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13JUL2024
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Joachim – diesen Namen haben mir meine Eltern gegeben. Und es ist der gleiche Name, den auch mein Patenonkel hatte. Ich bin froh, dass ich nur diesen einen Namen habe. Weil er mich immer an meinen Patenonkel erinnert. Leider habe ich ihn nicht besonders lange gekannt.

Jedes Jahr erinnere ich mich an den Tag, an dem sich für mich, meine Eltern und meine Großeltern vor mittlerweile 57 Jahren das Leben schlagartig verändert. Ich bin damals fast 6 Jahre alt und kann es zuerst gar nicht verstehen, dass sich so viel ändert. Mein Patenonkel Joachim kommt mit 23 Jahren bei einem Autounfall ums Leben.

Er hatte den gleichen Vornamen wie ich, Joachim. Was lag da näher, meine Großmutter zu trösten mit dem Satz: „Du hast doch noch mich, noch einen Joachim.“

Erst viel später habe ich die wirkliche Tragweite verstehen können. Er war das jüngste Kind meiner Großeltern neben seinen zwei Schwestern. Meine Mutter war die älteste Schwester. 1943, also mitten im zweiten Weltkrieg, wird er in Elbing in der Nähe von Danzig geboren, heute ist es polnisch und heißt Elblag.

Er ist noch ganz klein, als meine Großmutter mit den drei Kindern flieht und einen der letzten Züge erreicht, die nach Berlin fahren. 1952 wird dann Kassel die neue Heimat, weil mein Großvater bei Henschel Arbeit im Lokomotivbau findet.

Das Gesellenstück von meinem Patenonkel, einen glänzenden Hammerkopf, habe ich heute noch auf meinem Schreibtisch liegen, eine schöne Erinnerung. Alles ist gut gegangen bis dahin. Und dann ein Autounfall in Trier, wo er bei der Bundeswehr war.

Zur Beerdigung durfte ich damals nicht mit, meine Eltern wollten uns Kinder noch ein wenig schützen vor der Erfahrung des Todes, aber irgendwie hat mir immer etwas gefehlt, der letzte Abschied. Sehr häufig sind wir an seinem Grab gewesen. Das gibt es jetzt schon lange nicht mehr. Gerne erinnere ich mich an ihn. Er hat mir zum Beispiel die Liebe zur Modelleisenbahn mitgegeben. Wenn ich meine Modelleisenbahn heute fahren lasse, erinnert es mich an ihn und ich frage mich, wie es gewesen wäre, wenn er heute noch leben würde. Er wäre jetzt 80 Jahre alt.

Mein Name erinnert mich bis heute an ihn.

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12JUL2024
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"Hallo, das darf doch jetzt nicht wahr sein. Da kommt mein Bruder nach Hause und mein Vater hat nichts Besseres zu tun, als ein Fest zu feiern. Weil er ihn heil zurückbekommen hat. Dabei hat der doch nur Mist gebaut.“

Vielleicht ahnen Sie es schon: Ich erzähle Ihnen gerade eine Geschichte aus der Bibel. Sie kennen sie unter dem Namen „Der verlorene Sohn“ oder auch „der barmherzige Vater“. Ich wähle heute nicht den Blick vom Vater oder dem verlorenen Sohn, sondern vom zweiten, älteren Sohn. Vermutlich ungewöhnlich, aber ich finde sehr aufschlussreich.

Während der jüngere Sohn sich das Erbteil auszahlen lässt, fortzieht und alles verprasst, um dann wieder zum Vater zurückzukommen und darum zu bitten, eine Anstellung zu bekommen, bleibt der ältere Sohn. Als der verlorene Sohn wieder zurückkommt, feiert der Vater ein großes Fest mit ihm, weil er ihn gesund wieder in die Arme schließt.

Der ältere Sohn hingegen will nicht mitfeiern. Er hat die ganze Zeit für den Vater gearbeitet, also alles richtig gemacht. So zumindest die landläufige Deutung.

Wenn ich die Perspektive zum älteren Sohn wechsele, stelle ich ziemlich schnell fest, dass der Vater zwar sagt: „Alles was mein ist, ist auch dein.“ Auch der ältere Sohn kann sich das Geld nehmen, um mit seinen Freunden ein Fest zu feiern. Vielleicht wünscht er sich aber, dass der Vater ihm mal etwas schenkt und ihm damit Achtsamkeit entgegenbringt. Ich kann mir auch vorstellen, dass er gerne mal was ganz anderes machen würde, so wie sein jüngerer Bruder. Aber er hatte nie den Mut dazu.

