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Viele Hirnforscher sagen, dass man besser nachdenken kann, während man sich bewegt. Ich finde, da ist was dran. Wenn ich gut nachdenken muss, dann gehe ich gerne auf und ab.
Der Heilige Dominikus hat das auch so gemacht. Und weil´s mit dem Beten ähnlich wie mit dem Nachdenken ist, hat er beim Beten gerne seinen Körper eingesetzt, dass es nicht so verkopft zugeht. In einem Büchlein aus dem Jahr 1280 ist das alles aufgeschrieben und gezeichnet worden. Es heißt „Wie Dominikus mit dem Körper gebetet hat“.
Ich habe mir die Bilder mal genau angeschaut und es gleich ausprobiert. Das erste Bildchen zeigt Dominikus, wie er sich tief verneigt. Also stelle ich mich gerade hin und beuge den Oberkörper weit nach unten. Wenn ich so gekrümmt da stehe, und es zwickt im Kreuz und im Bauch, da spüre ich auf einmal die Sehnsucht mich einfach fallen zu lassen. Vielleicht ist das sogar die Sehnsucht meines Lebens: mich fallen lassen können, allen Druck von mir nehmen. Und sicher sein, dass mich jemand auffängt, dass es ein starker Arm schon irgendwie regeln wird.
Auf dem nächsten Bildchen liegt Dominikus flach ausgestreckt mit dem Kopf zum Boden. Von der vorigen Übung bin ich sowieso schon fast unten. Immer wenn ich das mache, könnte ich fast ein bisschen wegdösen, wenn es da unten nicht so hart wäre. Hart ist es für viele. Mir gehen die durch den Kopf, die immer so schlafen müssen. Die, die ganz unten sind, auf denen herumgetrampelt wird. Ich weiß, dass ich kaum was daran ändern kann, aber beten kann ich für sie.
Auf einem weiteren Bild steht Dominikus wieder aufrecht und bildet mit seinen Handflächen eine Schale. Auch ich stehe jetzt da mit dieser Geste und bin offen und neugierig dafür, was mir von oben zufällt. Manchmal empfange ich kleine Glücksmomente. Aber es gibt auch Schweres, was mich trifft. Die Schale ist ein Zeichen dafür, dass ich offen dafür bin. Dankbar für das Leichte und verantwortungsvoll mit dem Schweren.
Die letzte Gebetshaltung für heute Morgen ist die unauffälligste. Sie heißt „vor Gott sitzen und schweigen“. Körperlich kein Problem, aber für den Geist äußerst knifflig: ruhig werden und an rein gar nichts denken. Was man da alles hört!
Das war die kleine Gebetsgymnastik mit Dominikus. Ich fühle mich danach auf jeden Fall gut verbunden mit mir, mit der Welt und mit Gott.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44928Beim Aufräumen sind mir meine alten Märchen-Schallplatten in die Finger geraten, unter anderem die Abenteuer mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. In Gedanken bin ich plötzlich wieder im Wohnzimmer meiner Eltern vor dem Plattenspieler gesessen. Ich hatte sogar wieder das typische Plattenknistern im Ohr und den Geruch des antistatischen Tüchleins in der Nase.
Als Kind hatte ich immer Angst vor dem „Scheinriesen Herr Tur Tur“. Der hatte so eine gruselige hohe Fistelstimme. Der kleine Jim Knopf hat auch erstmal Angst vor ihm als er ihn von weitem sieht. Herr Tur Tur ist riesengroß und füllt fast den ganzen Horizont aus. Sein Kopf überragt sogar die Berge. Doch dann geschieht etwas Seltsames: Je näher Herr Tur Tur kommt, desto kleiner wird er. Mit jedem Schritt verliert er an Größe. Und als er bei Jim Knopf angekommen ist, ist er alles andere als ein Riese: er ist ziemlich schmächtig, hat ein ganz freundliches Wesen und wirkt fast ein bisschen hilflos. Deshalb heißt er wohl auch „Scheinriese“.
