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12MRZ2026
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Seit einiger Zeit beobachte ich, dass zu Beerdigungen immer weniger Leute kommen. Klar, es gibt immer noch die prominenten oder die besonders tragischen Todesfälle, bei der die Trauerhalle aus allen Nähten platzt. Aber insgesamt geht der Trend nach unten, finde ich. Teilweise liegt das daran, dass viele Menschen im Alter einsam werden und mit immer weniger Leuten in Kontakt sind. Aber oft liegt es auch daran, dass alte Menschen den Angehörigen nicht zur Last fallen wollen – nur kein Aufwand, nur kein Wirbel um meine Person. Meist verbunden mit dem Wunsch, dass es eine Trauerfeier im kleinsten Kreis werden soll.

Ich finde es aber gerechtfertigt, zum Abschied noch mal etwas Wirbel zu veranstalten. Eine Beerdigung ist schließlich eine Feier, um jemanden zu verabschieden. Und da ist es doch traurig, wenn nur eine Handvoll Leute überhaupt davon wissen.

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es zum einen für die Angehörigen unheimlich tröstlich ist, wenn sie nochmal möglichst viele Gesichter sehen, die irgendwann im Leben des Verstorbenen mal eine Rolle gespielt haben. Auch wenn jemand in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr viel unterwegs war – das war ja nicht immer so. Verstorbene hatten auch ein Leben vor ihrer letzten Phase, und das war oft ganz lebendig: ein Familienmensch, der bei jeder Gelegenheit den Grill angeworfen hat, ein Hotelrezeptionist, der die Pianobar liebte, eine Sportlerin mit einem extra Zimmer für Medaillen und Pokale, eine Kaktuszüchterin, ein Büttenredner, eine Pilzsammlerin, ein Bademeister – da wird das pralle Leben abgebildet. Bei der Beerdigung dann aber der krasse Gegensatz: Kaum Leute, deprimierende Musik und eine Trauerhalle, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat.

Sicher gibt es auch gute Gründe dafür, eine Beerdigung schlicht zu halten. Wenn es Konflikte in der Familie gab, oder wenn man einfach gerade keinen Kopf dafür hat.

Vor einiger Zeit habe ich eine tolle Beerdigung erlebt. Ein junger Mann war gestorben, die Kapelle war randvoll, und es lief Techno-Musik. Freunde haben vorne am Mikro von gemeinsamen Erlebnissen berichtet, und alle waren eingeladen, Karten an eine Wand zu hängen, auf die man eine Erinnerung schreiben konnte. Vier Freunde haben sogar den Sarg getragen. Am Grab wurde das Lieblingsgetränk des Verstorbenen getrunken – Whiskey-Cola. Es wurde aber auch geweint und gebetet.

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11MRZ2026
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Jetzt, nach einem langen Winter und den tollen Tagen, war es wieder einmal nötig: Ich musste Bürgersteig und Straße fegen. Altes Laub im Rinnstein, Bonbonpapiere, ein nasses Taschentuch, Splitt vom letzten Glatteis. Was sich halt so in ein paar Wochen ansammelt. Also hab ich mir morgens einen Besen genommen und gefegt. Das Wetter war mies. Es hat geregnet. Egal, denn nach der Aktion sahen Gehweg und Straße besser aus.

Ich gebe zu, es hat mir Spaß gemacht. Frische Luft und nachher sieht alles aufgeräumt aus. Das hat was. Haben auch schon andere so gesehen. So hat man früher die Wege saubergemacht, wenn der König oder die Königin kamen. Hat Blumen, Teppiche, Umhänge auf die Straße gelegt, dass die hohen Herren und Damen nicht durch den Matsch gehen mussten.

Auch in der Bibel taucht das auf. Da macht sich Jesus nach Jerusalem auf und als er dort ankommt, legen viele Leute Kleider vor ihm auf den Weg (Lukas 19,28–40). Behandeln ihn wie einen König. Sagen: Du bist uns wichtig. Du sollst statt durch Dreck wie auf Wolken gehen.