Manchmal ist es gut, die Perspektive zu wechseln. Auf relativ einfache Weise kann ich da einige Dinge neu erleben und erfahren.

Besonders bei Konflikten ist das ein Mittel, was gut zum Ziel führen kann, nämlich zu einem Kompromiss zu kommen, mit dem beide Parteien leben können. Mit einem Perspektivwechsel kann ich mich aus der Sicht des anderen in den Sachverhalt hineinversetzen und vielleicht spüren, dass das, was dem anderen wichtig ist, gar nicht so unannehmbar ist. Und ihn so besser verstehen.

So kann ich bei der Geschichte vom verlorenen Sohn feststellen, dass dieser ältere Sohn, der immer beim Vater bleibt, doch auch irgendwie verloren ist, nur auf eine ganz andere Art. Und auch er braucht die Hilfe und das gute Wort des Vaters.

Jetzt verstehe ich ihn noch viel besser. Und ich hoffe, dass der Vater auch ihn in die Arme nimmt und mit ihm feiert.

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11JUL2024
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Sie schießen wie Pilze aus dem Boden, Baustellen, überall in der Stadt. Bauarbeiter, die die Straße und die Bürgersteige aufreißen, um neue Rohre, Leitungen und Glasfaser zu verlegen. Lärm, Schmutz, schlechte Luft…

Muss das jetzt sein?

Muss das jetzt sein, denke ich auch, wenn mit einem neuen Projekt quasi eine „Baustelle“ auf meinem Arbeitsplatz Einzug hält, oder - wie vor eineinhalb Jahren – die sanitären Anlagen im Pfarrhaus umgebaut und erneuert werden mussten. Wäre es nicht noch ein bisschen so gegangen?, habe ich mich gefragt. Und die ehrliche Antwort ist: Nein!

Baustellen sind zwar nichts, wonach ich mich sehne. Denn Baustellen bringen eben Schmutz und Unordnung in den Tagesablauf.

Aber, Baustellen bringen auch etwas Neues. Wenn die Straße neu gebaut ist und es sich super darauf fahren lässt, bin ich richtig froh. Das neue Arbeitsprojekt entwickelt sich mittlerweile sehr gut. Und wenn ich ins Bad gehe, freue ich mich jedesmal, weil es einfach schön geworden ist. Ohne Baustelle wäre hier zumindest nichts besser geworden.

Gustav Heinemann, lange Jahre sehr aktiv in der evangelischen Kirche und von 1969 bis 1974 Bundespräsident, hat das einmal so in Worte gefasst: „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.“

Meine Schwiegermutter hat nie lange gezögert. Wenn sie etwas neu machen wollte, dann hat sie geplant und es bald umgesetzt. Zu ihr in die Wohnung zu kommen hat manches Mal eine Überraschung gebracht.

Ich tue mir da oft viel schwerer und warte ewig ab. Und das, obwohl ich ahne, wie schön es hinterher sein wird. Aber da ist dieser innere Schweinehund, den es zu überwinden gilt. Ich schaffe es am besten, wenn ich einfach mal an einer Ecke anfange. Jetzt ist der Startpunkt gesetzt und das Ziel greifbar. Und wenn es fertig ist, bin ich glücklich und stolz auf mich selbst.

Baustellen kosten Zeit, schaffen Verdruss, fordern heraus.

Aber Baustellen bedeuten auch, ich mache mich und mein Umfeld fit für die Zukunft.

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10JUL2024
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Ich singe gerne, ich singe oft. Beim Singen komme ich auf andere Gedanken, dabei scheint manches viel fröhlicher. Das war schon zu meiner Grundschulzeit so. In unserem Klassenzimmer stand ein Flügel und unser Klassenlehrer forderte uns jeden Tag zu Beginn auf, uns drum herum zu stellen und dann haben wir gemeinsam gesungen. Da haben wir jeden Morgen unseren Spaß gehabt und sind so richtig wach geworden. Und aus unserer Klasse ist eine tolle Klassengemeinschaft geworden, das Singen hat uns zusammengeschweißt. Bis heute habe ich die Melodien im Kopf und von den meisten Liedern kann ich zumindest die erste Strophe immer noch auswendig.

