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Lena ist zwei Jahre alt und die Tochter meines Kollegen Tobi. Neulich ist sie ganz erschüttert vom Kinderturnen zurückgekommen, erzählt er. Er sieht ihr unglückliches Gesicht, als sie an der Hand ihrer Mutter nach Hause kommt, und fragt: „Hast du dir wehgetan? Hast du ein Aua?“, und sie nickt heftig. – „Wo ist denn das Aua, Lena? Am Bauch?“ - Lena schüttelt den Kopf. – „Sind es die Füße?“ – Die sind es auch nicht. – „Ist das Aua am Kopf?“ – Auch da scheint der Schmerz nicht festzumachen zu sein, und auch nicht an den Armen, den Knien oder dem Rücken. Mein Kollege ist besorgt und ratlos - was für ein Schmerz quält seine Tochter? Schließlich sagt sie: „Ganze Lena aua!“ Und die Mutter, die dabei war, berichtet: Lena hat sich gar nicht selbst verletzt. Ein anderer Junge aber ist aus vollem Lauf gefallen und hat nach seinem Sturz markerschütternd laut geweint. Das hat Lena wehgetan. Dass einer neben ihr plötzlich laut schreit vor Schmerz, hat auch sie im Innersten getroffen. „Ganze Lena aua“.
Wie erschütternd für sie und ihre Eltern, dass man einen fremden Schmerz so deutlich spüren kann. Wie gut Lena zum Ausdruck bringen konnte, was das mit ihr gemacht hat.
Mich beschäftigt dieses Erlebnis, weil es so eindrücklich eine unmittelbare menschliche Reaktion zeigt auf den Schmerz, den jemand neben mir hat und einfach hinausschreit. Lena fühlt den Schreck, das laute Weinen, das Unglück des Jungen ganz als ihren eigenen Schmerz. Sie ist jetzt noch klein, gerade mal zwei; später wird sie leichter unterscheiden können zwischen sich und anderen. Sie wird lernen, wie sie anderen helfen kann, wenn ihnen etwas wehtut – und wie sie sich selbst davor schützen kann, dass der Schmerz anderer bei ihr ganz körperlich wird. Vielleicht ist alles Laute für Lena unangenehm und sie war darum so erschüttert. Vielleicht ist sie aber auch besonders schmerzempfindlich, wenn es um andere geht, besonders mitfühlend. Was für eine wichtige Eigenschaft! Mitlachen, mitweinen, mitfühlen, mitschweigen, mithelfen: das stärkt den Zusammenhalt. Mitgefühl ist eine Fähigkeit, ohne die das Zusammenleben von Menschen nicht gelingt. „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“: aus der Bibel, von Paulus stammt der Satz. Wenn jemand mitfühlt, spüre ich: Ich bin nicht allein. Wir sind miteinander verbunden. Und zwar nicht nur, wenn es um schöne Gefühle geht – sondern auch da, wo es wehtut.
Empathisch sein: eine tolle Eigenschaft. Zusammen mit der Widerstandfähigkeit, um sich von den vielen schmerzhaften Gefühlen in der Welt nicht überschwemmen zu lassen. Das weiß Paulus offenbar auch: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem!“ Ich denke, Lena hat das Zeug dazu.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44575Meine Großnichte Nila hat ihren Schatten entdeckt. Ich war nicht dabei, aber in unserer Online-Familiengruppe schaue ich mir das Video immer wieder an: Ein heller Sommermorgen. Die Sonne scheint, und Nila stapft mit ihrer Mutter über einen stillen Parkplatz. 14 Monate ist sie alt, und schräg vor ihr her läuft ihr Schatten. Es dauert eine Weile, ehe Nila ihn sieht. Sie bleibt stehen. Er rührt sich nicht. Lange betrachtet sie die dunkle Gestalt auf dem Boden, streckt schließlich die Hand nach ihm aus - und fasst ins Leere.
