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Im Winter bin ich mit einem Freund durch Patagonien geradelt. Durch dieses wunderschöne und weite Land am südlichen Ende Südamerikas. Eines Abends, nach einem langen, staubigen Tag auf dem Rad, sind wir auf einem kleinen Bauernhof weitab jeglicher Siedlung untergekommen. Der Besitzer hatte von seinem Stall ein Stück abgetrennt und so einen Raum geschaffen, den er an Radfahrer, Motorradfahrer oder Wanderer vermietete. Am Abend saßen wir hinter dem Stall, tranken etwas und genossen die Abendsonne. Es war das reinste Paradies. Da gab es Schafe, Kühe, Hunde, Pferde, Truthähne, Hühner, zwei Esel, Katzen und vier oder fünf Hunde. Die verschiedenen Tierarten lebten nicht voneinander getrennt, sondern liefen frei und bunt durchmischt auf dem Hof und der Weide herum, ohne, dass sie sich gegenseitig störten. Es war ein paradiesischer Ort mit einer harmonischen, friedlichen Stimmung. So muss es im Garten Eden gewesen sein - Zu schön, um wahr zu sein, dachte ich, wie ich da müde saß und einen Hund im Nacken kraulte. Die Hunde lagen allesamt faul in der Sonne und rührten sich kaum. Ihr habt einen guten Job als Wachhund, dachte ich mir: Hier gibt es nichts zu bewachen.
In der Nacht konnte ich aber kaum schlafen. Denn in der Nacht herrschte Krieg. Kein Wunder, dass die Hunde tagsüber träge und erschöpft waren, denn die ganze Nacht über hatten sie zu kämpfen. Unablässig bellten sie, rannten über den Hof, kläfften, knurrten. Denn in der Nacht war das Idyll in Gefahr. Da drangen die wilden Tiere herein und hatten es auf die wehrlosen Tiere abgesehen. Die heile Welt des Tages war in der Nacht ein Schlachtfeld.
Am Morgen lagen die Hunde erschöpft da oder trotteten zu uns, um sich ihre Streicheleinheiten abzuholen. Die bekamen sie. Wie ich einen von Ihnen, der den Kopf auf meinen Schoß gelegt und über dem linken Auge einen Kratzer hatte, streichelte, wurde ich traurig. Denn ich habe mich an den Wohnwagen erinnert, den ich als Jugendlicher mit meinen Freunden auf ein Grundstück gestellt hatte. An dem wir uns trafen, ungestört und frei waren, an dem wir unsere Idylle hatten. Dieser für mich heile Ort meiner Jugend wurde irgendwann geräumt, weil er offensichtlich nicht so ganz in die damalige Kleinstadtwelt passte. Und ich habe mich gefragt, ob so eine friedliche Idylle letztendlich nicht immer nur eine Illusion ist. Ob immer jemand kommt, der sie bedroht, wahrscheinlich weil er sie nicht aushält oder neidisch ist. Oder ob es irgendwann mal ein Paradies geben kann, dass man sich nicht hart erkämpfen muss oder aus dem man nicht vertrieben wird.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44168Ich bin am Samstag vor Pfingsten getauft worden. Das ist urlange her, noch vor dem zweiten Weltkrieg, aber der Tauftag ist mir immer wichtiger geworden, auch jetzt wieder auf Pfingsten zu, dem Fest der Geistbegabung. Was ist aus der Initiation von damals geworden? Und wer möchte ich geworden sein, wenn ich diese Welt verlasse? In jedem Fall ein überzeugter Christ oder sagen wir ein geistlicher, ein spiritueller Mensch. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich auf diese Schiene zum Christwerden gesetzt wurde. Inzwischen bin ich überzeugt davon, dass Jesus kennen und Beten können ein wahnsinniges Geschenk sind. Und das hat mit jener Gottesenergie zu tun, die wir Heiligen Geist nennen. Es ist jene Ermutigung, dank der wir Christen Vaterunser beten und Jesus den Christus nennen, den Vorläufer unseres Glaubens. Das eigene Leben gerät unter ein gesegnetes Vorzeichen, der Blick in die Welt wird ein anderer. Deshalb bei der Taufe auch das Wasser. Ursprünglich wurde man da richtig untergetaucht, wie im Schwimmbad oder im Fluss. Am ganzen Körper sollte die Veränderung spürbar werden: wie neu geboren, sagen wir ja auch nach einem Vollbad oder einer Ganzkörperpflege. „Seele des Menschen, / wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.“ So dichtete Goethe einmal. Und im Johannesevangelium heißt es aus dem Mund Jesu: „Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist wiedergeboren wird, kann er nicht in jene Welt eintreten, die Gottes Willen entspricht.“ (Joh 3,6). Welch schönes Bild für das Wirken des Heiligen Geistes: der Wind, der das Wasser bewegt, mal zärtlich, mal stürmisch.
