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11FEB2026
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„Was fehlt Ihnen zum Glück?“ Das ist die 23te Frage aus Max Frischs Fragebogen. Max Frisch, ein Schriftsteller aus der Schweiz, hat ein ganzes Büchlein voller Fragen veröffentlicht. Und keine einzige beantwortet er. Manchmal folgt aus der einen Frage die nächste, meistens stehen sie unverbunden nebeneinander.

Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle ihre Bekannten nicht mehr sind, noch interessiert?

Keine Antworten, keine Lösungen. Eindeutigkeit ist hier nicht das Ziel. Eher soll es anregen zum Herumdenken, zum Nachsinnen. Auch zum kurz stutzen, ob man lachen oder eher zucken soll – z.B. bei dieser Frage: Gesetzt dem Fall, Sie haben noch nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie sich, dass es nie dazu gekommen ist?

Die Fragebögen sind Teil von Max Frischs Tagebüchern. Deshalb mag man ihn einerseits mit sich selbst sprechen hören, andererseits wird durch das „Sie“ der Anrede auch klar, dass er Leserinnen und Leser fragt. Mit diesem kleinen Stück Literatur der späten 60er Jahre tut Frisch, was auch sonst in seinen Werken immer wieder Thema ist: Sich selbst zu befragen dient nicht dazu, sich immer neu zu erfinden, sondern im Gegenteil: Sich zu vergewissern: Was ist mir wichtig? Was macht mich aus? „Was fehlt Ihnen zum Glück?“ Frage Nummer 23.

Der Fragebogen von Max Frisch liegt in gebundener Form seit Jahren als kleines Büchlein in meiner Schreibtisch-Schublade. Und immer, immer wenn ich mit biblischen Geschichten zu tun habe, in denen Fragen vorkommen, denke ich an Max Frisch.

„Mensch, wo bist du?“, fragt Gott Adam in dieser Geschichte ganz am Anfang der Bibel, in der der Anfang der Menschheit poetisch erzählt ist. Gott fragt das nicht, weil er Adam auf dem Erdenrund nicht finden kann. Sondern Gott fragt, damit Adam mit ihm, mit Gott in Kontakt kommt. „Hier bin ich“. Adam findet sich im Gegenüber zu Gott. So geht in der Bibel mit den Menschen alles los. Frage – Antwort: „Hier bin ich.“

„Was fehlt Ihnen zum Glück?“ Es gibt jeden Tag Grund zu fragen und auf die Suche nach Antworten zu gehen. Und vermutlich geht Glauben immer mit Fragen los. Nicht mit Antworten.

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10FEB2026
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„Was unterscheidet diese Nacht von allen Nächten?“ Als ich die Frage zum ersten Mal höre, sitze ich in einem Vorort von Jerusalem bei einer Familie, die meine Gastfamilie als Studentin ist. Es ist der Abend vor dem höchsten jüdischen Fest, Pessach, an dem die Jüdinnen und Juden an ihre Befreiung aus Ägypten denken. Zum Ablauf dieses Festmahls am Vorabend gehört diese Frage dazu. Das jüngste Kind der Familie darf sie stellen. Der Siebenjährige Noam steht stolz, aber auch zaghaft auf und fragt: „Was unterscheidet diese Nacht von anderen Nächten?“

Die Erwachsenen antworten und erzählen die Geschichte vom Volk Israel und seiner Wanderung durch die Wüste, von Entbehrung und Hoffnung, von Gott und von Menschen. Die Geschichte muss erfragt werden. Erst dann wird sie erzählt. Und die Frage lautet nicht: Warum glaubt ihr an Gott? Manchmal ist Erzählen so viel wichtiger als Erklären.

In der Stadt, in der ich lebe, wird Karneval gefeiert, nicht erst an Rosenmontag, die Kampagne läuft schon seit Wochen. Heute Abend feiern wir Karnevalisten-Gottesdienst. Ich weiß noch, dass ich, als ich hier neu war, gedacht habe: Das ist eben so eine Tradition, eine heitere Gottesdienst-Tradition. Mal was anderes.

„Alles fing in dem Jahr an als wegen des so genannten Golfkriegs Karneval abgesagt wurde“, hat mein katholischer Kollege mir damals erklärt. Die Karnevalisten aus den verschiedenen Vereinen hatten sich damals gewünscht, dass sie alle samt Prinzenpaar, in die Kirche kommen - in den traditionellen Karnevals-Uniformen der Vereine, verkleidet und bunt geschminkt. Und miteinander um Frieden beten. Weil wir an Karneval nicht die Realität der Welt ausblenden. Im Gegenteil: Karneval setzt sich kritisch - und mit Humor - auseinander.

