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Seit einigen Jahren habe ich eine Seelsorgerin. Ich spreche regelmäßig mit ihr über mein Leben, meinen Beruf und viel über meinen Glauben. Und es tut mir gut, die unterschiedlichen Fäden meines Lebens zu sortieren und manchmal auch zu entwirren, wenn sich etwas verknotet hat.
Von meiner Seelsorgerin habe ich ein Bild geschenkt bekommen. Gemalt hat es die englische Künstlerin Rachel Noel. Maria ist darauf zu sehen wie sie Knoten aus zahlreichen bunten Fäden entwirrt. Und auf den einzelnen verknoteten Fäden stehen Worte wie: Ärger, Angst, Freude, Liebe, Verletzlichkeit, Einsamkeit, Hoffnung. Und dann stehen da noch Fragen: Bin ich gut genug? Kann ich vertrauen? Wie das eben manchmal so ist im Leben. Besonders, wenn es mir zu viel wird und ich die einzelnen Fäden meines Lebens nicht mehr auseinanderbekomme. Wenn sie sich miteinander und in meinem Herzen verknotet haben zu Fragen wie diesen: Kann ich noch hoffen angesichts der Kriege in der Welt? Wo bleibe ich mit meiner Verletzlichkeit? Wo lasse ich meinen Ärger über die Ungerechtigkeit?
Die Maria auf dem Bild strahlt eine freundliche Ruhe aus. Sie entknotet geduldig all diese Fäden. Und sie verwandelt damit die Worte und Fragen in Zusagen: Auf den entknoteten Fäden stehen Worte aus der Bibel: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen! Du bist wunderbar gemacht! Ich werde ihr Elend in Lob verwandeln! Friede über alle Vernunft!
Oft sitze ich inzwischen vor dem Bild, werde still und lasse mich von Maria, der Knotenlöserin, berühren und bete: Entwirre mich. Zeige mir die Schönheit meiner Lebensfäden. Lass sie wehen im Glanz deines Lichtes, zur Ruhe kommen in dir Und heute denke ich dabei an die vielen christlichen Kirchen, die Mariä Himmelfahrt feiern. Für mich ist Maria mehr als eine Gestalt aus vergangenen Zeiten. Sie ist zu einer Begleiterin im Glauben und eine weibliche Verbündete auf meinem Weg durchs Leben geworden. Eine, die geduldig Knoten löst, und Hoffnung wachsen lässt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44936„Ich habe lange an meinem Hass festgehalten, doch mit Hass kann es keinen Frieden geben.“ Das sagt Laila. Wir haben sie und ihren Kollegen Ofer in der Nähe von Bethlehem getroffen. Seit Jahren setzen sich die beiden mutig für den Frieden ein trotz ihres erfahrenen Leids. Laila erzählt von ihrem Sohn. Vor vielen Jahren, als er gerade 6 Monate alt war, gab es einen Angriff israelischer Soldaten auf ihr Dorf. Ihr Sohn brauchte dringend ärztliche Hilfe. Doch die israelischen Soldaten ließen die Familie zuerst nicht durch ins Krankenhaus. So verging zu viel Zeit. Als sie schließlich im Krankenhaus angekommen waren, kam die Hilfe zu spät und ihr Sohn ist gestorben. Nach dem Tod ihres Sohnes spürte sie in sich einen großen Hass und der galt allen Israelis. Doch in der ersten Nacht nach seinem Tod, hatte Laila auch einen Traum: Ihr Sohn hat sie besucht und auf seiner Schulter saß eine weiße Taube.
Ofer erzählt uns von seinem Bruder. Der hatte gerade seinen Militärdienst begonnen, als er durch einen palästinensischen Terroranschlag ermordet worden ist. Ofer erinnert sich noch immer sehr schmerzvoll an diesen Tag zurück. Als die Polizei an der Tür geklingelt hat und er kurze Zeit später seine Eltern so verzweifelt hat weinen hören, wie noch nie vorher. Und auch Ofer kannte den Hass.
Doch beide haben ihn hinter sich gelassen und engagieren sich seit vielen Jahren für Versöhnung und Frieden. In ihrer Organisation kommen Israelis und Palästinenser zusammen, die jeweils durch die andere Seite Familienangehörige verloren haben. Und nur so kann es gehen, da sind beide überzeugt, dass man seine Leidensgeschichten teilt und Empathie hat für die anderen.
