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21JUN2024
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Dieses Jahr stand das sogenannte Trierer Dom-Radeln unter einem weniger guten Stern: Nieselregen statt Sonnenschein, meistens jedenfalls; aber dass ich da mitradle, war doch Ehrensache – schon weil ich gern weiterhin der Radfahrer mit den meisten Runden rund um den Trierer Dom sein wollte; und weil wir damit Sponsorengelder sammeln für ein Forst-Projekt im Partnerland des Bistums Trier, in Bolivien; und auch, weil es meinem wehen Rücken guttun würde.

Tatsächlich: Alles prima trotz des nassen Pflasters. Nur wenige Fußgänger unterwegs, die manchmal ein bisschen stören… Es rollt – jedenfalls, bis es rechts in die Windstraße geht und da plötzlich ein Kind mit Tretroller im Weg steht; ausweichen – an die Bremse! Ich merke, dass das Hinterrad blockiert ist und rutscht; Lenken unmöglich – ich lande schon auf dem Boden… Gott sei Dank, weit vom Rollerkind weg – und der Kollege hinter mir stoppt rechtzeitig. Und fragt gleich, ob ich aufstehen und er mir irgendwie helfen kann.

Im Schock des ersten Moments blieb vom Schmerz nur eine Andeutung. Der Helm bisschen angekratzt, aber stabil; und der rechte Schuh hat eine Schramme abgekriegt. Das Rad schien in Ordnung – bald saß ich wieder drauf und war unterwegs. Noch zwanzigmal 700 Meter Rundkurs – diesmal musste ich den ersten Platz mit dem Kollegen teilen; aber der ist ja auch elektrisch unterwegs.

Beim Anstieg nach Hause auf die Trierer Höhen habe ich es dann so allmählich gespürt: Mann, guten Schutzengel gehabt. Nur weil ich im Kopf die Bremse nicht loslassen konnte, hat das Rad mich abgeworfen. Aber immerhin: Kind beschützt, nur ich allein zu Schaden gekommen – und beim nächsten Mal fährst du die Kurve bitte ein bisschen langsamer und weiter außen. Augen auf, halt. Nur paar kleine Prellungen – und sonst nix. Nicht mal das Rad muss in die Werkstatt.

Na ja: zwei Tage lang hat ein dicker Bluterguss das Gehen erschwert – und als nach einer Woche der Rücken immer mehr schmerzte, hat das Röntgenbild zwei gebrochene Rippen gezeigt. Müssen eben heilen. Und ich nehme mit: Tempo anpassen, gerade bei nasser Straße – und besser richtig bremsen, also ohne Blockade – wenn ich noch den letzten Rest Kontrolle behalten und wirklich alle beschützen will!

Und, ja: danke, lieber Schutzengel!

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20JUN2024
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Wir waren unterwegs und ich hatte mir einen Fingernagel eingerissen. Da brauchte es eine kleine und preiswerte Nagelfeile; gut, dass da gerade die Apotheke am Weg lag und geöffnet hatte… „Moment bitte“, sagt der Apotheker –, „die Kollegin geht gerade nach hinten.“ Und während sie im Lagerraum verschwindet, meint der Chef: „Entschuldigen sie bitte – das sollte jetzt kein Mann beherrscht Frau-Spiel sein. Die Mitarbeiterin kennt sich einfach in unserem System da hinten besser aus.“ Und sie bestätigt das noch mal ausdrücklich.

Ob es ihm geholfen hat, dass ich wirklich kein Problem hatte? Hab ich ihm ausdrücklich gesagt: Weder wirkte die Kollegin, als hätte sie sich kommandiert gefühlt noch gar als Frau herabgesetzt. Und dass sie ins Lager ging, war einfach geschickter, weil sie ohne großes Suchen gleich die richtige Schublade wusste. „Kein Chef muss alle Details des Betriebs kennen“, meinte sie auch noch. Und ich war doch gut bedient.

