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18APR2026
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Wieder mal was gelernt – und zwar als ich im Café einen Tee bestellt habe. Die Bedienung stellt ein kleines Tablett auf den Tisch: heißes Wasser, Teebeutel, Zucker und eine Sanduhr. Aha, hier geht´s nobel zu. Man kann mit der Sanduhr die Teestärke selbst dosieren. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich, dass die Sanduhr ganz speziell ist. Sie läuft nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben  – wie wenn die Schwerkraft ausgehebelt wäre. Die beiden Kolben der Sanduhr sind mit einer Flüssigkeit gefüllt. Im unteren sind zusätzlich winzige Plastik-Kügelchen, die an die Oberfläche blubbern, weil sie leichter als die Flüssigkeit sind und nach oben schwimmen.

Ich bin fasziniert von der Technik. Aber auch von der Idee, dass Zeit mal anders vergehen kann als normal. Nicht von oben nach unten – sondern eben andersrum. Urlaub ist für mich so eine Zeit. Und deshalb macht es mir nichts aus, wenn ich im Urlaub auf manche Annehmlichkeiten verzichten muss: zum Beispiel ohne Laptop, ohne meinen Lieblingssessel oder ohne Spül- und Waschmaschine auskommen zu müssen. Dafür habe ich Lust und Zeit für andere Dinge: vielleicht draußen schlafen, oder mal wieder auf eine Schaukel sitzen, seelenruhig alle Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalten, Enten füttern, einen Regentag nur vor dem Fernseher verbringen oder im Bett. Mal wieder in einem Tante Emma Laden einkaufen oder neue Eissorten durchprobieren. Für mich macht das den Urlaub zu einer anderen Zeit, zu einer „Anderszeit“.

Anders zu sein als sonst – das hat meistens eine starke Wirkung. Es kann Grenzen verschieben und neue Horizonte eröffnen. Oder es kann zeigen, dass das Übliche, das Alltägliche doch nicht so schlecht ist, wie ich immer wieder mal vermute. Anders sein kann aber auch richtig erfrischen, es kann die Seele neu beleben, es kann mich ein bisschen verändern, manchmal sogar über den Urlaub hinaus. Schade, dass das Anders-sein oft nur für den Urlaub reserviert ist.

Udo Lindenberg hat in einem seiner Songs die wichtigste Textzeile dem österreichisch-ungarischen Autor Ödön von Horvath geklaut. Egal von wem, die Zeile trifft den Nagel auf den Kopf. Sie heißt: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu.“

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17APR2026
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Ich kenne ein altes Ehepaar, das sich wunderbar ergänzt. Die Nachbarn sagen: „Sie der Kopf, er der Fuß.“ Wolfgang ist noch körperlich fit. Er macht lange Spaziergänge und arbeitet gerne in seiner Schreinerwerkstatt, die er sich im Keller eingerichtet hat. Leider ist er aber sehr vergesslich und manchmal schon etwas verwirrt. Bei Theresa ist es genau andersrum. Sie ist geistig noch voll da. Füllt Kreuzworträtsel und Sudokus aus, und sie diskutiert gerne mit ihrer Nachbarin über alles Mögliche, was sie in Zeitschriften liest. Aber sie kann sich nur noch mit ihrem Rollstuhl fortbewegen. Und das schränkt sie wahnsinnig ein.

Aber zusammen sind die beiden ein eingespieltes Team. Theresa macht die Kopfarbeit: sie organisiert die Einkaufsliste, ruft Behörden an, lädt Freunde ein, und sie denkt an alle wichtigen Geburtstage. Wolfgang erledigt die Fußarbeit: er geht mit Theresas Liste einkaufen, er deckt den Tisch und holt ihr Sachen aus dem Keller rauf. Und deshalb sagen die Nachbarn immer: „Die Theresa ist der Kopf, und der Wolfgang der Fuß.“

Ich weiß nicht, ob´s die Nachbarn wissen. Aber der Vergleich mit Kopf und Fuß ist ein uraltes Bild aus der Bibel. Der Apostel Paulus hat es benutzt. Er hat seine frisch gegründete Gemeinde in Korinth in einem Brief dazu ermahnt, dass sie eine Einheit bleiben, dass sie zusammenhalten sollen. Dort waren nämlich Streitigkeiten ausgebrochen. Die einen hatten das Geld, die anderen hatten das Sagen. Die einen stammten aus Israel, die anderen aus Griechenland. Und jeder meinte, was Besseres zu sein. Paulus verwendet einen Vergleich. Er schreibt: „Der menschliche Leib besteht aus vielen Gliedern. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächeren Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Gott hat den Leib so zusammengefügt, dass alle Glieder füreinander sorgen.“

Ich muss immer wieder staunen, wie anschaulich Paulus schreibt. Klar, jeder soll das einbringen, was er gut kann. Und das in aller Bescheidenheit, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen. Denn bei ganz vielen Dingen ist man wieder auf andere angewiesen.

