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18APR2026
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Wenn es für mich eine herausragende Darstellung vom auferweckten Jesus gibt, dann ist es die von Jörg Ratgeb. Zu sehen auf dem Herrenberger Altar. Entstanden zwischen 1518 und 1521 für die Stiftskirche im württembergischen Herrenberg:

Da schwebt Christus vor dem Felsengrab.
Eine schmale, blasse Gestalt. Ein schwacher, geschundener Leib. Wie durchsichtig.
Nur noch Haut und Knochen. Deutlich erkennbar sind seine Wunden.
Bei Ratgeb ist der auferweckte Jesus alles andere als ein Kraftprotz oder strahlender Sieger. Heutige Symbole von Manneskraft sucht man vergeblich.
Die bewaffneten Soldaten, die sein Grab bewachen sollen, liegen am Boden.
Sie sind von Ratgeb als farbenfrohe Muskelpakete gemalt -  vor Kraft strotzend.

Der Altar, der mich so fasziniert, fand in Herrenberg keine positive Resonanz.
Rund 350 Jahre lang wurde Jörg Ratgebs Altar in der Kirche mit einem grünen Tuch verhüllt. Und 1891 wurde er dann für 5.000 Mark an die württembergische Staatssammlung verkauft.
So verschmäht war seine Kunst.
Und das hat auch mit der Lebensgeschichte des Malers zu tun.
Heute würde man sagen: Falsche Frau und falsche Partei.
Seine Frau war eine Leibeigene des württembergischen Herzogs Ulrich.
Und im Bauernkrieg wurde Jörg Ratgeb von den aufständischen Bauern zu einem ihrer Anführer gewählt.
Alles nicht gerade Karriere dienlich.
Nach der militärischen Niederlage der Bauern bei Böblingen wurde er verfolgt, gefangen genommen, verurteilt – und auf grausame Weise hingerichtet.
Das geschah in Pforzheim 1526 – vor genau 500 Jahren.

Jörg Ratgeb – ein Leidender und ein Märtyrer. Seine Nähe zu Leidenden ist intensiv und einzigartig auch auf seinem Osterbild zu spüren:
Die Auferstehung erscheint als ein stiller und leiser Triumph über die Mächte des Todes.

Und genau das ist mir von Ostern her ein Trost: »Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!« Eben das hat Ratgeb ins Bild gesetzt. Gott hat den leidenden Christus zu neuem Leben erweckt. Seine Wunden sind über-wunden. Aber sie sind nicht weggewischt, nicht ungeschehen gemacht.
Richard Mössinger hat in einem Buch Ratgebs Werk unlängst so überschrieben:
Er sei der „Maler des Mitleids“ „weil er von der österlichen Hoffnung zehrt, muss er dem Leiden nicht ausweichen...“ *
Ratgebs Altar ist in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen. Ein Besuch in der Osterzeit lohnt sich ganz besonders.

* Richard Mösinger, Jörg Ratgeb, Maler des Mitleids, Tübingen 2025, S.82

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17APR2026
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Menschen widerfährt Unrecht:
Benachteiligungen, Vorwürfe, Ablehnungen ohne Grund. In der Familie, in der Schule, im Beruf. Wer hat das noch nicht erlebt?!
Da könnte man doch aus der Haut fahren. Sich empören und Rachegedanken hegen.
Oder – diese Variante kenne ich von mir: Dem Unrecht aus dem Weg gehen,
sich wegducken, so gut es geht. Aber das geht nicht immer. Was dann?

