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Noch klingen Neujahrswünsche nach, noch ist etwas zu spüren von den freien und festlichen Tagen um Weihnachten und Jahreswechsel. Noch habe ich Jochen Kleppers bekanntes Kirchenlied im Ohr: „Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. / Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.“ (Gotteslob Nr. 257) Welch tiefes Vertrauen, welch zuversichtliche Orientierung auf ein klares Ziel – und mitzitternd das Wissen, wie schwierig alles ist. „Dieses Jahres Last“ hat 1938 einen konkreten Namen: Judenverfolgung durch die Nazis, und Kleppers Frau war Jüdin, beide dadurch mit den zwei Töchtern in erheblichen Schwierigkeiten schon. Umso beschwörender die Bitte um bessere Verhältnisse, die Hoffnung auf Gottes wirkende Treue. Dreh- und Angelpunkt dabei ist Weihnachten: Erschienen ist da die Menschenfreundlichkeit Gottes, und die ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen; auf die kann man sich immer verlassen. Weihnachten ist nicht nur ein kalendarisches und liturgisches Datum, es gibt die Musik fürs ganze Jahr vor. Und jedes Kirchenlied, allesamt gesungene Gebete, ist vertrauensvoll angesungen gegen widrige Verhältnisse. Es gibt keinen Grund zu resignieren und zu schweigen, auch heute nicht.
Dieses Lied zum Neuen Jahr zieht seine Kraft sogar aus der nüchternen Einsicht, dass all unser Tun vergänglich ist, auch das Böse. Das freilich bliebe ein schwacher Trost, wenn es seit Weihnachten nicht diese besondere Zusage gäbe gemäß Kleppers Lied: „Da alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen noch zerrinnt, sei du selbst der Vollender. Die Jahre, die du uns geschenkt, wenn deine Güte uns nicht lenkt, veralten wie Gewänder.“ Jeder Augenblick trägt das Wasserzeichen von Gottes führender und fügender Gegenwart – die aber will erbeten und gelebt, ersungen und auch erlitten sein. „Wenn deine Güte uns nicht lenkt“ - das heißt ja auch: wenn wir uns von deiner Güte nicht lenken lassen. Die christliche Zentralbotschaft „Erschienen ist die Menschenfreundlichkeit Gottes“ will täglich gehört und gelebt sein. Welch gutes Vorzeichen am Anfang eines neuen Jahres - diese alles bestimmende Grundüberzeugung. Dank und Bitte zugleich: „Der Du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unserer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten!“
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Früher hatte man mehr Zeit. Da feierte man Weihnachten vierzig Tage lang. Erst am zweiten Februar, an Mariä Lichtmess, wurden die Krippen abgebaut und die Christbäume entfernt. Dass Christus geboren wurde, war so umwerfend, dass man mehrere Wochen brauchte, um das einigermaßen zu verkraften. Zu groß war die Freude, zu unglaublich das Ereignis: „Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget, / sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget“ - so heißt es in einem der schönsten Weihnachtslieder, vom evangelischen Mystiker Gerhard Tersteegen (Gotteslob Nr. 251). Und weiter: „Gott ist im Fleische. Wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.“ Himmel und Erde werden da als Zeugen aufgerufen, und können sich vor Freude nicht einkriegen.
Nein, ich will die Uhr nicht zurückdrehen. Das Weihnachtsfest liegt längst hinter uns, fast zwanzig Tage schon. Das Neue Jahr hat schon wieder Fahrt aufgenommen. Aber ehrlich gesagt: ich bin mit Weihnachten noch nicht fertig, ganz im Gegenteil. Nicht nur, dass solche Liedverse nachklingen und schöne Erinnerungen da sind. Die Botschaft selbst ist so aktuell, dass ich sie ins Neue Jahr mitnehmen möchte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden“ – was könnte wichtiger sein? Dass mit diesem Jesus endgültig der Durchbruch geschafft ist, ist ja wirklich unglaublich. „Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden“, dichtete Tersteegen. Frieden ist möglich geworden, überall und jederzeit abrufbar. Freundschaft ist das grundlegende Beziehungsmodell, nicht Rivalisieren und Kriegen. Ja, Weihnachten ist nicht nur ein Datum im Kalender, es ist das Vorzeichen zuversichtlichen Lebens. Recht hatten unsere Vorfahren, wenn sie fortan alles „nach Christi Geburt“ datierten – als wär‘s der Notenschlüssel zum ganzen Jahr, eine Art Wasserzeichen für jeden Tag.
