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Christian Streich, bis vor 2 Jahren Trainer des SC Freiburg war als TV-Experte einer der wenigen deutschen Gewinner bei der für die Deutschen so desaströs verlaufenen Fußball WM in diesem Jahr.
Weil er badisch redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Weil er sagt, was er denkt. Sei es als Fußballexperte oder auch als kritisch denkender Bürger in unserem Land, der sich besorgt und wütend über das Erstarken rechtsnationaler Gedanken äußert. Weil er auch mal ausrasten kann und es ihm egal ist, ob da eine Kamera mitläuft oder nicht. Weil er authentisch ist.
Seinen Ursprung hat das Wort Authentizität im Griechischen. Dort bedeutet authenticos „echt“. Wer authentisch ist, ist echtUnd versucht auch nicht, andere zu kopieren. Das nämlich ist in doppelter Hinsicht ein Verlust. Zum einen ist keine Kopie so gut wie das Original. Und zum anderen verliere ich mich als Original, wenn ich meine, eine Kopie sein zu müssen.
Ein Beispiel: In meinem Studium habe ich bei Professor Eberhard Jüngel in Tübingen viel gelernt und ihn auch verehrt. Wenn er einen Gottesdienst in der Stiftskirche in Tübingen gehalten hat, hing ich an seinen Lippen. In meinen ersten Berufsjahren hab ich versucht, ihn zu kopieren. Das gelang mehr schlecht als recht. Und vor allem war das nicht authentisch. Das war nicht ich. Irgendwann habe ich damit aufgehört. Und meinen eigenen Stil gefunden. Und es gibt Leute, die heute nach einem Gottesdienst sagen, das war typisch Brändle. Authentisch.
Authentisch sein bedeutet übrigens nicht, perfekt zu sein.
Ich denke an Petrus, einen der Freunde von Jesus. Der kommt sehr authentisch rüber. Graderaus, manchmal ungeschliffen und mit großer Klappe: „Auch wenn alle anderen abhauen, auf mich kannst du dich verlassen“, sagt er zu Jesus, um ihn kurze Zeit später, als es darauf ankäme, dreimal zu verleugnen.
Jesus traut ihm trotz allem viel zu. Weil er weiß, was er an ihm hat. Weil er weiß, dass Schwächen auch Stärken sind. Und vor allen Dingen, weil er daran glaubt, dass ein Mensch wachsen und sich auch verändern kann. Und doch authentisch bleiben. Dafür steht Petrus. Er findet sich neu und bleibt doch er selbst. Anders ausgedrückt: Man selbst sein bedeutet immer auch man selbst werden.
Zum Schluss noch einmal Christian Streich. Er sagt: „Man verändert sich immer „weil man hat ja Stoffwechsel. Man ist ja nicht tot.“
Also: Bleiben Sie lebendig und vor allem authentisch. Echt. Es lohnt sich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45282Ob es diesmal gereicht hat.? In der alten Turnhalle unserer Schule riecht es nach Schweiß, Deo und den in die Jahre gekommenen Schaumstoffmatten.
Verdammt lang her. Muss im Jahr 1981 gewesen sein. Ich war damals 14 Jahre alt. Vorne steht unser Sportlehrer Helmut Müller. Die Urkunden bei den Bundesjugendspielen werden verteilt. Wenigstens einmal im Leben will ich eine Ehrenurkunde. Die Namen werden vorgelesen. Alphabetisch. Natürlich ist Alpay Alpaslan, mein bester Freund wieder dabei. Wird wie immer als erster vorgelesen. Bald müsste ich drankommen. Und ja, es ist gut gelaufen diesmal, besonders im Weitsprung. Könnte fast gereicht haben. Aber…, nein. Wieder keine Ehren- sondern nur eine Siegerurkunde. Knapp zwar, aber eben nicht gereicht.
Siegerurkunde vergiss es… Ich fühle mich nicht als Sieger. Höchstens Mittelmaß…
Wie gesagt, verdammt lang her. In unseren Tagen ist eine Diskussion um die Bundesjugendspiele entbrannt. Es gibt Stimmen, die sagen, dass der Wettkampfcharakter aus pädagogischen Gründen abgeschafft werden soll.
