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Was passt besser auf einer Beerdigung: klassische Musik oder das Badnerlied?
Wenn ich als Seelsorger bei Angehörigen bin und wir zusammen die Beerdigung vorbereiten, geht es natürlich auch um die Musik. Aber erstmal erzählen mir die Angehörigen vom Leben der verstorbenen Mutter, des Bruders oder der besten Freundin. Was waren die wichtigsten Meilensteine, was waren Hobbys und Eigenheiten? Irgendwann später geht es dann darum, wie die Feier gestaltet werden kann.
Oft wird Musik vorgeschlagen, die der Verstorbene gern gehört hat oder die viel von dem ausdrückt, was ihm oder ihr wichtig war. So auch beim Badnerlied: Als ich zum Trauergespräch gekommen bin, hab ich im Garten gleich eine riesige Badner-Flagge hängen sehen. Da war jemand aus ganzem Herzen mit seiner Heimat verbunden. Und deshalb hat das Badner-Lied dann auch so gut in die Trauerfeier gepasst.
Ein anderes Mal hab ich den Vater eines sechzehnjährigen Mädchens beerdigt. Sie hat für ihren Papa ein Lied ausgesucht, das war laut und wild. Sie hat es in den Tagen nach seinem Tod oft gehört, und das hat ihr in dieser ersten Zeit geholfen. Bei der Trauerfeier haben wir erklärt, warum genau dieses Lied jetzt passt. Denn im ersten Moment war die Musik für viele ungewohnt. Aber als dann alle wussten, was die Tochter mit dem Lied verbindet, da war die Stimmung in der Feier noch viel persönlicher.
Es gab bisher noch keinen Liedvorschlag, bei dem ich gesagt hätte, das geht gar nicht. Nur wenn jemand sagt: „Das war unser Lied. Das lief, als wir uns kennengelernt haben.“ Oder „Zu dieser Musik haben wir bei unserer Hochzeit getanzt.“ Dann erkläre ich, dass zu den schönen Erinnerungen, die man mit diesem Lied verbindet, dann auch die auch schmerzhaften dazukommen können. Ich hab das selbst erlebt.
Bei der Trauerfeier meines Schwiegervaters haben wir mein Lieblings-Osterlied gesungen. Ich mag es immer noch gern, aber jedes Mal, wenn ich es jetzt singe oder höre, denke ich auch an den Tag der Beerdigung und wie traurig wir alle waren.
Musik kann so viel. Deshalb lohnt es sich, dass man sich ganz bewusst entscheidet. Denn Musik kann unsere Seele berühren. Sie kann eine Hoffnungsbotschaft transportieren und trösten. Und sie kann auf ganz innige Weise an Verstorbene erinnern. Wie schön, wenn man sich dann gut verabschieden kann. Und das kann ich mit klassischer Musik erleben, mit ganz moderner Musik oder mit dem Badnerlied.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44416„Und diese Biene, die ich meine, nennt sich …“
Natürlich „Maja“! Die „sehr bekannte Biene“ ist nur ein Beispiel dafür, welch große Sympathieträgerinnen Bienen bei uns sind. Ich denke an Zeichentrickserien oder Kinderlieder, an ihren sprichwörtlichen Fleiß und natürlich darf an keinem Frühstücksbuffet der Honig fehlen. Bienen haben ein tolles Image.
Trotzdem sind sie in Gefahr. Einseitig betriebene Landwirtschaft führt dazu, dass viel zu viel Pflanzenschutzmittel gespritzt wird. Das schadet den Bienen. Es gibt in den Städten immer weniger Bäume und in den Gärten immer weniger Blumen. All das schwächt Bienen und macht sie anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Und so geht es nicht nur unserer beliebten Honigbiene schlecht, sondern auch den vielen Tausend Wildbienen-Arten. Um darauf aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen den 20. Mai zum Internationalen Welttag der Bienen erkoren.
