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Vor einigen Tagen musste ich an eine Geschichte denken. Die Geschichte von einem Süppchen. Ein berühmter christlicher Lehrer aus dem Mittelalter, Meister Eckhart, beschreibt darin einen Menschen, der ganz im Beten versunken ist. Offenbar ist dieser Mensch gerade dabei, ganz nah bei Gott zu sein. Aber genau in diesem Moment erfährt er von einem Freund, dass ein kranker Mensch seine Hilfe braucht, und zwar ganz praktisch: jemand muss ihm ein Süppchen kochen. Was soll dieser Mensch nun tun? Meister Eckhart lässt keinen Zweifel: er soll seine Gebete unterbrechen und dem Kranken helfen, was denn sonst? Gott geht ja nicht verloren, wenn man sich einem anderen Menschen zuwendet. Im Gegenteil: Gerade dort begegnet man ihm.
Mich berührt dieser Gedanke sehr. Oft stelle ich mir den Glauben als etwas Stilles vor, dass nur zwischen mir und Gott passiert. Beten, Nachdenken, zur Ruhe kommen. Ich kenne auch diese Situationen, wo ich endlich einen Moment für mich haben möchte. Und genau dann kommt mein Sohn um die Ecke und braucht mich oder ein Nachbar klingelt, weil er kurz mit mir sprechen möchte.
Die Zeit für mich allein bleibt wichtig, keine Frage. Jeder und jede braucht Auszeiten. Die Geschichte mit dem Süppchen erinnert mich jedoch daran, dass glauben nicht nur im stillen Kämmerlein geschieht. Sondern dass Christsein sich besonders darin zeigt, wie ich mit anderen Menschen umgehe, ganz konkret in meinem Alltag. Dort, in den kleinen Begegnungen mit meinen Mitmenschen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44565Neulich hatte ich eine Begegnung mit jungen Menschen aus einer sehr frommen Glaubensgemeinschaft aus Amerika. Die jungen Leute eröffneten das Gespräch mit einer Frage: „Was ist dein Lieblingsvers in der Bibel?“ Das kam überraschend. Ich musste kurz nachdenken. Dann aber fiel er mir ein: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“ Das ist der Anfang des 130. Psalms.
Nach der Begegnung habe ich darüber nachgedacht, warum mir dieser Vers eigentlich so wichtig ist. Zuerst weil er mich vertrauen lässt, dass Gott da ist und dass ich mich ihm zuwenden kann. Aber da ist noch mehr: Denn dort wird laut gerufen, nicht leise vor sich hin gebetet. Zu Gott kann ich rufen, ja sogar schreien. Manchmal ist mir wirklich danach, wenn ich an all die Grausamkeiten denke, die Menschen einander antun. Oder wenn mir klar wird, dass wir den Klimawandel wahrscheinlich nicht mehr aufhalten können. Das macht mich wütend, auch gegenüber Gott, und am liebsten möchte ich schreien: „Warum das alles? Hättest du uns Menschen nicht etwas weniger egoistisch erschaffen können?“
Solche Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Leere sind der Bibel nicht fremd. Zum Glück. Sie gehören offenbar dazu, wenn man gläubig ist. Ich finde es befreiend, dass ich manchmal auch meine Hoffnungslosigkeit zu Gott bringen kann. Das schützt mich davor, den Kopf in den Sand zu stecken und zuversichtlich zu blieben. Trotz allem!
„Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44564Letzte Woche hab ich meine Eltern in meiner alten Heimat besucht. Ich lebe schon seit Jahren nicht mehr dort. Meine Beziehungen zu den Menschen vor Ort gehen deshalb leider zurück. Das ist normal und geht vielen anderen genauso. Leider betrifft das manchmal aber auch Beziehungen zu richtig guten Freunden.
Einer meiner besten Freunde lebt – wie ich – längst nicht mehr dort. Wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen und nur einmal miteinander gesprochen. Immer mal wieder hatten wir versucht, uns zu treffen, aber irgendwie sollte es nicht sein. Wir hatten uns aus den Augen verloren.