Paulus hat seinen Vergleich für die christliche Urgemeinde in Korinth geschrieben. Aber ich finde, dieses Prinzip lässt sich genauso gut anwenden auf Schulklassen, Nachbarschaften, oder ganze Staatengemeinschaften: Die Stärken einbringen, und die Schwächen gemeinsam meistern. Und das Prinzip funktioniert natürlich auch im ganz Kleinen. So wie bei Theresa und Wolfgang: Sie der Kopf, er der Fuß.

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16APR2026
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Mit meinem Motorrad war ich am Ende der Welt, kein Scherz. Ich war auf Motorradtour quer durch Frankreich. Viele große und kleine Kurven und dazwischen auch mal schnurgerade Alleen entlang riesiger Getreidefelder. Der Vorteil solcher eintöniger Strecken: man kann sich etwas umschauen. Da vorne zum Beispiel, da zweigt ein kleines Sträßchen ab, mal ein bisschen langsamer machen. Da steht ein etwas windschiefer Holzwegweiser, auf dem steht: „Bout du Monde", also „Ende der Welt". Das interessiert mich, also biege ich ab und folge dem Sträßchen.

Es wird immer holpriger. Irgendwann muss ich sogar das Motorrad abstellen und zu Fuß weiter, weil es mich einfach interessiert. Der Pfad mündet in eine Schlucht und wird immer enger. Schließlich endet er vor einer hohen halbkreisförmigen Felswand, aus der unzählige Wassertropfen in einen kleinen See tropfen. Es scheint so, als wäre ich angekommen am „Ende der Welt". 

Solche Namen für Wege oder Naturformationen sind in einer Zeit entstanden, als die Menschen noch tatsächlich daran glaubten, dass unsere Welt irgendwo aufhört. Heute wissen wir es besser. Aber auch heute noch gibt es Situationen, da denke ich: Das muss das Ende der Welt sein. Wenn mein Arbeitgeber mich plötzlich für überflüssig hält, wenn ein Freund einen schweren Unfall hat, wenn Familien zerbrechen, weil die Partner es einfach nicht mehr miteinander aushalten. Dann zieht es einem förmlich den Boden unter den Füßen weg. Es ist gut, in solchen Situationen Halt zu finden: In der eigenen Familie oder bei Freunden. Mir hat in solchen Situationen auch mein Glaube weiter geholfen. Ich glaube nicht, dass Gott sich solche „Enden der Welt“ für uns Menschen ausdenkt. Ich bin überzeugt davon, dass er nicht mein Gegenspieler ist, sondern dass er mich unterstützt. Dass es einen Weg aus der Krise gibt, auch wenn ich ihn im Moment noch nicht sehe.

Das ist eine uralte Zuversicht. Schon in der Bibel gibt es einen Psalm, der vor ungefähr 3000 Jahren aufgeschrieben wurde. Da heißt es:

„Mich umfingen die Fesseln des Todes (…)

In meiner Not rief ich zum Herrn. (…)

Er griff aus der Höhe herab und fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern. (…)

Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen.“ (Ps 18)

Beseelt von diesem uralten Gebet trete ich den Rückweg an mit der Zuversicht, dass Gott an mir Gefallen hat. Ich steige auf mein Motorrad und fahre hinaus in die französische Weite.

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15APR2026
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Schnecken – die einen mögen sie gar nicht, weil sie ihnen den Salat wegfressen. Die anderen lieben sie wegen ihres kunstvollen Schneckenhauses, oder wegen der Langsamkeit, für die sie stehen.

Gleich drei Gütesiegel haben eine gezeichnete Schnecke in ihrem Logo, weil Schnecken für Langsamkeit, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit stehen: „Slow Brewing“ zum Beispiel – also „Langsames Brauen“. Das ist ein Gütesiegel dafür, dass das Bier besonders schonend und ohne die übliche Hektik reifen kann. Oder die „Slow Food“-Bewegung, die überzeugt ist: Nur wer langsam isst kann auch genießen. Das Siegel „Citta Slow“ steht für Lebensqualität in Städten, dadurch dass verkehrsberuhigte Zonen und Orte der Stille geschaffen werden, und auf einen nachhaltigen Tourismus geachtet wird.

