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Stellen Sie sich vor, Sie werfen hundert Legobausteine in einen Raum. Auch nach unzähligen Würfen wird daraus keine schöne Burg oder ein Bauernhof entstehen. Ordnung entsteht nicht allein durch Zufall. Und doch behaupten viele Menschen: Alles ist aus Zufall entstanden.
Erst ein Urknall, durch den Millionen Legosteine hinausgeschleudert wurden. Dann die Evolution als eine Kette von Zufällen, die nach sehr langer Zeit bis zu uns Menschen führt.
Der Schweizer Physiker Gerd Ganteför will daran nicht mehr glauben. Ganteför hat viele Jahre als Professor für Physik in Konstanz gelehrt und ist durch und durch Naturwissenschaftler.
Ganteför sagt: „Reiner Zufall kann die Entstehung des Universums nicht erklären. Denn damit überhaupt etwas entstehen kann, müssen bestimmte Naturgesetze bereits vorhanden sein. Diese Naturgesetze sind erstaunlich genau aufeinander abgestimmt.“
Schon kleinste Abweichungen würden dazu führen, dass keine Planeten und kein Leben entstehen könnten. Das Universum wäre dann nur ein wilder Brei aus Energie.
Für Ganteför ist diese Feinabstimmung ein Hinweis darauf, dass mehr dahintersteckt als bloßer Zufall. Er vermutet, dass dem Universum eine geistige Wirklichkeit zugrunde liegt. Eine Art Intelligenz oder ordnendes Prinzip.
Informationen, so sagt er, seien letztlich grundlegender als Materie. Doch woher kommen diese Informationen? Wer oder was sorgt dafür, dass aus Chaos Ordnung entstehen kann?
Die Überlegungen von Ganteför finde ich spannend. Mit ihm würde ich gerne über ein paar Texte aus der Bibel sprechen. Denn in der Bibel ist von einer göttlichen Weisheit die Rede — auf Griechisch Sophia.
Gemeint ist eine Weisheit, die allem zugrunde liegt. Eine Kraft, die ordnet, verbindet und Leben ermöglicht. Sie geht auf Gott, den Schöpfer, zurück. Zugleich erscheint die Sophia als eigenständig.
Diese Weisheit ist mehr als bloße Information. Sophia schafft Zusammenhänge. Sie stiftet Sinn. Sie bringt Ordnung hervor. Sie ist für mich das Gegenstück zum blinden Zufall.
Ich weiß nicht, ob Gerd Ganteför etwas mit Sophia anfangen könnte. Ob es für ihn eine heiße Spur wäre. Aber mich beeindruckt, dass Menschen, die sich intensiv mit dem Universum beschäftigen, immer wieder an einen Punkt kommen, an dem sie fragen: Gibt es hinter allem eine höhere Weisheit? Einen geistigen Ursprung?
Wenn ich darauf eine Antwort suche, dann helfen mir die alten Texte zur Sophia, zur göttlichen Weisheit. Diese steht nicht einfach wie ein Urknall am Anfang, sondern durchdringt auch heute noch das ganze Universum.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44788„Meine Seele ist überdehnt und ausgeleiert.“ Mit diesem Satz beschreibt der Philosoph Peter Sloterdijk, wie er sich oft fühlt. Wie ein Gummiband, das man zu oft und zu weit gespannt hat.
Für Sloterdijk ist das kein persönliches Problem, sondern betrifft viele Menschen. Er sieht uns in einem Zeitalter der Überdehnung. Unsere Wirtschaft, unser Sozialstaat, unser gesamtes Zusammenleben — die Welt rast und wir mittendrin. Alles ist überladen mit Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen.
Unter diesem Druck leidet nicht nur der Körper, sondern auch die Seele. Sloterdijk sagt selbst, das ist kein neues Phänomen. Auch wenn sich die Geschwindigkeit in den letzten Jahren drastisch gesteigert hat. Schon seit Jahrtausenden suchen Menschen nach Wegen, ihre Seele zu stärken.
