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21MAI2026
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„Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ - so heißt eines der wunderbaren Bücher von Joachim Meyerhoff. „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war?“ Dieser Satz beschreibt treffsicher, wie sehr die Erinnerung die Vergangenheit oft schönfärbt. Manchmal verdrängt sie sogar schlimme Erfahrungen aus dem Gedächtnis.

Das habe ich auch gemerkt, als ich mit meiner Schwiegermutter am Küchentisch sitze; sie blättert in der Zeitung. Sie ist 95 Jahre alt und noch immer am Weltgeschehen interessiert. Jetzt schüttelt sie den Kopf über all die Bilder von Krieg und Zerstörung und sagt:

„Ach, die Welt wird immer schlechter!“
„Weißt du, was mich wundert?“ frage ich sie. „Wie jemand aus deiner Generation das sagen kann: Die Welt wird immer schlechter.“
Sie sieht überrascht auf. „Warum?“ fragt sie.
„Weil du und deine Generation ja nun wirklich in der schlimmsten aller Welten großgeworden seid.“

Sie sieht mich verständnislos an.
„Ja, weiß du denn nicht mehr? Als du ein Kind warst, kam Hitler and die Macht. Und als du ein junges Mädchen warst, sind hier in diesem Land Millionen von Menschen systematisch ermordet worden. Menschen, die nichts getan haben, außer, dass sie sich gerade so gut als Sündenböcke geeignet haben.
Und du hast diesen unsäglichen Krieg miterlebt, den Hunger, die Zerstörung, die Vertriebenen, die Millionen von Toten...“ 
„Ja, das stimmt“, sagt sie und wirkt plötzlich sehr nachdenklich. „Daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.“

„Und würdest du jetzt immer noch sagen: Die Welt wird immer schlechter?“
Sie überlegt einen Augenblick.
„Ja, wenn man sie mit der guten Zeit vergleicht, die nach dem Krieg kam.“

War in der guten Zeit danach alles gut? Ganz sicher nicht. Aber ich verstehe, was sie meint: Tief in mir spüre ich auch diese Hoffnung, dass es endlich wieder gut wird. Und ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass es einmal so gut wird, wie es noch nie war.

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20MAI2026
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Zu einem guten Frühstück gehört für mich ein Brot mit Honig. Wenn sich in meinem Mund die cremige Süße des Honigs mit dem Brot vermischt, dann kann der Tag kommen.

Und ich weiß natürlich, wem ich meinen morgendlichen Honig zu verdanken habe. Und wie wichtig die Bienen sind, nicht nur für meinen Honig. Sie bestäuben fast alle unserer Pflanzen, dass die jedes Jahr wieder wachsen. Damit sorgen sie natürlich auch dafür, dass es weiterhin so viele Pflanzenarten gibt. Die Biene ist wirklich ein Superinsekt. Und doch habe ich Bienenstöcke bisher eher gemieden, weil Bienen mir in großer Zahl unheimlich sind. Neulich hat mich aber ein Imker eingeladen, ihn zu seinen Bienenstöcken zu begleiten. Gegen meine Angst hat er mir einen Imkerschleier gegeben. Und dann hat er mich in die Stöcke reinschauen lassen und, was soll ich sagen, ich bin begeistert. Aus der Ferne hat es immer so ausgesehen, als ob die Bienen kreuz und quer und ohne Plan durch die Gegend fliegen. Doch je näher wir zu den Stöcken kommen, desto deutlicher sehe ich, dass sie anscheinend ganz genau wissen, wohin sie fliegen. Der Blick hinein in den Stock hat mir eine eigene Bienenwelt eröffnet. Dort gibt es Bruträume und Honigräume. In den Bruträumen wachsen neue Bienen heran und in den Honigräumen tragen die Bienen den Honig in die selbst gebauten Waben. Tausende Bienen arbeiten nebeneinander. Es summt und vibriert und der Stock verströmt einen wunderbaren Duft. Bis heute ist es noch nicht umfassend erforscht, woher die Biene genau weiß, welcher Stock ihrer ist und welche Aufgaben sie zu erfüllen hat. Ich sehe dieses geordnete Gewimmel und stimme ein in ein altes Gebet aus der Bibel: „Wie zahlreich sind deine Werke, Gott. In Weisheit hast du sie alle geordnet. Die Erde ist voll von deiner Güte.“ (Psalm 104, 24)

Genau das darf ich hier an den Bienenstöcken erleben. Mittlerweile traue ich mich auch ohne Schleier mit dem Imker an die Bienenstöcke heran.