Auch wenn ich früher darunter gelitten habe, dass ich nie eine Ehrenurkunde bekommen habe, finde ich das nicht gut. Ich finde, dass es dazugehört, sich mit anderen zu messen und an die eigene Leistungsgrenze zu gehen. Natürlich ist es dann schön, wenn man vorne mit dabei ist. Aber es gehört eben auch zum Leben, mit Niederlagen umzugehen. Mit Frusterlebnissen fertig zu werden. Festzustellen, dass es andere gibt, die etwas besser können als ich.
Umgekehrt ist es wichtig und für die Entwicklung eines jeden Menschen elementar, einen Bereich zu finden in dem er gut ist. Nicht unbedingt im Sport. Das kann auch das Kochen sein oder das Organisieren oder das Verkaufen oder das Reden, irgendwas halt. Denn: davon bin ich überzeugt: jeder Mensch ist wichtig und kann was beitragen zum Ganzen.
Im neuen Testament, findet Paulus dafür ein wunderbares Bild. Er vergleicht das menschliche Miteinander mit einem Körper. und sagt: jedes Körperteil und jedes Organ hat seine Aufgabe. Und der gilt es nachzukommen. Weil es wichtig ist . Und weil es nur so funktioniert. Und weil das Ganze leidet, wenn auch nur einer ausfällt und sei es der kleine Zeh.
Ach übrigens: Bei den Bundesjugendspielen damals wurde ich dann doch noch nach vorne gerufen. Weil ich Torwart war in unserer Fußballmannschaft. Und wir gewonnen haben. Sogar als 9. Klässler gegen die 12er. Gab sogar einen Pokal. Und ich hab ihn hochgehalten. Nach Alpay Alpaslan, unserem Kapitän.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45281An unserem Kühlschrank in der Küche hängen mit Magneten festgemacht ein paar Schätze. Urlaubskarten zum Beispiel und als Versprechen für die Zukunft auch Tickets für anstehende Konzerte. 4 Stück von denen stechen mir nahezu täglich ins Auge. Nicht nur wegen ihrer pinken Farbe.
Herbert Grönemeyer Tour 2027 steht da drauf. Und 12. Juni Red Bull Arena Leipzig.
Immer wenn ich die Karten sehe, freue ich mich. Natürlich auf das Konzert. Und auf den Sänger mit der manchmal so bellenden Stimme, dessen Songs mich schon seit 40 Jahren begleiten. Ich freu mich aber auch über die Geschichte, die dahintersteht.
Ostern in diesem Jahr. Unsere 3 erwachsenen Kinder waren da. Endlich mal wieder alle. Ich hatte gekocht. Und auf einmal der Satz von Nelly, der Ältesten: „Papa, der Grönemeyer spielt in Leipzig –da könnten wir doch hingehen, wäre doch schön, wenn wir alle mal wieder was zusammen machen würden.“
„Kopf hoch tanzen“ singt Grönemeyer. Jetzt aber tanzt mein Herz vor Glück. Ich muss gar nicht überlegen, nur noch schnell Kalender checken und dann ratzfatz die Karten bestellen. Es ist mir ein Fest, den fälligen Betrag über meine Kreditkarte freizugeben.
Warum diese Freude?
Weil dieses Konzert und der Vorschlag unserer Tochter dafür steht, dass uns etwas verbindet. Den bald 60-jährigen Papa und seine erwachsenen Kids. Weil ich spüre: bei allen Diskussionen um gendergerechte Sprache, veganes Essen und Politik, in denen wir uns längst nicht immer einig sind: Die Richtung stimmt. Und im Herzen, da stimmt's.
Und auch, dass das Konzert in Leipzig stattfindet, passt. Weil ich weiß, dass Herbert Grönemeyer auch dort, in einem Bundesland mit vielen AfD Wählern kein Blatt vor den Mund nehmen wird. Dass er auch dort Dinge sagen wird wie: „Es kann nicht sein, dass man darüber debattiert, ob man Menschen, die in Lebensgefahr schweben, rettet. Das muss man sich mal vorstellen im Kopf, wo wir gelandet sind. Diejenigen, die Seenotrettung in Frage stellen, die gehören vor Gericht."