Scheinriesen, die kenne ich auch von woanders her: Probleme, die sich vor mir auftürmen und unüberwindbar scheinen. Zum Beispiel wenn sich Familienmitglieder plötzlich nur noch streiten oder wenn ich jemandem etwas Unangenehmes sagen muss. Ich quäle mich manchmal nächtelang damit, wie ich das anpacken soll.
Ich habe aber auch schon erlebt, dass es sich mit solchen Problemen ähnlich wie mit Herrn Tur Tur verhalten kann: Von weitem betrachtet scheinen sie riesengroß zu sein. Laufe ich weg vor ihnen, werden sie sogar noch größer. Aber stelle ich mich der Situation, betrachte ich das Problem genauer, beschäftige ich mich damit, dann kann es sein, dass es seinen Schrecken verliert. Meistens ist es gut, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, und kleine Schritte zu machen. Der erste Schritt ist immer der, der am meisten Energie kostet. Das Problem verschwindet nicht unbedingt, aber manchmal schrumpft es auf ein Maß, wo ich mich traue, es endlich anzupacken.
Wenn es besonders gut läuft, kann es sogar so gehen wie bei Jim Knopf. Herr Tur Tur, der Scheinriese, zeigt dem kleinen Jim den Weg aus der Wüste. Das Problem verliert beim genauen Hinsehen seinen Schrecken und öffnet sogar noch eine Tür für die Zukunft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44927Vor gut 200 Jahren hat die Katholische Kirche zähneknirschend anerkannt, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht andersrum. Die Kirche hatte bis dahin angenommen, es könne gar nicht anders sein, als dass sich alles um den Menschen und die Erde drehe, also um die „Krone der Schöpfung“. Dabei hatte der Gelehrte Kopernikus schon im 16. Jahrhundert erkannt und beschrieben, dass die Sonne der Mittelpunkt unseres Systems ist.
Aber nicht nur die Katholiken, sondern auch die Protestanten fanden die neue Idee von Kopernikus anfangs seltsam. Martin Luther hat sich gewundert: „Ein neuer Astrologe möchte beweisen, dass die Erde sich anstelle des Himmels bewegt. Als ob jemand in einem fahrenden Wagen denken könnte, dass er stehen bleibt.“
Auch für viele weltliche Gelehrte war die Theorie von Kopernikus einfach nicht denkbar. In Experimenten ließen sie von hohen Türmen Steinbrocken fallen. Wenn die Erde in Bewegung sei, dann müssten die Steine ja schräg nach unten fallen und nicht genau senkrecht unter dem Turm aufschlagen.
Inzwischen zweifelt zwar niemand mehr daran, dass sich in unserem Sonnensystem alles um die Sonne dreht. Aber trotzdem verhalten sich viele noch so, als drehe sich alles um sie selbst. Wie viele Menschen oder auch Staaten sehen sich selbst als Mittelpunkt der Welt. Sie treffen egoistische Entscheidungen ohne die Nachbarn mit einzubeziehen. Gerade beim Klimaschutz oder in der Wirtschaftspolitik wird das deutlich. Ich denke aber auch an Vereine, die vor lauter Gerangel im Vorstand vergessen, wozu sie eigentlich angetreten sind. Oder Menschen, die nur um sich und ihre kleine Welt kreisen, oder die immer im Mittelpunkt stehen möchten.
Insofern ist das doch ein schönes Bild: Es dreht sich eben nicht alles um uns, sondern wir sind Teil eines größeren Systems. Und das könnte zu weiteren Einsichten und Fragen führen: Ich bin nicht allein mit meinen Problemen. Wie packen die anderen das an? Oder kann ich mit meiner Lösung vielleicht sogar ein Beispiel geben für andere? Auf jeden Fall wirken sich mein Tun und meine Haltung auch auf viele andere aus.