Schnecken sind das Symbol für Langsamkeit, und wie gerne hätte ich manchmal ein bisschen davon. Fahrrad statt Auto, Feuer statt Heißluftfritteuse, Briefe statt E-Mail. Und dann merke ich auch, dass die Zeit sich einfach nicht zurückdrehen lässt. Aber für ein bisschen Langsamkeit kann man schon sorgen.

Der Freiburger Biologe und Arzt Joachim Bauer ist davon überzeugt, dass man gesünder lebt, wenn man Dinge ruhig angeht. Man sollte nicht sofort nachgeben, wenn sich etwas in den Vordergrund drängt. Zum Beispiel das Handy, das vibriert, das Schnäppchen, das mitgenommen werden möchte oder eine pampige Antwort im Wortgefecht. Wenn man diesen Impulsen schnell nachgibt, spricht er von einem „hedonischen“ Lebensstil. Joachim Bauer weist auf etliche wissenschaftliche Studien hin, die belegen, dass dieser hedonische Lebensstil Herzerkrankungen, Krebs und Demenzleiden begünstigt. Er sagt: „Es ist besser zu bremsen, innezuhalten, abzuwägen und zu überlegen, was im Moment gut ist.“

Eine gute Möglichkeit, das einzuüben, ist es, achtsam zu sein. Es tut gut, sich ab und zu dem jetzigen Moment zu stellen. Seinen Atem spüren, der automatisch kommt und geht. Mit allen Sinnen die Umwelt wahrnehmen. Offen dafür werden, wie schön viele Dinge sind und dafür, dass manche Menschen einfach anders ticken. Sich mit anderen mitfreuen. Die eigene Geschichte und Herkunft kennenlernen. Mal gar nichts tun und einfach nur „sein“.

Hektische Zeiten gibt es in meinem Leben genug. Aber vielleicht gelingt es mir ab und zu, mir ein bisschen was von der Schnecke abzugucken. Mich in Langsamkeit üben und bewusst wahrnehmen, was um mich herum passiert – und natürlich auch in mir selbst.

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14APR2026
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Versuchen Sie heute mal so richtig herzlich zu lachen – das befreit und ist gesund. Und deshalb gibt es auch Klinikclowns, Lachclubs, Humortherapie und jede Menge Witze-Channels. Wer so richtig befreit lachen kann, hat mehr vom Leben.

Und wie sieht es mit dem Weinen aus? Babys weinen noch ziemlich hemmungslos. Dabei drücken die Tränen meistens das aus, was sie mit Worten noch nicht ausdrücken können. Zum Beispiel „Ich habe Durst!“ oder „Nimm mich in den Arm!“ Aber je älter die Kinder werden, desto mehr unterdrücken sie das Weinen. Sie orientieren sich an der Welt der Erwachsenen, und da heißt es oft: „Beiß die Zähne zusammen!“.

Viele Erwachsene haben das Weinen fast verlernt. Auch mir fallen nicht mehr viele Gelegenheiten ein, an denen ich richtig geweint habe. Meistens dann, wenn mir die Worte fehlen – und das ist dann wieder ganz ähnlich wie bei den Kleinkindern. Nur fehlen mir als Erwachsenem die Worte viel seltener. Wie oft überspiele ich traurige oder gefühlvolle Situationen mit einem Redeschwall, der alles zudeckt.

Tatsächlich sagt die Wissenschaft: Weinen ist in solchen Situationen genau das richtige. Denn es wirkt schmerzlindernd. Wenn auch der Schmerz nicht einfach verschwindet - aber körperliche und seelische Anspannungen werden abgebaut und verlassen mich quasi über die Augen. Das erleichtert und befreit. Weinen, so heißt es, ist wie ein „Spülgang für die Seele“.

Wenn ich an meine letzten wenigen Erfahrungen denke, als ich so richtig geweint habe, dann kann ich das bestätigen. Ich hatte das Gefühl so traurig zu sein, dass die Trauer einfach raus muss. Für mich ein sehr ungewohntes Gefühl. Mein eigenes Wimmern und Schluchzen hört sich seltsam an, ich habe den Reflex damit aufzuhören, weil es mir peinlich ist, sogar wenn niemand dabei ist. Aber es geht gar nicht und ich lass es einfach laufen. Mal sehen was passiert. Und irgendwann verebbt der Strom und langsam trocknen die Tränen. Und dann fühlt es sich ein bisschen leer an, aber auch leichter. Es ist zwar immer noch traurig, aber es tut nicht mehr so weh.