Wie könnte so ein Trainingslager für die Seele aussehen? Um es in einem Wort zusammenzufassen: Askese. Zum Glück brauchen wir dafür kein neues Abo oder eine Fortbildung. Denn Askese besteht aus bewusstem Weglassen.
Das ist in einer Welt voller Möglichkeiten eine echte Herausforderung. Doch Weglassen klingt oft negativer, als es ist. Tatsächlich geht es darum, einen Freiraum zu gewinnen.
Um diesen Freiraum zu gewinnen, steht bei mir die digitale Stille ganz weit oben. Manche sprechen auch von Digital Detox — also Entgiftung. Das Smartphone überflutet mich immer wieder mit Nachrichten, Bildern und Apps. Da hilft es mir, das Smartphone in eine Schublade zu legen und in ein anderes Zimmer zu gehen.
Was mir auch viel Energie raubt, ist die ständige Werbung. Überall kann ich sparen, wenn ich nur schnell genug zuschlage. Da schalte ich ab und verzichte.
Und natürlich ich selbst mit meinen ToDo-Listen. Ja, ich könnte heute noch zum Sport, Sperrmüll wegbringen, Post beantworten und vieles mehr. Oder ich nehme mir weniger vor und plane Pausen ein.
Askese. Das bedeutet innehalten, bewusst nichts tun. Es gibt der Seele die Luft zum Atmen zurück. Eine starke Seele muss atmen können. Sie braucht Orte und Zeiten, an denen sie ganz bei sich ist, um danach wieder Lust auf Neues zu haben.
Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn ich an der Autobahnkirche in Baden-Baden vorbeikomme. Da biege ich ab und setze mich einfach in eine leere Kirchenbank. Augen zu, Stille, durchatmen. Für mich ist das ein kraftvolles Training — ein Moment, um zur Ruhe zu kommen und Gedanken zu sortieren.
Eine ausgeleierte Seele trübt die Lebensfreude. Darum will ich meiner Seele immer wieder den Freiraum schenken, den sie braucht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44787„Wie böse bin ich eigentlich?“ Auf diese Frage habe ich nun endlich eine Antwort. Denn es gibt einen wissenschaftlichen Online-Test. Den sogenannten Dark Factor-Test. Mittlerweile haben über drei Millionen Menschen weltweit ihre dunklen Seiten dort vermessen lassen.
Mein Ergebnis: 2,25. Knapp unter dem Durchschnitt. Ich bin also ein eher harmloser Typ. Für einen Banküberfall sollten Sie mich nicht engagieren.
Der Forscher Ingo Zettler, der diesen Test begleitet, stellt klar: Das Böse ist nur zu etwa 25 Prozent genetisch angelegt. Den viel größeren Teil bestimmen die Umstände, in denen wir leben. Und — was ich besonders spannend finde — unser Alter.
Denken Sie an Ihre jungen Jahre unter 25. Da muss sich jede und jeder erst einmal einen Platz in der Welt erkämpfen. In dieser Zeit geben rund 60 Prozent eher böse Antworten. Sie stimmen zu, wenn es heißt: Rache muss schnell und fies sein. Oder: Mein eigenes Vergnügen ist das Einzige, was zählt.
Denn bei den Fragen des Tests geht es darum, ob ich meine Interessen durchsetze — selbst dann, wenn andere dabei Schaden nehmen. Ehrlich gesagt wären meine Antworten in jungem Alter auch anders ausgefallen. Vielleicht spielen ja auch die Hormone eine Rolle. Doch mit dem Alter scheint Milde einzukehren.
Ingo Zettler sagt: „Mit 60 schwächen sich unsere dunklen Seiten deutlich ab. Wir werden gelassener, vielleicht auch weiser.“ Viele erkennen wohl, dass das eigene Glück nicht gegen andere erkämpft werden muss.
Das Böse hat seine ganz eigene Faszination. Schon in der Bibel werden böse Menschen beschrieben. Menschen, die sagen: „Ich darf alles.“ Menschen, die sich mit mir anlegen, werden es bereuen.