Freilich: Zur Weihnachtsgeschichte gehört auch, was wohl alle zu spüren bekommen: Menschwerden ist nichts für Feiglinge, und der Lebensweg Jesu war nicht ohne. Auch seine Geburt wird schon vom Kreuz her erzählt, und beides im Licht von Gottes Schöpfertreue und Auferweckungskraft. Der Lebensweg zur österlichen Vollendung kann sehr mühsam sein. Billiger ist schon Weihnachten nicht zu haben. Das zu erfahren und zu leben, ist jeder Tag eine Chance, eine gesegnete.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43617An der Wand im Flur lehnt schon der erste Fünferpack mit Kartons. Nur noch sieben Wochen bis zu meinem Umzug. Es ist Zeit, mit dem Packen und Aussortieren anzufangen. Entschlossen schneide ich das stabile Plastikband auf und falte den ersten Karton.
Dann öffne ich die oberste Schublade der Kommode im Flur. Tischdecken – kein Problem, rein damit. Daneben liegt ein Stapel Gebrauchsanweisungen – die Hälfte der Geräte habe ich gar nicht mehr ... weg damit. Ganz hinten in der Schublade ist ein kleiner Schmuckkarton. Ich finde darin Dekomaterial aus dem Büro meiner vorletzten Stelle. Mit einem Lächeln denke ich an die wunderbaren Kolleginnen dort. Plötzlich kommen mir Tränen – eine dieser Kolleginnen ist letztes Jahr gestorben.
Eine ganze Weile knie ich zwischen Karton und Kommode und erinnere mich an gemeinsame Projekte und schwelge in Erinnerungen. Schließlich nehme ich einen einzigen Gegenstand heraus und lege ihn in die Umzugskiste.
In der nächsten Schublade sind die Fotoalben. Ich blättere darin. Da sind Fotos von Menschen, zu denen der Kontakt abgerissen ist. Dann schaue ich mir Bilder aus unbeschwerten Zeiten an. Ich lächle und werde ein wenig melancholisch. Als ich die Alben endlich in die Umzugskiste packe, spüre ich eine tiefe Dankbarkeit für alles, was ich erlebt, überstanden, verwunden habe.
Die schwierige Zeit als junge Erwachsene mit all diesen Unsicherheiten: wer ich bin, was ich kann, was ich will. Die ersten beruflichen Erfahrungen – Sternstunden und Irrtümer. Die Kinder mit ihren ganz eigenen Temperamenten. Und so viele Menschen, die wichtige Ereignisse ihres Lebens mit mir geteilt haben. Kostbare Erfahrungen.
Nach drei Stunden bin ich durch mit Erinnern, Sortieren, Entscheiden. Ich mache meinen ersten Umzugskarton zu und beschrifte ihn. Bei den Büchern wird es hoffentlich schneller gehen.
