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Ich brauche morgens beim Aufstehen lange, bis ich richtig wach bin und erfasse, was meine Augen sehen. Nach zwei, drei Tassen Tee ist es so weit, und dann schaue ich auch in den Spiegel – oder auch erst, wenn ich aus dem Haus gehe. Eine viel aufgewecktere Morgenroutine begegnet mir in diesen Worten: „Ich danke Gott und freue mich/wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin! Und dass ich dich, schön menschlich‘ Antlitz, habe.“ Sie stammen von Matthias Claudius und sind so alt, wie sie klingen, gut 200 Jahre. Bekannt ist sein Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“. Aber hier bewundert er nicht den Mond, sondern sein Gesicht; und seine kindliche Freude daran kann ich direkt spüren. Mensch. Schön, dich zu sehen. Klasse, dass es dich gibt. Sagt da einer zu sich selbst. Was lässt ihn so begeistert sein? Was macht ein menschliches Gesicht schön? Für Matthias Claudius ist es:
„Dass ich Sonne, Berg und Meer,/ und Laub und Gras kann sehen./ Und abends unterm Sternenheer und lieben Monde gehen“, schreibt er weiter. Sich in der Welt zu sehen, das macht ihn glücklich. Er genießt es, in der Natur unterwegs zu sein, ihre Schönheit zu betrachten und ihre Rhythmen wahrzunehmen. Offensichtlich freut er sich an ihr.
Ich beneide ihn um seine Unbefangenheit – und ja, klar, um die so viel gesündere Natur, in der er gelebt hat: noch vor der Industrialisierung, weit entfernt von der Globalisierung und der Erderhitzung. Der Erde ging es viel besser damals. Und vielen Menschen deutlich schlechter. Das Leben war hart für alle, die arm waren. Matthias Claudius selbst hatte keine stabile Gesundheit, er lebte lang in prekären Verhältnissen und beruflicher Unsicherheit. Und sagt dazu in seinem Gedicht: „Auch bet' ich Gott von Herzen an,/ daß ich auf dieser Erde/Nicht bin ein großer reicher Mann, Und auch wohl keiner werde./Denn all das Geld und all das Gut gewährt zwar viele Sachen;/Gesundheit, Schlaf und guten Mut/kanns aber doch nicht machen“.
Zufriedene Gelassenheit strahlt Matthias Claudius aus; aber er ist weder naiv noch selbstzufrieden. „Täglich zu singen“, heißt die Überschrift über sein Gedicht: da sucht einer jeden Tag neu den Einklang mit der Welt, findet Akzeptanz und teilt sie mit.
Ich will mich von der Beschaulichkeit des 18. Jahrhunderts nicht an der falschen Stelle beruhigen lassen. Aber ich glaube, unserem Miteinander und allen Geschöpfen des 21. Jahrhundert würde es guttun, wenn mehr Menschen so eine Haltung einnehmen könnten: im Frieden mit sich selbst, positiv verbunden mit der nichtmenschlichen Schöpfung, und, zuallererst: der Welt menschlich zugewandt. Und darum schön.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45140Im Sommer habe ich in meinem Urlaub in Schweden einen Nachmittag lang im Wald Heidelbeeren gepflückt. Ich war allein, und es war sehr still, dabei rauschte der Wind in den Bäumen. Fröhlich-verspielt klang das und hat große Leichtigkeit und Ruhe verbreitet.
Alle Farben sind da um mich herum. Alle Farben des Regenbogens, ganz unspektakulär, fast unscheinbar. Und ganz selbstverständlich.
„Erinnert euch an den Regenbogen
An diesem Nachmittag im Heidelbeerwald habe ich zwischen all den Farben darüber nachgedacht, worin dieser Unterschied besteht, von dem Dorothee Sölle spricht: Denn „es macht einen Unterschied, ob in unserem Leben ein Regenbogen vorkommt“. Es macht einen Unterschied gerade in diesem Sommer – weil er mich daran erinnert, dass eine Katastrophe nicht das Ende ist. Und es hat ja Katastrophen gegeben im Sommer: Waldbrände und die Sturzflut in Nepal … In der Bibel macht Gott den Regenbogen zum Zeichen für den Neuanfang des Lebens nach der Sintflut. Der Regenbogen erinnert uns: zerstörerische Kräfte sind beherrschbar. Es gibt eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, die das Leben erhalten will. Die Elemente der Erde, das commitment der Menschen und die Lebenskraft Gottes sind ein starker Bund gegen alles Lebensfeindliche.