Zum Beispiel König Herodes, von dem es heißt, dass er die Kinder von Bethlehem ermorden ließ. Um seine Macht zu sichern, war ihm jedes Mittel recht. Sogar seine eigenen Söhne hat er kurz vor seinem Tod getötet. Noch auf dem Sterbebett hat er um seinen Thron gekämpft.
Bei Herodes entdecke ich keine Altersmilde. Grundsätzlich sind wir aber wandelbar. Mein Schulfreund Björn zum Beispiel hat als Jugendlicher viele krumme Dinge gedreht. Doch nun ist er hilfsbereit und ein Familienvater aus dem Bilderbuch.
Wenn Sie neugierig geworden sind: Den Test finden Sie unter darkfactor.org. Vielleicht wollen Sie ja auch einmal ehrlich in den Spiegel zu schauen. Dieser Test verurteilt nicht und gibt auch keine Tipps. Aber es kann helfen, wenn ich den Mut habe, mich den Fragen zu stellen — denn wer seine dunklen Seiten kennt, kann sich noch besser für die helle Seite entscheiden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44786Die Zukunft sieht gerade alles andere als rosig aus: Hitzewellen lassen uns den bedrohlichen Klimawandel hautnah spüren, viele machen sich Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung und auf der ganzen Welt stürzen machthungrige Politiker ganze Regionen in Krieg und Elend. Nicht die Zeit, um Kinder zu bekommen. Abgesehen davon gibt es auch individuell viele Gründe, warum junge Menschen zögern, Eltern zu werden. Haben sie überhaupt den Partner, mit dem sie sich ein Kind zutrauen? Manchmal zerbricht eine Beziehung auch an dieser Frage. Und gar nicht so selten klappt es einfach nicht mit dem schwanger werden, was für die Betroffenen meist ein großer Schmerz ist.
Junge Menschen fragen sich: Was würde ein Kind für unseren Lebensstil bedeuten? Finden wir eine bezahlbare Wohnung? Bekommen wir die nötige Unterstützung, um Arbeit und Familienleben zu vereinbaren? Fragen, die sich erst recht stellen, wenn jemand allein für das Kind sorgen muss.
Kein Wunder, dass die Geburtenrate so tief ist und viele diese Entscheidung immer weiter hinausschieben.
Es ist gut sich zu fragen, ob man die Verantwortung für ein Kind tragen kann und will. Und zugleich ist es ein großes Geschenk, Eltern zu werden und das Leben weiterzugeben, denn mit einem Kind bekommen wir intensiv Anteil an der unverfügbaren und oft überraschenden Dynamik des Lebens.
Ein Sprichwort sagt: „Kinder sind ein Geschenk des Himmels.“ Als Christin glaube ich, dass jedes Kind seinen Ursprung in Gott hat und letztlich von ihm gewollt ist. Mit jedem Kind kommt etwas Neues in die Welt. So verkörpert jedes Kind auf seine eigene, unverwechselbare Weise die Zukunft. Es fordert damit seine Eltern heraus, über sich selbst hinauszuwachsen und Teil von etwas Größerem zu werden. Wer Kinder hat, kann sein Leben weniger planen und bestimmen und erfährt dafür, selbst von diesem Leben getragen zu werden.
Das „Ja“ zu einem Kind ist eine sehr persönliche Angelegenheit, und doch kann es der Gesellschaft nicht egal sein, ob Kinder geboren werden oder nicht. Denn Familien investieren mit ihren Kindern in die Zukunft aller. Sie verdienen daher auch die Solidarität aller. Es geht dabei nicht nur um künftige Facharbeiter und Rentenzahler. Es geht darum, ob wir auch als Gesellschaft lernen, dem Leben wieder mehr zu vertrauen. Junge Familien leben das Tag für Tag.
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Die Töpfe in unserem Haushalt tun nun schon seit über 30 Jahren ihren Dienst. Wir haben sie – ganz klassisch – zur Hochzeit geschenkt bekommen. Mein Mann legte damals Wert auf beste Qualität – und ich muss ihm nachträglich Recht geben. Tag für Tag sind sie im Einsatz und sie haben sich bewährt.