Gut gefüllt ist auch mein Herz nach diesem Rückblick auf so viel eigenes Leben in den letzten Jahren. So viele Menschen haben mein Leben bereichert und geformt. Vielleicht haben sie ja gespürt, dass ich heute an sie gedacht habe. Und in mir selbst breitet sich eine tiefe Dankbarkeit aus. Ich bin diesen Menschen dankbar, ich bin dem Leben dankbar, ich bin Gott dankbar. Für alle Menschen in meinem Leben, für alle Niederlagen, für jede Freude und jede Veränderung. Mir ist klar geworden: Egal, was ich an meinem nächsten Wohnort erlebe, ich werde immer wieder Grund haben, dankbar zu sein. Und auch für diese Sicht aufs Leben bin ich dankbar.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43646Da sitze ich also wieder auf der Klavierbank vor dem Flügel. Mein Klavierlehrer schaut mich aufmunternd an. Ich atme nervös ein, halte die Luft an, lege los und mache sofort einen Fehler. „Nochmal“, sage ich aufgeregt und versuche es ein zweites Mal. Umsonst – ich scheitere an derselben Stelle.
„Erst anfangen, wenn du dir sicher bist“, sagt Paul freundlich. „Überlege dir, welche Noten kommen, wo die Finger liegen und atme nicht nur ein, sondern auch aus.“
Seit gut einem Jahr müht sich Paul, mir Klavierspielen beizubringen. Dabei quält er mich nicht mit eintönigen Übungen, sondern erläutert mir an kleinen hübschen Stücken Musiktheorie, Fingersatz und Variationsmöglichkeiten.
Als ich mit einem Stück besonders kämpfe und mein Blick hektisch zwischen Noten und Tasten hin- und herfliegt, unterbricht er mich.
„Nicht nach unten schauen. Spiel immer erst dann den nächsten Ton, wenn du spürst, dass du auf der richtigen Taste bist. Erspüre dir die Töne. Mach ganz langsam, so lange du eben brauchst, um den nächsten Ton zu finden. Sie sind alle für dich da.“
Ich bin irritiert. Ich empfinde es genau umgekehrt: Ich bin dafür da, die Noten in der richtigen Reihenfolge zu spielen, damit die Melodie zu hören ist, die da steht.
Trotzdem versuche ich zaghaft, seine Anweisung umzusetzen. Es kostet mich Riesenüberwindung, nicht nach unten zu schauen und mich allein auf meine Hände zu verlassen. Doch es funktioniert. Nicht sofort, aber mit jedem Mal gewinne ich etwas mehr Sicherheit. Tastend gewinne ich Überblick.
Eigentlich, denke ich, ist das mit dem Klavierspielen wie mit dem echten Leben:
Es geht darum, Orientierung zu gewinnen und das Leben zu gestalten.
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ heißt es in einem alten Psalmgebet.
Das kann ich voller Überzeugung mitsprechen. Ich empfinde mein Leben tatsächlich als einen weiten Raum, in den mich Gott gestellt hat, gespannt darauf, wie ich diesen Raum durchschreite und gestalte. Und auch hier gilt: Erst wenn ich mich davon befreie, ständig ängstlich auf meine Füße zu schauen, nehme ich wahr, wie weit mein Lebensraum ist. Tastend gewinne ich Überblick und lerne, meine Schritte fest und zuversichtlich zu setzen.
Wie mein Klavierlehrer lässt mir Gott dabei viel Freiheit. Dabei mache ich auch mal Fehler und lerne dann, wie ich besser im Leben zurechtkomme.
Zum Glück ist Gott mindestens so freundlich und geduldig wie mein Klavierlehrer. Weil es Gott darum geht, dass ich meinen Lebensraum entdecke und meine eigene Melodie.
Ich übe weiter. Klavierspielen und Leben!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43645Frühling, Sommer, Herbst und Winter – so geht der Jahreskreis. So habe ich das in der Grundschule gelernt. Und so zähle ich ihn noch heute:
Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter – Was mich aber schon in der Grundschule an dieser Reihenfolge irritiert hat: Das Jahr beginnt ja mit dem Januar. Und im Januar ist es bekanntlich Winter!