„Ja“, sagt ihre Mutter lächelnd. „Das ist dein Schatten.“ Nila geht in die Hocke, schaut sich das Ganze näher an und greift nochmal ins Schwarze. Da stimmt was nicht. Das ist unheimlich. Unruhig schaut sie zur Mutter. „Alles gut, Nila, das ist doch nur dein Schatten.“ Nila macht schnellere Schritte – die dunkle Gestalt auch. Sie lässt sich auf den Boden plumpsen, und groß und dunkel sitzt ihr Schatten vor ihr. Erschrocken schaut sie zur Mutter. Der Film endet. Denn Nila braucht ihre Mutter jetzt ganz bei sich.
Den eigenen Schatten wahrnehmen. Wie groß und dunkel er ist, und erkennen, dass die anderen meine Schattenseiten womöglich auch deutlich gesehen haben – darüber bin ich auch schon ordentlich erschrocken. Was, diese dunkle Seite gehört zu mir, diese negative Eigenschaft? So feige bin ich, so hart, so laut? Das soll niemand sehen. Da will ich selbst nicht hinschauen. So will ich doch gar nicht sein.
Wegschauen oder den Schatten verleugnen hilft aber nicht. Was wahr ist, was da ist, verschwindet nicht, wenn ich nicht hinschaue. Eher wird es für alle noch offensichtlicher. Nila hat es schon ganz richtig gemacht: sie hat sich mit ihrem Schatten beschäftigt. Ihre Mutter hat ihr dabei geholfen. Und da hat diese dunkle Gestalt ihren Schrecken verloren.
„Liebt eure Feinde!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. (Mt 5,44) Meistens denke ich bei Feinden an andere Menschen, die ich nicht leiden kann – Leute mit unfreundlichem Benehmen, unmöglichen Einstellungen. Aber da gibt es auch Eigenschaften in mir, die ich zu meinen inneren Feinden erklärt habe, eigene ungeliebte Seiten …
Was, wenn ich das unangenehm Dunkle in mir nicht länger feindlich, sondern liebevoll anschaue? Wenn ich vor meinem Schatten nicht davonrenne, sehe ich ihn besser: Aha, da bist du. So siehst du also aus. Gar nicht so groß…
Wenn ich meine Schattenseiten nicht bekämpfe und abwehre, können sie sich zeigen – und werden friedlicher, habe ich den Eindruck. Das macht mich entspannter. Ich finde sie immer noch nicht toll, diese Eigenschaften von mir. Aber sie haben ihren Schrecken verloren. Manchmal kann ich sogar über sie lachen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44574Unsere Tochter war noch richtig klein, dreieinhalb vielleicht, und hat sehr unerschrocken die Welt erobert: sie ist losgerannt und irgendwo raufgeklettert, sie ist Bällen entgegengesprungen und ins Wasser gehüpft.
Auf einem Spaziergang war sie mal wieder vorausgelaufen und dabei, eine Mauer hochzuklettern. Ich hab ihr zugerufen: „Warte auf mich! Runterkommen ist schwerer als rauf - ich mache mir Sorgen, wenn Du allein so hoch kletterst!“ Tatsächlich hat sie auf mich gewartet. Als ich bei ihr war, ist sie die Mauer hochgeklettert und von oben in meine Arme gesprungen. Und dann – ich werde es nie vergessen – hat sie mich gefragt: „Mama, was sind Sorgen?“.
Ich weiß heute nicht mehr, was ich damals geantwortet habe. Aber noch heute spüre ich das Glücksgefühl, das mich bei dieser Frage überschwemmt hat. Keine Sorgen kennen. Loslaufen und vertrauen, dass es gutgeht. Kindliches Zutrauen haben in das, was in mir steckt – und in die Welt, die mich umgibt. Was für ein großes Glück, wenn ein Kind mit diesem Lebensgefühl aufwächst. Wenn es noch keine Ahnung hat, was Sorgen sind. Was war ich froh, dass meine Tochter offenbar keinen Zustand kannte, zu dem dieses Wort gepasst hätte. Fest habe ich sie damals an mich gedrückt.
Als Erwachsene haben wir diesen unbeschwerten Zustand längst hinter uns gelassen.