So ein Kochtopf ist nicht gerade ein gängiges Symbol für eine Ehe. Für mich passt es trotzdem. Denn in einer Ehe geht es nicht nur um romantische Gefühle, sondern auch darum, wie wir den Belastungen des Alltags standhalten können. Wer kocht und kauft ein? Wer holt das Kind aus der Kita ab? Wer wechselt die Reifen? Wodurch wird eine Beziehung resilient – wie ein Kochtopf, der eben auch Hitze und heftige Dämpfe aushalten muss?
Eine Ehe beginnt mit einem gegenseitigen Versprechen: „Ich will dich lieben, achten und ehren und dir die Treue halten, solange ich lebe.“ Das sagen sich Mann und Frau bei einer kirchlichen Trauung zu, und ich finde, das ist ein gutes Fundament für eine Beziehung.
Es geht nicht nur um ein einmaliges Versprechen, sondern um eine Grundhaltung: Wir vertrauen uns und wir bemühen uns umeinander. Da muss nicht alles perfekt sein, es gibt auch Auseinandersetzungen und Enttäuschungen. So wie bei einem Topf manches anbrennt. Doch das lässt sich lösen, wenn jeder versucht, auch das Erleben des anderen zu verstehen und zugleich seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche ehrlich mitteilt.
Sich für ein ganzes Leben die Treue zu versprechen – das ist ein hohes Ideal. Kann ich das aus eigener Kraft überhaupt leisten? Im kirchlichen Trauritus heißt es: „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an als meinen Mann / als meine Frau.“
Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament, also ein Zeichen, in dem Gott erfahrbar wird. Denn Gott hat einen Bund mit uns geschlossen, der unwiderruflich ist. In diesen Bund sind wir als Paar hineingenommen.
Und doch können wir auch an Grenzen stoßen, die unüberwindlich erscheinen. Ich finde es daher tröstlich, dass es im Trauritus weiter heißt: „Gott wird das Gute, das er in euch begonnen hat, vollenden.“ Treue ist kein abstraktes Ideal. Wir leben sie in unseren menschlichen Bedingungen und wie leicht werden wir durch gegenseitige Verletzungen blind und fühllos füreinander. Aber wir können darauf vertrauen, dass es in unserer Beziehung noch einen Dritten im Bunde gibt, nämlich Gott. Seine Liebe und Treue zu uns bleibt, was auch immer geschieht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44777„Warum wird die Farbe schwarz so oft negativ bewertet?“, fragt Jack, ein afroamerikanischer Pfarrer aus der Nähe von Boston in den USA. Er hält regelmäßig Vorträge an deutschen Schulen und Hochschulen und spricht mit jungen Deutschen.
„Meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern haben von Weißen so lange eingeredet bekommen, dass sie weniger wert sind, dass sie es am Ende selbst geglaubt haben. Und wenn nicht, wurde es ihnen mit Gewalt beigebracht.“ Eindringlich spricht Jack zu den Schülerinnen und Schülern.
Er erzählt, dass Schwarze als Sklaven gefangen genommen, verkauft und wie Vieh gehalten worden sind. Das ist noch gar nicht so lange her. Und auch heute noch erleben Schwarze Beleidigungen und Gewalt, nur weil sie Schwarze sind.
„Die Vorurteile, sagt Jack, stecken tief in den Köpfen vieler Menschen. Und unsere Sprache verstärkt sie noch.“ Das ist den meisten aber gar nicht so klar. Jack hat dafür Beispiele: Der Schwarzmarkt ist ‚illegal’. Ein Mensch ‚sieht schwarz’, wenn er etwas Schlimmes befürchtet. Wer ‚schwarz malt’, ist pessimistisch und negativ eingestellt. Und das ‚schwarze Schaf’ in der Familie ist diejenige Person, die aus der Reihe tanzt, die stört und irgendwie böse oder anders ist“.
Weiß dagegen ist die Farbe der Unschuld. Weiß sind die Feen und die Engel, die in Mythen und Märchen dargestellt werden. Sie stehen für das Gute und kämpfen gegen das Böse. So einfach ist die Schwarz-Weiß-Farbenlehre.