Gott hat uns Menschen beides geschenkt: das Lachen und das Weinen. Und beides sind geniale Instrumente, wenn ich ihnen freien Lauf lasse: Das Lachen hält gesund, und das Wasser der Tränen reinigt die Seele.

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13APR2026
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Wenn eine volle Thermoskanne eine Weile rumsteht, dann kann es vorkommen, dass sie leise zu zischen oder pfeifen beginnt. Schuld daran ist die Luft in der Kanne, die sich aufheizt und damit auch ausdehnt. Wenn die Deckeldichtung nicht 100 Prozent dicht ist, dann dringt die Luft nach draußen. Und dabei entsteht dann dieses leise aber nervende Geräusch.

Bisher habe ich mir immer damit geholfen, dass ich den Deckel kräftig zugedreht habe. Manchmal muss ich ganz schön drehen, um die Kanne zum Schweigen zu bringen. Und meistens hilft es nur für kurze Zeit. Denn irgendwann baut sich der Druck wieder auf und muss natürlich auch wieder raus.

Vor einiger Zeit habe ich eine Freundin dabei beobachtet, wie sie das Problem ganz anders angegangen ist. In meinen Augen viel eleganter: sie hat den Deckel einfach ein bisschen aufgedreht. Die heiße Luft konnte raus, und schon war Ruhe am Kaffeetisch. Und zwar dauerhaft.

Seitdem beobachte ich gerne Menschen, wie sie das Problem mit der zischenden Kanne lösen. Und ich habe rausgekriegt: Es gibt tatsächlich zwei Fraktionen: Einmal die „Zudreher“, also diejenigen, die versuchen dicht zu machen. Ich kann mich auch täuschen, aber ich glaube, wir Männer gehören eher zu dieser Gruppe, die meint mit gutem Willen und viel Kraft die Lösung herbeiführen zu können. Und dann die „Aufdreher“, also diejenigen, die quasi „den Dampf ablassen“ und Platz schaffen und dadurch deeskalierend wirken. Nach meiner Beobachtung eher die Frauen.

Für mich war der Lösungsansatz meiner Freundin ein echtes Aha-Erlebnis. Sofort habe ich die Fraktion gewechselt. Aufdrehen ist irgendwie viel eleganter, gewaltfreier und vor allem nachhaltiger.

Ich hab noch ein bisschen weiter nachgedacht. Aufmachen und den Dampf rauslassen statt zudrehen und Druck entstehen lassen. Diplomatie statt Waffen sozusagen, reden statt kämpfen - das ist auf der großen Bühne der Politik immer die bessere und nachhaltigere Lösung. Aber auch im privaten Umfeld gilt das: Mich öffnen, durchlässig werden, das ist meistens wirksamer und hält länger an als dicht machen und verkrampfen. Genau wie bei der Thermoskanne.

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11APR2026
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„All‘ Morgen ist ganz frisch und neu. Des Herren große Gnad du Treu, sie hat kein End‘ den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“ Das sind Zeilen eines alten Kirchenliedes. Jetzt im Frühling, da fallen mir die alten Zeiten immer wieder mal ein: unterwegs mit meinem Hund quer über die Felder. Zum Glück manchmal auch, wenn es kein guter Morgen ist, und irgendwas anstrengendes und stressiges hat an meiner Seele nagt. Trotzdem fällt mir manchmal ein: „All Morgen ist ganz frisch und neu.“ Wenn ich, draußen, mit dem Hund, bergauf etwas aus der Puste komme und die frische Luft in den Lungen spüre. Oder weil der Himmel immer heller wird und der Tag allmählich zu leuchten anfängt. Ein neuer, frischer Morgen. Zeit – mir von Gott geschenkt, und die unberührt vor mir liegt wie mein Weg durch die Felder auf meinem Spaziergang.

Ich bin tatsächlich eher der schwermütige Typ. Auch vor ein paar Tagen hat mir das wieder zu schaffen gemacht - und da hat der Gedanke gutgetan: Des Herren große Gnad‘ und Treu, sie hat kein End‘ den langen Tag. Das hat mich ein Stück aufgerichtet. Den Kopf gehoben. Kopf hoch, und den Blick frei nach vorn richten. Und dann Schritt für Schritt.