Manchmal kann man das mit dem Gendern echt übertreiben. Und verschiedene Ranghöhen von Frauen und Männern als solche sind doch eigentlich längst abgeschafft. Aber manche – etwa der Apotheker in unserer Geschichte – manche hängen da in den alten Denkmustern irgendwie fest; und er hätte anscheinend gemerkt, dass sich da was ändern sollte.

Und sollte er das Gefühl haben, dass ich noch so altmodisch denke: Dann wär's doch sogar schön: Vielleicht will er mir das austreiben; und nutzt die Szene mit „Kollegin guckt im Lager nach“, um mir zum neuen Denken zu helfen. Ein bisschen Learning by Doing oder Lernen aus Erfahrung. Apotheke als Lernort fürs richtige Miteinander… Könnte ich gut mit leben … Apotheker sollen die Leute ja immer gut beraten. Gern auch darüber, dass Frauen und Männer gleiche Würde besitzen – so unterschiedlich sie sind. Und dass sie eben manchmal verschiedene Aufgaben übernehmen, weil es einfach praktisch ist und damit es vorangeht.

Ich weiß schon – ich rede da wie aus einem kirchlichen Glashaus; noch immer sieht es so aus, als wären Männer in meiner Kirche was Besseres – obwohl schon in der Bibel steht, dass Gott Mann und Frau gleich erschaffen hat und dass beide Gottes Bild sind, dass sie gleiche Würde und Rechte haben... Und ja: da muss sich was ändern – gerade an der Verteilung von Macht und Aufgaben – zwischen Frauen und Männern, zwischen klerikalen Amtsträgern und sogenannten Laien, die ja oft ganz gut wissen, wo sie suchen und finden, was die Menschen wirklich brauchen...

Hat mir der Apotheker nochmal klargemacht.

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19JUN2024
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„Gewalt ist keine Lösung.“ Das war vor mehr als zwei Jahren richtig, als Russlands Krieg gegen die Ukraine gerade erst drei Monate andauerte – Gewalt ist und bleibt keine Lösung – alle Argumente und Gedanken, alle Sprüche und Einsprüche der Friedensbewegung sind und bleiben ja richtig: Gewalt erzeugt Gewalt und GegenGewalt. Liebt eure Feinde – zumindest den Menschen im jeweiligen Feind; und tut denen Gutes, die euch hassen und Gewalt antun! Und überhaupt: wohin führen denn immer neue Raketen, Flugzeuge, Panzer, Kanonen, Bomben …

Alles richtig – jedenfalls bis zur „Zeitenwende“. Europa war fast ohne Krieg erblüht und ist zusammengewachsen. Konflikte lösen sich durch Gespräche und Verhandlungen; mit Wandel durch Handel, mit Austausch von Menschen und Meinungen. So entsteht Friede – offensichtlich sehr lange haltbar, also nachhaltig…

Aber inzwischen ist leider auch klar: Keine Gewalt ist auch keine Lösung! Niemand kann etwa der Ukraine ernsthaft vorschlagen oder gar verlangen, dass sie die Waffen streckt und mit „Hände hoch“ sich ergibt – als sollte jetzt doch das Recht des Stärkeren gelten; als wäre Ohnmacht eine Lösung, die Unterwerfung unter einen abenteuerlichen Anspruch eines einzelnen Machthabers und seiner Clique.

Ja – richtig: Gewalt ist keine Lösung. Allerdings: ohne Gewalt beendet anscheinend eben auch niemand die Gewalt. Und solange auf der einen Seite, in Moskau also, jemand fehlt, der einsehen würde, dass auch seine Gewalt keine Lösung ist; dass er sich auf ernsthafte Verhandlungen einlassen sollte, statt nur so zu tun als ob vielleicht. … so lange gilt leider erst mal: Keine Gewalt ist auch keine Lösung. Aufgeben und Unterwerfung wäre großes Unrecht.

Was bleibt in diesem Dilemma? Ich kann beten – und Gott die Not vor die Füße werfen; etwa im Friedensgebet im Trierer Dom, immer am vierundzwanzigsten, am Monats-Erinnerungstag an Putins Überfall.

