auch: Wer ist Gott denn eigentlich für mich?
Eine Antwort auf die Frage gibt der so genannte Christkönigssonntag. Das Fest Christkönig feiern wir heute in der katholischen Kirche. Der Name ist zwar etwas aus der Zeit gefallen, er hat aber trotzdem eine ganz aktuelle Bedeutung. Das Fest wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Damals hat Papst Pius XI das Fest eingeführt. Ganz bewusst, denke ich.
Der erste Weltkrieg war vorbei. Viele sind in diesem Krieg gestorben, Königreiche sind danach untergegangen. Und hier in Deutschland wurde langsam der Nationalsozialismus stärker mit all seinen menschenverachtenden Ideologien. Es ging wieder einmal darum, wer der Stärkste und Mächtigste in der Welt ist. „Wer ist der wirkliche König?“ - das war damals die Frage. Und sie ist es eigentlich auch heute noch.
Da sagt mir das Fest Christkönig: Jesus ist der eigentliche König. Aber keiner, wie ich ihn mir in der Welt vorstelle. Er ist kein König, der die Menschen klein macht und sich bedienen lässt. Jesus sagt mir mit seiner Botschaft vielmehr, dass Gott bedingungslos liebt. Und das hat Jesus selbst auch vorgelebt: Er hat den Menschen geholfen, er hat die Kranken geheilt. Er war bei den Armen und Einsamen und bei denen, die von anderen ausgegrenzt und verachtet worden sind. Und er hat auch angeprangert, wenn einer sogar im Namen Gottes kleingemacht und ausgegrenzt worden ist. Ich denke da zum Beispiel an die arme Witwe, die Jesus einmal gesehen hat. Sie hat ihr letztes Geld noch für den Tempel gespendet und hat damit auf ihr Brot an diesem Tag verzichtet. „Sowas geht gar nicht!“, hat Jesus da laut gesagt. Jesus hat seine Lebenseinstellung durchgehalten und am Ende sogar mit seinem Leben dafür bezahlt. Das finde ich echt königlich!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43279Wie trauert eigentlich ein ganzes Volk? Das habe ich mich als Kind am Volkstrauertaggefragt. Oft habe ich an diesem Tag mit meinen Eltern vor dem Fernseher gesessen und die Feierstunde aus dem Bundestag angeschaut. Ich habe der traurigen Musik zugehört, die vielen schwarz gekleideten Menschen gesehen und Reden gehört, die ich damals nicht verstanden habe. Aber ich habe damals schon begriffen, dass viele Menschen in Kriegen gestorben sind und dass Krieg Menschen tötet und sehr viele andere traurig macht. Und schon als Kind hatte ich das Bedürfnis an diesem Tag irgendwie still zu sein. Ich habe mir auch vorgestellt, dass in ganz vielen Wohnungen Menschen sitzen und weinen, weil da ein Bruder oder ein Sohn oder ein Vater gestorben ist.
Der Volkstrauertag wurde eingeführt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Jahr 1919 nach dem ersten Weltkrieg. Damals als Gedenktag für die gefallenendeutschen Soldaten. In der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wurde aus dem Volkstrauertag ein Heldengedenktag. Deutschland selbst hatte den Krieg begonnen. Und so wurden die Schrecken und das Leid und die Trauer, die ein Krieg hervorbringt, ganz in den Hintergrund gedrängt. Die Stille dieses Trauertagesmusste dem Triumph weichen. Wie schrecklich muss das für all die Familien gewesen sein, die um einen Menschen getrauert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er seinen ursprünglichen Namen zurück und wurde wieder zum Volkstrauertag.
Doch erst seit 1952 liegt der Volkstrauertag im November, eine Woche vor dem Totensonntag. In der evangelischen Kirche denken wir an diesem Tag an die Verstorbenen des letzten Jahres. So fügt sich der Volkstrauertag ein in das Erinnern an geliebte Menschen und die Hoffnung, dass sie bei Gott neu leben werden.
