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SWR2 Wort zum Tag

Loslassen – geschehen lassen. Für mich ist heute, am Karsamstag, der Tag dafür. Der Tag, an dem deutlich wird: Zum Leben gehört nicht nur das Tun, die Aktivität, sondern auch das Lassen.
Karsamstag: Zwischen Karfreitag und Ostersonntag, zwischen Tod und Auferstehung Jesu, liegt nach christlicher Überlieferung dieser eine Tag des Wartens, der Passivität. Jesus ist begraben. Was wäre jetzt noch zu tun für seine Jünger, die schon zuvor nur von der Ferne hilflos beobachtet haben, was da geschehen ist.
Nichts tun können, abwarten müssen – wie geht es Ihnen damit? Mir fällt es oft schwer, Dinge geschehen lassen, ohne dass ich sie in der Hand habe. Es beunruhigt mich eher, wenn etwas passiert, das ich nicht unter Kontrolle habe.
Anfang des Jahres habe das Geschehenlassen üben können. Über zwei Monate bin ich wegen einer längeren Fortbildung zur Wochenendpendlerin geworden. Eine freiwillige Entscheidung – das Angebot war toll. Trotzdem habe ich im Vorfeld kaum gewagt, daran zu denken. Zu Hause die Kinder, die Aufgaben in der Gemeinde – ist es da nicht zu egoistisch, einfach etwas für mich zu tun. Und vor allem – kann das gut gehen, ohne mich…?
Inzwischen weiß ich: Es geht! Klar, für die Familie war es nicht einfach. Aber die Kinder sind ein Stück selbstständiger geworden und mein Mann hat viel Unterstützung erlebt. Und in der Gemeinde ist auch ohne mich auch viel passiert.
Ich bin also nicht unverzichtbar. Das ist vielleicht eine etwas ernüchternde, aber doch im Kern sehr beruhigende Erkenntnis. Und sie zeigt mir: Hab‘ öfter mal den Mut, dich rauszuhalten, abzuwarten. Schau einfach interessiert zu, was dann passiert! Oft entwickelt sich etwas ganz Neues.
Sicher, wenn es, wie in der Ostergeschichte, ums Ganze geht, dann ist es kaum möglich, so eine Haltung bewusst einzunehmen. Den Jüngern Jesu ist mit seinem Tod mit einem Mal der Sinn ihres Lebens weggebrochen. Wem es so geht, der kann mit wohlgemeinten Ratschlägen wie „Warte ab, gib dir Zeit!“ wenig anfangen.
Und trotzdem glaube ich: Auch solche Zeiten des Wartens, die manchmal sehr schmerzhaft sein können, sind nicht verzichtbar – und auch nicht umsonst. In ihnen passiert im Verborgenen ganz viel. Sichtbar wird es für uns oft erst dann, wenn wir es am wenigsten erwarten – so wie für die Jünger am Ostermorgen.

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Abschiedsfeste haben eine ganz eigene Atmosphäre. Wenn ein Lebensabschnitt endet, eine vertraute Gruppe auseinandergeht oder ein guter Freund ins Ausland zieht, dann feiern wir oft noch einmal gemeinsam. Für mich verbinden sich solche Momente des Abschieds immer mit großer Wehmut – aber gleichzeitig dem beglückenden Gefühl einer besonderen Nähe zueinander.
Abschiedsfeste haben eine ganz eigene Atmosphäre. Die Geschichte vom letzten Abendmahl, an die heute, am Gründonnerstag, in den Kirchen erinnert wird, erzählt auch von einem Abschiedsfest. Jesus und seine engsten Freunde wissen, dass Ihnen nicht mehr viel Zeit miteinander bleibt. Und sie feiern noch einmal gemeinsam. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Abschiedsfest besonders schmerzlich war. Jesus weiß, dass er sterben wird, und er hat Angst. Und seine Jünger wohl auch. Es sieht nach einem Abschied für immer aus.
Was hilft bei so einem Abschied? Ich finde, es tut gut, etwas mitnehmen zu können. Ein Abschiedsgeschenk, das an den oder die Menschen erinnert, die man nun nicht mehr sehen wird. Das kann etwas Materielles sein, ein Bild oder auch ein Gegenstand. Es kann aber auch etwas sein, das nur im Kopf bleibt: Eine Melodie, ein Geschmack oder Geruch, der immer mit der Zeit verbunden sein wird. Vielleicht auch nur eine Geste. Meine Grußmutter hatte eine spezielle Art, ihren Kopf auf ihre Hand zu stützen. Als sie gestorben war, habe ich – damals noch ein Kind – das manchmal nachgemacht und so die Erinnerung wachgehalten.
Die schönsten Abschiedsgeschenke sind für mich aber die, die im Alltag immer wieder präsent sind. Das Abschiedsgeschenk von Jesus an seine Jünger am Gründonnerstag ist so ein Geschenk. Eine Alltagsgeste: Ein Stück Brot, das sie teilen, ein Schluck Wein, den sie zusammen trinken. Immer, wenn ihr das tut und an mich denkt, dann bin ich bei euch, sagt Jesus Ihnen dazu.
Das Abendmahl als Abschiedsgeschenk: Eine schlichte Geste, die gut tut und die Erinnerung wach hält. Eine schlichte Geste, in der der Schenkende mir nah ist. Weil ich daran denke, wie er Menschen miteinander verbunden und gestärkt hat. Und daran, was ich auf seinen Spuren schon mit andere Menschen erlebt habe.
Auch wenn sich über die Jahrhunderte komplizierte Theorien zum Abendmahl entwickelt haben, auch wenn oft mehr das Trennende als das Verbindende zwischen den Kirchen im Vordergrund steht: Für mich bleibt das Abendmahl im Kern genau das: Ein Abschiedsgeschenk, das mir lieb geworden ist.