Daran muss ich denken, wenn ich meinen Besen schwinge. Klar, hier kommen keine Könige vorbei. Aber andere Menschen. Nachbarn, Passanten, Besucherinnen, die Briefträgerin, Eltern mit Kinderwagen. Den Weg sauber machen, das kann da sagen: Ihr seid in meinen Augen wie Könige und Königinnen. Und mein gefegter Gehsteig zeigt: Du bist mir wichtig. Als Mensch.

Auch daran denke ich, wenn ich im Regen den Gehweg fege. Dass jedem Menschen Achtung zukommt. Dass vor Gott jeder Mensch ein König, eine Königin ist. Ein sauberer Gehweg kann davon erzählen.

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10MRZ2026
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Da sitze ich bei der Zahnärztin auf dem Stuhl und weiß mal wieder nicht, was mich erwartet. Dabei ist es nur ein Routinetermin. Kontrolle und Reinigung. Eigentlich kein Problem. Und trotzdem merke ich meine Anspannung. Sicher auch, weil ich so machtlos bin. Einfach die Kontrolle in einer Situation abgeben, das fällt mir schwer. Zum Glück ist die Behandlung harmlos.

Hinterher geht mir die Situation bei der Zahnärztin noch nach. Denn dass ich machtlos bin, auf andere angewiesen bin, das passt kaum zu dem, wie ich und sicher die meisten Menschen heute leben. Wir wollen unser Leben selbst bestimmen. Selbst in der Hand haben, was wir tun und was nicht. Aber auf dem Zahnarztstuhl, da habe ich nichts in der Hand. Da liegt mein Schicksal in den Händen anderer. Wie in vielen anderen Bereichen. Bei Krankheit und Gesundheit, bei Schicksalsschlägen: Überall da kann ich nur wenig machen. Auch bei alltäglichen Dingen habe ich es nicht in der Hand: Dass das Brot, das ist esse, vom Bäcker gut gemacht ist – darauf muss ich vertrauen. Dass das richtige Benzin aus dem Zapfhahn kommt – muss ich glauben. Dass ich als Fahrradfahrer im Verkehr gut gesehen werde – muss ich hoffen.

Für mich ist das auch ein spirituelles Thema. Gott ist für mich auch eine Chiffre dafür, dass ich vieles in meinem Leben nicht bestimmen kann. Dass meine Macht begrenzt ist. Nicht umsonst wird Gott in vielen Religionen der Welt groß gedacht. Gott, das heißt das, reicht weiter als mein Leben. Was vor mir war und was nach mir kommt – auch darauf habe ich keinen Einfluss. Für mich heißt das: Ich muss akzeptieren, dass ich, dass mein Leben, meine Macht, meine Fähigkeiten begrenzt sind. Und ich muss immer wieder neu Vertrauen lernen. Darauf, dass die Menschen, mit denen ich zu tun habe und auf die ich angewiesen bin, gut zu mir sind. So wie meine Zahnärztin. Und da kann ich auch erleben: Ich kann Macht abgeben und trotzdem geht das ganz oft gut.

Thomas Weißer aus Budenheim bei Mainz von der Katholischen Kirche

 

 

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09MRZ2026
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Mich hat das immer berührt, wenn da bei den olympischen Winterspielen die deutsche Fahne geschwenkt wurde. Schwarz-rot-gold, das sind auch meine Farben. Dabei sind die ganz schön alt. Heute, vor fast 180 Jahren, am 9. März 1848 legte der Bundestag des Deutschen Bundes Schwarz, Rot und Gold als offizielle Farben fest.