Heute ist Volkstrauertag. Auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs brauchen wir einen Tag, um gemeinsam zu trauern. Nicht nur, weil es immer noch Menschen gibt, die um einen Angehörigen trauern, der in diesem Krieg gestorben ist. Krieg ist weltweit eine grausame Realität. Jeden Tag sterben Menschen im Krieg. Und da ist es gut, wenn wir heute gemeinsam still sind und weinen und vor allem darum bitten, dass Frieden wird.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43315Heute ist so ein Tag, an dem man sich an Vieles erinnern kann, das wichtig ist. Bis heute. An den Beginn der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie. An die sogenannte Reichspogromnacht, in der die Nazis überall im Land die Synagogen niederbrannten. An die Nacht, in der sich die innerdeutsche Mauer öffnete. Alles geschehen an einem 9. November. Sich erinnern zu können ist lebenswichtig. Denn ein Mensch, der seine Erinnerung verliert, verliert seine Wurzeln. Weiß nicht mehr, wer er ist und wo er herkommt. Nicht umsonst versuchen Diktatoren und Autokraten alles, um die Erinnerung auszulöschen. Sie zerstören Denkmäler. Säubern Museen von allem, was nicht ins eigene, enge Weltbild passt. Versuchen, die Erinnerungen der Menschen durch Propaganda zu überschreiben.
In meinem Studium vor langer Zeit hat einer meiner Professoren deshalb oft davon gesprochen, dass Erinnerung gefährlich sein kann. So eine gefährliche Erinnerung war für ihn all das, was Menschen bis heute mit Gott verbinden. Am Passahfest etwa erinnern sich gläubige Juden jedes Jahr daran, wie Gott das Volk Israel vor langer Zeit aus der Unterdrückung durch die Ägypter befreit hat. Und gläubige Christen erinnern sich an jedem Osterfest aufs Neue, dass Jesus auferstanden und nicht im Tod geblieben ist. Sie feiern die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort haben muss.
Gefährlich sind solche Erinnerungen deshalb, weil sie Widerstand hervorrufen. Widerstand gegen eine schulterzuckende Gleichgültigkeit. Gegen die Haltung, dass sowieso alles sinnlos, weil ja eh nicht zu ändern ist. Denn Menschen, die sich erinnern, die wissen, dass es auch anders sein kann. Dass es sich immer lohnt zu hoffen. Und dass Hoffnung stark machen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43235Jetzt, im November ruft der Tod sich in Erinnerung: Gestern, an Allerheiligen, heute, an Allerseelen, und auch am Ewigkeitssonntag, da denken Menschen an ihre Toten – und hoffen darauf, dass sie jetzt bei Gott sind.
In diesen Tagen im November denke ich an meine Großeltern – und auch an meinen „kleinen“ Cousin Stefan, der mit Anfang Vierzig gestorben ist, viel zu früh. Vielleicht klingt es seltsam, aber: Seit Stefans Tod schaue ich anders auf mein eigenes Leben. Ich spüre intensiver, welches Privileg es ist zu leben. Dass dieses wilde, wunderschöne, komplizierte Leben ein riesiges Geschenk ist. Nichts ist selbstverständlich: Dass es mich gibt – dass da Menschen sind, die mir wichtig sind – und die mich gernhaben – alles ein großes Geschenk!
Im November ruft der Tod sich in Erinnerung. Und führt mir vor Augen, dass dieses Leben nicht endlos ist. „Lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben – damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.“[1] Das bittet ein Mensch Gott in der Bibel.
Ja, das möchte ich auch: Klug werden und das Leben vernünftig gestalten. Vielleicht sind diese Tage im November eine gute Gelegenheit, die großen Fragen an mich heranzulassen: Wie will ich leben? Wofür möchte ich Zeit finden? Was ist jetzt wirklich wichtig?
Mary Oliver, eine amerikanische Autorin, versucht in einem Gedicht, diese großen Fragen für sich zu beantworten. Da schreibt sie:
„Wenn es vorbei ist, will ich sagen: Mein ganzes Leben
war ich eine Braut, die sich dem Staunen vermählt hat,
war ich ein Bräutigam, der die Welt in seine Arme genommen hat.
