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05DEZ2025
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Meine Freundin Carlotta engagiert sich ehrenamtlich beim Kirchenasyl. Sie begleitet Frauen, Männer oder ganze Familien, die davon bedroht sind abgeschoben zu werden und die deshalb in kirchlichen Räumen Schutz suchen. Gerade hat eine junge Frau bei ihnen im Kirchenasyl einen Platz gefunden. Gemeinsam mit anderen kümmert Carlotta sich nun darum, dass die junge Frau genug zu essen hat, Kleidung bekommt und dass all die bürokratischen Fragen geklärt werden. Doch vor allem machen Carlotta und die anderen eines: Sie schenken Zeit. Sie bieten der jungen Frau ein offenes Ohr in einer Situation, die mit ganz vielen Sorgen und Unsicherheiten verbunden ist.

Heute ist Carlottas Tag, denn es ist Tag des Ehrenamtes. Und sie ist dabei nicht alleine. Jahr für Jahr engagieren sich in Deutschland knapp dreißig Millionen Menschen ehrenamtlich. Ich habe Carlotta gefragt: „Warum schaufelst du dir neben deinem Beruf und deinen ganzen anderen Verpflichtungen auch noch Zeit für ein Ehrenamt frei?“ Sie meint dazu: „Weil ich ganz konkret helfen kann und wegen der Gemeinschaft.“ Denn die Gruppe mit der sie zusammen beim Kirchenasyl arbeitet, ist zu einem richtigen Team zusammengewachsen, sogar Freundschaften sind daraus entstanden.

Zusammen etwas anpacken. Das ist eine Motivation, die nicht nur für Carlottas Ehrenamt gilt, sondern auch, wenn man Schiedsrichterin im Sportverein ist, die Noten vom Chor in Ordnung hält, oder Kindern mit den Hausaufgaben hilft. Überall dort erfahren Menschen, dass sie konkret etwas bewirken können und dass sie Teil von etwas Größerem sind. Ehrenamt tut im besten Fall nicht nur den Menschen gut, für die man sich engagiert, sondern auch den Ehrenamtlichen selbst. Es ist eine echte Win-Win-Situation und davon profitiert letztlich die ganze Gesellschaft. Denn ohne die Millionen Freiwilligen würde vieles bei uns schlicht nicht funktionieren.

Mich beeindrucken Carlotta und alle die anderen tatkräftigen Menschen, die sich in ihrem Ehrenamt für ein gutes Miteinander, für die Zukunft oder für politische Veränderungen einsetzen. Oft genug bleibt ihre Arbeit ungesehen und manchmal kann so ein Ehrenamt ja auch anstrengend sein. Deshalb ist es umso wichtiger an einem Tag wie heute Danke zu sagen.
Danke für die Arbeit, für das Herzblut und für all die geschenkte Zeit.

Vielleicht sitzt Carlotta heute Abend wieder mit einer Tasse Tee bei der jungen Frau und hört zu. Solche Momente schaffen es nicht auf die große Leinwand oder in irgendwelche wichtigen Statistiken. Aber sie tragen unsere Gesell

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04DEZ2025
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Das, was man tut und, was man mit seinen eigenen Gedanken entwirft oder bewirkt, kann so wichtig sein! Auch wenn man es selbst gar nicht bemerkt, oder unterschätzt. Im Leben des Sängers Sixto Rodriguez war das so.

Sixto Rodriguez wird 1942 in Detroit, in den USA geboren. Mit knapp 30 Jahren nimmt er zwei Musikalben auf. Sein Stil passt perfekt zum Zeitgeist der 68er-Bewegung. Rodriguez singt in seinen Liedern über die Armut und korrupte Politik im damaligen Amerika. Seine Aussicht auf Erfolg ist riesig und von seinen Produzenten wird er fast schon als der neue Bob Dylan gehandelt. Aber dann kommt die große Enttäuschung. Rodriguez Platten verkaufen sich überhaupt nicht und der Ruhm bleibt aus. Anstatt der großen Karriere muss Sixto sich einen Job auf dem Bau suchen und bleibt dort auch sein Leben lang.

Bis hierhin klingt das alles erstmal nicht danach, dass Rodriguez mit seiner Schaffenskraft viel bewirkt hat. Aber am Ende war es doch so.  Denn seine Lieder werden im weit entfernten Südafrika zu Mega-Hits und er zum Superstar. Seine Texte treffen einen Nerv, denn dort herrscht seit Jahrzehnten eine diktatorische Regierung. Rodriguez Lieder werden zu Hymnen der Anti-Apartheits-Bewegung, und er selbst bekommt nichts davon mit.

