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11FEB2026
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Lourdes ist für viele ein Begriff. Das kleine Örtchen an den französischen Pyrenäen ist für unzählige Menschen zum Wallfahrtsort geworden. Immer noch fahren ganze Züge von Kranken dorthin, um Heilung zu erbitten. Das mag manchen komisch oder abergläubisch vorkommen, aber wer einmal in die Gesichter der Kranken in ihren Rollbetten und -stühlen geschaut hat, wer eine der großen Lichterprozessionen zur Grotte mitgemacht hat, wird das so leicht nicht vergessen. Wie viel menschliches Leid sich da zusammenfindet und nicht verstecken muss, wie viel Lebenstapferkeit auch und Hoffnungskraft. Lourdes ist ein Ort voll heilender Energie und spiritueller Kraft geworden. Und das kam so.

Genau heute vor 168 Jahren hatte ein 14-jähriges Hirtenmädchen dort eine Vision, und die mehrere Tage hintereinander. Diese Bernadette Soubirous sah beim Schafehüten eine weiße Lichtgestalt, sie hörte sich angesprochen von dieser „Dame“.  Sie solle da im Felsen nach einer Wasserquelle suchen, einem Ort der Reinigung, Erfrischung und Stillung also. Ein junges Mädchen in der Pubertät das nicht lesen und schreiben kann, offensichtlich äußerst empfänglich für das Geschehen in ihr und um sie herum, sieht das Bild einer anderen Frau, weiß wie ein leeres Blatt, äußerst anziehend  wie ein Ideal, sprechend mit einem klaren Auftrag. Nur Bernadette selbst sieht und hörte diese Frau. Und die bittet, die Menschen sollten doch zahlreich zu dieser Quelle kommen, in Gebet und Umkehr und mit der Bereitschaft zu Erneuerung und Wandlung. Bald dann gibt sich die faszinierende Frauengestalt   als Maria zu erkennen – und das mit einem Ehrentitel, den der Papst vier Jahre zuvor sogar  als Dogma formuliert hatte: Unbefleckte Empfängnis, höchste Erwählung , als Mutter Jesu von Anfang an frei von aller Sünde und Mutter aller Glaubenden. Im Rückblick erstaunt schon, dass das ungelehrte Bauernmädchen passgenau das römische Dogma ins Bild gesetzt sieht. Entscheidender ist jedoch, was Bernadettes religiöse Erfahrung auslöst. Nicht die vielen Heilungen sind das Erstaunlichste. Viel bewegender noch ist die Sehnsuchtsbewegung so vieler Menschen hin zur Quelle des Lebens, zur Heilkraft des Glaubens – ganz im Sinne des tiefsinnigen Gebetes: „Gegrüsset seist du Maria, voll der Gnade ...“

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10FEB2026
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Schaut man in den liturgischen Kalender, so trifft man heute auf eine Frau, von der wir praktisch nichts wissen. Scholastika heißt sie, schon das klingt wie ein Kunstname.  Warum da also nachforschen und sich mit einer Frau beschäftigen, die vor bald 1500 Jahren verstorben ist, vielleicht mehr der frommen Einbildungskraft entsprungen als der historischen Realität. Nun, Scholastika war die Schwester des heiligen Benedikt, und von ihm haben wir einen der größten spirituellen Texte der Christenheit, und nicht nur Texte. Er gilt als Gründergestalt des abendländischen Mönchtums, die Benediktsregel ist ein Weisheitsbuch der Extraklasse, vor allem für das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen doch mit demselben Ziel, nämlich Christen zu werden und Gottes Schöpfung zu bewahren und zu pflegen. „Beten und Arbeiten“, lautet ihr Lebensprogramm, genau durchbuchstabiert. Es ist keine Übertreibung: ohne diesen Benedikt und seine Klöster gäbe es unser Europa nicht, seine Kunst und Kultur. Was wäre z.B. Deutschland ohne die Klöster der Reichenau damals, ohne Maria Laach oder die Schotten in Wien und Regensburg, ohne den Mönch Martin Luther – ein gewaltiges Netzwerk christlicher Klöster und monastischer Initiativen, die letzten 1500 Jahre lang bis heute.

