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Es ist schön zu sehen, wie andere leben, wie sie denken und was ihnen wichtig ist. Deshalb erzähle ich heute morgen, was mir bei ihnen aufgefallen ist und wie sie mein Leben bereichern.
- geht oft am Abend in seinen Schuppen hinterm Haus. Der ist voll mit Werkzeug und Ersatzteilen für Autos. Dann höre ich ihn sägen und hobeln, oft bis spät in die Nacht. Ich denke, er kann so am besten abschalten. Wenn ich seine Hilfe brauche, ist er immer für mich da; besonders wenn’s um Handwerkliches geht, weil er das viel besser kann als ich.
- kenne ich seit der ersten Klasse. Wir sehen uns nicht so oft, zwei, dreimal im Jahr. Aber unsere Verbindung ist unzerstörbar. Da gibt es keine Empfindlichkeiten oder Eitelkeiten. Wenn wir telefonieren oder uns treffen, brauchen wir keinen Anlauf, um uns auf den neusten Stand zu bringen. Ein paar Augenblicke genügen, um uns ganz nahe zu sein. Das ist stets wie ein kleines Wunder und ein unbeschreiblich schönes Gefühl.
- lebt die meiste Zeit des Jahres in den Bergen. Das ist seine Welt. Wo er dem Wetter ausgesetzt ist, keiner sich einfach hin verirrt. B. hat studiert, aber das zeigt er nicht, und er legt auch keinen Wert darauf. Wenn ich mich mit ihm unterhalte, besteht daran kein Zweifel, weil er kluge Sachen sagt. Ich habe kaum einen Menschen getroffen, der so wenig eitel und bescheiden ist. Was mich ungeheuer beeindruckt.
- lässt mich an allem teilhaben, was sie entdeckt. Ein Buch, das sie gerade liest. Das Konzert, das sie begeistert hat. Eine Radiosendung, die ihr eine neue Welt eröffnet hat. Sie ist so alt wie ich, und neugierig wie ein kleines Kind, das die Welt erst noch erobern wird. Und sie teilt ihre Gefühle mit, ehrlich, mit Tränen, mit Lachen.
- möchte von morgens bis abends bei mir sein. Wenn ich das Haus verlasse, steht er da, schaut mich an, und es kommt mir so vor, als wäre er unendlich traurig. Dann drücke ich ihm einen Kuss auf die Stirn, streichle sein raues Fell und verspreche ihm zurückzukommen, so schnell wie möglich, wie immer. Wenn ich wieder da bin, explodiert er schier vor Freude und Glück und rennt unzählige Male zwischen meinen Beinen durch. Seine Kraft rettet oft meinen Tag.
So viel zu meinen Erfahrungen mit anderen. Sie haben auch welche. Ich verspreche Ihnen: Es tut gut, sie lebendig zu halten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43442Ich sitze beim Reifenwechsel. Und weil es schwierig war, überhaupt noch einen Termin zu bekommen, bin ich dankbar und geduldig, lese etwas und warte. Fast eine Stunde. Als schließlich mein Auto fertig ist, will ich allerdings gar nicht schnell weiter, weil ich in einer anderen Welt bin. Eine ältere Dame, die neben mir wartet, hat mich in ein Gespräch verwickelt. Offenbar so intensiv, dass der Mechaniker, der mich zum Zahlen holen will, lächelt und sagt: „Lassen Sie sich ruhig Zeit und kommen sie zur Abrechnung, wenn sie fertig sind.“
Was ist da passiert? Ich hatte schon vorher mit einem halben Ohr mitbekommen, dass die Dame etwas verunsichert und deshalb umständlich war. Jedenfalls hat sie den Händler mit allen möglichen Fragen traktiert, um beim Kauf neuer Reifen nichts Falsches zu machen. Bei mir fängt sie mit dem Thema auch nochmals an. Bis ihr auf einmal Tränen kommen und sie mir andeutet, dass ihr Mann gestorben ist.