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Es ist kein schönes Thema. Aber ich kann ihm nicht ausweichen.
Ich meine den Zorn Gottes, von dem die Bibel an manchen Stellen spricht.
Ebenso, wie Gott vor Liebe brennen kann, kann er auch außer sich vor Zorn sein.
Wenn Menschen ihm den Rücken zukehren, wenn sie gegen seine Ordnungen leben, wenn sie anderen Göttern nachlaufen.
„Ich habe mich im Augenblick des Zornes von dir abgewendet“, heißt es in einem Bibel-Text. Es ist, als wollte er sagen: Ich fühle mich zutiefst verletzt. Mitten ins Herz bin ich getroffen. All meine Zuneigung – mit Füßen getreten.
All meine Zärtlichkeit – durch den Schmutz gezogen.
Ich will dich nicht mehr sehen. Ich kehre dir den Rücken zu.
Und aus meiner Erfahrung muss ich sagen: Ja, das stimmt.
Es gibt solche dunklen, göttlichen Augen-Blicke.
Selbst wenn man sich keines Vergehens bewusst ist.
Da haben Menschen das Gefühl, von Gott nicht mehr gesehen zu werden, nicht mehr von ihm geliebt und behütet zu sein.
Da sind Menschen der Willkür eines blinden Schicksals preisgegeben, erleiden Krankheit und Unglück.
Dieser Augenblick des Zornes ist schlimm. Aber - es  ist immer nur ein Augenblick, immer nur ein schwacher Moment des starken Gottes.
Der Satz vom Zorn ist immer nur ein Halbsatz, bei dem noch etwas fehlt.
"Ich habe mich im Augenblick des Zorns von dir abgewendet, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen," so vollendet Gott diesen Satz. Es ist wieder gut. Du bist wieder in meinem Blick.
Gott überwindet seinen Zorn. Immer wieder haben Menschen das erfahren:
Und mir geht es auch so: Ich spüre. Seine Augen blicken mich wieder an.
Augen-Blicke der Geborgenheit.
In den Gottesdiensten dieser Passionszeit.
Beim Hören der Johannespassion von Bach.
Oder wenn ich das Wort höre: Dir sind deine Sünden vergeben. Gehe hin in Frieden.
Dann kann ich wieder aufatmen, wieder vertrauen, dass Gott gut ist.
Vielleicht ist ja auch der Zorn nur ein Teil seiner Güte.