Und es waren keineswegs nur Männer. Sehr früh schon bildeten sich auch weibliche Ordensgemeinschaften, ganz im Sinne der Benediktsregel. Eine der bekanntesten ist Hildegard von Bingen. Wie bezeichnend ist es deshalb, dass der erste Erzähler von Benedikts Leben ihm auch eine Schwester zur Seite stellt, eben Scholastika. Ihr Name ist Programm: da steckt das griechische Wort  „sholä“ drin, also Muße und Kontemplation, oder anders übersetzt: sich von Gott lieben lassen und darauf kreativ regieren, mit Aktion und Kontemplation.  „Betern und Arbeiten“, lautet das Motto, und zwar gleichermaßen für Frauen und Männer. Von Scholastika heißt es sogar, „sie war einflussreicher als ihr Bruder, weil ihre Liebe größer war“. Sie trägt das Wort „Kontemplation“ schon im eigenen Namen. Scholastika wie Hildegard wären heute sicher bei denen, die sich für eine Transformation der Männerkirche einsetzen, Powerfrauen für eine geschwisterliche Gemeinschaft und Welt.

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09FEB2026
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Endlich ist es so weit: vor einer Woche wurde in München das Verfahren zur Seligsprechung von Alfred Delp eröffnet. Längst wird der Jesuit von vielen verehrt und geschätzt – als Widerstandschrist, als Vordenker eines von Hitler befreiten Deutschland, vor allem aber als mutiger Glaubenszeuge und überzeugender Christenmensch. Seine Schriften, besonders die aus dem Nazigefängnis, sind eine Fundgrube geistlicher Inspiration, Tag für Tag mit Gewinn zu lesen.

E i n e r  von Delps Gefängnistexten wird besonders oft zitiert, aber selten als Kurzfassung seiner Biografie gelesen. Delp schreibt: „Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen und dranzugeben. Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen...Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“ Mit diesem Brieftext lässt sich Delps eigener Weg buchstabieren: früh bei den Jesuiten eingetreten, war er ein wissbegieriger und lebenshungriger Christenmensch. Ein Glaube nur für das Jenseits war nichts für ihn, bloß Tradition und Rückwärtsblick auch nicht. Nein, dieser Delp, lange als Journalist tätig, war heißhungrig nach Welt, da gilt es sich einzumischen, da quillt uns die Gegenwart Gottes entgegen – wenn wir nur konsequent sind und die Verhältnisse ins Gebet nehmen. Aber wie oft bleiben wir in den schönen und schweren Stunden hängen. Wie sehr spricht er auch da aus eigener Erfahrung. Immer wieder prüft er seine eigenen Motive, scharf kritisiert er seine Kirche, weil sie zu oft nur Eigeninteressen verfolge.

Wegen des Widerstandes gegen Hitler kam Delp ins Gefängnis: da findet er jene innerste Freiheit hinein, die ihm Widerstand und Ergebung schenkte. „Beten und glauben. Danke“. So steht auf seinem letzten Zettel, und auf dem Weg zur Hinrichtung sagte er dem Pfarrer: „In einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie“.  Er hatte den Brunnenpunkt seines Lebens gefunden. Und nun gehört er zu unseren Vorgängern im Glauben, mehr als ein Jahresbegleiter.

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07FEB2026
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„Sieht das nicht großartig aus?“, fragt mich einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter mit zufriedener Miene. Er gehört zu einer großen Gruppe rüstiger Rentner, die in den letzten Tagen 24 alte Tische aus dem Kirchenkeller hochgeschleppt haben. Für die Vesperkirche. Und er fährt fort: „Die ganze Kirche sieht aus wie neu!“

Meint er das ernst? Ich schaue genauer hin: Denn in unserem Kirchenraum ist gar nichts neu. Hier stehen dieselben alten Tische, die wir schon seit Jahren nutzen. Manche sind an den Ecken ziemlich angeschlagen. Und die Stühle wurden auch nicht erneuert. Wir haben sie einfach nur abgewischt und umgestellt. Es ist dasselbe alte Mobiliar, das nur ein wenig verrückt wurde.

