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Das, was direkt vor der Haustür ist, kennt man oft am wenigsten. Auf der chinesischen Mauer war man schon, aber die lange Toilette der Römer in Rottenburg kennt man nicht. Man war womöglich schon im Berliner Zoo, aber im zoologischen Stadtgarten in Karlsruhe…?
Ich habe manchmal den Eindruck, dass es manchen auch mit dem Glauben und der Kirche so geht. Man schaut sich im Fernsehen den Segen des Papstes an, aber war schon seit Jahrzehnten nicht mehr in der katholischen Kirche vor Ort.
Man hat eine Meinung zur politischen Haltung der Kirche, aber man weiß nicht, wer die Pfarrerin im der eigenen Stadt ist. Ich kritisiere das gar nicht. Ich wundere mich nur darüber, so wie ich mich darüber wundere, dass man natürlich im Urlaub in Brackenheim das Theodor-Heuss-Museum besucht, während man das Heimatmuseum vor Ort noch nie betreten hat.
Ich weiß natürlich nicht, ob das bei Ihnen so ist. Vielleicht haben Sie sehr gute Kenntnisse und Einblicke zumindest in eine Kirchengemeinde bei Ihnen daheim. Vielleicht gehen Sie auch in ökumenische Gottesdienste, um etwas von der Vielfalt vor Ort mitzubekommen. Vielleicht haben Sie sogar einmal eine Veranstaltung oder einen Gottesdienst einer anderen Gemeinde besucht – einfach so. Im Normalbetrieb und ganz ohne tieferen Grund. Aus Interesse.
Ich selbst wundere mich immer wieder, wie lebendig und vielfältig christliches Leben direkt vor meiner Haustür ist. Ob freikirchliche Gemeinde, ob katholische Messfeier oder spezielle Gottesdienste der evangelischen Kirchen, ob orthodoxe Feier oder Jugendgottesdienst – immer gibt es etwas zu entdecken und immer gibt es gute Begegnungsmöglichkeiten mit Menschen – und mit Gott.
Ist das vielleicht auch eine Idee für Sie? Einfach mal wieder umschauen? In der eigenen Kirchengemeinde, in der ehemals eigenen Kirchengemeinde, in einer anderen Gemeinde bei Ihnen um die Ecke – was gibt es denn da alles? Kirchen sind öffentliche Orte. Da kann man einfach mal hingehen. Da gibt es auch Möglichkeiten, sich genauer zu erkundigen. Das Yoga muss man deshalb ja nicht lassen, aber man könnte ja mal einen der vielen Glaubenskurse besuchen, die es gibt. Sie heißen „Alphakurs“ oder „Sieben christliche Updates“ und sind echte Türöffner in die Nachbarschaft. Warum in die Ferne schweifen und das Nahe übersehen? Wenn Sie sich darauf einlassen, wünsche ich Ihnen spannende und beglückende Erfahrungen. Die gibt es da.
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Links zum Beitrag – Rottenburg, Römisches Stadtmuseum: https://www.wtg-rottenburg.de/tourismus-freizeit/freizeit/kranz-der-kapellen-1
Theodor Heuss in Brackenheim: https://www.theodor-heuss-museum.de
Alpha-Kurse: https://alphakurs.de/teilnehmen/
7 christliche Updates: https://www.bibelwerk.de/verein/was-wir-bieten/kurse
Christliche Gemeinden in der Nähe? Der Kirchenfinder: https://kirchenfinder.de/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44239Die Blüte eines Buschwindröschens ist so schön! Manchmal knie ich mitten im Wald hin und schaue mir eine Blüte ganz genau an. Die weißen Blütenblätter, die manchmal in ein Violett übergehen, die bei Kälte geschlossen und an warmen Sonnentagen weit geöffnet sind. Ich sehe mir die zackigen, saftgrünen Blätter an und staune. Und, nein, jetzt kommt nicht, das Loblied auf den Schöpfergott. Sondern eine ganz einfache Aufforderung, bei all den schlimmen Dingen, die schönen Dinge nicht zu vergessen. In der Bibel heißt es einmal:
„Achtet auf das, was wahr ist, würdig und gerecht, was rein ist, liebenswert und Lob verdient.“ (Philipper 4,8)
Ich habe in einem Gottesdienst dazu eingeladen, schöne Dinge zu malen oder aufzuschreiben. Und ich kam über die Fülle der Schönheit, die da gesammelt wurde, selbst noch einmal ins Staunen. Natürlich ging es Vielen so wie mir, dass sie zuerst Blüten, Bäume und Flusslandschaften vor Augen hatten.
