Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

       

Autor*in

 

Archiv

08AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Beim Schreiben vertippe ich mich oft. Denn wie viele andere benutze ich nur zwei Finger, mit denen ich zwar fix, aber nicht besonders treffsicher unterwegs bin. Diesmal hat es das Wort Hoffnung erwischt. Knapp daneben habe ich zwei Mal d statt zwei Mal f angeschlagen; nun steht da Hoddnung. Plus ein Verbesserungsvorschlag meines Rechtschreibprogramms. Der möchte die Hoddnung allerdings nicht in Hoffnung, sondern in Ordnung verwandeln. Das gibt mir zu denken. Denn Hoffnung und Ordnung, das sind schließlich zwei völlig gegensätzliche Prinzipien. Wie gerade wieder deutlich geworden ist, als es um die Konsequenzen ging, die man aus dem Anschlag in Berlin ziehen sollte. Am 26. Juli war dort ein Mann mit seinem Kleinwagen in die Menschenmenge gefahren, die sich zum Christopher Street Day versammelt hatte. Eine Tote und viele Schwerverletzte hat es gegeben und sehr viel Angst und Verunsicherung. Und wieder einmal wurde die Frage diskutiert, wie sich derartige Anschläge in Zukunft verhindern lassen. Die einen haben mehr Präventionsmaßnahmen gefordert: Das Prinzip Hoffnung: Der Mensch ist lernfähig, einsichtig und grundsätzlich fähig zum Guten. Die anderen wollten mehr Sicherheitsmaßnahmen und eine strengere Auslegung juristischer Spielräume. Das Prinzip Ordnung: Der Mensch muss vor dem Menschen auch beschützt werden. Die traurige Wahrheit ist wohl, dass nicht einmal alle Maßnahmen zusammen künftige Terroranschläge zu hundert Prozent verhindern können. Deshalb muss nun trotzdem alles Menschenmögliche getan werden, um vorzubeugen. Die Prävention gestärkt werden und die Sicherheitsvorkehrungen. Das eine tun und das andere nicht lassen. Nur eins ist mir klargeworden: Ich möchte nicht, dass Hoffnung grundsätzlich in Ordnung verwandelt wird wie in meinem Rechtschreibprogramm. Ich möchte nicht, dass die Hoffnung stirbt und am Ende nur noch Ordnung übrigbleibt. Das ist nämlich auch eine tödliche Gefahr, die von solchen Anschlägen ausgeht: Sie wollen das Prinzip Hoffnung killen. Und haben damit leider durchaus Erfolg. In der Bibel wird der Hoffnung allerdings das Überleben garantiert. Paulus schreibt: Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Und nur für heute ändere ich seinen Satz einmal ab: Aber die Hoffnung ist die größte unter ihnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44968
weiterlesen...
07AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Zum neunten Mal in Folge hat Finnland das Rennen gemacht. Im internationalen Ländervergleich belegt es auch in diesem Jahr den ersten Platz im „World Happiness Report“, auf Deutsch „Glücksatlas“. Seit 2012 untersucht dieser von den Vereinten Nationen angeregte Forschungsbericht jährlich die Lebenszufriedenheit von Menschen weltweit.  Nun kann man von solchen Statistiken halten, was man will; auffällig finde ich aber schon, dass alle skandinavischen Länder dort unter den ersten zehn auftauchen: Island und Dänemark auf Platz zwei und drei, Schweden und Norwegen auf den Plätzen fünf und sechs. Und nur zum Vergleich: Deutschland kommt erst an siebzehnter Stelle.