Erwachsene haben Sorgen. Und Erwachsene machen sich Sorgen - beides. Und ganz viele Kinder und Jugendlichen übrigens auch. Und ja: Sorge tragen, damit eine Sache gut geht, das gehört zum Erwachsenwerden. Es gibt schon Sorgen, um dich ich mich kümmern muss – und auch kann. Das fühlt sich dann gut an. Anders ist es mit großen Sorgen, die sich wie eine unüberwindliche Mauer vor mir aufbauen.
„Macht euch keine Sorgen!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Immer wieder stolpere ich über diesen kurzen Satz. Aber dann gehe ich in ein Zwiegespräch mit dem Mann, der ihn gesagt hat: Dir nehme ich das ab, Jesus. Bei allem, was ich von Dir weiß: Du warst nie naiv, unterwegs in einem militärisch besetzten Land ohne festen Wohnsitz und oft hungrig. Deine Zeit war nicht einfacher oder friedlicher als meine. Und du hast vertraut, dass Gott, dein „himmlischer Vater“, es gut meint mit dir und der Welt. Dir nehme ich dein kindliches Vertrauen ab. In einen, der immer da ist, wenn‘s drauf ankommt. Du hast Dich verlassen auf diese unerschütterliche unsichtbare himmlische Instanz. „Macht euch keine Sorgen“ – du weißt, was das heißt. Dir glaube ich das. Und auf hohe Sorgenmauern - klettere ich nur mit deiner Hilfe. Ich glaube: du fängst mich auf.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44573Ich schließe kurz die Augen, und als ich sie wieder öffne, sehe ich noch klarer, was mich vorher schon fasziniert hat: Licht, das sich wie in Wellen in den riesigen Raum ergießt. Licht, gefiltert von den hohen, gotischen Fenstern, durch das es hineinfällt. Mal etwas matter, mal heller aufleuchtend, aber immer von eigener Intensität. Licht, das mich ganz umfängt, als wäre ich schon im Himmel.
Ich bin aber in Brüssel, in der St. Michaels-Kathedrale. Auf der Suche nach Trost in schwierigen Zeiten. Ich weiß: Diese Symphonie aus Licht und Form tut meiner Seele gut. – Da fällt mein Blick auf einen Seitenaltar. Das realistisch gemalte Bild des gekreuzigten Jesus fesselt mich. Jesus hält den Kopf aufrecht, seine Augen sind offen. Er sieht mich direkt an, als wolle er tatsächlich ein Gespräch mit mir beginnen. „Schön, dass Du da bist“, scheint sein Blick zu sagen. „Schau genau hin. Hier bin ich, umgeben von aller Dunkelheit. Ich weiß, dass sich Dein Leben auch manchmal so anfühlt: ganz dunkel. Aber schau mal: Deine Nacht ist bei mir gut aufgehoben.
Und jetzt guck, wie groß ich bin und die Nacht um mich herum. Genau lebensgroß. Das heißt: Ich nehme Deine Dunkelheiten ernst. Ich mache sie nicht kleiner, als sie sind. Aber wir sollten sie auch nicht vergrößern: Sie sind nicht überlebensgroß.
Jetzt tritt mal einen Schritt zurück. Du siehst mich und alle Dunkelheit. Aber über mir: Da ist eine leere Wand. Du kannst alle deine Fragen draufwerfen: Wie finde ich aus der Dunkelheit heraus? Kommt da noch was? – Und wenn Du alle Fragen gestellt hast, dann schaue noch weiter nach oben: Das himmlische Licht fällt herein, von ganz oben. Von dort aus wird unsere Dunkelheit erhellt. Rote und gelbe Lichtflecken überall.
Wenn Du jetzt aus der Kathedrale hinausgehst in Dein Leben, dann nimm das ganze Bild mit. Mich, Jesus, mit der Dunkelheit. Über mir die leere Wand, offen für alle Fragen. Und dann darüber, viel größer als ich und die Wand: die Fenster, durch die das himmlische Licht hineinfällt.