Ein Schüler meldet sich: „Aber Dunkelheit ist doch nun einmal schwarz und bedrohlich. Und wenn Menschen nichts sehen können, haben sie Angst. Sie fürchten, dass etwas Schlimmes passiert!“
„Das hast du gut erkannt“, erwidert Jack. „Die Menschen haben Angst, nichts sehen zu können und die Kontrolle zu verlieren. Das ist menschlich. Was aber problematisch ist: Wenn schwarze Menschen deswegen abgewertet werden.“
Was Jack wichtig ist: Der biblische Gott hat am Anfang der Welt den Tag geschaffen und die Nacht, Helligkeit und Dunkelheit, weiße Menschen und Schwarze und viele andere dazwischen und jenseits davon. Niemanden hat Gott bevorzugt und niemanden hat er benachteiligt. Für ihn sind alle Menschen gleich wichtig. Denn das Leben ist vielschichtiger und bunter als alle menschlichen Schubladen. Gott sei Dank!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44745Meron Mendel und Saba-Nur Cheema sind ein interreligiöses Ehepaar aus Frankfurt. Er ist Pädagogikprofessor, Publizist und säkularer Jude. Sie ist Politologin, Publizistin und gläubige Muslima. In ihrem Buch „Jüdisch-muslimisches Abendbrot“ erzählen sie davon, wie sie mit Konflikten umgehen und wie sie ihre beiden Kinder religiös erziehen. Bei einer Lesung in Frankfurt habe ich die beiden neulich erlebt.
Für das Ehepaar ist es wichtig, dass Menschen bereit sind, sich unterschiedliche Meinungen anzuhören, sie auszuhalten und stehenzulassen. In ihrer Familie sind solche Übungen Alltagsgeschäft. Meron bezeichnet sich selbst als säkular und erklärt seinen Kindern viel über die kulturelle Bedeutung des Judentums. Aber auch die Geschichten aus der Thora sind ihm wichtig. Saba-Nur ist gläubig. Sie betet mit ihren Kindern und erklärt ihnen die Geschichten aus dem Koran. Beide Religionen stehen nebeneinander und keine ihrer Positionen ist mehr oder weniger wert. Das lernen ihre Kinder früh. Und genau das ist dem Ehepaar auch für die gesamte Gesellschaft wichtig. Sie sorgen sich, dass Menschen sich nicht mehr zuhören, dass unterschiedliche Meinungen nicht mehr ernst genommen werden. Und sie haben Beispiele dafür: Ein ehemaliger grüner Politiker aus Neu-Brandenburg hat die beiden nach einer Lesung in seiner Heimat mit seinem privaten PKW 90 Minuten nach Berlin gefahren, weil um die Zeit keine S-Bahn mehr fuhr.
Auf der Fahrt hat er ihnen davon erzählt, wie er nach der Wende eigentlich positiv gestimmt war und seine Heimat konstruktiv verändern wollte. Aber in den folgenden Jahren hat er immer wieder erlebt, dass seine Erfahrungen, seine Sprache und seine Art zu denken niemand interessiert hat oder pauschal abgewertet wurde. Nun wählt er Rechtsaußen, ist aber weiterhin am Gespräch interessiert. Deshalb hat er die beiden auch gefahren, um mit ihnen zu reden zu können. Für ihn, für Meron und Saba-Nur ist es ein Glücksfall, dass es zu ihrem Austausch gekommen ist. Und genau um diese schwierigen und auch schmerzhaften Gespräche geht es dem Ehepaar. Zuhören, einander ernst nehmen, Unterschiede aushalten und nicht bewerten. Das ist ihr Mantra. Davon brauchen wir noch viel mehr, wenn wir auch in Zukunft miteinander friedlich zusammenleben wollen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44744Das Kloster Sankt Hildegard liegt wunderschön über dem Rheintal bei Rüdesheim. Es eignet sich hervorragend als Ziel für eine kleine Wanderung durch die Weinberge. Über 30 Nonnen leben noch im Kloster; man kann dort aber auch als Gast übernachten. Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, einer Gruppe von Hochschulgeistlichen aus aller Welt dieses Kleinod zu zeigen. Kurz vor Mittag sind wir oben angekommen. An der Klosterkirche steht zurzeit ein Gerüst und hüllt die linke Seite des Kirchenschiffs ein. Keine Ahnung, was genau gemacht wird; es war auf jeden Fall ziemlich laut. Gerne haben wir uns aus dem Krach in die Kirche geflüchtet. Dort begann dann auch schon das Mittagsgebet.