Dann kam: Das Lächeln eines Kindes, das vertraut. Die Stille unter dem Sternenhimmel. Einer hat geschrieben: 20,5° C. Eine schöne Temperatur. Babyduft. Durchdachte Gegenstände und Werkzeuge haben eine eigene Schönheit. Die Witzchen im Freundeskreis, die alle verstehen und die immer wieder kommen. Die Schönheit, die man in jedem Menschen entdeckt, den man liebt.
Für jeden Sinn etwas dabei. Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen – und immer wieder gab es die Erkenntnis, wie schön es ist, etwas zu tun, sich anzustrengen, in den Flow zu kommen. Schön kann es sein, gar nichts zu tun. Und Küssen. Das ist auch schön.
„Achtet auf das, was wahr ist, würdig und gerecht, was rein ist, liebenswert und Lob verdient.“ Vergesst bei allen schlimmen Dingen die schönen Dinge nicht. Genießt sie, wiederholt sie, achtet auf sie.
Abends vor dem Einschlafen, erinnert euch: Was war schön…? Morgens, bevor die erste Nachricht auf dem Bildschirm ist: Das Wasser auf der Haut, der Duft von Kaffee, der Geschmack von Quittengelee auf der Zunge, der Regentropfen, der am Fenster hinabgleitet – wie schön. Auch, dass er außen ist.
„Achtet auf das, was wahr ist, würdig und gerecht, was rein ist, liebenswert und Lob verdient.“
Mehr wollte ich heute Abend gar nicht sagen. Schön.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44238„Diese Wand fliegt raus. Hier wird dafür eine neue hochgezogen. Aus welchem Material soll die sein?“
„Welche Fliesen sollen, eigentlich in die Bäder und wer besorgt die?“
„Wir haben hier ein Problem. Vier verschiedene Höhenunterschiede im Boden – was soll wir machen?“
Solche und ähnliche Fragen haben mich im vergangenen halben Jahr zuhauf erreicht. Als Kirchengemeinde haben wir unser Kirchengebäude modernisiert und umgebaut. Auf einmal war ich als Pastorin voll im Baugeschäft. Unzählige Entscheidungen mussten gefällt werden.
Keine leichte Übung und auf dem ersten Blick eher ein außergewöhnliches Arbeitsfeld für eine Kirchengemeinde und vor allem für eine Pastorin. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Schon Jesus nutzt das Bild vom Haus bauen, um seine Botschaft bildhaft rüberzubringen. Lukas erzählt diese Geschichte in der Bibel so: Jesus sagte zu den Menschen: »Wer zu mir kommt und meine Worte hört und sie befolgt – der ist wie ein Mensch, der ein Haus baute. Er hob eine tiefe Grube aus und legte das Fundament auf felsigem Boden. Als es nun Hochwasser gab, prallten die Wassermassen gegen das Haus. Doch sie konnten es nicht erschüttern – so gut war es gebaut. Aber wer meine Worte hört und sie nicht befolgt: der ist wie ein Mensch, der sein Haus ohne Fundament direkt auf die Erde baute. Als die Wassermassen dagegen prallten, stürzte es sofort ein und wurde völlig zerstört.« (Lk 6,46-49)
Jesus will den Menschen mit dieser Geschichte zeigen, dass es klug ist auf das richtige Fundament zu setzen – beim Hausbau und im Leben. Dieses Bild vom Haus bauen, ist eindrücklich und lebensnah.
Ich erinnere mich gut daran, dass mir diese Geschichte schon als kleines Mädchen total gut gefallen hat. Sie war leicht zu verstehen. In der Kinderbibel mit schönen Bildern untermalt. Und natürlich wollte keiner von uns Kindern zu den Dummen gehören. Dieses Fundament, das damals in mir gelegt wurde, hält bis heute.