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas  23,34)
Das ist eines der Worte von Jesus am Kreuz.
Soll das nun etwa einfach heißen „Schwamm drüber!“? Soll Gott so etwas wie eine Generalamnestie für alle Vergehen und Verbrechen erlassen? Wohl kaum.
Jesus spricht in eine konkrete Situation. Er leidet zu unrecht.
Römische Soldaten kreuzigen ihn. Sie machen ihren Job. Sie spielen um seine Kleider.
Sie funktionieren. Sie haben keine Ahnung von den Abgründen ihres Tuns.
Sie haben kein Unrechtsbewusstsein, und sie empfinden auch keine Schuld.
Für sie betet Jesus:
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas  23,34)
Mir hilft dieses Jesus-Wort in zweierlei Hinsicht:
Zum ersten denke ich, Jesus legt mit seinem Wort etwas zwischen das erlittene, Himmel schreiende Unrecht und denen, die es ihm antun. Denn, wenn Menschen sich so aufführen, dann steckt etwas Abgründiges in ihnen, von dem sie keine Ahnung haben. Das nämlich lässt sie solche Untaten tun. Die bleiben weiter schmerzvoll.
Aber wo man das sieht, verlieren Täter ein Stück weit an Macht.
Sie werden kleiner. Sie werden als ahnungslose Täter zu Bedürftigen.
Als zweites fiel mir auch noch auf: Jesus begnügt sich nicht damit, das nur festzustellen und um Vergebung zu bitten. Dahinter steht eine Aufgabe.
Der Auferweckte Jesus ruft nach Ostern dazu auf: Predigt das Evangelium zur Veränderung des Bewusstseins! Also: Schaut nach den Abgründen in euch und Anderen! Verändert die Gesinnung! Ändert den Wertekompass! Er sagt damit: „Leben ist möglich ohne dumpfe Gewalt, ohne Verrat und ohne Missachtung Anderer. Mein Leben steht dafür ein - und ist selbst mit der Kreuzigung nicht aus der Welt zu kriegen!“

Wo immer Unrecht aufbricht – geht es um diese zwei Fragen:
Warum kommt es so weit?
Und: Wie kann das verhindert werden. Wie kann ich mich immer wieder neu auf ein Leben in Frieden mit Anderen einlassen?
Das kann ein weiter Weg sein. Doch kürzer geht es vermutlich nicht.

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16APR2026
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Wie oft höre ich zur Zeit diese Litanei: „Es geht alles bergab!“
Ein Mix aus Lähmung, Traurigkeit und Wut. Ich kenne das auch von mir.Und sage mir dann: Pass auf! Lasse Dir diese miese Stimmung nicht einreden!Und dabei die eigenen Empfindungen ausreden, die gar nicht so negativ sind!

Etwas spöttelnd sagte man früher über so einen Depri-Zeitgeist: „Ja, ja, Schiller ist tot. Goethe ist tot. Und mir ist auch schon ganz schlecht.“Das ist gewiss etwas zu flapsig und trifft nicht den Ernst der Lage.
Und doch frage ich mich:
Wo bleiben die Lichter der Hoffnung? Wo der Blick für das Gelungene?
Gerade jetzt ist es so wichtig, sich nicht den Blick für eine gute Zukunft verstellen zu lassen. Dafür braucht es eine kraftvolle Gegenstimme.
Ja, Pro-Test im besten Sinn des Wortes. Ein Wort, das eine andere Sicht eröffnet.

So wie einst am ersten Ostermorgen. Es steht im Lukasevangelium.
Da wird erzählt, wie Frauen, betrübt an Jesu treten.  Sie wollen dem Verstorbenen Gutes tun – den Leichnam mit wohl riechenden Ölen und Salben einreiben, ((so wie es Brauch war)).
Aber sie finden ihn nicht. Stattdessen, heißt es, stehen da zwei Männer mit glänzenden Kleidern und fragen sie: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Lk 24,5)

Was für eine Frage ist das denn? Nicht gerade einfühlsam. Oder?
Sie stoßen die Frauen vor den Kopf. Kein Mitleid, sondern Kritik:
„Ich glaube, ihr seid im falschen Film. Ihr sucht einen Toten und wollt ihm Gutes tun. Doch der ist hier nicht zu finden. Er lebt, er ist auferweckt worden. Das hat er doch selber so angekündigt.“

Für mich ist das eine Schlüsselszene für unser Zeitempfinden. Die Klage und das Beweinen verpasster Chancen und Gelegenheiten verkleben den Blick für Gegenwart und Zukunft. Heute sind Wohlstands-Weltuntergangsgesänge so laut.
Viel zu selten hören wir die andere Musik, die in der Luft liegt.
Ostertöne, Klänge, die eine feine Zukunft mit all ihren Chancen ansagen. Hier und Heute: Menschen leben doch miteinander in Frieden! Jetzt schon. Wie oft gelingt Mitbestimmung und Teilhabe an so vielen Orten!
Es kann genug für alle wachsen und gedeihen. Und tut es schon!
Wie viele neue Wege finden Mediziner und Techniker für unser Wohlergehen!
Sehn wir das noch?

