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07AUG2026
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Manches, was meine christlichen Geschwister glauben und für richtig halten, verstehe ich einfach nicht! Ich bin seit fast 50 Jahren bewusst Christ. Ich kenne sehr viele verschiedene christlichen Gruppen, Kirchen und Gemeinschaften auch von innen.

Und: Ich war selbst einmal einer von denen, die genau wussten, dass Homosexualität Sünde ist. Ich wusste auch, dass alle, die nicht genau so wie ich glauben, leider in der Hölle landen - und ich konnte alle Bibelstellen zitieren, die das angeblich belegen.

Heute habe ich - aus meiner Sicht – dazugelernt, bin gereift, habe mehr verstanden, so meine ich. Und immer weniger verstehe ich, warum das anderen nicht genauso geht.

Aber das Gute ist: Ich muss das auch gar nicht. Es steht mir nicht einmal zu, das zu beurteilen! In der letzten Zeit gibt es immer wieder Beiträge in verschiedenen Medien, in denen entsetzt, vor allem aber verurteilend über christliche Gruppierungen berichtet wird. Ob das Beiträge über neue Kirchenformen sind, bei denen Rock- und Popmusik sich mit konservativen Moralvorstellungen verbinden, oder über einen Fußballer, der auf dem Spielfeld mit anderen betet und versucht, die Bibel beim Wort zu nehmen. Und dann missionieren die auch noch! Das geht ja gar nicht!

Doch. Das geht. Und das dürfen sie. Jeder darf andere zu seinem Glauben einladen, also missionieren. Das ist nämlich ein guter Wesenszug, wenn man das Gute, das man selbst erlebt hat, nicht für sich behält. Um klar zu sein: Nicht nur Christinnen und Christen dürfen das. Aber sie dürfen das eben auch. Und sie sollen es. Wir brauchen Menschen, die Sinn im Leben gefunden haben und anderen den Weg zu diesem Sinn zeigen.
Da mag auch etwas Falsches dabei sein. Manches kann bei manchen Menschen sogar zu Krankheit und Verstörung führen. Da mögen Irrwege dabei sein. Mich konnten Muslime, Mormonen, Buddhisten oder Zeugen Jehovas bisher nicht überzeugen. Und meinen eigenen, konservativ-christlichen, Weg habe ich so auch nicht fortsetzen können.

Aber ich achte den Glauben und das Gewissen anderer. Und ich setzte mich für beides ein: Dass sie dazulernen (wie ich es meine, getan zu haben) und dass sie missionieren dürfen. So wie sie es für sich als richtig erkannt haben! Da bin ich ein Eiferer. Man mag auch das missionarisch nennen. Ich glaube, das ist es. Aber Glaubensfreiheit und die Gewissensfreiheit haben etwas Göttliches. Da bin ich mir sicher.

 

© David Andreas Roth, Baptisten, Metzingen

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06AUG2026
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„Irgendwas“, hat sie gesagt, „irgendwas muss man doch hoffen!“ – Manuela ist eine Frau Mitte 50. Ihre Mutter war ein paar Tage vorher gestorben. Wir haben die Trauerfeier vorbereitet und da habe ich gefragt, ob die Mutter religiös war, gläubig in irgendeinem Sinne, ob wir das in die Feier aufnehmen sollen…

So sind wir ins Gespräch gekommen, die erwachsenen Kinder von Manuela, Manuela selbst und ihr Bruder und ich. Über die Kirche und schlechte Erfahrungen mit Gottes Bodenpersonal. Über christliche Werte, die man leben kann, auch wenn man „das alles nicht so glaubt wie in der Kirche“. Und irgendwann ist es aus Manuela herausgebrochen: „Irgendwas muss man doch hoffen!“ „Das kann doch nicht einfach aufhören. Das Leben. Sie kann doch nicht einfach weg sein! Für immer.“

Ihr Bruder blieb skeptisch. Nur weil man es sich wünscht, muss es ja nicht die Wahrheit sein. Die Enkel erzählten von eigentümlichen Erlebnissen, die sie seit dem Tod der Omi hatten. Ein Schmetterling, der sich an Omis Platz auf der Terrasse setzte. Ein Windhauch, der genau dann einsetzte, als sie anfingen, auf einem Spaziergang über die Omi zu reden… Einprägsame Gänsehautmomente.