Bienen – vor allem Wildbienen – sind unglaublich wichtig für unser Ökosystem. Sie bestäuben nicht nur ein paar Bäume und Blümchen, sondern auch das, was landwirtschaftlich angebaut wird. Sie sind deshalb für eine gute Ernte enorm wichtig. Ohne Bienen hätten wir nicht nur eine Brotaufstichs-Option weniger beim Frühstück, sondern überhaupt viel weniger zu Essen. Forschende schätzen, dass etwa ein Drittel der Nahrung, die weltweit produziert wird, davon abhängt, dass Insekten Pflanzen bestäuben.
Je mehr ich über Bienen lerne, desto mehr bringen sie mich zum Staunen: Sie bilden Staaten, in denen jedes Tier eine bestimmte Aufgabe hat. Bienenvölker überleben den Winter nur, weil sie sich zusammentun und sich gegenseitig mit ihrer Körperwärme vor der Kälte schützen. Und wie charmant ist es bitte, dass Bienen ganz individuelle Tänzchen aufführen, um einander mitzuteilen, wo es leckeren Nektar gibt. Sie können so ganz absolut präzise ausdrücken wie weit es zur begehrten Blumenwiese noch ist, und in welcher Himmelsrichtung man fliegen muss. Kommunikation durch Tanz, das finde ich einfach brillant!
Und Bienen haben es sogar in den wichtigsten katholischen Gottesdienst geschafft: Zu Beginn der Osternacht wird die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen, und dann wird ein Lob auf die Bienen gesungen, die mit ihrem Fleiß das Wachs dieser Kerze bereitet haben.
Wenn es schon morgens auf dem Balkon um mich herum summt und brummt, mache ich mir bewusst, wie sehr alles in der Natur miteinander verbunden ist. Wie genial sich das im Laufe der Jahrtausende aufeinander eingespielt hat. Ich spüre die riesige Verantwortung, die wir Menschen haben, mit dieser wunderbaren Schöpfung gut umzugehen. Und ich staune über Biene Maja und ihre Millionen Artgenossen. Die kleinen Geschöpfe Gottes begeistern mich!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44415Die 10. Klässler aus meiner Reli-Klasse schauen sich ein Video aus dem Internet an: Eine junge Frau geht zehn Stunden lang durch New York und wird dabei mit versteckter Kamera gefilmt. Was sie erlebt, ist erschreckend: Unzählige Male wird ihr hinterhergepfiffen. Es gibt heftige Kommentare über ihr Äußeres oder Fragen nach ihrer Telefonnummer. Über hundert Mal sprechen sie fremde Männer an und belästigen sie.
Wir sprechen in der Klasse darüber. Emma bemerkt: „Die war doch ganz normal angezogen. Schwarzes Oberteil ohne Ausschnitt und eine Jeans. Und sie ist einfach nur die Straße langgelaufen. Sie hat überhaupt nicht gezeigt, dass sie jemanden kennenlernen will.“ Julia fällt auf: „Zwei Typen sind einfach ein paar Minuten lang neben ihr hergelaufen. Die haben sie richtig verfolgt. Wie gruselig!“
Dann frage ich als Religionslehrer: „Hat jemand von euch schon ähnliche Erfahrungen gemacht?“. Alle Schülerinnen können von mindestens einer Begebenheit erzählen. Alle kennen sexistische Bemerkungen oder Nachrichten und viele haben ein ungutes Gefühl, abends allein nach Hause zu gehen. Eine Schülerin erzählt sogar, wie sie zusammen mit ihrer Mutter massiv sexuell belästigt wurde. Sie haben laut gerufen und konnten sich Gott sei Dank aus der Situation retten.
Die Jungs in der Klasse sind sonst um keinen blöden Spruch verlegen, aber jetzt werden sie immer ruhiger. Sie sind überrascht, manche sind auch erschrocken.
Natürlich sprechen wir auch darüber, dass nicht alle Männer so sind. Aber es sind eben in den aller, allermeisten Fällen Männer. Und dann sind zwei meiner Schüler besonders mutig. Sie geben zu, dass sie selbst schon sexistisch gehandelt haben oder zumindest jemanden kennen. Wir sind uns in der Klasse einig, dass diese Form von Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen alltäglich ist. Und dass sie aufhören muss.