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Die höchste Würde des Menschen ist seine Unvollkommenheit. sagt Kierkegaard.
Ein lebendiger Beweis dafür, dass das stimmt, ist für mich Moses Mendelssohn.
Ein feiner, hochgescheiter Mensch, der einen körperlichen Makel hatte: Er war verwachsen und hatte einen Buckel, was auch bedeutete, dass er nicht sonderlich groß wurde.
Als junger Mann verliebte er sich unsterblich in ein Mädchen namens Frumtje.
Nach langem Zögern gestand er ihr seine Liebe.
Frumtje war geschockt und konnte nur mühsam ihre Abneigung verbergen.
Aber Moses: Glauben Sie, dass Ehen im Himmel geschlossen werden? Oh ja, antwortete Frumtje, die ein sehr frommes Mädchen war.
Moses fuhr fort: „Auch mir hat Gott meine zukünftige Braut gezeigt und gesagt: Deine Frau wird klug und liebenswert sein, aber leider wird sie einen Buckel haben und keine Schönheit sein.“ Da antwortete ich: Nein, nein, lieber Gott, das wäre furchtbar. Ich bitte dich: Erschaffe meine Frau wunderschön, den Buckel aber gib mir.“
Frumtje war überwältigt. Die beiden heirateten und führten eine glückliche Ehe.
Ich finde, die Geschichte zeigt, wie man mit Einschränkungen umgehen, ja ihnen sogar etwas abgewinnen kann.
Vermutlich hat fast jeder und jede – auch von Ihnen - eine Einschränkung, die ihm das Leben schwer macht. Und natürlich fragt man sich nach dem Sinn solcher Lasten.
Ich denke an den Apostel Paulus, der mit einer unheilbaren Erkrankung klarkommen musste und daraus tiefe Einsichten gewann.
Ich denke auch an Menschen in meiner Umgebung, die mit solchen Einschränkungen leben.
Der Alltag bedeutet eine große Herausforderung für sie. Aber wie sie diese annehmen und ihr Leben meistern, beeindruckt mich, ich fühle mich manchmal dadurch beschenkt.
Außerdem hilft es mir, die eigenen Belastungen zu relativieren.
Freilich: Nicht jede Last verdankt sich einem Tauschhandel, wie Moses seiner Frumtje glauben macht.
Ich bezweifle überhaupt, dass Gott direkt dafür verantwortlich ist.
Ich glaube eher: Gott möchte, dass ich ein inneres Ja finde zu solchen Belastungen.
Das ist eine Lebensaufgabe, und nicht immer werde ich so originell damit umgehen wir MM. Aber ich vertraue darauf: Gott ist da, gerade dann, wenn ich nicht mehr mit mir zurechtkomme und damit wie ich bin.
Er hilft, das Unvollkommene zu tragen.
Manchmal sogar mit etwas Humor.

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Worte können gesund machen. Auch alte Worte. Wie Medizin können sie wirken.
Sie sind kostbar, diese Worte. Wenn ich sie mir einpräge, habe ich einen Schatz, den mir keiner nehmen kann.
Nicht jeder tut sich leicht mit solchen Worten.
Überliefert heißt wörtlich: Tradiert - und mit den Traditionen ist es ja so eine Sache.
Viele verbinden negative Gedanken damit.
Sie möchten lieber die Dinge mit sich selber ausmachen.
Die eigene Erkenntnis, die eigene Erfahrung sind wichtig.
Aber doch nicht das, was man von anderen empfangen und gelernt hat.
Die Folgen dieser Einstellung kann man spüren: Traditionen verlieren ihre prägende Kraft, sie werden verdächtigt, Formen ohne Inhalt zu sein. Auch die Worte der Bibel sind davon betroffen.
Und doch: Die Kultur des Hören und Lernens ist grundlegend für den Glauben an Gott.
Am Anfang des christlichen Glaubens standen natürlich persönliche Erfahrungen, die Menschen mit Jesus gemacht hatten. Wie Jesus sich ihnen zugewendet, sie angeschaut, sie ernst genommen hat.
Wie er Kranke angerührt und gesund gemacht hat. Wie er sie aufgerichtet, ihnen ihre Würde zurückgegeben hat. Davon hat man erzählt, vor allem denen, die Jesus nicht persönlich begegnet sind. Und diese Erzählungen wurden gehört, gelernt und weitererzählt, und irgendwann begann man, sie aufzuschreiben, in Worten.
"Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
Diese Worte wanderten durch die Jahrhunderte, zusammen mit vielen anderen.
Und neue Worte gesellten sich hinzu, Lieder und Bekenntnisse.
Ich erlebe es oft, wie solche Worte immer noch Kraft geben, ja gesund machen. Bei einem Besuch stimme ich ein Passionslied an, und ein demenzkranker Mensch erinnert sich und summt mit.
Ich bete einen Psalm: Geformte Worte, uralt und trotzdem voller Kraft. Das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, der Katechismus. Was ist dein Trost im Leben und im Sterben?
Das sind Worte, die ich mir nicht selber sagen kann:
Sie können ihre Kraft auch dann noch entfalten, wenn der Verstand und das Gefühl erloschen ist.
Deshalb lasse ich meine Schüler solche Worte auswendig lernen.
Und ich kenne Menschen, die sie im hohen Alter noch im Kopf haben.
Worte, die gesund machen.
Worte, die Gott gesprochen hat und heute noch spricht.

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