Skandinavien-Reisende aus meinem Freundeskreis erzählen mir schon lange, dass Land und Leute eine total entspannende, entschleunigende, ja beglückende Wirkung auf sie haben. Ob diese spürbare Zufriedenheit etwas mit dem sogenannten Jante-Gesetz zu tun hat? Das habe ich gerade erst entdeckt. Jante ist der Name einer fiktiven Kleinstadt aus einem dänischen Roman, für die sein Autor Aksel Sandemose 1933 das Gesetz von Jante geschrieben hat. Den biblischen zehn Geboten nachempfunden, formuliert es in zehn Punkten den Verhaltenskodex, der dort gelten soll. Zusammengefasst etwa so: „Du sollst dich nicht für etwas Besseres halten!“ Ein Aufruf zu persönlicher Bescheidenheit auf der einen und einem starken sozialen Engagement auf der anderen Seite. Beides, erzählt mir mein Sohn, der seit ein paar Jahren in Schweden lebt, prägt dort das Zusammenleben: Angeberei, vor sich her getragenes Expertentum, allzu großer Ehrgeiz sind verpönt. Der Gemeinschaftsgedanke ist dagegen ausgeprägt und führt zu vielen sozialstaatlichen Leistungen. Das erinnert mich an weitere biblische Bezüge. Paulus zum Beispiel vergleicht die christliche Gesellschaft mit einem lebendigen Organismus. Er schreibt: „Es ist wie beim menschlichen Körper: Er bildet eine Einheit und besteht doch aus vielen Körperteilen. Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Oder der Kopf zu den Füssen: Ich brauche euch nicht!“ Es ist vielmehr so: Jeder einzelne trägt sein Teil dazu bei, dass das Ganze funktioniert. Und anscheinend macht das nicht nur Sinn, sondern auch ausgesprochen glücklich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44967
weiterlesen...
06AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich liebe Motto-Parties. Deshalb freue ich mich im Juli immer auf die Geburtstagseinladung meiner Freundin Miriam. Verlässlich stellt sie ihren Geburtstag unter ein bestimmtes Motto und hat daran genauso viel Spaß wie ich. Einmal sollten wir zum Beispiel alle in Orange kommen, ein anderes Mal waren ausladende Hüte angesagt, weil sie eine englische Teeparty veranstaltet hat. Diesmal steht in ihrer Einladung: „Wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, könnt ihr mir Euer aktuelles Lebensmotto auf einer Karte mitbringen.“  Mein aktuelles Lebensmotto ... Im ersten Moment überfordert mich dieser Wunsch. Außerdem hätte ich mich lieber verkleidet als nackig gemacht. Aber diesmal ist wohl das Umgekehrte gefragt: Zeig Dich! Wer bist Du? Wie lebst Du? Wem folgst Du? Wenn ich so drüber nachdenke, kenne ich eigentlich nur einen einzigen Menschen mit einem Lebensmotto. Das ist mein Vater. Er zitiert es oft: „Gelassenheit, Humor und Güte.“ Drei Wörter für ein ganzes Leben! Erst allmählich beginnt mir die Aufgabe auch Spaß zu machen. Eine Weile liebäugle ich mit dem Dreiklang: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“  Dann fällt mir auf, dass der Satz eigentlich genau das Lebensmotto meines Vaters wiedergibt, nur mit anderen Worten. Das weckt meinen Ehrgeiz. Ich suche nach dem Lebensmotto einer starken Frau. Gerade habe ich eine dicke Biographie über Anne Boleyn gelesen, eine der sechs Ehefrauen des englischen Königs Heinrich des Achten. Mit ihrem Lebensmotto „The most happy – die Glücklichste von allen“ hat sie sich allerdings ziemlich verzockt. Denn zuerst hat sie die Gunst ihres königlichen Gemahls verloren und dann sogar ihren Kopf. Er hat mit ihr kurzen Prozess gemacht und sie töten lassen. Also doch lieber was Biblisches? Mein Konfirmationsspruch fällt mir ein. Ich habe ihn mir damals selber ausgesucht. Ein Satz aus dem Römerbrief: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Er gefällt mir immer noch. Es ist ein selbstbewusster Satz. Und steckt doch gleichzeitig voller Gottvertrauen. So will ich tatsächlich gerne im Leben unterwegs sein. Aber noch habe ich nichts auf meine Karte geschrieben. Ich habe Feuer gefangen für die Idee eines Mottos und will gerne auch andere fragen, was ihnen dazu so einfällt. Und bin schon ganz gespannt auf Miriams Lebensmotto-Party.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44966
weiterlesen...
05AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Verena Schlarb, Heidelberg-Wieblingen, evangelische Kirche“: Zum letzten Mal werde ich heute eine Radioandacht mit dieser Ortsangabe beschließen. Mein nächster Beitrag wird aus Mannheim kommen, wo ich eine neue Stelle antrete. Ich lebe gerade in einer Übergangszeit, wie viele zu Beginn der Sommerferien: ein Schuljahr ist vorbei, ein Semester, und für manche steht der Ruhestand ins Haus.