Jahrzehnte später machen sich dann aber zwei Fans auf die Suche nach ihrem Star. Sie wollen erst einmal wissen, ob er noch lebt. Und sie finden Rodriguez. Er lebt immer noch ganz bescheiden in Detroit. Die Fans freuen sich riesig und Sixto kann seinen unverhofften Ruhm nicht fassen.  

Das Leben von Rodriguez hat mir bewusst gemacht: Keine meiner Handlungen bleibt wirkungslos, auch wenn ich es selbst nicht immer bemerke. Selbst die kleinste Geste kann etwas in Bewegung setzen, kann Wärme ausstrahlen, Hoffnung geben oder ein bisschen mutiger machen. Und ich weiß selbst, wie gut das tun kann, was andere bewirken. Als mein Lehrer mir vor meiner Abi-Prüfung nochmal lächelnd zugenickt hat, daran erinnere ich mich. Und es hat mir so gutgetan.

Es sind manchmal gar nicht die großen Taten oder gewichtigen Worte, die zählen. Beim Sänger Rodriguez waren es seine Lieder, die unbemerkt viel bewirkt haben. Und auch wenn ich keine Sängerin bin, will ich vom Besten ausgehen. Ich will auch für mein eigenes Leben hoffen, dass kleine Schritte Großes bewegen könne

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03DEZ2025
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„Mach’s wie Gott, werde Mensch“. Den Spruch habe ich auf einer Postkarte gelesen. Gesagt hat ihn Franz Kamphaus, der ehemalige Bischof von Limburg, und gerade jetzt in der Adventszeit passt er einfach perfekt. Denn genau darum geht es ja an Weihnachten: „Gott wird Mensch“.

„Mensch sein“ klingt eigentlich selbstverständlich, aber was das genau heißen soll, darüber habe ich mit meiner Religionsklasse gesprochen. Die Jugendlichen aus der 10. Klasse haben überlegt: Wie tickt der Mensch, was macht ihn aus und wo liegen seine Grenzen? Meine Schülerin Lina war der Überzeugung, dass der Mensch vor allem nach seinem Instinkt handelt und das tut, was am besten für ihn ist. So nach dem Motto, wenn es hart auf hart kommt, dann zählt nur noch „Fressen und gefressen werden“. Und mein Schüler Hannes hat eingeworfen, dass man bei Kleinkindern das Menschsein am besten ablesen kann, weil sie noch ganz ohne Vorurteile sind. Weil sie von sich aus gerne teilen und anderen gegenüber grundsätzlich hilfsbereit sind. Am Ende sind wir bei der Frage gelandet, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist.

In der Bibel gibt es dafür eine eindeutige Antwort: Grundsätzlich ist der Mensch erstmal gut, weil er nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Wie er dann handelt, steht auf einem anderen Blatt. Und was gutes Handeln ist, dafür gibt Jesus konkrete Beispiele: immer, wenn Menschen mit denjenigen Zeit verbringen, die ausgegrenzt werden, wenn sie sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen oder anderen dabei helfen sich miteinander zu versöhnen. Immer dann sind sie Menschen im eigentlichen Sinn.

Auch wenn ich natürlich schon längst ein Mensch bin, kann ich immer noch ein Stückchen menschlicher werden. Dann kommen alle meine positiven Seiten zum Vorschein und der Rest rückt in den Hintergrund. Dann versuche ich geduldig zu bleiben, wenn meine Eltern ein Technikproblem haben, oder ich achte beim Treffen mit Freundinnen vor allem auf die Freundin, die den ganzen Abend so ungewöhnlich still ist.

Gerade hat der Advent begonnen. Die Zeit, in der ich mich auf das Ereignis „Gott wird Mensch“ vorbereite. Und wie kann ich das besser tun als selbst zu dem Menschen zu werden, der eigentlich in mir steckt!

Und ja, das ist auch mein persönlicher Weihnachtswunsch: Dass ich immer mehr Mensch werde, nämlich mitfühlend, ehrlich und aufmerksam. Und dass ich so auch anderen etwas von dem weitergeben kann, was Gott an Weihnachten allen schenken will: echte Menschlichkeit.

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02DEZ2025
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Warten ist tote Zeit. So fühlt es sich für mich zumindest oft genug an.