In die Dürre und Dunkelheit von Herbst und Winter nehme ich vom sommerlichen Heidelbeerpflücken mit: Die Erinnerung an den Regenbogen mit seinen sieben Farben des Lichts, ein süßes Glas Marmelade und eine erstaunliche Kraft im Herzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45139Ich mag es, in neuen Städten unterwegs zu sein und mir das Leben in ihnen vorzustellen. Viele Eindrücke und Anregungen nehme ich da mit.
Erholung aber finde ich in der Natur. Mindestens eine Woche will ich im Urlaub draußen sein und Wind, Sonne und Wasser direkt auf der Haut spüren, und die Erde unter meinen Füßen. So mit der Natur verbunden geht es mir gut.
In diesem Sommer war ich in Schweden, in einem roten Holzhaus auf Felsen am See zwischen Birken und Heidelbeeren. Jeden Morgen und jeden Abend war ich im Wasser. Oft war der See genauso warm wie die Luft, und weich und anschmiegsam. Die Minuten im See haben mir am Morgen Energie gebracht und am Abend Ruhe. Es ist nicht viel passiert in diesen Tagen. Das war wunderbar. Sehr einfach. Sehr elementar. Im wahrsten Sinn des Wortes: Nah an den Elementen, an dreien von ihnen: Erde, Luft und Wasser.
Eine ideale kleine Welt. So anders als an vielen anderen Orten in Europa in diesem Sommer. Ich konnte einfach leben. Ich habe einfach gelebt. Spürbar verbunden mit der Natur, die an diesem Fleck der Welt im Gleichgewicht schien.
„Merkwürdig, dass wir in Zeiten leben, in denen ‚naturverbunden‘ als Charaktereigenschaft gilt, nicht als Existenzbedingung“, sagt der Schriftsteller John von Düffel. Als Student war er oft einsam. Das Wandern hat ihn gerettet. Er beschreibt es so: „Die Isolation hört in dem Moment auf, in dem ich mich ins Verhältnis setze, und sei es zu einem Stein am Wegrand, einem Baum auf einem Hügel, einer Landschaft, einem Tier. Ich werde nicht vergessen, dass es die Relation ist, die rettet“.
Das ist auch die Überzeugung der kirchlichen Initiative „Schöpfungszeit“ vom 1. September bis 4. Oktober. Mit vielen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich seit vier Jahren die „Impulse für die Schöpfungszeit“: ein kurzer Gedanke, ein praktischer Hinweis für jeden Tag. Wer sich bei der evangelischen Erwachsenenbildung in Freiburg per E-Mail anmeldet, findet ihn frühmorgens im Postfach, mit einem Link zum Anhören. Mir helfen die „Impulse für die Schöpfungszeit“, meine Naturverbundenheit theologisch zu reflektieren und praktisch zu leben. Auch nach dem Urlaub.
Denn mein Alltag in der Stadt ist weit entfernt vom schwedischen Haus am See. Was aber auch zuhause geht: ich mache morgens erstmal weit das Fenster auf und schaue in den Himmel. Ich gehe barfuß nach draußen.
Vor den Nachrichten im Radio und vor den Neuigkeiten auf meinem Smartphone sagen mir die Nase in der Luft und die Füße auf der Erde, wie es um meine Welt heute bestellt ist. Naturverbunden beginne ich den Tag.
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Di. 01.09.2026 - So. 04.10.2026 - Tägliche Anregungen zur Selbstbesinnung
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Ein weltbewegendes Ereignis war das damals. Die Seeschlacht von Actium am zweiten September im Jahr 31 vor Christus. Zum ersten Mal habe ich davon im Lateinunterricht gehört. Actium liegt an der griechischen Westküste. Dort hat Octavian den Machtkampf um Caesars Erbe gewonnen. Kurz darauf wurde er als Kaiser Augustus zum weltberühmten Herrscher des Römischen Reichs. Die Schlacht hat die Weichen für ihn gestellt.
