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In meinem Leben habe ich schon viele Prüfungen abgelegt: Abitur, Führerschein, Examen. Aber vielleicht steht mir die größte Prüfung noch bevor. In einem Buch habe ich gelesen: „Das Altwerden habe ich mir leichter vorgestellt. Heute glaube ich, dass es das schwerste Examen ist, das Gott uns zumutet.“ Ich finde: Da steckt viel Wahrheit drin.
Altwerden ist nicht leicht. Ich merke das an mir selbst. Mit Anfang Sechzig lassen meine Kräfte langsam nach. Ich werde schneller müde. Meine Augen brauchen eine Brille. Das alles macht mir bewusst, dass meine Zeit begrenzt ist. Ich weiß: Der größere Teil meines Lebens liegt schon hinter mir. Träume, die ich einmal hatte, werden sich vielleicht nicht mehr erfüllen. Möglichkeiten schwinden. Altwerden bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu akzeptieren.
Kein Wunder, dass manche Menschen mit aller Kraft dagegen ankämpfen. Sie möchten jünger aussehen, als sie sind. Sie färben ihre Haare, lassen Falten behandeln oder reden nur noch von den vergangenen Zeiten. Ich kann das verstehen. Wer wird schon gerne an die eigene Vergänglichkeit erinnert?
In unserer Gesellschaft gilt Jugend oft als Ideal. In der Bibel dagegen ist hohes Alter keineswegs das Ende der Geschichte. Im Gegenteil. Für einige biblische Gestalten fängt im hohen Alter noch etwas Besonderes an. Abraham hat schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel, als Gott ihn auf einen neuen Weg schickt. Mose war auch schon deutlich über die Lebensmitte hinaus, als Gott ihn beauftragt hat, sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens in die Freiheit zu führen. Diese Geschichten machen mir Mut. Sie zeigen: Für Gott ist ein Mensch in keinem Alter überflüssig. Natürlich setzt das Alter Grenzen. Aber Gottes Möglichkeiten enden nicht dort, wo meine Möglichkeiten enden. Viele ältere Menschen entdecken gerade im Alter neue Formen des Glaubens, der Gelassenheit und der Weisheit. Sie werden zu Ermutigern für andere. Sie schenken Zeit, Erfahrung und Lebenserkenntnis. Sie finden neue Berufungen.
Deshalb möchte ich das Altwerden nicht nur als Verlust betrachten. Es ist auch eine Lebensphase, in der Gott mir nahe sein will. Eine Zeit, in der er mich weiterhin gebraucht und begleitet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45061Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar… – ich finde, das ist ein wundervolles Abendlied. Ich habe es früher meinen Kindern vorgesungen, wenn ich sie ins Bett gebracht habe. Und ich singe es heute immer noch gerne. Das Lied strahlt für mich Frieden und Geborgenheit aus. Und es lässt mich glauben, dass Gott diese Welt und auch mich in seinen Händen hält.
Wenn ich am Abend ins Bett gehe, dann tut es mir gut, wenn ich alle meine Gedanken und Sorgen, die mich den ganzen Tag umgetrieben haben, ablegen kann. Das ist oft gar nicht so leicht. Manchmal lassen mich meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen, sondern kreisen immer weiter in meinem Kopf herum. Wenn ich mir Sorgen um meine Kinder mache oder nicht weiß, wie ich meine Arbeit erledigen soll, dann wälze ich mich unruhig und schlaflos im Bett herum. Und so geht es vielen Menschen. Manche greifen dann abends nach Alkohol oder Schlaftabeltten, um endlich zur Ruhe zu finden.