In den letzten Wochen habe ich viele letzte Male erlebt. Obwohl ich mich in meinem Leben schon oft verabschiedet habe, fällt mir das schwer. Und das, meine ich, ist auch angemessen. Bei jedem Abschied sind nämlich ganz unterschiedliche Gefühle im Spiel: Ich bin dankbar für das, was gut war. Ich schaue selbstkritisch auf das, was schief ging, auch auf Fehler, die ich gemacht habe. Mich schmerzt, was ungelebt geblieben ist, weil immer anderes dringlicher war.  

Manchmal bin ich auch traurig. Es ist schade, dass meine Zeit hier jetzt ein für alle Mal vorbei ist. Dann und wann gibt es Augenblicke, die fühlen sich an, als täte sich ein Abgrund auf. Auch das gehört wohl dazu.

Denn in diesen ganzen Abschiedsgefühlen spüre ich deutlicher als sonst, dass ich sterblich bin. Dass nicht nur ein Lebensabschnitt vorbei ist, sondern dass alles einmal enden wird. Das zu merken, ist unangenehm. Ich will das Gefühl eigentlich lieber wegschieben.  

Die Psychologin Verena Kast spricht vom „abschiedlichen Leben“: Um die Endlichkeit jeder Situation zu wissen, das sei in einem gewissen Sinne sterben zu lernen. „Gerade wenn wir sterben lernen, lernen wir auch zu leben“, sagt sie. Und: „Die Verdrängung des Todes kann für den einzelnen Menschen bedeuten, dass das Leben zu wenig gelebt wird, die Dringlichkeit des Sich-Engagierens im eigenen Leben nicht erkannt wird.“

Und ja, das passt: In Zeiten des Abschieds richte ich mich mehr als sonst nach dem, was mir wirklich wichtig ist. Ich treffe die Menschen, die ich treffen will. Ich akzeptiere, was ich nicht ändern kann. Ich weiß, was ich an Gutem habe und frage nach dem, was bleibt.

Zu einem abschiedlichen Leben gehört für Kast aber nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Geburtlichkeit. Denn bei jedem Schritt, den wir gehen, tut sich auch Neues auf. Das ist ja das Schöne am Abschiednehmen: Die Zukunft ist offen. Auch das spüre ich: ein Kribbeln und Aufgeregt-Sein, eine Vorfreude und eine Verheißung. Manchmal auch etwas Angst – oder alles auf einmal. Abschiednehmen jedenfalls macht mich zutiefst lebendig.

In diesem Sinne verabschiede ich mich nun für dieses Mal von Ihnen: Verena Schlarb aus Heidelberg-Wieblingen von der evangelischen Kirche.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44943
weiterlesen...
04AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Stell dein Licht nicht so unter den Scheffel!“ Kurz vor dem Abitur hat eine Lehrerin diesen Satz zu mir gesagt. Zuerst wusste ich nichts damit anzufangen. Welches Licht? Und was, bitte schön, ist ein Scheffel? Vor kurzem habe ich den Satz selbst zu einer jungen Frau gesagt. Sie hat ähnlich geschaut wie ich damals: Was sagt die da?

Ein Scheffel, das ist ein Hohlmaß. Er sieht aus wie ein Eimer aus Holz, bloß größer. Früher wurde er zum Abmessen von Getreide benutzt. Im Alltag begegnet er uns nur noch in dem Ausdruck „Geld scheffeln“ und in besagter Redewendung aus der Bibel.