Und was kann man selbst tun? Ich kann mich zum Beispiel direkt einmischen, wenn jemand herabgewürdigt wird. In meiner Kirchengemeinde arbeite ich immer wieder mit jungen Leuten. Zusammen mit den älteren Jugendlichen schaue ich drauf, dass sie mit ihrem Verhalten ein Vorbild für die Jüngeren sein können. Und wie wichtig es ist, einen guten Umgangston miteinander zu haben. Das trägt alles dazu bei, dass möglichst alle eine gute Zeit miteinander haben.
Das Fazit am Ende der Reli-Stunde ist: Es werden weniger Menschen bedrängt und belästigt, wenn mehr Menschen mutig sind. Ich sehe diesen aufkeimenden Mut in den Augen meiner Schülerinnen und Schüler und das lässt mich hoffen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44414Fünfundzwanzig Jugendliche und ich zusammen auf einem Hüttenwochenende! Und ich höre zu, wie sie miteinander diskutieren. Ein Mädchen erklärt: „Also, ich hab die Jungfrau Maria ausgeschnitten. Das kann ich nicht glauben!“ Und ein sonst zurückhaltender Junge meint: „Und ich möchte diesen Abschnitt nicht haben: ‚dass Jesus die Lebenden und die Toten richtet‘. Was soll das überhaupt bedeuten?“
Was die Jugendlichen da machen? Sie bereiten sich auf ihre Firmung vor. Es ist das kirchliche Fest ein paar Jahre nach der Erstkommunion. Und gerade bearbeiten sie das katholische Glaubensbekenntnis. Alle haben ein großes Blatt mit dem traditionellen Text vor sich liegen, darauf steht: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ und so weiter. In der Hand haben alle eine Schere, denn die Jugendlichen sollen das ausschneiden, womit sie nichts anfangen können oder was sie nicht verstehen. Schnell liegen die ersten Schnipsel am Boden.
Als ich das vor ein paar Jahren zum ersten Mal gemacht habe, ist ein Stich durch mein Theologen-Herz gegangen. Man kann doch aus dem Glaubensbekenntnis nicht einfach rausschneiden, was einem nicht passt. Immerhin ist der Text des sogenannten Apostolische Glaubensbekenntnisses über 1500 Jahre alt. Es steckt alles Wichtige drin, was Christen glauben: Dass Gott alles gemacht hat, dass Jesus Gottes Sohn ist, dass er umgebracht wurde und auferstanden ist. Und dass der Heilige Geist auch heute noch wirkt. Da kann man nicht beliebig was wegnehmen.
Trotzdem finde ich es super, dass die Jugendlichen kritisch auf den Text schauen und bei jedem Wort überlegen: Verstehe ich das? Welche Worte sind wichtig für mich, und welche nicht? Das ist nicht in jeder Lebensphase gleich.
Da geht es mir ja ganz ähnlich. Manchmal ärgere ich mich über die Kirche als Institution. Dann geht mir der Teil im Glaubensbekenntnis mit der „heiligen katholischen Kirche“ gar nicht leicht über die Lippen. Ein paar Wochen später kann das wieder anders aussehen.
Und jetzt zurück zu den Jugendlichen und ihren Glaubenstexten mit den Lücken drin. Da wird es noch richtig spannend. Denn am Schluss legen alle ihre durchlöcherten Blätter passgenau übereinander. Und jedes Mal gibt’s einen Aha-Effekt: Denn nie schneiden alle dieselben Stellen aus. Wenn man die Blätter übereinanderlegt, verschwinden die Löcher und man bekommt wieder das vollständige Glaubensbekenntnis.
