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Alkohol ist Gift! Sowas lese ich in Zeitungsartikeln immer wieder, wenn es um Gesundheitsfragen geht. Ist ja auch nicht falsch. Manchmal habe ich abends aber einfach Lust auf ein Glas guten Wein. Was also tun? Das Ganze lässt sich mühelos erweitern. Zucker und anderer Süßkram zum Beispiel. Ganz schlimm! Wurst oder Käse mit viel Fett. Schlecht fürs Herz! Also nur noch Gemüse? Auch nicht perfekt, denn da fehlen schnell wichtige Spurenelemente. Am besten wäre eigentlich, gar nichts mehr zu essen und nur noch Wasser zu trinken. Dann kann auch nichts schief gehen. Spätestens da wird klar, wie absurd so was werden kann.
Sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Ganz wichtig! Aber Ernährung wird heute manchmal auch zur Ersatzreligion. Da gibt’s Ge- und Verbote. Da wird beim Essen gesündigt, beim Arzt gebeichtet und anschließend dafür gebüßt. Und Food-Influencer im Internet halten Predigten, wie ich mich ernähren soll. Was da schnell auf der Strecke bleibt: was Essen und Trinken ja auch sein soll. Genuss und Lebensfreude. Das ist wie bei der echten Religion. Wer nur noch penibel darauf achtet, bloß kein Gebot zu missachten und nichts falsch zu machen, wird kaum Freude am Glauben haben. Dann wird Religion, wie die Ernährung, mehr Last als Lust.
Dagegen steht etwas, das in meinen Augen übrigens gut katholisch ist: Nämlich eine klare Vorstellung zu haben, was richtig und falsch ist, was guttut und was nicht. Und täglich zu versuchen, danach zu leben. Aber eben auch zu wissen, dass ich als Mensch manchmal schwach bin und versage. Und darauf hoffen darf, dass mir der liebe Gott das schon nicht übelnimmt. So wie auch mein Körper, wenn ich am Abend doch mal Lust hab auf ein Glas guten Wein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45125Erst vor kurzem hab ich mich selbst ertappt. Da will eine Frau auf die Autobahn auffahren, auf der ich auf der rechten Spur unterwegs bin. Ausweichen nach links geht nicht, da ist Verkehr. Also bremse ich leicht ab, damit sie vor mir einfädeln kann. Aber sie scheint unschlüssig, wird erst schneller, dann wieder langsamer. Traut sich offenbar nicht. Und ich? Ich fahre nicht mal 100, bin emotional aber schon auf 180. Gestikuliere und schimpfe laut vor mich hin. Kurz drauf hab ich mich gefragt: Was sollte das denn? Klar, sowas kann schnell kritisch werden. Aber muss ich deshalb sofort ausflippen? Wären wir uns nämlich direkt begegnet, von Mensch zu Mensch. Ich hätte niemals so reagiert.
Irgendwie passt das leider zur Statistik. Die sagt nämlich, dass Aggressionen auf der Straße stark zugenommen haben. Da wird längst nicht mehr nur geschimpft. Es wird beleidigt, bedroht, genötigt und manchmal sogar zugeschlagen. Die Zündschnur im Auto oder auf dem Fahrrad scheint besonders kurz. Ursachen dafür gibt’s einige. Immer mehr Zeitdruck und Stress. Mehr Autos, dichterer Verkehr und so weiter. Vor allem aber die Fixierung auf die anderen. Da sehe ich halt nur, was andere alles falsch machen. Alles Idioten, außer mir.