Siehst Du, wie das Licht flimmert? Fast, als wäre es lebendig. Als könnte es fliegen. Wie der Heilige Geist. Er wird Dich begleiten, wohin auch immer Dich Deine nächsten Schritte führen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44585Regelmäßig besuche ich eine alte Dame aus unserer Gemeinde. Sie ist seit Jahren krank, kann kaum mehr aus dem Haus gehen und freut sich umso mehr, wenn ich vorbeikomme. Was mich besonders rührt: Oft hat sie schon etwas für mich herausgelegt, über das sie mit mir reden will: einen Spruch von ihrem Abreißkalender. Einen Artikel aus der Ludwigsburger Kreiszeitung. Oder ein Bild aus ihrer großen Sammlung von Kunstbüchern.
Das letzte Mal hatte sie ein kleines Bild herausgesucht, auf dem Jesus am Kreuz ist. Unter seinen Rippen auf beiden Seiten Wunden, aus denen Blut herausfließt. Weiter unten steht eine Art Taufschale; die fängt das Blut auf. In der Schale wird es zu Wasser. Ein drastisches Bild. Ich überlege kurz, wie es wohl auf meine Konfis wirken würde. Wie könnte ich vermitteln, was das Bild zeigen will: Die Wunden von Jesus bringen Heil. Sein Leid, seine Schmerzen bewirken Gutes …
Ganz vorsichtig stelle ich der alten Dame eine Frage: „Dieses Bild macht ja schon eine starke Aussage: Aus den Wunden Jesu kommt Heil, neues Leben. Sie kennen sich doch aus mit langer Krankheit – kommt aus Ihren Wunden wirklich auch neues Leben? Nicht nur Schmerz und Frust?“
„Natürlich ist es oft ganz schrecklich, so lange krank zu sein“, sagt sie. „Oft genug habe ich dunkle Tage, an denen ich überhaupt keinen Sinn im Kranksein entdecke. – Aber wenn ich meine Krankheit so offen zeige wie Jesus seine Wunden hier auf dem Bild, dann verändert sich mein Verhältnis zu anderen Menschen. Denn viele wissen ja oft nicht so richtig, was sie sagen sollen, wenn sie hören, dass ich so krank bin. Viele Freundinnen sind sprachlos. Und in meiner Familie konnten wir früher auch kaum übers Kranksein reden.
Da habe ich eben selbst damit angefangen, sehr offen über meine Krankheit zu sprechen. Ich habe gemerkt: Den Menschen um mich herum tut das gut. Sie verlieren ihre Scheu. Uuch für mich selbst ist es so etwas wie eine Befreiung gewesen. So lerne ich ganz langsam, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu sprechen. Das heilt manches in den Beziehungen, die ich habe. Auch ich selbst fühle mich freier. Und näher an mir selbst dran.
In diesen Hinsichten kann ich sagen, ganz mit meinem schönen Bild hier: Manchmal kommt auch aus unseren Wunden tatsächlich Heil.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44584Manchmal steige ich am Kölner Hauptbahnhof um. Dann gehe ich in den Kölner Dom. Der steht nämlich gleich nebenan. Im Bahnhof selbst und auf dem kurzen Weg zum Dom wimmelt es nur so von Menschen. Aber wenn ich dann in den Dom eintrete, umgibt mich eine ganz andere Atmosphäre. Die Geräusche, das Licht: Alles wie gedämpft. Das macht etwas mit mir. Es ist, als ob ich in einem Raum bin, in dem ich mir selbst gut begegne.
Dabei hilft mir ein großes Bild, das etwas versteckt im linken Seitenflügel hängt. Es zeigt Gott den Vater, ganz traditionell als einen alten weißen Mann mit sehr eindrucksvollem weißem Rauschebart. Er sitzt auf einem großen Thron – im Himmel scheint es diese Art von Stühlen zu geben. Was mich aber vor allem fasziniert: Gottvater hat Jesus direkt vor sich, fast scheint er bei ihm auf dem Schoß zu sitzen. Es ist der gekreuzigte Jesus, voller Schmerzen. Dieser gekreuzigte Jesus ist ganz nah bei Gottvater im Himmel.
