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17JUL2026
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„Würden Sie mich mal anschauen, bitte?“ mit dieser Frage bleibt eine Frau plötzlich vor mir stehen. Ich kenne sie nicht. Wir stehen im Gedränge vor dem Staatstheater in Mainz und genießen die große Opernnacht – ein herrliches Spektakel. Große Opernarien und ein schwungvolles Orchester, das macht gute Laune. Aber jetzt ist Pause, alle wollen was trinken, es ist glutheiß.  Und da steht nun diese unbekannte jüngere Frau vor mir und sagt: „Würden Sie mich mal anschauen, bitte, ob mein Makeup noch okay ist?“  

Sprachlos bin ich selten. Aber jetzt brauche ich doch einen Moment, um die Situation ganz zu erfassen. Sie zögert nicht, sondern hält mir ihr Gesicht hin. Ganz unbefangen. Mir bleibt gar keine Zeit, weiter nachzudenken. Also schaue ich sie an. Schaue sie genau an. Wie sie es wünscht.  Sorgfältig geschminkt, Augen, Wangen, Lippen, alles perfekt. Das Makeup hat der Hitze bisher standgehalten. „Sie sehen wundervoll aus, es ist alles in Ordnung“ sage ich ganz direkt. Sie bleibt skeptisch. Deshalb schaue ich noch ein zweites Mal sehr aufmerksam. Damit sie es auch glaubt. Und wiederhole: „Ihr Makeup ist ganz in Ordnung!“ Froh und erleichtert geht sie weiter und verschwindet in der großen Menschenmenge.

Verdutzt bleibe ich zurück. Was war das denn?

Eine wildfremde Frau hat mich gebeten, für einen Moment ihr Spiegel zu sein. Warum auch immer sie mich ausgesucht hat. Mir drängt sich ein Wort auf: Sie zeigte mir ihr Antlitz. Voller Vertrauen. Sie machte sich verletzlich. Woher kann sie wissen, ob ich ehrlich bin?

Doch mit mir ist auch etwas passiert. Ich bin ein bisschen verwirrt. Ja, und auch berührt. Das war schon sehr persönlich, geradezu intim. Während ich ihr ins Gesicht geschaut habe, das sie mir so nah und offen gezeigt hat, hat sie umgekehrt auch mir in die Augen geschaut. Prüfend, was meine Augen ihr erzählen. Zwei schauen sich an - zwei unbekannte Menschen. Überraschend. Flüchtig. So lebendig. Sehen und gesehen werden einmal ganz anders. Mitten im Pausentrubel unter Hunderten von Menschen. Kein Wunder, dass mir das Herz heftig klopft.

„Würden Sie mich mal anschauen, bitte?“ mit dieser Frage bleibt eine Frau plötzlich vor mir stehen. Ich kenne sie nicht. Wir stehen im Gedränge vor dem Staatstheater in Mainz und genießen die große Opernnacht – ein herrliches Spektakel. Große Opernarien und ein schwungvolles Orchester, das macht gute Laune. Aber jetzt ist Pause, alle wollen was trinken, es ist glutheiß.  Und da steht nun diese unbekannte jüngere Frau vor mir und sagt: „Würden Sie mich mal anschauen, bitte, ob mein Makeup noch okay ist?“  

Sprachlos bin ich selten. Aber jetzt brauche ich doch einen Moment, um die Situation ganz zu erfassen. Sie zögert nicht, sondern hält mir ihr Gesicht hin. Ganz unbefangen. Mir bleibt gar keine Zeit, weiter nachzudenken. Also schaue ich sie an. Schaue sie genau an. Wie sie es wünscht.  Sorgfältig geschminkt, Augen, Wangen, Lippen, alles perfekt. Das Makeup hat der Hitze bisher standgehalten. „Sie sehen wundervoll aus, es ist alles in Ordnung“ sage ich ganz direkt. Sie bleibt skeptisch. Deshalb schaue ich noch ein zweites Mal sehr aufmerksam. Damit sie es auch glaubt. Und wiederhole: „Ihr Makeup ist ganz in Ordnung!“ Froh und erleichtert geht sie weiter und verschwindet in der großen Menschenmenge.

Verdutzt bleibe ich zurück. Was war das denn?