Wenn ich diese großen Namen und Geschichten höre, fühle ich mich selbst manchmal ziemlich klein. Da sind Ereignisse, über die Menschen noch nach mehr als zweitausend Jahren sprechen. Und Großes passiert auch heute. Da treffen sich Staats- und Regierungschefs. Irgendwo fallen Entscheidungen, die Millionen Menschen betreffen. Ständig wird irgendwo Weltgeschichte geschrieben. Dagegen wirkt mein eigenes Leben oft klein und kurz. Was kann ich schon bewirken in den paar Jahrzehnten innerhalb einer Geschichte, die lange vor mir begonnen hat und nach mir weitergehen wird?
Dem Kaiser Augustus bin ich später noch an anderer Stelle begegnet. Er taucht im Lukasevangelium in der Erzählung von Jesu Geburt auf: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …“ So klingt das in Luthers berühmter Übersetzung aus dem Griechischen. Kaiser Augustus ordnet eine Volkszählung an. Deshalb machen sich Maria und Josef auf den Weg nach Bethlehem.
Ziemlich klug und geschickt hat der Evangelist Lukas das gemacht: Er verwebt die Geschichte eines einzelnen Menschen mit der Weltpolitik. Augustus und Jesus, Kaiser und Kind haben etwas miteinander zu tun. Lukas stellt beide in dieselbe Erzählung. So hebt er die Geschichte von Jesus auf die große Weltbühne. Alle Augen sollen sich auf diesen Neugeborenen richten. Mit ihm, so sagt Lukas, geschieht das Entscheidende.
Gott tritt nicht im Kaiserpalast in Erscheinung, sondern in einem Stall. Nicht dort, wo Menschen Macht und Größe vermuten. Sondern dort, wo alles klein, verletzlich und unscheinbar wirkt.
So wie Lukas das gemacht hat, kann ich auch mein Leben verorten. Weil ich glaube: Gott, der schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden Menschen begleitet hat, kennt auch mein Leben. Das, was mich freut, belastet oder beschäftigt. Ich gehöre zu seiner Geschichte mit den Menschen.
Die großen wortwörtlich Welt-bewegenden Ereignisse wird es immer geben. Worüber man in hundert Jahren sprechen wird, ist offen. Mitten darin ist die Zeit, die uns auf Erden geschenkt ist. Sie zählt. Sie hält Aufgaben, Begegnungen und Überraschungen bereit. Auch heute. Also los in den Tag!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45103Ich werde nie vergessen, wie meine Großeltern mir zum ersten Mal von ihren Erlebnissen im Krieg erzählt haben. Wir saßen am großen Esstisch in ihrem Wohnzimmer. Die Teetassen und Kuchenteller standen schon leergegessen vor uns. Und irgendwie habe ich gespürt: jetzt könnte ein guter Moment sein, sie zu fragen: Wie war das damals eigentlich? An was erinnert Ihr Euch noch? Meine Großeltern haben gar nicht überrascht gewirkt. Sie haben sich kurz angeschaut. Und dann erzählt. Langsam und behutsam. Von Flucht. Von Angst und Armut in den Jahren nach dem Krieg. Von Erinnerungen, die sie ihr Leben lang begleitet haben.
Ich denke oft an dieses Gespräch zurück. Besonders an einem Tag wie heute. Vor 87 Jahren, am 1. September 1939, hat die deutsche Wehrmacht Polen überfallen. Millionen Menschen sollten in den folgenden Jahren ihr Leben verlieren. Das gehört zu unserer Geschichte.
Warum erinnern wir uns daran?
Was damals geschehen ist, können wir nicht ändern. Manche sind darum der Meinung, wir sollten uns stärker anderen Kapiteln unserer Geschichte zuwenden und nicht immer wieder auf Krieg und Schuld zurückblicken. Aber woran wir uns erinnern, das bleibt nicht folgenlos. Denn Erinnern hat mit mehr zu tun als mit der Vergangenheit. Es betrifft uns und unsere Gegenwart. Es verändert diejenige, die sich erinnert.
