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12JUN2026
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„Wir werden einander viel verzeihen müssen“. Das hat Jens Sphan gesagt - im April 2020 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag. Jens Spahn war damals Gesundheitsminister und die Coronapandemie hatte gerade begonnen. Niemand hat zu diesem Zeitpunkt so richtig gewusst, was es mit diesem neuen Virus aus China so auf sich hat und wie man es eigentlich behandeln muss. Nur eines hat man schnell bemerkt: Das Virus ist sehr ansteckend. Immer mehr Menschen sind daran erkrankt. Auch die Politiker waren unsicher: Was sollen wir tun? Wie können wir die Menschen am besten vor dem Virus schützen: Kontaktverbote? Maskenpflicht? Abstandsregeln? Sollen Schulen geschlossen werden? Müssen Geschäfte zumachen? Darf man ältere Menschen noch im Seniorenheim besuchen? Sollen sogar Gottesdienste ausfallen? Jens Sphan hat geahnt, dass die Politik in den kommenden Monaten nicht alles richtig machen wird. Sie wird Regeln erlassen und Anordnungen treffen, um Menschen zu schützen und manches davon wird sich später vielleicht als falsch herausstellen. Darum sagte er: „Wir werden uns viel verzeihen müssen.“

Ich denke oft an diesen Satz von Jens Spahn. Nicht wegen der Coronaregln von damals, sondern weil Jens Spahn mit diesem Satz so recht hatte. Und das nicht nur mit Blick auf die Coronazeit. Immer, jeden Tag, gibt es etwas, dass wir Menschen einander verzeihen müssen. Wir sind alle nicht perfekt. Wir machen Fehler. Wir gehen in unseren Freundschaften und Ehen nicht gut miteinander um. Wir verletzen einander, sagen unabsichtlich böse Worte, können hartherzig und ungeduldig miteinander sein. So ist das unter uns Menschen. –Ich habe es nötig, dass andere mir vergeben, was ich ihnen oft unbewusst angetan habe. Und ich selbst muss anderen auch verzeihen dafür, wie sie manchmal mit mir umgehen. Wenn ich anderen nicht ihre Schuld vergebe, dann vergiftet der Groll und die Unversöhnlichkeit mein eigenes Herz. Ich lebe davon, dass andere mir immer wieder vergeben und ich will es auch tun. Darum bitte ich Gott jeden Tag, wenn ich das Vaterunser spreche: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

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11JUN2026
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„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Nein, es ist nicht Heidi Klum, die diese Frage stellt und auf der Suche ist nach Deutschlands nächstem Topmodel. Sondern es ist die böse Königin im Märchen Schneewittchen. Sie sitzt vor ihrem Zauberspiegel und fragt nach der schönsten Frau im ganzen Land. Und es ist von vornherein klar, welche Antwort die Königin vom Zauberspiegel erwartet: „Du bist die Schönste im ganzen Land!“ So antwortet der Spiegel auch Tag für Tag, bis zu dem Tag, an dem er der Königin sagen muss, dass es nun eine noch Schönere gibt: Schneewittchen, die Stieftochter. Sie ist erwachsen geworden und jetzt definitiv die schönste Frau im ganzen Land. Das trifft die Königin in ihrer Eitelkeit mitten ins Herz und sie beschließt, die Konkurrentin zu beseitigen. Sie plant, Schneewittchen ermorden zu lassen.

Ich liebe dieses Märchen der Gebrüder Grimm. Denn es ist ein Märchen, das vom Vergleichen erzählt und vom Neid, der daraus erwächst. Und von der Kränkung und dem Hass, die daraus folgen. Denn der Königin geht es nur so lange gut, solange sie die Schönste ist. Niemand darf so schön sein wie sie. Und erst recht nicht noch schöner. Und darum vergleicht sie sich mit allen anderen Frauen im Land. Der Zauberspiegel muss ihr jeden Tag bestätigen, dass sie die Schönste ist. Und als sie eines Tages es nicht mehr ist, beginnt das Drama.

Natürlich ist das nur ein Märchen. Aber mit einem sehr ernsten Hintergrund. Denn vor dem Vergleichen ist niemand gefeit. Auch ich nicht. Ich ertappe mich auch bei Gedanken wie: Sind die anderen schöner? Sind sie klüger? Verdienen sie mehr Geld als ich? Können sie sich den besseren Urlaub leisten oder das größere Haus? Wer sich mit anderen vergleicht wird schnell unzufrieden. Denn es gibt fast immer jemand, der erfolgreicher, schöner oder beliebter ist. Das Vergleichen macht mich unzufrieden, unglücklich und erfüllt mich mit Neid.