Eine wildfremde Frau hat mich gebeten, für einen Moment ihr Spiegel zu sein. Warum auch immer sie mich ausgesucht hat. Mir drängt sich ein Wort auf: Sie zeigte mir ihr Antlitz. Voller Vertrauen. Sie machte sich verletzlich. Woher kann sie wissen, ob ich ehrlich bin?

Doch mit mir ist auch etwas passiert. Ich bin ein bisschen verwirrt. Ja, und auch berührt. Das war schon sehr persönlich, geradezu intim. Während ich ihr ins Gesicht geschaut habe, das sie mir so nah und offen gezeigt hat, hat sie umgekehrt auch mir in die Augen geschaut. Prüfend, was meine Augen ihr erzählen. Zwei schauen sich an - zwei unbekannte Menschen. Überraschend. Flüchtig. So lebendig. Sehen und gesehen werden einmal ganz anders. Mitten im Pausentrubel unter Hunderten von Menschen. Kein Wunder, dass mir das Herz heftig klopft.

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16JUL2026
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Früher waren wir die Kinder - und die Eltern haben für uns gesorgt. Sie haben uns die Schuhe angezogen, für uns eingekauft und uns an Termine erinnert. Und jetzt ist es schon lange umgekehrt. Wir Kinder erinnern unseren betagten Vater an Termine. Helfen ihm, die Schuhe anzuziehen und kaufen für ihn ein. Er braucht inzwischen zunehmend mehr Unterstützung und Hilfe. Ich staune immer wieder, dass er diese Hilfe annimmt. Er ist sehr dankbar darüber.

Vor vielen Jahren hat er ganz freiwillig beschlossen, das Autofahren sein zu lassen. Wir sind immer noch stolz, dass er das so entschieden hat. In vielen Familien ist ja das Thema Autofahren im hohen Alter ein schwieriges Thema. Aber unser Vater war da mutig und klar. Fast 70 Jahre unfallfrei – dabei sollte es bleiben. Ohne Auto aber wurde er abhängig. Jetzt braucht er uns Kinder für alles, für Arztbesuche, Friseur, Besorgungen. Und das war dann ein richtig großer Schritt: Zu akzeptieren, dass er nicht mehr der souveräne Mann ist, der er ein Leben lang war.

Das wird täglich deutlicher. Ich spüre sein Ringen darum. Was es heißt, dass die Hände nicht mehr so mitmachen wie früher. Dass die Sehkraft schlechter wird. Und das Hören. Und erst die Beine, die wollen auch nicht mehr wie früher. Darüber kann man ja schon auch wütend sein und traurig. Niemand muss das gut finden.  „Aber“, sagt unser alter Vater dann schon ab und zu, „ich versuche mich darauf einzustellen. Und im übrigen sehe ich dem gelassen entgegen, was da kommt“. Er ist ein gläubiger Mensch. Auch wenn er darüber nicht so viel spricht: es gibt eine Zukunft mit Gott. Daran glaubt er fest.

Alt werden ist ein Lernweg auf zwei Seiten. Für den alten Menschen beschreibt das der Theologe Fulbert Steffensky so: „Zur Freiheit des Menschen gehört die Fähigkeit und die Größe, abzudanken. Ein schönes altes Wort: Ab-danken. Nicht darauf bestehen, Meister seiner selbst zu sein. Nicht darauf bestehen, sich mit sich selbst zu begnügen. Ich brauche barmherzige Menschen, die mir mit ihrer Hilfe das Alter erträglich und liebenswert machen.“ Und wir, die wir noch etwas jünger sind, brauchen ebenso die Fähigkeit und die Größe, das „weniger Werden“ des alten Menschen anzunehmen. Dann kann es – zumindest immer wieder - eine kostbare Zeit werden, für beide Seiten!

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15JUL2026
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„Jessica“ lese ich auf dem Unterarm des jungen Mannes, dazu ein Datum. Vermutlich seine Liebste, sichtbar unter die Haut gestochen. Tattoos sind schwer in Mode. Als ich sehr jung war, war kaum jemand tätowiert. Ehemalige Matrosen vielleicht, sie trugen Anker oder Rosen auf der Haut. Aber sonst kannte ich keine Tätowierungen. In Japan gelten Tattoos auch heute noch als Abzeichen krimineller Vereinigungen. Man darf deshalb mit einer Tätowierung nicht ins Schwimmbad, und wenn sie noch so klein ist.