Mein Glaube ist mir wirklich zu einem richtig stabilen Fundament geworden. Selbst in Krisenzeiten habe ich mich immer wieder darauf zurückbesonnen, dass ich da nicht allein durchmuss. Habe mich neu verwurzelt in meinem Fundament – auf Gott und meinen Glauben.
Im Rückblick wird mir klar: in meinen Krisenzeiten wurde ich von Gott ganz neu gestärkt. Mein Fundament wurde sozusagen ausgebessert. Doch wie bei einem echten Haus auch, braucht es eben immer wieder Instandhaltungsmaßnahmen. Zeiten, wo ich mich bewusst Gott zu wende. Wo ich abchecke, ob ich weiterhin auf gutem Fundament stehe. Und so bin ich dann hoffentlich gut gewappnet für den nächsten Sturm.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44245Letztes Jahr habe ich mir einen meiner größten Wünsche erfüllt: mein Mann und ich haben uns einen kleinen Wohnwagen gekauft. Und dieser kleine Wohnwagen ist für mich wahres Glück auf zwei Rädern.
Ich genieße es mit dem Wohnwagen unterwegs zu sein. Auf kleinstem Platz zu leben. Innerhalb von drei Schritten alles zu erreichen. Das Bett, die Kochnische mit Waschbecken und einen begehbaren Schrank. Mehr gibt es nicht. Ganz schlicht und einfach ist unser Wohnwagen gehalten. Und gepackt wird nur das Nötigste, wenn wir verreisen. Das funktioniert. Es reicht vollkommen zum Leben.
Früher hätte ich nie gedacht, dass mich sowas einmal glücklich machen würde. Mit wenig unterwegs zu sein. Neue Orte kennenzulernen und dabei bewusst langsam zu reisen. Mit Tempo 100 auf der Autobahn oder Landstraße. Oft auch nur mit 80, damit der Strom unseres E-Autos noch länger hält…
Doch diese Form zu reisen und zu leben, schenkt mir eine ungeahnte Freiheit. Wir sind flexibel, haben unser Zuhause stets dabei und müssen uns doch an jedem Ort auf neue Herausforderungen einstellen. Manchmal geht das ganz leicht: Da kommt man an und ist sofort zuhause. Ein anderes Mal dauert es, bis ich mich an den Campingplatz gewöhnt habe.
In der Bibel wird einmal erzählt, dass jemand Jesus unterwegs anspricht und zu ihm sagt: „Ich will dir folgen, wohin du auch gehst“ Und Jesus antwortet ihm: „Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er sich ausruhen kann.“ (Lk 9,57-58)
Im ersten Moment ist das eine ganz schön kryptische Antwort, die Jesus hier gibt. Doch ich glaube, Jesus will diesem begeisterten Menschen zugleich warnen und ermutigen.
Ganz nach dem Motto: wenn du mir nachfolgst, musst du dich darauf einstellen, flexibel zu sein – und zu bleiben. Du entscheidest dich nicht einmal und dann ist gut.
Glauben heißt veränderbar sein. Herausgefordert zu werden. Zu glauben und Jesus nachfolgen, heißt sozusagen zum Camper zu werden. Jederzeit bereit zu improvisieren….
In der Bibel wird nicht erzählt, ob sich dieser Mensch auf diese Lebensweise mit Jesus wirklich einlässt. Doch ich finde es ermutigend, mich auf solch einen Glauben und ein Leben einzulassen. Darauf zu vertrauen, dass Jesus und Gott mit mir unterwegs sind. Und zwar egal, wo ich gerade bin. Ob zuhause oder im Wohnwagen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44244Beständig und ruhig klappern die Stricknadeln vor sich hin. Masche für Masche nimmt die Strickjacke langsam immer mehr an Form an. Erst vor wenigen Wochen habe ich mal wieder angefangen etwas zu stricken. Und das nach 15 Jahren ohne Stricken!
Der Anfang war schwer: Wie war das nochmal? Rechte Masche. Linke Masche. Wie beginne ich eigentlich?