Da passt dann wohl die biblische Weisheit, dass man halt gern den Splitter im Auge des anderen sieht. Den dicken Balken im eigenen aber nicht wahrhaben will. Manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten. Mich mal ehrlich zu fragen, wie oft ich selbst eigentlich aggressiv oder nicht aufmerksam genug fahre. Mich also auch wie ein Idiot verhalte. Und das kann schnell gefährlich werden – für mich und für andere.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45124Der Papst liebt Baseball, die vielleicht amerikanischste aller Ballsportarten. Geoutet hat sich Leo XIV. letztes Jahr als Fan des Teams der Chicago White Sox. Und hat damit auch bewiesen, dass er durchaus leidensfähig ist. Denn das Team stand lange im Tabellenkeller der US-Baseball-League. Das hat sich jetzt geändert. Die Chicago White Sox haben sich in dieser Saison weit nach oben vorgearbeitet. Und manche sind nun fest davon überzeugt, dass das auch am Papst liegt. Denn viele Fans haben innständig gehofft, dass er für den Erfolg seines Lieblingsteams beten wird. Ich stelle mir da allerdings zwei Fragen: Ist es nun irgendwie besser oder wirkungsvoller, wenn der Papst betet, als wenn es ein ganz „normaler“ Fan tun würde? Und: Bringt das überhaupt was, für Erfolge beim Sport zu beten?
Ich glaube ja, dass Gott ein demokratischer Gott ist, für den jede Stimme gleich viel zählt. Die des Papstes nicht mehr als jede andere. Und dann ist Gott auch nicht so eine Art Kaffeeautomat. Wo ich oben das Geld, also das Gebet reinwerfe und unten dann der Café Crema, sprich der Sieg auf dem Platz rauskommt. Trotzdem bin ich sicher: ein Gebet kann immer was bewirken. Ganz gleich, wer es spricht. Einfach dadurch, dass ein Mensch, der betet, Gott in seiner Nähe weiß. Etwa, wenn ich mich sorge um einen geliebten Menschen. Oder eben wenn ich vor eine Prüfung oder einem Wettkampf stehe. Dann zu wissen: Was auch immer geschieht und wie es am Ende ausgeht. Ich bin nicht allein. Da ist jemand bei mir.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45123Ich erschrecke immer wieder, wenn ich im Internet lese, was Menschen über Menschen schreiben. „Die sollen doch ertrinken!“ heißt es da zum Beispiel über Menschen, die übers Mittelmeer zu uns fliehen. Leute, die anders denken oder von anderen Kontinenten stammen, werden „Untermenschen“ oder „Ungeziefer“ genannt. „Kann weg“, schreiben dann manche, oder sogar „kann man vergasen.“ Solche Sätze sind mehr geworden. Rassistische und menschenverachtende Ansichten sind in Deutschland immer weiter verbreitet.
Mich erschreckt all das, es mir macht große Sorgen. Und zugleich bin ich froh darüber, wie viele Menschen sich für Menschenwürde und Mitgefühl in unserem Land engagieren. Auch in den Kirchen machen sich Menschen jetzt erst recht für Nächstenliebe und Empathie stark. Im Bistum Magdeburg zum Beispiel gibt es die Initiative „Bewusst wählen“. Sie ruft die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt auf, ihr Kreuz auf dem Wahlzettel nicht aus dem Bauch heraus oder nur als Protest gegen etwas zu setzen. Sondern sich bewusst zu überlegen: Was will ich unterstützen? Welches Menschenbild will ich wählen?
Es klingt ja fast banal und doch ist es heutzutage nicht mehr selbstverständlich: Das christliche Menschenbild sieht Menschenwürde und Menschenrechte für jeden Menschen vor. Nicht nur für Deutsche. Nicht nur für Europäer. Sondern für jeden Menschen auf dieser Erde. Schon, weil jeder Mensch Gottes Geschöpf und Gottes Ebenbild ist. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. So steht es auch am Anfang unseres Grundgesetzes.
„Ich habe Mitleid mit den Menschen!“ So spricht Gott in der Bibel oft. Und ich wünsche mir, dass wir das als Menschen auch wieder öfter sprechen. Dass auch im Internet öfter Sätze zu lesen sind wie: „Es tut mir leid, was dir passiert ist!“ oder „Ich hoffe, diese Menschen bekommen Hilfe!“ oder „Jeder Mensch hat Würde!“
Ich erschrecke immer wieder, wenn ich im Internet lese, was Menschen über Menschen schreiben. „Die sollen doch ertrinken!“ heißt es da zum Beispiel über Menschen, die übers Mittelmeer zu uns fliehen. Leute, die anders denken oder von anderen Kontinenten stammen, werden „Untermenschen“ oder „Ungeziefer“ genannt. „Kann weg“, schreiben dann manche, oder sogar „kann man vergasen.“ Solche Sätze sind mehr geworden. Rassistische und menschenverachtende Ansichten sind in Deutschland immer weiter verbreitet.