Wenn ich zum Beispiel kurz vor Weihnachten ewig am Postschalter stehe, dann ärgert mich das. Logisch, was hätte ich in der wertvollen Zeit alles machen können.

Warten hat ja auch generell einen schlechten Ruf. Denn Warten passt nicht in den schnelllebigen Alltag, wo ich Nachrichten in Sekundenschnelle verschicke und die Pakete schon über Nacht vor meiner Haustür liegen. Ich muss ja auf vieles gar nicht mehr warten.

Aber jetzt im Advent wird in den Kirchen das Warten zelebriert. Als schöne und besonders wertvolle Zeit. Nämlich als bewusste Wartezeit auf Weihnachten. Nur, ich vermute, so richtig darauf hin fiebern werden nur noch Kinder. Für viele bedeutet der Advent zusätzlicher Stress: Geschenke besorgen, die Feiertage planen. Der Advent scheint viel zu kurz und von Warten bleibt da nicht mehr viel übrig.

Ich kann mir aber zu Herzen nehmen, worum es im Advent eigentlich geht: Eben, dass ich mich einstimme auf ein ganz wunderbares Ereignis, das erst noch kommt. Dass wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist. Vielleicht kann ich dadurch dem Stress etwas entgegensetzen.

Oder es kann mich trösten, wenn ich eher mit gemischten Gefühlen auf Weihnachten zugehe. Weil dieses Jahr alles anders ist als bisher, oder weil Ängste oder Trauer da sind.

Im Advent gibt es viele Traditionen, die das Warten auf Weihnachten zu einem schönen Erlebnis machen: Adventskalender, das Kerzenentzünden auf dem Kranz, der Besuch vom Nikolaus. Die Liste mit Ritualen ist lang. Ich kann die Wochen aktiv mitgestalten und so mir selbst oder anderen dabei Gutes tun.

Am liebsten möchte ich mir etwas von diesem gestalteten Warten aus der Adventszeit auch für die Zeit unterm Jahr abschauen. Womöglich hilft es mir auch in langen Schlangen oder vollen Wartezimmern. Ich könnte Warten auch dann als Gelegenheit sehen mir etwas Gutes zu tun.

Anstelle von Weihnachtsritualen kann ich mir persönliche Warterituale überlegen: Ich kann einen Podcast hören, oder meine Stricknadeln immer dabeihaben, oder gerade bewusst mal nichts tun: einfach Dasitzen und Augen zu.

Warten kann eine „gestaltete Zeit“ werden. So wie jetzt im Advent.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Advent – als Wartezeit.

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01DEZ2025
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Eine „Ruhezone“ mitten im lauten Rockkonzert?! Sowas gibt es. Meine Bekannte Elisa hat mir neulich begeistert davon erzählt. Solche Ruhezonen sind abgetrennte Bereiche, etwas abseits der Menge wo die Musik nicht ganz so laut ist. Elisa ist da hin, weil es ihr in der vollen Konzerthalle mit der Zeit zu viel geworden ist.

Ich war letzten Samstag in der Mannheimer Innenstadt, im Weihnachts-Einkaufs-Wahnsinn, und so einen Ruheraum habe ich da auch gut gebrauchten können. Ich habe bei meiner Shopping Tour das volle Programm erlebt: Überfüllte Straßen, Kaufhäuser, in denen es vor Menschen nur so wuselt und Weihnachtsmusik, die aus den Lautsprechern schallt. Mir waren das Getümmel und die Lautstärke in dem Moment schnell zu viel. Als ich da so gestresst auf der Einkaufsstraße unterwegs war, bin ich an der Mannheimer Stadtkirche vorbeigekommen. Ich kenne die Kirche gut, ich habe dort gearbeitet. Aber nur für mich, einfach so, war ich noch nie drin. Kurzentschlossen bin ich rein und drinnen war es fast menschenleer und so still. Was für eine Ruhezone! Ich habe mich auf die Kirchenbank fallen lassen, habe meine schweren Einkaufstaschen abgestellt und kurz durchgeatmet.

Von Jesus kenne ich diesen einen Satz auswendig: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ (Mt 11,28). Da in der Kirchenbank habe ich richtig gefühlt, was das heißt: dass ich bei Jesus alles abladen kann. Und dass es eben Gott gibt, der mir meine Last abnimmt und mich kurz durchatmen lässt.

Ruhe ist was Göttliches. Immer wenn es laut und hektisch ist, fühlt sich Ruhe nach mehr an als nur nach einem Fehlen von Lärm. Sie ist Erleichterung, Aufatmen und Balsam für die Seele – göttlich eben.