Wir sind uns nie zuvor begegnet. Trotzdem ist da auf einmal etwas Vertrauliches zwischen uns. Ich spüre immer noch, dass das ein schönes angenehmes Gefühl war. Und wenn ich im Nachhinein so darüber nachdenke, dann ist es doch das, worauf es zwischen Menschen immer ankommt: sich so zu begegnen, dass bei beiden das Herz aufgeht, dass vorsichtig Nähe entsteht.
Mir ist klar, dass man solche Situationen und Begegnungen nicht „machen“ kann. Sie ergeben sich von allein. Allerdings gibt es wohl so etwas wie günstige Umstände, und man kann schon selbst etwas tun. Die Dame saß mit Abstand neben mir und las ein Buch. Trotzdem hat sie von mir Notiz genommen, hat mich eingeordnet und mich schließlich angesprochen. Ich habe meinerseits Signale gesandt, dass ich ansprechbar bin, war jedenfalls nicht so in mich vertieft, dass die andere zu mir durchkommen konnte. Wir fanden eine Ebene, haben gehört und gesprochen. Erst über den Schriftsteller Leo Tolstoi, dann über russische Geschichte und schließlich über den Tod. Nicht lang und breit, sondern kurz und bündig. Und vor allem unerwartet vertraulich. Das geht. Und dass es hier so gut ging, spornt mich an, es viel öfter zu probieren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43441Ich hatte zum Glück nie Angst vor dem Nikolaus. Ich habe mich immer gefreut, und habe mir vorgestellt, wie er nachts in unser Haus kommt, wenn alle tief und fest schlafen. Und dann bin ich mit meinen Geschwistern als allererstes nach dem Aufstehen raus und hab geschaut was wir bekommen haben.
Als ich dann älter geworden bin, durfte ich selbst 1-2 mal den Nikolaus spielen. Am spannensten war es in Indien, als ich dort meinen Freiwilligendienst gemacht habe.
Am sechsten Dezember war es dort über 30 Grad heiß. Und ich in einem viel zu warmen Nikolauskostüm steckte. Aber vor allem, weil die Kinder dort den Nikolaus nicht gekannt haben und total neugierig waren.
Ich bin also rein zu ihnen, mit meinem weißen Wattebart und ein paar roten Klamotten, die nicht so richtig passten. Und habe sofort gemerkt, dass ich ziemlich einschüchternd gewirkt habe für die Kinder. Sie haben doch ein bisschen Angst bekommen. Dabei hatte ich noch nicht einmal das klassisches Accessoire vom Nikolaus dabei: Das dicke Buch, in dem die guten und schlechten Taten aus dem letzten Jahr aufgeschrieben sind. Mein Auftreten alleine hat gereicht – erst als ich kleine Geschenke und Süßigkeiten ausgepackt habe, ist die Furcht bei den meisten dem Appetit gewichen.
Dass der Niklaus – nicht nur bei indischen Kindern – eine Figur ist, vor der man Angst hat, finde ich seltsam. Und erst recht das Buch mit den guten und schlechten Taten. Wie ein verfrühtes kleines Weltgericht. Und tatsächlcih kommt die Tradition, dass der Nikolaus ein goldenes Buch dabei hat, wohl genau daher: Dass er als Heiliger und Stellvertreter Gottes auch als Symbol für das kommende Gericht ein goldenes Buch dabei hatte.
In der Bibel ist von einem Buch die Rede. Zumindest indirekt. Aber nicht von einem Buch, in dem Gott kleinlich all unsere guten und bösen Taten notiert. Im Lukasevangelium ermutigt Jesus seine Anhängerinnen und Anhänger: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ Wo jetzt genau – in einem Buch oder an einer Tafel – Gott führt keine Liste über unsere Verfehlungen. Ihm reicht es, dass er unsere Namen kennt. Und das soll es uns auch. Der Nikolaus braucht nichts anderes als die Namen der Kinder, die er beschenken soll – und natürlich was zum Verschenken.
Das passt auch viel besser zu den Legenden vom Heiligen Nikolaus – der ist nämlich großzügig und hat ein Herz für die, die es schwer haben.