Ich jedoch versuche dann Worte zu beten, die aus dem Lied von Matthias Clauius stammen: „Wie ist die Welt so stille und in der Dämm’rung Hülle so traulich und so hold als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“ Ich gebe zu: Diese Worte klingen sehr altertümlich. Aber ich verstehe, was Matthias Claudius sagt: Er lenkt meinen Blick auf Gott. Er gibt mir das Vertrauen, dass mein Leben, mein Nachtschlaf, ja sogar einst mein Sterben in Gottes Hand geborgen liegen. Gott kann meine aufgescheuchte Seele zur Ruhe bringen.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses alten Abendliedes „Der Mond ist aufgegangen“: Ich darf loslassen. Ich muss nicht alles kontrollieren. Ich muss nicht für alles eine Lösung haben. Der Tag geht zu Ende. Die Nacht bricht herein. Der Mond geht auf. Und über allem steht die Zusage Gottes: Du bist nicht allein. Du bist gehalten. Ich, Gott, bin bei dir. Das hilft mir zur Ruhe zu kommen und von Gott geborgen einzuschlafen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45060Wo kann man Gott finden? Manche sagen: Gott begegnet mir in der Natur. Wenn ich auf einem Berggipfel stehe und weit ins Land schaue, fühle ich mich dem Himmel ganz nah. Andere erleben Gottes Gegenwart in der Musik. In einem Konzert oder beim gemeinsamen Singen im Chor. Wieder andere spüren etwas von Gott, wenn sie eine alte Kirche mit ihrer besonderen Atmosphäre betreten. An vielen Orten ahnen Menschen etwas von Gott. Und meistens handelt es sich dabei um irgendwie erhabene Momente.
Franz von Assisi dagegen hat Gott bei einer ganz anderen Gelegenheit gespürt. Es wird erzählt, dass Franz eines Tages seine Heimatstadt Assisi verlassen hat und unterwegs auf der Straße einem Mann begegnet ist, der an Aussatz erkrankt war. Aussatz war damals eine unheilbare und sehr ansteckende Krankheit. Auch Franz hat sich vor solchen aussätzigen Menschen gefürchtet. Doch an diesem Tag ist etwas Unerwartetes geschehen. Franz – er wusste nicht wie - ist auf den Kranken zugegangen und hat ihn in den Arm genommen. Noch selbst ganz überrascht von dem, was er gerade getan hatte, hat Franz sich noch umgedreht und dabei bemerkt, dass der Kranke wie Jesus ausgesehen hat. Bevor er sich darüber richtig wundern konnte, war der Fremde auch schon wieder verschwunden.
Ob die Geschichte genau so geschehen ist, weiß ich nicht. Aber sie bringt für mich etwas Wichtiges zum Ausdruck: Gott ist nicht nur in den großen und schönen Momenten zu finden. Er begegnet uns auch dort, wo Menschen leiden.
Jesus selbst hat das einmal so gesagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)
Ein erstaunlicher Satz. Jesus sagt nicht nur, wir sollen den Notleidenden helfen. Er sagt: In jedem Menschen, der Hilfe braucht, begegne ich euch.
Vielleicht ist Gott mir deshalb manchmal viel näher, als ich denke. Nicht auf dem Berggipfel. Nicht wenn Musik mich begeistert. Nicht in der Kirche. Er ist viel mehr im kranken Kollegen zu finden, der Zuspruch braucht. Im Flüchtling, der eine neue Heimat sucht. In der einsamen Nachbarin, die sich danach sehnt, wahrgenommen zu werden. Wenn ich mich einem von ihnen zuwende, begegne ich Gott.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45059Der 1. September ist ein belasteter Tag in der deutschen Geschichte. Am 1. September 1939 haben deutsche Truppen auf Befehl Adolf Hitlers Polen überfallen. Und damit den Zweiten Weltkrieg angefangen. Millionen Menschen haben in den folgenden Jahren ihr Leben verloren. Jedes Jahr am ersten September denke ich daran. Und ich spüre, dass diese Geschichte nicht einfach vergangen ist. Sie gehört zu unserem Land. Sie erinnert mich daran, wohin Hass, Nationalismus und Gewalt führen können.
Daneben stehen für mich die Worte Jesu: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ So steht es in der Bergpredigt im Matthäusevangelium.
Diese Worte berühren mich. Und sie machen mich nachdenklich. Denn viele Menschen, die damals in Deutschland lebten, haben sich auch als Christen verstanden, aber den Krieg trotzdem nicht verurteilt. Manche haben sogar für den Sieg der eigenen Truppen gebetet. Ich möchte nicht vorschnell über die Menschen von damals urteilen. Sie haben in einer anderen Zeit gelebt und waren anderen Zwängen ausgesetzt. Wer weiß, wie ich mich an ihrer Stelle verhalten hätte. Und dennoch erschrecke ich über das Ausmaß der Kriegsbereitschaft. Denn Krieg ist so weit entfernt von dem, was Jesus gelehrt hat. Jesus hat nicht die Gewaltmenschen selig genannt, sondern die Friedensstifter.