Heute sind Tattoos Mode geworden. In allen Schichten und Altersgruppen werden sie gerne und lustvoll gezeigt: Namen und Rosen, Schmetterlinge, Sinnsprüche und ganze Kunstwerke auf Armen und Beinen. Manche Menschen haben ihre Haut bunt gestaltet wie Skulpturen. Andere tragen besonders auffällige Bilder. Es ist ein Zeichen der persönlichen Freiheit, und momentan lassen sich viele darauf ein. Das muss nicht jedem gefallen.

Für mich kam ein Tattoo nie in Frage. Grundsätzlich. Meine Haut gefällt mir so, wie sie ist. Aber in letzter Zeit überlege ich und denke darüber nach. Sollte ich vielleicht doch eines stechen lassen? Ein kleines, ein sehr besonderes? Zwei versetzte Halbkreise und einen dran anschließenden ganzen Kreis – so wie O und D für Organ Donor, Organspenderin. Dieses Zeichen ist nicht offiziell, soll aber auf das wichtige Thema Organspende aufmerksam machen. Ausgedacht haben sich dieses Zeichen junge Menschen schon vor mehr als 20 Jahren. Damit mehr über Organspende gesprochen wird. Denn jeder Mensch sollte sich frühzeitig darüber Gedanken machen, eventuell als Spender bereit zu sein, um ein anderes Menschenleben zu retten.

Das sehr zarte Tattoo ist nur ein Zeichen. Es ersetzt keinen Organspendeausweis. Kein Arzt dürfte nur aufgrund des Tattoos Organe entnehmen. Aber vielleicht wäre so ein Tattoo ab und zu ein Anlass zum Gespräch über das Thema? Und für medizinisches Personal ist es ggf. ein Hinweis, gleich die Familie nach dem Spenderausweis zu fragen, so dass eine mögliche Organtransplantation schneller vonstatten gehen könnte.

Organspende ist eine Frage, die unter die Haut geht. Wie das Tattoo. Zu dem bin ich noch nicht entschieden. Aber vielleicht traue ich mich ja noch?

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14JUL2026
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Einmal hat Jesus gesagt: „Niemand setzt ein Stück neuen Stoff auf ein altes Gewand; denn der neue Stoff reißt doch wieder ab und es entsteht ein noch größerer Riss“ (Mt 9, 16) Eine Alltagsweisheit, die einleuchtet. Da ich meine Kleidung selbst repariere, so lange es irgendwie geht, spricht mich das besonders an.  Gerade ist mir passiert, dass meine Lieblingshose nicht mehr zu retten ist. Beim besten Willen kann ich sie nicht noch einmal reparieren, der Stoff ist nach vielem Waschen, Bügeln und Anziehen total brüchig geworden. Also muss eine neue her.

Manchmal muss etwas Neues kommen – das wollte Jesus mit dem Beispiel vom alten und vom neuen Stoff zeigen. Sein „Neues“ war, dass er manche der Traditionen und Regeln der damaligen Zeit nicht mehr eingehalten hat. Nicht, weil er keine Lust dazu hatte, sondern weil sie nicht mehr passten. Weil sein Bild von Gott und religiösem Leben ein anderes war. Sich weiterentwickelt hatte.

Das ist ja ein ewiger Streit an vielen Orten - in den Kirchen, in der Gesellschaft, einfach überall, wo Menschen sind. Bis heute. Muss man mit aller Macht Gewohnheiten von früher beibehalten? Gelten Traditionen auch dann, wenn sie unsinnig geworden sind? Ist etwas wirklich immer das Beste, nur weil es schon immer so war? Oder ist es vielleicht auch irgendwann mürbe geworden und brüchig und kann gar nicht mehr gerettet werden wie meine Sommerhose?