Auch dieses Jahr habe ich in der Osternacht mein Taufversprechen erneuert. Widersagst, widersteht du dem bösen Geist, der kaputt macht? Ja, hoffentlich. Glaubst du an den guten, heiligen Geist, der das Angesicht der Erde erneuert? Ein klares Ja, aber mit Gänsehaut! Welch eine Entscheidung, welch eine Verantwortung! Aber auch: welches Glück. Ich weiß, wo ich hingehöre. Ich weiß, wo ich herkomme und wo ich hingehe. Und ich bin nicht allein. Man kann sich ja nicht selbst taufen – genau so wenig, wie man sich selber küssen kann. Immer sind wir Empfänger zuerst. In dem ältesten Tauflied, das uns erhalten geblieben ist, werden wir Getauften deshalb so angesprochen: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein!“ (Eph 5,14)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44398Sollte ich auf den Punkt bringen, was mir der christliche Glaube bedeutet, würde ich sagen: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“. Das ist die Übersetzung aus einem Lied von Huub Oosterhuis, die es in sich hat. Das Atmen ist ja bekanntlich so elementar, dass wir es meist erst bei Störungen merken: etwa bei Atemnot. Zudem ist Atmen etwas ganz Intimes, bis in Rhythmus und Geruch hinein. Je bewusster wir uns dem Ein- und Ausatmen überlassen, desto mehr können wir jene gewaltige Schwingung spüren, die uns sein lässt und am Leben erhält. Heute schon geatmet, durchgeatmet? Mit breiter Brust und bis in den Bauch und die Zehen? Und noch etwas gehört zum Wunder des Atmens: wir machen wie selbstverständlich Gebrauch von etwas, das größer ist als wir selbst. Die Luft ist da, wir produzieren sie nicht selbst. Ja, und auch dies: in der Luft, die ich ein- und ausatme, ist der Atem so vieler anderer schon mit drin. Ob dünne oder dicke Luft, ob sauber oder verschmutzt, es macht etwas mit meinem eigenen Atem und seinen Wegen. Goethe hat das in Versen des iranischen Dichters Hafis besungen: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden. / Die Luft einziehen, / sich ihrer entladen; / jenes bedrängt, dieses erfrischt; / So wunderbar ist das Leben gemischt. / Du danke Gott, wenn er dich presst, / Und danke ihm, wenn er dich wieder entlässt.“
Im Glauben an Gott gebe ich meinem Atem eine Richtung und Adresse: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“. Verrückter geht’s nicht: „Mein Atem“, unverwechselbar ich selbst, bist nun Du. Welche eine Intimität. Du, ein Gegenüber, und ich, wir gehören zusammen. Ich muss ans Küssen denken. Da berühren Lippen und Zunge einander, und der je eigene Atem fließt doch zusammen mit dem eines anderen, so innig nah und gegenüber. Meine Kurzformel also sagt: der unbegreifliche Gott ist mir näher als ich mir selbst, und ich selbst verlasse mich ganz in dieses Gegenüber hinein. Beten nennt man das in der Sprache der Religionen, kontemplatives Innehalten und meditatives Hineinhorchen. Nicht zufällig ist das Wunderwerk des Atmens in allen Religionen zentral. Das Wort „Spiritualität“ kommt ja von „spiritus“: Hauch, Luft, Atem. Man könnte auch vom Geist sprechen, klänge das im Deutschen nicht so verkopft und unsinnlich. Wie hinreißend konkret und leibhaft dagegen dieses Atmen: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44397Diese Woche vor Pfingsten ist etwas Besonderes. Nein, ich meine nicht die günstige Urlaubszeit mit den Feiertagen. Ich denke an die christliche Inszenierung in Kalender und Liturgie. Vor vier Tagen haben wir Christen Himmelfahrt Jesu gefeiert, seinen endgültigen Heimgang. Wir haben uns gefreut, dass er den Durchbruch geschafft hat und nun siegreich heimkehrt. Aber nun ist er endgültig weg, und der versprochene Schöpfer-Geist ist noch nicht da. Die zehn Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sind eine Art Intermezzo und Vakuum. Wir bekommen schmerzhaft zu spüren, wie sehr uns das fehlt, was mit Jesus in die Welt kam. Welch eine Wartezeit, symbolisch auf diese zehn Tage verkürzt. So jedenfalls inszenieren das Bibel und Kirche. Deshalb jetzt die Bittprozessionen und all die Kirchenlieder: „Komm, Heiliger Geist“, und zwar möglichst schnell und reichlich. Ja, Christsein heißt auch: Jesus vermissen.