Einen Frohen Nikolaustag!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43395Manche Gerichte brauchen nur eine einzige, besondere Zutat, um ihren Charakter zu entfalten. Denken Sie zum Beispiel an das Gewürz Curry: Das gibt jedem Gericht eine unverkennbare Note. Und die meisten Sachen heißen dann sogar Curry – obwohl noch viele andere Zutaten drin sind. Die Kernzutat ist das, was den Unterschied macht.
Wenn ich das mal auf mich und meinen Glauben übertrage: Was gibt meinem christlichen Glauben den unverkennbaren Geschmack? Wonach sollte Kirche „schmecken“? Früher wäre die Antwort wahrscheinlich gewesen: Der Gottesdienst am Sonntagmorgen.
Der Gottesdienst am Sonntagmorgen. In den meisten Kirchengemeinden gibt es ihn immer noch. Manchmal ist er auf einen Abendtermin gewandert, und es gibt viel mehr unterschiedliche Formen als früher. Ich feiere gerne Gottesdienst! Aber einfach nur „Gottesdienst feiern“, das ist allein noch nicht die Kernzutat denke ich. Mich beschäftigt die Frage schon länger, seitdem ich mal wieder über einen Text aus dem Jesajabuch gestoßen bin: Dort spricht Gott zu den Menschen, die sich fragen, warum er manchmal so weit weg erscheint.
Und Gott gibt eine überraschend direkte Antwort. Er sagt, sie fokussieren sich auf das Falsche. Ja, die Gottesdienste sind voll. Alle beten viel und der König mitsamt der Regierung fasten regelmäßig. Aber mit dem Herzen sind sie nicht dabei, sagt Gott. Weil sie sich von Gott trotzdem nichts sagen lassen.
Was Gott will, steht in den Versen danach:
„Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los!
Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Und entzieh dich nicht deinem Nächsten!“
Hier sind wir beim essenziellen für den christlichen Glauben angelangt. Das ist, kurz gesagt: ich muss mir von Gott auch etwas sagen lassen. Dafür muss sollte ich Gottesdienst feiern. Um Geschmack zu bekommen am Einsatz für seine Gerechtigkeit.
Der Text aus Jesaja ist da sehr deutlich: Er sagt, dass genau dort das Licht Gottes scheint. Dass wir dort, wo wir Gerechtigkeit tun, Gott am nächsten sind.
Wenn man diesen Text fragt, was das Unverzichtbare am Christsein ist, dann ist das nicht einfach bloß der Sonntagsgottesdienst. Es ist das, was der mir sagen will. Was er mir mit auf den Weg geben will: Geschmack finden an der besonderen Würze, die Gott unserem Leben geben will. Und sich einsetzen für Gottes Gerechtigkeit. Der Sonntagsgottesdienst erinnert uns daran, was wesentlich ist. Gerechtigkeit und Glaube funktionieren nicht ohne einander. Der Einsatz für Gerechtigkeit ist das, was unseren Glauben ausmacht. Das, was den Unterschied macht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43394Im letzten Urlaub habe ich gemerkt, dass ich eine Sprache spreche, von der ich bislang nicht wusste, das ich sie kann. Das war auf Korsika. Ich kann nur ein paar Brocken Französisch. Als ich aber am Sonntagmorgen die Kirchturmglocken gehört habe, wusste ich das Sonntag ist und dass bald ein Gottesdienst sein würde. Und auch die Uhrzeiten, die durch den Glockenschlag mitgeteilt wurde, habe ich problemlos verstanden. Zugegebenermaßen: Besonders viel kann man mit dieser Sprache „Glockisch“ nicht kommunizieren. Aber für eine grundsätzliche Orientierung hat es gereicht. Früher wäre es noch mehr gewesen: Bevor es unsere modernen Kommunikationsmittel gab, wurde mit Glocken mitgeteilt, wenn Gefahr im Vollzug war, wenn Menschen geheiratet haben oder jemand gestorben ist.