Mich erschreckt all das, es mir macht große Sorgen. Und zugleich bin ich froh darüber, wie viele Menschen sich für Menschenwürde und Mitgefühl in unserem Land engagieren. Auch in den Kirchen machen sich Menschen jetzt erst recht für Nächstenliebe und Empathie stark. Im Bistum Magdeburg zum Beispiel gibt es die Initiative „Bewusst wählen“. Sie ruft die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt auf, ihr Kreuz auf dem Wahlzettel nicht aus dem Bauch heraus oder nur als Protest gegen etwas zu setzen. Sondern sich bewusst zu überlegen: Was will ich unterstützen? Welches Menschenbild will ich wählen?
Es klingt ja fast banal und doch ist es heutzutage nicht mehr selbstverständlich: Das christliche Menschenbild sieht Menschenwürde und Menschenrechte für jeden Menschen vor. Nicht nur für Deutsche. Nicht nur für Europäer. Sondern für jeden Menschen auf dieser Erde. Schon, weil jeder Mensch Gottes Geschöpf und Gottes Ebenbild ist. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. So steht es auch am Anfang unseres Grundgesetzes.
„Ich habe Mitleid mit den Menschen!“ So spricht Gott in der Bibel oft. Und ich wünsche mir, dass wir das als Menschen auch wieder öfter sprechen. Dass auch im Internet öfter Sätze zu lesen sind wie: „Es tut mir leid, was dir passiert ist!“ oder „Ich hoffe, diese Menschen bekommen Hilfe!“ oder „Jeder Mensch hat Würde!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45129Kriegsflüchtlinge, die gab es schon immer. Meine Mama musste im Januar 1945 aus Oberschlesien fliehen, wie so viele andere, vor der Front und vor den Bomben. Mit viel Mut und Kraft haben es ihre Mutter, meine Oma, und die sechs Kinder geschafft, in Sicherheit zu gelangen, und sich am Main eine neue Heimat aufgebaut. Bis heute fliehen Millionen Menschen vor Krieg und Gewalt. Aber es gibt mittlerweile auch noch einen anderen wichtigen Grund, seine Heimat zu verlassen. Das ist die Klimakrise. Menschen verlassen unter großer Gefahr ihr Land, weil dort Dürren, Fluten oder Stürme ihre Lebensgrundlagen zerstört haben. Die UN-Flüchtlingshilfe meldet: Im letzten Jahrzehnt haben Wetterextreme zu 250 Millionen Vertreibungen geführt. Und die Klimakrise wiederum verstärkt auch die Kriegsgefahr: weil es immer mehr Konflikte um Wasser und Boden gibt.
Krieg und Klimakrise gehören also mittlerweile eng zusammen – und sie müssen auch zusammen überwunden werden. Deswegen passt es vielleicht ganz gut, dass heute zwei Dinge bei mir im Kalender stehen: Heute ist Antikriegstag – denn heute vor 87 Jahren hat mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begonnen. Und heute ist außerdem der Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung, mit dem beginnt die so genannte Schöpfungszeit. Das sind fünf Wochen, in denen die Kirchen dazu aufrufen, bewusster und schonender mit unserer Erde umzugehen.
Papst Leo hat zu diesem Tag heute eine Botschaft veröffentlicht. Darin ruft er auch zu beidem auf: zum Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung. Dieser Frieden und dieses Engagement beginnen im Innern des Menschen, sagt der Papst, und er schreibt: „Wir sind dazu aufgerufen, unsere Herzen erneuern zu lassen, damit wir den Frieden suchen und für die Schöpfung sorgen können.“ Ich will das heute und in den nächsten September-Wochen versuchen: Frieden zu fördern und zu leben, in mir selbst, mit den Menschen um mich herum und mit Gottes Schöpfung.