Die Nonnen kamen pünktlich um 12 Uhr in den Seitenaltar der Kirche und haben sofort angefangen zu singen und zu beten. Ich hätte gedacht, dass die Arbeiter nun mit dem lautstarken Klopfen aufhören, aber weit gefehlt! Während der gesamten viertel Stunde Beten und Singen geht das Hämmern und Klopfen weiter. Die Nonnen scheint es nicht zu stören. Sie lassen sich von ihrem Gesang nicht abbringen. Nur wir blicken immer wieder irritiert zum Gerüst auf und versuchen die Arbeiter wild gestikulierend dazu zu bewegen, mit dem lauten Hämmern aufzuhören. Vergeblich.
Viele von uns schütteln danach verständnislos mit dem Kopf. „Hätten die Arbeiter nicht für das Gebet die Arbeit unterbrechen können?“, fragt eine Besucherin.
„Eine Viertelstunde. Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt.“
Ein anderer meint: „Naja, die müssen halt mit ihrer Arbeit fertig werden. Es geht ja nicht nur um ein Mittagsgebet, die Gebete gibt´s ja täglich morgens, mittags und abends. Da geht schon viel Zeit verloren.“
Gerne hätte ich die Nonnen gefragt, wie sie es schaffen, sich so gar nicht stören zu lassen, aber sie sind gleich nach dem Gebet wieder in ihrem Klosterbereich verschwunden. Ob sie zu irgendeinem Zeitpunkt das Gespräch mit dem Bauleiter gesucht haben? Oder können sie einfach alles ausblenden, was nicht dem Beten und Singen dient? So oder so, ihre Haltung beeindruckt mich. Ganz neu höre ich da die alte Klosterformel: „Ora et labora“. Bete und arbeite! Gebet und Arbeit gehören im Kloster zusammen. Und beides gehört mitten in den Lärm des Lebens.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44743Das Geheimnis des Lebens ist mir ganz nah - bei jedem Atemzug. Ich kann meinen Atem zwar beobachten, doch nie ganz fassen. Wenn ich mit anderen im Chor singe oder meinen Körper trainiere, dann achte ich bewusst auf meinen Atem. Wenn ich aber schlafe, mich auf meine Arbeit konzentriere oder einen Film oder ein Theaterstück anschaue, dann atme ich einfach, ohne darüber nachzudenken.
Hin und wieder lege ich meine Hände auf meinen Bauch und atme ganz bewusst tief ein und aus. Dann staune ich darüber, wie selbstverständlich mein Atem in mir strömt und meinen Leib bewegt. Ich ahne, warum die Bibel sagt: Gott haucht dem Menschen den Atem ein und macht ihn dadurch lebendig. Das könnte auch beängstigend sein, Gott so nah in mir. Doch ich finde, es ist ein schöner Gedanke. Ich mag es, mir vorzustellen, dass es Gottes Atem ist, der mich bewegt und durchströmt. So nah kommt Gott mir, wie mein eigener Atem, und doch habe ich ihn, wie meinen Atem, nicht im Griff. Ich kann nur staunen über seine fremde Kraft.
Manchmal zeigt mir mein Atem lange vor meinem Verstand, dass ich mich nicht wohl fühle, er wird eng und gepresst, meine Stimme zittert. Manchmal stockt mir der Atem vor Schreck über diese Welt, vor Angst. Dann wieder gibt es Momente, in denen mein Atem ganz ruhig fließt, weil ich entspannt bin, an einem guten Ort, von Menschen umgeben, die mir zugewandt sind. Wenn ich auf meinen Atem höre, kann er mir viel zeigen und sagen.