An manchen Orten gibt es diese Traditionen auch heute noch. Und, das habe ich gemerkt, als ich angefangen hab, mich etwas mehr mit dieser universalen Sprache zu beschäftigen: Mit Glocken kann man noch weitaus mehr sagen. Wenn Glocken stumm bleiben, zum Beispiel, ist das meist kein gutes Zeichen. In den Weltkriegen im letzten Jahrhundert war das irgendwann so weit: Weil Glocken abgehängt wurden, um als Metallreserve für die Rüstungsproduktion zu dienen.
Glocken können aber auch ein Symbol des Widerstands sein. Als Protest gegen die Eröffnungsrede des Bischofstags der Deutschen Christen 1935, läutete die örtliche Gemeinde 10 Minuten lang die Glocken. Und auch in den letzten Jahren haben immer wieder Kirchengemeinden Glocken eingesetzt, um ihren Widerspruch gegen Aufmärsche rechter Gruppierungen deutlich zu machen.
Die Sprache der Glocken: Sie ist nicht nur grenzübergreifend, sondern kann auch ziemlich politisch sein. Und damit stehen Glocken auch immer in Gefahr für Propagandazwecke missbraucht zu werden. Das krasseste Beispiel aus der Vergangenheit sind wohl sogenannte Naziglocken, die mit nationalsozialistischer Symbolik verziert wurden oder sogar Hitler geweiht wurden. Es hat seinen Grund, dass in der heutigen Glockenverordnung der württembergischen Landeskirche der Satz zu finden ist: Die Glocke darf nicht zur Menschenehrung dienen.
Dieser Satz weist darauf hin, was die Hauptaufgabe der Glocke in christlich-geprägten Ländern ist: Der Ruf zum Gottesdienst und Gebet. Seitdem ich die Glocken auf Korsika gehört habe, höre ich sie auch hier in Deutschland wieder mehr. Als Ruf zum Gebet, sprachen und länderübergreifend.
Als Zeichen der Universalität und Verbundenheit miteinander. Oder wie Schiller es formuliert hat: Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43393„So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“
Diese Zeilen habe ich die letzten Wochen häufig vor mich hingesummt- besonders dann, wenn ich aus der Chorprobe gekommen bin. Da singen wir nämlich gerade ein Stück von Mendelssohn, und darin diese biblische Zeite: Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“. Die Frage ist nur: Was meint die Bibel damit – mit Waffen des Lichts“? Meine Schwester, die im gleichen Chor singt und mit diesem militärischen Bild der Waffen ein wenig hadert, singt manchmal einfach „Waffeln des Lichts“ statt „Waffen“. Die passen besser zu ihrer Vorstellung vom Christsein: Frischgebackene Waffeln des Lichts mit Puderzucker – da musste ich doch ganz schön schmunzeln.
Als ich einer Freundin davon erzählt habe, ist ihr dazu etwas ganz anderes eingefallen: Nämlich die Star-Wars-Filme und an die Lichtschwerter der Jediritter. Ich habe grinsen müssen bei den Filmschwertern und dem Lichtstrahl als Klinge. Zum Glück gibt’s die nicht wirklich.
In der Bibel, wo das Bild von den „Waffen des Lichts“ herkommt, sind auch keine echten Waffen gemeint.
Sondern was der Apostel Paulus meint: es gibt etwas, das uns Christen hilft, uns für das Gute einzusetzen. Was genau diese Waffen sind, das wird im Römerbrief nicht ausgeführt. Ich finde es lassen sich aber gut drei Worte einsetzen: Glaube, Liebe und Hoffnung.
Glaube – das Vertrauen, dass Gott da ist, selbst in schwierigen Situationen. Ein unsichtbares Schild, das uns schützt, wenn alles um uns dunkel scheint. Liebe – aktiv und greifbar. Mit Liebe lassen sich Menschen gewinnen, ohne sie zu überrumpeln. Und Hoffnung – der Blick nach vorne, dass Veränderung möglich ist. Hoffnung schenkt einem Ausdauer und lässt uns weitermachen, auch wenn alles aussichtslos scheint.
Glaube, Liebe Hoffnung als Waffen des Lichts, mit denen wir den Krisen unserer Welt entgegenstehen – damit kann ich doch mehr anfangen.