Lassen Sie es mich zugespitzt formulieren: diese zehn Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sind eine geistlose Zeit. Nie spüren wir mehr, was uns fehlt: dieser Gottesgeist nämlich, der uns an Jesus erinnert und das Angesicht der Erde erneuert. Es ist jene Geistkraft, die aus feigen Jüngern mutige Kronzeugen machte und uns der Resignation entreißt, der Gleichgültigkeit. Ja, angesichts der Weltlage mehr denn je brauchen wir Ermutigung und Stehvermögen, Aufstehvermögen. Und nicht nur wir Christen! Es scheint ja fast, als seien wir von allen guten Geistern verlassen. Allzu oft herrscht das Recht des Stärkeren und der eigene Vorteil. Wenn es sein muss, wird gelogen, dass sich die Balken biegen, das Völkerrecht wird in Frage gestellt, Empathie und Solidarität gelten als Schwäche, die Schwarzmalerei im Blick auf die Zukunft nimmt zu, auch die Angst vor dem sozialen Abstieg.
Umso mehr schreien wir Christen nach dem Geist Jesu: mit ihm kam ja wirklich eine neue Lebensart in die Welt, ein unglaubliches Vertrauen auf Gottes Reich und Weltherrschaft. Ganz konkret in Gestalt von Erbarmen und Gerechtigkeit, von Vergebung und Zusammengehörigkeit. Endlich soll es überall so werden, wie es damals bei Jesus begann. Deshalb die dringende Bitte: „Komm, heiliger und heilender Geist. Befreie uns von Gleichgültigkeit und Resignation, befähige uns, wo es sein muss, zum Widerspruch und Widerstand“ – und bitte, bitte: lass uns diesen Jesus nicht vergessen, und den, zu dem wir sprechen dürfen: Vater Unser. Auf dass wir nicht länger von allen guten Geistern verlassen sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44396„Es ist noch früh am Tage, die Sonne hat kaum die Hälfte ihres Weges zurückgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, dass es mir betäubend zu Kopfe steigt“. So erinnert sich Heinrich Heine an seine berühmte Harzwanderung, die er im Jahr 1824 unternommen hatte.
Und voller Begeisterung geht es weiter: „Wie ein Meer des Lebens ergießt sich der Frühling über die Erde, der weiße Blütenschaum bleibt an den Bäumen hängen, an den Dächern bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, auf der Straße wandeln die Leute, und wundern sich, dass ihnen selbst so wunderlich zu Mute ist“
Herrlich, dieser Überschwang, finde ich. Maienausflüge sind anscheinend nicht erst seit heute beliebt. Und können eine Menge zur seelischen und körperlichen Gesundheit beitragen. Gerade wenn sich im Leben manches verfinstert, dann tun der Blick ins Offene und der Gang ins Freie Körper und Seele gut.
Heine fügt sogar noch hinzu: „Lebet wohl, ihr glatten Säle! Glatte Herren! Glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, lachend auf euch niederschauen.“
Übrigens: Heines „Harzreise“ ist neben vielem anderen eben auch ein Plädoyer gegen platten Rationalismus. Der Dichter fürchtet den Tunnelblick eines „Vernunftabsolutismus“ mancher Zeitgenossen. Weil die von ihnen hochgepriesene Vernunft, so meint er, „das Herrliche aus dem Leben herausphilosophiert, alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen“.
Ein anderer Dichter, der Jahrhunderte vor ihm gelebt hat, hatte es ihm schon vorgemacht. Paul Gerhardt, dessen Todestag sich jetzt im Mai zum 350. Mal jährt. Sein Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ ist ein großer Gesang, der durch alle Finsternis hindurch den Blick hebt auf die Schönheit der Welt und die Wunder der Schöpfung.