Solche Aussagen sind so wichtig in unserer Zeit. Auch daran denke ich, wenn ich an unserem Kühlschrank und den pinkfarbenen Tickets vorbeilaufe, jeden Tag.
Und ich weiß, wir werden am Ende, wie immer, wenn Herbert Grönemeyer auf der Bühne steht, einander im Arm haben und die letzte Strophe von Der Mond ist aufgegangen in den Nachthimmel singen.
Noch gut 7 Monate bis zum 12. Juni 2027. Und über 200 mal Freude, wenn ich am Kühlschrank in unserer Küche vorbei laufe.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45280Kurztrip nach Paris. Ein paar Tage Auszeit. Kultur, Genuss, sich treiben lassen. Während meine Frau shoppen will, zieht's mich an einen Sehnsuchtsort. Père Lachaise. Kultfriedhof. Viele Berühmtheiten sind dort begraben. Auch Edith Piaf. 111 Jahre wäre sie jetzt alt. Ihr Leben endete allerdings mit 48. Die kleine Frau war eine Gigantin. Weil aus ihrer Stimme das Leben sprach. Ihr Leben.
Einer ihrer Entdecker gibt ihr den Namen Piaf – der Spatz.Und das besingt sie, das Leben. Nicht wie es sein soll, sondern wie es ist. Ihre Stimme erzählt von großer Liebe und großer Enttäuschung. Von Erfolgen und Abstürzen. Ihr größter Hit: Non, rien de rien, non je ne regrette rien…Ich bereue nichts, gar nichts…
Erstaunlich, das aus dem Mund einer Frau zu hören, die unzählige Beziehungen durchlebt und durchlitten hat, deren Sehnsucht sie in manche Süchte trieb, die viel gewonnen, aber auch viel verloren hat.Ich bereue nichts, gar nichts.
Zurück gehe ich zu Fuß. Der Himmel ist bewölkt, aber immer wieder kommt die Sonne durch. Auf einer Bank unter einer Platane nehme ich Platz. Ich bereue nichts.
Ich könnte das so nicht sagen. Es gibt schon Dinge, die ich heute anders machen würde. Und doch. Es ist wie es ist. Es ist mein Leben.
Nicht „je ne regrette rien“, aber: Danke für dieses Leben. Dass ich bin. Und dass da Menchen sind, die zu mir stehen. Und mir zuhören, die sagen: Es ist gut, dass es dich gibt.
Mein Handy brummt. Whats App. „Wo bist du?“ Oh, da habe ich die Zeit wohl etwas vergessen. Treffen wir uns im Café am Montmartre? Jetzt nehme ich doch die Metro.
Schon von weitem sehe ich meine Frau. Sie hat ein neues Kleid an. Schlicht, schwarz, gefällt mir sehr. Von unterwegs hatte ich ihr das Lied aufs Handy geschickt: Je ne regrette rien…
„Hast du den letzten Satz gehört, fragt sie mich: „ma vie, aujourd'hui, ça commence avec toi – mein Leben beginnt heute mit dir.“
„Schön“ sage ich, , aber du weißt ja. Ich habe so manches drin in meinem Rucksack., was sich angesammelt hat in den 59 Jahren meines Lebens.
„Ich weiß“, sagt sie. „Ich auch.“ Nach einem Glas Pinot Blanc gehen wir in den Abend hinein. Beschwingt. Trotz Rucksack.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45279Sonntagnachmittag. Kleiner Ausflug nach Uhlbach. Spaziergang zur Grabkapelle auf dem Rotenberg oberhalb von Stuttgart. Meine Frau und ich lieben diesen Ort. Wegen der Aussicht. Und wegen der Weinberge. Und wegen der Romantik … „Die Liebe höret nimmer auf.“ – zu lesen in goldenen Lettern außen an der Kapelle. Diese Aufschrift hat König Wilhelm im Jahr 1824 da für seine zu früh verstorbene Frau, Königin Katharina, anbringen lassen.