Tatsächlich ist die Festlegung auf den 1. Januar als Jahresbeginn in Europa erst wenige hundert Jahre alt. Unser Sprachgebrauch hat also eine viel ältere Tradition erhalten: nämlich den Jahresbeginn auf die Zeit zu legen, in der die Natur wieder loslegt und grünt und blüht und wächst. Im Kreislauf der Natur beginnt alles im Frühling.
Trotzdem bin ich inzwischen mit dem Jahresstart im Januar ganz zufrieden.
Mir gefällt es, dass das Kalenderjahr mitten im Winter startet, in einer Zeit, in der alles erstarrt wirkt und wenig lebendig. In der sich scheinbar gar nichts tut. Dabei arbeitet es ja unsichtbar im Innern der Erde. Und aus dem Beginn im scheinbar Erstorbenen bricht im Laufe der nächsten Wochen und Monate überbordende Lebendigkeit hervor. Mit dem fortschreitenden Jahr verliert die Erde ihre Starre, ihre Kargheit.
Unser Jahresbeginn im Januar markiert für mich eine geistliche Einsicht: Unsere Erde ist immer lebendig, weil in ihr Gottes Schöpfungsgeist atmet und wirkt.
Weil mitten im Winter unter der Erde schon die Triebe entstehen. Weil die längeren Tageslichtzeiten das Wachstum der Pflanzen anregen und die Tiere aus ihrem Winterschlaf aufweckt. Weil zum Sommer hin alles wuchert, wächst und blüht. Weil im Herbst Früchte reifen, Blätter sich verfärben, und weil dann langsam Ruhe einkehrt und die Erde verschnauft.
Unser Jahreskreis lässt uns teilhaben am Geheimnis von Veränderung, Wandel, Transformation. Alles, was lebt, verändert sich und nichts geht wirklich verloren.
Leben bedeutet sich verändern. Ich stelle mir vor, dass im Zentrum aller dieser Veränderungen Gottes Geist wirkt. Und dass dieser lebendige Geist nicht nur die Natur unaufhörlich bewegt und verändert, sondern auch uns Menschen mit unserem Bewusstsein.
Im Vertrauen auf diese Geisteskraft zu leben, hilft mir, Veränderungen zu bejahen und zu leben. Gottes Schöpfungskraft ist unerschöpflich, verändert, wandelt und bringt immer wieder Neues hervor.
Frühling. Sommer, Herbst und Winter - es ist egal, wie die Jahreszeiten gereiht werden – Gottes Geist wirkt das ganze Jahr. In der Natur, In uns.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43644Manchmal reizt es mich geradezu. Dann setze ich mich spät abends auf mein Sofa. Und auf meinem Tablet rufe ich die Zeitung für den morgigen Tag auf. Es sind nicht die neuesten Meldungen, die mich dazu verlocken. Die können in der Zeitung, die ja schon einige Stunden vorher Redaktionsschluss hat, gar nicht drinstehen. Es ist etwas anderes, was mich schon heute zum Blick in die Zeitung von morgen verlockt. Es ist das Gefühl, der Zeit um ein paar Stunden voraus zu sein. Schon jetzt zu sehen und zu lesen, was sich andere Menschen erst am kommenden Morgen zu Gemüte führen.
Ob ich das mit Blick auf dieses noch ganz junge Jahr auch möchte, habe ich mich gefragt. Schon jetzt wissen, was es am Ende bringen wird. Eigentlich ein verlockender Gedanke. Oder eben auch nicht. Zu vieles gibt es, bei dem es gut ist, dass ich nicht schon im Voraus weiß, was sich daraus entwickelt. Wenn ein Prozess, eine Entwicklung, eine Krise noch offen ist, kann sich am Ende ja alles auch noch in eine bessere Richtung entwickeln. Ich kann mich selbst mit einbringen, um dieses bessere Ende zu erreichen. Die Hoffnung wachhalten, dass es so kommt. Auf Menschen setzen, die sich mit mir engagieren. Die mit mir glauben, dass am Ende alles gut wird. All diese Energien gehen verloren, wenn ich heute schon weiß, dass mein Einsatz vergeblich ist.