„Ich liebe meine Leute“, erzählt uns Ofer, „aber die Politik dient nicht dem Frieden.“ Und Laila ergänzt: „Es geht nicht darum für Israel oder für Palästina zu sein, es geht darum, für den Frieden zu sein. Und ihren Traum von damals sieht sie heute als Auftrag Gottes, sich mit all ihrer Kraft dafür einzusetzen.
Laila und Ofer haben mir wieder Hoffnung geschenkt und ich glaube: Frieden ist möglich, weil es Menschen gibt wie diese beiden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44935Wenn ich mit mehreren Menschen an einem Tisch zum Essen sitze, achte ich darauf am linken Tischende zu sitzen. Ich bin Linkshänderin und Suppe löffeln mit der rechten Hand, das kann ich gar nicht. Und dann wird es neben einer Rechtshänderin in der Tischmitte schon mal eng.
Heute ist Weltlinkshändertag. Ich bin 1972 geboren und im Kindergarten haben die Erzieherinnen nur kurz versucht mich auf die rechte Hand umzutrainieren. Schnell haben sie es aufgegeben, denn meine linke Hand ist stark und ich habe mich auch geweigert, wie gut. In der Grundschule habe ich schnell gelernt, wie ich mit dem Füller schreiben kann, ohne alles zu verwischen. Kopfnüsse von einem sehr alten Lehrer gab es dennoch. Meine Schrift sei gar nicht schön und das hat er mich auch spüren lassen. Meine Eltern haben mich in meinem Linkshänderin-Sein sehr unterstützt. Sie waren selbst Linkshänder, wurden in ihrer Kindheit noch umerzogen und haben darunter gelitten.
Den Weltlinkshändertag gibt es seit 1976. Der US-Amerikaner Dean Campbell hat ihn damals eingeführt, um auf uns Linkshänder aufmerksam zu machen. Was heute selbstverständlich ist, nämlich dass Menschen mit links schreiben und die linke Hand im Alltag bevorzugt nutzen, galt lange als schlecht. Daran hat auch eine Geschichte aus der Bibel Anteil. In der Erzählung vom Weltgericht werden Menschen am Ende ihres Lebens nach ihren Taten beurteilt. Wer anderen mit Liebe begegnet, der kommt auf die rechte Seite von Christus. Und die wird als gut bezeichnet. Wer lieblos gelebt hat, der kommt auf die linke Seite. Und die ist schlecht. Liebe zu verschenken, solange man lebt, das ist immer gut und richtig! Aber mit der Erzählung vom Weltgericht wurde Menschen über Jahrhunderte hinweg Angst gemacht und das ist falsch und passt nicht zu einem Gott, der die Liebe ist. Und noch dazu diese Geschichte als Begründung zu benutzen, dass die linke Hand minderwertiges und schlecht ist, das ist wirklich unsinnig.
Heute dürfen Kinder mit der Hand schreiben, die für sie die Richtige ist. Gerade in der ersten Schulwoche ist es gut, daran noch einmal zu erinnern.
Und am Ende zählt nicht, welche Hand wir benutzen. Entscheidend ist, was wir mit unseren Händen tun – Sie ausstrecken und anderen die Hand reichen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44934Im Seniorenheim ist Stau. Immer nach dem Gottesdienst, den wir freitags nachmittags im großen Speisesaal feiern, ist Stau auf dem Flur. Denn nach der Schlussmusik wollen die ungefähr 30 Seniorinnen und Senioren zurück in ihre Zimmer. Natürlich alle gleichzeitig. Ehrenamtlich Helfende und Pflegekräfte kommen, um den Senioren behilflich zu sein. Weil ich noch mit einer Frau spreche, komme ich etwas später als sonst raus auf den Flur. Die Musikerin und ich müssen immer noch weiter zum nächsten Gottesdienst. Vor mir auf dem Flur ist schon die lange Schlange aus Rollatoren, Rollstühlen, langsam gehenden Senioren und Pflegekräften. Ich weiß nicht recht, wie ich vorbeikommen soll und schaue mich um.