Dass die Erde um die Sonne kreist, kann mich aber vor allem daran erinnern, dass ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Und dass ich mich in etwas Größerem geborgen weiß.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44926Ein Werbegrafiker hat mal zu mir gesagt: „Die Christen haben ein beneidenswert gutes Logo.“ Ich hab ihn fragend angeguckt, und er hat geantwortet: „Ja klar, das Kreuz. Kann man super wiedererkennen, ist schnell und einfach mit zwei Strichen gezeichnet, und es steckt dazu noch voller Inhalt. Außerdem ein Symbol, mit dem man Zustimmung signalisiert. Jeder, der sich mit etwas einverstanden erklärt, muss ein Kreuzchen machen.“
Stimmt, so habe ich das noch nie gesehen. Das Kreuz als ein „ja“, einfach gemalt, hoher Wiedererkennungswert und voller Geschichten, die dahinter stecken.
Es ist schon erstaunlich, dass es das Kreuzzeichen zum Hauptsymbol des Christentums gebracht hat, denn eigentlich hat es ja einen grausamen Ursprung. Die Römer haben mit dem Kreuz viele ihrer Gefangenen gefoltert und hingerichtet. Einer davon war Jesus. Aber ganz eng mit seinem Tod ist eben auch die Auferstehung verbunden - ohne Sterben kein Auferstehen. Deshalb hat das Kreuzzeichen für mich weniger einen grausamen, sondern eher einen hoffnungsvollen Charakter.
Der Werbegrafiker hatte schon recht: zwei Striche, und ein Kreuz ist gemalt. Und genau diese beiden Striche, der eine von oben nach unten, der andere von rechts nach links, die zeigen so schön die beiden Dimensionen, die dahinter stecken. Der Längsstrich könnte bedeuten, dass es eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen und auch andersrum gibt: Ich bete zu ihm, er begleitet mich. Ich verehre ihn, er hat sich klein gemacht und ist in Jesus Mensch geworden. Das ist die spirituelle Dimension des Christentums – der Längsstrich.
Und dann die Querrichtung. Sie weist darauf hin, dass wir Menschen untereinander gut in Kontakt bleiben und einander unterstützen sollen. Dass wir zusammen feiern, uns gemeinsam freuen können, uns helfen, miteinander reden, etwas auf die Beine stellen können. Für mich die fürsorgliche und gemeinschaftliche Dimension meiner Religion.
Die beiden super berühmten Striche - Längsbalken und Querbalken - sie weisen also auf die beiden Grundpfeiler des Christentums hin: Mit Gott und mit den Menschen in Kontakt bleiben. Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal ein Kreuz oder ein Kreuzchen machen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44925Jedes Jahr bin ich mit ungefähr 30 Bikern auf einer Motorradwallfahrt unterwegs. Es ging schon nach Burgund, Irland oder Assisi. Wenn der lange Tross von Motorrädern in ein italienisches Städtchen mit seinen engen Gassen einfährt, ist das für mich beeindruckend. Kinder allerdings verkriechen sich oft ängstlich hinter die Beine ihrer Eltern. Was die meisten nicht fassen können ist, wenn die vermeintlichen Motorrad-Rocker ihre Helme abziehen und die Kirche betreten. Etwas breitbeinig vom langen Fahren zwar, aber ehrfürchtig. Sie beten in Stille oder stimmen einen Kanon an. Das passt so gar nicht ins Bild der Biker.
Eine dieser Kirchen heißt „Santa Maria degli Angeli“ unterhalb von Assisi. Sie ist eine der größten Kirchen der Welt und beeindruckt durch ihre riesigen Dimensionen. Aber sonst ist sie nicht gerade eine Schönheit. Eines macht sie aber einzigartig: Im Innenraum, genau in der Mitte unter der Kuppel, dort steht in der großen Kirche nochmal eine kleine Kirche, besser gesagt ein Kapellchen. Es heißt „Portiuncula“.