Und das tut mir nicht gut. Vielleicht lautet darum das letzte der 10 Gebote in der Bibel: „Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat“ (2. Mose 20,17). Oder mit anderen Worten: Sei zufrieden mit dem, was das Leben oder Gott dir zugedacht hat. Ob du ein geliebter und wertvoller Mensch bist, hängt nicht an deiner Schönheit oder deinem Geld. Jeder Mensch ist längst von Gott geliebt. Auch du! In seinen Augen bist du schön.

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10JUN2026
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„Meine Mama hat immer gesagt, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Du weißt nie, was du bekommst“ – Das hat natürlich nicht meine Mama gesagt, sondern die Mama von Forrest Gump. Denn der Satz über die Pralinen ist ein Zitat aus dem gleichnamigen Film. Der Ausspruch von Forrest Gump: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, du weißt nie, was du bekommst“, wurde zu einem der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte.

Vielleicht ist gerade dieser eine Satz aus dem Film so bekannt geworden, weil darin so viel Wahrheit steckt. Wir wissen ja tatsächlich nie, was uns das Leben noch bringt. Ich kann mich noch so gut auf die Zukunft vorbereiten und mein Leben planen, meistens kommt es ganz anders als ich gedacht habe. Immer wieder tappe ich in die Falle und denke: Wenn ich nur ordentlich plane, alle Eventualitäten einbeziehe und alles richtig mache, dann habe ich mein Leben im Griff. Aber eigentlich weiß ich längt: Die Rechnung geht nicht auf. Es kommen immer Überraschungen, mit denen ich nicht gerechnet habe. Manchmal sind sie schön: Ich lerne einen Menschen kennen, der mein Leben reicher macht. Oder ich bekomme Besuch von einem alten Freund, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Aber es können auch böse Überraschungen sein, die mich aus der Bahn werfen: Eine Krankheit. Ein trauriger Abschied. Forrest Gump sagt: Das ist wie der Griff in die Pralinenschachtel. Du weißt nie, welche Praline du erwischst. Es kann eine leckere Praline sein oder eine bittere. – Weil das so ist, darum gibt mir der Gedanke Halt, dass mein Leben trotzdem nicht dem Zufall ausgeliefert ist. Es liegt in Gottes Hand. In der Bibel heißt es: „Meine Zeit steht in deinen Händen“. (Ps 31,16) Das ist ein Satz, in dem ganz tiefes Vertrauen zu Gott steckt: Was war und ist und was kommt, Gutes wie Schweres, Überaschendes und Unbegreifliches – alles liegt in Gottes Hand.

Wenn ich also in die Pralinenschachtel des Lebens greife, dann gibt es immer wieder Überraschungen. Aber mein Glaube an Gott schenkt mir das Vertrauen, dass ich nie im Leben allein bin. Gott geht mit. Das hilft mir, die Hoffnung und den Mut nicht zu verlieren, egal was kommt.

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09JUN2026
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„Houston, wir haben ein Problem“. Das ist vielleicht der berühmteste Funkspruch der Weltgeschichte. Der amerikanische Astronaut Jack Swigert hat diese Worte gesagt. Am 13. April 1970. Swigert sitzt in der Raumkapsel Apollo 13 und hat er gerade erleben müssen, wie mitten im Weltall ein Sauerstofftank explodiert ist. Eigentlich sollte die Raumkapsel auf dem Mond landen, aber dieses Vorhaben muss jetzt sofort abgebrochen werden. Und es bleibt lange unsicher, ob die Astronauten an Bord von Apollo 13 es überhaupt schaffen werden, wieder lebend zur Erde zurückzukehren. Sie haben es geschafft und der Funkspruch von Apollo 13 wurde berühmt.

„Houtson, wir haben ein Problem“ – heute ist das längst zu einer festen Redewendung geworden. Sie wird oft gebraucht, wenn jemand vor einem Problem steht und keine Lösung findet. Denn manchmal gibt es Probleme, die lassen sich nicht aus eigener Kraft lösen.

Auch die Bibel kennt solche Situationen. Sie erzählt von Menschen, die in große, schier unüberwindliche Probleme geraten. Aber die Bibel erzählt auch davon, dass diese Menschen immer wieder erlebt haben, wie sie auf wunderbare Weise bewahrt geblieben oder aus einer schwierigen Situation gerettet worden sind. Sie sagen dann aus voller Überzeugung: Diese Rettung, das war nicht mein Verdienst. Das war Gott. Er hat mich gerettet. Er hat mir geholfen, das Problem zu lösen, das mir unlösbar erschien.