Als ich letzte Woche bei meinen Eltern war, schrieb ich ihm spontan eine Nachricht: „Hey, wir sind mal wieder vor Ort. Seid ihr zufällig auch da?“ Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, aber es passte tatsächlich. Und so haben wir uns nach Jahren wieder getroffen. Bis weit nach Mitternacht saßen wir zusammen. Die Zeit hatte uns verändert. Wir sind nicht mehr dieselben Menschen wie damals – das haben wir schnell gemerkt. Und trotzdem entstand allmählich wieder ein Vertrauen, das wir von früher kannten. Wir haben locker Worte gewechselt. Haben gemeinsam gelacht und uns über unsere Familien ausgetauscht. Es war einfach wunderbar.
Der jüdische Philosoph Martin Buber hatte recht mit seinem Satz, dass alles wirkliche Leben Begegnung ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44563Vor ein paar Wochen habe ich ein Trauergespräch gehabt, das anders war als alle anderen. Der Mann, um den es ging, hat nämlich noch gelebt. „Ich möchte, dass Sie mich noch kennenlernen, solange ich lebe“, hat der Mann zu mir gesagt.
Er und seine Frau haben dann ganz bewusst über seinen Tod gesprochen. Aber vor allem vom Leben. Der Mann hat von seinem Weg berichtet und von seinem beruflichen Erfolg. Und ganz viel von den Menschen, die ihn geprägt haben. Er hat erzählt, was ihm im Leben gut gelungen ist, was ihn herausgefordert hat und wo es Schwierigkeiten gab. Wir haben öfter lachen müssen über manche Anekdote. Es war ein Gespräch voller Leben.
Am Ende hat er gesagt, dass zwei Worte für ihn wichtig sind im Rückblick auf sein Leben: Dankbarkeit und Demut. Nicht, weil alles perfekt gewesen wäre, sondern weil er erkannt hat, wie erfüllt sein Leben ist. Jeder Mensch ist mehr als sein Körper. Mehr als ein Datum. Was er geliebt hat, was er gegeben hat, was er anderen Menschen hinterlassen hat, verschwindet nicht. Beziehung bleibt - über den Tod hinaus. Das hat Jesus immer wieder deutlich gemacht.
Ein paar Tage später ist der Mann überraschend schnell gestorben. „Er konnte ganz leicht gehen“, hat mir seine Frau gesagt. Die Begegnung mit dem Mann hat mich noch lange beschäftigt. Dankbarkeit und Demut – das waren seine Worte am Ende. Mir hat das den Impuls gegeben, öfter mal unter diesen Aspekten auf mein eigenes Leben zu schauen. Für was oder für welche Menschen kann ich heute dankbar sein?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44562„Besitzen Sie eigentlich eine Marmeladendose?“, hat mich vor kurzem eine Frau nach dem Gottesdienst gefragt. Ich kenne die Frau aus unserer Gemeinde gut und habe mich über die Frage gewundert. „Ich möchte Ihnen eine Marmeladendose schenken“, hat die Frau da gesagt und mir eine kunstvoll gemachte Porzellandose mit Blumenmuster überreicht.
Die Frau hat dann erzählt: „Die Dose hat einmal einer jüdischen Lehrerin aus Lorsch gehört. Nach der Machtergreifung Hitlers durfte sie nicht mehr als Lehrerin tätig sein. Sie hat dann Obst und Gemüse angebaut, um Geld zu verdienen und Blumen. Die Blumen hat sie zu kleinen Sträußen gebunden und ist damit von Tür zu Tür gegangen, um sie den Leuten zu verkaufen. Viele hatten aber Angst, der Frau etwas abzukaufen. Sie fürchteten, angezeigt zu werden. Aber meine Großmutter hat immer ein Sträußchen gekauft, auch wenn sie nicht viel Geld hatte“, hat die Frau ganz stolz berichtet. „Und bestimmt hatte sie auch Angst vor den Nazis. Eines Tages ist dann die jüdische Frau mit der Marmeladendose an die Tür meiner Großmutter gekommen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier bin. Sie haben mir immer Blumen abgekauft. Dafür möchte ich mich bedanken“. „Seither“, so berichtete die Frau weiter, „ist die Dose in unserem Besitz“.