Aber, da waren sich alle einig, keine Beweise.

 Hoffnungszeichen nenne ich das. Und das war für alle ein gutes Wort. Und ich habe erzählt von meiner Hoffnung und davon, dass die seit tausenden von Jahren von so vielen Menschen geteilt wird.

Meine Hoffnung ist es, dass Jesus bereits auferstanden ist und dass er damit den Tod besiegt hat. Der Tod verliert seinen Schrecken, seinen Stachel, weil es danach weitergeht. Anders als jetzt, denn, das ist meine Hoffnung, Jesus hat den Weg frei gemacht, dass wir mit Gott selbst leben können. Alle. Zusammen. Das wird ein Wiedersehen!

Einer blieb skeptisch. „Wie muss ich mir das vorstellen?“ hat er gefragt. Mir gingen viele Bibelstellen durch den Kopf, die ich alle nicht zitiert habe.

„Sie kennen den Energieerhaltungssatz?“, habe ich stattdessen gefragt. „So grob“ war die Antwort. „Das reicht. Ganz grob besagt der Satz, dass Energie nicht verloren geht. Sie wird umgewandelt, aber sie geht nicht verloren. Mit der Persönlichkeit ist es ähnlich. Sie wird verwandelt. Was vergänglich war, wird unvergänglich, was endlich war, wird unendlich… Sie verstehen…“ Wenn wir in Gottes Liebe ankommen, wird die Lebensenergie eines Menschen verwandelt, aber sie bleibt erkennbar.

„Aha“ hat er gesagt.

“Ja“, habe ich gesagt. „Irgendwas muss man ja hoffen!“

© David Andreas Roth, Baptisten, Metzingen

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05AUG2026
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„Komm, kleine Schnecke, mach hinne…“ Unzählige Male habe ich als kleines Mädchen diesen Satz gehört. Manchmal wurde der Satz auch abgewandelt und Klartext gesprochen: „Beeil dich!“ Meine Eltern haben mich versucht mit diesen Aussagen zu motivieren und anzutreiben.

Heute und damit Jahrzehnte später fallen mir diese Sätze wieder ein. Erst vor kurzem habe ich nämlich einen Vortrag dazu gehört. Ich wurde eingeladen, meinen eigenen Antreibern auf die Spur zu kommen: Was treibt mich an? Was waren elterliche Forderungen, die es mir ermöglichen sollten „gut durchs Leben zu kommen“?

Vermutlich kennt jeder Mensch solche elterlichen Forderungen, die einen als Kind antreiben sollten. Bei den einen war es „Beeil dich“ oder „Sei perfekt“. Bei anderen hieß es vielleicht eher „Sei stark!“, „Streng dich an“ oder „Mach´s allen recht“. Solche Sätze prägen einen das ganze Leben.

Und seit diesem Vortrag weiß ich: ich habe diese Forderungen komplett verinnerlicht. Manche mehr, manche weniger. Doch sie beeinflussen mich und wie ich in verschiedenen Situationen reagiere. Vor allem, wenn ich gestresst bin oder in Konfliktsituationen. Dann übernehmen häufig automatisch meine Antreiber. Desto gestresster ich bin, umso schneller muss es gehen. Ich werde dann immer ungeduldiger und denke mir „jetzt macht doch mal hinne. Geht das nicht schneller?!“

Für mich ist es deshalb wichtig, ab und zu auf Abstand zu meinen Antreibern zu gehen. Mein Handeln zu überdenken, so wie es Paulus seiner Gemeinde in Rom empfiehlt: „Gebraucht euren Verstand in einer neuen Weise und lasst Euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht: Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist. (…) Überschätzt euch nicht und traut euch nicht mehr zu, als angemessen ist. Strebt lieber nach nüchterner Selbsteinschätzung.“ (Römer 12,2-3)

Bisher hatte ich mir nie überlegt, woher dieses „Beeil dich“ herkommt. Besonders spannend finde ich, dass jeder Mensch unbewusst durch solche Sätze angetrieben wird. Das war mein Aha-Moment. Antreiber wirken nämlich innerpsychisch. Tief innen haben wir die Vorstellung, dass wir nicht okay sind und etwas Schlimmes passieren wird, wenn wir unseren Antreibern nicht folgen.