Doch nach und nach erinnern sich mein Kopf und meine Hände wieder daran, wie es geht. Mit jeder Reihe, die ich stricke, geht es leichter. Aus vollkonzentrierten Arbeiten wird nach und nach wieder entspanntes Abschalten und nebenher werkeln… Vor allem abends sitze ich seitdem wieder gern auf dem Sofa und stricke. Mit jeder Reihe erkenne ich mehr. Und ich freue mich darüber, dass das Muster immer besser erkennbar wird…
Während ich stricke, denke ich immer mal wieder auch über mein Leben nach. Mein aktuelles Strickprojekt hat so manche Parallele zu meinem Leben: In meinem Leben erkenne ich auch nicht sofort das Gesamtbild. Mal fällt eine Masche runter. Mal verrutsche ich in der Reihe. Muss wieder auftrennen und neu anfangen. Im Leben ist es genauso: Es läuft nicht immer alles geradlinig. Manchmal muss ich neu anfangen. Altes Vergessenes erst wieder neu entdecken und erinnern. Und mancher Neustart geht schwer von der Hand. Es dauert, bis ich wieder routiniert agieren kann. Und manchmal fällt es mir auch schwer dranzubleiben. Da frustet mich mein Alltag. Die Arbeit. Der Zeitdruck. Da frage ich mich, wofür das alles eigentlich gut ist. Wie diese Bruchstücke einmal zusammengefügt werden...
Doch ich bin nicht die erste, der es so ergeht. In der Bibel fragt sich ein Mann namens Paulus ganz Ähnliches. Im Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt er: „Denn was wir erkennen, sind nur Bruchstücke. (…) Wenn aber das Vollkommene kommt, vergehen die Bruchstücke. (…) Jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild. Aber dann sehen wir von Angesicht zu Angesicht.“ (1. Kor 13,9+10)
Paulus verwendet zwar ein anderes Bild als ich, aber es geht ihm um die gleiche Sache. Es geht darum die einzelnen Bruchstücke oder eben die einzelnen Maschen zusammenzufügen – bis ein Kunstwerk entsteht. Der Künstler dieses größten Werkes ist Gott.
Er hat uns Menschen geschaffen. Jede und jeden. Und ich glaube: Gott fügt alles zusammen. Voller Liebe verwandelt er, wo ich gescheitert oder falsch abgebogen bin. Verwebt es mit den schönen und guten Momenten und schafft so ein vollkommenes Bild. Ein Kunstwerk, das mich dann einfach nur staunen lässt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44243Ich war kein einziges Mal an ihrem Grab, bis heute nicht. Meine Freundin Susi ist vor über 20 Jahren gestorben. Es war für mich das erste Mal, dass ich erlebt habe, wie ein Mensch, den ich gut kannte, von heute auf morgen aus meinem Leben verschwunden ist. Einfach weg war. Wir hatten viele Jahre eine ziemlich intensive Zeit miteinander, nicht nur Susi und ich, sondern unsere ganze Gruppe: Wir haben Jugendarbeit gemacht in unserer Kirchengemeinde und haben jeden Sommer ein großes Zeltlager auf die Beine gestellt. Wir waren zusammen unterwegs auf Festen und oft mit dabei, wenn Susi gesungen hat. Mit ihrer Band und ihrem Chor. Sie hatte eine grandiose Stimme! Ich habe sie heute noch im Ohr.
Als ich geheiratet habe, hat Susi mir einen Wunsch erfüllt: In der Kirche hat sie eines meiner Lieblingslieder gesungen, „Where peaceful waters flow“, einen Song von Chris de Burgh. Der erzählt von der Suche nach jenem Ort, an dem das eigene Herz Frieden findet. Keine zwei Jahre später ist Susi gestorben.
Es ist noch gar nicht so lange her, da hab ich mich gefragt: Hab ich eigentlich jemals getrauert nach Susis Tod? Weil ich eben nie am Grab war, weil ich ihren Todestag schon bald nicht mehr wusste. Weil ich mit meinem Leben einfach weitergemacht habe. Unsere Gruppe hatte sich damals nach und nach zerstreut, bei den meisten stand für die nächsten Jahre dann das Familienleben im Mittelpunkt.