Heute höre ich ganz oft von verschiedenen Menschen, dass sie nicht singen können. Aber beim Singen geht es erstmal nicht darum, jeden Ton zu treffen. Beim Singen geht es um so viel mehr, Gemeinschaft und Vertrauen. Und wenn ich mich traue, auch mal die schiefen Töne zu riskieren, dann kann einiges passieren.

In einem Lied von Johann Gottfried Seume aus dem Jahr 1804 heißt es in der ersten Strophe:

„Wo man singet, da lass dich ruhig nieder,

ohne Furcht was man im Lande glaubt;

wo man singet, wird kein Mensch beraubt,

böse Menschen haben keine Lieder.“

Wenn Menschen miteinander singen, dann fühlen sie sich sicher. Ich finde, das ist ein interessanter Gedanke. Ich erinnere mich da sofort an Nachtwanderungen mit Kindern, bei denen sie lauthals singen. Da verschwindet die Angst vor der Dunkelheit schnell. Ältere Menschen singen gerne Volkslieder, weil sie den Text kennen und sich dabei sicher und weniger vergesslich fühlen.

Oder heute Abend im Halbfinale - bevors losgeht und die beiden Mannschaften und auch die Fans ihre Nationalhymne singen - sich nochmal voll konzentrieren, die Anspannung loslassen und sich so sicherer und mehr als Team fühlen.

Ich wünsche mir, dass Sie sich auch trauen zu singen. Das bringt so viel Freude und hebt die Stimmung. Probieren Sie es einfach mal. Singen Sie ein Lied mit, das im Radio gespielt wird und das sie kennen. Vielleicht können sie sich so Luft machen, wo ein Gedanke sonst immer drückt und sich so sicherer und stärker fühlen.

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09JUL2024
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Es grünt und blüht. Mittlerweile ist auch in Furtwangen im Schwarzwald der Sommer angekommen. Jeden Morgen weckt mich ein vielstimmiges Konzert aus Vogelkehlen.

Ein Paar Rotschwänzchen machen mir dabei eine besondere Freude. Jedes Jahr kommen sie wieder und suchen sich direkt unter dem Vordach vom Pfarrhaus einen Nistplatz.

Dort sind sie beschützt, sicher vor Unwetter und auch vor Katzen und anderen Tieren. Wenn ich ins Haus hinein oder hinaus gehe, verhalten sie sich ganz still und warten ab, bis ich wieder verschwunden bin. Es braucht schon eine Zeit, bis ich auch hinter der offenen Tür stehen kann und ganz still beobachte, was das Vogelpärchen so macht. Wenn ich den beiden so zuschaue, dann muss ich immer wieder an einen Psalm denken, der von Vögeln spricht, die ihr Nest im Haus Gottes haben. Es ist der Psalm 84 und dort heißt es: „Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen. Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen.“ In einem liebevollen Nest, zu Hause bei Gott – was für ein schönes Bild.

So wie die Vögel brauchen auch wir Menschen ein gutes und sicheres zu Hause. Wenn wir in unsere Welt hineinschauen und die Nachrichten hören, dann scheint aber alles gar nicht so sicher zu sein. Umso mehr sehnen wir uns dann nach Sicherheit. Manche fordern, doch endlich die Grenzen dicht zu machen und unliebsame Personen einfach auszuweisen – um sicherer und besser leben zu können. „Wir selbst sollen zuerst kommen“, lautet die Forderung. Aber die Parole „wir zuerst“, eint nicht wirklich, sondern spaltet eher, weil viele dabei auf der Strecke bleiben. Und so kann doch kein liebevolles Zuhause aussehen.

Unsere Welt ist näher zusammengerückt und was wir brauchen, das ist ein aufeinander zugehen und den Kontakt mit den anderen, damit wir auch wirklich zusammenwachsen. Das gibt Sicherheit! Denn Freunde können miteinander die Welt gestalten und sich gegenseitig behüten. Die Europameisterschaft, die ja gerade in Deutschland stattfindet, lässt uns das auch am Tag des ersten Halbfinales ganz praktisch erfahren. Feiern mit vielen Menschen aus vielen anderen Ländern. Und die sollen sich hier auch sicher und willkommen fühlen können, wie die Vögel im Nest unter meinem Pfarrhausdach.