In einem Brief im Neuen Testament schreibt ein uns unbekannter Christ aus den Anfängen der Kirche: „Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft –
ein Überzeugt-Sein von Dingen, die noch nicht sichtbar sind.“ (Hebräer 11.1) Das bringt meine eigenen Überlegungen auf den Punkt. Ich möchte nicht zu früh zu wissen, was aus meinen Hoffnungen wird. Damit sie am Leben bleiben. Gerade am Anfang eines neuen Jahres. Und mit der Energie, die in ihnen verborgen ist, mithelfen, die Welt ein klein wenig zum Guten zu verändern. Nein, ich allein kann keine Kriege beenden. Aber ich kann andere Menschen mit meinem Glauben infizieren, dass der Friede möglich bleibt. Und um den Frieden im Kleinen, in der Welt um mich herum, kann ich mich tatsächlich auch selbst kümmern und die Welt von morgen ein klein wenig heller machen. Aber wissen, was aus meinen Hoffnungen für morgen wird, das möchte ich nicht. Die Zeitung meiner Hoffnungen möchte ich nicht im Voraus lesen. Aber ich freue mich, wenn sie dann vor allem gute Nachrichten enthält.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43584Gestern Abend habe ich die Heiligen drei Könige noch einmal direkt zur Krippe gestellt. Jedes Jahr nehme ich mir eigentlich vor, sie schon einige Zeit vor Weihnachten aus der Kiste mit den Krippenfiguren herauszuholen, damit sie von Anfang an einen würdigen Platz haben. Schließlich liegt ja vor ihnen der weiteste Weg. Aber immer, wenn wir unsere Krippe mit all den Figuren an Weihnachten dann aufbauen, ist der Platz durch Briefe, Bücher und Kerzen so knapp geworden, dass für die drei Könige kaum mehr ein angemessener Ort zu finden ist.
Im weltlichen Kalender des noch jungen Jahres ist das nicht anders. Da ist am Anfang eines neuen Jahres für Weihnachten auch kaum mehr Platz. Die Christbäume sind schon vom Schmuck befreit oder liegen am Straßengraben. In den Schaufenstern der Geschäfte hat unübersehbar die Faschingssaison begonnen. Dabei haben die drei Könige doch erst heute ihren glanzvollen Auftritt. Heute ist noch einmal richtig Weihnachten! Und zwar mit großem Bahnhof! Heute kommen nämlich nicht nur die Hirten aus der nächsten Nachbarschaft zur Krippe. Heute sind es auch die Vertreter der weit entfernt liegenden Gegenden. Aus dem Orient kommen sie. In der Tradition sind sie zu Vertretern der damals bekannten Kontinente geworden. Sie repräsentieren die ganze Welt! Anstelle der Engel weist ihnen der Himmel in Gestalt eines mitziehenden Sternes den Weg. So wertvoll sind die Geschenke dieser drei, dass der biblische Bericht sie einzeln aufzählt: Gold! Weihrauch! Und Myrrhe! Geschenke, die sich eigentlich nur Könige leisten können.
Erst am 6. Januar wird wirklich klar, um wen es sich bei dem Kind in der Krippe handelt. Um ein Kind, dem selbst diejenigen ehrfurchtsvoll begegnen, die ansonsten die Ehrenbekundungen anderer entgegennehmen. Um ein Kind, dessen Wirkung nicht auf die allernächste Umgebung begrenzt ist, sondern das auch Menschen weltweit in Bewegung bringt. Ganz am Anfang dieses neuen Jahres erhellt also noch einmal der Schein der Weihnacht die Tage.