„Die Liebe höret nimmer auf.“ An diesem Nachmittag allerdings hört der Sommer auf. Gefühlt.Wir sind losgegangen bei angenehm spätsommerlicher Witterung. Aber auf einmal wird es herbstlich. Von Westen her. Wolken und Wind. Und gleich „an Kittel kälter…“ Zunächst Enttäuschung. „Jetzt wars die ganze Woche schön.“
Aber dann entdecke ich, verstärkt durch das Grau am Himmel, plötzlich wunderbare Sachen.Goldgelbe Quitten, einen Apfel zum Anbeißen, knallige Hagebutten, eine Dahlie wie ein Kunstwerk, einen knallgrünen Grashüpfer auf einem schwarzen Autodach. Alles Herbst. Aber wunderschön. Und zumindest für mich erst sichtbar, als mich die Sonne nicht mehr blendet und der Himmel grau geworden ist.
Als ich die tiefroten Weinblätter an den Rebstöcken sehe, denke ich: Wie schön die Blätter älter werden. Zum Glück versuchen sie nicht krampfhaft, jung zu bleiben. Und faltenfrei. Wäre schade um den Herbst. Auch im Leben. Klar ist Altwerden nichts für Feiglinge. Aber ob Botox und Anti-Faltencreme die Sache besser machen?
Oben an der Grabkapelle angekommen: ein Paar. Beide sicher um die 80. Sie stehen vor der Grabkapelle und versuchen sich an einem Selfie. Klappt nicht so ganz. Immer fehlt was.
„Soll ich ein Bild von Ihnen machen?“ frage ich?
„Ja gerne.“ Beide strahlen. Schön, das Foto. Die beiden sind zufrieden. Am oberen Rand natürlich der Schriftzug. „Die Liebe höret nimmer auf.“
„Stimmt das?“ frage ich. „Ja, schon.“ sagen beide. „Aber ab und zu versteckt sie sich. Dann muss man sie suchen.“
Beim Zurückgehen läuft meine Frau vorne draus. Mir kommt ein Lied auf die Lippen. „Sie hat zwei blaue Äugelein, sind röter als der Wein. Ein solches Mädchen findtst du nicht, wohl unterm Sonnenschein.“
Es regnet. Und meine Frau geht in drei Monaten in den Ruhestand. Aber stimmt trotzdem. Das mit dem Mädchen und dem Sonnenschein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45278Wir stehen an der Berliner Mauer. Oder besser: an dem Stück, das von ihr noch übrig ist. Mein Mann, meine Kinder und ich sind das erste Mal zusammen in Berlin und wollen hier gemeinsam mehr über die deutsche Geschichte herausfinden. Warum gab es die Mauer, wie haben die Menschen in der DDR gelebt, was ist mit denen passiert, die versucht haben zu fliehen? Und wie muss sich das angefühlt haben, vom Staat beobachtet, bespitzelt zu werden. Oder sogar von Nachbarn und Freunden. Welch tiefes Misstrauen da wohl gewachsen ist.
Und jetzt stehen wir an diesen bunten Resten der Berliner Mauer. Nach dem Mauerfall wurde sie bemalt von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt. Die Bilder zeigen eindrücklich, worauf die Menschen zu der Zeit gehofft haben: Da tragen Friedenstauben Ketten weg, die jemanden gefangen gehalten haben. Ein Trabi durchbricht die Mauer. Bunte Farben erzählen davon, wie sehr sich die Menschen danach gesehnt haben, frei zu sein und in Frieden zu leben.
Die Hoffnungen, die damals in der Luft lagen, haben sich für viele Menschen nicht erfüllt. Die wirtschaftliche Situation im Osten hat sich für sie verschlechtert. Viele Menschen sind arbeitslos geworden, Betriebe mussten schließen. Menschen, die in ganz unterschiedlichen Systemen groß geworden sind, mussten auf einmal gemeinsam weitermachen. Auch wenn die Betonmauer weg war, das Land war nicht einfach von heute auf morgen eins. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Sorgen zeigen sich bis heute und spiegeln sich auch in den Wahlergebnissen der vergangenen Wochen wider.
In Berlin habe ich verstanden: der Tag der deutschen Einheit ist nicht nur eine Erinnerung an ein längst vergangenes Ereignis, sondern bleibender Auftrag. Einheit entsteht nicht einfach, weil eine Betonmauer verschwindet. Sie wächst dadurch, dass wir nicht pauschal über „die anderen“ urteilen. Dass wir uns nicht aufgeben, auch wenn wir uns fremd sind. Dass wir versuchen, uns besser zu verstehen.