Und wenn ich auf meine Enkelkinder schaue, die ins Leben drängen – sie und alle Jugendlichen und Kinder dieser Welt werden irgendwann Zukunft gestalten, im Großen oder im Kleinen. Sie werden ihre eigenen Ideen verfolgen. Zu Recht sehen sie manches anders als wir in der Großelterngeneration. Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen, die Neuordnung des Weltgefüges, der Bedeutungsverlust der Kirchen – Fragen, für die sie neue Lösungen brauchen werden. Und ich vermute stark, dass manche Lösungsversuche und manches Beharren auf dem, was wir Älteren für richtig halten, nicht unbedingt die richtigen Antworten sind. Auch jetzt schon nicht mehr sind. Das bedeutet, dass die jungen Stimmen mehr Gewicht bekommen müssen. Denn sie sind die Zukunft. Leicht finde auch ich das nicht unbedingt. Aber notwendig. 

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13JUL2026
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Viel braucht es nicht: einige Tischtennisplatten, ein paar Stühle und Regale, Kaffeemaschine, eine immer gefüllte Keksdose – und ein leeres Ladengeschäft, in dem das alles Platz hat. Pingpong-Salon heißt das Projekt. Es lebt nicht hier, sondern in Neustrelitz an der mecklenburgischen Seenplatte. Aber ein solcher Pingpong-Salon würde überall passen. Denn dieser Salon ist ein Treffpunkt geworden, und für viele Menschen ganz wichtig. Er kostet keinen Eintritt. Niemand muss sich vorher anmelden. Man kann einfach hingehen. Immer findet sich jemand zum Tischtennis-Spielen oder zum Reden. Dieser Ping-Pong-Salon ist ein Ort für Gemeinschaft geworden. Wer kommt, kann tun, was ihm oder ihr guttut: einfach zusammensitzen, miteinander Karten spielen oder stricken oder was ihnen einfällt. Inzwischen hat sich das Angebot im ganzen Ort herumgesprochen - und nun gibt es dort auch gemeinsame Weihnachts-Abende, ab und zu Vorträge, Yoga-Übungen, Sing-Gruppen, Flüchtlings-Arbeit und mehr. Der Pingpong-Salon in Neustrelitz ist eine Art Marktplatz geworden. Hier können sich Menschen mit Menschen treffen. Der Rundlauf um die Tischtennisplatte ist das absolute Highlight geblieben. 

Nicht alleine zu Hause sitzen, sondern andere Leute treffen können – das ist einer der normalsten Wünsche der Welt. Wir Menschen sind Kontaktwesen. Wir brauchen Gespräche, gemeinsame Unternehmungen und Miteinander. Das findet sich in Vereinen, Chören, Kirchengemeinden, Volkshochschulen, auch Kneipen. Aber die gibts nicht mehr überall. In kleineren Orten ist manchmal viel vom früheren Gemeinschaftsleben eingetrocknet. Weil die Jüngeren weggezogen sind. Oder tagsüber weit entfernt arbeiten. Wie kriegen wir es also hin, dass die Menschen sich wieder treffen können, dass sie miteinander reden, sich bewegen, in Kontakt kommen? Ohne große Kosten, ganz niederschwellig?

Die Gründerin des Pingpong-Salons hat nicht gewartet, sondern ihre Idee einfach ausprobiert. Es hätte auch schiefgehen können. Aber bisher wird ihr Treffpunkt gut angenommen und entwickelt sich weiter. Ich finde einen Treffpunkt wie den Pingpong-Salon großartig. In der Form oder anders. Zum Nachmachen unbedingt empfohlen. Damit das Miteinander wieder rundläuft.

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10JUL2026
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„Ich bin ja nicht nachtragend, ich vergesse bloß nichts!“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Meist mit einem verlegenen Lächeln. Tja, eigentlich ganz lustig formuliert, aber doch irgendwie auch sehr ernst.

Ich merke oft, dass ich kein nachtragender Mensch bin, sondern bei Fehlern und Verletzungen von anderen wirklich vergeben und vergessen kann.