Ich glaube, die beiden hätten sich in ihrer Naturliebe und Schöpfungsbegeisterung gut verstanden. Beiden ist ja der Impuls gemeinsam: bleib nicht sitzen in deiner trüben Stimmung, sondern mache dich auf! Es gibt doch so vieles, was die Seele fliegen lässt, das Herz öffnet, und den Blick weitet. Du musst es nur suchen. Also: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44406„Maikäfer, flieg!“ Das Lied haben wir als Kinder gesungen und uns nicht viel dabei gedacht. Wir haben Maikäfer, die in Mengen unter den Straßenlaternen schwärmten, gefangen, mit frischen Buchenblättern versorgt und sie in den Zigarrenkisten unserer Väter aufbewahrt. Ein paar Tage später haben wir sie dann wieder ins Freie gelassen. Maikäfer flieg!
Aber das Lied geht ja weiter: „Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt.“ Heute erst wird mir richtig bewusst, wie vordergründig die Idylle ist, die das Lied beschreibt. Was ich höre, ist die sanfte Melodie eines Wiegenliedes. Dahinter aber verbirgt sich das Grauen des Krieges. Vater und Mutter sind im Krieg. Die Heimat: verbrannte Erde. Und die kann überall sein. In Pommerland. Oder im Donbass. Im Nahen Osten. Im Iran oder Sudan.
Ich spüre die scharfe Dissonanz zwischen dem Vordergründigen und dem Hintergründigen dieses Liedes. Die absurde Gleichzeitigkeit: das Aufsteigen von Maikäfern, und das Fallen von Bomben. Ich frage mich auch: wer singt eigentlich dieses Lied? Vielleicht ein älteres Kind, das sein jüngeres Geschwisterchen trösten will? Eine Verwandte, die für die verschollenen Eltern einspringt und Hoffnung macht für die Zeit danach, wenn Maikäfer wieder fliegen dürfen ohne das Grauen des Krieges im Hintergrund?
Und dann denke ich: wer einen Maikäfer fliegen lässt, hat noch einen Hoffnungsfunken in sich aufbewahrt, weiß noch, dass es eine heitere und freundlichere Welt gibt. Vielleicht so wie sie der Prophet Jesaja im Alten Testament beschrieben hat. Wenn eine Zeit kommt, wo der Wolf beim Lamm wohnt, und der Panther beim Ziegenbock. Und ein kleines Kind sich gefahrlos zwischen ihnen bewegen kann.
Und ich denke: wenn Menschen sich schwer tun mit dem Frieden, dann erinnert mich Gottes Schöpfung daran, dass Krieg kein unausweichliches Schicksal ist.
Darum können uns, finde ich, diese kleinen Zeichen und Hinweise helfen: Dass Maikäfer fliegen. Und Kinder singen. Dass Lieder trösten. Und Menschen Acht aufeinander geben. Und eines Tages vielleicht sogar miteinander Frieden schließen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44405„Timmy ist abgetaucht“, lautet die neueste und womöglich letzte Schlagzeile über den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal. In den letzten Wochen hat er viele Gemüter bewegt - jetzt schwimmt er wieder in der Nordsee, wo er hingehört. Der Peilsender, der auch weiterhin Auskunft über sein Schicksal geben sollte, ist verschwunden oder funktioniert nicht wie vorgesehen. Fast sieht es so aus, als hätte der Wal all den Experten, Schaulustigen, Regierungen und Sponsoren, die sich so intensiv mit seinem Wohlbefinden beschäftigt haben, ein Schnippchen geschlagen. Ich bin dann mal weg …! Möge er seinen Frieden finden, wünsche ich ihm, durch ein unbeschwertes Leben oder durch einen sanften Tod!