Die Sommerzeit jetzt wird für mich eine Zeit des Aufatmens sein. Morgens laufe ich am Strand, mit langem Atem. Ich brauche solche Atempausen. Für mich, für die Menschen, die ich liebe, für meinen Gott. Damit ich nicht atemlos an mir vorbeilebe.
Ein alter Pater hat mir einmal erzählt, für ihn sei jeder Atemzug wie der Name Gottes. Der Mann meint, dass wir von unserem ersten Atemzug bis zu unserem letzten Gottes Namen beten. Der Name Gottes: Ein Hauch.
Die Abendsonne am Meer erinnert mich daran, dass ich eines Tages mein Leben aushauchen werde. Irgendwann kommt mein letzter Atemzug, vielleicht ein schwacher Seufzer, ein Gebet, hinein in Gottes unfassbare Wirklichkeit.
In meiner Atempause am Meer werde ich darüber nachdenken. Dankbar für die würzige Seeluft, die ich atmen darf, dankbar für das Leben, das Gott mir eingehaucht hat.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44690„Bevor du über einen Menschen urteilst - geh erst mal vier Wochen in seinen Schuhen,“ das hat meine Mutter immer gesagt. Vor kurzem habe ich jetzt die tiefe Weisheit dieses Satzes erfahren.
Wir hatten eine Reise nach Los Angeles zu unserem Patenkind geplant, dann kam eine dringend notwendige Fußoperation meines Mannes dazwischen. Wir hatten überlegt, den Besuch abzusagen, weil mein Mann zwar kurze Strecken gehen konnte, keinesfalls jedoch die weiten Wege im Flughafen. Aber die kundige Frau im Reisebüro hat uns ermutigt und uns einen Assistenz-Service gebucht. Das ist gut organisiert. Allerdings ist die Perspektive aus dem Rollstuhl gewöhnungsbedürftig. Wir warten in einer Gruppe der Mühseligen und Beladenenen darauf, abgeholt zu werden. Schließlich holt uns eine freundliche Dame ab und dann geht es mit dem Rollstuhl durch den Flughafen. Ich wundere mich: Wie wenig die Leute aufeinander achten! Immer wieder kommt es vor, dass jemand fast in den Rollstuhl hineinläuft.
Mein Mann sagt, dass es auch ein merkwürdiges Gefühl ist, aus der Rollstuhlperspektive ständig nach oben sprechen zu müssen, ähnlich wie ein kleines Kind. Plötzlich ist er im wörtlichen Sinn nicht mehr auf Augenhöhe, das fühlt sich nicht gut an. Auch die mitleidigen Blicke der Menschen haben ihn seltsam berührt. „Ein Perspektivenwechsel ab und zu ist aber gar nicht schlecht,“ meint er.
Wir haben viel gelernt auf dieser Reise. Zum Beispiel, achtsam hinzusehen. Menschen im Rollstuhl oder mit einer Behinderung brauchen kein Mitleid, sondern Respekt. Das war mir theoretisch schon vorher klar, aber wenn man es am eigenen Leib oder gemeinsam mit einem Menschen, den man liebhat, fühlt, dann begreift man es ganz neu.
Wieder zurück im Alltag hat sich meine Wahrnehmung in vielen Situationen geändert. Wie viel Platz muss ich beim Parken auf dem Bürgersteig lassen, damit Kinderwagen und Rollstühle noch bequem durchpassen? Ich habe mich auch getraut, einen Mann anzusprechen, der unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz geparkt hat. Achte ich auf Kinder und darauf, dass sie nicht übersehen werden? Auf Augenhöhe miteinander sprechen, das geht - auch wenn jemand kleiner ist - oder größer als ich.
„Geh erst mal vier Wochen in den Schuhen eines anderen Menschen.“ Meine Mutter hatte Recht. Übrigens: Beim Warten auf dem Flughafen haben wir viele interessante Gespräche mit den anderen Menschen geführt, die ebenfalls auf einen Rollstuhl-Transport gewartet haben. Und gemeinsam festgestellt: Toll, dass es diesen Service gibt.
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