Aber andererseits, denke ich mir, hat der strahlende Rentner vor mir doch Recht. Irgendwie ist alles wie neu. Denn alles ist so verrückt worden, dass es Teil einer neuen Ordnung ist. Die alten Tische und die alten Stühle finden so zusammen, dass sie einen neuen Raum eröffnen. Auf einmal können wir an ihnen ein Fest des Lebens feiern.

Morgen beginnt bei uns in Ludwigsburg die Vesperkirche. Drei Wochen lang werden jeden Tag hunderte von Menschen in die Friedenskirche strömen, um Speise für Leib und Seele zu bekommen. Leckeres Essen mit Suppe, Hauptgang und Nachtisch. Ein freundliches Lächeln beim Servieren. Eine warmherzige Nachfrage, die genauso guttut wie der heiße Kaffee zum Abschluss. Von morgen an feiern wir hier drei Wochen lang an alten Tischen und Stühlen. Und ja, die ganze Kirche sieht dabei aus wie neu.

Mir kommt die Jahreslosung in den Sinn: „Siehe, ich mache alles neu“, sagt Gott zu uns. Und vielleicht heißt das nicht: dass Gott uns ganz viele neue Stühle und Tische schenkt. Und ganz viele neue Freundschaften und Beziehungen. „Siehe, ich mache alles neu“: vielleicht heißt das ja auch: Gott nimmt die alten Stühle und Tische. Auch die, die schon ein bisschen angeschlagen sind. Und Gott nimmt die alten Freundschaften und Beziehungen. Auch die, die schon ein wenig eingerostet sind.

Gott nimmt diese alte Welt, pustet ein wenig den Staub von ihr ab und ordnet sie neu an. Er verrückt sie ein wenig. Gott verrückt die Welt – die angeschlagenen Tische in der Vesperkirche. Das Mobiliar in meinem Wohnzimmer. Und die alten Freundschaften in meinem Leben. Gott hilft, dass sie in einer anderen Ordnung zusammenfinden. So dass vielleicht – ein neues Fest des Lebens beginnt. 

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06FEB2026
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Es waren einmal zwei junge Mönche, die sich mit großer Freude den verschiedenen Aufgaben ihres Mönchslebens widmeten: dem gemeinsamen Beten und dem Kartoffelschälen in der Küche. Und vor dem Schlafengehen gingen sie oft noch in die Klosterbibliothek, um in den alten Büchern zu lesen und von der Weisheit der früheren Mönchsgenerationen zu lernen.

Eines Abends stießen sie in der Bibliothek auf ein wunderschön eingebundenes Buch, und in dem Buch stand das Folgende: „Ganz am Ende der Welt gibt es einen Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Dort bist Du Gott wahrhaft nahe. An diesem geheimnisvollen Ort ist eine Tür. Und wenn du an diese Tür klopfst und durch sie hindurchgeht, bist du schon mitten in Gottes Reich.“

Da beschlossen die beiden jungen Mönche, diesen Ort zu suchen. Und sie versprachen einander, nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten.

Sie durchwanderten die weite Welt. Sie bestanden unzählige Gefahren und erlitten alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt mit sich bringt.

Schließlich fanden sie den Ort, den sie suchten. Sie klopften an die Tür und sahen mit bebendem Herzen zu, wie sich die Tür öffnete. Und als durch die Tür hindurchgingen: Da standen sie zu Hause in ihrer eigenen Klosterzelle und sahen sich gegenseitig überrascht an.

Ja, der Ort, an dem du Gott findest, liegt nicht am Ende der Welt. Er ist hier, direkt vor deiner Nase. In dir drin und direkt um dich herum. Du musst nur die richtige Tür finden und durch sie hindurchgehen – dann bist du Gott ganz nahe.