Schon im Mittelalter gibt’s diese Farbenkombination. So findet sich auf dem Banner des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ein schwarzer Adler mit rotem Schnabel und Krallen auf einem Goldgrund. Auch als die französische Revolution Deutschland erreicht, da schwenken die deutschen Revolutionäre die dreifarbige Flagge. Sie steht für Demokratie und Bürgerrechte und Freiheit.

Kein Wunder, dass die Nazis schon 1933 die Fahne abschaffen. Mit der deutschen Freiheitsbewegung und einer demokratischen Republik wollte das NS-Regime nichts zu tun haben. Und gerade, weil die Nazis so besessen von Flaggen und Fahnenaufmärschen waren, weil sie den Begriff der Nation missbraucht haben, halten sich bis heute viele Deutsche zurück, wenn es um die Nationalfahne geht.

Auf der anderen Seite heißt es zu Recht: Flagge zeigen. Meint: Offen seinen Standpunkt zeigen. Zu einer Sache stehen. Das sorgt dafür, dass sich andere dieser Meinung anschließen können.

Flaggen haben deshalb auch eine identitätsstiftende Bedeutung. Wenn ich also die deutsche Flagge zeige, dann zeige ich immer auch: Ich stehe für eine Demokratie, in der Freiheit und Freiheitsrechte zentral sind. Es ist eine Flagge, unter der sich alle Menschen versammeln dürfen, die hier leben. Schwarz-rot-gold färbt unsere Gesellschaft mit einem Gedanken ein: Dass jeder Mensch, ungeachtet seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Religion oder seiner Sprache gleiche Rechte besitzt. All das findet sich in den drei Farben der deutschen Flagge wieder. Sie sagen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Das finde ich einen guten Grund, die Flagge zu schwenken. Nicht nur bei den olympischen Winterspielen.

 

 

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07MRZ2026
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Weil ich viel zu viel sitze, gehe ich seit einiger Zeit ins Fitnessstudio. Und ich merke, es tut mir gut. Allerdings komme ich mitunter auch an meine Grenzen. Die Muskeln schmerzen und die Kraft lässt nach. Die Trainer sagen dann immer: „Da geht noch was!“.

Einerseits stimmt es. Meistens bin ich nicht am Ende, sondern an der Stelle, an der ich die Komfortzone verlassen muss. Zwei Wiederholungen mehr. Etwas ruhiger. Ausatmen. Und tatsächlich: Über Wochen bauen sich Kraft und Kondition auf und ich staune, was plötzlich möglich ist. „Da geht noch was“ ist dann kein Drill, sondern ein freundlicher Schubs aus der Komfortzone.

Andererseits gilt auch: Der Körper hat Grenzen, und er signalisiert sie. Nicht jedes Ziehen ist „Training“, manchmal ist es auch ein Warnsignal. Darum gehört zu dem Satz im Fitnessstudio ein zweiter: Hör hin. Hör auf deinen Körper. Maß halten ist keine Schwäche, sondern Weisheit.

Das hat auch eine theologische Dimension. Es gibt Tage, da fühle ich mich innerlich wie nach der letzten Wiederholung am Gerät: müde, kraftlos. Und doch: Im Vertrauen auf Gott entdecken Menschen eine erstaunliche Ausdauer. Paulus bringt es in einem Satz auf den Punkt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Phil 4,13). Manchmal ist das genau der leise Mut, den ich brauche: Nicht aufgeben. Noch einen Schritt. Noch ein Wort. Da geht noch was.

Aber Gott ist kein Trainer mit Stoppuhr, der immer nur mehr will. Er überfordert nicht, und er liebt nicht nach Leistung. Paulus hört von Christus: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2 Kor 12,9). Das ist Befreiung: Ich muss nicht beweisen, dass ich stark bin, um zu zählen.

Und dann bekommt „Da geht noch was!“ einen ganz anderen Klang. Nämlich im Blick auf Liebe und Vergebung. Wo ich denke: „Das ist vorbei, das kann nicht mehr werden“, sagt Gott: Doch. Da geht noch was. Ein Neuanfang ist möglich. Ein Schritt aufeinander zu. Und manchmal auch: mir selbst vergeben, weil Gott längst nicht aufgehört hat, mir etwas zuzutrauen.