Die Marmeladendose mit ihrer Geschichte hat mich sehr berührt. Ich habe das Geschenk angenommen. Seitdem steht sie immer auf meinem Frühstückstisch. Ich schaue die Dose an wie einen großen Schatz und frage mich, was aus der jüdischen Frau geworden ist. Die Dose ist für mich aber auch zum Zeichen geworden, wie Menschen gut miteinander umgehen können. Sie erinnert mich an mutige Menschen wie die Großmutter der Frau, die aus ihrer christlichen Überzeugung heraus zutiefst menschlich gehandelt hat. Und sie erinnert mich daran, mich auch heute fair zu verhalten gegenüber jedem, dem ich begegne. Einfach menschlich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44561Vor ein paar Wochen musste ich mal wieder mit meinem Auto zum TÜV. Für mich ist das immer ein lästiger Termin. Ich muss warten, bis ich an der Reihe bin. Ich hoffe, dass das Auto die Prüfung besteht und ich die Plakette bekomme. Sonst muss ich in die Werkstatt und das Ganze geht von vorne los. „Und im schlimmsten Fall habe ich auch noch einen schlecht gelaunten Prüfer vor mir“, so habe ich vorher gedacht.
Aber dieses Mal war es ganz anders. Die Angestellte am Empfang hat mich ganz freundlich angelacht: „Herzlich willkommen, was kann ich für Sie tun?“ Ich habe ihr gesagt, warum ich da bin. „Es dauert noch einen kleinen Moment, aber Ihr Auto ist gleich dran“, hat sie gesagt. „Setzen Sie sich doch und nehmen Sie sich gerne einen Kaffee – er kostet nichts“.
Ich war echt platt über so viel Freundlichkeit. Als ich den duftenden Kaffee genossen habe, habe ich darüber nachgedacht, wie schön es wäre, wenn Menschen immer so miteinander umgehen würden. So hat es Jesus auch vorgelebt. Ich habe mich nicht wie eine Nummer gefühlt, sondern echt willkommen und wertgeschätzt.
Schnell bin ich aus meinen Gedanken gerissen worden: „Ihr Auto ist fertig. Bestanden!“, hat die Frau mir zugerufen. Bevor ich gegangen bin, habe ich mich bei ihr bedankt, dass sie so freundlich und zuvorkommend war. „Für uns hier ist das selbstverständlich“, hat sie gesagt. „Und außerdem haben Sie mich ja auch angelächelt, als Sie gekommen sind“.
Als ich mein Auto in Empfang genommen habe, ist die Frau noch einmal in die Halle rausgekommen. „Vielleicht können Sie uns eine positive Bewertung schreiben“, hat sie gemeint. „Klar“, habe ich ihr geantwortet, „es kann aber auch sein, dass ich einen kleinen Radiobeitrag von Ihnen mache“.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44560Auf dem großen Platz am Ingelheimer Rathaus stand im Mai ein langer Tisch. 30 Meter lang! Unser großer Esstisch zuhause ist ungefähr zwei Meter lang. 15mal unser Esstisch hintereinander – das ist eine eindrucksvolle Tafel! Menschen sind neugierig geworden, stehen geblieben, haben sich dazu gesetzt, sind ins Gespräch gekommen. Manchmal gab’s auch Musik am Tisch oder Interviews mit Leuten, die auf ungewöhnlichen Wegen nach Ingelheim gekommen sind. Und genau so war’s auch gedacht: Ein „Bunter Tisch der Vielfalt“.
Für mich war dieser Tisch noch mehr als nur eine Aktion in der Stadt. Für mich ist damit ein Stück Himmel auf die Erde geholt worden. Jesus erzählt einmal davon, dass es genau so sein wird, wenn Gottes Reich bei uns Wirklichkeit wird:
Aus Ost und West, aus Nord und Süd werden die Menschen kommen und in Gottes neuer Welt zu Tisch sitzen. (Lukas 13,29)
Was für ein Bild: Menschen aus allen Ländern dieser Erde sitzen gemeinsam an einem Tisch. Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Sprachen und Erfahrungen. Alle zu Gast bei Gott. Alle friedlich beisammen und interessiert aneinander.