Das ist ein schöner Gedanke, der mir immer wieder mal in den Sinn kommt, wenn ich diesen Text zusammen mit anderen im Gottesdienst spreche. Es gibt immer jemanden, der das glaubt, was ich gerade nicht aus vollem Herzen mitbeten kann. Die Glaubensgemeinschaft der Kirche hält das aus. Und sogar noch mehr: Genau deswegen ist der Glaube so vielfältig und lebendig.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44413Es ist Mai. Die Hochzeitssaison hat begonnen. Monate, manchmal Jahre lang planen junge Paare ihr Fest der Liebe. Es soll ein besonderer Tag werden, ein Tag, der sich ins Herz des Paares und der Gäste einschreibt. Die Erwartungen an diesen Tag sind groß: Man wünscht sich Sonne, gutes Essen, fröhliche Gesichter - mit oder ohne Kirche. Ein Tag, an dem einfach alles passt, alles zusammenkommt.
Als Pfarrerin nehme ich wahr, dass sich bei manchen Paaren ein ganz schöner Druck aufbaut: alles muss stimmen. Nichts darf schiefgehen. Dieser eine Tag muss halten, was man sich vom ihm erhofft - auch und gerade dann, wenn die Erwartungen aus der Familie und dem Freundeskreis ganz unterschiedlich sind. Dabei kann leicht aus dem Blick geraten, worum es an diesem Tag eigentlich geht. Nicht um das perfekte Fest, sondern um zwei Menschen, die einander wichtig sind. Die einander lieben und ihren Weg gemeinsam durch das Leben gehen möchten.
Vielleicht entsteht genau aus diesem Gedanken heraus eine andere Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach dem Einfachen. Danach, das Wesentliche in den Blick zu nehmen – ohne großen Aufwand, ohne den Druck oder auch die Kosten einer großen Feier.
Im Juni bieten die evangelischen Kirchen an vielen Orten die Aktion „Einfach heiraten“ an. Paare sind eingeladen, ihre Liebe segnen zu lassen. Unkompliziert. Ohne lange Vorbereitung. Einfach so. Weil zwei Menschen merken: Unsere Liebe trägt – und das möchten wir feiern.
Denn die Liebe gehört allen: den jungen Paaren am Anfang. Und genauso denen, die schon viele Jahre miteinander unterwegs sind. Paaren, die Krisen überstanden haben. Die Höhen und Tiefen kennen. Die erfahren haben, dass Liebe nicht immer glänzt, aber trägt.
An diesem Tag können alle spüren: Gottes Segen für die Liebe tut gut. Vielleicht nimmt man ihn in einem kleinen Rahmen sogar bewusster wahr als in einem großen, Gottes Segen für die Liebe und das Leben. Mit einem dankbaren Blick zurück und nach vorn. Ein Moment, in dem ausgesprochen wird, was im Alltag oft ungesagt bleibt: dass Liebe zwischen zwei Menschen wertvoll ist und ein großes Geschenk.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44403Das war schon immer so! Diesen Satz habe ich als junge Pfarrerin gehasst, besonders wenn er in einer Sitzung fiel. Nicht, weil ich alles anders machen wollte. Sondern weil dieser Satz jede Diskussion erstickt hat. Ich war neugierig. Ich wollte verstehen, woher bestimmte Traditionen in der Kirche kommen und warum sie für manche so unverrückbar waren. Das war schon immer so! Ein Satz wie ein Deckel auf neue Ideen, auf Zweifel, auf ehrliches Verstehen Wollen.
Heute höre ich diesen Satz mit anderen Ohren. Ich höre darin auch Angst. Die Angst, etwas zu verlieren, was man liebgewonnen hat. Die Angst, dass Erfahrungen entwertet werden. Und ja, natürlich gilt das auch für mich. Ich bin ein ganzes Stück älter geworden, habe Neues auf den Weg gebracht, von dem man heute sagt „Das war schon immer so!“ Und ich weiß: Nein, das war es nicht.
Meine Tochter ist jung. Sie hat Ideen. Sie stellt Fragen, wo ich längst meine, Antworten zu haben. „Mama, hör mir doch erst einmal zu!“ Sie denkt weiter, wo ich vorsichtig geworden bin. Und manchmal merke ich, wie schnell mir selbst der Satz über die Lippen kommen will, den ich früher nicht ertragen habe. Das war schon immer so!