Dabei waren solche elterlichen Forderungen eigentlich gut gemeint. Doch mit einem „immer“ verbunden, wird die negative Seite sichtbar. Wer kann schon immer perfekt oder stark sein? Sich immer beeilen? Niemand kann das.

Und deshalb ist es gut, ab und zu innezuhalten oder wie es Paulus sagt, nach nüchterner Selbsteinschätzung zu streben.

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04AUG2026
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Die Sommerzeit ist schon etwas Wunderbares. Alles läuft etwas langsamer und ruhiger. Viele Menschen sind verreist, andere gerade frisch aus dem Urlaub zurück. So wie ich. Wir waren in Ostfriesland im Urlaub. Das war einfach wunderbar: Die salzige Luft. Das Meer. Ob Regen oder Sonne. Immer eine ordentliche Brise Wind.

Einfach perfekt, um sich mal so richtig durchpusten zu lassen. Der Wind zerzaust die Haare. Mein Kopf wird frei und ich atme durch. Lasse alles los, was mich umtreibt. Beschäftigt oder belastet. Solche Ruhezeiten sind wichtig. Egal, ob man zuhause ist, oder verreist. Jeder Mensch braucht Ruhephasen. Zeit, um mal durchzuatmen und innezuhalten.

Kohelet schreibt in der Bibel: „Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“ (Kohelet 4,6)

Es ist nicht bekannt, wer dieser biblische Kohelet ist. Ist er ein Versammlungsleiter oder ein Prediger? Ist es überhaupt ein Mensch oder handelt es sich um eine fiktive Person?

Doch wer auch immer diese Worte schreibt, ist intellektuell und gebildet. Vermutlich ein Philosoph und jüdischer Lehrer in einer Weisheitsschule. Denn Haschen nach Wind macht ja wirklich keinen Sinn. Also besser eine Hand voll mit Ruhe.

Ich finde Kohelets Worte hoffnungsvoll. Sie nehmen den Stress und Druck raus. Das fällt mir besonders auf, wenn er über die menschliche Arbeit schreibt: „3,1Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit. (…) 4,4Ich richtete meinen Blick auf die menschliche Arbeit und auf das, was bei aller Anstrengung herauskommt: Da ist der Neid des einen auf seinen Nächsten! Alles ist Windhauch und vergebliche Mühe!“

Schon Jahrtausende vor unserer Zeit erkennt Kohelet also: Die Menschen mühen sich um ein gutes Leben. Erfolgreich und erfüllt soll es sein. Alles wird dafür gegeben. Doch Kohelet findet: so zu handeln ist sinnlos; denn alles hat ja seine Zeit. Alles ist begrenzt und wir können nichts daran ändern. Wir können die schönen Momente – wie einen wundervollen Urlaub – nicht auf ewig festhalten. Die schweren und traurigen Momente lassen sich nicht beschleunigen. Letztlich sind wir, laut Kohelet, zum Nichtstun verdammt.

Es mag komisch klingen, aber ich finde diesen Gedanken befreiend. Diese Perspektive wirft mich nämlich zurück auf Gott. Lehrt mich Demut. Und lädt mich ein, mich selbst nicht so ernst zu nehmen. Ich vertraue darauf, dass alles in Gottes Hand liegt. Ich kann getrost mal einen Gang runterschalten. Ruhe ist dann mein Erfolgsrezept.