Es ist aber noch etwas ganz wichtig, und davon schreibt Paulus in der Bibel auch: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen.“ Den Kampf gegen die Dunkelheit – um im Bild zu bleiben – das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe. Gott sorgt dafür, dass die Nacht vergeht. Wir dürfen uns darauf konzentrieren, den anbrechenden Tag zu gestalten. Mit unseren kleinen Lichtfunken aus Glaube, Liebe und Hoffnung. Das Licht kommt von allein.
An diese Hoffnung erinnern wir uns gerade in der Weihnachtszeit: Dass mit Jesus Gott in diese Welt gekommen ist und es anfängt, Licht zu werden. Weihnachten ist der Morgen einer Welt, die voller Frieden und Liebe sein wird. Und zum Frühstück gibt’s Waffeln.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43415Wenn ich einen Gottesdienst besuche, dann kommt mein persönliches Highlight dabei fast ganz am Schluss: der Segen. Wenn vorne der Pfarrer oder die Pfarrerin vorne die Hände erhebt und den Segen spricht – dann ist das der Moment, der mich besonders stärkt. Dabei sind es nur ein paar Sätze: Guter Gott, segne uns und behüte uns… .
Ich glaube, ich bin damit nicht allein. Die Sehnsucht nach Segen, nach Zuspruch, boomt gerade. Spontane Segensangebote auf Volksfesten oder in Fußgängerzonen, Kurzclips auf Instagram und Youtube. Ich glaube, nach Segen haben wir Menschen uns schon immer gesehnt. Nicht nur früher, sondern heute auch. Und obwohl bei uns heute viele mit Religion nicht mehr so viel anfangen können.
Das Schöne am Segen für mich ist: Es bringt Menschen und Gott zusammen. Segen kann ich nicht einfach so für mich selbst „machen“ oder „haben“. Man spricht sich keinen Segen selbst zu. Der Segen, das ist in der christlichen Tradition zumindest so, kommt von Gott.
Was macht aber der Segen? So einfach ist das gar nicht zu sagen. Eine alte Dame im Seniorenheim hat mal zu mir gesagt: „Es geht mir gut – das ist ein Segen.“
Trotzdem ist Segen kein Zauberspruch, der automatisch für mein Wohlbefinden sorgt ode mir sogar meine Wünsche erfüllt. Nur weil ich mir ein Ferienhaus auf Korsika leisten kann, bin ich noch lange nicht gesegnet. Ein jüdischer Rabbi hat es mal so ausgedrückt: Segen bringt das, was schon da ist, zum Blühen und Wachsen.
Ich finde das eine schöne und gute Formulierung. Denn: Ich habe kein Ferienhaus auf Korsika. Aber selbst, wenn ich eins hätte, wäre ich vielleicht trotzdem nicht glücklich oder zufrieden. Gesegnet fühle ich mich, wenn etwas in meinem Leben zu blühen und zu wachsen anfängt. Und das passiert ganz besonders in den Beziehungen, in denen ich lebe: mit meiner Familie, meinen Freunden oder vielleicht auch einem Partner oder einer Partnerin. Und gerade deshalb finde ich, verdienen unsere Beziehungen den Segen. Gerade wenn es um die Frage geht, welche Beziehungen wir segnen sollten.
Wenn wir eine Beziehung segnen, dann bitten wir Gott darum, das, was diese Beziehung ausmacht, zum Blühen und Wachsen zu bringen. Vertrauen, Zuneigung, Fürsorge, Treue. All das, was wichtig ist, damit eine Beziehung funktioniert.
Ich sehe keinen Grund, warum man das nur auf eine einzige Beziehungsform beschränken sollte.