Meine Tochter sagt zum Beispiel, dass man, bevor man etwas entscheidet, erst einmal wirklich zuhören soll – auch denen, die anders denken. Das fordert mich heraus. Nicht, weil ich es grundsätzlich anders sehe, sondern weil ich spüre, wie schnell Erfahrung zur Grenze werden kann und Vorsicht zum Bremsklotz.
Vielleicht liegt die Herausforderung nicht darin, ob die Jungen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern, ob wir Älteren bereit sind, ihnen den nötigen Raum zu geben. Nicht, weil es uns egal ist, sondern, weil wir ihnen vertrauen. Nicht, weil wir keine Ideen mehr haben, sondern weil wir neugierig sind auf ihre Visionen und Vorstellungen.
In der Bibel heißt: „Eure Söhne und Töchter werden prophezeien, eure Alten werden Träume haben“ (Joel 3,1) Beides gehört für mich zusammen, die Prophezeiungen der Jugend und die Träum der Alten. Doch Prophezeiungen brauchen Raum, und Träume dürfen nicht zu Mauern werden. Vielleicht beginnt Loslassen genau hier: Wo wir den Satz Das war schon immer so! nicht mehr als Abwehr benutzen, sondern als Einladung, über alle Generationen hinweg gemeinsam weiterzudenken und zu träumen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44402Unser Sohn studiert in Karlsruhe. Das ist von uns ein ganz schönes Stück weg. Mit dem Zug braucht er rund drei Stunden und da kann er nicht jedes Wochenende nach Hause kommen - auch wenn wir das als Familie natürlich schön fänden. Stück für Stück geht er immer mehr seinen eigenen Weg. Für mich als Mutter heißt das Loslassen. Das ist eine Kunst eigener Art.
Kriegt er das alleine hin? Diese Frage begleitet mich durch die Jahre hindurch: Als er beginnt, mit dem Roller auf dem Gehweg unterwegs zu sein, als der kleine Erstklässler morgens in den übervollen Bus zur Schule steigt. Kriegt er das allein hin?
Wie harmlos mir dieser Bus heute erscheint, wenn ich daran denke, wie er später zum ersten Mal mit dem Fahrrad zur Schule gefahren ist – und erst recht, als er mit dem Auto vom Hof fuhr.
Vor ein paar Wochen war er mit einem Interrailticket unterwegs – kreuz und quer durch Osteuropa: fast 5000 km - sieben Länder -mit 20 verschiedenen Zügen.
Er hat sich ganz bewusst entschieden, alleine unterwegs zu sein, im Rucksack Kleidung für fünf Tage. Und es hat geklappt. Nicht, weil alles perfekt durchgeplant war, sondern weil er seinen Weg auf dieser Reise gefunden hat. Schritt für Schritt. Es war kälter als gedacht, vielfältiger und bunter. Einheimische haben ihm Wanderwege empfohlen, Ostern hat er in einer deutschsprachigen Gemeinde in Siebenbürgen gefeiert und er ist überzeugt: slowenische Mehlspeisen sind die allerbesten!
Unser Sohn bekommt sein Leben alleine geregelt. Das weiß ich. Mit seiner Europareise hat er das mir und ein Stück weit auch sich selbst noch einmal bewiesen.
Und trotzdem frage ich ihn, wenn er von unserem Zuhause zu seinem Studienort aufbricht: „Hast Du alles eingepackt?“ „Ja, habe ich,“ sagt er und lächelt mich an.