Aber ich habe auch gemerkt, dass ich mir selbst meine Fehler oft nachtrage. Dass ich mir selbst nicht verzeihen kann. Neulich zum Beispiel: Da bin ich am Telefon laut geworden. Ich war überfordert, gestresst. Die Situation hatte mich überrannt. Ich war darauf nicht vorbereitet. Und dann haben mein Bekannter und ich auch noch aneinander vorbeigeredet, haben uns gegenseitig nicht ausreden lassen. Da bin ich laut geworden und unsachlich. Ich habe es relativ schnell gemerkt, meinen Ton gewechselt und mich entschuldigt. „Alles gut“, hat mein Bekannter gesagt. „Wir haben es geklärt. Es ist vorbei. Entschuldigung angenommen.“

Das hat mich zwar beruhigt, aber ich konnte mir trotzdem selbst nicht verzeihen, habe mir das immer wieder vorgeworfen: „Warum bist du nur laut geworden? Warum ist dein Ton so verletzend geworden und deine Worte so unsachlich?“

Da könnte ich noch viel von Gott lernen. Denn Gott ist nicht nachtragend. In der Bibel beschreibt einer begeistert, wie nachsichtig Gott mit uns Menschen ist. Er sagt über Gott:

„Gibt es einen Gott, der so handelt wie du, der Schuld vergibt und Fehler nicht anrechnet? … Er wird wieder Erbarmen mit uns haben: Er wird unsere Schuld zertreten und alle unsere Vergehen tief im Meer versenken.“ (Micha 7,18-19)

Was für ein Bild! Gott stellt unsere Fehler nicht öffentlich aus, er trägt sie auch nicht nach, sondern er wirft sie ins tiefste Meer. Also dorthin, wo niemand sie mehr rausholen kann. Meine Fehler, alle Schuld, die ich auf mich geladen habe sind damit weg.

So ist Gott mit uns Menschen. Und wenn Gott uns Schuld vergeben kann, wenn ich anderen ihre Schuld vergeben kann, dann muss ich doch auch mir selbst verzeihen können. Das ist nicht einfach, aber ich kann es lernen. Wenn also das nächste Mal jemand zu mir sagt: „Sabine, alles gut. Entschuldigung angenommen! Vergeben und vergessen!“, dann will ich das wirklich ernst nehmen und mir selbst auch nichts mehr nachtragen. Denn ich muss nicht das wieder rausholen, was schon längst ins tiefste Meer geworfen wurde.

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09JUL2026
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„Baut eine Sänfte aus einer leeren Getränkekiste, zwei kurzen und zwei langen Dachlatten, einem Stuhl, einem Seil, Krepppapier und Luftballons. Zeichnet eine Skizze, baut dann gemeinsam und überlegt euch eine gute Präsentation für eurer Ergebnis.“

Diesen Arbeitsauftrag hat vor kurzem eine Gruppe Jugendlicher auf der Konfirmandenfreizeit bekommen. Gemeinsam sollten sie diese Aufgabe lösen. Nicht als Wettbewerb, sondern miteinander und jede und jeder sollte mitarbeiten.

Das war erst einmal schwierig: Sie haben alle durcheinandergeredet. Viele Ideen wurden genannt, aber sie haben einander wenig zugehört. Und manche haben einfach angefangen, irgendetwas zu machen. Bis eine gesagt hat: „Stopp, wir müssen uns unbedingt zuhören, jeder soll seine Ideen sagen und dann überlegen wir miteinander, welche die Beste ist.“

So haben sie es dann gemacht. Sie haben miteinander diskutiert und gemeinsam entschieden, wie die Sänfte aussehen soll: Der Stuhl dient als Sitz, die Kiste als Fußablage und die Latten müssen das Grundgerüst zum Tragen bilden. Jemand hat angefangen diese Idee aufzuzeichnen und die anderen haben sie dann umgesetzt. Sie haben es geschafft, miteinander eine Idee zu verwirklichen. Dabei wurde fröhlich gelacht und am Ende wurde das Ganze noch mit Luftballons und Krepppapier dekoriert. Die Jugendlichen haben zusammen etwas Wichtiges gelernt: Wenn einer nur seine eigene Idee durchsetzen will, kommt die Gruppe nicht voran. Nur, wenn man einander zuhört und miteinander arbeitet, dann gibt es ein Ergebnis, auf das alle stolz sind.

Als die Sänfte fertig war, dann die entscheidende Frage: „Wer hat so viel Vertrauen in die Konstruktion und in die Gruppe, dass er sich in der Sänfte tragen lässt?“

Einer der Jugendlichen hat sich schließlich hineingesetzt. Die anderen haben ihn vorsichtig getragen. Und plötzlich wurde aus ein paar Latten, einer Kiste und einem Stuhl etwas ganz anderes: ein Zeichen des Vertrauens.