Ich erinnere mich, wie ich mich gefühlt habe, als ich vor einer Weile länger krank gewesen bin. Verlassen habe ich mich da gefühlt. Nicht nur von meinen Kräften, die mir sonst so selbstverständlich zur Verfügung stehen. Sondern auch von Gott. Ich war bisher immer nach ein paar Tagen wieder fit gewesen; warum diesmal nicht? Die Tage fühlten sich an wie vergeudet.
Und dann diese Schmerzen. In Wellen kamen sie immer wieder Und, ja, ich habe mich oft auch schuldig gefühlt. So viele Menschen mussten sich um mich kümmern. Nicht nur einkaufen und kochen. Auch bei der Körperpflege mussten sie helfen. Ich mag das garnicht. Und es ist mir peinlich, fast schäme ich mich vor dem, der mich pflegt.
Ich bin jetzt zwar wieder fit. Aber all diese dunklen Gefühle sind mir wieder sehr präsent, als ich jetzt vor diesem Bild im Dom stehe: Das Gefühl der Gottverlassenheit. Die Schuld und die Scham. – Doch dann kommt auch etwas Tröstliches dazu: Ich sehe, dass all diese Gefühle ihren Ort haben. Direkt bei Gott. So, wie Gottvater sich den gekreuzigten Jesus zu Herzen nimmt, so nimmt er sich auch meine Dunkelheiten zu Herzen. Alles drückt Gott sich direkt an sein Herz. So, wie er Jesus an sein Herz drückt. An Gottes Herz findet alles Dunkle seinen Ort und damit seine Ruhe.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44583„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ So schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Galater. Und Martin Luther treibt es dann auf die Spitze mit dem Satz „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Im gleichen Zug zeigt Luther dann aber auch die andere Seite der Medaille auf, wenn er formuliert: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Luther betont also nicht nur die Freiheit überdeutlich, sondern auch, wie ambivalent die Sache ist. Wie sehr es zusammengehört, frei zu sein und gleichzeitig anderen zu dienen, Verantwortung zu übernehmen.
Am vergangenen Wochenende habe ich einen Vortrag der Rechtswissenschaftlerin und Philosophin Frauke Rogalski gehört, indem sie Bezug nahm auf ihr vielbeachtetes Buch Die vulnerable Gesellschaft. Sie spricht darin von einer „neuen Verletzlichkeit“, die in Konflikt kommen kann mit der freien Rede und der freien Debatte. Darunter versteht sie, dass Menschen im Gespräch verletzt werden können, weil sie vom Thema einer Debatte besonders betroffen sind. Man stelle sich etwa vor, dass über das Für und Wider verschiedener Maßnahmen diskutiert wird, Menschen mit Behinderung besser in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn bei dieser Diskussion betroffene Menschen anwesend sind, können sie sich durch Äußerungen in einzelnen Wortbeiträgen verletzt fühlen und den Schmerz der Diskriminierung erneut spüren. Frauke Rogalskis Sorge ist, dass solche tendenziell verletzenden Äußerungen immer mehr ausgeschlossen und somit auch Personen aus der öffentlichen Debatte gedrängt werden, deren Meinung die Gefühle vulnerabler Menschen verletzen könnte. Sie betont aber, dass wir auf den freien Diskurs angewiesen sind, um gesellschaftlich wichtige Themen von allen Seiten betrachten und zu gut begründeten Entscheidungen kommen zu können. Wenn ich ihren Vortrag richtig verstanden habe, geht es ihr nicht darum, dass vulnerable Menschen nicht mehr geschützt werden sollen. Vielmehr will sie deutlich machen, dass es einen wachsenden Konflikt gibt zwischen dem berechtigten Bedürfnis nach Schutz auf der einen, und der Freiheit der öffentlichen Diskussion auf der anderen Seite. Ich schließe mich ihrer Meinung an: Wir brauchen eine offene Auseinandersetzung darüber, wie wir Menschen vor Diskriminierung schützen und trotzdem gesellschaftliche Probleme frei debattieren können – ganz im Sinne von Paulus und Luther, die auch die Freiheit immer von beiden Seiten gesehen haben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44543„Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ So steht es im zweiten Buch der Bibel, dem Buch Exodus. Es ist die Erfahrung, befreit zu werden, die die Beziehung des Volkes Israel zu seinem Gott von Anfang an prägt. Nur in dieser Befreiung und wegen ihr geht die Geschichte in der Bibel weiter mit der Gabe der Zehn Gebote, die das Zusammenleben regeln sollen, damit alle gut leben können. Frei sein und gleichzeitig Verantwortung übernehmen – das gehört im biblischen Sinn immer zusammen. Damit nicht nur der einzelne Mensch, sondern auch seine Mitmenschen in einer gerechten und menschenfreundlichen Welt leben können.