Oder lassen wir uns von der ganzen Schwarzmalerei lähmen? Es kommt darauf an, sich in solchen Stimmungen hinterfragen zu lassen.
So wie am Ostermorgen: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten! Schaut voraus, schaut auf das neue Leben, auf den auferweckten Christus. Dazu provoziert Ostern.

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15APR2026
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Im Frühling, werden die Lämmer geboren. Manchmal ist auch ein kleines schwarzes mit dabei. Wer es einmal gesehen hat, weiß: Es gibt kaum ein schöneres Bild als kleine Lämmer auf der Weide. Sie springen vor Lebensfreude! Und voller Leben ist auch der 23. Psalm, einer der bekanntesten Psalmen der Bibel: Der Herr ist mein Hirte. So fängt er an. Für viele Menschen ist dieser Psalm wie ein vertrauter Begleiter auf dem Lebensweg.

Dabei verschweigt der Psalm auch die dunklen Seiten des Wegs nicht. Neben der grünen Aue droht Gefahr, im frischen Wasser spiegeln sich dunkle Wolken. Manchmal ist der Tisch gedeckt im Angesicht von Feinden. Gerade so ist das Leben. Schön und gefährlich, sanft und hart, unglücklich und sinnenreich. Deshalb ist der 23. Psalm tatsächlich ein Lebenspsalm.

Ich erinnere mich an einen Konfirmanden, den ich sehr gemocht habe. Ein wilder Junge, selbstbewusst, Typ „Kopf durch die Wand“. Wir sind trotz aller Sympathie einige Male heftig aneinander geraten, besonders, wenn er sich nicht an Regeln gehalten hat. Bei seiner Konfirmation hat er sich Psalm 23 als Konfirmationsspruch gewählt, konkret den Vers „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Ich war verblüfft. Er war entschieden in seiner Wahl. Jahre später, er ist inzwischen erfolgreich im Beruf und junger Familienvater, hat er mir davon erzählt, dass ihn dieser Vers durch alle Höhen und vor allem Tiefen seines Lebens begleitet hat. „Da gab es schon Abgründe,“ sagt er. „Manchmal war es ziemlich finster. „Ich fürchte kein Unglück!“ Darauf habe ich mich irgendwie immer verlassen. Das war meine Rettung.“

Gerade werden überall in Deutschland Konfirmationen gefeiert, junge Menschen gesegnet für ihren Lebensweg. Viele wählen immer noch diesen Psalm als Konfirmationsspruch. Ich wünsche mir, dass die jungen Leute an diesem Tag mit allen Sinnen erfahren: Ich bin gesegnet, umgeben von lieben Menschen. An diesem Tag müssen die Feinde, in deren Angesicht der Tisch gedeckt wird, mal Pause machen.

Mir gefällt, dass der Psalm von Großzügigkeit erzählt. „Du schenkst mir voll ein“ heißt es. Nicht knausrig knapp unter den Eichstrich, sondern so, dass das Glas fast überfließt. Das Leben ist immer wieder zum Feiern schön!

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14APR2026
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Das Leben geht weiter, nach jedem Fest, auch nach Ostern. Auferstehung, der Tod besiegt, da stellt man sich die Schar der Jünger eigentlich beschwingt vor. Kraftstrotzend, mutig voran, in einer nicht enden wollenden Feierstimmung. Die Realität sieht anders aus. Statt Konfetti gibt’s den Kater danach. Das Johannesevangelium präsentiert uns die Jünger nach Ostern weder als Superhelden noch als Sieger auf dem Treppchen.