Bis zuletzt hat Timmy alles auf den Kopf gestellt. Übrigens auch eine biblische Geschichte, an die ich in den letzten Wochen dieses Waldramas oft habe denken müssen. Da retten nicht Menschen einen gestrandeten Wal, sondern ein Wal rettet einen gestrandeten Menschen. Es handelt sich um den Propheten Jona. Der will abtauchen. Nicht vor den Augen einer allgegenwärtigen Öffentlichkeit, sondern vor Gott höchstpersönlich und vor einem göttlichen Auftrag, dem er sich nicht gewachsen fühlt. Weil er aber die Auseinandersetzung mit seinem göttlichen Auftraggeber scheut, bleibt ihm nur die Flucht: Er heuert auf einem Schiff an, das ihn ans andere Ende der Welt bringen soll – weit weg von irgendeiner Verantwortung. Aber der Mensch entkommt seiner Verantwortung nicht. Das muss auch Jona erfahren. Ein Sturm kommt auf; die Mannschaft wirft ihn über Bord. Jona sieht sein letztes Stündchen kommen, da taucht in letzter Minute ein riesiger Fisch auf und verschluckt ihn. In dessen Leibeshöhle hat er Zeit zum Nachdenken, zum Beten, ja, schließlich für einen umfassenden Sinneswandel. Geläutert spuckt ihn der Fisch nach drei Tagen ans rettende Ufer.
Ein Wal hat einen Menschen gerettet. Ihn im besten Sinn des Wortes geborgen und ihm eine zweite Chance gegeben. So wie Timmy uns viele Chancen gegeben hat, über unseren Auftrag für die Welt nachzudenken. Jona hat seinen Auftrag schließlich erfüllt, Verantwortung übernommen – aber das ist wieder eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44368Nun geht es also dem alten Bismarck an den Kragen. Schon in vielen deutschen Städten sind Straßen und Plätze umbenannt worden, wenn sich herausgestellt hat, dass deren Namensgeber – ich sage es mal salopp - Dreck am Stecken hatten. In Stuttgart hat gerade ein Diskussionsprozess begonnen, in dem über den Namen Bismarck im öffentlichen Raum verhandelt werden soll. Rund 3000 Bismarckplätze, -straßen, -türme, -gymnasien und -Denkmäler gibt es deutschlandweit - die ganzen Bismarckheringe noch gar nicht mitgezählt. Zu Beginn 20. Jahrhunderts wurde der Reichsgründer, Reichskanzler und Begründer der Sozialgesetzgebung wie eine Lichtgestalt verehrt. Hundert Jahre später blickt man viel kritischer auf seine autoritäre Staatsführung, seinen harten Umgang mit politischen Gegnern und die von ihm verantwortete Kolonialpolitik.
In Stuttgart ist das erste Stadtgespräch zum Thema gut verlaufen. Es ist deutlich geworden, dass es nicht um einfache Ja-Nein-Lösungen geht, sondern darum, die Widersprüche einer Persönlichkeit zu benennen und zu gewichten. Erinnerungskultur verändert sich. Und eine Gesellschaft muss sich mit ihrer Geschichte immer wieder neu auseinandersetzen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Straßen in neu entstehenden Stadtvierteln zum Beispiel gern mit harmlosen Blumen- oder Vogelnamen versehen; da konnte man praktisch nichts falsch machen. Es gab aber auch Siedlungen, in denen sich eine Sudetenstraße, eine Banater Straße und eine Königsberger Straße kreuzten – ein bewusstes Statement, um den Geflüchteten, die dort eine Heimat verloren hatten, zu signalisieren, dass ihre Herkunft nicht vergessen und ihre Zukunft nun Teil westdeutscher Siedlungsgeschichte sein würde.
Namen sind Schall und Rauch? Mitnichten! Namensgebung ist ein hoch politisches Ding. Auch bei Straßen und Plätzen. Wie es mit Bismarck weitergehen wird? Ich bin gespannt. Und ich finde, er hat nun wirklich eine lange Zeit in Ehren gehabt und könnte ruhig hie und da seinen Platz räumen. In Stuttgart ist Betty Rosenfeld im Gespräch. Eine Frau statt eines Mannes. Eine Jüdin statt eines Protestanten. Und ein Opfer der Nationalsozialisten statt eines Helden des ersten deutschen Reiches. Die Zeit wäre reif.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44367Der letzte Urlaubsabend in den Hügeln Liguriens. Die Koffer sind gepackt für die Abreise am frühen Morgen. Jetzt wollen wir es uns noch einmal so richtig gut gehen lassen und essen gehen. „Dolce vita, da Pepe, nonna Jolanda, la vecchia taverna …“ Die Liste der infrage kommenden Restaurants in der Umgebung ist so lang wie wohlklingend. Die beste Bewertung allerdings hat ein Lokal mit einem ungewöhnlichen und noch dazu englischen Namen: Serendipity. Ich habe das Wort noch nie zuvor gehört, buche aber bereitwillig einen Tisch und mache mich dann auf die Suche nach dessen Bedeutung.