Seitdem - seit über 30 Jahren feiern wir diesen Karnevalistengottesdienst in unserer Stadt. Und seit 30 Jahren gehört neben viel Lachen und Karnevalsschlagern ein Friedensgebet fest zu diesem Gottesdienst dazu.

Ich merke, das Gebet gewinnt noch mehr an Kraft, wenn wir jedes Jahr kurz erinnern, nein besser: erzählen, woher es kommt. Was unterscheidet diesen Dienstag vor Karneval von anderen Dienstagen?

Hier bei uns beten Menschen um Frieden. Sie werden heute Abend bunte Uniformen und Kostüme und glitzernde Schuhe tragen. Wir werden „Amen“ und auch „Helau“ sagen und damit die Geschichte des Karnevals-Friedensgebets weiter erzählen.

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09FEB2026
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Tanja ist Lehrerin in einer 2. Klasse und fängt – wie immer freitags morgens - die Klassenrunde mit einer Frage an. So eine ungewöhnlich gewöhnliche Frage wie: Ist sieben viel? Eine Regel gibt es für ihre Runden: Keiner darf seine Antwort anfangen mit: „Hm, das kommt darauf an…“ Die Kinder kennen die Regel, sie legen los.

Sieben Kugeln Eis sind viel. Jedenfalls auf einmal. Wenn ich nur sieben Minuten am Tablet spielen dürfte, dann wäre das nicht viel. Ich hatte mal sieben Mückenstiche auf einmal. Das war blöd.

Hej, wir sind ja alle sieben Jahre alt! Ist das viel? Nee, man kann ja noch viel älter werden! Die Lehrerin sagt: Ich hatte sieben Stunden Wehen bevor meine Tochter auf die Welt kam, das war lang. Die Zweitklässler gucken erstaunt. Hat es meiner Mama bei mir auch weh getan. Ja, aber kannst du ja nichts dafür.

Tun Erwachsenen denn Sachen weh? Nee, meinem Papa tut nichts weh, glaube ich. Aber Erwachsene weinen doch auch manchmal. Aber eher, wenn sie traurig sind. Also, wenn ihnen innen was weh tut. Nach zehn Minuten beendet die Lehrerin die Runde. Ohne Zusammenfassung, ohne Antworten. Sie sagt: Mensch, da haben wir ja mal wieder gut gefragt und gut geantwortet!

Als Tanja mit diesen Runden angefangen hat, lief’s noch anders: Da wollte immer ein Kind recht haben, oder wollte, dass die Lehrerin sagt, wer Recht hat.

Die Kinder haben nicht lange gebraucht, vielleicht drei Freitage, vielleicht auch sieben, bis sie die Runden so genutzt haben wie heute. Einfach zum Fragen fragen. Mehr noch: Zum Philosophieren, zum Herum-Denken.

Apropos „Sieben“ - im vergangenen Jahr habe ich auch etwas über die Zahl Sieben gelernt. Ich war bei einem Argumentationstraining und ich habe dort gelernt, wie ich in Alltagsgesprächen besser antworten kann auf Aussagen, die menschenverachtend oder demokratiefeindlich sind.

Der Coach hat am Ende zusammengefasst: „Machen Sie sich klar, dass ein Mensch sieben Impulse braucht bis er oder sie von einer fest gefassten Meinung ablässt. Was wir also vor allem brauchen ist Geduld und sieben gute Ideen. Und was noch wichtiger ist: Wir werden uns sechsmal aufregen, sechsmal Antworten kriegen, die wir nicht hören wollen.“

Ist sieben viel? Für ungeduldige Menschen wie mich auf jeden Fall. Aber was neugierige Kinder können, das können ungeduldige Erwachsene auch.

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07FEB2026
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„Du willst Gott zum Lachen bringen? Dann erzähl ihm deine Pläne!“  Dieser Spruch gefällt mir. Weil er mich daran erinnert: Ich hab nicht alles im Griff. Das Leben ist nicht bis ins Letzte planbar.  Zum Glück. Nur Träume, die sind grenzenlos.