Sie sind wieder bei der Arbeit. So richtig frisch sieht die nachösterliche Gruppe dabei nicht aus. Als sie sich am See Genezareth treffen, surfen sie nicht auf den Wellen des Erfolgs. Zum ersten Arbeitstreffen sind noch nicht einmal alle gekommen. Nur sieben der elf Jünger haben sich zusammengefunden.

Das Evangelium ist realistisch. Der Alltag ist hart und frustrierend. Manchmal hilft da die Rückkehr in den alten Trott. Die Jünger werfen die Netze aus, am See Genezareth wie eh und je. Sie fangen erst einmal: nichts.

Der Alltag ist mühsam, manchmal ist gar kein Erfolg zu sehen, trotz aller Anstrengungen. „Was habt ihr erreicht?“ fragt der auferstandene Jesus, als er in dieser Situation plötzlich bei den Jüngern auftaucht. Eine unbequeme Frage, worauf können sie verweisen - auf zerrissene Netze und Hoffnungen?

Worauf kann ich verweisen, wenn mich jemand so fragen würde, ganz direkt, wenn ich gerade mit leeren Händen dastehe. „Was hast du erreicht?“ Enttäuschte Träume, langweiliges Einerlei? Die Sache wird nicht besser dadurch, dass ich mir eigentlich alles schöner vorgestellt habe.

Manchmal bleibt nur eine ehrliche Antwort: „Nichts.“ „Nichts“, antworten die Jünger. Zumindest sind sie ehrlich. Ich selbst mache mir manchmal noch etwas vor. Nichts.

„Wagt es,“ sagt Jesus, „werft das Netz noch einmal aus“. Versuch´s noch mal, es gibt Hoffnung. Mag sein, es sind nicht alle gekommen, aber die, die da sind, die sind gut und wichtig, die packen mit an. Auf die, die da sind, kommt es an.

Sieben Jünger waren es damals, sechs zählt das Johannesevangelium mit Namen auf. Und der siebte... Ich meine, es ist kein Zufall, dass offen bleibt, wie dieser Jünger heißt. Jede kann hier ihren, jeder kann hier seinen Namen einsetzen. Und dazugehören.

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13APR2026
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Weiß haben sie gestrahlt – die Kleider, die sich die ersten Christen nach ihrer Taufe angezogen haben. Als Zeichen für einen grundsätzlichen Neuanfang im Leben. Rein und weiß. Wie neugeboren! Die ersten Christen haben diese Taufkleider dann eine ganze Woche lang getragen. Nach meiner eigenen Erfahrung mit weißen Blusen und Hosen und den Versuchen, sie nur halbwegs sauber über den Tag zu retten, weiß ich, ganz sicher und bestimmt: diese weißen Kleider der Täuflinge dürften nach sieben Tagen nicht mehr rein Weiß gewesen sein. Das kann gar nicht funktioniert haben!

Ich finde, symbolisch betrachtet hat das aber auch etwas. Sich durch die Taufe wie neugeboren fühlen heißt nicht, von nun an unbefleckt durchs Leben zu gehen. Pannen wird es immer geben. Darüber kann ich mich ärgern, ich kann es aber auch tröstlich finden. Denn die Flecken auf den weißen Kleidern der Täuflinge machen die Taufe nicht ungültig. Wahrscheinlich hätten sich auch die frischgetauften Christen lieber eine Woche lang rein weiß gezeigt. Gerade weil das nicht funktioniert hat, konnten sie aber entdecken: Gott wird sich von keinem Fleck, von keinem Schatten, von keinem Schmutz abhalten lassen, seine Menschen zu lieben.

Sicher – ich wäre auch lieber perfekt. Strahlend weiß. Manchmal merke ich dann, dass sich hinter diesem Wunsch auch ganz schön viel Hybris versteckt. Und Eitelkeit. Meine ich wirklich, ich könnte ausgerechnet Gott etwas vormachen? Ein perfektes Weiß - das funktioniert ja nicht einmal bei meinen T-Shirts.