Und heute? Von Frieden ist so wenig zu sehen. In der Ukraine wird weiter gekämpft. Im Nahen Osten leiden Menschen unter Gewalt und Angst. Die Spannungen zwischen Staaten nehmen zu. Auch in meiner Umgebung wächst die Sorge, dass es wieder einen Krieg geben könnte. Wie Frieden dauerhaft gesichert werden kann, darüber wird intensiv gestritten.
Ich selbst kenne die Antwort nicht. Ich weiß nicht, welche politischen Entscheidungen richtig sind. Aber eines möchte ich nicht zulassen: dass die Angst mein Handeln bestimmt. Ich möchte auf die Worte Jesu hören. Ich möchte daran festhalten, dass Frieden möglich ist. Und ich will zu Gott beten. Für die Menschen in der Ukraine und in Russland. Für Israel und seine Nachbarn. Für die Verantwortlichen in den USA, im Iran und überall auf der Welt. Ich bete um Weisheit, um Besonnenheit und um den Mut zum Frieden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45058Es gibt nichts, was es nicht gibt! Letzte Woche habe ich entdeckt: Es gibt tatsächlich einen „Tag des Toilettenpapiers“. Kein Scherz. Er wird jedes Jahr im August gefeiert. Erst habe ich gedacht: So ein Blödsinn! Aber dann: Warum eigentlich nicht? Denn mal ehrlich: Was würden wir ohne Klopapier tun? Die meisten von uns machen sich darüber vermutlich keine Gedanken. Erst wenn man auf der Toilette sitzt und feststellt, dass die Rolle leer ist und kein Ersatz in greifbarer Nähe, merkt man plötzlich, wie wichtig dieses unscheinbare Stück Papier ist. Klopapier gehört zu den Dingen, die ich als selbstverständlich hinnehme. Es kostet nicht viel, besteht aus keinem wertvollen Material und wird selten zum Gesprächsthema. Und doch macht es mein Leben jeden Tag ein wenig einfacher.
Vielleicht ist darum der Tag des Toilettenpapiers eine gute Gelegenheit, dass ich mich an all die kleinen, unscheinbaren und doch so wichtigen Dinge in meinem Alltag erinnere. Da ist das saubere Trinkwasser aus dem Wasserhahn, das Licht, das auf Knopfdruck angeht, die funktionierende Heizung im Winter oder das frische Brot am Morgen. So vieles erscheint mir oft selbstverständlich. Und erst wenn es fehlt, merke ich, wie wertvoll es eigentlich ist.
Das gilt übrigens nicht nur für Dinge. Auch Menschen sind oft wie diese kleinen, unscheinbaren Helfer. Die Nachbarin, die freundlich grüßt. Der Kollege, der zuverlässig hilft. Die Freundin, die zuhört. Sie stehen vielleicht nicht im Mittelpunkt. Aber sie tragen dazu bei, dass mein Leben gelingt.
Die Bibel erinnert mich immer wieder daran, dankbar zu sein. Im ersten Thessalonicherbrief heißt es: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes für euch.“ (1.Thessalonicher 5,18) Dankbarkeit verändert den Blick. Wer dankbar lebt, entdeckt, dass das Leben voller Geschenke ist. Nicht nur die großen zählen. Oft sind es gerade die unscheinbaren Dinge, die meinen Alltag gelingen lassen. Und vieles, was ich für gewöhnlich übersehe, verdient meine Aufmerksamkeit und meinen Dank an Gott.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45057Ich geh unglaublich gerne ins Kino. Schon immer. Ich mag alles daran.
Den Geruch von Popcorn, der mir in die Nase steigt, wenn ich den Vorraum betrete. Die Vorfreude, wenn das Licht ausgeht und der Vorhang sich öffnet. Und dann anderthalb oder zwei Stunden nur dieser Film. Kein Handy, kein Gequatsche oder sonstige Dinge, die mich ablenken.
Seit einiger Zeit gehört zu meinem Kinoabend noch etwas Schönes dazu: Der gemeinsame Spaziergang nach dem Film mit Roman. Roman ist ein lieber Kollege und inzwischen mein treuer Kino-Kumpel. Mit Roman kann man echt alles anschauen. Vom Animations- bis zum Horrorfilm. Das ist großartig. Und anschließend ist es für uns zum kleinen Ritual geworden, spazierend über den gerade gesehenen Film zu sinnieren.