Erste Entdeckung: Ein Engländer hat das Wort erfunden, weil es einfach noch keins gab für das, was er zum Ausdruck bringen wollte, nämlich die Freude über einen glücklichen Zufall. So plündert er ein persisches Märchen, in dem „drei Prinzen von Serendip“ auf einer Reise lauter zufällige Entdeckungen machen. Sogar das Datum ist bekannt, an dem das Wort entstanden ist: der 28. Januar 1754. Großartig! Aber erst zweihundert Jahre später macht das Wort so richtig Karriere: Serendipität bezeichnet jetzt das zufällige Stolpern über eine Sache, nach der man nicht gesucht hat, die aber ein Problem auf überraschende Weise löst.
Zum Beispiel: Kolumbus sucht einen Seeweg nach Indien, entdeckt stattdessen aber einen neuen Kontinent. Oder: Der schottische Bakteriologe Alexander Fleming räumt sein Labor nicht ordentlich auf, bevor er in Urlaub fährt. In zwei dreckig gebliebenen Petrischalen schimmelt es gewaltig vor sich hin. Als er wiederkommt, entdeckt er in der vor sich hin gegammelten Masse das Penicillin und revolutioniert die Behandlung bakterieller Erkrankungen.
Eine glückliche Mischung aus einem Zufall und einem Geistesblitz. Das gefällt mir. Und ich verstehe es so: Gott hat die Welt geschaffen und sie mit wunderbaren Geheimnissen ausgestattet. Einigen ist der Mensch schon von ganz allein auf die Spur gekommen. Bei anderen braucht es noch so einen kleinen göttlichen Wink und einen Menschen mit offenen Augen und wachen Sinnen, empfänglich für Neues. Dann kann so ein Zufall zur Quelle für große Entdeckungen und kleine Freuden werden. Das Restaurant Serendipity hat sich übrigens am Ende nicht als Offenbarung erwiesen. Aber halb so wild - dafür habe ich ja etwas anderes entdeckt. Was für ein wunderbarer Zufall!
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Der heutige Tag wird als „Europatag“ begangen. Er erinnert an die so genannte „Schuman-Erklärung“ am 9. Mai 1950. Der damalige französische Außenminister Robert Schuman hat an diesem Tag vor 76 Jahren seinen Plan vorgestellt: für die so genannte „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“. Damit war der Grundstein gelegt für die Europäische Union, wie wir sie heute kennen.
Ich finde das immer wieder zutiefst beeindruckend: Welche
unbeschreibliche Hoffnung, welche Zuversicht Politiker wie Robert Schumann damals getragen haben muss - gerade einmal fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Niemand konnte wissen, wie dieses europäische Projekt ausgeht. Ob es möglich sein wird, Erbfeindschaften und den unheilvollen Nationalismus zu überwinden. Blauäugig optimistisch aber war diese Gründergeneration sicherlich nicht.
„Was ist los mit Dir, Europa?“ hat Papst Franziskus laut und vernehmlich gerufen.
Vor zehn Jahren hat er den „Karlspreis“ der Stadt Aachen erhalten; eine besondere Auszeichnung für diejenigen, die sich um ein friedliches und geeintes Europa besonders verdient gemacht haben.
In seiner Dankesrede hat Franziskus dazu aufgefordert, sich an die Gründerväter und deren Ideale zu erinnern.
Eindringlich hat Papst Franziskus gefragt, angesichts des häufigen Abgesangs auf ein friedliches und geeintes Europa: „Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?“
Auch in diesem Jahr steht der Europatag wieder unter zum Teil bedrückenden Vorzeichen: Da tobt ein Krieg auf europäischem Boden, im „humanistischen Europa“ suchen Menschen wieder in nationalistischen, autoritären und freiheitsfeindlichen Gedanken-Konstrukten Zuflucht und Heil. Und auch unter Christinnen und Christen gibt es durchaus Europaskeptiker und Europagegner.
Ermutigen wir uns heute doch gegenseitig: In dem wir uns erinnern, wie Papst Franziskus es gesagt hat:
„Die Kreativität, der Geist, die Fähigkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, gehören zur Seele Europas“.
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