Für mich war die Mannheimer Stadtkirche in dem Moment die perfekte Ruhezone. Ich weiß aber auch: wenn es hoch her geht, habe ich nicht immer so einen ausgeschilderten Ruheraum. Wenn mich mein Alltagsstress gefangen hält, kann ich nicht einfach die Tür hinter mir zu machen. Aber ich will auch dann Momente der Ruhe einfordern. Sei es, dass ich den Weg zum Briefkasten bewusst gehe, oder, dass ich im Aufzug den Moment der Stille genieße.

Ich muss nicht immer funktionieren und mich abrackern. Wie war das bei Jesus? „Komm zu mir … ich will dir Ruhe schenken.“ Ich darf Pause machen und will jetzt im Advent besonderes dafür einstehen: für meine persönliche Ruhezone.

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28NOV2025
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Der November hat seine eigene Stimmung – leise, ein bisschen melancholisch.
Viele Menschen mögen diesen Monat nicht so besonders. Vielleicht, weil wir in dieser Zeit besonders spüren, dass alles vergeht. Die Blätter, die Wärme, das Licht, das sich morgens gegen den Nebel durchsetzen muss. Es ist die Zeit oder der Monat, in dem wir besonders an die Menschen denken, die fehlen. Auf den Friedhöfen werden Lichter angezündet für unsere Verstorbenen, die wir vermissen.

Ich finde, dass gerade in dieser Dunkelheit auch etwas Tröstliches stecken kann. Wenn ich abends unterwegs bin und irgendwo Licht im Fenster sehe, dann weiß ich: Da ist jemand. Ich bin nicht allein. Gerade jetzt im November haben solche erleuchteten Fenster für mich etwas sehr Starkes. Sie erinnern mich an einen Satz in der Bibel, den ich sehr mag. Im Johannesevangelium heißt es:
„Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1, 5)

Der Evangelist Johannes beschreibt es nicht so, dass die Dunkelheit verschwindet. Aber das Licht geht nicht unter in ihr. Keine Dunkelheit ist so mächtig, dass nicht schon ein einziges Licht etwas daran verändern würde.

Vielleicht ist das genau die Botschaft, die wir im November brauchen.

Ich muss nicht an der Dunkelheit verzweifeln oder versuchen, vor ihr wegzulaufen oder so tun als gäbe es sie nicht: die dunklen Zeiten in meinem Leben. Ich darf mitten darin immer das Licht sehen, das ganz gewiss da ist.
Das Licht der Erinnerung.
Das Licht der Liebe.
Das Licht, das einer angezündet hat und das ich wahrnehmen kann, wenn ich unterwegs bin. Und auch das Licht, das ich selbst für einen anderen Menschen sein kann.

Das sind alles Erinnerungslichter an die beharrliche Leuchtkraft, die der Glaube in die Seele scheinen lassen will. Sie erinnern mich an die Erfahrung, wie ich durch den Glauben Hoffnung bekommen habe oder Trost oder Mut.

Vielleicht ist dies das besondere Geheimnis dieses Monats November, bevor der bunte, fröhliche Vorweihnachtslichterglanz nun bald überall in unseren Straßen und Häusern das Sagen hat: Die Dunkelheit ist da. Aber sie hat nie das letzte und einzige Wort.

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27NOV2025
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Ein Freund muss das Haus seiner verstorbenen Eltern ausräumen und verkaufen. Er stöhnt über die viele Arbeit, die er damit hat. Aber mehr noch als die bloße Mühe belastet ihn, dass seine Eltern das nicht schon selbst zu Lebzeiten unternommen haben: Warum haben sie sich nicht von Überflüssigem getrennt? Warum haben sie die Dinge, die sie nicht mehr gebraucht haben, nicht verschenkt? Mein Freund ist ziemlich wütend deswegen.

In der Bibel beschreibt der Prophet Jesaja einmal das Gefühl wie es ist, wenn man denkt, mit einer großen Aufgabe alleingelassen zu sein. Auch ihm fallen erst mal Sachen ein, die hätten anders laufen müssen. Das macht ihn noch ärgerlicher.