Vor allem, wenn wir den Film gut fanden, ist das richtig toll! Wir erzählen uns dann, was uns gefallen hat. Das Spannende dabei: Oft sind das ganz verschiedenen Dinge. Oder besser gesagt, wir haben auf unterschiedliche Dinge geachtet. Roman erzählt von dem Anfangsdialog, der am Schluss nochmals zitiert wurde. Was mir zum Beispiel gar nicht aufgefallen ist. Und ich schwärme von der Musik, die an der einen bestimmten Szene nochmals das Thema von einer anderen Szene aufgegriffen hat. Was ihm wiederum entgangen ist.
Ich erlebe bei diesem Spaziergang den Film nochmals neu und kann so einige Szenen durch andere Augen sehen.
Und wenn ich dann anschließend allein das letzte Stück nachhause gehe, denke ich meist: Wie schön es ist, gemeinsam ins Kino zu gehen und: Wie großartig ist es, einen anderen Blickwinkel zu bekommen. Einen Menschen zu haben, der mir hilft, die Welt ein wenig anders zu sehen. Denn ich alleine habe nur einen bestimmten, begrenzten Blick auf etwas. Das gilt nicht nur für einem Film, sondern genauso für andere Bereiche meines Lebens. Das ist ganz normal.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass ich Menschen habe, die mit mir ihre Sicht auf die Dinge teilen. Die mir eine Blume am Weg zeigen, die ich sonst übersehen hätte. Die mir rückmelden, wenn ich mich vielleicht mal im Ton vergriffen habe oder auch die mir erzählen, wer Gott für sie ist und, wie sie ihn in ihrem Leben wahrnehmen, weil das meist ganz anders ist als bei mir.
Die Welt wird größer und vielfältiger, wenn ich bereit bin, sie auch mit den Augen anderer zu sehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45072Ich komme völlig schweiß gebadet auf dem Friedhof an. Ich habe dort gleich eine Trauerfeier. Es ist einer der heißesten Tage im Jahr und ich bin superspät dran. Auf der Straße war die Hölle los und dann hab ich vor dem Friedhof ewig nach einem Parkplatz gesucht. Ich bin völlig gestresst. Vor der Trauerhalle steht schon der Friedhofsbeamte. Als er mich sieht, kommt er mir entgegnen.
Ich begrüße ihn und sage sofort: „Es tut mir sehr leid, dass ich so knapp komme...“ und möchte ihm erklären, warum. Doch soweit komme ich gar nicht. Er lächelt mich an und sagt: „Gar kein Problem. Es reicht noch gut. Kommen sie erst mal in Ruhe rein, da ist es auch ein bisschen kühler.“ Ich atme gleich ein wenig durch. Trotzdem. Es sind nur noch fünf Minuten. Als wir in der Sakristei sind, ziehe ich die Liedblätter aus meiner Tasche, die noch gefaltet werden müssen. Ich möchte damit anfangen, aber der Friedhofsbeamte nimmt sie mir sofort ab und kümmert sich darum. Ich bedanke mich. Das entlastete mich in dieser Situation wirklich sehr.
In der Trauerhalle steht die Luft. Bevor die Feier beginnt, begrüßt der Beamte die Trauergäste und sagt, dass für alle noch Wasser bereitsteht und dass wir nachher draußen ganz in Ruhe zum Grab laufen werden. Jeder in seinem Tempo.
Und dann beginnen wir.
Nach der Feier reden wir noch miteinander. Und ich merke, dass es dem Friedhofsbeamten wirklich wichtig ist, dass hier Menschen würdig verabschiedet werden und die Trauenden dafür hier einen guten Ort haben.
Ich bin so beeindruckt von ihm. Grade bei dieser Hitze, bei der gefühlt alle Menschen, denen ich begegne, entweder in den Seilen hängen oder total gereizt sind. Ich würde gut verstehen, wenn er in dieser Situation einfach nur seinen Job machen und sich nicht auch noch um meine Liedzettel und Wasser für die Angehörigen kümmern würde. Aber, das kam für ihn nicht in Frage.
Mir hat das so gutgetan. Weil er so ruhig und bedacht geblieben ist.