Heute ist Weltbienentag.  Wenn ich gleich mein Honigbrot zum Frühstück esse, bin ich besonders dankbar für das Wunder der Bienen. Wir brauchen sie, um zu leben.

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19MAI2026
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Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottes Güt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht.

Ich mag dieses alte Volkslied sehr. Wenn ich es singe, dann ist es so, als tanzen vor meinen Augen die grünen Blätter und die bunten Blumen zur Melodie. Das zarte Grün tut meiner Seele gut.

Wie lieblich ist der Maien. Ja, ich mag dieses Lied.  Und gleichzeitig ist für mich gerade in diesem Mai überhaupt nicht alles lieblich. Eine sehr gute Kollegin ist viel zu früh gestorben. Ich bin wütend und traurig und denke: Lass mich einfach in Ruhe mit dem lieblichen Mai. Und mir ist überhaupt nicht nach singen zumute. Ich will das zarte Grün und das Blütenmeer gar nicht sehen. Sie passen nicht zu meiner Trauer und Wut.

Wie lieblich ist der Maien. Martin Behm hat dieses Lied vor fast 400 Jahren gedichtet. Er war Pfarrer in Lauen, im heutigen Polen. Damals gab es in Lauen große wirtschaftliche Schwierigkeiten und oft nicht genug zu essen. Einige litten Hunger. Sie hatten wohl  auch keinen Blick für den lieblichen Mai. Sie brauchten Essen, um ihre Familien satt zu kriegen.  Und doch schreibt Martin Behm genau zu dieser Zeit diesen Text. Wollte er die Menschen damals einfach vertrösten? Ich deute seine Worte anders und spüre ihre Kraft. Für mich fordert er die Menschen zum einen auf: Schaut trotzdem hin auf den Mai, auf alles, was grünt und blüht, gerade wenn das Leben sehr schwer ist. Zum anderen malt Martin Behm hier die Zukunft aus: Auch wenn es gerade nicht so aussieht, es wird weitergehen, es wird wieder Mai werden. Ich bin ganz sicher: Das Leben wird wieder grünen und blühen.

Wie lieblich ist der Maien. Gerade geht mir dieses wunderschöne Lied echt schwer über die Lippen. Manchmal ist es kaum auszuhalten, dass das Leichte und das Schwere so direkt nebeneinander liegen. Heute versuche ich es zu verbinden, schaue auf meine Lieblingskastanie, berge mich an ihrem Stamm, und denke an meine Kollegin.

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18MAI2026
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Ich betrete den Felsenkeller am ehemaligen Turnerheim in Kaiserslautern.  Es ist dunkel, feucht und kühl und auch ein wenig unheimlich. Hier und da tropft Wasser von der Decke. Im 19. Jahrhundert hat dieser Keller einer der vielen damaligen Bierbrauereien als Lager für Fässer und Eis gedient. Und während des 2. Weltkriegs war der Keller ein Bunker. Hat vor allem Frauen und Kindern Schutz bei den Bombenangriffen auf die Stadt geboten.

Momentan ist er ein Museum auf Zeit. 14 Künstlerinnen und Künstler leuchten ihn mit ganz unterschiedlicher Kunst aus. Sie haben sich von dem Ort und seiner Geschichte inspirieren lassen. Da drehen viereckige beleuchtete Objekte und es ist, als hörte ich die Stimmen der Frauen und Kinder. Und ich entdecke durch die Kunst, den Raum und irgendwie auch mich selbst ganz neu. Ich habe ganz unterschiedliche Gefühle, während ich durch den dunklen Keller gehe. Und plötzlich trifft mich das Licht und auch Geräusche der Kunstwerke. Sie umfangen mich, werfen Schatten und dringen in mich ein. Und ich erfahre etwas über die Künstlerinnen und Künstlern. Das alles gehört zusammen.

Der Kunstraum Westpfalz nutzt das Stadtjubiläum von Kaiserslautern, um dieser Kunst einen besonderen Ort zu schenken: einen Felsenkeller.

Ich gehe gerne in Museen. Kunst spricht meine Sinne an: Manche Kunstwerke, besonders Bilder, beruhigen mich, nehmen mich mit in eine ganz andere Zeit. Und dann kann Kunst mich manchmal auch total aufrütteln, meine normalen Sehgewohnheiten in Frage stellen.

Hier im Felsenkeller bringt die Kunst im wahrsten Sinne des Wortes Licht ins Dunkel. Und das kann Kunst auch. Sie unterbricht meinen Alltag. Sie stellt Fragen an mich, an die Welt und bietet eigene Deutungen an.