Eine Seniorin ganz hinten in der Schlange sagt: „Das ist der Stau am Aufzug. Ist immer so nach dem Gottesdienst, wissen Sie ja!“ Und dann sagt sie zu ihrer Nachbarin, die auch schon auf ihrem Rollator Platz genommen hat, um zu warten: „Aber macht nix, wir stellen uns einfach vor, wir stehen im Stau am Brenner und sind auf dem Weg nach Italien!“ Die Nachbarin lacht und macht eine Bewegung mit der Hand als würde sie mit ihr mit einem Glas anstoßen. Ein Mann von weiter vorn ruft: „Ja, genau, wie früher am Brenner! Blockabfertigung!“
Was dann passiert, ist ein munteres Gespräch über Urlaubserinnerungen im Käfer mit vier Personen und Zelt nach Italien, auch über die erste Flugreise oder an die Ostsee mit den Enkeln. Als ich die Gruppe überhole, ist es längst eine Reisegruppe, die in Urlaubserinnerungen schwelgt.
Oft fehlen mir im Seniorenheim gute Worte, wenn ich bemerke oder höre, dass das Leben schwer geworden ist. Dann suche ich nach Bildern oder wie ich gute Erinnerungen ins Gedächtnis bringen kann. Aber Leichtigkeit lässt sich nicht abrufen. Oder das Erinnern löst eher Schmerzhaftes aus, das Menschen ins Grübeln bringt.
Aber dann und wann bricht sich Leichtigkeit lachend Bahn. Sie wohnt offenbar doch in der Erinnerung und irgendwie in der Seele. Und alles Schwere kann sie nicht ganz verdecken.
Und abends im Stau an einer kaputten Ampel denke ich wieder dran: Ach, ich stell mir einfach vor, ich steh am Brenner und bin auf dem Weg nach Italien.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44940Sophie kommt heute in die 5te Klasse. Sie ist seit fünf Uhr wach. Nebenan hört sie ihre Mutter das Frühstück machen, sie ist auch viel früher wach als sonst. Sophie mag diese Tage nicht, an denen alles anders ist: Eine neue Schule, alles wird ungewohnt sein. Ein bisschen neugierig ist sie schon auch. Ach, wenn sie sich bloß schon auskennen würde mit allem! Sophie seufzt, steht auf und sucht ihre Lieblingssneaker. Die sehen ziemlich ausgelatscht aus, aber heute ist wichtiger, dass sich alles normal anfühlt als dass die Schuhe gut aussehen.
Sophies Mutter ist auch schon früh wach gewesen. Sie muss über sich selbst lächeln. Diese gespannte Aufregung als würde sie selbst die Schule wechseln. Sie ist immer so gern zur Schule gegangen. Vor allem an ihre Abi-Zeit hat sie Erinnerungen als sei’s gestern gewesen – mit Freunden, die ihr heute noch wichtig sind.
Malik schläft noch, sein Wecker klingelt gleich. Er wird der Englischlehrer von Sophie. Bisher ist sie nur ein Name auf seiner Klassenliste. Die Mappe mit den Listen steckt schon in seiner Fahrradtasche. Schon in ein paar Wochen wird er all diese Namen mit Gesichtern verbinden. Er glaubt immer kaum, dass ihm das gelingen wird, wenn er die Listen ausdruckt.
Diese drei – und noch viel mehr – starten gemeinsam in diesen Tagen ins neue Schuljahr und werden einander im besten Fall zum Segen. Es ist diese eigentümliche Weggemeinschaft auf Zeit. Man sucht einander ja nicht aus, kann den Englisch-Lehrer nicht wählen und kann sich als Lehrer seine Schülerinnen und Schüler nicht aussuchen. Und erst recht liegt es nicht nur an einem selbst, ob die Schulzeit eine wird, in der man Ermutigung erfährt, eigene Talente entdeckt und Freunde findet. Oder ob man herausgefordert sein wird, viel wird aushalten müssen oder kleinlaut sein wird.
Und dennoch sind es genau solche Weggemeinschaften - in denen alle ihre Geschichten mitbringen, ihre Erfahrungen, Befürchtungen und genau deshalb ihre Achtsamkeit -, denen zugetraut wird, dass sie füreinander gut sein können.