Auch Gebet ist vielleicht keine Lösung – aber wir erleben, dass es hilft: zumindest den geflüchteten Menschen aus der Ukraine, die dankbar sind, dass wir demonstrativ beharrlich bleiben im Gebet. (Den Auftrag haben die Christenmenschen schon von Jesus selbst.)

Gewalt ist keine Lösung – aber keine Gewalt wohl auch keine. Da hast du’s, guter Gott des Friedens und der Gerechtigkeit – da hast du’s. Hilf, dass ich wenigstens von hier aus helfe und tue, was ich kann! So wenig das sein mag.

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18JUN2024
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An meinem Spiegel klebt es – postkartengroß, in der rechten unteren Ecke ein QR-Code für weitere Informationen online. Groß gedruckt das bisschen Text: Frieden beginnt bei mir. Und die Internet-Adresse der Caritas. Weil: von der Caritas stammt der Aufkleber. „Frieden beginnt – bei mir“ ist das Jahres-Motto der Caritas bundesweit. Und natürlich will der katholische Verband damit klar machen: Caritas-Arbeit ist Arbeit für den Frieden – in unserer Gesellschaft und über die Grenzen des Landes hinaus. Ist ja eine wichtige Botschaft – gerade in diesen so unfriedlichen Zeiten.

Aber an meinem Spiegel klebt das, weil ich es auch für mich selbst brauche. Als Erinnerung, jedesmal, wenn mein Gesicht mir entgegenschaut: Frieden beginnt bei mir. Und zwar längst, bevor ich mich irgendwie engagiere für jemand anderes, für die Familie, für die Gemeinde, in der Politik. Damit Friede anfangen kann, jeden Tag wieder und jeden Tag ein bisschen mehr, sollte ich erst einmal Frieden haben mit mir selbst. Einverstanden sein, jedenfalls grundsätzlich; zuversichtlich für heute – weil ich auch heute hoffen darf, dass ich etwas Gutes erleben darf, dass jemand mir freundlich entgegenkommt und mir hilft. Oder natürlich auch, dass ich was Anständiges zustandebringen, jemand anderem helfe oder was Gutes sage…

Grundsätzlich einverstanden – was natürlich immer auch heißt: kann noch besser werden; kann mehr tun als bisher oder jedenfalls als gestern. Aber eben einverstanden und zuversichtlich. Weil ohne Frieden mit mir selbst und mit meiner eigenen Umgebung, fürchte ich, fängt auch um mich herum kein Friede an. Geschweige denn der Friede, zu dem Jesus im Evangelium einlädt. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde… Nur die Nächsten zu lieben, sagt er, nur Frieden in der nächsten Umgebung: wäre zu wenig. Lieben musst und kannst du weiter – sogar deinen Feind oder deine Feindin. Na gut – aber doch sicher nur, wenn auch das andere gilt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Weil Gott dich ja auch liebt.

Friede beginnt bei mir – wenn mein Spiegel mich anschaut, sagt er mir eben auch: Sei einverstanden mit dir selbst, gönne dich dir – auch heute wieder – und dann los, raus, am Frieden arbeiten! Gelegenheiten werden sich bieten, massenweise – auch heute.

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17JUN2024
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Auge um Auge, Zahn um Zahn – das ist, kurz gefasst, die Formel für Rache. Rache statt Recht – also schlimm; findet doch eigentlich jeder zivilisierte Mensch, oder? Viele denken dabei an die jüdische Bibel, also das sogenannte Alte Testament.

Und vergessen oder übersehen, dass Auge um Auge eigentlich sehr fortschrittlich gewesen ist – damals, jedenfalls, als sie diese Regel erfunden haben. Denn Rache, wie sie zuvor üblich war, ging anders: Du hast mich an der Hand verletzt – schlag ich dich tot oder jedenfalls windelweich. Maßlos jedenfalls. Ohne Rücksicht tödlich. Dagegen sagt die biblische Regel: Haut dir jemand einen Zahn aus, kannst du oder kann ein Richter ihm das auch antun. Gleiches mit Gleichem vergelten. Schluss mit dem Übermaß von Rache.