Erinnern bedeutet ursprünglich: etwas wieder ins Innere, ins Bewusstsein holen. Das funktioniert nie perfekt und bedarf eines wiederholten Trainings. Der christliche Glaube hat Übung im Erzählen und Weitererzählen. Immer wieder kreisen seine Geschichten um das Nicht-Vergessen. Menschen erinnern sich an das, was sie und ihre Vorfahren geprägt hat. An Leid. An Befreiung. Und wie ihnen in alledem Gott begegnet ist. Das gibt den Erzählerinnen und den Zuhörern Orientierung.
Bei meinen Großeltern kann ich das sehen. Bis heute sind ihnen ein voll gedeckter Tisch, ihr eigenes Haus und ein Leben in Frieden kostbar. Je öfter sie erzählen, desto mehr werden ihre Erinnerungen Teil meines Lebens. Ich bin dankbar, dass ich von ihren schweren Tagen weiß. Es hält mich wachsam dafür, wie wertvoll Frieden ist und welche Zukunft ich mir wünsche. Darum möchte ich auf diesen Gedenktag nicht verzichten.
Ich denke heute auch daran, was meine Großeltern aus ihren Erinnerungen gemacht haben. An ihre Lust zu leben. Eine Familie zu gründen. An ihr Vertrauen, dass die Zukunft mehr bereithält als Angst und Krieg.
Heute erinnern wir uns an beides. An Krieg und Schrecken. Und daran: Menschen haben Versöhnung gesucht, um Frieden gebetet und sich für ihn eingesetzt. Von beidem sollten wir weitererzählen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45102Der letzte Tag im August. Zumindest meteorologisch endet heute auf der Nordhalbkugel der Sommer. Jedes Jahr aufs Neue kann ich es nicht glauben: schon wieder ist ein Sommer um! Und was war das für ein Sommer; heiß, anstrengend und auch lebensgefährdend. Und trotzdem fällt es mir schwer, ihn ziehen zu lassen.
Die langen hellen Abende werden seltener. Bald heißt es wieder morgens frierend am Bahnsteig stehen – ein Körpergefühl, das monatelang einfach weg war. Oft hat man nicht mal abends eine Jacke gebraucht. Darum genieße ich jetzt noch ganz bewusst die Wärme auf der Haut. Den Wind. Das Licht.
Die vier Jahreszeiten gehören bei uns zu den großen Lebensrhythmen. Sie kommen und gehen. Jedes Jahr aufs Neue. Wir erkennen sie wieder und richten uns nach ihnen aus. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Vieles andere verläuft auch in Kreisen: die Gezeiten, Feste im Jahreskreis oder der weibliche Zyklus.
Diese Gewohnheiten tun gut. Sie geben Sicherheit und Zuverlässigkeit. Sie machen das Leben planbar. An anderer Stelle funktioniert unser Leben nämlich ganz anders: Wir leben vorwärts. Kein Sommer kommt zurück. Kein Geburtstag. Nicht derselbe jedenfalls. Dieser August, dieser Tag heute, dieser eine Moment wird nicht wiederkehren.
Die Bibel kennt beides: Kreise und Linien. Da gibt es die wiederkehrenden Zeiten. Tag und Nacht. Saat und Ernte. Sommer und Winter. Und zugleich erzählt die Bibel, wie Gott mit Menschen in der Geschichte unterwegs ist. Die Zeit dreht sich nicht einfach endlos im Kreis. Für jeden einzelnen ist sie ein Weg nach vorn.
Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Denn Gott bewegt sich nicht nur in den Zyklen und auch nicht nur auf einer großen Geschichtslinie. Er kann Menschen ganz überraschend begegnen. Sogar an einem ganz gewöhnlichen Montag.
Die Bibel erzählt immer wieder von solchen Momenten. Da sitzen Fischer am See und flicken ihre Netze. Dann spricht Jesus sie an. Und plötzlich sieht ihr Leben anders aus. Aus Fischern werden Jünger. Mitten im Lauf der Zeit öffnet sich eine neue Perspektive. Etwas scheint auf, das vorher nicht da war. Die Zukunft bleibt offen.
Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr mit dem Überraschenden zu rechnen. Denn wenn ich zurückschaue, dann hat es in meinem Leben immer wieder solche Momente gegeben, in denen mein Weg oder auch nur ein einzelner Tag eine ziemlich unerwartete Wendung genommen hat. Durch einen Anruf, eine Begegnung, einen Gedankenblitz.
Die Rhythmen bleiben. Auf den August folgt morgen der September. Aber das war noch nie die ganze Geschichte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45101Der Klimawandel ist eine Tatsache. Das anzuerkennen, ist keine Frage der politischen Gesinnung. Genauso wenig wie Klimaschutz für eine bestimmte politische Richtung reserviert ist. Wer an Gott als den Schöpfer glaubt, dem muss die Schöpfung heilig sein. Jeder, der bei Trost ist, sollte sich eingestehen: Wir müssen etwas tun, damit sich die Erde nicht weiter erwärmt. Wir müssen von den fossilen Brennstoffen wegkommen. Jeder kann etwas dafür tun.
Das zeigt ein Verein, der sich hauptsächlich an die richtet, die zum konservativen Spektrum in unserer Gesellschaft gehören. Ein Verein, der nicht ohne Grund „Heimatwurzeln“ heißt, weil er vor allem die bürgerliche Mitte ansprechen will. Landwirte und kleinere Unternehmen in Familienhand. Dort gibt es ein starkes Misstrauen gegenüber der Klimapolitik. Weil die Sorge vorherrscht, die eigenen Lebenshaltungskosten könnten dadurch noch mehr steigen und man müsste an sein Erspartes ran. Der Verein „Heimatwurzeln“ hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Denk-Blockaden aufzulösen. Er bietet deshalb Abende an, an denen Interessierte von Anfang an dabei sind, wenn ein Projekt entsteht; das schafft Vertrauen. Denn wer sich nicht mitgenommen fühlt, wem Vorwürfe gemacht werden, der läuft eher in die Hände von Klimaleugnern und Populisten. Eine Gesellschaft, die sich weiter polarisiert, wird die Ziele der Klimapolitik nicht erreichen. Im Grunde muss es sich lohnen dabei mitzumachen, dann ist Klimapolitik attraktiv.
Ich bin auf den Verein aufmerksam geworden, weil ein ehemaliger Schüler von mir dort arbeitet. Er weiß, dass auch in den traditionellen Kirchengemeinden oft Skeptiker sind. Die bürgerliche Mitte gibt auch dort den Ton an. Es ist deshalb gut, Brücken zu schlagen – am besten in Form von einfachen Projekten, in denen sich die Leute selbst engagieren können. Ein Projekt von Heimatwurzeln heißt „Lecker, nachhaltig und von nebenan“. Die Teilnehmerinnen haben gelernt, wie Ernährung, Garten und Landwirtschaft miteinander verbunden sind. Da geht es um Dinge, die früher selbstverständlich waren: wenig wegwerfen, Gemüse haltbar machen, regional einkaufen. Wenn Lebensmittel nicht weit transportiert werden müssen, das ist gut fürs Klima.
Politiker müssen die Weichen stellen. Entscheiden muss ich am Ende selbst: wie und wohin ich in den Urlaub fahre, ob ich öffentliche Verkehrsmittel nutze, wo ich Energie einspare. Wenn am Ende auch die ein gutes Gefühl haben, die erst skeptisch waren – dann hat’s funktioniert, und der Klimaschutz ist in der eigenen Heimat verwurzelt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44933Sie hatten ein schwieriges Verhältnis. Jesus, der Christus, und Simon Petrus. Der Chef und sein Abteilungsleiter. Missverständnisse und Enttäuschungen pflastern den Weg der beiden. Ich spreche heute darüber, weil ich Konflikte für den Normalfall halte. Wo Menschen zusammenleben und -arbeiten, gibt es unterschiedliche Auffassungen. In der Kirche ist das nicht anders. Und es ist mir wichtig, das einmal ausdrücklich herauszustellen.
Immer wieder wird Petrus zudringlich, wenn es darum geht, seinem Chef besonders nahe zu sein. Dass der ihm die Füße wäscht, beim Letzten Abendmahl, genügt ihm nicht. Nein, auch die Hände, bitte schön, und den Kopf[1]. Jesus verweigert ihm das, wohl auch, weil er ihm den schon an anderer Stelle wiederholt gewaschen hatte.