Das diesjährige Motto zum Tag der deutschen Einheit lautet: „Viele Stärken – ein Land.“ Ich glaube, es tut uns gut, auf unsere Stärken zu schauen. Statt immer nur darauf, was nicht läuft. Wir haben nicht die gleiche Geschichte, die gleichen Erfahrungen. Ob wir im Westen oder Osten Deutschlands aufgewachsen sind oder aus einem ganz anderen Land nach Deutschland gekommen sind. Aber wir leben heute zusammen hier und wir können gemeinsam die Zukunft gestalten!
Und deshalb würde unser Hoffnungsbild, das wir auf die Reste der Berliner Mauer malen würden, heute so aussehen: Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Religionen, junge und alte wandern zusammen auf einem Weg. Sie reden miteinander, hören sich zu, lachen, helfen sich gegenseitig, wenn ein Hindernis den Weg versperrt und gehen so gemeinsam in Richtung Zukunft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45251Daria ist neun und ein fröhliches Kind. Das war nicht immer so. Als sie vor drei Jahren in die Klasse meiner Tochter gekommen ist, hat sie kein Wort deutsch gesprochen und war sehr schüchtern. Daria hat alles zurückgelassen, was ihr wichtig war: Ihre Freundinnen. Ihr zuhause mit den Tieren und ihren Papa, der in der Ukraine bleiben musste. Ohne die Sprache zu kennen, musste sie sich hier (in Deutschland) zurechtfinden. Meine Tochter und Daria haben sich mit Händen und Füßen verständigt oder über Bilderbücher, später hat das Handy dann geholfen. Inzwischen ist sie ein lebhaftes Kind, das ganz selbstverständlich überall dazugehört. Letztes Jahr zu Weihnachten hat sich ihr größter Wunsch erfüllt: ihr Papa ist endlich aus der Ukraine zu ihnen gekommen.
In die Klassen meiner Kinder sind in den letzten Jahren immer wieder Kinder aus anderen Ländern gekommen. Alle haben ihre eigene Geschichte, haben alles hinter sich gelassen, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hat. Alle vermissen ihre Familie, ihre Freunde und müssen sich neu einfinden in einem ganz fremden Land.
Mich bewegen diese Schicksale sehr. Umso unverständlicher ist für mich, dass Parteien Wahlkampf auf dem Rücken dieser Menschen machen. Denn: Ich würde genau dasselbe tun wie Darias Mama: Wenn wir hier nicht mehr leben könnten, weil es Krieg gibt oder wir nichts mehr zu essen hätten und um das Leben unserer Kinder fürchten müssten würde ich alles dafür tun, dass meine Kinder in Sicherheit leben können.
Diese Woche findet in vielen Kirchen und Gemeinden die interkulturelle Woche unter dem Motto „Dafür!“ statt. Tausende Menschen setzen damit ein Zeichen für eine vielfältige Gesellschaft, in der wir gut zusammenleben und solidarisch sind mit denen, die Unterstützung brauchen. Die interkulturelle Woche ist eine Initiative der evangelischen, katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche, unterstützt von vielen Gewerkschaften, Verbänden und Initiativen.
Ich finde solche Initiativen gerade in diesen Zeiten unglaublich wertvoll. Wir sprechen viel über Menschen, die gegen andere hetzen und die Schuld für allerlei Probleme auf diejenigen schieben, die ihnen fremd sind. Dabei gibt es so viele Menschen, über die man stattdessen reden sollte – weil sie sich für andere einsetzen. In Geflüchtetenunterkünften mithelfen. Sprachkurse anbieten oder mit zum Amt gehen. Oder einfach die neue Nachbarsfamilie freundlich begrüßen und zum Kaffee einladen.