Vielleicht ist das die beste Trainingsform des Glaubens: mutig werden, ohne hart zu werden. Grenzen achten, ohne aufzugeben. Lieben, wo es leichter wäre, abzuwinken. Und wenn heute etwas schwer wird – innerlich oder äußerlich –, dann höre ich beides zugleich: Hör hin. Und: Da geht noch was!

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06MRZ2026
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„Kommt! Bringt eure Last.“ Unter diesem Motto feiern heute Menschen in über 150 Ländern den Weltgebetstag. Die Gottesdienstordnung wird immer von Frauen verschiedener Kirchen aus einem anderen Land vorbereitet. In diesem Jahr aus Nigeria.

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Mit 230 Millionen Einwohnern, vielen Ethnien, mehr als 500 Sprachen und der jüngsten Bevölkerung weltweit, nur 3% sind über 65 Jahre alt. Was für ein Potential! Viele Kulturen, Sprachen und Religionen prägen den Alltag. Dank der Öl-vorkommen ist das Land wirtschaftlich stark, mit boomender Musik- und Filmindustrie. Allerdings sind Reichtum und Macht ungleich verteilt.

In Nigeria werden Einkäufe und Waren von Männern, Kindern, aber vor allem von Frauen auf dem Kopf transportiert. Wenn ich das sehe, staune ich immer: Wie schaffen die das? Das muss doch ungeheuer schwer sein! Und es gibt auch andere Lasten, die schwer wiegen: Angst vor islamistischen Terrorgruppen wie Boko Haram, Sorge um das tägliche Auskommen, Umweltverschmutzung durch Ölindustrie und Klimawandel führen zu Hunger. Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt sind erdrückende Lasten, die das Leben der Menschen dort schwer machen.

„Kommt! Bringt eure Last.“ Das ist die Kurzfassung einer Einladung, die Jesus im Matthäusevangelium an alle richtet, die schwer zu tragen haben: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken“. Jesus verspricht nicht, dass Lasten einfach verschwinden. Aber er bietet an, sie nicht allein tragen zu müssen. Er spricht von einem Joch, das entlastet – weil es gemeinsam getragen wird. Zusammen mit ihm. Denn er trägt mit.

Vielen Menschen in Nigeria schenkt ihr Glaube Hoffnung. Am Weltgebetstag teilen christliche Frauen von dort diese Glaubenshoffnung weltweit mit – in Gebeten, Liedern und berührenden Lebensgeschichten. Sie berichten vom Mut alleinerziehender Mütter, von Stärke durch Gemeinschaft, vom Glauben inmitten der Angst. Und von der Kraft, selbst unter schwersten Bedingungen durchzuhalten und weiterzumachen.

„Kommt! Bringt eure Last.“ Das ist doch eine großartige Einladung. Einfach kommen dürfen. Mit der eigenen Last. Mit unseren Sorgen um die Welt, um andere, um uns selbst. Und darauf vertrauen, dass Gott trägt. Uns und diese Welt.

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05MRZ2026
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„Die Wege Gottes sind wie ein hebräisches Buch, das man nur von hinten lesen kann.“ Der Satz wird Martin Luther zugeschrieben.

Er greift ein simples Bild auf: Hebräisch liest man von rechts nach links; was für uns im Deutschen „vorn“ ist, liegt dort „hinten“. Übertragen heißt das: Gottes Handeln erschließt sich selten im Augenblick. Oft verstehen wir erst im Rückblick, was uns getragen, bewahrt oder auch zurechtgerückt hat.