Meinen Freund kann ich verstehen. Ich verstehe, dass es ihn belastet. Aber ich kann auch verstehen, dass seine Eltern es nicht geschafft haben, sich von ihren Sachen zu trennen. Und ich denke, das ist nicht nur eine Frage des Alters. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, haben oft eine Bedeutung für uns, die andere kaum erkennen können. Bücher, Bilder, Geschirr, Möbel, Kleidungsstücke – mit vielem sind Erinnerungen verbunden. Bei Manchem sammelt sich so viel an, dass er darüber krank wird. Und wie schwer es einem fallen kann, das Angesammelte wegzugeben, das habe ich selbst gerade erst erlebt, als ich in eine neue Wohnung umgezogen bin. Dinge, die für andere eben nur ein Buch oder ein Bild sind, sind für mich eine Erinnerung und eine Verbindung mit einer Geschichte aus meinem Leben.

In der Bibel nimmt die Geschichte vom Zornigen eine überraschende Wendung. Er bleibt bei seinem Zorn nicht stehen, sondern stattdessen lobt er Gott und sagt:

An die tätige Güte Gottes will ich erinnern, an alles, was Gott für uns tat:
Gutes in Fülle (…) entsprechend seiner Mutterliebe
und entsprechend der Fülle der göttlichen Treue (…). (Jes 63,7 Bibel in gerechter Sprache)

Vielleicht kann mein Freund ein wenig von seinem Ärger runterkommen, wenn er mit einem liebevollen oder wenigstens barmherzigen Blick auf das schaut, was seine Eltern an Aufräumarbeit nicht mehr geschafft haben oder nicht schaffen konnten. Ich denke mir: Oft wird sie vermutlich vor allem die Liebe und Treue daran gehindert haben, Dinge wegzutun. Und darüber muss er sich, bei aller Mühe, nicht ärgern, sondern kann mindestens nachsichtig sein.

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26NOV2025
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Ein Lokal in unserer Stadt muss schließen. Die Pächter geben auf, weil die Wirtin mit schlimmen Rückenschmerzen die Arbeit nicht mehr schafft und keine Aushilfe findet, die sie entlasten kann. So gehen wir mit unserem Freundeskreis gemeinsam ein letztes Mal dort essen.

Die Stimmung ist gedrückt. Wir plaudern über die leckeren Gerichte, die wir hier über Jahre hinweg gegessen haben und über die Schwierigkeiten, die man in der Gastronomie heutzutage hat. Immer mehr kommen wir dabei zu dem Thema Abschied. Dieser konkrete Abschied heute Abend und Abschiede im Allgemeinen.

Als Pfarrerin habe ich in meinem Beruf viele Abschiede erlebt und begleiten dürfen. Und ich weiß auch von Abschieden, die so schwer sind, dass sie kaum gelingen oder lange aufgeschoben werden. Manchmal wünschen sich Menschen Abschiede, die nicht sofort sichtbar sind. „Ich gehe einfach nach Hause an meinem letzten Arbeitstag so wie immer.“ Sagt eine Freundin zu mir. Sie mag sich nicht verabschieden, oder besser: verabschieden lassen.

Innerlich hat sie vermutlich schon oft durchgespielt, wie es sein wird, wenn sie geht. Und damit es nicht so sehr weh tut, soll der letzte Abend einfach so sein wie jeder Abend. Denn das kennt sie ja. Das hat sie jahrelang so gemacht. Und das tut auch nicht besonders weh, denn am nächsten Morgen wird sie ja wiederkommen.

So soll es sich zumindest anfühlen: Als ob es einen nächsten Morgen gibt, weswegen man um diesen Abschied am Abend kein Aufsehen machen soll.

Und so will es auch die Wirtin unseres Lokals haben: Sich von uns Gästen verabschieden als ob wir morgen wiederkommen. Und deshalb will sie auch nicht in der Vergangenheit schwelgen und keine großen Abschiedsworte von uns hören. Auch wenn das Morgen tatsächlich anders aussieht als bisher. Ich kann verstehen, warum die Wirtin so denkt.

Auch in der Bibel finde ich diese Haltung. Beim Propheten Jesaja ist es Gott selbst, der so redet: Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen (…). (Jes 43, 18-19a)

Gott schenkt einen Neuanfang. Die Vergangenheit ist nicht mehr belastend, auch nicht aus Nostalgie. Unbeschwert auf Neues zugehen können. Das wünsche ich der Wirtin unseres Lokals und – bei allem Bedauern: Das wünsche ich auch uns als Gästen.