Ich bin froh, dass die katholische und evangelische Kirche sehr deutlich gemacht haben: Als Christinnen und Christen stellen wir uns entschieden gegen rechten Populismus. Wir stehen an der Seite der geflüchteten Menschen und sind solidarisch mit denen, die Hilfe brauchen. Weil Jesus selbst das ganz genauso gemacht hätte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45250Ich sitze mit meinen Kindern im Wohnzimmer vor einem riesigen Haufen von Holzbausteinen. Während ich noch überlege, was ich damit bauen könnte, stapeln die Kinder schon drauflos. Mich fasziniert das immer wieder – dass Kinder einfach loslegen, ohne schon zu wissen, was dabei rauskommt. Sie legen einen Stein auf den anderen, nach und nach wird daraus eine Form. Eine Burg, erklärt meine Tochter. Und während sie weiterbaut, entsteht in ihrem Kopf eine ganze Geschichte rund um diese Burg.
Mir fällt das nicht so leicht. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich als Erwachsene verlernt, was für Kinder so einfach ist: diesen spielerischen Zugang zur Welt. Statt einfach mal anzufangen, hätte ich gerne vorab eine klare Idee, einen Plan, der mir hilft, möglichst wenig Fehler zu machen. Das kann für bestimmte Aufgaben ja auch wichtig sein, beim Bausteine stapeln mit meinen Kindern hilft es aber meistens nicht.
Da haben die Holzbausteine für mich ziemlich viel mit dem Beten gemeinsam: Viele denken, es braucht dafür Regeln und Anleitungen, wie bei einem komplizierten Brettspiel. Aber ich glaube, es ist genau anders: Es gibt da nicht den einen Plan, der zum Ziel führt. Auch kein fertiges Endergebnis, das schon vorher feststeht. Beten hat für mich viel mehr damit zu tun, anzufangen; und dann nach und nach zu entdecken, wohin es mich führt.
Beten, das passiert bei mir oft so nebenbei – wenn ich aus dem Fenster schaue, wenn meine Gedanken abschweifen. Wenn mich etwas berührt, wenn ich spüre, wie dankbar ich bin. Manchmal ist es nur ein Seufzer, wenn ich mir Sorgen mache. Mein Herz betet dann oft schon, noch bevor mein Kopf klare Gedanken dazu fassen kann. Manchmal wird daraus mehr. Die Dankbarkeit bekommt ein Du, ein Gegenüber. Die flüchtigen Gedanken sortieren sich, bekommen eine Form, und werden zum Gebet.
Diese Erfahrung, die ich beim Beten und Spielen mache, die ermutigt mich: Wenn ich in meinem Leben manchmal vor einem ganzen Haufen voller Aufgaben oder Probleme stehe, dann warte ich nicht mehr auf den perfekten Plan. Ich denke daran, wie ich mit den Kindern Bausteine staple und fange einfach an. Stein um Stein, Aufgabe für Aufgabe. Und ich kann darauf vertrauen, dass die guten Ideen dann unterwegs kommen - wie beim Spielen und Beten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45249Sie ist eine der ganz frühen Frauen an der absoluten Machtspitze: die Königin von Saba.
Gelebt hat sie vermutlich vor rund 3000 Jahren. Wo genau ihr Land, Saba, liegt, lässt sich nicht sicher sagen. Manche vermuten, dass es sich im heutigen Jemen befunden hat. Andere glauben, dass die Königin aus Äthiopien stammte.
Und auch sonst gibt es nicht viel, was man über sie weiß, nicht einmal ihren Namen. Doch das Wenige, das in der Bibel über sie steht, inspiriert mich.
Ihre Geschichte ist schnell erzählt:
Die Königin von Saba hat gehört, dass ihr Amtskollege in Jerusalem, König Salomo, sehr reich und sehr weise sein soll. Alle schwärmen von ihm. Das muss die Königin mit eigenen Augen sehen. Sie beschließt nach Jerusalem zu reisen und Salomo mit schwierigen Fragen zu löchern, um herauszubekommen, ob er wirklich so toll ist.
Die Reise ist lang und anstrengend, aber dennoch macht sich die Königin mit einem großen Gefolge und mit jeder Menge Gold und Edelsteinen auf den Weg.