Denn er weiß, dass ich inzwischen nicht mehr die Brotdose und den Turnbeutel meine, sondern eine große Portion Liebe von uns, seiner Familie. Die hatte ich ihm nämlich beim Abschied zu seiner großen Reise mitgegeben. Und dazu einen leisen Segen „Gott behüte dich!“ Ein Satz und Wunsch für Wege, die weiterführen, als die, die ich als Mutter mitgehen kann und möchte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44401Meine Oma hat den Mai immer den Wonnemonat genannt. Ein Wort aus einer Zeit, in der man noch wusste, was es heißt, lange zu warten. Denn der Wonnemonat war der Weidemonat, in dem das Vieh nach dem langen, kalten Winter endlich wieder hinaus auf die Weide durfte. Ich erinnere mich noch, wie im Mai der Bauer in unserer Straße mithilfe der ganzen Nachbarschaft und uns Kindern die Kühe das erste Mal auf die Weide getrieben hat. Kaum auf der Weide angekommen, sprangen die Tiere fröhlich hin und her, drehten ausgelassen ihre Runden und schienen ihre neu gewonnene Freiheit mit jedem Schritt zu feiern. Mir geht es in diesem Jahr ganz ähnlich. Die Wintermonate haben sich hingezogen; vieles fühlte sich gerade auch aufgrund der politischen Weltlage schwer und grau an.
Jetzt im Mai scheint endlich wieder die Sonne. Die Vögel singen bei uns morgens und abends, ein Schwanenpaar brütet am Ufer der Tauber. Die Bäume tragen ihr frisches Grün. Alles drängt nach draußen und unser Städtchen wird neu belebt. Radfahrtouristen kommen zu uns nach Tauberfranken, und Schiffe mit Gästen aus der ganzen Welt legen an. Auf dem Marktplatz wird geschwätzt und gelacht. Die Cafés und Eisläden haben geöffnet. Das Leben fühlt sich plötzlich schöner an, so viel leichter als noch vor ein paar Wochen, obwohl sich das Weltgeschehen im Grunde leider nicht verändert hat.
Aber die Lebensfreude, die jetzt an so vielen Orten spürbar ist, verändert meinen Blick. Ich lasse mich nicht mehr so ganz gefangen nehmen von Sorgen und Schwere. In der Bibel heißt es: „Ein frohes Herz macht das Gesicht heiter, doch Kummer im Herzen bedrückt den Geist.“ (Sprüche 15,13)
Der Mai feiert das Leben- unübersehbar. So wie wir dem Leben Raum geben, hellt sich auch unser Blick auf. Ein frohes Herz lässt sich nicht verordnen. Es wächst dort, wo wir wahrnehmen, wie viel und was uns alles geschenkt ist. Freude ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist eine Kraft, die uns trägt. Sie richtet uns auf, schenkt uns Mut und verändert mehr als wir denken.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44400Heute vor 81 Jahren mussten die Nationalsozialisten offiziell zugeben, dass sie den 2. Weltkrieg verloren haben. Wenige Tage vorher hatten die Aufpasser im KZ Mauthausen bereits die Türen aufgemacht und alle Häftlinge frei gelassen. Unter ihnen war damals auch Jehuda Bacon, ein Jude. Niemand aus seiner Familie hat überlebt. Verlaust, völlig abgemagert und krank ist er als 16-Jähriger vor den KZ-Türen gestanden und hat mit seinem einzigen Freund beraten, in welche Richtung sie nun gehen sollen. Die beiden hatten Glück. Schon bald haben sie einen amerikanischen Soldaten getroffen, der dafür gesorgt hat, dass sie versorgt und gepflegt wurden. Ich habe Jehuda Bacon persönlich kennen gelernt und die Begegnung mit ihm nie vergessen. Er lebt heute als Künstler in Jerusalem und wird in diesem Sommer 97 Jahre alt.
Ich selbst bin erst nach dem Krieg geboren, und trotzdem hat der Zweite Weltkrieg auch mein Leben geprägt. Das war mir lange nicht bewusst. So kann ich z.B. bis heute nicht einfach sagen, wo meine Heimat ist. Auch ich spüre die Entwurzelung meiner Eltern nach der Vertreibung, obwohl ich nicht vertrieben worden bin. Oder wenn ich irgendwo neu dazukomme, zu Leuten, die ich nicht kenne. Da fürchte ich oft völlig unbegründet, ich könnte nicht erwünscht sein. So, wie das meine Eltern in dem Dorf im Odenwald erlebt haben, nachdem sie dort in Viehwagons nach der Vertreibung angekommen sind. 81 Jahre danach wissen wir ganz genau, welche Folgen der 2. Weltkrieg hatte. Welche Folgen jeder Krieg hat. Der im Sudan, der zwischen der Ukraine und Russland, die Kriege im Nahen Osten. Kein Krieg endet damit, dass die Waffen schweigen.