Wenn es vorbei ist, will ich mich nicht fragen,
ob ich aus meinem Leben etwas Besonderes, etwas Echtes gemacht habe.
Ich will mich nicht seufzend vorfinden, nicht ängstlich
und voller Widerstreit.
Ich will nicht einfach nur zu Besuch gewesen sein bei dieser Welt.“[2]
Ich lese diese Worte von Mary Oliver und nehme mir vor: Angst und Streit sollen meine Zeit nicht unnötig fressen. Stattdessen will ich staunen über diese wilde, wunderschöne Welt und das Geschenk meines Lebens umarmen. Dafür will ich mir Zeit nehmen, jetzt im November.
[1] Psalm 90, Vers 12 (Übersetzung: BasisBibel).
[2] Aus dem Gedicht „Wenn der Tod kommt“ von Mary Oliver; in: Mary Oliver, Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte, Diogenes Verlag 2023.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43243Allerheiligen. Klingt komisch, der Name. Heilige, das sind doch solche Menschen, die in besonderer Weise glauben und leben. Mutter Teresa und Sankt Martin, Maximilian Kolbe und Elisabeth von Thüringen. Sie helfen Kranken, teilen, was sie haben, setzen sich für andere ein und ihr Leben aufs Spiel.
Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Im Neuen Testament wird der Begriff »Heilige« für alle Christen benutzt. Sie sind heilig, weil sie durch ihren Glauben und die Taufe in besonderer Nähe zu Gott stehen. Hier kommt die Grundbedeutung von »heilig« zum Tragen. »Heilig« heißt: »zum Göttlichen gehörig«. In diesem Sinn sind alle Christinnen und Christen heilig.
Allerheiligen demokratisiert sozusagen das Heilig-sein. Heilige sind nicht nur die Superheldinnen und -helden des Glaubens. Die Wunder tun und weltweit bekannt sind. Allerheiligen erinnert daran, dass unzählige Menschen auf der ganzen Welt Tag für Tag ihrem Glauben ein Gesicht geben. Dass sie im Beruf, in der Familie, an der Bushaltestelle, im Supermarkt, im Stau christlich handeln. Dem anderen und sich selbst guttun, freundlich sind, standhaft bleiben, aufmerksam.
Zugleich lenkt Allerheiligen den Blick auf die Menschen, die schon gestorben sind. Ist ein Erinnerungsfest. Lässt an Menschen denken, die erst seit kurzem oder schon lange tot sind. Macht sie so lebendig. Das finde ich faszinierend an diesem Tag. Er macht deutlich: Ich lebe nicht nur im Hier und Jetzt oder im Morgen. Sondern mein Leben beruht darauf, dass andere vor mir gelebt haben, dass andere mein Leben reich gemacht haben. Mein Vater, meine Großeltern, der Bassist, mit dem ich lange Musik gemacht habe, der Freund meines Bruders, der in den Bergen abgestürzt ist.
An Allerheiligen kann ich spüren, dass ich in Beziehung zu diesen Menschen stehe. Und dass ich ohne sie ärmer wäre.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43216Es gab viele Chancen in meinem Leben, die ich verpasst habe. Aber auch viele, die ich genutzt habe. Was für mich richtig und was für mich falsch gewesen ist, weiß ich leider oft erst, wenn ich auf meine Entscheidungen zurückschaue. Aber deswegen stur am Alten festhalten und Neues ablehnen?
Schon vor mehr als 2000 Jahren reagierten viele Menschen skeptisch oder ungläubig, wenn sie sich mit Neuerungen konfrontiert sahen. Wenn Jesus wirklich der Messias, der königliche Heilsbringer des Judentums war, hätte er dann nicht fordern müssen, dass alle streng nach den jüdischen Gesetzen leben? Er selbst hat das eher locker gesehen und hat gesagt: den alten Wein füllt in die alten Schläuche, den neuen aber in die neuen Schläuche. Der Satz gilt bis heute.