Nachdem meine Kinder auf der Welt waren, hab ich dasselbe getan, wie wahrscheinlich sehr viele Mütter vor und nach mir: Ich habe versucht, die Kinder in den Schlaf zu singen. Und bei jedem Kind war es ein anderes Lied. Warum es jeweils genau dieses bestimmte Lied war, kann ich nicht mehr sagen. Dem zweiten Kind, meiner Tochter, habe ich jedenfalls den Song zum Einschlafen gesungen, den Susi damals bei der Hochzeit gesungen hat. Ich kann ihn noch immer auswendig.
Heute bin ich mir sicher, es war nicht nur die wunderbare Melodie und der schöne Text von der Liebe und vom Frieden im Herzen. Ich glaube, dieser Song hat mich jedes Mal, unbewusst, an Susi erinnert. Und daher denke ich: Ja, ich habe getrauert, aber so ganz anders, als ich mir trauern immer vorgestellt hatte. Deshalb bin ich so lange nicht draufgekommen. Aber so, wie es war, ist es für mich gut gewesen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44190Bei uns im Wohnzimmer steht eine große Ente mit Rädern. Sie ist aus Holz, schwarz-gelb gestreift und bestimmt 10 Kilo schwer. Das ist eine Tigerente, so eine, wie sie der Künstler Janosch erfunden hat. Das besondere an meiner Ente: Sie ist ein Unikat, mein Bruder hat sie selbst gebaut und lackiert und mir zum 18. Geburtstag geschenkt. Das ist inzwischen schon eine Weile her. Seitdem ist die Tigerente mit mir unterwegs und hat schon ne Menge Umzüge mitgemacht. Sie ist für mich nicht nur ein symbolisches Stück Jugend, das ich mit meinem Bruder teile. Sie steht für ein Lebensgefühl. Und das hat viel mit Janosch zu tun, mit seinen Geschichten, die so leicht und verspielt daherkommen, fast kindlich. Und gleichzeitig eine große Tiefe haben.
Janosch ist vor kurzem 95 Jahre alt geworden. Ich mag seine Bilder, die einfachen, oft witzigen, bunten Szenen. Mit dem kleinen Bären, dem kleinen Tiger, dem Frosch und natürlich der Tigerente. Hinter all dem steckt allerdings keine leichte Lebensgeschichte. Janosch hat schlimme Dinge erlebt: Gewalt in der Familie, Demütigungen, auch durch die Kirche. Er ist gescheitert, wurde von der Kunstakademie abgelehnt. Und hatte lange Alkoholprobleme.
Wenn ich seine Bilder anschaue und die Geschichten lese, dann habe ich das Gefühl: Sie trotzen all den schlechten Erfahrungen, da gibt etwas in ihm, das nicht beschädigt wurde. Irgendeine Kraft, eine Liebe und Neugier. Wie sonst könnte er mit so viel Fantasie und mit so viel Sehnsucht vom Leben erzählen?
So wie in „Oh, wie schön ist Panama“. Meine Lieblingsgeschichte von Janosch. Darin machen sich der kleine Bär und der kleine Tiger auf den Weg. Sie wollen das Land ihrer Träume finden; weil sie sich nach etwas sehnen, das anders und größer ist als das, was sie kennen. Unterwegs treffen sie andere, sie verlaufen sich, sie probieren Dinge aus.
Diese Art Sehnsucht, diese Unruhe aufzubrechen, die kenne ich auch. Und ich spüre dabei: da fehlt noch was. Und manchmal denke ich, dass diese Sehnsucht auch mit Gott zu tun hat. Es ist die Sehnsucht, das alles gut und heil wird, dass ich am Ende bei ihm aufgehoben bin.
Der Bär und der Tiger jedenfalls landen am Ende ihrer Reise, ohne es zu merken, wieder zuhause. Und stellen fest: Es ist gut hier, da gefällt’s uns.