Dass Menschen friedlich und gewaltfrei miteinander umgehen, ist mir ein tiefes Bedürfnis. Ich kann gar nicht anders als mich dafür einzusetzen, wo ich gehe und stehe. Im Augenblick mache ich das fast täglich als Lehrerin in einer Grundschule. Deshalb weiß ich auch: Es ist anstrengend, friedlich miteinander zu leben. Wir brauchen jeden Tag Zeit, um Konflikte zu klären. Zu verstehen, wie sie entstehen. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis einer um Entschuldigung bitten kann, weil er jemandem Unrecht getan hat. Und manchmal können wir nichts anderes erreichen, als dass sich die Streitenden in Ruhe lassen.
Im Alltag kommt mir das manchmal wenig vor. Aber ich weiß, wie viel schon das wert ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44339Heute erzähle ich Ihnen von Unsicherheiten und Ängsten. Und von dem, was mir hilft, mit Ihnen zu leben. Seit ich denken kann, habe ich Angst. Das war schon als Kind so: Ich hatte Angst, die Freundin zu verlieren. Angst, schwer krank zu sein. Angst, früh zu sterben. Es gibt ein Foto von mir, auf dem diese frühe Angst gut zu sehen ist. Ich stehe sehr unsicher auf den neuen Rollschuhen, eingerahmt von Tante Erika und Onkel Gerhard, die mich rechts und links sicher an der Hand halten. Die Situation auf dem Bild ist typisch für mich. Rollschuhe, Schwebebalken oder Ski sind bis heute nichts für mich. Ich brauche festen Boden unter den Füßen. Und wenn ich den nicht habe, brauche ich irgendwie anders Halt.
Ich bin mit meiner Angst immer einigermaßen zurechtgekommen. Bis mich eine Krise in meinem Leben ganz aus der Spur geworfen hat. Mir hat nichts mehr geholfen, was ich bis dahin kannte. Keine Ablenkung. Keine Freundin. Auch nicht mein Glaube an Gott.
Ich habe Hilfe bei einer Therapeutin gesucht, die sich auskennt mit traumatischen Erfahrungen. Mit ihr habe ich entdeckt, welche Kraft innere Bilder haben können. Heilsame Vorstellungen meiner eigenen Fantasie. Eines dieser inneren Bilder ist ein vertrauter Ort geworden. Den kann ich jederzeit aufsuchen, wenn die Angst zurückkommt. Es ist ein Haus. Die Räume sind lichtdurchflutet und gemütlich. Sie strahlen Geborgenheit und Wärme aus. Ein sicherer Ort. Das Haus steht in einem Garten mit alten Obstbäumen. Ich sitze auf der Bank vor dem Haus, zusammen mit einer alten, gütigen und weisen Frau. Sie beschützt mich und ist für mich da.
Dieses Bild ist viel mehr als ein Bild. Es ist ein Teil meiner Seele. Unverletzt, heil. Es ist ein Ort in mir selbst, der heilig ist und an dem ich mich Gott ganz nahe fühle. Mich beeindruckt, dass ich inzwischen nicht mehr hilflos bin, wenn ich Angst habe. Ich habe jederzeit Zugang zu dieser Quelle. Ich nenne sie Quelle des Göttlichen. Sie verbindet mich mit den Psalmbetern aus dem Alten Testament. Sie sprechen von Gott als Ort ihrer Zuflucht. Als Fels in der Brandung, als sichere Burg, der sie in aller Not und Verzweiflung hält und beschützt. Mein Ort der Zuflucht ist das lichthelle Haus, in dem ich geborgen bin und mich angenommen weiß. Und wo ich Gott ahnen kann.
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