Als sie in Jerusalem ankommt, reden die beiden lange miteinander und die Königin stellt Salomo all ihre Fragen. Was genau sie von ihm wissen will, ist leider nicht überliefert. Doch die beiden sprechen auf Augenhöhe miteinander. Das ist in der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich. Und am Ende kann die Königin es kaum glauben: Salomo ist noch klüger, als die Leute behauptet haben. Sie ist so überwältigt von seiner Intelligenz, aber auch davon, wie es in seinem Königreich zugeht. Sie kann nicht anders, als Salomo mit Anerkennung und ihrem ganzen Reichtum zu überschütten. Und sie lobt Gott, weil er Salomo als König eingesetzt hat und er dafür sorgt, dass die Menschen in seinem Reich in Frieden und Gerechtigkeit leben.
Wie es nach der Rückkehr der Königin in ihrer Heimat weitergeht, erzählt die Bibel leider nicht. Doch von der starken Frau, mag ich mir gerne das ein oder andere abschauen.
Die Königin ist gesellschaftlich angesehen, mächtig und reich. Eine Frau, die voll im Leben steht und weiß, was sie kann. Und doch bleibt sie neugierig und sie ist bereit, dazuzulernen. Sie kann neidlos anerkennen, was andere wissen, können oder haben.
Ich merke mir: Es lohnt sich, kritisch, offen und anerkennend den Kontakt mit anderen zu suchen, die in ähnlichen Settings und Aufgaben stehen wie man selbst. Und so vernetzt, entfalten sich ganz neue Möglichkeiten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45240„Du bist gut genug…“ Vielleicht kennen Sie die Liedzeile. Den Sommer über ist das Lied auf Social Media in Dauerschleife gelaufen. Ob man den Song mag, ist natürlich Geschmackssache. Aber die Botschaft sitzt: „Du bist gut genug.“ Und sie ist nötig, denn wie oft flüstert meine eigene Stimme im Kopf: „Hättest du das nicht besser machen können? War da nicht noch mehr drin?“
Damit bin ich nicht alleine. Viele Menschen spüren diesen ständigen Leistungsdruck, attraktiver, erfolgreicher und einfach fehlerfrei zu sein. Genau deshalb ist dieser Song wahrscheinlich auch so durch die Decke gegangen. Er wirkt wie ein Mantra gegen den Alltagsdruck – ein kleiner, heilsamer Zuspruch.
Gut genug zu sein – der Gedanke passt zum heutigen Tag. Denn laut kirchlichem Kalender ist heute „Engel-Tag“. Mit Mittelpunkt stehen die Engel Gabriel, Raphael und Michael. Und wenn in der Bibel ein Engel auftaucht, lautet der erste Satz fast immer: „Fürchte dich nicht!“ Für mich ist das ein ganz wichtiger Satz. Denn hinter dem Satz kommt in der Bibel oft der Grund, warum ich mich nicht fürchten muss: Weil Gott bei mir ist. Weil er mir die Kraft gibt, die ich brauche, um die Situation durchzustehen und zu bewältigen. Und dass ich vor Gott eben gut genug bin. Dass ich nicht perfekt funktionieren muss, ich gesehen und geschätzt werde – genau so, wie ich bin.
Die drei Engel Gabriel, Raphael und Michael machen diese Botschaft ganz konkret: Der Engel Gabriel ist manchen aus der Weihnachtsgeschichte bekannt. Er bringt Maria die gute Nachricht, dass sie ein Kind bekommt und steht deshalb für gute Nachrichten – auch für uns. Er zeigt Perspektiven auf, die ich selbst nicht sehe. Im Alten Testament begleitet der Engel Raphael Tobias auf seinen Wanderungen. Er ist da, wenn er gebraucht wird, heilt und schenkt Trost, wenn es wehtut. Und Michael setzt sich für das Gute ein. Er kämpft gegen alles, was dem Leben schadet. Deshalb wird er auch gerne mit einem Schwert dargestellt. Wenn ich mich klein fühle, ruft er mir zu: Sei mutig. Du schaffst das.
Ob die Jahrtausende alte Engel-Tradition oder der moderne Song „Du bist gut genug“ – beides erinnert mich daran, dass ich wertvoll bin. Auch mit meinen Macken und Fehlern.
Diesen Gedanken nehme ich heute mit in den Tag. Und diese Zusage gilt ja nicht nur mir. Vielleicht gibt es ja jemanden, der genau heute dringend hören muss: „Schön, dass es dich gibt! Hab keine Angst, du bist gut genug!“
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