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08JUL2024
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„Weihnachten komme ich wieder.“

Sage ich meinen Eltern, als ich von meiner Geburtsstadt Kassel nach Freiburg zum Studium fahre. Es ist der Sommer im Jahre 1984 und ich habe eine tolle Zeit vor mir, die viele neue Erfahrungen bringen wird. Für mich ist es ein wichtiger Schritt, um selbständig zu werden. 500 km weit weg von zu Hause. Ich kann nicht mal eben nach Kassel fahren.

Rückblickend weiß ich, dass es für meine Mutter eine Zeit war, die ihr auch etwas Angst gemacht hat. Mehrmals hat sie mich gefragt, ob ich nicht doch mal nach Hause kommen will. Sie ist ein Mensch gewesen, der gerne geklammert hat. Gerade deshalb habe ich diesen Abstand gebraucht. Telefoniert habe ich immer wieder mal mit ihr.

Es hat mir gut getan, und es hat auch ihr gut getan. Ich bin davon überzeugt, dass ich nur auf diese Weise frei und unabhängig werden konnte. Und es hat auch später im Leben immer wieder Situationen gegeben, in denen sie mich am liebsten wieder bei sich gehabt hätte. Mehrmals hatte ich das Gefühl, dass sie mir eigene Entscheidungen nicht zugetraut hat.

Mittlerweile bin nicht nur ich, sondern sind auch meine eigenen Kinder erwachsen. Sie haben sich ein eigenes Leben aufgebaut. Gerade wegen meiner eigenen Erfahrungen habe ich ihnen immer sehr viel Freiraum für eigene Entscheidungen gelassen. Und ich spüre ihre Dankbarkeit dafür.

Ich bin davon überzeugt, dass sich in solchen Entscheidungssituationen zeigt, ob ich bereit bin, meine Kinder frei und selbständig werden zu lassen. Das ist manchmal schwer und tut auch ein bisschen weh. Aber schon bei der Geburt der Kinder müssen sich Eltern im Klaren sein, dass die Kinder im Lauf der Zeit ein eigenes Leben haben werden.

Lange schon ist mir ein Spruch von Khalil Gibran im Sinn: „Solange deine Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie größer werden, schenk ihnen Flügel.“ Und ich möchte es sogar noch verstärken: Kräftige Wurzeln und tragfähige Flügel.

Ich freue mich, dass meine Kinder alleine weit fliegen und ich bin stolz, dass sie so kräftige Wurzeln haben und wissen, dass sie egal wann und wo und warum bei mir Halt finden, wann immer sie es brauchen.

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06JUL2024
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Sein Geburtstag ist nicht bekannt. Auch das Geburtsjahr nur so ungefähr: Um 1370 soll er auf die Welt gekommen sein. Sein Todestag aber steht fest. Am 6. Juli 1415 ist der Theologe Jan Hus auf einem Scheiterhaufen in Konstanz am Bodensee verbrannt worden. Ein schrecklicher Tod und ein trüber Gedenktag. Ähnlich wie hundert Jahre später Martin Luther hat auch Jan Hus den Amts- und Machtmissbrauch in der Kirche seiner Zeit scharf kritisiert. Den drei Päpsten, die sich damals um die Herrschaft gestritten haben, hat er allen die Gefolgschaft verweigert, stattdessen die Bibel in seine tschechische Muttersprache übersetzt. Weil er so verständlich und lebensnah erzählen konnte, war er als Prediger sehr geschätzt. Für seine kritische und eigenständige Haltung ist er damals angeklagt worden.  Widerrufen, wovon er im Innersten überzeugt war, wollte er nicht. Und das hat er mit seinem Leben bezahlt.