Heute wäre der brasilianische Bischof Dom Helder Camara 117 Jahre alt geworden. Ein kleiner Mann, eher unscheinbar. Aber einer mit großen Träumen. Und mit einem riesigen Herz – vor allem für die Armen. Camara hat einmal gesagt: „Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, wird es Wirklichkeit.“ Er hat das nicht romantisch gemeint. Sondern ziemlich konkret. Er hat davon geträumt, dass Menschen genug zu essen haben. Dass sie würdig leben können. Und dass Kirche nicht von oben herab redet, sondern an der Seite derer steht, die kaum eine Stimme haben. Camara sagt: „Sag Ja zu den Überraschungen, die deine Pläne durchkreuzen. Sie sind kein Zufall.“

Vielleicht fängt Veränderung genau da an. Wenn ich meine Träume nicht für mich behalte. Sondern sie mit anderen teile. Dann kann aus vielen kleinen Träumen sogar eine Realität werden, die diese Welt ein kleines bisschen gerechter macht.

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06FEB2026
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„Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.“ Das ist mal eine Ansage! Sie stammt aus dem Gedicht „Was keiner wagt…“ von Lothar Zenetti. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden. Zenetti war Priester, Lyriker, politisch hellwach – und unbequem. Einer, der nicht nur fromm gedichtet, sondern genau hingeschaut hat: auf Kirche, Gesellschaft und auf sich selbst. Seine Texte sind kein spirituellen Wattebällchen. Sie fordern heraus. Auch dieses Gedicht.

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.

Was keiner sagt, das sagt heraus.

Zenetti wusste, wie schwer das ist. Er hat erlebt, wie viel Mut es kostet, den Mund aufzumachen – gerade dann, wenn man aneckt. Für ihn war klar: Christsein heißt nicht, sich wegzuducken. Sondern Haltung zu zeigen. Und dann heißt es:

Was keiner liebt, das wagt zu lieben.

Das ist kein netter Kalender-Spruch Das ist ein Lebensprogramm. Und ehrlich gesagt: ziemlich anstrengend. Denn es geht um Menschen, die keiner auf dem Schirm hat. Die nerven. Die stören. Genau da wird’s ernst. Jesus hat genau so gelebt. Er hat einen aussätzigen Menschen berührt – obwohl man Abstand von ihm halten sollte. Er hat Zachäus besucht, den Zöllner, den alle verachtet haben. Und er hat sich schützend vor eine Frau gestellt, die andere am liebsten gesteinigt hätten. Jesus hat geliebt, wo andere längst aufgegeben hatten. Schließlich dichtet Zenetti:

Was keiner denkt, das wagt zu denken.

Was keiner anfängt, das führt aus.

Zenetti war überzeugt: Glaube bleibt leer, wenn er nicht ins Handeln kommt. Für ihn war dieses Gedicht so etwas wie eine Gebrauchsanweisung fürs Christsein. Nicht perfekt sein. Aber mutig. Nicht laut reden. Sondern tun. Vielleicht ist genau das der Kern dieses Gedichts: Fang an. Warte nicht darauf, dass alle mitmachen. Manchmal reicht einer, der den ersten Schritt wagt.

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05FEB2026
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Vor kurzem habe ich gelesen: die Arbeitszeit in Deutschland ist verpflichtend zu erfassen. Beginn, Ende, Dauer. Minuten zählen jetzt offiziell.

Mich hat das sofort aufhorchen lassen. Nicht nur wegen der Formulare und Apps. Sondern wegen der Frage dahinter: Welchen Stellenwert hat der Mensch eigentlich noch? Mich erinnert das an einen Film. An „Moderne Zeiten“. Der feierte heute vor 90 Jahren Premiere in New York. Charlie Chaplin steht darin am Fließband. Der Takt wird schneller. Der Mensch wird Teil der Maschine. Effizienz schlägt Würde. Heute heißen die beherrschenden Maschinen oft anders. Immer mehr Algorithmen und künstliche Intelligenz messen die Leistung. Sie verändern die Arbeitswelt grundlegend. Und sie stellen dieselbe alte Frage neu. Zählt noch der Mensch? Oder nur das Ergebnis!

In solchen Momenten denke ich an einen sehr alten Bibeltext. Dort heißt es: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ (Kohelet 3)

Diese Worte erden mich. Sie holen mich aus der Pflicht, alles messen zu müssen. Sie erinnern mich daran, dass Leben mehr ist als Effizienz. Und dann kommt dieser Satz, der mich jedes Mal trifft. Wörtlich schreibt der Prediger Kohelet: „So erkannte ich: Es gibt kein Glück, außer sich zu freuen und Gutes zu tun im Leben. Doch dass jeder Mensch isst und trinkt und das Glück bei all seinem Mühen erfährt, das ist eine Gabe Gottes.“

Ich möchte darauf vertrauen, dass Gott meine Zeit hält. Es muss nicht alles messbar und nachweisbar sein. Ich gehe bewusst in diesen Tag. Ich arbeite verantwortungsvoll. Alles hat seine Zeit.