Wozu aber dann der ganze Aufwand? Wozu die ganze Welt durchmessen? Kann ich mir die Reise nicht sparen und gleich zuhause bleiben? Unsere Geschichte von den zwei Mönchen sagt: Nein, das geht nicht. Wenn Du zuhause bleibst, kommst Du nicht wirklich bei Dir selbst an. Denn erst wenn Du losgehst, erfährst Du, wer Du bist. Erst in den Begegnungen mit anderen entdeckst Du Dich selbst. Und erst auf den Wegen ins Fremde wird Dir klar, was Dir zuhause wirklich wichtig ist. Und was Dich trägt.

Und so mache ich mich heute Morgen auf. Ich beginne die Wege zu gehen, die dieser Tag für mich bereithält. In der Hoffnung, dass ich am Abend mir selber ein bisschen nähergekommen bin. Mir selber – und auch Gott. Der mir immer schon ganz nahe ist. 

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05FEB2026
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Mit den neuen Kopfhörern auf dem Kopf sehe ich aus wie ein Eichhörnchen. Trotzdem bin ich sehr glücklich, dass ich die chicen Teile zum Geburtstag bekommen habe. „Over ear“ heißen sie und gehen sichtbar über den ganzen Kopf. So kann jetzt jeder sehen, was ich gerade mache: Musik hören.

Mit diesen Kopfhörern habe den Eindruck, dass ich meine Musikstücke völlig neu höre. Oder: dass es völlig neue Stücke sind, die ich da höre. Bei klassischer Musik nehme ich das erste Mal die Bratschen wahr. Und diese Paukenschläge, waren die schon immer mit dabei? Mit diesen Kopfhörern kann ich so zuhören, dass sich mir eine ganz neue Welt eröffnet: eine Welt voller Tiefe und Schönheit.

Das funktioniert alles nur, weil diese Kopfhörer eine eigene Technik haben. Sie wehren die Geräusche der Außenwelt aktiv ab. Aktive Geräuschunterdrückung heißt das, auf Englisch: „Active Noise Cancelling“. Die Welt bleibt draußen, und gerade so öffnet sich für mich ein ganz neuer Kosmos.  Was für ein Segen in all dieser Reizüberflutung heutzutage, denke ich: nur so kann ich mich auf das konzentrieren, was mir gerade wichtig ist.

Selbst in der S-Bahn funktioniert die aktive Geräuschunterdrückung tadellos. Und ich bin nicht allein: Ich sehe, dass auch viele andere Menschen solche Kopfhörer tragen. Ich nicke dem jungen Mann mir gegenüber freundlich zu. Und ich merke, wie in mir der Wunsch aufkommt, mit ihm zu reden. Wie nett wäre es doch jetzt, mit ihm über unsere Goldstücke zu fachsimpeln. Aber er reagiert nicht. Er ist ganz in sein eigenes Hören versunken. So sitzen wir nebeneinander. Getrennt durch das gleiche Gerät, dessen Besitz uns auch verbindet.

Nach einer Weile nehme ich meine Kopfhörer ab. Ich bin überrascht, wie viele Geräusche auf einmal an mein Ohr dringen. Der junge Mann mir gegenüber summt fröhlich vor sich hin. Vielleicht hört er gerade sein Lieblingslied. Und die beiden jungen Schulmädchen auf den Sitzen auf der anderen Seite kichern so ausdauernd, dass auch ich anfange zu lächeln.

Ich überlege mir: Wenn ich heute in meinen Tag hineingehe: Wann will ich auf welche Weise zuhören? Wann höre ich nur auf mein Gegenüber? Unterdrücke aktiv alle anderen Geräusche und begebe mich ganz in seinen Kosmos? Und wann horche ich hinein in die weite Welt, um das Summen und Kichern allüberall nicht zu verpassen? 