Jesus war jedenfalls ein zivilisierter Mensch. Und doch war ihm „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ schlicht zu wenig. Mit ihm soll eine neue Art von Zivilisation ausbrechen. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.“ sagt Jesus. „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ Hm – ob das wirklich so gemeint ist? Wer lädt denn dazu ein, gleich nochmal zuzuschlagen? Manche erklären das ein bisschen herunter: Der Schläger könnte so erstaunt sein oder sogar verwirrt, dass er einen zweiten Schlag lieber gleich vergisst. Ein bisschen psychologisch…

Aber Jesus geht noch weiter: „… wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.“ Ja – auch mit seiner Friedensbotschaft ist Jesus sehr radikal.

Andererseits ganz deutlich: Undenkbar, solche Regeln etwa der Ukraine vorzuschlagen: wenn sie dir die Krim wegnehmen wollen, gib ihnen gleich das ganze Land… Oder dem Gewalt-Opfer in einer Familie zu raten: Bleib dabei, lass ihn ruhig noch mal zuschlagen. Nein nein: lauf weg, zeig ihn an!

Jesus hat sicher nie gewollt, dass Menschen zu Opfern werden. Und gleichzeitig gilt für ihn und für die Christenmenschen: Nachhaltiger Friede zwischen Menschen und zwischen Staaten kann und muss am Ende wichtig bleiben. Auge um Auge hinterlässt am Ende nur Tod und Verwüstung.

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15JUN2024
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Wie leben wir mit nicht erreichten Zielen? Mit dem Unerfüllten im Leben?
Wenn ich in Tübingen über die Neckarbrücke gehe und mein Blick auf den runden gelben „Hölderlinturm“ fällt, kommt mir manchmal ein Gedicht von Friedrich Hölderlin in den Sinn. Er hat es dort – schwach und erschöpft vom Leben –  auf ein Stück Holz geschrieben: 

Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Hölderlin hat 36 Jahre lang da in einem kleinen Turmzimmer gelebt. Er hat deutlich gespürt, wie sein Leben gelinde gesagt „unerfüllt“ geblieben ist. Ein Erfolg im Beruf war ihm verwehrt. Weder als Wissenschaftler noch als Dichter fand er zu seinen Lebzeiten groß Anerkennung. Der Verlust seiner großen Liebe „Susette Gontard“ hat ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben. Enttäuscht und zerplatzt sind auch seine politischen Hoffnungen, die er als Student mit seinen Freunden hatte. Gemeinsam hatten sie gedacht, mit der Französischen Revolution bricht ein Reich der Freiheit und des Friedens an. 

Nach einer schweren seelischen Krankheit hat ihn schließlich der Schreinermeister Zimmer und seine Familie aufgenommen, in ihrem Haus am Neckar. Dort findet Hölderlin nach allen diesen Niederlagen und Verletzungen so wunderbar milde Worte für die eine Hoffnung, die weiterträgt:
Gott kann auch mein Leben einst „ergänzen“, mit allem, was auf der Strecke geblieben ist: „Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden“.

Wie verschieden sind doch „die Linien des Lebens!“ Manches gelingt, anderes bleibt auf der Strecke, bei manchem stößt man an Grenzen. Wie gehe ich damit um – mit dem Nicht-Erreichten – im Beruf, in der Familie, im öffentlichen Engagement? Mich anstrengen – auf Teufel komm raus?! „Komm, da geht noch was. Das schaffst Du schon!“. Aber kann ich das überhaupt? Und muss ich das wirklich?

Hölderlin ist mir in vielem ein Seelsorger geworden.
Seine Dichter-Worte stärken meinen Glauben und trösten mich:
Ich kann im Leben an Grenzen stoßen und Ziele nicht erreichen.
Ich kann auch scheitern. Und kann dann mit dem Unerfüllten weiterleben.
Ich kann ein Fragment bleiben – und muss nicht komplett werden. Ja, ich kann dazu stehen – ohne Verdruss, ohne Selbstvorwürfe. Mit der Hoffnung: Gott wird einst ein Ganzes daraus machen, die unvollendet gebliebenen Linien weiterziehen.