Vorwärts gehe ich meinen Weg oft wie im Nebel. Ich sehe den nächsten Schritt, vielleicht die nächste Kurve – aber nicht die Landschaft dahinter. Rückwärts, im Erinnern, lichtet sich manchmal der Nebel. Dann merke ich: Da war mehr Sinn, mehr Führung, mehr Geduld, als ich damals zu hoffen wagte. So geht es mir auch, wenn ich ein Buch am Schluss zuschlage und plötzlich verstehe, warum die Kapitel davor so spannend, so schmerzhaft, so widersprüchlich gewesen sind.

Ein Freund von mir hat das in drastischer Weise erfahren, als er unerwartet seine Arbeitsstelle als Manager verloren hat. Das war richtig schlimm für ihn. Monate später hat er mir dann erzählt: „Gerade diese Krise hat mich gezwungen, neu zu fragen: Wofür brenne ich? Was ist mir wirklich wichtig?“ Und aus der Not wurde für ihn ein neuer Beruf, ja sogar eine Berufung. Er ist Einrichtungsleiter in einem Sozialunternehmen geworden – nicht, weil die Kündigung „gut“ gewesen wäre, sondern weil Gott in der Bruchstelle Raum geschaffen hat: für Mut, für einen neuen Weg, den er ohne diese Krise wohl nie betreten hätte.

Was hilft im Heute, wenn ich noch „vorwärts“ lesen muss? Mir hilft es, mir abends Zeit zu nehmen und zu fragen: Wo hat Gott mich heute gehalten? In einem Wort, das mich aufgerichtet hat. In einem Menschen, der da war. In einer Gefahr. Und dann sage ich danke. Und übe so, die Handschrift Gottes zu erkennen – nicht als Beweis, sondern als Spur in meinen Tagen.

Darum liegt in Luthers Satz Hoffnung: Mein Leben ist nicht ein wirres Durcheinander, das ich allein zusammensetzen muss. Gott schreibt eine Geschichte, die ich heute nur stückweise entziffern kann. Diese Gewissheit gibt mir Glaubenskraft für die Höhen – dankbar zu erkennen, wer da schenkt. Und für die Tiefen – auszuhalten, was ich noch nicht verstehe, im Vertrauen: Es wird einmal lesbar werden. Vielleicht nicht alles. Aber genug, um sagen zu können: Ich war gehalten.

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04MRZ2026
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„Wieso kann ich nicht Patin sein, nur weil ich aus der Kirche ausgetreten bin?“ Diese Frage begegnet mir im Zusammenhang mit Taufen regelmäßig.

Ich erkläre dann, dass das Patenamt bei der Kindertaufe wichtig ist: Die Paten bekennen stellvertretend für das Kind ihren Glauben und versprechen, dem Täufling den Weg zu diesem Glauben zu ebnen. Viele tun sich mit dieser Antwort schwer, denn mit den landläufigen Vorstellungen von dem, was eine Patin sein soll, hat das oft wenig zu tun. „Ich kann doch auch ohne Kirchenmitgliedschaft die christlichen Werte weitergeben“, höre ich dann.

Manchmal komme ich mir dann kleinkariert vor. Trotzdem finde ich die Regelung sinnvoll: Ich bin überzeugt, dass Glaube Gemeinschaft braucht. Da ist einmal der reiche Schatz biblischer Geschichten und Denkweisen, die nur lebendig bleiben, wenn sie erzählt und ins Hier und Heute übertragen werden. Das andere ist: Glaube bedeutet Vertrauen. Wenn ich sage: „Ich glaube an“, dann heißt das so viel wie „Ich vertraue auf …“. Ohne Menschen, die dafür einstehen – wie soll ich da lernen, zu vertrauen? Wie der Glaube braucht auch der Zweifel Gemeinschaft. Wer glaubt, dem stellen sich immer wieder knifflige Fragen. Vertrauen und begründetes Misstrauen – Glaube und Zweifel – wenn ich mich damit auseinandersetzen will, brauche ich Menschen, die mich mitsamt meinen Fragen halten und aushalten.