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03AUG2026
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Ich war echt fertig und mir war zum Heulen zumute… Die Besprechung verlief ganz anders als ich es erwartet hatte. Nirgends wurden wir uns einig. Alte Konflikte ploppten wieder neu auf. In diesem Moment war ich vor allem wütend. Wütend darauf, dass ich mit meiner Meinung so oft allein dastand. Und ich war wütend auf mich, weil ich sofort jede Provokation meines Gegenübers direkt auf mich bezogen hatte… Es war einfach frustrierend.

Wenige Tage später war ich dienstlich verreist. Es fiel mir wahnsinnig schwer, in dieses andere Setting umzuschalten. Gedanklich war ich immer noch bei dieser Besprechung. Es hat mich einfach nicht losgelassen und so hab ich die Chance genutzt. Ich habe mit verschiedenen Kollegen gesprochen. Sie um Rat gefragt. Ihnen mein Leid geklagt. Ich bin auf viele offene Ohren gestoßen. Doch wütend und unruhig war ich immer noch….

Erst als ich wieder zuhause war, habe ich zu sortieren begonnen: was waren hilfreiche Rückmeldungen? Was kann ich verändern? Was ist eigentlich das wirkliche Problem? Während ich über diese Fragen nachdachte, fiel mein Blick auf einmal auf eine kleine Segenskarte, die auf meinem Schreibtisch lag. Auf dieser Karte stand ein biblisches Psalmwort: „Gott rüstet mich mit Kraft.“ (Psalm 18,33)

Diese Karte muss schon sehr lange auf meinem Schreibtisch gelegen haben. Ich hab sie umgedreht. Da stand, dass sie mein biblisches Geleitwort für 2026 ist. Bei uns in der Kirche ist es nämlich Tradition im letzten Gottesdienst am Altjahresabend ein biblisches Wort aus einem Korb zu ziehen. Nicht als Horoskop, sondern als gutes Wort für das neue Jahr. Die Worte hatte ich längst vergessen. Neu wahrgenommen hab ich sie erst in diesem Moment.

Kein Wunder: Mein Schreibtisch gehört auf jeden Fall zur Kategorie “hier herrscht das kreative Chaos….“ Für mich wurde dieses Chaos zum segensreichen Moment. Dieser Satz hat mich in diesem Moment total angesprochen.

Mir wurde klar, dass eigentlich alles halb so wild ist. Es gibt eben Zeiten, wo es nicht so rund läuft. Wo ich herausgefordert werde. In meinem Beruf, in meinem Alltag oder in meiner Familie. Aber letztlich bin ich überzeugt: Gott rüstet mich in und für solche Zeiten mit Kraft aus.

Sei es durch tolle Gespräche mit Kollegen. In provozierenden Rückfragen von Familienangehörigen oder ganz direkt durch ein biblisches Wort. An solch kleinen Dinge erlebe ich, wie Gott wirkt. Einfach so. Hier und heute.

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31JUL2026
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„Sichern“ -dieses Wort kennen wir aus der Werbung. Verlockend wird uns vor Augen geführt, was morgen vielleicht schon nicht mehr zu haben ist. In allen Variationen und mit immer wieder neuen verheißungsvollen Versprechungen: Melden sie sich noch heute zum Newsletter an und sichern sie sich einen Rabattgutschein. … Sichern sie sich telefonisch die letzten Exemplare dieser Uhr. … Oder: Nur noch bis 24 Uhr können sie sich eine Kabine auf unserer Karibikkreuzfahrt zum Sonderpreis reservieren lassen.

Die französische Autorin und Mystikerin Madeleine Delbrel verwendet dieses Wort ganz anders. Sie fragt nicht, wie ich mir selbst etwas sichern kann, sondern wie es gelingen kann Gott einen Ort zu sichern. Mitten in meinem Alltag. Mit seinen Herausforderungen. Im Wettbewerb und in der Jagd nach Vorteilen.