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04FEB2026
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So früh am Morgen denke ich: Das wird wahrscheinlich wieder ein ganz gewöhnlicher Tag heute. Ähnlich wie der gestern oder vorgestern. Das geht sicher vielen von ihnen genauso. Aufstehen und Zähneputzen, Frühstücken und zur Arbeit. Oder sich um Kinder kümmern, einkaufen, kochen. Aber auch zu Hause sein, sich um alles kümmern, was so anliegt.

Klingt ziemlich langweilig, wenn ich das so aufzähle. Kann auch so sein. Wenn was immer gleich abläuft, immer ähnlich ist, dann droht die Langeweile. Deshalb gilt für viele auch: Nur das Neue, das Überraschende, das Andere, das ist interessant und spannend.

Aber ich erlebe auch: Es tut gut, wenn sich Abläufe und Dinge wiederholen, wenn etwas vertraut ist. Ich brauche dann gar nicht nachzudenken. Morgens Zahnpasta auf die Bürste und putzen, das kann ich sogar, wenn ich fast noch schlafe. Mein Fahrrad findet quasi den Weg zum Arbeitsplatz von allein. Ich laufe, ohne lange nachzudenken zum Supermarkt. Leben auf Autopilot. Zum Glück. Denn es wäre ja auch anstrengend, wenn alles immer neu und unbekannt ist. Ist etwas vertraut und selbstverständlich, dann gibt mir das Sicherheit.

Deshalb setzen auch die Religionen der Welt auf die Kraft der Wiederholung. In Ritualen und Gottesdiensten wiederholen sich Texte, Melodien, Handlungen. Das gibt Sicherheit. Und verbindet die Menschen. Weil alle wissen, wie ein Gottesdienst abläuft. Oder wie das Vater unser geht.

Gerade in der Routine – im Alltag und im Glauben – steckt zudem die Möglichkeit, dass ich überhaupt erst etwas Neues wahrnehme. Weil ich den Weg zur Arbeit ohne nachzudenken fahre, sehe ich das schimmernde Eis an den Bäumen. Weil ich einfach so die Zähne putze, fällt mir plötzlich eine Lösung für mein Terminproblem ein. Erst die Routine, das Vertraute macht einen ganz gewöhnlichen Tag offen für das Ungewöhnliche.

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03FEB2026
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Ich gehöre zu der Sorte von Menschen, die gerne alles planen. Monate vor den Ferien suche ich auf der Karte die Stationen für unsere Fahrradroute im Sommer raus. Ich lege Listen an, wenn wir das Bad renovieren. Ich buche jetzt schon eine Unterkunft, obwohl wir unseren Sohn erst im Herbst besuchen. Online führe ich eine To-Do-Liste, die ich Tag für Tag abarbeite. Das hilft mir, meinen Tag und mein Leben zu strukturieren.

Aber ich weiß ganz genau: Das Leben ist nicht bis ins Letzte planbar. Immer kommt irgendwas dazwischen. Oft sind das Kleinigkeiten: Ein Anruf, eine Nachricht – und ich muss meine Planung umwerfen. Wenn ich krank werde, wars das mit den Zielen für die nächsten Tage. Und dann können auch große Schicksalsschläge alles über den Haufen werfen: Ein Unfall, ein überraschender Todesfall. In anderen Teilen der Erde sind es Krieg, Hunger und Kälte: Da geht’s ums Überleben. Nicht um Pläne.

Schon ganz früh in der Geschichte haben Menschen auch deshalb Kraft und Trost in der Religion gesucht. Haben zu Göttern gebetet, Opfer gebracht, Lichter angezündet, getanzt und gesungen. Heute geht man zur Ärztin, schließt Versicherungen ab, macht Verträge.

Aber trotz all dem gibt es immer wieder Momente, Ereignisse, Zufälle, die das Leben aus der Bahn werfen. Dann kann ich nicht viel mehr machen, als damit umzugehen. Muss lernen, mit der Krankheit zu leben, muss mich mit dem Verlust abfinden, mit dem Tod. Ich mache die Erfahrung: Andere Menschen sind da wichtig. Die mich begleiten – oder die ich begleiten kann. Mit denen ich reden kann. Die mir zuhören oder denen ich ein guter Zuhörer sein kann. Der andere Mensch kann ein Lichtblick sein, gerade dann, wenn alle Pläne über den Haufen geworfen werden.