Jesus ist nicht zimperlich, wenn er sich über Petrus ärgert. Gerade weil er ihm viel Verantwortung gegeben hat, erwartet er von ihm auch mehr. Einmal bezeichnet er ihn sogar als „Satan“ und weist ihn schroff ab: Weg von mir, denn du willst, was Menschen wollen, nicht was Gott will[2]. Petrus hat das wohl anders gesehen, denn bewusst hätte er sich kaum gegen seinen Chef gestellt.
Mit großem Vertrauensvorschuss hat Jesus gerade den Fischer Petrus als Ersten ins Jünger-Team berufen. Der ist der Richtige, der kann das. Allerdings reicht es offenbar nicht, dass Petrus alles stehen und liegen lässt. Immer wieder muss er seinen Glauben, seine Treue unter Beweis stellen. Einmal wäre er dabei fast ertrunken. Aber nur fast. Jesus reicht ihm die Hand und verspottet ihn als „Kleingläubigen[3]“.
Am Ende leugnet Petrus, überhaupt zur Firma „Gott & Sohn“ zu gehören. Als ihm klar wird, dass Jesus in den Untergang steuert, rennt er weg und taucht erst wieder auf, als er davon hört, es sei etwas Unglaubliches geschehen: Der Tote lebe. Dann rennt er von neuem los, weil er so ein emotionaler Typ ist und nie wirklich aufgehört hat, seinen Herrn und Meister zu lieben. Trotz allem, was zu Lebzeiten davor passiert ist.
Es entlastet mich zu sehen, dass es schon bei Jesus keine heile Welt gab. Streit und harte Worte gehören auch dort zur Tagesordnung. Am Ende gibt es bei Jesus und Petrus aber immer Versöhnung. Sie ringen miteinander. Der Obere aber lässt den Unteren nicht fallen. Er sieht, dass er daran wächst und entzieht ihm nie das Vertrauen. Das ist ein Unterschied, und der ist entscheidend.
[1] Johannesevangelium 13,9
[2] Markusevangelium 8,33
[3] Matthäusevangelium 14,31
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44932Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern in Deutschland ist 79 Jahre. Ich bin jetzt 62.
Nun könnte ich anfangen zu rechnen und zu planen. Was ich noch alles erleben will, welche Reise ich schon lange im Sinn aber nie in die Tat umgesetzt habe. Ich könnte mir Ziele setzen, die ich konsequent abarbeite. Aber all das werde ich nicht tun. Erstens, weil ich so über viele Jahre hinweg gelebt habe, und es mir nicht immer gut damit ging. Zweitens, weil es den folgenden Satz von Jesus gibt: Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage[1]. Ich betrachte diesen Satz als eine enorme Herausforderung, weil ich ganz oft an morgen und übermorgen und noch viel weiter denke und plane. Und gleichzeitig halte ich es für absolut richtig, im Heute zu leben. Nicht in den Tag hinein, ohne etwas Gutes zu tun. Das ist nicht damit gemeint. Ich habe schon an das Ende gedacht, habe ein Testament, eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung. Gleichzeitig denke ich aber auch: Wenn es morgen so weit wäre, Thomas, könntest Du dann sagen: „Es war gut, Dein Leben?“ Ja, alles in allem, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, die es auch bei mir gibt, könnte ich sagen: „Ja, mein Leben war gut.“ Und den Plagen, die Tag für Tag kommen werden, die ich nicht kenne, stelle ich mich.