Einer, der eine solche Rettung erlebt hat, gibt seine Erfahrung weiter. Sie soll andere Menschen ermutigen, denen es genauso geht wie ihm. Er sagt:  Gott spricht: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du wirst mich preisen“ (Ps 50,15)

Nein, natürlich ist so ein Ruf zu Gott, so ein Gebet, kein magischer Zauberspruch, der dafür sorgt, dass alle Probleme plötzlich verschwinden. Aber wenn ich in Notsituationen bete, dann spüre ich, dass ich nicht allein bin. Da ist jemand, der kennt meine Probleme. Da ist jemand, der ist größer als meine Not. Ich kann ihm all meine Sorgen und meine Angst sagen. Das hilft schon. Und oft erlebe ich dann, dass sich meine Situation ändert.  - „Houston, wir haben ein Problem“ – hat der Astronaut Swigert 1970 zur Erde gefunkt. „Gott, ich habe ein Problem“, funkte ich heute immer mal wieder zum Himmel. Und hoffe auf Hilfe.

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08JUN2026
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„Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“. Immer wieder höre ich, wie in Gesprächen dieser Satz zitiert wird. Ich höre diesen Satz und denke: Das klingt schön, aber ist das auch wahr? Stimmt es denn, dass am Ende wirklich alles gut wird oder ist das nur eine billige Vertröstung?

So wie das Kinderlied „heile, heile Gänschen, es wird schon wieder gut“. Nur eben für Erwachsene. Doch als Erwachsener habe ich schon oft erlebt, dass nicht immer alles wieder gut wird. Im Leben kann so viel zerbrechen und manches kann nicht wieder geheilt werden. Da geht eine Ehe in die Brüche und die Partner erleben viel Schmerz und Leid. Da müssen Kinder erfahren, wie Vater oder Mutter schon früh sterben. Das tut unendlich weh und der Schmerz begleitet sie ein Leben lang. Ja und dann werden Menschen, die man liebt, unheilbar krank und es gibt keine Hoffnung mehr, dass sie eines Tages wieder gesund werden. 

Wird am Ende wirklich alles gut? Nein. Wenn ich damit meine, dass irgendwann in meinem Leben alles, was kaputt gegangen ist auch wieder hergestellt wird, dann stimmt der Satz nicht. Aber wenn ich an Gott glaube, dann kann ich diesen Satz trotzdem sagen. Weil ich eine Hoffnung habe, die über dieses Leben hinausreicht. Im letzten Buch der Bibel lese ich: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid oder Geschrei noch Schmerz werden mehr sein“ (Offenb. 21,4). Das ist meine Hoffnung: Wenn Gott diese Welt eines Tages vollenden wird, dann wird wirklich einmal alles gut. Bis dahin jedoch muss ich damit leben, dass es manches in meinem Leben gibt, das zerbrochen ist und auch zerbrochen bleibt. Bis dahin muss ich manchen Schmerz aushalten. Denn jetzt ist noch nicht alles gut. Vielleicht wird es das auch nie in diesem Leben. Aber bei Gott gibt es mehr als dieses Leben. Und darum kann ich leise, manchmal zaghaft und doch mutig hoffen, dass Gott es am Ende gut machen wird. Und dass das hier noch nicht das Ende ist.