 

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02FEB2026
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Am ersten Weihnachtsfeiertag lagen abends schon Weihnachtsbäume am Straßenrand. Ohne Lichter und Kugeln. So schnell war der weihnachtliche Glanz verflogen. Dabei wird erst heute, vierzig Tage später, die letzte Weihnachtsgeschichte erzählt. Am Fest der Darstellung Jesu im Tempel. Im Volksmund heißt es Mariä Lichtmess.

Die Story: Maria und Josef reisen mit ihrem neugeborenen Kind nach Jerusalem. Im Tempel wollen sie ihr Kind sozusagen Gott vorstellen, es darstellen, wie es in der Bibel heißt. Sie wollen nach altem Brauch für die Geburt danken. Später hat man das mit Lichterprozessionen im Gottesdienst gefeiert. Deshalb: Lichtmess.

Das Licht spielt in der Tat auch in dieser letzten Weihnachtsgeschichte eine wichtige Rolle. Denn in der Bibel wird erzählt: Maria und Josef treffen mit ihrem Baby auf zwei alte Menschen. Simeon und Hanna. Die beiden erkennen, dass sie da ein besonderes Kind vor sich haben. Simeon sagt: Das Kind ist das Licht, das die Welt erleuchtet. Ziemlich erstaunlich: Denn dieses Kind ist eigentlich ein ganz normales Kind. Angewiesen wie alle Kinder auf die Liebe seiner Eltern, auf saubere Windeln, auf Muttermilch und warme Kleidung.

Auf vielen Bildern trägt dieses Kind später einen Heiligenschein, sieht erwachsen aus, hat nicht viel von einem neugeborenen Säugling an sich. Das Fest der Darstellung Jesu lenkt den Blick aber gerade auf das menschliche Kind. Und Simeon und Hanna sehen, dass sich in diesem Kind Gott zu erkennen gibt. Ohne Macht, ohne Geld, ohne Armeen. Gott zeigt sich anders: Im verletzlichen und schutzbedürftigen Kind. Das auf andere angewiesen ist. Liebe und Hilfe braucht auf seinem Weg ins Leben. Das heißt: Gott zeigt sich da, wo das Leben anfängt. Wo Neues beginnt. Und wo dieses Neue beschützt und umsorgt wird.

Dafür kann ich heute nochmal eine letzte Weihnachtskerze anzünden. Und ein weihnachtliches Gefühl mit in diesen Tag nehmen.

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31JAN2026
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Manchmal frage ich mich, wie ich zu meinen Freunden gekommen bin. Also wie kam es, dass wir Freunde wurden und es auch zum Teil nach Jahrzehnten immer noch sind?

Natürlich haben persönliche Sympathie, gemeinsame Interessen eine wichtige Rolle gespielt. Daneben ist aber auch die gemeinsame Geschichte wichtig. Ich habe Freunde, da verstehen viele um mich rum nicht, wie wir befreundet sein können. Aber wir haben eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen. Dadurch sind wir miteinander verbunden.

Sich miteinander Erinnerungen schaffen, ist eine wertvolle Aufgabe. Denn die Erinnerung schafft sich nicht immer von allein. Nicht alles was ich erlebe und an Zeit mit anderen Menschen verbringe bleibt in Erinnerung.

Sondern Erinnerung – also etwas, was unser Gehirn für aufhebenswert hält, was es bewahren will, entsteht durch die besondere Verbindung von Moment, Menschen und Emotion.

So entsteht etwas, was eben die Menschen, die diesen Moment geteilt haben, zusammenschweißt.

Damit es eine gute Erinnerung ist, braucht es eine „gute“ Emotion. Selbst wenn der Augenblick, den man teilt, vielleicht tragisch oder traurig ist. Ein Abschied z.B., den man zusammen durchgestanden, zusammen getragen hat, kann zu einer schönen Erinnerung werden.

Erinnerungen schaffen Verbundenheit. So entstehen Geschichten und Freundschaften, die gerade auch in den schweren Momenten meines Lebens unendlich wertvoll sind. Gerade da merke ich, wer für mich da ist, wer mit mir verbunden ist – dann spüre ich eine Gemeinschaft aus Freundschaft und Liebe – eine Verbundenheit, die die Lebenden aber auch die Toten miteinschließt. Denn solch eine Verbundenheit stirbt nicht einfach – sondern hält oft über den Tod hinaus – zum Glück!

Wenn ich mich erinnere an Erlebtes mit schon verstorbenen Freunden, dann sind sie mir nahe. Sie und unsere gemeinsame Geschichte. Dann sind sie mir in diesem Augenblick so nahe und ganz da – nicht körperlich – aber in vollkommener Verbundenheit.

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