Was also tue ich heute? Wie jeden Morgen gehe ich mit meinem Hund Gassi. Da brauche ich nichts zu entscheiden, es ist immer so. Manchmal ist es eine Plage, weil ich lieber etwas anderes tun würde, oft ist es mit das Schönste vom ganzen Tag, weil ich draußen an der frischen Luft bin, andere Hunde und deren Besitzer treffe, den Kopf frei bekomme. Dabei kommen mir die besten Ideen. Und außerdem weiß ich, dass es für meinen Hund einer der Höhepunkte seines Tages ist. Anschließend telefoniere ich mit meiner Mutter, die inzwischen auf etwas mehr Unterstützung angewiesen ist. Wir haben meistens nichts Weltbewegendes zu besprechen, geben uns nur das Gefühl, dass wir füreinander da sind. Dann nehme ich mir Zeit für die Nachrichten des Tages. Damit ich nicht um mich kreise, und meine kleine Welt nicht wichtiger nehme als die große. Meistens vermische ich das mit dem Beten und lege Gott die Sorgen und Nöte ans Herz, die ich wahrnehme. Zwischendurch arbeite ich, und muss dabei doch auch Dinge planen, für die ich nicht allein verantwortlich bin. Aber auch bei denen hilft mir der Jesus-Satz: Mach heute, was geht. Mach es, so gut du kannst. Sei in der Gegenwart. Und dann … ist morgen auch noch ein Tag.
[1] Matthäusevangelium 6,34
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44931Bei uns Zuhause war die BRAVO verboten! Dabei wollte ich sie so gerne haben. Heute wird sie 70 Jahre alt. Die Zeitschrift meiner Jugend: coole Bands, Interviews mit den Stars, schrille Outfits, Poster der Lieblingsbands, Liebesgeschichten und natürlich nackte Haut und Dr. Sommer – der Aufklärungsguru meiner Jugendzeit. In der BRAVO hat er Fragen rund um jugendliche Sexualität beantwortet. Das alles war natürlich total geheimnisvoll und für mich als Pubertierende spannend hoch zehn. Manchmal habe ich sie dann heimlich gelesen. Ich hab viel gelernt über mich und andere Körper. Ich hab vermeintlich viel über das Leben und das Lieben der Stars damals erfahren.
Und damit bin ich beim Knackpunkt: inzwischen weiß ich natürlich, dass viele der Geschichten rund um die Promis meiner Jugend erfunden waren. Oder sagen wir mal: sie haben nicht der Realität entsprochen. Die Redaktion der Zeitung hat natürlich konstruiert, was die Jugendlichen lesen wollten. Und sie haben damit Nähe geschaffen – trotz der hohen Auflage. Und natürlich waren die gezeigten nackten Körper auch nicht dick oder entstellt, sondern der Norm entsprechend. Es ist schon eine Welt entstanden, zu der ich gerne gehört hätte, und in die ich dank BRAVO eintauchen konnte.
Genau das ist das Problem - und das bieten heute Soziale Medien. Es ist sehr einfach, sich Menschen dort nahe zu fühlen und Teil ihrer imaginären Welt zu sein. Die Influencer sind Profis darin, mir vorzugaukeln, dass ich auch ihre beste Freundin bin. Und natürlich ist das Video echt und vor allem entspricht alles vollkommen der Realität.
Keine Frage, es gibt viele Menschen, die meinen es 100%ig ernst und bilden ab, was wirklich ist. Aber ich sehe auch viel auf verschiedenen Plattformen, das mir sehr seltsam vorkommt und mich mit einem mulmigen Gefühl zurücklässt. Und sei es nur die toughe junge Frau, die mit Mitte dreißig alles unter einen Hut bekommt: Vollzeit-Job, zwei Kinder, Hund und Haus, Sport – sie hat einen super trainierten Körper und den Abend mit ihrem Partner auch noch. Entschuldigung, das weiß ich aus eigener Erfahrung, das kann klappen – manchmal. Meistens tut es das nicht. Macht ja auch nichts. Aber in dem Moment, in dem ich das bei ihr sehe, macht es mir Druck: das müsste ich doch auch irgendwie hinkriegen.
Wenn ich bei Social Media unterwegs bin, fällt mir wirklich immer wieder das Wort „wahrhaftig“ ein. Seid wahrhaftig. Der Wahrheit entsprechend und der Wahrheit verpflichtet – das finde ich da leider nicht immer. Und in der BRAVO auch nicht.
Aber genau das will ich inzwischen: Wahrhaftigkeit. Ehrliche Berichte über das Leben mit allem was dazu gehört. Dann würde ich auch wieder die BRAVO lesen. Inzwischen bin ich ja alt genug.
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