Dann wieder bin ich nicht eitel, sondern komme mir wie eine Versagerin vor. Kein Wunder, wenn ich an akutem Perfektionswahn leide, das kann ja auf Dauer nicht gut gehen. An solchen Tagen kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand, geschweige denn Gott, mich liebevoll ansehen könnte. Das kann genauso problematisch sein wie Eitelkeit. Mit Selbstvorwürfen kreise ich letztlich auch nur um mich selbst.

Was mich tröstet ist: Auch im schmutzigsten Taufkleid findet sich noch ein Rest Weiß. Und das finde ich, wieder symbolisch betrachtet, wichtig. Denn die Taufe wird durch die Flecken auf den Taufkleidern nicht unwirksam.

Manchmal denke ich: Einige Flecken gewinnen sogar Sinn, zumindest im Nachhinein betrachtet. Es gibt dunkle Schatten, die mir helfen, andere Menschen besser zu verstehen, die gerade unter einer ähnlichen Situation leiden.

Nicht zuletzt: Jeder Dreckspritzer ist eine Lebensversicherung gegen Arroganz.

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11APR2026
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Es gibt verschiedene Arten von Gazellen. Sie alle leben in Wüsten und Savannen. Es sind schöne, elegante Herdentiere. Gazellen sind ganz fantastische Läufer, je nach Gattung können sie 50 bis 80 Kilometer in der Stunde rennen. Ihre natürlichen Feinde sind Raubkatzen, wie z. B. die Löwen.

Die liegen meist in Gruppen unter irgendeinem Baum im Schatten und schauen den Gazellen zu, wie sie grasen. Solange sie nicht hungrig sind, sind die Löwen keine Gefahr. Das wissen die Gazellen. Allerdings weiß jede Gazelle auch, dass sie die nächste potenzielle Mahlzeit der Löwen sein kann. Damit ein Löwe gar nicht auf diese Idee kommt, haben Gazellen das sogenannte Prellspringen entwickelt. Das bedeutet, sie springen hoch in die Luft und demonstrieren so ihre Fitness. Die Gazelle, die besonders hochspringt. beweist, dass sie besonders schnell rennen kann und sagt so, dass es sich nicht lohnt, sie zu jagen. Es würde viel zu lange dauern und wäre unheimlich anstrengend. Da Löwen klug sind und darauf bedacht das Leben möglichst energiesparend zu verbringen, funktioniert das System. Die Gazellen, die am höchsten springen können, werden am wenigsten gejagt.

Andere Tiere haben ähnliche Systeme gefunden ihren Feinden zu zeigen, dass sie keine gute Beute sind. Manche können besonders laut brüllen, andere riechen besonders streng.

Auch wir Menschen haben da unsere Mittel und Wege. Allerdings haben wir keine natürlichen Feinde mehr, deshalb müssen wir immer wieder andere Menschengruppen zu Feinden erklären. Und am Ende bedroht dann die eine Gruppe die andere und jede versucht der anderen klarzumachen, dass es sich nicht lohnt sie anzugreifen. Weil wir von hohem Springen oder Stinken oder Brüllen nicht sonderlich beeindruckt sind, versuchen wir uns jeweils mit irgendwelchen Waffen zu beeindrucken und davon abzuhalten uns gegenseitig anzugreifen.

Was daraus werden kann, haben wir in der Geschichte schon oft gesehen und sehen wir auch in unseren Tagen. Am Ende sterben jede Menge Menschen, meistens die, die nichts mit der Sache zu tun haben.

Ich will das Bild mit den Gazellen nicht überstrapazieren, aber es wäre doch gut, wenn wir Menschen uns ein bisschen etwas von ihnen abschauen könnten. Ich finde es schön, ja sogar etwas witzig, mir vorzustellen, wie zwei Feldherren sich auf dem Felde der Ehre gegenüberstehen und jeder versucht so hoch zu hüpfen, wie er kann. Wer höher springt hat gewonnen.