Zu Zeiten des Heiligen Franz stand die Kapelle noch baufällig und verloren im Eichenwald unterhalb von Assisi. Die Legende erzählt, dass Jesus zu Franziskus gesagt habe: „Siehst du nicht, dass mein Haus verfällt? Stelle es wieder her!“ Daraufhin hat Franz angefangen, wie wild baufällige Kapellen zu renovieren, so eben auch die „Portiuncula“. Erst später hat er gemerkt, dass sich der Auftrag Jesu eigentlich auf die Missstände in der Amtskirche bezogen hatte.
Für Franz war die kleine „Portiuncula-Kapelle“ ein heiliger Ort. Hier hat er Gott intensiv gespürt. Und schließlich hat er sich auch gewünscht, dort im Kreis seiner Freunde zu sterben. So war es dann auch, und deshalb wurde die „Portiuncula“ zu einem Pilgerort. Papst Pius V. ließ dann zu ihrem Schutz die große Kathedrale darüber bauen.
In Lederklamotten mit Helm unterm Arm durchquere ich also die Riesenkirche. Schon etwas enttäuschend, die klotzige Atmosphäre. Als ich aber die kleine „Portiuncula“ betrete, da bin ich plötzlich ergriffen von der Einfachheit und Ausstrahlung dieses Jahrhunderte alten Bauwerks. Und auch an den Menschen um mich herum merke ich, dass hier noch etwas vom Geist des Heiligen Franziskus spürbar ist.
Vielleicht ist es so auch mit uns Motorrad-Wallfahrern: von außen wirken wir manchmal laut, schnell und ein bisschen derb. Aber unter Helm und Leder, da stecken einzigartige Menschen. Menschen auf der Suche nach Gott und ein paar schönen Strecken.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44924Der Yosemite Nationalpark im Westen der USA ist ein Naturereignis: steile Felswände, seltene Tiere und spektakuläre Wasserfälle. Wer hier wandert, dem kann das Herz aufgehen. Mit verantwortlich dafür ist John Muir. Er hatte Präsident Roosevelt davon überzeugt, dieses Gebiet zum Nationalpark zu machen. Er hat den Präsidenten einfach zu einer mehrtägigen Camping-Tour durch das Yosemite-Tal eingeladen. Der Rest lief dann wie von allein, weil dem Präsidenten aufgegangen ist, dass diese einzigartige Natur unbedingt erhalten bleiben muss.
John Muir konnte noch mehr als Nationalpark. Er war ein echter Universalgelehrter. Er hat Bücher geschrieben, war Erfinder und dazu noch Naturforscher. Am meisten hat er es geliebt, rauszugehen in die Natur. Er hat einmal einen Satz gesagt, der mich berührt: „Wenn ich in die Landschaft des Parks eintauche, dann ist das für mich wie eine Taufe im warmen Herzen der Natur.“
John Muir vergleicht das Wandern, Schauen und Staunen mit einer Taufe. Und beides hat mit Eintauchen zu tun. In die Natur eintauchen oder ins Wasser eintauchen. Heute ist bei der Taufe meistens nur noch das Übergießen mit Weihwasser übriggeblieben, aber ursprünglich wurde man richtig unter Wasser getaucht. Und das Gefühl, wenn man wieder aufgetaucht ist, sollte deutlich machen, was Christen glauben: Mit der Geburt tauchen wir ein ins irdische Leben. Und mit dem Tod tauchen wir wieder auf – hinein ins ewige Leben. Dieser Gedanke ist faszinierend: Als ich geboren wurde, bin ich eingetaucht in unsere irdische Welt. Aber im Gesamten gesehen ist mein Leben nur ein kurzer Augenblick. Und die eigentliche Wirklichkeit ist viel größer. Erst wenn ich sterbe, werde ich wieder Teil dieser anderen Wirklichkeit.