Meine Tigerente wird mich weiter begleiten. Ich werde sicher noch einige Male aufbrechen und umziehen. Und dann ist es gut, wenn die Ente mich bei aller Sehnsucht daran erinnert: Ich muss gar nicht unbedingt woanders suchen. Da wo ich bin, ist es auch gut. Weil das Land meiner Träume letztlich in mir selbst liegt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44189„Wer nicht an die Auferstehung glaubt, der ist kein Christ“. Diese Aussage habe ich im Laufe meines Lebens immer wieder in der Kirche gehört. Und jedes Mal habe ich mich wieder neu daran gerieben. Weil ich das Gefühl hatte: Dieser Satz engt mich ein, der macht mir Druck. Der lässt mir keinen Raum, ihn vielleicht auch hinterfragen zu dürfen. „Wer nicht an die Auferstehung glaubt, der ist kein Christ“. Die Aussage ist mir zu radikal. Zumal sie ja auch gar nichts darüber aussagt, wie genau diese Auferstehung Jesu zu verstehen ist.
Was mich aber gleichzeitig fasziniert, sind die vielen unterschiedlichen Auferstehungserzählungen in der Bibel. Und die öffnen mir einen ganz anderen Zugang zum Glauben:
Da ist Maria Magdalena. Sie war eine enge Vertraute von Jesus, und diejenige, die bis zu seinem Tod am Kreuz an seiner Seite geblieben ist. Sie steht weinend am leeren Grab, kann nicht fassen was passiert ist und verwechselt Jesus zunächst mit dem Gärtner. Erst als er ihren Namen sagt und sie seine vertraute Stimme hört, erkennt sie ihn. Und wird zur ersten Zeugin der Auferstehung.
Ganz anders die Geschichte der zwei Männer, die in das Dorf Emmaus unterwegs sind. Total verzweifelt und traurig über den Tod Jesu, weil sie soviel Hoffnung in ihn und eine neue, bessere Zeit gesetzt hatten. Jesus begleitet sie, hört ihnen zu, erklärt ihnen sogar, was passiert ist – aber sie erkennen ihn erst, als er zum Abendessen bleibt und mit ihnen das Brot bricht.
Und dann ist da noch Thomas, einer seiner Jünger. Er glaubt den anderen Jüngern einfach nicht, die behaupten, sie wären Jesus begegnet. Er will ihn selbst sehen und am liebsten die Kreuzigungs-Wunden berühren. Jesus nimmt die Zweifel von Thomas ernst und zeigt sich ihm. Und dann kann auch Thomas glauben.
Die Bibel kennt insgesamt elf solcher Auferstehungserzählungen. Und jede ist wunderbar anders. Vielleicht begegnet und zeigt sich Jesus den Menschen genau so unterschiedlich, wie Menschen eben sind. Das ist das faszinierende an diesen Geschichten: Jesus kommt jedem und jeder so entgegen, wie er oder sie es braucht und versteht. Mich bestärken gerade diese Auferstehungserzählungen: dass christlicher Glaube eben nicht von einem Satz abhängt, dass er nicht auf eine einzige Deutung festgelegt ist. Die Auferstehung Jesu macht für mich den Glauben weit. Sie hat viel mehr mit Begegnungen zu tun als mit einzelnen Worten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44188Einiges, was mich im vergangenen Jahr belastet hat, hat sich in Rauch aufgelöst und ist jetzt nur noch Asche. Letzten Sommer war ich nämlich zu Gast im Kloster Arenberg in der Nähe von Koblenz. Da hatte ich auf kleinen Zetteln notiert, was ich loswerden wollte. Und nun sind diese Notizen dort vor ein paar Tagen im Osterfeuer verbrannt worden.
Auf dem Gelände in Arenberg gibt es einen großen Klosterpark, durch den man wunderbar spazieren kann. Mit vielen alten Obstbäumen, einem Biotop, ein paar Schafe gehören dazu – und ganz am Ende des Gartens steht eine kleine Natursteinmauer, vielleicht so hüfthoch und einige Meter lang. In den Ritzen krabbeln nicht nur Spinnen und Käfer, zwischen den Steinen stecken überall kleine Zettel. Diese kleine Mauer hat das Kloster vor einigen Jahren errichtet; Vorbild dafür war die große Klagemauer in Jerusalem. Vor dieser Mauer beten jeden Tag viele Menschen und übers Jahr stecken Tausende ihre Zettel mit Bitten und Gebeten zwischen die Steine.