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14JUN2024
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Wenn ich vor dem Kindergarten auf meinen Enkel warte, höre ich immer mal wieder diese Frage: „Arbeitest Du wieder? Oder bist Du noch Zuhause?“ Wo ich diese Frage höre, versetzt mir das einen Stich ins Herz.

Wer einmal kleine Kinder versorgt hat – für einen Tag, für eine Woche – oder auch nur für ein paar Stunden, – der weiß, wie viel Energie das kostet. Einen Haushalt führen: für Essen sorgen, die Wäsche waschen, Einkaufen.
Ein Betrieb mit etlichen Betriebszweigen ist das!
Und wie müde und erschöpft ist man danach.
Aber auch: Wie schön und erfüllend kann das sein.

Es ist freilich gut und wichtig, wenn in Kitas und Schulen Erziehende anständig bezahlt werden. Und es gibt immer wieder neue Ideen, wie man Mütter und Väter für ihre Erziehungs-Leistung finanziell entlasten und honorieren kann: Kindergeld, Elternzeit – und dergleichen mehr.

Nur wäre es für mein Empfinden fatal, wenn alle unsere Mühen und Anstrengungen auf die eine Dimension reduziert werden: Gibt es dafür Geld? Als Arbeit kann dann nur noch gelten, was bezahlte Lohnarbeit ist. Und als wichtige Arbeit, wofür es richtig viel Geld gibt.

Die Bibel kennt noch andere Dimensionen und andere Wege, wie Menschen zu lebenswichtigen Dingen kommen, ohne dafür Geld zu zahlen. Es heißt einmal im Buch Jesaja:
„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!
Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst!
Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ (Jes 55,1)

Kaufen ohne Geld? Gratis? Wie soll das denn gehen?
Bei Jesaja ist damit ein Eintauschen auf dem Markt gemeint, ohne Geld.
Menschen tauschen Dinge und Dienstleistungen, so würde man heute wohl sagen, ohne zu zahlen.
Da und dort gibt es heute solche Initiativen, die das wiederbeleben.
In Repair-Cafés z. B. wenn ich nicht damit klarkomme, wie ich eine defekte Lampe repariere. Ich kann die mitbringen. Und es gibt technisch versierte, die mir dabei helfen oder es für mich machen. In derselben Zeit kann ich anderen bei der Fahrradreparatur helfen. Es gibt auch „Tauschbörsen“, wo Hilfeleistungen zum Tausch angeboten werden: „Das kann ich, was kannst Du?“ Im Tausch z. B. Gartenarbeit gegen Nachhilfe. Oder Knöpfe annähen und Hemden bügeln, gegen Einkaufen und Autowaschen.

Ich denke nicht, es ginge alles leichter ohne Geld. Keineswegs! Doch diese vorindustrielle Sicht auf Arbeit und Erwerb aus der Bibel hält an der Vorstellung fest: Im Leben ist vieles unverzichtbar und anerkennenswert und richtig Arbeit, was kein Geld kostet. Hoffentlich auch in Zukunft.

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13JUN2024
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Kennen Sie das Wort „Putzteufel“? Es wird abschätzig meistens Frauen nachgesagt, die mehr putzen, als andere das für nötig halten.  D e r „Putzteufel“ ist männlich. Und ich fühle mich durchaus angesprochen: Wenn ich einen Schnipsel Papier auf dem Boden sehe und den sofort zum Mülleimer bringe. Doch das betrifft nur Äußerlichkeiten.

Mir geht es heute in erster Linie um die „Putzteufel“ in uns. Die in den Gedanken, Gefühlen und Ansichten von Menschen aufräumen wollen. Die mit dem Kehrbesen im Kopf auf der Suche nach „schmutzigen Gesinnungen“ sind:
„Was denkst du über Geflüchtete? Wie über die vergangenen Coronamaßnahmen?
Wie über Klimaschutz oder Gendern?“

Keine wirklichen Fragen sind das dann. Sie sind gepaart mit Tabus und Denkverboten: „Bist du auch so verrückt?“ – „Mit denen redet man nicht!“ – „Denen geht man besser aus dem Weg!“ „Die lädt man nicht mehr ein.“ Ich denke, die Versuchung ist zur Zeit groß, bei solchen „Putzteufeleien“ mitzumachen.