So hat etwa heute vor 48 Jahren die Deutsche Bundesbahn die letzte Dampflock offiziell aus dem regulären Dienst gestellt. Wer bitte, außer ein paar Nostalgikern, sehnt sich nach dieser Technik zurück? Wenn die Deutsche Bahn damals bis auf wenige Ausnahmen nicht auf die neueste Technik gesetzt hätte, hätte sie heute zweifellos noch größere Probleme mit ihrer Pünktlichkeit.
Ich selbst bin bei einem Ausflug im Harz noch vor ein paar Monaten mit einem Zug gefahren, der von einer Dampflock gezogen wurde. Und ich habe es genossen. Doch in meinen Alltag will ich offen bleiben für Neues. Das bedeutet für mich: das Alte wertzuschätzen, aber auf neue Situationen trotzdem wach und offen zu reagieren. Und darauf vertrauen, dass es dann die richtige Entscheidung gewesen ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43123Jetzt im Herbst lässt sich gut wandern bei uns in der Pfalz. In den Weinbergen begegnen einem dabei immer wieder Wegkreuze und kleine Kapellen mitten in den Reben. Orte zum Ausruhen und Innehalten.
Da hängen Andachtsbildchen und Kerzen brennen. Kleine Zeichen von Menschen, die hier ihr Dankgebet gesprochen oder ihre Bitte an Gott geflüstert haben. Manchmal spüre ich fast körperlich, was hier schon alles gesagt, erhofft, erlitten und gelobt wurde.
Mich berührt das. Auch wenn die Bilder nicht meinem Geschmack entsprechen, die Kreuze mir nicht gefallen und die Frömmigkeit mir fremd ist. Trotzdem ich fühle mich mit hineingenommen in die Gotteserfahrung, die andere hier gemacht haben:
Bewahrung unterwegs, Begegnung mit Gott, ein stilles Gelübde – und ich darf teilhaben, auch wenn ich gar nicht weiß, wer vor mir hier gestanden hat. Das Wegkreuz, die kleine Kapelle erzählt davon.
Solche „Kapellen-Momente“ habe ich manchmal auch mit Menschen.
Manchmal passiert es, dass andere mich teilhaben lassen an ihren Erfahrungen mit Gott:
Der junge Mann, der mir erzählt, wie verzweifelt er gebetet hat, als sein Kind krank war.
Die Frau, die mir erklärt, warum sie ein Kopftuch trägt und wie ihr der Glaube im Alltag Kraft gibt.
Die Bekannte, mit der ich zum Grab ihrer Eltern gehe und die dort einen Stein auf den Grabstein legt, weil sie das tröstet.
Sie alle erzählen davon, was ihnen geholfen, was sie berührt, was sie getragen hat. Und ich merke: Das macht auch mich reicher.
Nicht alles kann ich nachvollziehen, nicht alles würde ich auch so machen. Aber der Glaube dieser Menschen berührt mich und macht mir bewusst, was mir wichtig ist und wo meine eigenen Kapellen stehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43104Zu meinem achten Geburtstag schenkte mir meine Patentante zwei Mokka-Tässchen. Meine Begeisterung war verhalten. Bei der Küchenrenovierung habe ich sie nun wieder entdeckt. Irgendwie sind sie doch ganz hübsch. Sie sind sehr zart, haben ein Rosendekor und einen Goldrand. In einer kleinen Kaffeezeremonie habe ich sie nun eingeweiht und komme dabei ins Nachdenken.
Meine Tante und ihr Mann erkrankten vor einigen Jahre schwer. Die Erkrankungen sind unterschiedlich, aber beide schreiten voran. Für meine Tante ist es unglaublich belastend, da mein Onkel inzwischen durch seine Alzheimer-Erkrankung in einer eigenen Welt lebt. Meine Tante ist sehr gläubig und ich erlebe, wie sie aufgrund ihrer Situation mit Gott hadert und fragt, was sie verbrochen hat.