Solche Menschen sind so wichtig. Die Ruhe bewahren. Die mir ihre Ruhe leihen oder schenken. Gerade dann, wenn es stressig und hektisch wird. Diese Menschen sorgen nicht nur für Ruhe, sondern auf ihre Weise auch für Frieden. Weil in einer angespannten Atmosphäre auch schnell ein Streit aufkommt. Ich habe an diesem Tag die Erfahrung gemacht, dass Frieden da beginnt, wo jemand sagt: „Kein Problem. Es reicht noch gut.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45071Es gibt so ein Lied, dass ich seit Wochen in den sozialen Netzwerken immer wieder höre. In einer sehr hohen Tonlage singt jemand immer wieder diese Worte: „Du bist gut genug.“ Anfangs fand ich es ein bisschen nervig. Weil mir diese hohe Stimme so penetrant ins Ohr singt. Inzwischen find ich es ziemlich gut. Weil in diesem Lied eine total wichtige Aussage steckt. Und es hat einen Grund, warum es so erfolgreich ist. Es spricht bei vielen eine Sehnsucht an.
Zu mir kommen regelmäßig Menschen, die mit mir über ihr Leben und ihren Glauben reden. Nicht wenige erzählen, dass ihnen als Kind eingetrichtert worden ist: Du bist nicht gut genug. Manchmal von Eltern, manchmal aber auch von Lehrern oder Trainern. Dass sie in Mathe zu schlecht sind, nicht brav genug sind oder nicht gut genug Fußball spielen. Meistens sicher nicht mit böser Absicht, sondern als Motivation. Um besser zu werden. Sich anzustrengen. Ich musste das als Kind manchmal auch hören.
Aber was passiert, wenn jemand das zu oft hört? Wenn Kinder, aber auch Erwachsene, immer und immer wieder gesagt bekommen: „Du bist nicht gut genug. Du musst mehr sein. Dich mehr anstrengen.“
Meine Erfahrung ist: Manche brauchen dann Jahre, um zu verstehen, dass ihnen das nur von außen eingetrichtert worden ist. Sie haben das jahrelang wirklich geglaubt. Oft an sich gezweifelt.
Dabei erzählt uns zum Beispiel die Bibel von Anfang an etwas ganz anderes. An der Stelle, wo es darum geht, wie Gott die Welt und den Menschen geschaffen hat, steht: Er sah, dass es gut war. Das ist die Grundlage auf dem alles weitere in der Bibel erzählt wird. Und das ist auch die Grundlage des christlichen Menschenbildes. Dass jeder von uns gut ist, ohne irgendetwas zu leisten.
Das heißt nicht, dass alles gut ist, was wir tun. Aber, dass ich trotz allem, was manchmal schief geht oder wo ich hinter meinen oder anderen Erwartungen zurückbleibe, trotzdem vor Gott gut genug bin.
Ich glaube, das können wir gar nicht oft genug hören.
Deswegen möchte ich ihnen heute eine kleine Übung vorschlagen. Wenn sie nachher im Bad vor dem Spiegel stehen. Schauen sie sich mal bewusst ins Gesicht. Vielleicht sehen sie jemanden, der müde vom Tag ist. Sagen sie sich selbst: Du bist gut genug. Trotz allem. Sie können es auch singen. Aber sagen reicht auch schon. Egal, wie dieser Tag war: Du bist gut genug!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45070Als Zivi habe ich beim Roten Kreuz gearbeitet. Das ist lange her, aber viele Begegnungen habe ich bis heute nicht vergessen. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an eine ältere Dame. Ich schätze, sie war damals um die achtzig. Für mich mit Anfang zwanzig auf jeden Fall unglaublich alt.
Die Dame war verwitwet, hatte zuvor ihren schwer kranken Mann gepflegt, und ist deshalb jahrelang kaum aus dem Haus gekommen. Sie erzählte mir, was ihr Mann vor seinem Tod zu ihr gesagt hatte: „Du musst mir etwas versprechen. Wenn ich gestorben bin, dann mach bitte alle Reisen, die du nicht machen konntest, weil Du wegen mir hier daheim warst. Bitte versprich mir das.“ Und genau das hat seine Frau dann getan!