(Link-Tipp: Papstbotschaft zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung: www.vatican.va/content/leo-xiv/de/messages/creation/documents/20260815-messaggio-giornata-curacreato.html)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45128Der letzte Tag im August ist heute, und damit geht der Hochsommer zu Ende. Was war das für eine Hitze und Dürre in diesem Sommer! Ich hab mich in den letzten Monaten bei Stoßgebeten erwischt, die ich früher nie im Leben gesprochen hätte: Lieber Gott, bitte lass es regnen! Oder wenn es endlich mal unter 30 Grad hatte: Lieber Gott, danke für Wolken und Schatten! Früher, als Kind, fand ich Sommertage doof, an denen es regnete und kühl war. Und davon gab es in den 70ern und 80ern eine Menge. Ich erinnere mich gut daran, dass wir eben nicht ständig im Freibad sein konnten in den Sommerferien, sondern ich oft zuhause vor einem Buch oder dem Fernseher saß.
Dieses Jahr aber fiel der Regen extrem selten. Vorletzte Woche, als es endlich mal eine halbe Stunde lang kräftig geregnet hat, hab ich die Balkontür aufgemacht und das richtig genossen. Was für ein wunderbares Geräusch, dieses Prasseln, was für ein herrlicher Duft, diese Feuchtigkeit in der Luft! Ich hab mich auch gefreut für die Natur und für die Landwirtschaft. Der Regen ist schon in der Bibel ein Geschenk und ein Segen. Da heißt es zum Beispiel: „Gott gebe dir viel Regen und mache dein Land fruchtbar, Getreide und Wein sollst du im Überfluss ernten!“ (vgl. Genesis 27,28)
Dass es bei uns im Sommer immer weniger regnet – und wenn, dann oft viel zu viel, mit Hagel und Tornado: Das hat natürlich mit dem Klimawandel zu tun. Dieser heftig heiße Sommer hat mich dazu gebracht, noch mehr zu überlegen: Was kann ich fürs Klima tun? Wie kann ich dazu beitragen, die Schöpfung zu bewahren? Vielleicht, indem ich noch konsequenter Bio-Lebensmittel kaufe oder öffentliche Verkehrsmittel benutze. Ich hoffe und bete jedenfalls, dass es jetzt im September mehr regnet. Und dass es vor allem auch im nächsten Hochsommer etwas weniger Hitze und mehr Regen gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45126„Das darf jetzt nicht wahr sein“, bricht es am Telefon aus ihr heraus, ich hab gerade erst meinen Namen gesagt. „Du? Du rufst an?“ Gleich will ich mich verteidigen, äh, ja, die Zeit, es war immer was Anderes, aber ich hab endlich mal hören wollen, wie es dir geht… Das will ich in der Tat, denn Ariane ist eine Nette und sie sprudelt gleich weiter: „Du rufst heut morgen an, und gerade heute Nacht hab ich von Dir geträumt!“
„Echt?“ Ich kann´s kaum glauben, sie auch nicht.
Sie erzählt den Traum. Wir lachen. Und können nicht fassen, dass unser letzter Kontakt schon zwei Jahre her ist. Was hast du gemacht, wie geht’s deiner Familie … Als hätten wir erst gestern geredet. Wie früher, im Büro. „Weißt du eigentlich, wie sehr Du mich aufgebaut hast, damals?“, fragt sie. Ariane ist an eine andere Arbeitsstelle versetzt worden, ohne zu wissen, warum. „Ich hab gedacht, ich wäre zu nix mehr gut“.
„Unsinn, bei uns warst du genau richtig“, sage ich, „wie hätten wir das Projekt ohne dich geschafft?“ Sie hat sich superschnell eingearbeitet damals. „Du warst echt die Rettung“, lache ich. „Ach was“, sagt sie, „so gut bin ich nicht. Du hast mir einfach viel zugetraut, das war so ansteckend – du warst ein Engel für mich“. Als ich auflege, fühle ich mich echt beschwingt.