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04FEB2026
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Ich lese gerade ein Buch von Michael Sommer und Stefan von der Lahr – zwei Kenner der antiken Geschichte. Sie haben 1.500 Jahre beleuchtet - unter der einen Perspektive: „Die verdammt blutige Geschichte der Antike“.* So Blutiges ist eigentlich nicht mein Ding. Aber dieser Stoff hat etwas Tröstliches. Und eine starke Verbindung zur Bibel. Aber der Reihe nach.

Viele haben jetzt Angst vor der Zukunft. Ich auch. Und fragen sich: „Wie können wir, wie können unsere Kinder und Enkel, das alles in Zukunft ertragen? Solche tiefen Spannungen und Krisen hatten wir noch nie. Wir hatten es ja noch einfach. Aber, was kommt...?!“

In der Tat sind die Verhältnisse auf dieser schönen Erde mächtig ins Wanken geraten. Jetzt spürbar auch für uns. Despoten und Diktatoren, Multimilliardäre und selbsternannte Weltretter erschüttern Völker und Kontinente. Sie wecken Ängste und spielen damit.  Aber ist das wirklich neu? Oder sind wir jetzt an einem Punkt - an dem schon viele Generationen vor uns schon standen, ob sie jung oder alt waren?
Da hilft mir der Blick in die Geschichte. Auch und gerade in die Zeit als das Neue Testament entstanden ist. Ich lerne von den beiden Autoren: Auch diese Zeit ist voller irrsinniger und herrschsüchtiger Despoten gewesen. Von Augustus über Nero bis Domitian –  und  vorher und nachher auch.

Und in einer solchen Zeit voller Gewalterfahrungen und wahnsinniger Herrscher wird in der Bibel nun von einem Kind in der Krippe erzählt und von einem Mann am Kreuz, den Gott nicht im Stich lässt. Der alle Gewalten und Demütigungen überwindet.
Selbst den Tod. Die große Hoffnung für so viele - damals und heute.

Auch für mich. Darum höre ich so gerne Bibelworte. Sie geben den Schwachen und Unterlegegen Kraft. Und mehr noch: Trost.
So wie im Buch der Offenbarung, dem prophetischen Buch am Ende des Neuen Testaments. Da erfahre ich: Was die einen als ewige Weltherrschaft verkünden, ist nur eine Episode. Sie vergeht! Da stehen die, die die Welt beherrscht und ausgebeutet haben und weinen. Weil ihre Geschäfte und Machenschaften zerbrechen. (Offb 18)
Ich höre daraus: Auch Despoten und Tyrannen vergehen – und mit ihnen die Tyrannei.

Mich lässt das immer wieder getrost in den nächsten Tag gehen. Mit all denen Ängsten, die ich von mir kenne. Denn: Egal, wie oft die Welt auch in dieser Woche wieder medial untergehen wird: Es gilt Gottes Zusage: „Ich bin das A und das O,  - der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offb 1,8).


* Michael Sommer, Stefan von der Lahr: Die verdammt blutige Geschichte der Antike, C.H.Beck, 2025, 3.Aufl.

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03FEB2026
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Wenn ich mich in einem Geschäft umschaue, wo es religiöse Gegenständen zu kaufen gibt, dann stoße ich auffällig oft auf ein Motiv, das ich seit meiner Kindheit kenne:
„Die betenden Hände“. Als geschnitztes Relief, als Wandbehang oder auch als Zeichnung. Mittlerweile sind „Die betenden Hände“ auch schon als Tattoo weit verbreitet. Zwei Hände zum Beten – Handfläche an Handfläche aneinander gelegt.
Das Motiv hat Albrecht Dürer im Jahr 1508 gezeichnet. Ursprünglich so groß wie ein DIN A 4 Blatt. Man weiß auch: Es sind die Hände seines besten Freundes. Der hatte schwere Handarbeit zu leisten.

Dürers „Betende Hände“ sehen aus wie eine anatomische Zeichnung. Man kann Haut und Knochen und Gelenke erkennen, genauer als auf jeder Fotografie. Mein Blick blieb eigentlich nie länger daran hängen. Niemals wollte ich dieses Motiv in irgendeiner Form erwerben – und schon gar nicht bei mir aufhängen. Doch in letzter Zeit fasziniert es mich: Eine anatomische Zeichnung. Und sie ist doch zugleich viel mehr als das.