Dabei geht es eigentlich um eine verrückte Handlung: Wer ein Licht anzündet und es dann unter einen Holzeimer stellt, hat nichts davon. Man sieht es nicht und mit der Zeit geht es sogar aus.

Verrückt ist, dass genau das jeden Tag passiert. Immer dann, wenn ein Mensch sich nichts zutraut, obwohl er oder sie gar keinen Grund dazu hat. Manchmal wird das zu einer Haltung, die man gar nicht mehr ablegen kann. Aber warum tun wir das?

Ich glaube: Oft hat das mit Angst zu tun. Mit Angst vor Kritik, vor Konkurrenz oder davor, nicht zu genügen. Aber fast noch tiefer reicht die Sorge davor, was passiert, wenn es gelingt: Was ist, wenn ich anfange zu strahlen? Kann ich mich dann noch vornehm bescheiden fühlen? Muss ich dann vielleicht mehr Verantwortung übernehmen, als mir lieb ist? Und welche Konsequenzen hätte das für mein Leben?

Davon spricht Marianne Williamson. „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir der Sache nicht gewachsen sind“, schreibt sie: „Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.“ Ihre Sätze lassen mir fast den Atem stocken. Darf die sowas überhaupt sagen? Sie geht noch weiter: „Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, in der Welt zu manifestieren. Dieser Glanz ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem und jeder einzelnen.“

Auch was Jesus gesagt hat, hat den Leuten den Atem stocken lassen. Damals noch viel mehr als heute. Er hat es in der Bergpredigt so formuliert: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44942
weiterlesen...
03AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Altersarmut ist weiblich. Der Satz wirkt fast wie ein ehernes Gesetz. Mich hat er zuletzt oft beschäftigt. Mehrfach habe ich nämlich gerade miterlebt, wie älteren Frauen ihre Mietwohnung gekündigt wurde. Das kam für sie ganz unerwartet: Sie waren fest verwurzelt an ihrem Wohnort, mit einem Einkommen, das bisher ganz okay war. Aber einen neuen Mietvertrag im Ballungszentrum – den können sie nicht zahlen. Manche sind an Orte gezogen, an denen sie kaum jemanden kennen. Nachbarn und Bekannte, die Kirchengemeinde oder die Gymnastikgruppe, alles, was bisher Halt gegeben hat, ist auf einmal weit weg. 
Altersarmut ist weiblich. Aber warum?  

Oft spielen grundsätzliche Lebensentscheidungen eine Rolle: Wenn es an die Berufswahl geht, dann sagen junge Frauen oft: „Ich will mit Menschen arbeiten“ oder „was Soziales machen“. Im Schnitt sind sie genauso gut ausgebildet wie Männer. Sie entscheiden sich nur eher dafür, in persönlich erfüllenden, aber schlecht bezahlten Berufen zu arbeiten.

Nach wie vor unterbrechen auch mehr Frauen ihre Berufstätigkeit für die Familie, übernehmen unbezahlt die Care-Arbeit und steigen in Teilzeit wieder in den Beruf ein. Sie investieren auch weniger in die private Altersvorsorge als Männer in der gleichen Situation.  

Als Pfarrerin frage ich mich, welche Rolle die christliche Tradition in all dem spielt. „Geben ist seliger denn nehmen“, heißt ein bekannter Satz aus der Bibel. Ich stelle mir vor, dass auch das Ideal der Selbsthingabe eine Rolle spielt. Über lange Zeit hat ein christliches Weltbild zur Stabilisierung traditioneller Geschlechterrollen beigetragen.

Dabei gibt es auch andere Vorbilder – sogar in der Bibel. Johanna und Susanna etwa. Sie waren wohlhabend und haben Jesus und seine Jünger mit ihrem Vermögen unterstützt. Oder Lydia. Sie war Purpurhändlerin und hat Paulus in ihr großes Haus eingeladen. Diese Frauen konnten etwas geben und bewegen, weil sie etwas besessen haben. Sie sind gute Vorbilder – gegen das schlechte Gewissen, selbst für sich zu sorgen.