Du glaubst nicht, was du für mich getan hast. Wie oft ist das wohl so. Wie oft sind wir Engel füreinander, ohne es zu ahnen. Weil wir genau zur rechten Zeit da sind, weil wir anderen gut tun, einander unterstützen. Und manchmal fällt so ein Engel wirklich aus heiterem Himmel. Seit kurzem arbeiten Ariane und ich wieder zusammen. „Hättest du mir nicht was zu tun geben können, das ich wirklich kann?“, fragt sie neulich. Und das, nachdem sie sich einmal mehr fix in ein neues Projekt gewühlt hat. Ich lächle sie nur an. Und denke: Echte Engel merken oft nicht, dass sie welche sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45090„Mama, da ist ein Einhorn“, ruft eine helle Stimme neben mir am Tisch im Café. Das dazugehörige Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, schwingt ihre Flechtzöpfe und ist wahrlich aufgeregt. „Ein echtes Einhorn, guck doch mal!“ Und schon ist sie verschwunden, die Kleine. „Wer Augen hat zu sehen, der sehe“, heißt es in der Bibel. Aber manchmal trau ich meinen Augen nicht.
Ich sitze mitten in Speyer, auf der Maximilianstraße - und ein Mädchen samt Einhorn wird vermisst. Hab ich geträumt? Nein, denn die Mama ruft jetzt unter den Tisch: „Komm wieder hoch, Anne, was soll das…“ Mama redet weiter mit ihrer Freundin, versucht es zumindest. „Also guckst du jetzt oder nicht“, ruft die Stimme – noch immer unterm Tisch.
„Da ist kein Einhorn zu sehen“, lacht Mama „da unten siehste schon gar nix.“ „Doch, von hier musst du gucken, Mamaaa!“. Die aber will sich weiter unterhalten. Und zwinkert der Freundin zu: „Kinder, was die alles sehen.“ „Nur weil du nie richtig hinguckst“, motzt es von unten. „Na gut“ jetzt bückt sich Mama untern Tisch. „Guck, ganz da oben,“ die Tochter zeigt gen Himmel. „Ja, echt, da sitzt eins“, Mama ist verblüfft, „auf der Apotheke“.
Tatsächlich. Jetzt sehe ich’s auch. Zum ersten Mal. Hoch oben auf dem Giebel thront es: Das Einhorn. Ein Einhorn-Kopf zumindest. Eine Skulptur vor stahlblauem Himmel. „Siehste, Mama“, die Kleine kommt mit rotem Gesicht nach oben, „du glaubst mir oft nicht“. „Hast recht, Anne“, lacht Mama und umarmt sie, „du siehst oft was, was ich nicht seh´“. Tja, Kinder sind Augenöffner für so manche Dinge zwischen Himmel und Erde, denke ich. Und muss grinsen, denn ich weiß nun endlich, warum die Apotheke Einhorn-Apotheke heißt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45089Mit Mechthild Werner, guten Morgen. „Gott sei Dank.“ Das sagt sich so dahin. Aber was heißt das eigentlich? Ganz einfach: Nicht eben so dahinleben. Sondern bewusst und achtsam. „Drei Dinge, zum Dankesagen, jeden Tag“, meint die Theologin Dorothee Sölle. Ich habe drei.
Ein Moment in aller Frühe. Alle schlafen noch. Nur die Vögel im Garten üben Tonleitern. Ich öffne die Balkontür. Die Schwüle der Nacht drückt sich nach draußen. Die Wäsche auf dem Balkon riecht nach Spätsommer. Ich blinzle müde in den Himmel. Blassblau, weiß, wunderbar. Der Morgen sieht aus wie frischgewaschen. So fühlt sich Frieden an, denke ich. DANKE.
Dann – zweiter Moment - im Bad. Fast wäre ich auf ihn getreten. Auf den Fliesen vorm Waschbecken räkelt sich Kater Koschka. Kaum zu sehen, rotwuschlig sein Fell auf dem dunkelroten Stein. Er dreht sich wohlig auf den Rücken, maunzt, die Grünaugen sagen: streichle mich. Und schon als ich mich bücke, ein Schnurren. Den Bauch Richtung Fenster und Morgensonne. Unbeschwert, ganz im Moment. Wie früher, meine Sommertage auf der Wiese am See. Der Kater erinnert mich daran: Lebe! Ja, ich lebe. Gott sei DANK.