Eine gute Formulierung für das, was mich beschäftigt, habe ich in der Gruppenanalyse nach S.H. Foulkes entdeckt. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch in Gruppen sozialisiert wird: in der Familie und in der Gesellschaft. Wir finden uns immer schon in sozialen Netzwerken vor, die weit über den Einzelnen und über unsere Kleingruppen hinausreichen. Die Teilnehmer einer Gruppe bringen deshalb eine „Grundlagenmatrix“ mit, die sie im Blick auf Kultur und Werte prägt. Davon unterscheidet Foulkes die „dynamische Matrix“ einer Gruppe: das ist, was für die einzelnen erlebbar und – bewusst oder unbewusst – aktiv kommuniziert wird. Als Kirche prägen wir die Grundlagenmatrix unserer Gesellschaft in Kunst, Architektur, Literatur oder Werten. Wer Patin wird, geht darüber hinaus und sagt: Ja, ich lasse mich in die dynamische Matrix des Christentums hineinnehmen: Wenn ich einem Kind mit seinen religiösen Fragen begegne, dann ist das etwas zutiefst Lebendiges. Gemeinsam sind wir dann Teil eines weltweiten und über zweitausend Jahre hinwegreichenden Netzwerks: ein Kontenpunkt einer Kommunikation, verbunden mit vielen anderen.

So individuell wir auch sind: Christin sein – das kann keine für sich allein.

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03MRZ2026
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Als Jugendliche habe ich Saxophon gespielt. Leider hat es zum Improvisieren nie wirklich gereicht. Dazu hätte ich mehr Tonleitern üben müssen und zumindest das Blues-Schema verinnerlichen. Erst wenn einem das so richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist, entsteht ein Stück Freiheit, in der sich Neues entwickeln kann.

Improvisieren – ich habe den Eindruck: In unserer Gesellschaft ist diese Kunst gerade sehr gefragt. Die digitale Wende, die veränderten weltpolitischen Konstellationen – all das zwingt uns dazu, viel weniger nach Noten zu spielen als die Generationen vor uns. Auch in der Kirche ist das ein großes Thema: Wie können wir uns freispielen und inspirieren lassen, wenn die Grundakkorde – oder: -strukturen – nicht mehr klar sind?

Manchmal halten wir uns dann krampfhaft an den Noten fest – auch wenn das schon lange nicht mehr gut mit der Hintergrund-Musik zusammenpasst. Die hat sich in den letzten Jahren radikal verändert: Der Traditionsabbruch ist groß und eine religiöse Sozialisation eher die Ausnahme als die Regel.

Solche Situationen verunsichern und sie machen Angst. In der Kirche und auch sonst. „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ich mag den Satz aus den Psalmen, weil er beides enthält: Grenzen und Freiheit, Akkorde und Melodie. In einer religiösen Weltsicht sind wir nicht „zur Freiheit verdammt“, wie Sartre einmal formuliert hat. Wir sind stattdessen in einen weiten Raum hineingestellt, den es zu gestalten gilt und der voller Möglichkeiten steckt. Zugleich ist dieser Raum begrenzt. Wir sind als Menschen nicht allmächtig, sondern auf andere angewiesen und von ihnen abhängig. Egal, ob wir mit ihnen einer Meinung sind oder nicht. Jeder hat Fähigkeiten, die er einbringen und mit denen er spielen kann – und Grenzen dessen, was für ihn persönlich möglich ist. Das zu spüren, ist manchmal schmerzhaft, aber es gibt eben auch Halt.

Wo in unserer Gesellschaft das Gefühl für unsere Grenzen und für tragende Strukturen abhandenkommt, werden wir ungehalten im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Eindruck ist: Der Erfolg von Populisten aller Couleur – der hat auch etwas mit dieser großen Verunsicherung zu tun. Auf einmal sind die Tonarten nicht mehr klar – also kehrt man zu sehr einfachen Melodien zurück und wiederholt sie ohrwurmartig.