Im Neuen Testament vertieft Jesus diesen Freiheitsgedanken. Er befreit Menschen von Schuld, Angst und Ausgrenzung und verkündet darin die Liebe Gottes. Der Apostel Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Auch für ihn zeigt sich wahre Freiheit in der Liebe.
Wenn wir uns die Geschichte der Religionen, besonders auch des Christentums anschauen, wirkt es oft gar nicht so, als wären freie Menschen immer ein wichtiges Ziel gewesen. Vielmehr schildern viele bis heute ihre Erfahrung, etwa mit der Katholischen Kirche und ihren Vertretern, als eine Geschichte, in der sie und ihr freier Wille unterdrückt wurden. Sie sagen: „Da muss ich raus! Ich spüre deutlich, dass es keine gute Botschaft sein kann, wenn sie mich unfrei oder abhängig macht“.
Gott will aber ein freies Gegenüber, will Menschen, die sich in Freiheit für ihn und seine befreiende Botschaft entscheiden können – oder eben auch dagegen. Nur dann hat eine Entscheidung ihren Wert, wenn sie frei und unabhängig getroffen werden kann. Gott will das Leben in Fülle für jeden Menschen. Und frei zu sein gehört unbedingt dazu. Jeder kann spüren, wie gut es sich anfühlt, wenn Lasten abfallen – innere und äußere – wenn wir uns frei bewegen und entfalten können. Wir sind als Menschen zeitlebens in Gefahr, abhängig und unterdrückt zu werden. Entweder durch andere Menschen oder in unserem eigenen Inneren. Wenn die christliche Botschaft nicht dazu führt, Menschen freizumachen, dann ist sie unnütz und wertlos!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44542Wer Christ ist, muss sagen, was er für richtig und was er für falsch hält. Und - so gut es geht - danach handeln. Das gilt für die Welt und ihre großen Themen: Sich für den Frieden zu engagieren, Gewalt abzulehnen; von seinem Reichtum mit den Ärmeren zu teilen; die Wahrheit zu suchen und Lügenmärchen zu entlarven. Wer sich auf Jesus beruft, muss das tun.
Es gilt aber genauso für die kleine Welt, die mir jeden Tag ganz nahekommt. Überall dort zum Beispiel, wo ich mit anderen zu tun habe. Dort wird mir immer klarer, dass sich Rücksichtlosigkeit nicht mit Nächstenliebe vereinbaren lässt. Leider fällt mir auf, dass es immer öfter rücksichtlos zugeht. Zum Beispiel in Chats oder Onlinekommentaren, also dort, wo man die oder den nicht sieht, der sich rücksichtslos verhält. Natürlich muss ich aufpassen, nicht selbst in solche Fallen zu tappen und zu denken: „Wird schon nicht so schlimm sein, sieht ja keiner.“ Ich spüre aber auch, wie es mich zunehmend ärgert, und ich etwas dagegen unternehmen will. Beliebt mache ich mich damit nicht. Wegschauen ist einfacher. Aber den Nächsten zu lieben, heißt ja nicht, ihm alles durchgehen zu lassen. Zur wahren Liebe gehört zur rechten Zeit auch ein Tritt in den Hintern: ein mahnendes Wort, der handgreifliche Widerstand.