Auch unser Glaube lebt vom Vertrauen. Niemand muss alles im Leben allein tragen. Wir brauchen Menschen, die uns zuhören, die mit uns gehen und uns tragen, wenn wir selbst nicht mehr können. Und manchmal dürfen wir selbst die sein, die andere tragen.

Jesus hat gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Ich glaube, er war auch an diesem Nachmittag dabei – zwischen Dachlatten, Luftballons und einer selbstgebauten Sänfte.

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08JUL2026
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Manche Dinge wiederholen sich regelmäßig. Irgendwer sucht bei uns immer irgendetwas. Mal sucht mein Sohn seine Fußballstutzen, mal suche ich mein Handy. Doch am allerhäufigsten ist der Haustürschlüssel verschwunden. Der Jubel ist groß, wenn das Verlorene wieder gefunden wird. Ich finde diesen Stimmungswechsel beeindruckend: Vom unruhigen Suchen übers hektische Rumgerenne im Haus, dem leisen oder lauten Vor-sich-Hingeschimpfe hin zur großen Freude und zum befreiten Gelächter. All die verlorenen Dinge bekommen plötzlich durchs Wiederfinden einen besonderen Wert: Die Fußballstutzen haben das Training gerettet, das Handy die Planung für den Tag und der Autoschlüssel ermöglicht den Ausflug zu den Großeltern.

Ich suche nicht gerne, aber die Freude danach ist immer wieder überwältigend. Jesus erzählt im Lukasevangelium von einer ähnlichen Situation: Eine Frau verliert eine von ihren zehn Silbermünzen. Das, was sie dann tut, kann ich so gut nachvollziehen. Sie stellt nämlich das ganze Haus auf den Kopf, zündet die Lampen an und kehrt alles durch. Das macht sie solange bis sie die Münze gefunden hat. Aber dann macht sie etwas, das ich so noch nie gemacht habe: Sie freut sich nicht nur, sie ruft auch noch ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und feiert ein Fest. Alle sollen sich mit ihr freuen, weil sie diese eine Münze wiedergefunden hat.

Ob Schlüssel, Münze oder Stutzen, all das sind alltägliche Gegenstände. Jesus erzählt die Geschichte von der verlorenen Münze, um uns zu erklären, dass Gott genauso ist wie diese Frau. So sehr wie sie sich freut, als sie ihre Münze wiederfindet, so sehr freut sich Gott, wenn ein Mensch, der verloren war, wiedergefunden wird.

Manchmal verlieren sich Menschen aus den Augen. Es gibt einige Freundinnen, die ich im Laufe der Jahre verloren habe. Aber manchmal passiert es, dass ich so eine verlorene Freundschaft wiedergewinne. Durch aktives Suchen oder weil ich gesucht werde. Nächstes Jahr feiert mein Schuljahrgang das 30jährige Jubiläum unseres Schulabschlusses. Darauf freue ich mich jetzt schon. Zurzeit suchen wir alle Schülerinnen, die mit uns gemeinsam Abitur gemacht haben und immer, wenn wir jemanden gefunden haben, dann ist die Freude groß. Wie groß wird erst die Freude und der Jubel dann beim Wiedersehen sein!

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07JUL2026
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„Der Segen ist das Beste am ganzen Gottesdienst!“ hat vor kurzem ein Jugendlicher zu mir gesagt. „Ja, klar, weil dann der Gottesdienst vorbei ist“, habe ich ihm flapsig geantwortet. Denn der Segen kommt ganz am Ende des Gottesdienstes. Dann, wenn alles gesagt, gebetet und gesungen ist. Aber das hat der Jugendliche gar nicht gemeint: „Nein, doch nicht deswegen. Sondern weil der Segen etwas Gutes ist und Gott mir das schenkt. Immer wieder.“

Ich war verlegen. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Und zugleich war ich auch stolz auf diesen jungen Menschen, weil er so klar sagen konnte, was ihm der Segen Gottes bedeutet. Vielleicht kommt der Segen deshalb am Ende des Gottesdienstes. Denn der Segen erklärt nichts, fordert nichts. Gott schenkt uns einfach Gutes.