Mir fällt auf: Im Wort „Putzteufel“ steckt der Teufel – eine religiöse Dimension. Führt zu Gesinnungsputzteufeln eine religiöse Spur?

Jesus hat einmal gesagt: Es kommt nicht auf die äußere Reinheit eines Menschen an, sondern auf die Innere! Es kommt auf das an, was ein Mensch fühlt und sagt! (Markus 7)

Christen haben das oft zum Anlass genommen, Überzeugungen und Äußerungen ihrer Mitmenschen zu durchleuchten. Mal waren es radikale Calvinisten zu Zeiten der Reformation in Genf, mal war es die Inquisition als großer kirchlicher Machtapparat.
Später auch staatliche Stellen, wie zB die Staatssicherheit in der DDR.
Mit Verhören und Strafen; mit Seelenqualen, die das für Andersgesinnte bedeutet hat.

Ich denke, Jesus wollte mit seiner Aussage, „es kommt auf das Innere im Menschen an, das gerade Gegenteil. Er hielt Kontakt zu Ausgegrenzten, die man für religiös und unrein erklärt hat. Er hat abweichende Ansichten nicht dämonisiert oder verurteilt.
Er hat argumentiert. Auch scharf. Und dabei versucht, die Anderen zu verstehen. Auch seine Widersacher. Auch die Abweichler in den eigenen Reihen, wie Judas oder Petrus.

Darum könnte die Stimme des Evangeliums heute wohl auch so lauten:
Vermeidet jede Form von Putzteufelei!
Egal ob jung oder alt: Erklärt Andersdenkende nicht vorschnell zu Staatsfeinden oder zu Verrückten. Wo Menschen so abgestempelt werden, steckt der Teufel drin. Das verhärtet Menschen und stiftet Unfrieden. Ich will das Putzteuflische in mir dämpfen - die Freiheit der Anderen aushalten. Mit Jesu Stimme im Ohr: „Selig sind die Sanftmütigen und Barmherzigen!“

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12JUN2024
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Menschen freuen sich aus ganz unterschiedlichen Gründen und auf unterschiedliche Weise. Mir scheint, die unterschiedlichen Freude-Typen bilden sich bereits in der Kindheit heraus. Der eine freut sich eher still für sich, die andere will in ihrer Freude die ganze Welt umarmen. Wahrscheinlich hat schon der kleine Caspar David Friedrich eher versonnen in den Sonnenuntergang am Meer geschaut und den großartigen Anblick eher still im Herzen bewegt, während Franz Beckenbauer am meisten Spaß hatte, wenn er mit anderen Jungs zusammen gekickt und ein Tor geschossen hat. Einschließlich lautstarkem Jubel. Jedenfalls kann ich mir das gut vorstellen.

Was für ein Freude-Typ man ist, bekommt man daher am besten heraus, wenn man sich an die eigene Kindheit erinnert. Was hat damals so richtig Freude gemacht? Und wie hat es sich damals angefühlt? Manche Menschen denken vielleicht an Weihnachten und an ein besonderes Geschenk, das sie damals beglückt hat. Der Puppenkinderwagen, die Märklin-Eisenbahn, das erste eigene Fahrrad: Was für eine Freude! Andere erinnern sich an ein festliches Essen, z.B. anlässlich der Konfirmation. Ich weiß noch heute, Jahrzehnte später, was es da zu essen gab und wie schön es war, mit meiner Familie zu feiern. Und, klar, auch im Mittelpunkt eines Festes zu stehen.