Das alles ist furchtbar lange her und scheint einer völlig anderen Zeit anzugehören. Die Todesstrafe ist abgeschafft; kein Mensch wird heute mehr öffentlich hingerichtet. Jedenfalls nicht in Konstanz. Freie Meinungsäußerung gilt auch in Glaubensdingen; die deutsche Verfassung garantiert eine positive Religionsfreiheit. Zwischen unterschiedlichen Konfessionen und Religionen wird in der Öffentlichkeit ein respektvoller Umgang zelebriert. Manchmal frage ich mich allerdings, ob sich die Schauplätze für Hinrichtungen nicht einfach nur verlagert haben. Weg von den Marktplätzen in die virtuellen Welten des Netzes. In den Kommentarspalten von sozialen Medien herrscht hie und da ein Tonfall, der mich sprachlos macht. Da wird nicht lange gefackelt, sondern verbale Brandsätze gezündet und kurzer Prozess gemacht mit Menschen und Meinungen. Eine Freundin hat mir gerade gesagt, dass sie sich wundert, warum so vieles davon einfach unwidersprochen stehen bleibt. Denn wer schweigt, scheint zuzustimmen. Da habe ich mich angesprochen gefühlt. Ich weiß: Viele sagen, sich in solche Diskussionen einzumischen, bringt eh nichts. Aber vielleicht ist ein klar formulierter Widerspruch gegen Hetze und Shitstorms es ja doch wert für einen einzelnen, der doch ins Nachdenken kommt und sich auf eine echte Diskussion einlässt. Oder zumindest für die schweigende Menge, der damit signalisiert wird: Ihr seid nicht allein. 

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05JUL2024
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Die kleine Dorfkirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Gut 80 Personen in festlicher Kleidung füllen die Bänke. Viele von ihnen waren schon lange nicht mehr in einem Gottesdienst. Braut und Bräutigam sind um die sechzig; beide heiraten bereits zum zweiten Mal. Das wir auch nicht verschwiegen. Der Pfarrer nennt in seiner Predigt die verstorbene Frau des Bräutigams und den geschiedenen Mann der Braut beim Namen. Und spricht auch vom Schmerz über Trennung und Tod.

In den ersten Reihen rechts und links sitzen die erwachsenen Kinder des Paars mit durchaus gemischten Gefühlen. Das Brautpaar spricht selbst ein Gebet. Bringt sichtlich gerührt seinen Dank zum Ausdruck für diesen Moment, für die als Gottesgeschenk empfundene Begegnung, die dazu geführt hat, sich in fortgeschrittenem Alter noch einmal verlieben zu dürfen mit allem, was zum Verliebtsein und zur Liebe gehört. Spricht dankbar aus, dass Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde diesen Weg begleitet haben und zu diesem Fest gekommen sind. Alles gar nicht selbstverständlich. In etlichen Augenpaaren sehe ich Tränen schimmern. Auch bei einigen Männern.

Und ich spüre in diesem Augenblick, dass wir genau am richtigen Platz sind: nämlich in einem Gottesdienst. Das lässt sich mit Worten gar nicht so leicht erklären: Es kommt eben nicht nur darauf an, was im Gottesdienst gesagt wird. Ich spüre, wie in den Menschen und zwischen ihnen ein Raum aufgeht, in dem Platz ist für alles, was das Leben weiter und tiefer macht. Für vieles, wofür im Alltag keine Zeit bleibt. Und dass der Gottesdienst passende, stimmige Formen bereithält, um sich davon berühren zu lassen. Angefasst zu werden. Vieles trägt dazu bei: Musik. Gebete. Ausgewählte Worte. Persönlich und erfahrungsgesättigt von mehr als einem einzelnen Menschenleben. Schließlich wird das Brautpaar gesegnet. Auch die Trauzeugin wirkt dabei mit. Und ich wünsche mir, dass alle andern sich in diesem Moment auch gesegnet fühlen. Gesehen mit allem, was sie in ihren Seelen und ihren unsichtbaren Rucksäcken mit sich tragen. Mit liebevollen Augen angeschaut von jener großen segnenden Kraft, die ich Gott nenne. So was Schönes, liebe Leute, so was könnt ihr in einem Gottesdienst erleben.

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04JUL2024
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Mein ältester Sohn geht jetzt schon stramm auf die Dreißig zu. Wir verstehen uns gut und reden gern miteinander über die unterschiedlichsten Themen. Vor kurzem kam mir im Gespräch mit ihm plötzlich der Gedanke, dass Jesus ja nur ein paar Jahre älter geworden ist als er. Anfang dreißig war der, als er zum Tod verurteilt worden ist. In der langen, mittlerweile zwei Jahrtausende überbrückenden christlichen Tradition sind die Geschichten, die Reden und Worte von Jesus zu zeitlosen Wahrheiten und universell gültigen Weisheiten geworden. Ursprünglich aber sind es die Erlebnisse, Diskussionsbeiträge und Ansichten eines gerade mal Dreißigjährigen, der vom Alter her mein Sohn gewesen sein könnte.