Oft ist unsere Welt noch sehr weit entfernt von diesem wunderbaren Bild. Der „Bunte Tisch der Vielfalt“ hat auch nur für zwei Wochen auf dem Rathausplatz gestanden. Aber wie schön, dass es solche Hoffnungsorte gibt. Orte, an denen Frieden ganz niederschwellig beginnen kann. An denen nicht immer nur die zusammensitzen, die sich sonst auch begegnen. An denen jemand ein Stück zur Seite rückt und sagt: „Hier ist noch Platz.“, auch wenn er den anderen nicht kennt. Orte, an denen plötzlich Zeit und Raum ist, damit Menschen wirklich anfangen, sich kennen zu lernen.
Ich habe so jedenfalls mal wieder gemerkt, dass es sich lohnt, ein Stück zur Seite zu rücken und Platz zu machen für jemanden, der mir fremd ist. Dass mein Leben bunter und reicher wird durch neue Begegnungen. Manchmal beginnt Gottes Reich ganz unscheinbar an einem Tisch mitten in der Stadt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44533Ich habe eine Freundin in Ungarn. Ihr Sohn und meine Tochter sind fast genau gleich alt. Als sie klein waren, haben sie oft miteinander gespielt. Und einmal kam meine Tochter Paula wutentbrannt zu mir: „Der Janos hört nicht auf mich! Ich sag ihm, jetzt bin ich dran auf der Rutsche. Aber er hört einfach nicht auf mich!“ Janos spricht nur ungarisch. Paula nur deutsch. Er konnte sie gar nicht verstehen. Am Ende ist Paula handgreiflich geworden. Sie hat ihn von der Rutsche geschubst. Und dann waren beide beleidigt.
Meine Freundin und ich lachen noch heute miteinander über diese Geschichte. Aber sie fällt mir auch ein, wenn ich wieder mal feststelle, wie oft Menschen aneinander vorbeireden. Nicht nur, weil sie verschiedene Sprachen sprechen. Sondern weil sie unterschiedlich denken, fühlen und leben. Das passiert in der Familie. In der Politik. In der Kirche. Menschen reden und reden– aber manchmal erreichen sie einander einfach nicht. Und manchmal werden Worte dann hart und ungerecht. Oder Menschen reden gar nicht mehr miteinander. Oder werden sogar, wie meine Tochter, irgendwann handgreiflich.
Vor kurzem haben wir Pfingsten gefeiert. Und die Pfingstgeschichte erzählt davon, dass in Jerusalem Menschen aus aller Herren Länder zu einem großen Fest zusammenkommen. Alle sprechen unterschiedliche Sprachen. Keine gute Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis. Aber dann geschieht etwas Besonderes: Die Jünger Jesu erzählen begeistert von Gottes Liebe – und jeder, der ihnen zuhört, spürt diese Liebe.
Ich finde das bemerkenswert: Gottes Geist verbindet Menschen nicht dadurch, dass alle gleich werden. Sondern dadurch, dass Menschen einander verstehen wollen und so Brücken zueinander finden. Da wird dann aus „Der hört nicht auf mich!“ ein „Ich versuche dich zu verstehen.“ In einer Welt voller Stimmen, Sprachen und Meinungen, brauchen wir diesen Geist, der uns hilft, nicht gleich ungeduldig zu werden. Sondern kurz innezuhalten. Hinzuhören. Und einander verstehen zu wollen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44532Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Fahrradfahren gelernt habe. Ich war vier, mächtig stolz und überzeugt: Ich kann das jetzt. Genauso wie meine große Schwester. Deshalb habe ich gedrängelt, dass die Stützräder endlich weggemacht werden. An einem Samstagvormittag war es dann so weit: Mein Vater hat die Stützräder abgeschraubt, und ich habe mich voller Stolz auf mein orangerotes Fahrrad gesetzt. Und – bin umgefallen. Ich musste lernen, dass so ein Fahrrad mit seinen zwei schmalen Reifen erst stabil wird, wenn man losfährt. Meinen Vater hat das viel Mühe gekostet. Denn er musste bei meinen weiteren Fahrversuchen die ganze Zeit hinterherrennen und mich am Sattel festhalten. Irgendwann hat er einfach losgelassen. Und das Wunder ist passiert: Ich bin mühelos weitergefahren.