Was gibt es Besseres, als wenn Vertrauen, Zuneigung, Fürsorge und Treue in einer Beziehung wachsen? Deshalb tun wir gut daran, wenn wir Gott um seinen Segen für alle Menschen bitten, die so miteinander leben wollen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43391Früher, da bin ich ein richtiger „Grinch“ der Vorweihnachtszeit gewesen: ein Adventsgrinch. Den ganzen Trubel in der Adventszeit fand ich einfach nur furchtbar. Die überfüllten Weihnachtsmärkte, die kitschigen und viel zu oft gespielten Lieder. "Last Christmas", "Jingle Bells", "Driving home for Christmas". Dann die Häuser, die Weihnachtsbäume, Rentiere und Weihnachtsmänner im Garten, die um die Wette blinken und leuchten.
Für mich ist das ganz schlimm gewesen – so furchtbar oberflächlich: Der ganze Kitsch. Was ist eigentlich mit der Besinnung in der Adventszeit?“ habe ich innerlich gestöhnt. „Und wer weiß eigentlich noch, um was es "wirklich" geht im Advent?“
Ich bin auch jetzt niemand, den man im Advent täglich auf dem Weihnachtsmarkt treffen würde. Und einen großen Weihnachtsbaum mit festlicher Beleuchtung habe ich immer noch nicht im Garten stehen – was allerdings daran liegt, dass ich keinen Garten habe. Wenn ich einen hätte, dann würde ich mir heute vielleicht sogar einen aufstellen. Denn ein Adventsgrinch bin ich nicht mehr.
Und zwar wegen einer biblischen Geschichte. Die gehört auch in die Adventszeit, und für mich ist sie immer wichtiger geworden: Die Erzählung, wie Jesus in Jerusalem einzieht. Das ist zwar nicht die Weihnachtsgeschichte, wie Jesus geboren wird und in unserer Welt ankommt. Sondern in der wird erzählt, wie Jesus als erwachsener Mann in Jerusalem ankommt. Wie die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt gespannt auf ihn gewartet haben. Und wie sie ihm fröhliche Lieder singen und sogar ihre Kleider auf den staubigen Boden werfen und Palmzweige dazu, wie einen roten Teppich auf seinen Weg. Ein angemessener Empfang für jemanden wie Jesus.
Die Geschichte hat mir klar gemacht: Wenn Jesus kommt, dann ist das ein weltbewegendes und für meinen Glauben zentrales Ereignis. Und die Vorfreude, dass Jesus geboren ist, ist ja wohl Grund genug, um fröhlich zu sein und die Straßen mit Lichtern zu schmücken und jedes Jahr die größte Geburtstagsparty der Welt zu schmeißen. Und Geburtstage kann man sehr unterschiedlich feiern – aber gutes Essen, viel Licht und fröhliche Lieder über Wochen hinweg – eigentlich passt das schon ziemlich gut.
Natürlich steht für einige nicht das im Mittelpunkt, was wir an Weihnachten in unseren Kirchen feiern: Dass Gott in Jesus auf die Welt gekommen ist. Ich glaube aber, dass die blinkenden Lichter, die Weihnachtsmärkte, die Geschenkberge und kitschigen Lieder für viele ein Licht sind in dunklen Tagen. Ein Zeichen von Wärme, von Gemeinschaft, von etwas, das größer ist als der graue Alltag. Vielleicht wissen nicht alle genau, warum sie eigentlich feiern. Vielleicht würden manche den Namen Jesu gar nicht zuerst nennen. Und doch spüren sie: Diese Zeit ist anders. Heller. Hoffungsvoller.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43390Heute schon an Dreikönig denken? Gar nicht so abwegig. Der Adventskalender „Der Andere Advent“ macht das in diesem Jahr auch. Unter dem Motto: „Und sie holten ihre Schätze hervor“ gibt es Texte, die mich auffordern nachzudenken oder die mich zum Schmunzeln bringen.
„Und sie holten ihre Schätze hervor“ – das ist ein Zitat aus der Weihnachtsgeschichte. Gemeint sind die Weisen aus dem Morgenland, die zu Jesus kommen und ihm Geschenke mitbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nicht gerade typische Geschenke für ein Neugeborenes, aber Geschenke mit Bedeutung.
Gold ist wertvoll. Ein kostbares Geschenk für einen König. Mit dem Gold sagen die Weisen: du, Jesus, bist das Kostbarste und Wertvollste, das es für uns auf Erden gibt.