Im evangelischen Gottesdienst wird immer mit den gleichen alten Worten aus der Bibel gesegnet. Mit den Worten, die Gott Mose geschenkt hat, um den Menschen immer wieder Gutes zu sagen:

„Gott segne dich und behüte dich.“

Das sind Worte, die ich nicht erklären kann. Ich muss sie aber auch nicht erklären, weil sie nicht den Kopf überzeugen, sondern das Herz berühren wollen. Diese altvertrauten Worte, die immer wieder gesprochen werden, lösen in vielen Menschen etwas aus.

„Gott segne dich und behüte dich.“

Mich erinnern diese Segensworte immer an meine Konfirmation. An diesen einen besonderen Moment. Ich habe damals vor meinem Pfarrer gekniet, war aufgeregt, verlegen, habe nicht gewusst, wohin ich schauen, was ich machen soll.

Da hat er mir die Hand aufgelegt und mich gesegnet. Bis heute kann ich die Wärme spüren, die in dieser Geste gelegen hat.  Kann dieses Versprechen spüren, das mir fürs Leben gegeben worden ist. Da ist einer, der die Hand über mein Leben hält. Da ist eine, die mich behütet und begleitet. Gott mit seinem Segen. Ich kann diesen besonderen Moment nicht erklären, ich kann nur jedem wünschen, auch einen solchen Segensmoment erleben zu dürfen. Einen Moment, in dem man spüren darf: Du bist, gesegnet und reich beschenkt.

„Der Segen ist das Beste am ganzen Gottesdienst“. Und das Beste kommt bekanntlich oft am Schluss. Er stärkt, ermutigt, schenkt neue Kraft und erinnert uns einfach daran, dass Gott mit uns durch das Leben geht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen: „Gott segne dich und behüte dich.“

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06JUL2026
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Beten ist etwas Besonderes. Diese kleine Szene zu Beginn der Fußballweltmeisterschaft hat mir das wieder vor Augen geführt. Da haben Nationalspieler aus zwei verschiedenen Nationen zuerst gegeneinander gespielt und dann gemeinsam gebetet. Einfach so. Nach dem Schlusspfiff wurde aus dem sportlichen Duell eine betende Gemeinschaft.

Diese Verbindung durch den Glauben hat ein großes Echo in den Medien hervorgerufen. Viele Menschen haben über dieses gemeinsame Gebet mitten im Fußballstadion gesprochen, sich gewundert oder sich begeistern lassen. Plötzlich war das Beten, ob alleine oder gemeinsam, ein Thema, über das geredet und diskutiert wurde.

Mich hat das nachdenklich gemacht. Warum ist es mittlerweile so besonders in der Öffentlichkeit zu beten? Meine Erfahrung ist, dass ein öffentliches Gebet sehr unterschiedliche Reaktionen auslöst. Das reicht von „Echt? Du betest? über „Boh, ist das altmodisch!“ oder „Oh, lass uns gemeinsam beten“ bis hin zu „Ey wie peinlich, kann man das nicht zuhause machen!“.

Mein Glaube gehört fest zu meinem Leben, beides lässt sich nicht voneinander trennen. Genauso ist das bei diesen Fußballspielern, die sich nach dem Spiel als Christen zusammengefunden haben. Sie haben ihren Glauben nicht versteckt, aber auch nicht inszeniert. Ihr Gebet kam von Herzen und sie sind ihrem Herzen gefolgt.

Jesus hat im Matthäusevangelium eine kurze Anleitung gegeben, wie wir beten können: Wenn du betest, dann stell dich nicht demonstrativ in die Öffentlichkeit, um zu zeigen, dass du beten. Mach dich nicht wichtig mit deinem Gebet, aber versteck dich auch nicht. Du brauchst auch gar nicht viele Worte für ein Gebet. Du darfst einfach mit Gott reden über all das, was dich bewegt, was dir das Herz schwer macht, wofür du danken willst und womit du haderst. (nach Matthäus 6,5ff)

Das macht Beten so besonders. Beten ist ein Gespräch, bei dem ich mich nicht verstellen muss, sondern so sein kann wie ich bin. Ich kann Gott geradeheraus sagen, wie es mir geht, worüber ich mich freue, an wen ich denke und für wen ich bete.

Manchmal geschieht das in der Kirche, im Restaurant, im Gottesdienst, auf dem Fußballplatz oder als stilles Gebet im überfüllten Zug: Und Gott hört zu – da bin ich ganz sicher!

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