Es gibt Momente, da kann ich auch im Hier und Jetzt schon ahnen, dass es diese andere Wirklichkeit gibt, die viel weiter ist als meine enge Welt. Und vielleicht ist es das, was John Muir gemeint hat mit dem Ausdruck, dass man getauft wird „im warmen Herzen der Natur“. Ich habe auch manchmal das Gefühl, total eins zu sein mit der Natur. Das kann mir auf einer sonnendurchfluteten Waldlichtung passieren, wenn es leicht harzig riecht und die Insekten im Sonnenlicht tanzen. Oder auf einem Berggipfel, wenn weit und breit kein Mensch und kein Geräusch ist. Nur Stille und blauer Himmel.
Dann fühle ich mich so verbunden mit Gott und meiner Welt, dass ich manchmal sogar eine Gänsehaut kriege. Und das ist für mich dann auch wie eine kleine Taufe: Eine Ahnung davon, zusammen zu gehören, eine Ahnung, dass es noch eine weitere Welt gibt – größer, weiter und einfach paradiesisch.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44923Ich liebe Wasser. Egal, ob jetzt im Sommer am Badesee oder einfach zuhause unter der Dusche. Wenn ich ins Wasser eintauche, fühle ich mich wohlig und leicht – und für eine kurze Zeit weitab vom Alltagsstress. Auch das Gefühl danach mag ich gerne. Alles fühlt sich wunderbar frisch und sauber an. Fast wie neu geboren.
Ins Wasser einzutauchen oder den Körper zu reinigen, das spielt auch in vielen Religionen eine Rolle. Musliminnen und Muslime zum Beispiel waschen sich, bevor sie beten. Die äußere Sauberkeit ist für sie ein Zeichen für die innere Reinheit. Und so, rein, wollen sie vor Gott treten. Ich kann mir vorstellen: Es hilft, den Alltag zu unterbrechen. Und sich gleichzeitig bewusst zu machen: Es gibt auch in meinem Leben Ecken, in denen ich mal wieder saubermachen sollte.
Aber auch im christlichen Glauben kommt Wasser vor – und die Idee, dadurch rein zu werden: Nämlich bei der Taufe. Bei den ersten Christen wurde man bei der Taufe ganz im Wasser untergetaucht – auch heute gibt es das noch. Man taucht unter, um dann frisch und rein wieder aufzutauchen – und in ein sauberes weißes Gewand zu schlüpfen.
Auch bei der Taufe geht es also darum, dass man sich reinigt. Allerdings ist der Gedanke anders als beim Waschen vor dem Gebet: Nicht ich wasche mich, um vor Gott rein zu sein. Sondern Gott wäscht alles weg, mit dem ich anderen und mir selbst das Leben schwer mache. Er vergibt mir meine Schuld, damit ich neu und anders wieder anfangen kann. Der Apostel Paulus sagt sogar: Wer aus dem Taufwasser auftaucht, ist wie neu geboren.
Das Zeichen der Taufe mit Wasser – mir leuchtet das ein. Getauft wird man nur einmal – bei mir ist das schon sehr lange her. Aber es gilt fürs ganze Leben. Und es tut mir gut, mich immer wieder daran zu erinnern, was das heißt: Ich bin getauft. Und dem nachzuspüren, auch ganz körperlich: Wenn ich mich nach ein paar Schwimmzügen im See leicht und erfrischt fühle. Oder unter dem dampfenden Duschwasser vieles an mir abperlt, was mich vorher belastet hat. Dann kehrt eine innere Ruhe ein. Ich fühle mich belebt, frisch und sauber. So kann ich anders in den Tag gehen. Fast wie neu geboren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44878Unser Wochenabschnitt für diesen Schabbat beginnt mit einer Verheißung: „Wenn ihr auf diese Gebote hört…“
Moses spricht zu den Israeliten kurz vor dem Einzug ins Gelobte Land. Er warnt davor, im Wohlstand die Dankbarkeit zu verlieren. Der Mensch neigt dazu zu glauben: „Meine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir diesen Erfolg verschafft.“ Doch die Tora mahnt zur Bescheidenheit. Nicht alles ist selbstverständlich. Gesundheit, Frieden, tägliches Brot und menschliche Nähe sind Geschenke, die wir oft erst schätzen, wenn sie fehlen.