Jetzt gerade schlüpfen alle in ihre Schuhe und gehen los. Und wissen noch gar nicht, dass sie vielleicht für mindestens einen anderen zum Segen werden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44939Peter ist Hausmeister. Schon sein halbes Arbeitsleben lang arbeitet er an der Grundschule in seinem Wohnort. Und jedes Mal am ersten Schultag nach den großen Ferien, da ist es für ihn am wichtigsten, der Erste in der Schule zu sein. Und wenn die ersten Lehrerinnen und Lehrer kommen - und erst recht die Schülerinnen und Schüler! dann steht er wie beiläufig im Hof oder hinter der großen Eingangstür als hätte er dort etwas zu reparieren oder zu werkeln. Sein Gesicht ist eine Spur feierlicher als sonst und er schaut sie etwas länger an.
Bei vielen der Schülerinnen und Schülern denkt er: Mensch, bist du groß geworden, kann doch nicht sein in sechs Wochen! Aber er sagt nichts, Worte sind nicht so seine Sache. Er winkt, klatscht ab und grüßt kurz.
Er kennt viele seiner Leute ziemlich genau: Die Schülerin, die ganz langsam kommt. Weil sie’s schwer hat, wieder in den Rhythmus aus Frühaufstehen, Sitzen und Lernen zu finden. Wie gut hat sie das im ersten Schuljahr geschafft, jetzt kommt das zweite. Sie lacht ihn an.
Er kennt auch den, der zusammen mit seinem besten Freund kommt, sie haben die Arme beim Gehen einander um die Schultern gelegt, kommen mit den Armen kaum rum um die großen Ranzen. Ein Glück, denkt Peter, dass sie sich haben.
Er kennt auch die Lehrerinnen und Lehrer, denen es doch manchmal ganz genauso geht mit dem Früh-Aufstehen, dem Rhythmus und mit der Vorfreude.
Peter liebt den ersten Tag nach den Ferien.
Manchmal stellen wir uns Segen mit sehr feierlichen Gesten vor. Das ist ja oft auch wichtig, um den Segen zu unterscheiden von guten Wünschen. Segen kommt von Gott.
Dann und wann, denke ich, ist Segen aber ganz leise. Und man weiß gar nicht, dass man gesegnet wird: Von Peter, dem Hausmeister mit seinen guten Gedanken.
Und es gibt noch andere, die still segnen: Die Mama, die extra nicht mit aus dem Auto aussteigt als sie ihren Drittklässler zur Schule bringt. Er kennt sich schon aus mit der Schule und es ist uncool, wenn die Mama mitgeht. Sie legt ihn Gott ans Herz. Nicht weil sie Sorge hat, sondern weil sie ihn liebt.
Oder die Lehrerin, die kurz ihrer Kollegin auf die Schulter klopft und sagt: Los geht’s, das Schuljahr wartet auf uns. Es wird gut werden.
Guten Montag allen in diesem neuen Schuljahr!
„Wer kommt jetzt?“, fragt die Bedienung in der Bäckerei.
„Ich hätt gerne von den Brötchen“, meldet sich die Dame vor mir.
„Welche denn“?
„Von den........“. Die Dame wedelt mit der Hand.
„Meinen Sie die Dreikorn?“, fragt die Bedienung.
„Nein“, die ......“. Die Dame wedelt wieder mit der Hand.
„Die Roggen?“
„Ei nee. Die, die ich immer hab ...“
„Meinen Sie die Wasserweck?“
„Nein, gucken Se mo do ...“. Die Dame macht zwei Schritte nach links und wedelt mit der Hand.
„Ah, Sie meinen die Ciabatta ...“.
„Nee, die annere“. Die Dame schaut und sagt dann: „Ach, die hann se heut garnet“.
Sie geht wieder zwei Schritte nach rechts.
„Dann geben sie mir drei Doppelweck“, sagt sie.
„Die sind all“, sagt die Bedienung, „aber da hätte mer noch die mit Haferflocken“.
„Nee die net, awwer ... ach. do sinn se jo,“ sagt die Dame und wedelt wieder mit der Hand.
„Davon drei Stück“.
„Drei Stück?“, fragt die Bedienung.