Vielleicht ist das ein erster Schritt: Hinzuschauen – auf Frauen, die ihr Leben in die Hand genommen haben; auf das, was gesellschaftlich ungerecht ist – vor allem aber auch auf die eigenen Finanzen. Damals wie heute braucht es beides: Dass wir einstehen für Gerechtigkeit – und dass Frauen lernen, nach Möglichkeit klug vorzusorgen. Das tut nämlich kein anderer für uns. Wie klasse wäre das, wenn wir eines Tages einmal sagen könnten: Früher, da war Altersarmut einmal weiblich …

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44941
weiterlesen...
01AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eine gute Freundin hat was Schlaues gesagt: „Mit Kontakten ist es ähnlich wie mit Essen. Es gibt Kontakte, die dich nähren und andere, die es weniger tun.“ Der Gedanke leuchtet mir ein, und ich bin froh, dass mir auch gleich ein paar Menschen einfallen, die ich als „Kontakte, die mich nähren“ einstufen würde. Meine Familie zum Beispiel oder bestimmte Personen auf der Arbeit, die ich besonders schätze und natürlich gute Freunde. Wenn wir uns sehen, uns unterhalten, Zeit miteinander verbringen oder auch nur telefonieren, dann tut mir das gut. Es baut mich auf, gibt mir Kraft, und manchmal zehre ich noch ein paar Tage später davon, wenn wir uns mal wieder getroffen haben. Und da ist dann auch schon ein erster Haken. Wenn ich anfange so darüber nachzudenken, dann ist das mit den nährenden Kontakten ein bisschen wie mit der gesunden Ernährung. Natürlich weiß ich theoretisch wie ich mich gesünder ernähren könnte, aber im stressigen Alltag kriege ich es oft nicht so hin. Genauso weiß ich, welche Kontakte mir guttun, und trotzdem vernachlässige ich sie manchmal. Es gibt immer wieder Tage, an denen meine Frau und ich keine Zeit finden, um uns gegenseitig zu erzählen und zuzuhören, was uns gerade beschäftigt. Seit langem möchte ich mich mal wieder bei einem guten Freund melden, und mache es dann doch nicht.

Als ich mit einer Kollegin, die ich sehr schätze, aber selten sehe, über das Thema spreche, meint sie: „Es nervt mich, mir immer vorzunehmen, es besser zu machen. Ich freue mich stattdessen, wenn ich in einem Gespräch merke, wie gut es mir gerade tut. Und dann genieße ich es ganz bewusst.“ Wow, denke ich, das gefällt mir.

Wenn ich darauf achte, dann bemerke ich auf einmal, wie auch scheinbar kleine, unbedeutende Begegnungen mich aufbauen z.B. ein kurzes, aber herzliches Gespräch mit der Mitarbeiterin in der Kantine, während sie mir Essen auf den Teller lädt. Oder ein Patient, der mir von weitem zuwinkt und sich freut mich zu sehen.

Ich glaube, es ist gut, sich bewusst zu machen, welche Kontakte mich nähren. Und es ist gut diese zu pflegen und vielleicht sogar zu intensivieren. Vor allem aber möchte ich sie wahrnehmen und genießen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44873
weiterlesen...
31JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es gibt ein Lied, das auf der ganzen Welt zu hören ist. Es lautet: „I just wanna be loved - Ich möchte nur geliebt werden.“ Dieser Meinung ist die Therapeutin Virgina Satir. Sie sagt: Dieses Lied singen alle Menschen auf der Erde. Oder präziser: Der Selbstwert, den jeder Mensch in sich trägt, singt dieses Lied. „Ich möchte nur geliebt werden.“ Unser Selbstwert, so sagt Virginia Satir, ist immer da, aber manchmal verlernen Menschen auf sein Lied zu hören. Warum? Weil ihnen Regeln beigebracht werden, die sagen, dass man sich und seine eigenen Bedürfnisse nicht zu wichtig nehmen soll. Oder weil andere sie spüren lassen: Du bist nichts wert! Nimm dich nicht so wichtig! In ihrer Arbeit hat die Therapeutin immer wieder erfahren: Wenn Menschen mit ihrem Selbstwert in Kontakt kommen, dann verändert sich für sie und ihr Umfeld etwas zum Besseren.