Heute ist Weltmuseumstag. Ich mag Kunst. Auch, weil sie etwas mit meinem Glauben gemeinsam hat: In der Kunst und im Glauben kommt etwas von außen an mich heran, das aber mein Innerstes berührt. Beide, die Kunst und der Glaube, bringen in mir etwas zum Klingen, bringen mich in Kontakt mit mir und mit etwas viel Größerem. Und manchmal bringen Kunst und Glaube auch Licht ins Dunkel.

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16MAI2026
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Gerade läuft die Doku-Serie In höchster Not über die Bergwacht in den bayerischen Alpen. Da werden ehrenamtliche Kräfte bei ihren Einsätzen begleitet. Die sind oft spektakulär – und oft haben sie damit zu tun, dass Menschen einfach leichtsinnig oder unvorbereitet unterwegs sind. Die Bergretter aber bleiben erstaunlich cool. Die Rettung steht im Vordergrund. Warum jemand in Not kommt, das ist erstmal egal.

Aber einer der ehrenamtlichen Bergretter sagt ein paar Sätze, die bei mir nachklingen. Er sagt: „Es gibt eine Grundeinstellung. Die ist modern. Dass man alles erreichen kann, was man will. Nur interessiert das den Berg nicht. Es gibt Situationen, da kann der Wille noch so stark sein, die äußeren Umstände lassen nicht zu, was man will.“

Ich erlebe das auch so. Da gibt es diese Idee: Wenn du was willst, dann kannst du das auch schaffen. Die Kehrseite dieser Überzeugung: Wenn ich was nicht erreiche, dann kanns ja nur an mir liegen. Dann habe ich mich halt nicht genug angestrengt.

Die Bergretter öffnen den Blick auf eine andere Sichtweise. Sie erleben: Auch der größte Wille stößt an seine Grenzen. Denn in den Bergen, da hängt es nicht nur von mir ab. Da muss ich mich bestimmen lassen: Vom Weg, vom Wetter oder auch der von Tagesform. Berge, das habe ich selbst schon im Urlaub erlebt, machen demütig. Sie zeigen mir: Ich selbst bin abhängig von vielem anderen. Kann nicht alles, was ich will oder mir vornehme. Berge machen mir deutlich: Ich muss genau prüfen, was in bestimmten Situationen gefordert ist. Mich fragen: Was kann ich eigentlich leisten? Gehe ich Wege, die zu mir passen? Habe ich die richtigen Schuhe, ausreichend Verpflegung, neue Karten, guten Empfang?

Das ist eine Weisheit auch jenseits der Berge: Nur Wollen reicht nicht. Ich muss auch meine Grenzen akzeptieren – und muss bereit sein, zu sehen, was in einer Situation wirklich angebracht ist.

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15MAI2026
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Heute also: die »Kalte Sophie«. Die letzte der fünf Eisheiligen.

Eisheilige, damit werden einige Tage mitten im Mai bezeichnet. An denen werden die Feste von fünf Heiligen gefeiert: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius – und den Abschluss bildet Sophie. Noch heute feiern manche Menschen an diesen Tagen ihren Namenstag, wenn sie etwa Sophia oder Sophie heißen.

Die Eisheiligen waren vor allem in bäuerlichen Regionen gefürchtet. Immer wieder sorgten Frostnächte Mitte Mai für Missernten und Hunger. Der Grund: Trotz milder Temperaturen kann kalte Polarluft nach Mitteleuropa strömen. Das sorgt dann für Bodenfrost – der Tod für junge Pflanzen.

Viele bäuerliche Regeln kreisen deshalb um diese Tage: Vor Bonifaz kein Sommer, nach der Sophie kein Frost. Oder: Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist. Oder: Pflanze nie vor der Kalten Sophie.Die Kalte Sophie macht alles hie.

Die kalte Sophie, das ist wohl Sophia von Rom. Eine Frau aus dem vierten Jahrhundert, die als Christin von den Machthabern hingerichtet wird. Sophia ist aber auch der griechische Begriff für Weisheit. Und Weisheit ist vor allem eine Kunst, das richtige Maß zu finden. Zwischen Verschwendung und Gier und Überheblichkeit einerseits und Furcht und Angst und Trauer andererseits. Weisheit, das ist ein Gegenmittel gegen die Extreme des Lebens. Extreme, wie sie manchmal auch an den Eisheiligen zu beobachten sind: Warme Frühsommertage und junges Grün und dann Nachtfrost und absterbende Pflanzen. An den Eisheiligen kann ich Weisheit lernen. Zwischen den Extremen einen Weg finden. Für ein gutes Leben zwischen Sommerwärme und Eiszeit.