Weihrauch duftet kräftig, wenn man es verbrennt. Man verwendet Weihrauch vor allem bei Gottesdiensten. Es verbindet die Erde mit dem Himmel und trägt die Gebete der Betenden zu Gott. Vom Weihrauch gehen auch heilende Kräfte aus, so wie von Jesus, der Menschen geheilt hat.
Und dann ist da noch die Myrrhe. Das ist ein Harz, das man in das Öl für die Totensalbung gemischt hat. Es deutet darauf hin, dass es auch herbe, bittere Erfahrungen im Leben gibt, und es erinnert daran, dass alle Menschen, auch das Jesus-Kind, irgendwann sterben werden. Aber auch, dass wir selbst im Tod bei Gott aufgehoben sind.
Die Macherinnen und Macher des Adventskalenders haben sich davon inspirieren lassen und fragen: „Was sind eigentlich unsere Schätze?“ Und die Chefredakteurin Iris Macke ermuntert dazu, „mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und so zu entdecken, wie viel Schönes es darin gibt.“
Dieser Schatzsuche schließe ich mich gerne an. Ich möchte aufmerksam sein für die kostbaren Dinge, die, wie Gold, Glanz in meinen Alltag bringen. Das kann manchmal nur eine Liedzeile sein, die mich tröstet.
Heilsam, wie Weihrauch, ist es für mich, wenn ich es schaffe, am Tag einen Moment bewusst innezuhalten und zu beten. Dann bekommt manches, was erdenschwer ist, eine himmlische Leichtigkeit an die Seite.
Und beschenkt werde ich, wenn mir jemand sein Vertrauen schenkt. Selbst dann, wenn es bittere Erfahrungen, Myrrhe-Erfahrungen, sind. So wie neulich Petra, die mir von der Freundin ihres Sohnes erzählt hat, die sich mit dem Leben so schwertut und es an manchen Tagen nicht aus dem Bett schafft.
Gold, Weihrauch und Myrrhe – Schätze, die ich auch heute entdecken kann. Und ich bin gespannt, welche ich bis Weihnachten finden werde.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43373Im Talmud (Traktat Kidduschin 29a), finden wir eine bemerkenswerte Liste elterlicher Pflichten. Dort heißt es unter anderem: „Ein Vater ist verpflichtet, seine Kinder Tora zu lehren, ihnen einen Beruf zu lehren – und sie schwimmen zu lehren.“ Schwimmen? Zwischen Tora und Berufsbildung wirkt das beinahe banal. Aber unsere Weisen setzen es auf eine Stufe mit der religiösen und existenziellen Lebensvorbereitung. Weil Schwimmen Leben retten kann. Es ist eine Fähigkeit, die – wortwörtlich – vor dem Ertrinken bewahren kann. Und das ist im Judentum ein heiliger Wert. Pikuach Nefesch – die Pflicht, Leben zu schützen – steht über fast allen anderen Geboten.
Schwimmen hat auch eine tiefere symbolische Bedeutung. Der deutsche Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der im 19. Jhdt. lebte, sah darin ein Bild für das Leben selbst: Der Mensch muss lernen, sich über Wasser zu halten, sich zu orientieren, nicht unterzugehen – auch wenn die Strömung stark ist.
Tora lernen heißt nicht nur Texte studieren, sondern auch das Leben verstehen. Ein Beruf bedeutet nicht nur Geld verdienen, sondern Verantwortung übernehmen. Und Schwimmen? Es heißt: Standhalten. Vertrauen lernen. Wenn wir unseren Kindern beibringen zu schwimmen – im Wasser und im Leben – dann geben wir ihnen Mut, Herausforderungen zu begegnen und sie zu meistern.
So wird aus einer scheinbar einfachen Fähigkeit ein Symbol für jüdische Erziehung insgesamt: körperlich, geistig und seelisch – ganzheitlich.
Möge uns das gelingen – für unsere Kinder, für uns selbst, und für unsere ganze Gemeinschaft.
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