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05JUN2026
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Ich gehe oft an einem kleinen Brunnen vorbei, er plätschert im Innenhof eines ehemaligen Klosters. Das Wasser läuft über den Stein, sammelt sich, fließt weiter und wird zu einem kleinen Bach. Ruhig und klar. Heute bleibe ich hier stehen, es tut mir gut, kurz innezuhalten. Der Augenblick ohne Lärm bringt mich zur Ruhe und ich denke an den heutigen Weltumwelttag.
Da höre ich viel von verschmutzten Flüssen, in denen Plastik schwimmt. Von Luft, die krank macht. Von Wäldern, die unter Trockenheit und Hitze leiden. Umweltverschmutzung kann man oft sehen, riechen, messen. Sie hinterlässt fürchterliche Spuren.
Während ich am Brunnen stehe, denke ich aber auch an eine andere Art von Verschmutzung. Eine, die nicht so leicht sichtbar ist. Was täglich in mich hineinfließt: Nachrichten, Bilder, Kommentare, Filme, Meinungen. Manches informiert mich. Manches unterhält mich. Aber manches macht mich unruhig, hart oder misstrauisch. Fake News. Häme. Hassbotschaften. Gewaltbilder. Dauerempörung. Der ständige Vergleich in sozialen Medien. Es ist eine Art von „Innenweltverschmutzung.“
Das alles kann ich nicht einfach außen vorlassen. Es hat Einfluss darauf, wie ich denke, wie ich rede und handle und wie ich andere Menschen wahrnehme. Wenn meine Innenwelt voller Lärm ist, werde ich schneller gereizt. Wenn ich ständig Angstbilder sehe, verliere ich schnell Vertrauen und Mut. Wenn ich mich dauernd mit anderen vergleiche, werde ich unzufrieden mit meinem Leben. Auch „Innenweltverschmutzung“ hinterlässt hässliche Spuren.
Mir fällt dazu ein Satz aus der Bibel ein: „Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.“ (Sprüche 4,23) Für mich heißt das auch: Ich muss darauf achten, was ich in mich hineinlasse. Nicht ängstlich, nicht weltfremd. Aber wach.
Der Brunnen im Innenhof plätschert weiter. Sein Wasser ist klar. So eine Klarheit wünsche ich mir manchmal auch innerlich. Frei von dem, was mich verschmutzt.
Ich glaube: Innenwelt und Umwelt hängen eng miteinander zusammen. Wer innerlich achtsamer wird, geht auch mit der äußeren Welt, mit der Umwelt, achtsamer um. Mit Wasser. Mit Bäumen. Mit Tieren. Mit Menschen.
Der Weltumwelttag ist für mich ein Anlass, besser zu prüfen, was ich in mich aufnehme – nicht nur, was ich esse, sondern auch meine geistige Nahrung.
Einfach sorgsamer auf das zu achten, was mir anvertraut ist. Draußen. Und drinnen.

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03JUN2026
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Ich mag den Frühsommer, wenn Wälder und Wiesen voller Leben sind. Besonders mag ich die weiten Felder mit Gänseblümchen. Jedes einzelne kann für mich etwas vom Leben erzählen.
Da steht ein kleines, noch ganz junges Gänseblümchen im Gras. Die Blütenblätter sind weiß, manche zart rosa überhaucht, die Mitte leuchtet hellgelb. Es wirkt frisch und offen, als hätte es gerade erst das Licht der Welt erblickt.
Wenn ich dieses junge Blümchen anschaue, denke ich an einen Anfang, der noch nicht beladen ist. An das Helle und Unschuldige, das wir alle einmal in uns getragen haben. An diese erste Offenheit, die in Kinderaugen glänzt.
Daneben steht ein zweites Gänseblümchen. Es hält sich noch aufrecht, aber der Wind hat es zerzaust. Einige Blütenblätter fehlen, andere hängen schief. Man sieht ihm an: Da ist schon einiges darüber hinweggefegt. Regen. Kälte. Vielleicht ein Fußtritt. Vielleicht einfach die Zeit.
Bei diesem zweiten Blümchen empfinde ich eher Respekt und Achtung. Es ist, als schaue ich in ein altes Gesicht. Ein Gesicht mit Falten und Müdigkeit. Verwittert und nicht mehr makellos, aber mit einer Würde, die tiefer reicht als äußerliche Schönheit.
Im christlichen Glauben gibt es die Hoffnung, dass das, was mich verletzt und verwundet hat, nicht ausradiert werden muss, damit neues Leben möglich wird. Auch der auferstandene Jesus wird nicht als einer gezeigt, an dem alles Leid spurlos vorübergegangen ist. Seine Wunden bleiben sichtbar. Aber sie bestimmen ihn nicht mehr. Sie stehen nicht im Mittelpunkt.
Für mich ist das die tröstliche Botschaft unseres Glaubens: Gott liebt nicht nur das, was unversehrt ist. Nicht nur, was jung ist und blüht. . Gott sieht auch das Zerzauste. Das Müde. Das, was nicht gelungen ist. Auch das, was Wunden trägt und trotzdem weiterwächst und lebt.
Die beiden Gänseblümchen erinnern mich an diese beiden Seiten. Das eine sagt: Vergiss nicht, dass in dir etwas unschuldig geblieben ist, das heil ist. Etwas Helles. Etwas, das hoffen kann.
Und das andere sagt: Auch deine Spuren gehören zu dir. Deine Wunden nehmen dir nicht deine Würde. Und Deine Narben: hey - die machen Dich liebenswert.