Heute also: die »Kalte Sophie«. Die letzte der fünf Eisheiligen.

Eisheilige, damit werden einige Tage mitten im Mai bezeichnet. An denen werden die Feste von fünf Heiligen gefeiert: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius – und den Abschluss bildet Sophie. Noch heute feiern manche Menschen an diesen Tagen ihren Namenstag, wenn sie etwa Sophia oder Sophie heißen.

Die Eisheiligen waren vor allem in bäuerlichen Regionen gefürchtet. Immer wieder sorgten Frostnächte Mitte Mai für Missernten und Hunger. Der Grund: Trotz milder Temperaturen kann kalte Polarluft nach Mitteleuropa strömen. Das sorgt dann für Bodenfrost – der Tod für junge Pflanzen.

Viele bäuerliche Regeln kreisen deshalb um diese Tage: Vor Bonifaz kein Sommer, nach der Sophie kein Frost. Oder: Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist. Oder: Pflanze nie vor der Kalten Sophie.Die Kalte Sophie macht alles hie.

Die kalte Sophie, das ist wohl Sophia von Rom. Eine Frau aus dem vierten Jahrhundert, die als Christin von den Machthabern hingerichtet wird. Sophia ist aber auch der griechische Begriff für Weisheit. Und Weisheit ist vor allem eine Kunst, das richtige Maß zu finden. Zwischen Verschwendung und Gier und Überheblichkeit einerseits und Furcht und Angst und Trauer andererseits. Weisheit, das ist ein Gegenmittel gegen die Extreme des Lebens. Extreme, wie sie manchmal auch an den Eisheiligen zu beobachten sind: Warme Frühsommertage und junges Grün und dann Nachtfrost und absterbende Pflanzen. An den Eisheiligen kann ich Weisheit lernen. Zwischen den Extremen einen Weg finden. Für ein gutes Leben zwischen Sommerwärme und Eiszeit.

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13MAI2026
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Am 12. Mai 1933, schreibt der Buchautor Oskar Maria Graf einen Satz, der nicht überhört werden kann: „Verbrennt mich.“ Mitten in den Bücherverbrennungen durch die Nazis 1933. Ein Satz, der so klar ist, dass er nicht missverstanden werden kann. Weil er etwas scheinbar Absurdes sagt – und genau dadurch die Wahrheit trifft.
Paradoxe Intervention nennt man das heute. Ein Satz, der nichts diskutiert – sondern entlarvt. Und vielleicht braucht es genau das auch heute manchmal. Wenn jemand laut von Freiheit redet, aber damit nur Freiheit für sich und seine Gruppe meint, könnte ein Satz helfen wie: „Stimmt. Am besten wäre Freiheit, wenn nur noch die da sind, die genauso denken wie ich.“ Oder: „Das wäre praktisch, wenn man sich mit niemand anderem mehr auseinandersetzen muss.“ Das klingt vielleicht erstmal gut. Ist es aber nicht. Es macht nur sichtbar, was sonst oft versteckt bleibt: Intoleranz und autoritäre Phantasien! Und deshalb ist der Satz von Oskar Maria Graf ein Satz wie ein Spiegel:
„Verbrennt mich.“ Widerstand besteht manchmal genau darin: die Dinge so klar auszusprechen, dass niemand mehr so tun kann, als hätte er es nicht verstanden.

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12MAI2026
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Was für ein Aufwand: Menschen setzen sich wochenlang für einen gestrandeten Wal ein. Mit viel Engagement, Zeit, Aufmerksamkeit. Und sofort kommt der Einwand: Ist das nicht unglaubwürdig?
So viel Einsatz für ein einzelnes Tier – und gleichzeitig werden jeden Tag Millionen Tiere geschlachtet, ganz selbstverständlich. Der Einwand ist nicht falsch. Er trifft einen wunden Punkt. Und trotzdem: Vielleicht liegt darin gerade kein Widerspruch, sondern ein Anfang. Wer sich für ein einzelnes Leben stark macht, handelt nicht logisch perfekt. Aber auch nicht ganz und gar falsch. Man muss nicht immer warten, bis alles stimmig ist. Nicht erst dann handeln, wenn es keine Widersprüche mehr gibt. Sondern anfangen. Klein. Unvollkommen. Mitten in einer Welt, die voller Brüche ist. Und vielleicht beginnt Veränderung dann genau dort: Wo irgendwo etwas neu und anders wird.