Meine Könige werde ich deshalb fürs Erste noch bei der Krippe stehen lassen. Sie müssen unbedingt auch noch zu ihrem Recht kommen und mir noch etwas von ihrem weihnachtlichen Glanz dalassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43583Inzwischen warte ich schon auf sie, wenn ich am späten Vormittag aus dem Küchenfenster schaue: Ein Mann und eine Frau. Hochbetagt. Beide mit dem Rollator unterwegs. Vor unserem Gartenzaun richten sie ihren Rollator in Richtung Wald aus. Setzen sich hin und verharren so eine ganze Weile. Schauen gemeinsam in die Ferne. Manchmal reden sie ein paar Worte miteinander. Dann gehen sie weiter. Am Tag darauf sind sie wieder da. Ein festes Ritual. Wenn sie ab und an ein paar Tage wegbleiben, werde ich unruhig. Und ich bin erleichtert, wenn sie dann doch wiederkommen.
Für mich sind die beiden wie ein lebendiges Gleichnis. Sie gehen ihre Wege. Sie halten inne. Richten den Blick in die Weite. Dann gehen sie weiter. Wie von einer inneren Uhr getaktet. Mit einem für mich undurchschaubaren Taktgeber.
Am Anfang dieses noch jungen Jahres fühle ich mich ihnen besonders nahe. Wenn ich noch ganz gemächlich meine ersten Entscheidungen treffe. Meine Schritte setze. Ich halte inne. Schaue nach vorne. Suchend und zuversichtlich. Sorgenvoll manchmal auch. Wer meine Wege von außen betrachtet – so wie ich die beiden Alten - mag sich fragen, wie ich zu meiner Route komme. Und zu meinem Innehalten immer wieder. Planlos, wie es scheint. Manchmal zufällig. Aber immer zielgerichtet. Zumindest für mich. Das Ziel, das mir auch in diesem Jahr 2026 vor Augen steht, ist nicht ein bestimmter Punkt. Oder ein Datum. Ich lebe nicht auf einen runden Geburtstag hin. Oder ein großes Fest. Auch nicht einfach auf den nächsten Silvesterabend. Mein Ziel ist es, in Gott geborgen zu bleiben. Gegründet in der Gewissheit, dass ich nicht alles verstehen muss, was mit mir und in der Welt passiert. Aber meine Schritte will ich vertrauensvoll setzen. Gerade, wenn ich den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe.
Die beiden Alten, so meine ich es inzwischen verstanden zu haben - sie sind nur da, wenn ihnen an ihrem Platz vor unserem Zaun die Sonne ins Gesicht scheint. So wie ich meine Wege sicherer gehe, wenn mir mein Glauben an Gott die Seele wärmt. In diesem neuen Jahr drehe ich eine weitere Runde in meinem Leben. Und strecke mein Gesicht dem entgegen, der mir, wie es in einem Psalm heißt „Sonne und Schild“ sein will. Ich bin gespannt, was ich auf meinen Wegen in die Weite des vor mir liegenden Jahres so alles entdecke.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43582Ganz egal, wie dunkel oder trüb der Morgen heute auch sein mag. Heute sind wir alle Sonnenkinder. Denn heute erreicht die Erde bei ihrer Reise um die Sonne den sonnennächsten Punkt. Ok. Es, es sind immer noch 147,1 Millionen Kilometer. Aber im Sommer sind es 5 Millionen Kilometer mehr.
Der Sonne am nächsten. Das erinnert mich an die Sage von Ikarus und Dädalus.
Beide, Sohn und Vater, stecken schon lange im Gefängnis. Da erfindet Dädalus einen Flugapparat. Er baut aus Stangen, aus Federn und Wachs Flügel für sich und seinen Sohn. Bevor sie starten, warnt er seinen Sohn Ikarus: Flieg nicht zu hoch, sonst schmilzt das Wachs. Sie fliegen los. Aber dann wird Ikarus übermütig, steigt hoch und höher – und die Sonne schmilzt das Wachs. Ikarus stürzt ins Meer. Der Übermut bringt Ikarus um, so wird diese Geschichte meist interpretiert. Heute lässt sie sich auch als Beispiel dafür lesen, wie anfällig menschliche Technik ist. Wir vertrauen ihr blind – und dann lässt sie uns im Stich. Die digitale Landkarte, die einen auf falsche Straßen führt; der Computer, der mitten in der Arbeit abstürzt.