Eine biblische Geschichte, die das für mich eindrücklich beschreibt, ist die Geschichte von Zachäus. Er ist der oberste Zöllner von Jericho und bei den meisten Leuten unbeliebt. Zum einen weil er mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert. Zum anderen nimmt er mehr Zoll ein als gefordert und bereichert sich auf Kosten der anderen. Als der Zöllner erfährt, dass Jesus in die Stadt kommt, will er ihn unbedingt sehen. Weil er klein ist, steigt er auf einen Baum. Als Jesus ihn dort oben sieht, spricht er ihn an, und sagt: „Zachäus, ich möchte heute dein Gast sein.“ Die Leute drumherum sind empört, dass Jesus sich ausgerechnet so einem Menschen zuwendet. Sie können es nicht verstehen. Aber nachdem Jesus ihn angesprochen hat, verspricht Zachäus, die Hälfte seines großen Vermögens den Armen zu geben und allen, denen er zu viel Zoll abgenommen hat, das Vierfache zurückzugeben.

Ich verstehe die Geschichte so: Keine moralische Belehrung, kein Vorwurf führt dazu, dass Zachäus sein Verhalten ändert. Die Veränderung geschieht, weil er sich durch Jesus gesehen und wertgeschätzt fühlt. Diese Erfahrung verändert sein Leben zum Besseren. Für ihn selbst und für sein Umfeld.

Gemeinsam mit Virgina Satir glaube ich, dass so etwas tatsächlich passieren kann, und dass wir wie Jesus etwas dazu beitragen können. So schnell wie in der biblischen Geschichte geht es vermutlich selten, es braucht Zeit. Aber ich bin überzeugt: wenn wir Menschen wertschätzend begegnen und ihre Bedürfnisse und Gefühle ernstnehmen, dann verändert sich etwas. Vielleicht können wir dann gemeinsam das Lied hören, das immer gesungen wird: „I just wanna be loved.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44872
weiterlesen...
30JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manche Zitate finde ich hilfreich und gefährlich zugleich. So zum Beispiel den Ratschlag „Sei freundlich, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf.“ Das Zitat stammt vermutlich vom schottischen Autor und Pastor Ian Mclaren. Er geht davon aus, dass jeder Mensch mit irgendwelchen Belastungen zu kämpfen hat, und ich deshalb freundlich zu ihm sein soll. Gefährlich finde ich das Zitat, weil ich glaube, dass es in manchen Situationen angemessen ist, wütend, ärgerlich oder zornig zu sein und auch entsprechend zu reagieren. Ich habe dabei Menschen im Blick, die oft schon früh lernen mussten, dass man immer freundlich zu sein hat, egal wie groß das Unrecht ist, das einem zugefügt wird. Diesen Menschen hilft es oft, wenn sie lernen, dass wütend sein auch seine Berechtigung hat, dass sie ihre Wut spüren und auch angemessen äußern dürfen.

In anderen Situationen, glaube ich, kann dieser Ratschlag aber sehr nützlich sein: „Sei freundlich, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf.“ Wenn Menschen freundlich agieren, dann reagiert das Gegenüber meistens auch so. Was aber, wenn jemand unfreundlich zu mir ist? Das Zitat legt mir nahe, nicht nur auf das äußere Verhalten zu achten, sondern sagt mir: Es könnte sein, dass diese Person vermutlich mit irgendwelchen Widrigkeiten zu kämpfen hat, von denen ich keine Ahnung habe: Stress, Zeitdruck oder chronischer Schlafmangel, Ängste oder inneren Druck oder einfach nur einen schlechten Tag.

Ich mache die Situation für sie und für mich vermutlich nicht besser, wenn ich jetzt auch unfreundlich reagiere. Vielleicht auch nicht, wenn ich freundlich bin, aber ein Versuch könnte es wert sein. Freundlich sein bedeutet dabei nicht, sich alles gefallen zu lassen. Ich kann auch freundlich sagen, was mich gerade stört oder was ich absolut nicht möchte.