Mit 30, das merke ich jetzt deutlich, lebt man entschiedener als mit 56, hat kantig-klare Ansichten und ein gesundes Sendungsbewusstsein. Sofern man noch keine Familie gegründet hat, trägt man auch keine Verantwortung für Kinder. Das alles trifft auf Jesus zu. Er musste nicht für eine Familie sorgen. Deshalb konnte er ungebunden umherziehen und von der Hand in den Mund leben. Wer genug Wut im Bauch und keine Angst vor den Folgen hat, kann auch die Verkaufsstände von friedlichen Kleinhändlern umschmeißen und sie rüde anpöbeln. Ein klarer Fall von Sachbeschädigung und Beleidigung.

Eigentlich reagiere ich auf solche unkontrollierten Ausbrüche mit Empörung und Unverständnis. Wenn Jesus das macht, rege ich mich nicht weiter auf. Und was ist das zum Beispiel für eine Ansage aus seinem Mund: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Wenn mein Sohn mir mit einer solchen Parole käme, würde ich sofort versuchen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Jesus hatte radikale Ansichten wie ein junger Mensch sie hat. Das find ich völlig in Ordnung. Manchmal frage ich mich aber, wie er wohl gelebt und was er gesagt hätte, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, doppelt so alt zu werden und noch jede Menge Lebenserfahrung zu sammeln. Gäbe es dann auch eine Sammlung von altersweisen Sprüchen, so wie vom König Salomo? Von dem ist zum Beispiel der Satz überliefert: „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht besser als einer, der Städte einnimmt.“ Unvorstellbar, dass ein dreißigjähriger Jesus das gesagt hätte. Mit siebzig vielleicht. Aber wer weiß?

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03JUL2024
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Trotzphasen sind schrecklich. Jedenfalls, wenn man die Mutter eines betroffenen Kleinkinds ist. Erst neulich hab ich beim Einkaufen den Tobsuchtsanfall einer vielleicht Dreijährigen miterlebt. Die war total außer sich, hat geschrien und geheult und sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt. Ihre Mutter hat sich zwar in bewundernswerter Geduld geübt, war aber sichtlich mit den Nerven am Ende. Am liebsten hätte ich ihr einen Kaffee gebracht.

Wenn erwachsene Leute in eine Trotzphase kommen – dann ist das fast noch schlimmer. Erwachsene Sturköpfe sind mitunter genau so anstrengend wie Kinder. Wenn einer sich immer nur querstellt. Mit Beharrungskräften alles blockiert. Jede Veränderung als Gefahr betrachtet. So ein Trotzkopf steckt manchmal auch in mir. Dann bin ich schwer erziehbar, bockig, kontraproduktiv. Andererseits muss ich auch nicht alles hinnehmen, was scheinbar nicht zu ändern ist. Dann hat Trotz auch eine produktive Seite. Ich nenne sie die Trotzkraft. Denn schließlich hat jeder menschliche Fortschritt einmal mit Trotz angefangen. Mit Verweigerung. Mit dem Aufstampfen eines Fußes und dem stirnrunzelnden Gedanken: Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich nehme das jetzt nicht mehr länger hin! Ronja von Rönne erzählt in ihrem Buch über den Trotz die Geschichte von Adam und Eva im Paradies als wunderbare Trotzgeschichte. Eva pflückt den Apfel vom verbotenen Baum und beißt herzhaft hinein. Warum hat sie das getan, wenn ihr doch mindestens ein Paradies für immer offenstand? Ronja von Rönne meint: „Ein Initialmoment, ein Zufallsfunken. An einem jener unendlich vielen sonnigen Tage im Paradies blieb Adam brav, und eine Frau erschuf trotzig die Realität.“

Der Trotzkopf und die Trotzkraft: beide bringen uns weiter. Liegt die Kunst also im Unterscheiden, wann was dran sein könnte. In einem biblischen Psalm (73) finde ich beides: „Wenn mein Herz verbittert ist, dann bin ich so dumm wie ein Rindvieh und steh vor dir wie ein Ochse vor dem Berg. Und trotzdem, trotzdem bleibe ich immer bei dir, Gott. Du hast mich an die Hand genommen. Du führst mich nach deinem Plan. Und wenn mein Leben zu Ende geht und aller Trotz ein Ende hat, nimmst du mich auf in deine Herrlichkeit.“

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