Sie muss so Mitte siebzig gewesen sein als ihr Mann starb und dann ging sie auf Reisen. Sie war in Japan, Neuseeland, Brasilien und ich weiß gar nicht, wo überall sonst noch. Ich war so beeindruckt. Diese ältere Dame, die für mich, als junger Kerl, quasi am Ende ihres Lebens stand und die in den wenigen Jahren zuvor, mehr von der Welt gesehen hatte als viele Menschen in ihrem ganzen Leben.
Was ich damals gelernt habe und was mich heute immer noch fasziniert ist: Alt sein heißt nicht immer automatisch: Das Leben wird kleiner, da passiert nicht mehr viel. Natürlich bedeutet Älterwerden auch immer mehr Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Nicht mehr so fit zu sein, wie früher.
Aber eben nicht nur das. Es gibt immer auch die Chance, was Neues zu beginnen und zu entdecken. Vielleicht muss es nicht immer gleich eine Japanreise sein, aber vielleicht eine neue Sprache lernen oder sogar noch eine neue Liebe kennenlernen. Vielleicht auch einen jahrelangen Streit beilegen. Als Christ glaube ich, dass es immer Neues gibt. Meine Hoffnung geht noch weit über das Altwerden hinaus. Weil ich an eine Auferstehung nach dem Tod glaube.
Ich glaube an einen Gott, der mir immer neue Aufbrüche und Anfänge schenkt. Nicht alles auf einmal. Das war auch bei der älteren Dame nicht so. Alles hat seine Zeit.
Aber sicher ist: Leben und Älterwerden, heißt eben nicht nur, immer weniger zu werden. Denn, wenn man neugierig bleibt, dann gibt es auch immer noch was zu entdecken und zu hoffen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45069Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Auf einer Treppe kommt mir eine Frau entgegen. Wir schauen uns ins Gesicht und sie lächelt mich an. Das Ergebnis: Ich lächle zurück und sie lächelt noch mehr und geht weiter. Auch ich gehe lächelnd weiter.
Wir haben kein Wort gewechselt. Es war nur ein Augenblick. Doch diese kurze Begegnung hat zur Folge, dass ich lächelnd ins Büro komme und gut gelaunt zu arbeiten beginne.
Es gibt ein psychologisches Phänomen, das nennt sich emotionale Ansteckung: Stimmungen springen von einem Menschen auf den anderen über. Oft ohne, dass wir es merken. Wenn jemand schlecht gelaunt zur Arbeit kommt und einen Kollegen anpflaumt, dann setzt sich diese Laune häufig weiter fort.
Es gibt Menschen, bei denen bin ich darauf vorbereitet, dass sie schlecht gelaunt sind. Bei diesem einen Kollegen z.B. weiß ich: Bei ihm ist das Glas immer halb leer. Und inzwischen weiß ich auch: Er ist nicht wegen mir schlecht gelaunt. Das ist einfach seine Grundstimmung. Deshalb kann ich sie stehenlassen, anstatt sie anzunehmen und weiterzutragen.
Anders ist es allerdings, wenn jemand mir gegenüber unvermittelt und ohne erkennbaren Grund seine schlechte Laune zeigt, dann beeinflusst mich das schon. Und oft sinkt meine Laune dann auch in den Keller.
Aber, und das ist die gute Nachricht, nicht nur schlechte Laune steckt an. Lächeln auch.
Genau das habe ich bei dieser kurzen Begegnung auf der Treppe erlebt. Die Dame hat nicht „Hallo“ gesagt. Muss auch gar nicht sein, wir kennen uns nicht. Aber ihr Lächeln ist übergesprungen und meins auch. Es hat uns nichts gekostet. Nicht einmal Zeit, aber es hat unseren Tag besser gemacht.
In der Bibel gibt es viele Erzählungen, wie Jesus auf Menschen zugegangen oder ihnen im Vorbeigehen begegnet ist. Auch wenn nirgendwo explizit steht, dass Jesus diese Menschen zuerst angelächelt hat. Ich glaube das trotzdem. Es kann gar nicht anders gewesen sein. Er muss gelächelt haben! Denn die Leute haben gleich gemerkt: Er sieht mich, meint mich und er meint es gut mit mir.
Für mich ist Lächeln deshalb die kürzeste Form der frohen Botschaft. Und die sagt: Ich sehe dich und ich meine es gut mit Dir. Ich fände es toll, wenn wir uns mehr anlächeln würden. Denn das ist nicht nur eine kleine Geste, es ist eine bewusste Entscheidung, den anderen wahrzunehmen.
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