„Jo drei, oder machen se vier. Ach nee, machen se drei.“
Und ich stehe hinten dran, höre zu und richte ein Stoßgebet zum Himmel: Danke, lieber Gott für all die freundlichen Bedienungen an den Theken. Die es jeden Tag zu tun haben mit Geduldigen und Ungeduldigen, mit Organisierten und Unorganisierten, mit Entschlossenen und Zweiflern, mit Kleingeld-Suchenden und denen, die ihre App nicht finden und und und ... Na ja, vielleicht bete ich nicht direkt. Aber drüber nachgedacht habe ich. Und darüber, welches Brot ich jetzt gleich, wenn ich an der Reihe bin, laut, deutlich und unmissverständlich bestelle.
„Wer kommt jetzt?“, fragt die Bedienung in der Bäckerei.
„Ich hätt gerne von den Brötchen“, meldet sich die Dame vor mir.
„Welche denn“?
„Von den........“. Die Dame wedelt mit der Hand.
„Meinen Sie die Dreikorn?“, fragt die Bedienung.
„Nein“, die ......“. Die Dame wedelt wieder mit der Hand.
„Die Roggen?“
„Ei nee. Die, die ich immer hab ...“
„Meinen Sie die Wasserweck?“
„Nein, gucken Se mo do ...“. Die Dame macht zwei Schritte nach links und wedelt mit der Hand.
„Ah, Sie meinen die Ciabatta ...“.
„Nee, die annere“. Die Dame schaut und sagt dann: „Ach, die hann se heut garnet“.
Sie geht wieder zwei Schritte nach rechts.
„Dann geben sie mir drei Doppelweck“, sagt sie.
„Die sind all“, sagt die Bedienung, „aber da hätte mer noch die mit Haferflocken“.
„Nee die net, awwer ... ach. do sinn se jo,“ sagt die Dame und wedelt wieder mit der Hand.
„Davon drei Stück“.
„Drei Stück?“, fragt die Bedienung.
„Jo drei, oder machen se vier. Ach nee, machen se drei.“
Und ich stehe hinten dran, höre zu und richte ein Stoßgebet zum Himmel: Danke, lieber Gott für all die freundlichen Bedienungen an den Theken. Die es jeden Tag zu tun haben mit Geduldigen und Ungeduldigen, mit Organisierten und Unorganisierten, mit Entschlossenen und Zweiflern, mit Kleingeld-Suchenden und denen, die ihre App nicht finden und und und ... Na ja, vielleicht bete ich nicht direkt. Aber drüber nachgedacht habe ich. Und darüber, welches Brot ich jetzt gleich, wenn ich an der Reihe bin, laut, deutlich und unmissverständlich bestelle.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44799Als ich Kind war, wollte ich – so wie viele Jungs - Lokomotivführer werden. Zu interessant und imponierend waren die rauchenden Dampfloks, die bei uns direkt hinter dem Haus am Bahnhof hielten. Dann wollte ich mal unser Briefträger sein, der kam an jedes Haus und trug eine Uniform. Oder mein Vater und mein Patenonkel, die waren Polizisten, das hat mich schwer beeindruckt. Später wollte ich so singen wie John Lennon, Gitarre spielen wie Carlos Santana. Und aussehen wollte ich am liebsten so wie David Cassidy von der Partridge Family im Fernsehen – die Älteren erinnern sich. Dann hätte ich vermutlich mehr Erfolg bei den Mädchen gehabt. Mit meinem Äußeren – lang, dünn und Brille – war das nicht so der Brüller. Alles Mögliche wollte ich sein, in viele Richtungen habe ich geschaut – nur wo ich wirklich hinwollte, das wusste ich lange nicht. Wenn ich so zurückschaue, hat es ziemlich lange gedauert, bis ich bei mir selbst angekommen bin. Das hat viel mit Familie zu tun, mit der Liebe zu den Kindern und jetzt auch zu den Enkeln. Da hat zu tun mit Anerkennung im Beruf, mit der Liebe zu dem, was ich mir als Beruf ausgesucht habe. Das hat damit zu tun, dass Menschen mich mögen, einfach so wie ich bin. Und an dieser Stelle kommt für mich auch Gott ins Spiel, denn der nimmt mich auch so, wie ich bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Erst vor kurzem, bei der Beerdigung eines Verwandten, da hat er mich wieder angerührt. Als der Pfarrer den bekannten Vers des Propheten Jesaja zitiert hat: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, / ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ (Jes 43,1). Und zwar genau so wie ich bin, nicht mehr und nicht weniger. Und das ist gut so.