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25NOV2025
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Ich bin gerne Gastgeberin und lade Leute zu mir nach Hause ein. Dann überlege ich, wie ich es den Gästen besonders schön machen kann. Wo soll mein Gast sitzen? Wohin wird sein Blick dann fallen? Was gibt es zu essen und zu trinken? Wie kann ich sicherstellen, dass wir nicht gestört werden und dass ich selber nicht unter Zeitdruck stehe, solange mein Gast da ist?

Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir in den Sinn, dass ich manchmal mindestens so lange mit der Vorbereitung befasst bin wie nachher auch der Besuch dauert. Wenn ich Menschen zum Frühstück einlade, kaufe ich extra dafür ein. Schon am Vortag decke ich den Tisch. Ich falte die Servietten und stelle die Marmelade auf den Tisch. Am nächsten Morgen koche ich Kaffee und Tee und Eier, schneide Käse, Schinken, Obst und Gemüse auf. Die Vorbereitungszeit ist für mich voller Vorfreude.

„Ich bin ein Gast auf Erden“ heißt es in einem Gesangbuchlied. Das Lied handelt von der Vergänglichkeit. Davon, dass wir als Menschen nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Wir sind im Leben nur zu Gast. Für manchen Menschen mag das ein trauriger Gedanke sein.

Beim Vorbereiten des Frühstücks für meine Gäste kommt mir in den Sinn, dass es auch eine schöne Sicht auf das Leben sein kann:
Mir gefällt die Vorstellung, dass Gott sich auf meinen Erdenbesuch vorbereitet hat wie ein Gastgeber. Und ja – seine Vorbereitung könnte durchaus genau so lange gedauert haben wie mein Besuch dauert. Vielleicht nicht unbedingt Jahrzehnte am Stück; aber er hat jede Einzelheit für meinen Besuch genauestens bedacht und sorgfältig vorbereitet:

Wo ich hingehören soll, wie er es mir gutgehen lässt, wer zu mir passen wird, was ich in den Blick bekommen soll.

Ein Gast auf Erden sein – ja, da geht es um Vergänglichkeit, um Dinge, die begrenzt sind. Aber auch um Gewollt-Sein und erwartet werden. Gott hat sich lange Gedanken gemacht für meinen Besuch auf dieser Erde, und er nimmt sich Zeit dafür, dass er mein Gastgeber ist.

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24NOV2025
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Übergangslos zum nächsten Thema oder zum alten Zustand übergehen: Das gefällt mir nicht. Ich finde: Übergänge sind etwas Gutes.

Ein Freund von mir war länger krank. Nun ist er in der Reha und kann es kaum abwarten, endlich wieder in seinem Beruf voll durchzustarten. Ich fürchte, dass er sich dabei übernimmt und wünsche ihm, dass er auf seine Ärzte hört, die ihm zu einer Übergangszeit raten. Wiedereingliederung heißt der Fachbegriff. Meinem Freund gefällt das überhaupt nicht; vermutlich, weil er von seiner Krankheit schon ziemlich lange sozusagen „ausgegliedert“ gewesen ist, herausgerissen aus seinem gewohnten Arbeitspensum. Übergangszeit? Darauf hat er so gar keine Lust.

In einer solchen Übergangszeit befinden wir uns gerade im Kalenderjahr. Gestern haben wir in unseren evangelischen Kirchen Totensonntag gefeiert. Manche Menschen haben diesen Sonntag ganz bewusst begangen, waren in der Kirche oder auf dem Friedhof und haben an ihre Verstorbenen gedacht. Noch eine Woche ist es jetzt bis zum ersten Dezember, bis die Kinder wieder das erste Türchen am Adventskalender öffnen. Und dazwischen diese Woche des Übergangs. Nicht mehr Totensonntag, noch nicht Advent. Ein bisschen von beidem und doch wieder anders.

Mich stimmen solche Übergangs-Zeiten auf eine Weise froh und leicht. So eine Übergangszeit sagt mir, dass nicht alles, was im Leben geschieht, festgelegt sein muss und sich in einem festen Rahmen bewegt. Nicht alles muss immer gleich hundert Prozent sein.

So sehr ich die geprägten Festtags-Zeiten wie Advent mag: Wie gut, dass es auch das Dazwischen gibt: Die kleine Pause mit dem Freiraum für den sanften Übergang von einem Thema zum nächsten.

Ich wünsche meinem Freund in der Reha, dass er in seiner Ungeduld nicht zu voreilig auf seine Übergangszeit verzichtet, dass er sich Zeit lassen kann, wieder zurückzufinden und dass er es genießen kann, langsam da anzukommen, wo er hinwill.

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