Gerade in unserer Zeit erleben viele Menschen Unsicherheit, Sorgen und Spannungen. Dieser Toraabschnitt erinnert uns daran, dass eine Gesellschaft nicht allein von Macht oder Wohlstand lebt, sondern von Verantwortung füreinander. Wo Menschen einander respektieren, zuhören und helfen, entsteht etwas vom Segen, von dem die Tora spricht.
Ein zentraler Satz unserer Tora Lesung gehört bis heute zu den wichtigsten Worten des Judentums: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Wir brauchen Nahrung für den Körper – aber ebenso Hoffnung, Sinn und Vertrauen. Ohne Mitgefühl und ohne geistige Werte bleibt selbst materieller Erfolg leer.
Vielleicht liegt darin die Botschaft dieses Schabbats: Dankbarkeit bewahren, auch für die kleinen Dinge des Alltags. Und nie vergessen, dass wahre Stärke nicht im Beherrschen anderer liegt, sondern im menschlichen Handeln miteinander.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44633Einkehren, das mag ich. Jetzt in den Sommerferien sowieso. Beim Wandern Pause machen, in die Sonne blinzeln, die Beine strecken und ein kühles Radler trinken. Dazu vielleicht ein nettes Gespräch mit Leuten, die ich vorher gar nicht kannte. Das tut gut!
Eigentlich ist das ganze Leben nicht mehr als eine kurze Einkehr im Gasthaus. So hat es zumindest Martin Luther gesehen. In seinen Tischreden soll er es mal so gesagt haben: Wir sind in dieser Welt eilige Gäste. Wir sind hier bloß wie in einem Wirtshaus, wo man ein Glas Bier trinkt und dann wieder weiterwandert.
Das Leben – nicht mehr als ein Glas Bier in der Kneipe. Das ist krass. Aber irgendwie gefällt mir der Gedanke auch. So Wirtshaus, das kann ja ein guter Ort sein. Man könnte schlimmere Bilder fürs Leben finden als Luther an der Stelle.
Und ja, es leuchtet mir ein: Das Leben ist wie eine Reise. Selbst wenn man immer am gleichen Ort bleibt. Vieles verändert sich auf dem Weg. Allein schon, weil ich älter werde, weil andere Menschen in mein Leben kommen und gehen – eben wie in einem Wirtshaus.
Und irgendwann gehe auch ich wieder. Für Luther war dieser Gedanke ganz selbstverständlich. Und auch nicht erschreckend. Im Gegenteil. Sein Satz vom Wirtshaus geht nämlich noch weiter: Wir sind in dieser Welt eilige Gäste, sagt Luther. Wir sind hier bloß wie in einem Wirtshaus, wo man ein Glas Bier trinkt und dann wieder weiterwandert. Heimwärts!
Wir schauen in dieser Welt nur kurz auf ein Bier vorbei – um am Ende wieder nach Hause zu gehen. Und da zu bleiben. Bei Gott.
Mit dieser Perspektive lässt es sich aushalten, dass das Leben kurz ist wie ein Abend in der Kneipe. Und man kann über das Bild auch ruhig ein bisschen schmunzeln.
Mir tut das gerade gut. Im Herbst ziehen wir nämlich um. Neue Wohnung – und für mich auch ein Neustart im Beruf. Das ist spannend und ich freue mich – aber es heißt auch: Abschied nehmen von vielen Menschen und Aufgaben, die mir ans Herz gewachsen sind. Weiterziehen. Das ist gar nicht so einfach. Und ich spüre viel stärker als sonst: Leben ist Veränderung. Kaum schaut man sich um, ist wieder ein Lebensabschnitt vorbei.