Und auch wenn Krankheit keine Strafe ist, finde ich durchaus: Sie hat jedes Recht, ihrem Ärger und vielleicht auch ihrer Wut Gott gegenüber Luft zu machen. Da kann man deutliche Worte finden. Er soll sich bitte diesen ganzen Schlamassel anschauen und vielleicht kann er im Idealfall das Gefühl geben, da nicht alleine durchzumüssen. Das kann dann auch in Form von Freundinnen und Freunden sein, die helfen, unterstützen und begleiten. Die vorbeikommen auf eine Tasse Kaffee, ein offenes Ohr haben oder einfach andere Themen mitbringen und ablenken vom schweren Alltag.
Vielleicht findet sie in der Auseinandersetzung mit Gott auch die Kraft, sich selbst nicht zu vergessen. Schließlich ist sie auch krank. Sie braucht Kraft, viel Kraft – für den Partner und für sich selbst. Dafür braucht sie Pausenzeiten zum Luftholen. Mein Onkel war nun zwei Wochen zur Kurzzeitpflege. Ich frage sie: „Wie war das für dich?“ Sie sagt: „Na ja, als ich mich etwas dran gewöhnt hatte, waren die zwei Wochen schon rum.“
Die Aussicht auf eine nächste Pausenzeit ergab sich vor ein paar Tagen spontan.
Vielleicht fährt sie mal mit nach Trier, damit sie eine Freundin besuchen kann. Und womöglich ergibt sich eine Gelegenheit für eine gemeinsame kleine Pause mit den Mokka-Tässchen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43097Heute wird in den meisten Kirchen Erntedank gefeiert. Wahrscheinlich ist es der Feiertag, der sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr verändert hat als alle anderen Festtage. Denn früher waren viele Menschen mit der Landwirtschaft beschäftigt. Sie waren Bauer oder Bäuerin. Oder sie haben wenigstens bei der Ernte geholfen. Das ist heutzutage nicht mehr so.
Außerdem hat sich auch – ich sag` mal – das Handwerk der Landwirtschaft gewandelt. Mittlerweile gibt es ganz andere Geräte und Maschinen als früher. Überhaupt gibt es heutzutage ganz andere Möglichkeiten, um Einfluss auf Pflanzen und Tiere zu nehmen. Ich denke da zum Beispiel an die Entwicklung des Mineraldüngers im 19. Jahrhundert oder an die Erfindung der Melkmaschine. Selbstverständlich hatten die Landwirte vergangener Zeiten auch ganz viel Know How. Aber sie waren noch viel mehr vom Lauf der Natur abhängig.
Doch selbst wenn heute mehr Einfluss ausgeübt wird, es bleibt trotzdem etwas, das sich eben nicht beeinflussen lässt. Wenn die Sonne nicht scheint, dann kann man sie immer noch nicht übers Feld schieben.
Es gibt einen unverfügbaren Rest. Und um diesen Rest, um das, was ich nicht beeinflussen kann, darum geht es am Erntedankfest. Denn dieses Unverfügbare wird im Dank an Gott ausgedrückt. „Danke, dass die Sonne die Früchte süß gemacht hat. Danke, Gott, dass du keinen Hagel geschickt hast, der die Ernte zerstört.“ Sicher glaubt niemand mehr, dass Gott ganz direkt die Sonne scheinen lässt, oder die Regenwolken übers Land pustet. Dazu wissen wir heute viel zu viel. Trotzdem muss ich akzeptieren, dass es Grenzen gibt. Nicht alles kann der Mensch machen. Und er weiß auch nicht alles. Es bleibt eben etwas Unverfügbares.
Und an dieser Stelle kann ich mich einreihen, auch wenn ich kein Landwirt bin. Denn auch in meiner Arbeit und in meinem Leben gibt es diesen Rest, der unverfügbar ist. Das Erntedankfest erinnert mich daran. Und es macht mich demütig und dankbar, weil trotz Rest und Unverfügbarkeit doch so viel klappt und funktioniert.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43002Zeige Beiträge 1 bis 10 von 507 »