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10APR2026
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Ich bin über den Jahreswechsel vier Wochen lang zusammen mit einem Freund durch Patagonien gefahren. Mit dem Fahrrad. Patagonien ist bekannt für sein raues Klima und seine atemberaubende Schönheit. Die Weite, die Natur, die Berge - Mein Auge ist dort satt geworden und das Herz hat sich geweitet, wenn sich mein Blick in der Endlosigkeit verloren hat. Die einzigen Menschen, die wir getroffen haben, lebten in kleinen Siedlungen oder auf Bauernhöfen irgendwo im Nirgendwo. Die meisten sind im Vergleich zu uns arm. Die Menschen dort auf dem Land leben ein einfaches Leben nah an der Natur. Ich will das nicht verklären, die Knappheit vieler Güter und die sozialen Probleme waren offensichtlich. Alle waren froh, wenn sie an uns Touristen ein bisschen was dazuverdienen konnten.

Die Leute waren sehr freundlich zu uns, hilfsbereit und liebenswert. Aber das höre ich tatsächlich immer, wenn jemand irgendwo durch die Welt gereist ist. Mir ist jedoch etwas aufgefallen, das mich nachträglich sehr beschäftigt hat und das über bloße Freundlichkeit hinausgeht. Einmal ist mein Fahrrad kaputtgegangen und ich habe eine bestimmte Schraube gebraucht. Wir haben in einem Dorf jemanden gefragt, ob er so eine Schraube habe, was nicht der Fall war. Aber er kannte jemanden, der sie haben könnte. Dorthin brachte er uns. Der Freund hatte die Schraube aber auch nicht, meinte aber, er kenne jemanden und brachte uns zu ihm, der sie allerdings auch nicht hatte, aber wieder jemanden kannte. So ging es eine ganze Weile. Bis wir als etwa zehnköpfige Gruppe kreuz und quer durch das Dorf pilgerten und nach der Schraube suchten. Alle waren daran interessiert, ob wir sie bekommen würden und jedem war es ein Anliegen, dass wir sie bekommen. Jeder hatte einfach alles stehen und liegen gelassen, nur um uns zu helfen. Das hat mich sehr berührt. Mir war, als hätten alle unser kleines Schraubenproblem übernommen. Das Fehlen der Schraube wurde zu unserem gemeinsamen Problem und dessen Lösung ging alle an und alle freuten sich, als wir die Schraube gefunden hatten. Ich hatte den Eindruck, als würden diese Menschen das eigene Ich mehr vom ‘Wir‘ her denken und verstehen. Als würden die Sorgen auch eines fremden Menschen sie selbst etwas angehen und sein Wohlergehen unmittelbar mit dem eigenen zusammenhängen. So als wären wir alle miteinander verbunden. Das fand ich sehr schön. Weil ich es auch schon erlebt habe, dass bei uns in der reichen Welt oft wenig Platz ist, für das Wir im eigenen Ich.

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09APR2026
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Die Vertreibung aus dem Paradies, wie wir sie in der Bibel lesen können, wird eigentlich immer als eine Strafe Gottes verstanden. Der Mensch wurde hochmütig, wollte Erkenntnis erlangen, ja, wie Gott sein. Deshalb ist er im hohen Bogen aus dem Garten Eden geflogen. Seither muss der Mann den Ackerboden mit harter Arbeit bestellen und die Frau unter Schmerzen Kinder gebären. Und wir Menschen sind daran selber schuld. Diese Deutung ist bekannt, auch irgendwie naheliegend und machtpolitisch durchaus hilfreich. Wenn der Mensch grundsätzlich als Sünder und als Verstoßener gilt, dann ist es leichter ihn klein zu halten. Ihm einzureden, dass er immer demütig und rechtschaffen sein muss.