Wir sind in dieser Welt eilige Gäste, sagt Luther. Wir sind hier bloß wie in einem Wirtshaus, wo man ein Glas Bier trinkt und dann wieder weiterwandert. Heimwärts!
Sagt Luther. Ich jedenfalls hoffe, dass ich auch die nächsten Jahre wieder einen guten Platz und eine gute Tischgesellschaft habe an meinem neuen Tisch im Wirtshaus des Lebens. Und dass es ab und an ein erfrischendes Getränk gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44877Wenn sie vorne stehen und alle Kinder ein Segenslied für sie singen, wird die eine oder andere Träne fließen – bei den Viertklässlern, die wir nachher im Schulgottesdienst verabschieden. Heute beginnen die Sommerferien, und es ist ihr letzter Schultag an der Grundschule. Der Abschied ist ein bisschen traurig. Und ziemlich aufregend.
Nach den Ferien geht es für sie an unterschiedlichen Schulen weiter. Für viele der Kinder haben in diesem Schuljahr deshalb die Noten eine große Rolle gespielt. Für manche ging es darum, ob sie auf die Schule gehen können, die sie sich gewünscht haben – oder eben nicht. Manche sind stolz auf ihre Leistungen. Andere sind enttäuscht. Die Zeugnisse, die heute ausgegeben werden, scheinen schwarz auf weiß zu zeigen, was jemand kann – und was nicht.
In der Bibel gibt es eine Geschichte, die zeigt: Was auf den ersten Blick zu sehen ist, täuscht oft. Der Prophet Samuel soll einen neuen König auswählen. Er schaut sich die Söhne Isais an. Da steht einer größer und stärker da als der andere. Samuel denkt: Der Größte und Stärkste muss es sein. Aber Gott sagt zu ihm: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16,7). Am Ende wird David ausgewählt. Nicht der Größte, nicht der Erfolgreichste, nicht der Eindrucksvollste. David ist damals noch ein Hirtenjunge. Übersehen von vielen. Aber Gott sieht mehr in ihm. Er sieht sein Herz. Er sieht, was wirklich in ihm steckt.
Das ist eine gute Botschaft für den Zeugnistag: Ja, Noten sagen etwas aus über eine Begabung in einem Fach, über Fleiß und Anstrengungsbereitschaft. Aber keine Note kann messen, wie gut jemand seinen Freund tröstet. Keine Klassenarbeit bewertet Hilfsbereitschaft oder Mut. Aus Zeugnisnoten kann man auch nicht erkennen, wer Humor hat oder wer es geschafft hat, nach Misserfolgen weiterzumachen.
Und außerdem: Ein Zeugnis ist immer nur eine Momentaufnahme! Wer weiß, auf welchen Wegen die Kinder ihre Begabungen neu entdecken werden – und was sie noch alles schaffen können.
Im Schulgottesdienst heute geben wir den Viertklässlerinnen und allen anderen Kindern Gottes Segen für die Ferien mit. Und die Botschaft: Gott schaut tiefer. Für ihn ist kein Kind eine Eins, eine Drei oder eine Fünf. Gott sieht genau dich, Tom, dich, Elif, dich, Malou, und sieht, dass du einmalig bist. Er sieht die Möglichkeiten, die noch wachsen. Und eine Würde, die niemand dir nehmen kann.
Deshalb wünsche ich allen Schülerinnen und Schülern auf dem Weg in die Sommerferien: Vergesst nicht: Ihr seid mehr als eure Noten. Oder wie Gott es dem Propheten Samuel gesagt hat: Der Mensch sieht, was vor Augen ist – Gott aber sieht das Herz.
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