Ich habe gemerkt: Es trägt. Ich komme vorwärts. Es funktioniert tatsächlich.
Ich finde, dass Fahrradfahren und Glauben da eine ganze Menge gemeinsam haben.
Manchmal sagt jemand zu mir: „Ich kann erst an Gott glauben, wenn ich Beweise habe, dass es ihn gibt.“ Aber vom Fahrradfahren weiß ich: Auch der Glaube funktioniert gar nicht so, dass erst alle Zweifel verschwinden und man dann sicher losglauben kann.
Ich erlebe: Beim Glauben ist es wie beim Fahrradfahren: Ich muss einfach mal loslegen. Obwohl ich nicht alles weiß. Sonst komme ich nicht vom Fleck. Vielleicht ein Gebet sprechen, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es jemand hört. Vertrauen wagen, Schritt für Schritt. Die Stabilität kommt dann unterwegs. Dass mein Glaube mich trägt, das habe ich oft erst mitten im Leben gemerkt.
Heute, am 3. Juni, ist der „Tag des Fahrradfahrens“. Ein Tag für etwas, das viele jeden Tag wie selbstverständlich tun. Trotzdem ist Fahrradfahren für mich ein kleines Wunder geblieben: Denn man bleibt nur im Gleichgewicht, wenn man sich bewegt. Und genauso erlebe ich meinen Glauben: nicht als fertige Sicherheit, sondern als Vertrauen auf dem Weg. Einfach losfahren — und irgendwann überrascht feststellen: Ich werde getragen. Wie wunderbar!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44531Ein Marienkäfer landet auf meinem Arm. Und natürlich zähle ich sofort seine Punkte. Sieben Stück. Volle Punktzahl! Schutz und Segen für den ganzen Tag – so habe ich das jedenfalls von meiner Oma gelernt.
Und sofort sind sie wieder da, meine Erinnerungen aus der Kindheit: Mit meinen Freundinnen und Freunden habe ich Nachmittage lang Marienkäfer in den Wiesen gesammelt. Zu Hause, in meinem Sandkasten, haben wir den kleinen Käfern dann Wohnlandschaften gebaut. Haben Marienkäfer-Häuser eingerichtet und dafür mit Gras und Moos winzige Sandmulden ausgepolstert. Und Verbindungsstraßen gebaut zwischen den einzelnen Häusern, damit sie sich gegenseitig besuchen können. Die Marienkäfer sollten sich bei uns wohlfühlen. Wir wollten sie unbedingt behalten, weil sie doch Glück bringen. Aber am nächsten Morgen waren sie immer verschwunden. Davongeflogen.
Eigentlich seltsam, dass ich mir nie die Frage gestellt habe, warum sie überhaupt Marienkäfer heißen?
Sie haben ihren Namen tatsächlich von Maria, der Mutter Jesu. Im Mittelalter haben sie ihren Namen bekommen: „Tiere der Maria“. Denn Marienkäfer fressen Blattläuse und haben damit so manche Ernte gerettet. So sind sie zum Zeichen geworden für Schutz und Gottes Fürsorge. Zu einem Glückszeichen.
So ein Glückszeichen tut mir auch heute gut. Etwas landet genau im richtigen Augenblick auf meinem Arm, kreuzt meinen Weg, lässt mich aufmerken. So ist es mir jedenfalls mit diesem kleinen Marienkäfer gegangen. Ich sehe ihn nicht als Zauberwesen. Aber vielleicht als liebevollen Fingerzeig. Als würde Gott sagen: „Hey du, ich bin da!“
Festhalten kann ich diesen Glücksmoment nicht. Marienkäfer nicht. Segen nicht. Gottes Nähe manchmal auch nicht. Aber ich kann sie spüren. Für einen Augenblick. Und vielleicht reicht das schon, um glücklicher weiterzugehen.
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