Vielleicht sollten wir die Möglichkeiten zur Improvisation mehr feiern. Dazu gehört viel Arbeit: das eigene Handwerkszeug beherrschen, gute Absprachen treffen – und hinhören. Dann können wir Neues entwickeln – uns an einem guten Sound freuen. Ich weiß aus Erfahrung: Die Mühe lohnt sich, wenn es am Ende gut klingen soll.

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02MRZ2026
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Wer sich fürs Klima einsetzt, der ist im Moment oft frustriert. Es ändert sich nichts, dabei ist der Klimawandel von einer eher abstrakten Theorie zu einer spürbaren Realität geworden. Kaputte Wälder, trockene Böden – wovor ich in der Grundschule Angst hatte, ist vielerorts längst eingetreten.

Wissenschaftler sagen: „Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, ob die Erde für die Menschen langfristig bewohnbar bleibt oder nicht.“[1] Das wissen mehr oder weniger alle – aber wir kümmern uns erstaunlich wenig darum. Manchmal frage ich mich, ob die ganzen gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen, mit denen wir es gerade zu tun haben, so etwas wie kollektive Abwehr sind: Solange wir uns damit herumschlagen, müssen wir der eigentlichen Katastrophe nicht ins Auge sehen. Dabei klopft sie mehr als bloß zaghaft an unsere Tür.

Die Mannheimer Mittelalterforscherin Annette Kehnel fragt, wieso wir die notwendigen Veränderungsprozesse nicht endlich angehen. Sie bescheinigt den Menschen im Mittelalter eine wesentlich größere Transformationsbereitschaft als uns heute.[2]

Dabei entdeckt sie bei den Menschen des Mittelalters unter anderem eine religiöse Motivation für nachhaltiges Handeln. Sie sagt: Ähnlich wie heute im Blick auf den CO2-Ausstoß sind sich die Menschen damals bewusst gewesen, dass man nicht leben kann, ohne Schaden anzurichten. „Sünde“ war und ist das Wort dafür. Die Erfindung des Fegefeuers hat nun das eigene Heil mit dem der nachfolgenden Generationen verbunden: Die Enkelgeneration musste dafür beten oder Ablass erwerben, dass die eigene Seele aus dem Fegefeuer springt. Wohl dem, der sich gut mit den nachfolgenden Generationen gestellt hat: der die Seen nicht überfischt, den Wald nicht gerodet, die Lebensgrundlage nicht verdorben hat.

Nun will ich gewiss nicht die Höllenangst vorm Fegefeuer oder den Ablasshandel zurück. Aber der Gedanke, dass wir unser Seelenheil nicht denken können, ohne die Generationen nach uns in den Blick zu nehmen, der berührt mich.

Kehnels Gedankengang hat mir diesen Floh ins Ohr gesetzt: Dass ich endlich mehr tun will, um mich für eine lebenswerte Welt einzusetzen. Der Beginn der Fastenzeit ist lange schon vorbei. Und auf Schokolade zu verzichten, hat mir noch nie viel gegeben. Aber mich fürs Klima einsetzen – das ist zutiefst sinnvoll. Die Seite „klimafasten.de“ hat auch für fastenkritische Spätzünder wie mich wunderbare Anregungen. Vielleicht schauen Sie ja auch mal dort vorbei. Und sagen es noch einer anderen Person. Dann sind wir schon drei. Drei kleine Schritte – das wäre doch schon was.

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[1] Hirschhausen, Kirche! Tu was!, in: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2023/53873/eckart-von-hirschhausen-ueber-klimaschutz-und-kirche#comments-list, vgl. dort auch zum Folgenden.

[2] Vgl. „Dunkles Mittelalter? Von wegen! So lebten wir 1224, WDR-Zeitzeichen.

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