Aber vielleicht muss diese Vertreibung aus dem Paradies gar keine Strafe sein. Vielleicht ist sie nur eine logische Konsequenz und deshalb gar keine richtige Vertreibung. Denn wer Erkenntnis erreichen möchte, der will immer weiterkommen. Der bleibt nicht, wo er ist, der will immer in Bewegung bleiben. Auch wenn der Garten Eden verlockend ist, er klingt ein wenig nach Schlaraffenland, nach „Auf die faule Haut legen“ und es schön haben. Das ist sicher reizvoll, aber auch ein bisschen langweilig und macht sicher nicht glücklich. Zumindest nicht den, der nach Erkenntnis verlangt. Wer erkennen und verstehen will, der wird immer wieder aus der Komfortzone, wie man sagt, ausbrechen müssen. Der wird immer weiter immer neue Fragen stellen. Immer auf das Ganze schauen wollen. Und vielleicht meint Gott das mit der Vertreibung: “Ok“, sagt er vielleicht, „wenn Du Erkenntnis willst, dann musst Du mit rauskommen. Dann musst Du kommen und sehen und fühlen, wie es wirklich ist, denn das gehört dazu.“ Also bestraft er den Menschen vielleicht gar nicht, sondern nimmt ihn ernst. Und das ist dann eben keine Strafe, sondern ein Akt der Liebe. Eine trauernde Liebe sicher, denn er hat sich das mit uns Menschen ganz anders vorgestellt. Aber er hat eben Wesen geschaffen, die nach Freiheit streben. Die selber entscheiden und die mitreden wollen. Also muss er von seinen eigenen Vorstellungen und Plänen, die er mit uns hatte, ablassen und seinen Geschöpfen etwas zutrauen. Ich glaube, das ist gar nichts so außergewöhnliches. Vermutlich kennt das jeder, dessen Kinder erwachsen werden.

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08APR2026
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Am Anfang meines letzten Seminars hat der Dozent einen Satz losgelassen, der mir bis heute hängengeblieben ist. Er hat gesagt: „Holen Sie sich nicht erst Hilfe, wenn es notwendig ist, sondern dann, wenn es hilfreich sein könnte, und das ist meistens deutlich früher.“

Seitdem sage ich das auch, wenn ich anderen meine Hilfe anbiete: „Gerne melden, wenn es hilfreich sein könnte, nicht erst, wenn es notwendig ist.“

Und ich versuche mich selbst daran zu halten. Auch wenn es mir nicht immer leichtfällt, andere frühzeitig um Hilfe zu bitten. Zum einen ist da die Angst, ihnen unnötig zur Last zu fallen.

Zum anderen ist da mein Ehrgeiz, das selbst schaffen zu wollen. „Das kann doch nicht so schwer sein.“ Oder noch schlimmer: „Ich kann doch nicht so unfähig sein, dass nicht selbst hinzubekommen. Andere schaffen das doch auch.“ Manchmal ist da auch etwas Scham dabei.

Aber tatsächlich fällt es mir mit zunehmendem Alter leichter, andere um Unterstützung zu bitten, oder Sachen, die mich beschäftigen, nicht nur mit mir selbst ausmachen zu wollen. Ich habe das gelernt.

Und wenn ich frühzeitig frage, dann ist der Druck nicht so hoch, auf beiden Seiten. Ich kann ganz vorsichtig anfragen: „Ich bräuchte da mal deine Hilfe, nur falls du Zeit hast, ansonsten schaffe ich es vielleicht auch allein oder überlege mir, wen ich sonst fragen kann. Ach ja, und es muss auch nicht gleich sein, nächste Woche reicht auch noch.“

Wenn es gelingt, dann entlaste ich mich selbst früher und quäle oder überfordere mich nicht unnötig mit Dingen, die mit Hilfe anderer viel einfacher zu lösen wären, z.B. durch ein Gespräch, bei dem ich loswerden kann, was mich gerade beschäftigt. Oder wenn ich ein Formular ausfülle, für das ich stundenlang recherchieren muss, und am Ende immer noch unsicher bin. Warum frage ich erst dann meine Bekannte, die mir ohne große Mühe sagen kann, wie ich es machen muss? Warum habe ich sie nicht gleich angerufen.

Meistens mache ich die Erfahrung, dass andere mir gerne helfen, ja, sich sogar freuen, dass ich sie gefragt habe. Und andersherum geht es mir ähnlich. Ich freue mich, wenn ich andere unterstützen kann. Es gibt mir ein gutes Gefühl, auch dann, wenn es nur hilfreich war und nicht absolut notwendig.

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