Für mich hat Dürer eine religiöse Urszene festgehalten.Die Fingerkuppen der Hände berühren sich. Das ist eine Geste, die mir sagt: Jetzt geht es nicht darum, etwas in die Hand zu nehmen. Nicht nach außen gerichtet aktiv werden. Schon gar nicht etwas in Besitz nehmen oder erobern. Wenn sich meine Hände so berühren, dann gebe ich alles aus der Hand, weg von meinem sonst unentwegt betriebsamen Machertum.
Für mich ist das auch eine Geste der Demut. Ich nehme mich bewusst zurück. Lege ich so die Hände aneinander, nach oben gerichtet – dann spüre ich: Ich bin bei mir – ohne Ablenkung – um nun im Gebet vor Gott mein Herz zu öffnen.Mein Danken, mein Flehen, meine Fragen und Klagen – alles das kann ich im Gebet in dieser Haltung intensiv ausdrücken.

Katholisch sei diese Haltung, haben mir viele gesagt. Kann sein. Wenn ich mich in protestantischen Kirchen so umschaue, sehe ich wirklich nur wenige Menschen, die in dieser Haltung beten. Da werden die Hände gefaltet. Doch ganz gleich – ob so oder so: Ich brauche betende Hände ineinander oder aneinander. Sie suchen sich förmlich, wenn ich beten will.

Beides bestärkt und fördert nämlich das, was der Betende in Psalm 62 so sagt:
„Meine Seele ist still zu Gott, ... Ich schütte mein Herz vor ihm aus – denn er ist meine Hoffnung.“ (Psalm 62,2,8,9 und 6)

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02FEB2026
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Fröhliche Freihnachten! – hat mein Enkel mir gewünscht. Der knapp Vierjährige hat sich gleich verbessert: „Äh, Weihnachten!“ Mir geht sein Versprecher nicht mehr aus dem Sinn: Fröhliche Freihnachten! Gerade heute an »Lichtmess«, am letzten Tag des Weihnachtsfestkreises. Da bekommt das für mich einen besonderen Glanz.

»Lichtmess« heißt der 2. Februar – auch wegen der Kerzenweihe in katholischen Kirchen. Oder auch: „Darstellung Jesu im Tempel“ – wegen der letzten Szene im Weihnachtsevangelium nach Lukas. Da gehen Joseph und Maria in den Tempel nach Jerusalem. Im christlichen Festkalender ist Lichtmess am 40.Tag nach Jesu Geburt.

Zwei jüdische Bräuche sind in der Erzählung ineinander verwoben:
Die „Reinigung Marias“ am 40. Tag nach Jesu Geburt (3. Mose 12,3+4).
Joseph und Maria danken Gott für ihren ersten Sohn. Sie bringen dafür als Dankopfer ein paar Tauben. Der zweite Brauch ist die sogenannte „Auslösung der Erstgeburt“ (4.Mose 8,17f). 33 Tage nach der Beschneidung (3. Mose 12) - so wie es jüdische Gebote vorsehen.

Für mich ist Lichtmess jedes Jahr ein ganz besonderer Festtag. Nicht so sehr wegen der schönen Bauernregel: „Lichtmess – Spindel vergess – bei Tag ess!“ Ja, seit der Sonnenwende sind die Tage wirklich schon spürbar länger geworden. Und das tut richtig gut. Doch noch mehr freut mich diese besondere Verbindung der christlichen Weihnachtszeit mit dem jüdischen Brauch der sogenannten »Auslösung der Erstgeburt«.

Woher kommt dieser Brauch? Und was besagt er eigentlich? In der Bibel wird erzählt: Als Pharao einst den Israeliten verbot, aus der Knechtschaft in die Freiheit zu ziehen – da erschütterte eine 10. und letzte Plage ganz Ägypten. Alle Erstgeborenen starben. Erst dann ließ der Pharao die Israeliten mit Mose in die Freiheit ziehen. Und die erstgeborenen Israeliten? Sie wurden verschont. Auf Gottes Geheiß hin.