Gott einen Ort zu sichern, das schaffe ich selbst nicht. Auch nicht durch viele Gebete, oder häufige Gottesdienstbesuche. Auch zu meinen, ich müsste Gott erst herbeiholen- das wäre ein gewaltiger Irrtum. Gott ist längst da. Es geht drum, ihm Raum zu geben, den ich so oft mit anderen Dingen fülle.

Nahe bei meiner Wohnung steht eine romanische Dorfkirche. Seit fast 900 Jahren. Ich gehe gerne dort hin. Sie ist ein guter Ort zum Aufatmen und Nachdenken. Ein Ort der Stille. Dort spüre ich: Gott wohnt nicht zwischen alten Mauern. Gott wohnt in mir. In meinen Mitmenschen. Dort wo sie und ich lieben und leiden. Hoffen und zweifeln.

Vielleicht ist das der Ort, den Gott sucht: ein offenes Herz.

In einem modernen Kirchenlied heißt es:  Weißt Du, wo der Himmel ist? Die Antwort lautet: Du bist mitten drinnen. Ein schöner Gedanke. Der Himmel beginnt nicht erst irgendwann und irgendwo. Er ist schon da. Hier und jetzt. Davon erzählt auch die Bibel. In der Geschichte der Taufe Jesu. Kaum hat Johannes Jesus im Jordan getauft, öffnet sich der Himmel.

Gott sucht keinen fernen Ort. Ein offenes Herz genügt. Mehr braucht es nicht.

Gott einen Ort sichern. Vielleicht heißt das ganz einfach: ihm Raum geben. In meinem Leben. In meinem Herzen. Und überall dort, wo Menschen einander lieben, sich tragen und nicht allein lassen. Der Himmel? Vielleicht bin ich tatsächlich mittendrin.

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30JUL2026
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Ich arbeite als Seelsorger im Krankenhaus. Ruhig ist es hier nie. Geräusche gibt es Tag und Nacht. Da gib es den Schrei der Kinder, die gerade geboren sind und den schweren Atem von Menschen, die unter Schmerzen leiden. Auf der Intensivstation piepst es an allen Ecken und Enden an den medizinischen Geräten mit Kurven und Zahlen auf dem Display. Und draußen erst, wie aus heiterem Himmel der Lärm des Rettungshubschraubers und schriller geht es wohl kaum: das Martinshorn des Krankenwagens. Nein zur Ruhe kommt dieses Haus nie.

In unserer Krankenhauskapelle steht ein Klavier. Ein ganz anderer Klang geht von ihm aus. Als ich vor Tagen spät abends in mein Büro bei der Kapelle lief, spielte dort ein Patient. Er flutete den Flur mit wohltuenden Klängen und hatte seine Freude daran.

Das brauche ich vor der Nacht, meinte er und spielte weiter.

Wie wohltuend, dachte ich mir nach einem langen Tag. Könnten es doch all die Patientinnen und Patienten hier im Haus hören und so vielleicht ein wenig zur Ruhe kommen. Klänge die uns Menschen guttun. Die zur Heilung beitragen. Musik, die wir hören und Lieder, die wir singen. Der Klang einer Klangschale, die meinen Körper in Schwingung bringt. Die vertraute Stimme eines lieben Menschen, die ich schon von weitem erkenne. Zwitschernde Vögel in den Bäumen vor dem Fenster und das Lachen der Kinder im Freibad nebenan.

Den so ganz anderen Klängen Raum zu geben ist manchmal ganz schön schwer. Nicht nur im Krankenhaus. Unsere Welt ist sehr laut. Pausenlos werden wir berieselt. Wenn wir wollen können wir die Nacht zum Tag machen. Doch ein Versuch ist es immer wert. Still zu werden. Und vielleicht braucht es spät am Abend nur noch diesen einen Klang: den der Stille. Ich liege und schlafe ganz mit Frieden. Du Gott hilfst mir, dass ich sicher wohne heißt es in einem Abendgebet. Es sind nur wenige Worte, die mir guttun. Ein stilles Vertrauen, dass Gott da ist. Wie bei einem Kind, das viel besser einschläft im Bett seiner Eltern. 