Auch im jüdisch-christlichen Glauben spielt die Sonne eine zentrale Rolle. In einem Psalm heißt es »Du hast der Sonne ihre Bahn gegeben« (Ps 74,19). Ein Satz, der der Sonne ihren Platz zuweist. Gott herrscht über die Sonne, hat sie erschaffen und auf ihre Bahn gestellt. Die Sonne ist aber auch ein Hoffnungsbild. »Euch soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln,« (Mal 3,20) schreibt der biblische Prophet Maleachi. Die wärmende Sonne beendet die Nacht und das Dunkel. Sie geht auf für alle Menschen. Steht für Gerechtigkeit und Frieden.
Ich versuche beides zusammenzudenken. Dass die Sonne, wie bei Ikarus, gefährlich ist. Heute stehen dafür Sonnenbrand und Hautkrebs, Dürre und Hitzeperioden. Und wie gut die Sonne ist. Sie wärmt mich und belebt mich. Sie macht mich dankbar als Teil der Schöpfung. Sie ist ein Bild für Gerechtigkeit und Verlässlichkeit. Ganz egal, wie nah wir ihr sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43622„Siehe, ich mache alles neu.“ Das ist die Jahreslosung 2026 der christlichen Kirchen. Jahr für Jahr wählt eine Ökumenische Arbeitsgemeinschaft dieses Jahresmotto aus.
„Siehe, ich mache alles neu.“ Der Satz stammt aus dem letzten Buch der Bibel. Dem Buch der Offenbarung. Manchmal wird auch von der Apokalypse des Johannes gesprochen. Das ist der Autor und er beschreibt in seinem Buch das Ende der Welt. Doch das wird verbunden mit der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Mit der Hoffnung, dass alles neu wird.
Die Offenbarung wird Ende des ersten Jahrhunderts im Westen der heutigen Türkei aufgeschrieben. Der römische Kaiser lässt sich damals als Gott verehren – und droht allen mit dem Tod, die das nicht tun. Dass die Christen das nicht können, liegt auf der Hand. Sie verehren einen anderen Gott. In dieser Situation trifft das Buch einen Nerv. Es tröstet die verfolgten Christinnen und Christen. Es sagt: Diese Welt voller Angst und Tod, die wird untergehen. Gott macht alles neu.
Auch heute erscheint vieles bedrohlich. Die Weltlage, Kriege und Klimakatastrophe. Und auch im Privaten gibt es diese Umbrüche. Beziehungen zerbrechen, die Berufswelt ändert sich rasant, Kirchen müssen mit Mitgliederschwund und ihrer Glaubwürdigkeit kämpfen.
„Siehe, ich mache alles neu.“ Das ist ein Satz, der die Blickrichtung wechselt. Macht deutlich: Es geht nicht nur um meine Vorstellungen, was ich alles tun kann. Um meine Pläne. Der Neuanfang, so sagt Johannes, liegt nicht allein bei mir. Das Heil der Welt hängt nicht von mir ab.
Ich finde das tröstlich. Und das macht mich frei. Frei für die wenigen Dinge, die ich tatsächlich tun kann. Neuanfang da, wo es im Kleinen möglich ist: Mich zurücknehmen, wenn ich genervt bin; mal zuhören, wenn andere etwas sagen und nicht direkt nach Antworten und Lösungen suchen; Dinge schon früher anpacken und nicht erst, wenn höchste Eisenbahn ist; sagen, wenn mir was unter den Nägeln brennt und nicht alles runterschlucken. So kann auch ich Neues schaffen – den Rest kann ich Gott überlassen.
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