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44798Ein Vogel hat Konrad Adenauer auf den Kopf geschissen. Und ich kann nicht anders: ich nehme ein Taschentuch, mach es nass mit Wasser aus meiner Trinkflasche und wisch ihm den Dreck von der Stirn. Denn der Ort, an dem ich stehe, macht mich ehrfürchtig und dankbar. Es ist das ehemalige Wohnhaus von Robert Schuman, dem französischen Politiker. Das Haus in der Nähe von Metz ist heute ein Museum. Und davor, auf der anderen Straßenseite, steht eine Figurengruppe, vier Personen, lebensgroß. Robert Schuman war 1950 Außenminister in Frankreich. Konrad Adenauer deutscher Bundeskanzler, Alcide de Gasperi Ministerpräsident in Italien und der Unternehmer Jean Monnet. Sie gelten als die Gründerväter Europas. Sie dachten darüber nach, wie man dem zerrissenen Kontinent nach dem 2. Weltkrieg den Frieden sichern könnte und entwickelten die Idee einer Wirtschaftsunion. Dass daraus die EU mit ihren heute 27 Mitgliedsstaaten werden würde, konnten sie sich wohl im Traum nicht vorstellen. Und wer heute über die EU und ihre Bürokratie schimpft, in ihr den Sündenbock für alles findet, was nicht rund läuft oder sogar über Austritt nachdenkt, der sollte erst einmal hierherkommen und den Geist kennen lernen, aus dem die Idee Europa geboren wurde. Und lernen von den vier überzeugten Demokraten – die übrigens auch überzeugte Christen waren- die hier als Denkmal stehen. Und dann lassen sie sich Europa bitte nicht madig machen. Denn Europa ist vor allem anderen die größte Friedensbewegung in der Geschichte der Menschheit. Daran will ich besonders heute erinnern, am 6. August, dem Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Und auch deshalb habe ich Konrad Adenauer die Stirn sauber gewischt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44797Freundschaften entwickeln sich. Ich finde das interessant zu beobachten: Manchmal sind Freundschaften viel Arbeit, manchmal sind sie schmerzhaft, oft sind sie einfach lustig und schön. Manche Freundschaften enden mit großem Drama. Manchmal verlaufen sie sich einfach. Manchmal halten sie ein Leben lang.
Auf dem Gymnasium war ich eng mit Katja befreundet. Wir waren beide Messdienerinnen. Ich erinnere mich, dass ich bei ihr lange Zeit immer nur auf der Haustürtreppe stand und wir uns dort unterhalten haben. Es hat gedauert, bis ich auch ins Haus durfte. Besonders in der Oberstufe waren wir eng befreundet und nach dem Abi sind wir sogar zusammen nach Irland gereist. Erst als wir beide studiert haben, haben wir uns etwas aus den Augen verloren. Und so hatten wir in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr, außer wir liefen uns in meinem Heimatort über die Füße.
Vor einigen Wochen habe ich mit ihr eine ganz besondere Begegnung gehabt. Meine Mutter ist gestorben. Als ich nach dem Beerdigungsgottesdienst aus der Kirche komme, um auf den Friedhof zu gehen, entdecke ich Katja draußen. Unsere Blicke treffen sich. Sie nickt mir zu. Auf dem Friedhof sehe ich sie wieder, aber auch da reden wir nicht.
Sie da zu sehen, ist ungemein wichtig für mich. Trotz all der Jahre, in denen wir kaum Kontakt hatten, gibt es mir Halt in der Situation, dass sie einfach da ist. Halt in der Situation, die nur schwer auszuhalten ist.
Erst beim Sechswochenamt sprechen wir kurz miteinander. Ich sage ihr wie froh ich darüber bin, dass sie da war. Sie sagt: „Das ist selbstverständlich.“ Das finde ich nicht. Für mich war es ganz besonders. Sie war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ich fühlte mich nach all den Jahren mit ihr verbunden – und das ganz ohne Worte. Sie war in dieser schwierigen Situation ein Segen für mich.
Und womöglich ist das eine ganz besondere Form von Freundschaft, wenn man zum Segen füreinander wird.
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