So viele sind es im Kloster Arenberg sicher nicht. Man findet immer noch einen Platz für den eigenen Zettel. Ein Seelsorger im Kloster hat mich ermutigt, diese kleine Klagemauer zu nutzen. Die Idee dahinter ist: Das aufzuschreiben, was einen im Moment bedrückt. Das zu notieren, was man gerne loswerden möchte, was man vielleicht auch endgültig loslassen möchte. Genau das hab ich getan. Jedes Jahr in der Osternacht werden dann alle Zettel aus der Mauer geholt und symbolisch dem Osterfeuer übergeben.
Was auf meinen Zetteln gestanden hat? Ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Und genau so sollte es wohl auch sein. Eine Sorge formulieren und an die Mauer abgeben, bestenfalls für immer. Solche Rituale sind natürlich zuerst symbolisch, aber sie können unterstützen.
Im Übrigen weiß niemand sonst, was auf meinem Zettel stand. Denn für die kleine Klagemauer in Arenberg gilt dasselbe, wie für die große in Jerusalem. Auch dort werden die Briefe und Papierstücke regelmäßig aus den Mauerritzen geholt und dann auf dem Ölberg vergraben; verbrannt werden dürfen sie nach jüdischer Tradition nicht. Dabei ist es absolut tabu, die Zettel zu öffnen und zu lesen. Ein Rabbiner, der für die heilige Stätte in Jerusalem verantwortlich ist, sagt: „Was auf den Zetteln steht, geht nur den Menschen und seinen Schöpfer etwas an.“[1]
So ist es dann auch mit meinen Sorgen passiert. Ich habe sie anvertraut: der Mauer, dem Himmel und Gott.
[1]https://www.herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2018/9-2018/die-tempelmauer-reinigung/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44187Heute ist Gründonnerstag. Jesus hat an diesem Tag mit seinen Jüngern das letzte Mal zusammen gegessen und getrunken. Danach wurde er von einem von ihnen verraten und dann von römischen Soldaten verhaftet. Vorher jedoch hat Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen, was bei der Dramatik der Ereignisse oft in den Hintergrund gerät. Füße waschen!? Ich frage mich, ob ich das selbst könnte - anderen die Füße waschen.
Petrus, einem der Freunde Jesu, scheint es ähnlich zu gehen. Als Jesus ihm die Füße waschen will, entgegnet er entsetz: „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“ Seine Reaktion ist auch verständlich, denn einem anderen die Füße zu waschen, war damals ein niedriger Sklavendienst. Sklaven wuschen ihren Herren den Dreck der Straße von den Füßen. Die Vorstellung, dass Jesus diesen Dienst übernehmen könnte, war für Petrus undenkbar. Jesus war für ihn ein Vorbild, ein Anführer, ja, der Sohn Gottes. Warum sollte Jesus solch einen niedrigen Dienst tun?
Ich verstehe Petrus Reaktion vor diesem Hintergrund. Für ihn war es eine Verdrehung der Verhältnisse. Mich beschäftigt aber auch die umgekehrte Sichtweise: Möchte ich mir von jemand anderem die Füße waschen lassen? Dabei kommt man sich doch sehr nah. Wer darf mich so berühren?
Jesus bietet mit der Fußwaschung Nähe an. Und so stellt sich für seine Freunde – und eben auch für mich – die stille Frage: Kann ich das annehmen? Kann ich überhaupt zulassen, dass mir jemand Gutes tut? Kann ich mir Nähe schenken lassen? Für viele ist es mindestens genauso schwer, Gutes für sich anzunehmen wie Gutes für andere zu tun.
Vielleicht ist das die Einladung dieses Gründonnerstages: Lass Dich darauf ein, dass es jemand gut mit Dir meint! Du darfst Dich auch einmal fallen lassen. Da ist jemand, der Dich auffängt und Dir im wahrsten Sinne des Wortes Deinen Schmutz von den Füßen abwäscht, ja, vielleicht sogar Deinen Lebensschmutz von der Seele.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44112Zeige Beiträge 1 bis 10 von 5244 »