Ich weiß nie genau, wie lange diese Ermutigung dann anhalten wird. Und wenn ich wieder eher schwermütig werde, dann erinnere ich mich kaum, wie sich das eigentlich angefühlt hat. Aber sehr wohl daran, dass sie da gewesen ist – und deshalb auch wiederkommen kann! Ganz besonders morgens, wenn es langsam hell wird und ein neuer Tag zu strahlen anfängt. Ein neuer, frischer Morgen. Zeit, die Gott mir schenkt und die noch ganz unberührt vor mir liegt. Und Gott ist treu, ist dabei, jedesmal, wenn ein neuer Tag anbricht. Und den ganzen langen Tag hat seine Gnade kein Ende. Seine Begleitung, seine Zugewandtheit zu mir und allem, was vielleicht gerade an der Seele nagt.

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10APR2026
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Ostern liegt jetzt fast eine Woche zurück. Aber einen Gedanken daraus nehme ich mit: Immer wenn ich mich gesehen fühle, mich und alles, was mich ausmacht, dann ist Ostern präsent: Wie in der Erzählung der Bibel, in der Maria von Magdala frühmorgens auf den Friedhof kommt.

Maria ist an diesem Morgen am Tiefpunkt. Jesus, der Mann, bei dem sie sich geborgen gefühlt hatte, der sie gesehen hatte - und was sie als Mensch ausmacht - der war gestorben. Ja, er war ermordet worden, völlig sinnlos. Geblieben ist ihr nichts - außer ihrer Trauer.

Aber sogar die wird ihr jetzt, an diesem Morgen auf dem Friedhof genommen. Denn sie findet das Felsengrab geöffnet und leer. Nicht einmal ein Grab, an dem sie sich ihrem Freund und Herren noch ein wenig verbunden fühlen kann, ist ihr geblieben. Ihr bleibt nicht einmal ein Ort für ihre Tränen.

Da begegnet ihr ein Mann - aber er kann ihr nicht helfen. Seine Worte erreichen sie nicht. Ein weiterer Mann spricht sie an - anscheinend der Gärtner des Friedhofs. In der biblischen Erzählung ist dieser Mann Jesus selbst. Aber - Maria erkennt ihn nicht. Sie will von dem vermeintlichen Gärtner nur wissen, wo sie den Leichnam ihres Freundes finden kann. Und obwohl genau der vor ihr steht, ist von Ostern nichts zu spüren. Ob Jesus nun begraben oder schon auferstanden ist - für Maria ist er gestorben.

Doch dann kommt der Moment, an dem es Ostern wird. Ganz ohne Spektakel, Blitz, Donner oder Special Effects. Es ist der Moment, an dem Jesus seine Jüngerin mit ihrem Namen anspricht: Maria.

Maria hört ihren Namen. Spürt, dass da einer ist, der sie meint, der sie kennt: sie, Maria, mit allem, was sie ausmacht. Mit einem Mal ist sie nicht mehr allein. Denn Jesus kennt sie und sie weiß: Bei Gott habe ich einen Platz.

Den eigenen Namen hören, eine Heimat haben, die nichts zerstören kann. Dann ist es Ostern, meine ich. Denn in dem Moment, an dem Gott selbst meinen Namen ausspricht weiß ich: Ich bin niemals allein.

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09APR2026
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„Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? lautete die Frage bei einer Straßenumfrage zu Ostern. Und ein Mann hat geantwortet, dass das für ihn schon eine faszinierende Vorstellung ist: wenn es nach dem Tod für ihn irgendwie weitergehen würde… Also offen sein für die Idee – wieso nicht?

Klar: Wieso nicht? Allerdings ist Ostern jetzt vorbei. Da haben sich solche bloßen Gedankenspiele doch erst mal erledigt – bis nächstes Jahr. Und die Aufmerksamkeit wandert allmählich wieder in Richtung Alltag und die Krisen und Probleme unserer Zeit.

Oder aber: Ostern ist vorbei – und wirkt nach - gerade dann, wenn mir die Meldungen aus den Kriegsgebieten wieder stärker auf die Pelle rücken. Überhaupt die Nachrichten über Gewalt und Unrecht. Wenn die Bibel erzählt, wie Jesus an Karfreitag unschuldig hingerichtet wird, dann ist das gleichzeitig auch die Geschichte von den Menschen heute, die im Leben unter die Räder kommen, zu früh sterben müssen, krank werden oder durch einen Unfall ihr Leben verlieren. Wenn die Bibel erzählt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, dann geht es genau um sie, und dass es auch für sie nach dem Tod noch Gerechtigkeit geben kann und sie geborgen und in Sicherheit sind - wie auch immer das dann aussehen mag.