Kommen Sie gut durch diesen Abend und behütet durch die Nacht.

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29JUL2026
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Vom Auto wurde er angefahren. Glück im Unglück hatte er. Der Patient im Krankenhaus erzählt mir den Unfallhergang bis ins Detail. Außer etlichen Prellungen am Bein und der schmerzhaften Verletzung seiner Schulter ist er wohlauf. Das braucht Zeit und Tag für Tag 30 Minuten Physiotherapie. Und dann beginnt seine eigentliche Geschichte.

Gesternwar wieder die Physiotherapeutin bei mir. Die versteht ihr Handwerk, meint er schmunzelnd. Von seiner Liebe zum Singen, zu dem er sich selbst mit der Gitarre begleitet, hat er ihr während der Behandlungen immer wieder erzählt. 

Die Therapeutin, so erzählt er mir dann stolz, wollte vor Tagen von mir den Text zum Lied: Der Mond ist aufgegangen. Das habe er sich nicht zweimal sagen lassen und während sie ihn behandelte, hat er ihr den Text nicht nur aufgesagt, sondern stolz vorgesungen. Alle sieben Strophen natürlich.

Beim nächsten Besuch brachte die Therapeutin dann ihre Gitarre mit und meinte: Spielen Sie doch damit, ich brauch die die nächsten Tage nicht. Was jetzt geschah grenzt für ihn an ein kleines Wunder. Stundenlang hat er Gitarre gespielt und gesungen. Im Einzelzimmer war das problemlos möglich. Die Schmerzen in der Schulter hat er dabei immer mehr vergessen. Er war ganz konzentriert auf sein Instrument, den Klang, die vibrierenden Saiten und Schwingungen. Die Physiotherapeutin bekommt jetzt fast täglich eine Kostprobe aus seinem Programm.

Ich liebe diese Geschichte. Gitarrensaiten klingen nicht aus sich selbst. Sie müssen berührt werden. Vorsichtig, oder auch kraftvoll, damit sie in Schwingung geraten.

So ist das auch bei uns Menschen. Wir werden berührt. Von anderen Menschen. Von einem Lied. Vom Klang der Musik. Ja der Mann hatte Schmerzen. Seine Mobilität war eingeschränkt. Seine Schulter verletzt. Aber da ist noch mehr. Seine Stimme. Seine Liebe zur Musik. Sein Stolz der Therapeutin etwas vorzusingen. Er war nicht nur Patient für die Therapeutin. Nicht nur einer, der von einem Auto angefahren wurde. Er ist auch ein Mensch, der singt und seine ganz persönliche Stimme hat. Die Gitarre unter den Arm nimmt und ihre Saiten anschlägt. Dann gerät etwas in Schwingung. Die Saiten der Gitarre. Und auch seine Seele. Manchmal braucht es dazu einen Menschen, der uns berührt. Oder einfach eine Physiotherapeutin, die nicht nur die Schulter behandelt, sondern einfach auch mal ihre Gitarre mitbringt.

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28JUL2026
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Es gibt Abende da bin ich mit meinen Gedanken schon beim nächsten Tag. Ich denke dann an all das, was auf mich zukommen wird. Mich überfordert, oder zeitlich einfach zu viel ist. Ganz zu schweigen von all dem, was heute liegen geblieben ist und morgen aufgearbeitet werden muss. All das ist nicht gut, um am Abend zur Ruhe zu kommen.

Was tue ich?

Etwas Erleichterung bringt mir, wenn ich alles, was ich so morgen vorhabe auf einen Zettel schreibe und dabei meine Gedanken ein wenig sortiere. Allein das Aufschreiben ist schon heilsam. Denn wenn ich es aufschreibe, muss ich es mir nicht mehr im Gedächtnis festhalten.  Der kommende Tag bekommt Struktur und ist dann nicht mehr ganz so bedrohlich. Ich hab ja alles aufgeschrieben und kann den Zettel beruhigt beiseitelegen. Nein, ich muss auch nicht alles allein machen morgen. Ich darf gelassen sein. Ich denke an all meine Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich morgen zusammenarbeiten werde. Und fast hätte ich es vergessen: Da ist ja auch noch meine Familie.