Eine Gruppe pubertierender Jungs kommt laut grölend in den Bus. Ich sage ihnen, sie sollen leiser sein. Zweimal. Sie äffen mich nach, machen sich lustig. Das halte ich aus, auch wenn meine Ermahnung im Augenblick nichts genützt hat. Wo ein E-Roller den Gehweg blockiert, stelle ich ihn auf die Seite, wo er nicht mehr stört. Manchmal piepsen die Dinger dann; ist mir aber egal. Wo eine nicht geschnittene Hecke es unmöglich macht, dass zwei Menschen aneinander vorbeigehen können, geschweige denn ein Kinderwagen melde ich es der Stadt. Wenn ein älterer Mensch in den vollen Bus kommt und keiner Platz macht, stehe ich auf oder mache Jüngere aufmerksam, dass sie leichter stehen können.
Werde ich einfach nur älter und bei so was empfindlicher? Kann schon sein. Dass rücksichtloses Verhalten zunimmt, beobachte allerdings nicht nur ich. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Freiheit ein hohes Gut ist. Wer daraus ableitet, machen zu können, was er will, ist allerdings im Irrtum. Und die Gefahr besteht, dass Leute Freiheit mit dem Recht auf Egoismus und Rücksichtslosigkeit verwechseln. Was das Gegenteil von Nächstenliebe ist. Und darüber kann ich nicht hinwegsehen. Als Christ, als Mensch.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44484Es gibt Menschen, die uns prägen. Weil wir eng mit ihnen zusammenleben. Oder weil sie Eigenschaften haben, die uns faszinieren. Meine Oma Antonie war so ein Mensch für mich.
Als ich auf die Welt kam, war meine Oma mit 64 Jahren schon eine alte Frau. Sie stammte aus einem kleinen Dorf, wo sie mit sechs Geschwistern und ohne Vater aufgewachsen ist. Mit 14 kam sie in Stellung, als Hausmädchen zu einer fremden Familie, um sich allein zu versorgen. Im Zweiten Weltkrieg kam ihr Mann nicht mehr aus Russland heim und sie musste die beiden Kinder alleine durchbringen als Putzfrau und Köchin. Was für einen eisernen Willen sie gehabt haben muss. Weil sie bei uns gewohnt hat, habe ich sie jeden Tag erlebt. Von klein an. Und da gab es so manches, das ungewöhnlich war. Sie hat ihren Rotwein am Abend aus einem Joghurtbecher getrunken. Werktags war sie ganz einfach gekleidet. Immer mit Rock; eine Hose habe ich an ihr nie gesehen. Am Sonntag trug sie ein schönes, schlichtes Kleid. Nie hat sie ein Gewese um sich gemacht, sich in den Vordergrund gerückt. Zu festen Zeiten am Tag hat sie gebetet, ohne darum ein Aufheben zu machen. Den Rosenkranz oder aus einem kleinen Heftchen, dessen Blätter vom vielen Benützen so dünn waren, dass man durchsehen konnte. Ich durfte sie dabei jederzeit stören, mich zu ihr setzen und sie etwas fragen. In ihrem Zimmer hing ein großes Kruzifix aus Holz und über dem Bett ein Nazarener-Bild vom guten Hirten. Beides hat mir als Kind ziemlich Angst eingeflößt. Bis ich nach und nach verstanden habe, dass es zwischen diesen religiösen Bildern und der Güte meiner Oma einen Zusammenhang gibt. Sie war so, wie sie war, auch wegen ihres festen Glaubens, dass Gott sie liebt. Und diese Liebe hat sie an mich weitergegeben.
Zwei Dinge gibt es, die ich nie vergesse. Wie sie mir in der Heiligen Messe den Friedensgruß zugesprochen hat. Mit einem so intensiven Ton, als ob dieser Wunsch aus dem tiefsten Inneren ihrer Seele käme. Kein Wunder bei einer Frau, die zwei Weltkriege erlebt hat. Und noch etwas bleibt mir. Wie sie mich – hochbetagt – immer wieder gebeten hat, sie einmal nicht zu vergessen, wenn sie beim Heiland sei. Ja, das habe ich nicht.
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