Das Schöne ist, dass man solche Freuden-Quellen wieder zum Sprudeln bringen kann, auch wenn man schon längst den Kinderschuhen entwachsen ist. „Geh aus mein Herz und suche Freud“ hat schon Paul Gerhard gedichtet, und mit diesem sinnreichen Hinweis kann ich mich auf Quellensuche begeben. Was hindert mich daran, einem Fußballverein beizutreten. Wenn ich mich zu alt fühle zum Kicken – meine Lieblingsmannschaft freut sich über einen neuen Fan beim Heimspiel. Ich kann mich auch auf den Weg zum nächsten Fluss oder See machen und mich dort stillvergnügt ein paar Stunden zum Sonnenuntergang hinsetzen. Dafür muss einfach Zeit sein. Wenn ich mich über einen Puppenwagen oder ein Fahrrad gefreut habe, dann wäre es doch eine gute Idee, damit ein Kind in der Familie zu beschenken. Geteilte Freude ist bekanntlich die schönste Freude, da kann man Weihnachten auch im Juni feiern. Sicher gibt es auch jemanden, der gerne mit mir richtig gut essen gehen möchte, um das Leben zu feiern.

So gesehen haben wir unsere Freude durchaus ein gutes Stück in der eigenen Hand. Wir können sie zumindest aktiv suchen: geh aus mein Herz, und suche Freud. Paul Gerhard meinte, dass die Freude, die ich auf einer solchen Entdeckungstour finde, ein Gottesgeschenk ist. Wie auch immer diese Freude sich konkret zeigt. Da kann ich ihm nur zustimmen.

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11JUN2024
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In der Dankbarkeit wird die Freude persönlich. Diesen Satz habe ich neulich aufgeschnappt und mir gleich aufgeschrieben. Er gehört zu der Sorte Sätze, die mich spontan beeindrucken und auf den zweiten Blick dann irritieren. Denn: Was soll das bedeuten: In der Dankbarkeit wird die Freude persönlich?

Etwas persönlich nehmen ist in der Regel ja eher negativ besetzt. Ich nehme etwas persönlich und bin dann beleidigt oder zornig. Meine Seele ist dann insgesamt ärgerlich, ich nehme das ganze persönlich. Freude ist jedoch nicht negativ. Kann ich sie persönlich nehmen, so wie einen Vorwurf oder einen kritischen Hinweis? Vielleicht meint der Satz ja, dass ich mich intensiver freuen kann, wenn ich meine Freude persönlich nehme. Mit einer Freude, die meine Seele so ausfüllt wie mein Zorn und mein Beleidigt-Sein. Nur halt positiv. Ich nehme meine Freude persönlich. Ich bin ganz erfüllt von ihr.

Weiter gefragt: Ist eine solche Freude ohne Dankbarkeit unpersönlich? Ich kann mich doch auch einfach so freuen, ohne jemandem dafür dankbar zu sein, und das betrifft mich doch auch persönlich, einfach, weil ich es bin, die sich freut. Doch offenbar hängt beides enger zusammen, als ich zunächst gedacht habe.

Denn es stimmt ja: Ich bin dankbar, wenn etwas nicht selbstverständlich ist, sondern besonders. Ein großes oder kleines Lebensglück unterbricht meinen Alltag. Das kann ein unerwarteter Anruf sein, oder, manchmal ganz banal, ein Parkplatz, den ich in einer zugeparkten Gegend finde, wenn ich es gerade ziemlich eilig habe. Oder, viel aufregender, ein Kuss, oder eine herzliche Umarmung. Ein Gewinn oder eine Prüfung, die ich geschafft habe. Das kann ich alles so hinnehmen und mich auch darüber freuen. Wenn ich jedoch dankbar bin, dann mache ich meiner Seele klar:

Es ist ein Geschenk, dass ich das gerade erleben darf. Selbst, wenn ich – wie bei einer Prüfung – viel dafür getan habe: Zuletzt ist es ein Geschenk. Wenn ich dafür dankbar sein kann, dann gewinnt meine Freude eine andere Qualität. Sie strahlt nach außen aus. Merkwürdigerweise gerade dadurch, dass ich sie persönlich nehme.

Also tatsächlich: In der Dankbarkeit wird die Freude persönlich.

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