Das Aufschreiben ist ein kleines Ritual, um den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen.

Mein Gott auf Dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.

So heißt es in einem Abendgebet der Christen. Mir gefallen diese Worte. Es sind uralte Gebetsworte, einst aufgeschrieben von Jüdinnen und Juden. Gesprochen bis heute. Meine Angst nicht mehr alles zu schaffen, wird darin in tiefes Gottvertrauen verwandelt.

Mein Gott auf Dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben. Das sind keine Worte der Schwäche. Sie gehen mir durch den Kopf, während ich noch einmal auf den Zettel mit all meinen Planungen für morgen schaue. Ich schaue auf meine Hände, die den Zettel halten. Was sie tragen können und was nicht. Was sie ausrichten und was sie anrichten.

Mein Gott auf Dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.

Ein Gebet, das mich lehrt auch so manches loszulassen. In andere Hände zu legen. Auf mehrere Schultern zu verteilen. Es ist eine gute Vorbereitung für den Schlaf in der Nacht. Die Nacht erlaubt mir jeden Abend alles loszulassen und abzugeben. Im Vertrauen gehalten zu sein. Von Gott und den Menschen. So kann ich zur Ruhe kommen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

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27JUL2026
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Wer hätte das gedacht?! Mit dieser Frage beginnt meine Schwiegermutter immer wieder staunend, wenn sie aus ihrem Leben erzählt. Und sie hat mit ihren 97 Jahren sehr viel zu erzählen. Sie erzählt ihre Geschichten immer so, als würde sie all das noch einmal durchleben. Manchmal mit einer kleinen Träne in den Augen. Geschichten vom Krieg und vom Frieden. Vom Glück von der großen Familie getragen zu sein. Liebesgeschichten vom unvergessenen Partner und vom Glück genau ihn gefunden zu haben. Geschichten von der Geburt und dem Stolz auf die Kinder, Enkel und Urenkel.

Aber auch leidvolle Geschichten vom Sterben und all ihren Lieben, die nicht mehr da sind.

Wer hätte das gedacht?!

Meine Schwiegermutter kann über ihr Leben noch immer staunen. Denn was kann man schon groß planen. Vieles kommt uns entgegen. Anders als erwartet. Überraschend. Unverfügbar. Das lehrt uns jede Minute schon.

Wer hätte das gedacht?!

Wenn meine Schwiegermutter so beginnt, ist sie dankbar, verwundert und nachdenklich zugleich. Ich muss an einen Text in der Bibel denken, der mich beim Lesen immer wieder berührt. Er erzählt die Geschichte von der Rückkehr des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil. All das war für die Menschen damals unerwartet und überwältigend. Fast wie im Traum. Nach Jahrzehnten der Vertreibung hatte kaum jemand noch damit gerechnet jemals Jerusalem wiederzusehen. Jüdinnen und Juden erinnern sich bis heute im Psalm daran, wie sie in die geliebte Heimat zurückkehren durften und den Tempel wieder aufbauten. Vielleicht haben sie die folgenden Verse gesungen, als sie endlich durch die Stadtore Jerusalems schritten.

 

Als Gott uns heimbrachte aus der Gefangenschaft nach Jerusalem,

das war wie ein Traum.

Wir lachten aus vollem Hals und jubelten laut vor Freude. 

Auch die anderen Völker mussten zugeben:

Was Gott für sie getan hat, ist groß und gewaltig!

Wir waren außer uns vor Freude.

 

Wer hätte das gedacht?!

Immer wieder staunen, wie sich etwas entwickelt. Schauen auf das, was mir geschenkt wird. Womit ich vielleicht nie gerechnet hatte. Denn mein Leben ist größer und überraschender, als ich es mir jemals ausmalen könnte. Und am Ende eines Tages ist es gut, wenn ich bei allem, was war dankbar und staunend sagen kann: Wer hätte das gedacht?!

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