Und manchmal bin wahrscheinlich auch ich unfreundlich. Auch ich bin ein Mensch, der mit den verschiedensten Dingen zu kämpfen hat, der manchmal unter Druck steht, genervt ist oder einfach einen schlechten Tag hat. Dann freue ich mich, wenn andere mir gegenüber freundlich bleiben, und sie es dadurch vielleicht sogar schaffen, mich wieder in einen anderen Modus zu bringen.

Immer wenn das gelingt, dann ersparen wir uns gegenseitig einen weiteren zusätzlichen Kampf. Wer sagt denn, dass Leben immer ein schwerer Kampf sein muss. Die Vorstellung, dass es auch mal leicht sein könnte – dafür würde es sich doch lohnen, freundlich zu anderen und zu sich selbst zu sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44871
weiterlesen...
29JUL2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Geh aus mein Herz und suche Freud / in dieser schönen Sommerzeit“ - so beginnt eines der schönsten Kirchenlieder, ein Lob auf die Schöpfung, reinste Lebenslust und Glaubensfreude. Auf den Titel muss man erst mal kommen: das eigene Herz hat Ausgang, ausdrücklich wird es dazu aufgerufen, doch endlich mal aus sich herauszugehen. Endlich neugierig zusehen, wie aufregend vielfältig die Welt ist, voll schönster Überraschungen. Der dichtende Pfarrer Paul Gerhardt kann sich gar nicht einkriegen vor lauter Begeisterung und Staunen. Was es alles an Schönem zu bewundern gibt! Ein Lob der Diversität, reine Lust an der Vielfalt. Und das Typische dran: Paul Gerhardt schaut mit einem Kinderblick in die Welt und den Sommer, als wär‘s Bescherung zu Weihnachten: alles geschenkt, alles Gottes Gaben. Keine Schöpfung ohne Schöpfer und Schöpferin, keine Bewahrung der Schöpfung ohne ein entschiedenes Ja zur Erde und zu jenem Schöpfer-Geist, dem wir das alles verdanken.

Ganz selbstbewusst, eben demütig und mutig zugleich, spricht der Dichter schließlich auch von sich selbst, freilich erst in der 8. Strophe, als käme er nach langer Wanderung durch die Natur endlich wieder nach Hause: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, / des großen Gottes großes Tun / erweckt mir alle Sinnen; / ich singe mit, wenn alles singt, / und lasse, was dem Höchsten klingt, / aus meinem Herzen rinnen.“ Natürlich ist er nicht blauäugig. Paul Gerhardt hat fast den ganzen 30-jährigen Krieg miterlebt. Die ganze Hölle in Mitteleuropa, mit Pest und brutaler Zerstörung. Auch im eigenen Leben hatte er schwere Schicksalsschläge zu verkraften. Also, der sommerliche Naturzauber ist nicht alles. Es wird dem frommen Christenmenschen zum Gleichnis für das, was noch kommt und schon im Gange ist: Das Leben in Fülle. „Welche hohe Lust, welch heller Schein / wird wohl in Christi Garten sein“. Der jubelnde Blick in die schöne Sommerzeit wird zum Vor-Blick in das viel Schönere noch, das uns blüht.

Deshalb die kräftigen Bitten in den Schlussstrophen: „Hilf mir und segne meinen Geist / mit Segen der vom Himmel fleußt / dass ich dir stetig blühe; / gib, dass der Sommer deiner Gnad / in meiner Seele früh und spat / viel Glaubensfrüchte ziehe. ... Mach in mir deinem Geiste Raum / dass ich dir werd ein guter Baum / und lass mich Wurzel treiben. // Verleihe, dass zu deinem Ruhm / ich deines Gartens schöne Blum / und Pflanze möge werden.“ Ja, was täte heute mehr Not als solch ökologische Achtsamkeit. Ein täglicher Beitrag zur Pflege der Schöpfung, mich eingeschlossen. Denn immer noch könnte die Welt ein Paradies sein ... „Geh aus meinem Herz und suche Freud ...“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44802
weiterlesen...