Als ich die Treppe runtergehe – dritter Moment - winkt sie aus der Türe: Gisela, unsere gute Seele im Haus, 92 Jahre alt. „Ich muss dir was erzählen“. Wie lange konnte sie nicht mal mehr stehen vor Schmerzen. Wie oft habe ich bei ihr am Klinikbett gesessen. Wie oft hat sie gemeint, ins Pflegeheim zu müssen. „Meine Enkelin in Frankreich ist schwanger. Ich krieg ein Urenkelchen…“, sagt sie heiser vor Aufregung, „Gott sei Dank geht´s mir besser, ich soll nach Paris, meinst du, ich schaffe das?“ „Aber ja“, sag ich. So glücklich und jung hat sie lange nicht ausgesehen. DANKE, Gott.
Drei Dinge, jeden Tag zum Danken. Das lässt sich versuchen. Vielleicht werden es sogar täglich mehr.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45088Vor kurzem bin ich in Stuttgart in der Innenstadt auf Parkplatzsuche gewesen. Ich habe – gegen jede Wahrscheinlichkeit – tatsächlich auch einen gefunden; und musste deswegen kurz meinen Glauben hinterfragen.
An dem Abend hatte ich eine Freundin von außerhalb besucht. Und als ich aufgebrochen bin, da habe ich noch gesagt: Jetzt kommt der schlimmste Teil des Abends: die Parkplatzsuche in Stuttgart. Da hat meine Freundin nur gegrinst und gemeint: Meine Oma hat, wenn sie mit ihren sieben Enkeln unterwegs war immer für einen freien Parkplatz gebetet. „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ heißt es in der Bibel, also hat sie das gemacht. Soll ich das für Dich jetzt auch machen? Dafür beten, dass du einen Parkplatz findest?
„Kann ja nicht schaden“ oder so etwas ähnliches habe ich beim Losfahren gemurmelt – obwohl ich eigentlich fest die Meinung vertrete, das Gebet so nicht funktioniert. Auch meinen Konfis oder in meinen Predigten am Sonntag sage ich das: dass das Gebet nicht einfach eine Wunschmaschine ist, die unser Leben leichter macht.
Ich bin also losgefahren, die Freundin hat für den Parkplatz gebetet – und tatsächlich: als ich in meine Heimatstraße eingebogen bin, war der perfekte Parkplatz frei, direkt vor meiner Haustür. Sonst suche ich um diese Uhrzeit schon einmal eine halbe Stunde.
Und trotzdem bleibe ich dabei: Gebete sind keine Wunscherfüller. Und ich glaube, dass so eine Gebetspraxis auch gefährlich ist. Weil man schnell an die Frage kommt: Wenn ich das nächste Mal keinen Parkplatz finde – habe ich dann nicht genug gebetet? Oder sonst etwas falsch gemacht? Dann hängt meine Beziehung zu Gott auf einmal davon ab, wie oft ich einen freien Parkplatz finde. Und es würde wichtige Fragen offenlassen: Warum kümmert sich Gott um freie Parkplätze für mich, aber nicht um zum Beispiel ausreichend Essen für Menschen, die auf der Straße leben?
Die Frage kann ich nun mal nicht beantworten - und werde gleichzeitig trotzdem für Menschen in Not oder Obdachlosigkeit beten – und manchmal auch für einen freien Parkplatz. Ich finde darin kommt ein Grundvertrauen zum Ausdruck, das mir und meiner Beziehung zu Gott guttut. Was Gott draus macht, das überlass ich ihm.
Zwei Tage später habe ich es noch einmal versucht. Wieder Parkplatzsuche, wieder ein kurzes Gebet. Diesmal ohne Erfolg. Ich bin lange um die Häuser gefahren. Seltsamerweise war ich danach nicht enttäuscht von Gott. Vielleicht brauchte einfach jemand anderes den Parkplatz dringender. Vielleicht auch nicht. Aber es tut mir gut, dass ich Gott sagen kann, was mich belastet. Und genau wie die Oma meiner Freundin nehme ich den Satz ernst: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“.
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