Bei der „Auslösung der Erstgeburt“ wird in jüdischen Gemeinden an diese Verschonung der Erstgeborenen bei der Befreiung aus Ägypten erinnert. Gefeiert wird dabei jedes Mal auf´s Neue: Ein Kind kommt durch. Gott behütet und bewahrt sein Leben in großer Not. Auch dafür haben Joseph und Maria ihre Dankbarkeit gezeigt. Fröhliche Freihnachten!

Der als Kind zur Welt gekommen ist, kommt durch. Er befreit von Angst und Schuld, von Mächten, die uns knechten, von Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Nicht nur zur Weihnachtszeit!

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31JAN2026
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Einen Schatz finden – das hat Menschen immer wieder motiviert, große Mühen auf sich zu nehmen. Besonders wenn es sich um lang verschollene Schätze gehandelt hat. Ein versunkenes Schiff etwa oder eine verborgene Grabkammer.

Es gibt jedoch nicht nur Schätze aus Gold und anderen kostbaren Materialien, sondern auch menschliche Schätze: Freundlichkeit, Humor, Geduld, Fürsorge, Treue, Mitgefühl – sozusagen Schätze des Herzens. Und nicht umsonst sagen wir manchmal: du bist mein Schatz, um auszudrücken, wie wertvoll jemand für uns ist. 

Der Beginn einer Beziehung ist oft davon geprägt, dass wir entdecken, was am andern besonders und wertvoll ist.  Und dadurch wächst eine gegenseitige Wertschätzung, die dazu führen kann, dass wir regelrecht aufblühen. Doch nach einer gewissen Zeit tritt oft die Gewöhnung ein, und der Alltag legt seinen Staub darüber. Es kommen manche Enttäuschungen und Missverständnisse dazu, und irgendwann ist der Glanz verschwunden. Dann braucht es ein zweites Entdecken und meine Bereitschaft, zu einer Schatzgräberin zu werden. Das beginnt damit, genau hinzuschauen und die vielen kleinen Momente wahrzunehmen, wo mir der oder die andere freundlich und wohlwollend begegnet. Etwa mit einer Tasse Kaffee am Morgen. Oder wenn ich mich darauf verlassen kann, dass jemand für mich da ist, wenn es mir mal nicht so gut geht. Wenn ich das nicht einfach selbstverständlich in Anspruch nehme, spürt der andere, dass er wichtig ist. Natürlich gibt es auch die Momente, wo mich mein Gegenüber ärgert oder gar verletzt. Diese Steine müssen weggeräumt werden, damit ich nach dem graben kann, was kostbar ist. Und manchmal kommt erst dadurch ein besonderer Schatz zum Vorschein – vielleicht nach einem Streit eine Versöhnung oder mehr Verständnis füreinander. Solche besonderen Erfahrungen können dann auch meinen Blick auf das alltägliche Miteinander verändern.

Mitunter hilft ein Anstoß von außen, um zum Schatzgräber zu werden. Bald ist Valentinstag. Eine gute Gelegenheit, um dem Lieblingsmenschen an meiner Seite zu zeigen, dass er mir bedeutet. Und warum nicht auch einer guten Freundin, einem netten Kollegen oder einem lieben Verwandten? Dazu braucht es nicht immer Geschenke – auch Herzensworte sind kostbar. Damit wir spüren, wie wertvoll wir füreinander sind. Darum geht es übrigens auch in der Aktion „7WochenWERT“ voll, die mit der Fastenzeit startet: Beziehungen durch gegenseitige Wertschätzung stärken. Bei dieser kostenlosen Aktion der katholischen Kirche bekommen die Teilnehmenden sieben liebevoll gestaltete Briefe mit Anregungen und Ideen für ihr Miteinander. Einfach im Internet suchen nach „7Wochenaktion“ (www.7wochenaktion.de). Dort gibt es vieles zu entdecken.

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