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02JUN2026
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Auf dem Tisch vor mir steht eine weiße Schale mit drei roten Äpfeln. Der erste Apfel ist dunkelrot, fast samtig, mit einem kleinen goldenen Schimmer an der Seite. Der zweite ist heller, lebendiger, übersät mit feinen gelben Punkten. Der dritte hat rote und gelbe Stellen, als würde sich das Morgenlicht in seiner Schale verfangen. Nichts Besonderes.
Was aber … ja, was wäre, wenn es auf der ganzen Welt nur einen einzigen Apfel gäbe? Dann wäre er doch ein Weltwunder, größer als die Pyramiden in Ägypten! Menschen würden von überall her pilgern, um ihn zu sehen. Sie würden still werden vor diesem runden, leuchtenden Wunder. Sie würden tagelang Schlange stehen, nur um ihn einmal berühren zu dürfen. Und wer ihn in der Hand halten dürfte, würde vor Staunen zittern.
Eigentlich ist es doch genauso! Diesen einen Apfel gibt es kein zweites Mal. Den zweiten Apfel auch nicht. Den dritten auch nicht! Nie wieder wird sich dieses Rot genauso mit Gelb mischen. Nie wieder werden diese kleinen Punkte genau an dieser Stelle sitzen. Nie wieder wird ein Apfel genauso gewachsen sein: aus Erde, Regen, Licht, Wind, Blüte, Biene und Zeit. Im ganzen Universum ist jeder dieser Äpfel einmalig in seiner Herrlichkeit. Ich übersehe dieses Wunder nur deshalb so häufig, weil es so verschwenderisch oft vorkommt! Weil Äpfel in Schalen liegen, an Bäumen hängen, im Gras liegen. Genauso ist es mit so vielen anderen Dingen: Brot steht immer auf dem Tisch. Blumen wachsen selbstverständlich am Wegrand. Und Menschen … begegnen uns jeden Tag!
Diese Welt ist nicht beliebig. Die Schöpfung geschieht und sie geschieht jeden Tag. Und sie ist genau so gemeint! Jeder Apfel. Jede Blüte. Jeder Atemzug. Jeder Augenblick. Das gilt auch für uns Menschen. Auch mich gibt es nur dieses eine Mal. Jeden Menschen, der mir heute begegnet ist, gibt es im ganzen Universum nur ein einziges Mal. Auch den, über den ich mich geärgert habe. Auch in ihm leuchtet etwas, das größer ist als mein Ärger.
Ich nehme einen der Äpfel in die Hand. Ganz langsam. Er ist kühl und glatt und liegt rund und angenehm in meiner Hand.
Ich empfinde Dankbarkeit. Achtung. Und eine leise Ahnung, dass diese Welt mehr Liebe in sich trägt, viel mehr, als ich überhaupt erkennen kann.

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01JUN2026
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Ich arbeite in einem großen meditativen Zentrum. Normalerweise ist es bei uns sehr still. Menschen kommen zum Meditieren, zum Schweigen, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. In diesen Tagen ist das anders. Bei uns findet eine Familienfreizeit statt. Jetzt sind viele Kinder da. Und mit ihnen eine ganz andere Art von Leben.
Ich beobachte ein Kind in unserem Innenhof. Es sitzt am Brunnen und hat ein Blatt in der Hand. Für mich ist es ein ganz normales Blatt, heruntergeweht von irgendeinem Baum. Für das Kind ist es offenbar etwas Besonderes. Es dreht das Blatt hin und her, betrachtet die Adern, hält es gegen das Licht. Dann läuft es zu einem Erwachsenen und zeigt ihm das Blatt begeistert.
Der Erwachsene ist freundlich, aber beschäftigt. Ein kurzer Blick, ein schnelles Lächeln, ein Halbsatz: „Ja, schön.“ Dann wendet er sich wieder ab. Das Kind bleibt stehen. Mir kommt es so vor, als wäre seine Begeisterung kurz ins Leere gelaufen. Nichts Dramatisches, na klar. Aber mir geht diese Szene nach.
Heute ist Internationaler Kindertag. Da denke ich: Kinder brauchen Essen, Kleidung, ein Bett, Schule, Schutz und Regeln. Aber sie brauchen auch etwas, das man nicht organisieren kann. Sie brauchen Zuwendung. Einen Blick, der sie wirklich sieht. Ein Ohr, das nicht nur nebenbei hört. Einen Erwachsenen, der für einen Moment mitgeht in ihre Welt. Auch dann, wenn es nur um ein Blatt geht, einen Käfer, ein Bild oder eine kleine Sorge.
Eine Szene aus dem Evangelium beschreibt, wie Menschen Kinder zu Jesus bringen. Die Jünger aber wollen sie abweisen. Sie finden offenbar: Dafür ist jetzt keine Zeit - Spielerei. Aber Jesus sieht das ganz anders. Er lässt die Kinder zu sich kommen. Er nimmt sie in den Arm, legt ihnen die Hände auf und segnet sie. Und er sagt sogar: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15)
Mich berührt diese Geste. Jesus redet nicht nur über Kinderfreundlichkeit, sondern lebt sie. Er schenkt den Kindern Zeit, Nähe und Schutz. Er macht ihnen Platz. Und er zeigt den Erwachsenen: Schaut hin. Hindert sie nicht. Von Kindern könnt ihr lernen, wie man staunt, vertraut und sich beschenken lässt.
Gesehen werden. Gehört werden. Das brauchen Kinder, damit sie wachsen können und das Leben gelingt. Die tägliche Dosis Menschlichkeit heißt: einander so zu begegnen, dass der andere spürt: Ich bin nicht egal. Ich zähle.