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11MAI2026
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In diesen Tagen läuft an vielen Orten wieder das „Stadtradeln“. Aufs Rad steigen, das Auto stehen lassen, Kilometer sammeln. Auch hier im Südwesten sind viele dabei – ich auch.
Ganz ehrlich: Die paar Wege mit dem Fahrrad werden das Weltklima nicht retten. Und der berühmte „CO₂-Fußabdruck“, der uns oft vor Augen gehalten wird, hat seine eigene Geschichte – er wurde einmal von Unternehmen wie Shell populär gemacht. Und trotzdem: Es fühlt sich nicht sinnlos an. Denn beim Stadtradeln geht es um mehr als Zahlen. Es ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Dinge auch anders gehen könnten. Dass Bewegung möglich ist – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.
Solche Zeichen spielen auch in der Bibel eine große Rolle. Jesus Christus, stellt Menschen in die Mitte, berührt sie, heilt sie. Nicht, weil damit sofort alles verändert würde. Sondern weil darin sichtbar wird, wie es gemeint ist. Ein Zeichen sagt: So könnte es sein. Beim Radfahren ist es ähnlich. Ein Weg ohne Motor. Ein bisschen mehr Zeit. Ein bisschen mehr Luft. Vielleicht sogar ein kurzer Moment von Freiheit auf zwei Rädern. Es verändert nicht alles. Aber es zeigt etwas. Und manchmal beginnt genau so Veränderung: Nicht mit großen Lösungen, sondern mit kleinen, sichtbaren Zeichen. Vielleicht ist das heute der eigentliche Gedanke: Dass nicht alles sofort wirksam sein muss, um sinnvoll zu sein. Manches darf auch einfach ein Anfang sein.

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09MAI2026
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Edwine ist fast 90. Sie sitzt mir gegenüber auf der kleinen Terrasse hinter ihrem Haus. Ihr Sohn hat mich ums Haus herum gewunken und gefragt, ob er uns einen Sonnenschirm aufspannen soll: „Ne ne, bloß nicht die Mai-Sonne aussperren. Es war lang genug kalt.“, ruft Edwine. Ihre Füße stehen vor ihr auf den Waschbeton-Platten. Sie trägt rote Sandalen. Durch die Riemen quellen dicke bunte Wollsocken. „Ich hab immer kalte Füße“, sagt sie. „Aber erst seit ich älter bin, früher nicht. Früher hab ich gern offene Schuhe getragen. Ohne Wollsocken – sondern mit rot lackierten Fußnägeln.“ Sie fängt an von dieser Zeit zu erzählen: Dass sie früher als junge Frau hier im Ort in einem Keramikbetrieb gearbeitet hat und dass sie zusammen mit anderen im Sommer immer im Freibad waren.

Dann deutet sie hinter mir über den Zaun in den Garten des Nachbarn: „Immer wenn ich beim Rolf drüben zum ersten Mal das Einhorn im Pool sehe, dann weiß ich: Jetzt kommt der Sommer.“ Ich folge ihrem Finger und sehe ein weißes Aufblas-Einhorn mit regenbogenbunter Mähne, das auf dem Gartenpool schwimmt. „Dann hol ich die Sandalen raus“, sagt Edwine. „Und mein Sohn bringt mir die Wollsocken hinterher.“ Sie lehnt sich lachend zurück.

„…Dann weißt du, dass der Sommer nah ist.“, hat Jesus auch mal gesagt. Er ist oft gefragt worden: „Welche Zeichen wird es geben, damit wir wissen, dass Gott wiederkommt, überhaupt, dass Gott in dieser Welt ist?“ Die ihn das fragen, provozieren ihn, ein Weltuntergangsszenario aus Erdbeben und Zerstörung zu zeichnen, als könne nur sowas die Welt retten. Jesus malt dazu aber ein sanftes, ein weiches Bild: „Wenn der Feigenbaum Früchte trägt, dann weißt du, dass der Sommer nah ist.“ Und nimmt damit ernst, dass wir selbst ein Gefühl haben für die Zeit, die vergeht. Natürlich. Aber auch für die Zeit, die noch kommt. Ein nächster Sommer. Mit Früchten und Aufblas-Einhorn.

Ich habe mir an diesem Nachmittag bei Edwine den ersten Sonnenbrand des Jahres geholt. Aber keinesfalls hätte ich im Schatten sitzen wollen da bei ihr auf der Terrasse.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44365
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