Gibt es ein ewiges Leben? Als Hoffnung, dass kein Mensch umsonst gelebt hat sondern geborgen ist und es auch bleibt – in Ewigkeit? Ich möchte das glauben – auch wenn mir andere sagen, dass das nach billigem Trost klingt. Und mir auch kein Stück weiterhilft bei der Frage, warum Gott das Schreckliche überhaupt zulässt.

Gott lässt es zu und ich habe das Gefühl, dass ich auch nicht viel dagegen tun kann – manchmal sogar Teil des Problems bin.

Und das macht mir schon auch Angst, dass ich nichts ausrichten kann. Und ich manchmal nur an der Seite von jemand bleiben kann, dem es schlecht geht - auch wenn ich nicht helfen oder heilen kann. Ich will’s aber versuchen – und dafür brauche ich die Hoffnung, dass Gott am Ende für Gerechtigkeit sorgen wird, und sogar den Tod überwindet.

Wie es sein wird, nach meinem Tod: ob und wie es weitergehen wird -  das werde ich wohl sehen, wenn es soweit ist. Und vertraue bis dahin auf das Versprechen von Jesus, das er mir gibt, wenn er sagt: „Hier, in dieser Welt, da hast du Angst. Aber sei getrost – ich habe diese Welt überwunden.“  

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08APR2026
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Im Moment versuche ich, meinen Haushalt etwas auszumisten. Im Sommer werde ich nämlich umziehen, und das geht natürlich einfacher mit „leichtem Gepäck“. Allerdings - das Geschirr, zum Beispiel, das ich von meiner Patentante geerbt habe: das wollte ich eigentlich schon bei meinem letzten Umzug weggeben, und bin nicht sicher, ob ich‘s dieses Mal über mich bringe. Es ist nämlich wirklich schön und auch hochwertig. Aber weil ich ja auch noch mein eigenes habe – UND dann noch ein knallbunt fröhliches, das ich von irgendeiner Reise mitgebracht habe… habe ich das von meiner Tante eigentlich nie benutzt.

Es macht eben auch mal Spaß, sich was Neues und Modernes zu kaufen. Aber was wird dann mit den alten Sachen? Das Problem gibt es noch gar nicht so lange. Denn früher haben die meisten Leute ihre Sachen so lange wie möglich benutzt. Oder sie mussten sich nach dem Krieg etwas Neues aufbauen. Das sollte dann aber auch bleiben und Bestand haben.

Wie bei meiner Tante mit ihrem Geschirr. Das hat sie sich ja nicht einfach mal eben gekauft. Sie hat es sich regelrecht erobert. Hat sich immer wieder ein paar Teller oder Gläser dazugekauft wenn sie das Geld hatte - wahrscheinlich über Jahre hinweg.  Und sie wollte etwas wirklich Schönes, Beständiges nach den Kriegsjahren. Was ich – die Nichte – vielleicht einmal übernehmen würde. 

Eigentlich hätte ich mich mit ihr darüber mal unterhalten sollen, denke ich jetzt: was ihr ihre kleinen Schätze wirklich bedeutet haben, die sie sich da zusammengesammelt hat. Und was sie wohl gesagt hätte zu dem Spruch aus der Bibel: dass wir im Leben keine irdischen Schätze sammeln sollen, weil die irgendwann ja doch von Rost und Motten gefressen werden. Jesus macht hier die klare Ansage: Was wir hier so ansammeln, das hat keinen Bestand. Deshalb: sich lieber auf den Himmel konzentrieren und Schätze sammeln, die wirklich zählen: Verbundenheit untereinander, gerechte Verteilung, damit alle genug haben. Liebe und Nächstenliebe.

Tja, und wie ich in Gedanken mit meiner verstorbenen Patentante darüber diskutiere, da brauche ich plötzlich keinen Ratgeber mehr fürs Ausmisten. Und mir ist klar, dass ich ihr Geschirr behalten werde: nicht, weil es irgendwie wertvoll ist und ich drauf aufpassen sollte. Sondern weil ich es benutzen sollte und dabei an sie denken sollte.

Ausmisten und weggeben werde ich das bunte Geschirr, das von der Reise. Da blättert auch schon die Lasur ein wenig. Das von meiner Tante, das bleibt.

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