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29MAI2026
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Kennen Sie die Geschichten über Jakob, von dem das Volk der Israeliten abstammen soll? Einmal, so erzählt es die Bibel, musste Jakob an einem Fluss übernachten. Er war auf der Flucht und abends am Fluss Jabbok, es war wohl schon dunkel, da beginnt jemand einen Kampf mit ihm. Die ganze Nacht ringt und kämpft Jakob mit dem Fremden. Und im Morgengrauen stellt sich heraus: Es war Gott, mit dem Jakob gerungen hatte. Und Gott segnet ihn (1.Mose 32,23-32).

Eine seltsame Geschichte, nicht wahr? Schwer zu deuten. Aber diese Tage habe ich eine Erzählung von Elke Heidenreich gelesen, die sie wunderbar erklärt und ins Hier und Jetzt holt. [1] Ich lese sie ihnen vor:

„Einmal war ich in Paris, allein, ich reise oft und gern allein. Ich war ratlos, ich fand, dass mein Leben in die falsche Richtung lief, und ich kriegte es nicht in den Griff. Es war heiß, ich suchte Kühlung in Saint Sulpice, der zweitgrößten Kirche von Paris, im 6. Arrondissement. (…)

Die Antwort auf all meine Zweifel, Sorgen, Fragen war gleich rechts hinter dem Eingang in der ersten Seitenkapelle.  Da gibt es ein gewaltiges, etwa sieben mal fünf Meter großes Wandgemälde von Eugène Delacoix, das heißt „Der Kampf Jakobs mit dem Engel“. (…) Jakob kämpft mit dem Engel eine ganze Nacht lang und sagt: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“

Dieser Jakob von Delacroix ist ein Hüne, ein Zehnkämpfer, stark, gewaltig. Er stemmt sich gegen den Engel mit aller Kraft, und der Engel hält ihn ruhig, fast sieht es aus, als tanze er mit ihm, und wir sehen, ich sah: Er kann noch so sehr kämpfen, der Hüne Jakob, er wird den Engel nicht niederzwingen. Der Engel kämpft gar nicht. Er hält ihn nur fest, gütig, leicht. Und irgendwann wird Jakob die Kraft ausgehen, und dann kann er ruhig werden. Und vielleicht glücklich.

Als ich dieses Bild ansah, fielen alle Angst, aller kämpferische Zorn von mir ab. Nicht mehr kämpfen. Sich halten lassen.“

Sich halten lassen. Welch eine schöne Vorstellung. Wenn ich in irgendwelchen Lebenskrisen stecke, zwischen Ärger, Wut und Zorn. Dann Kraft zu sparen. Nicht aufzugeben. Aber mich auch im Kampf halten zu lassen. Vielleicht leuchtet dann etwas ganz Neues auf. Ein neuer Weg. Eine offene Tür. Ein Licht im Dunkeln. Sich halten lassen.

Jakob wird am Ende der biblischen Geschichte von Gott gesegnet. Im Kampf, in der Anstrengung des Lebens gehalten zu werden und dieses Gehalten werden auch zuzulassen. Ist das nicht eine wunderbare Umschreibung dafür, was „Segen“ bedeutet?

[1] Elke Heidenreich, Zufall, in: Dies., Alles kein Zufall – Kurze Geschichten, Fischer Taschenbuch 2017, S. 232.

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