Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

13JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor wenigen Wochen saß ich am Sterbebett eines Freundes und früheren Kollegen. Ich hatte ihn in der langen Zeit seines Leidens seelsorgerlich begleitet. Wenige Stunden nach meinem letzten Besuch ist er „heimgegangen“, wie wir als Gläubige gerne sagen. Angekommen dort, wo wir hergekommen sind: aus der Liebe Gottes. Daran möchte ich glauben, auch wenn ich immer wieder Gott bitten muss: „Hilf meinem Unglauben!“

Schwer atmend hatte mich mein Freund erkannt und wahrgenommen und stammelte einige Sätze, ehe er wieder völlig erschöpft in seinen unruhigen Schlaf versank. Vieles hat ihn offensichtlich in seinen letzten Stunden umgetrieben. Ständig bewegte er mit geschlossenen Augen seine Lippen, als hätte er noch so viel zu erläutern, zu erklären und richtig zu stellen. Mir schien, als ob da sein ganzes Leben wie in einem Film noch einmal an ihm vorüberzog. Immer wieder versuchte ich, ihm in wenigen Worten und Gesten in wachen Augenblicken Mut zuzufächeln und ihm zu spiegeln, wie glaubwürdig und überzeugend sein Leben war, und wie vielen Menschen er als Seelsorger beigestanden hat. 

Die längste Zeit aber hielt ich einfach nur seine Hand und saß leise betend neben ihm, reflektierte ein wenig unsere lange Freundschaft. Und dachte auch an alle Widerwärtigkeiten und Konflikte, die wir gemeinsam aushalten mussten. Vor allem aber sah ich mich auch mit meinem eigenen Tod konfrontiert, dem ich immer noch so gerne ausweiche. Der aber kommt für uns alle: un-ausweichlich.

Mit dem „Vater unser“ und dem Krankensegen habe ich mich von meinem sterbenden Freund verabschiedet und bin eigentlich getröstet gegangen. Auf der langen Heimfahrt kam mir der Satz aus dem Römerbrief in den Sinn: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Ob wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (14,8).

Das heißt: Ob im begrenzten „Diesseits“, in dem ich noch lebe oder im ewigen „Jenseits“, wohin mir mein Freund nun vorausgegangen ist – wir sind und bleiben hier wie dort dem Herrn verbunden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44559
weiterlesen...
12JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Jeden Tag kommt Elisabeth auf den Friedhof Schönenberg. Sie besucht das Grab ihres Mannes. „Nun ist er erlöst", sagt sie, „er hat viel leiden müssen." Gedanklich nimmt sie ihre drei Kinder und die neun Enkel dorthin mit. Sie sind alle schon erwachsen. Und sie sind umhüllt von der Liebe ihrer Mutter und Großmutter. 

Diese Liebe wuchs in der langen Ehe. Der berühmte Tübinger Philosoph Ernst Bloch redet „von der großen Schifffahrt, die Ehe sein kann und die" – so schreibt er – „mit dem Alter nicht aufhört, nicht einmal mit dem einseitigen Tod." 1)

Solche Liebe strömt weiter und hüllt alle Menschen ein, die Elisabeth in ihrem Herzen mit hierher nimmt.

Nachdem sie am Grab war, geht sie die wenigen Schritte zur Kirche. Dort ist ihre stille Einkehr immer auch eine Zeit, um ein Dankgebet zu sprechen und um Gott zu sagen, was sie bewegt, bedrängt, bedrückt: Großmuttergebete eben.

Ich hörte mal einen Vortrag eines Arztes, der sinngemäß sagte: Wir Ärzte wissen auch oft nicht, was wirklich heilt und hilft. Sind es unsere Maßnahmen, die Medikamente und verordneten Heilmittel oder – die Gebete der Großmutter?

Ich selbst habe immer wieder gesehen: Hinter solchen Gebeten steht ja ein gelebter Glaube, der geprägt ist von Liebe, Vertrauen und Hingabe. Da wo Hände gefaltet werden, wurden sie zuvor geöffnet: Haben fürs tägliche Wohl gesorgt, gekocht und gewaschen, Tränen und Nasen getrocknet und fürsorglich das getan, was guttut.

Elisabeth kann nicht mehr alles alleine bewältigen. (Keiner von uns kann das). Aber sie kann alles, was ansteht, mit Gott besprechen und sich und ihre Lieben IHM anvertrauen. Das gibt ihr Kraft und – es tut auch denen gut, für die gebetet wird.

 

----------------

1) Ernst Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“, Erster Band, Frankfurt am Main 1973 (st W 3), S. 381 f

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44558
weiterlesen...
11JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Schon mit seiner Namenswahl suchte Papst Leo XIV. Anschluss an seinen Namensvetter Leo XIII. Der hatte 1891 in einem Welt-Rundschreiben gerechten Lohn, Mitbestimmung und verträgliche Arbeitszeiten für das Industrie-Proletariat von damals eingefordert und ging als „Sozialpapst“ in die Geschichte ein.

Nun stehen wir dank „Künstlicher Intelligenz“ vor einer neuen „Industriellen Revolution“, meint Leo XIV. in seiner ersten Enzyklika. Und wieder sei die Würde der arbeitenden Menschen in Gefahr. KI könne zwar einerseits die Arbeit von „besonders beschwerlichen, monotonen oder gefährlichen Tätigkeiten entlasten“. Andererseits aber sei zu befürchten, dass sich die Arbeit dann diesen Abläufen total unterordnen muss und ihre Selbständigkeit verliere, schreibt der Papst. In meinen Worten: Arbeitende Menschen würden so immer mehr zu „Handlangern“ von Maschinen – schlecht bezahlt und kaum geschützt.

Schlimmer noch: Dank KI, so Papst Leo, könnten Millionen von Arbeitsplätzen dem Profit geopfert werden. Das fürchte ich auch, denn die „Geldhaie“ an den Kapitalmärkten schmieden mit Hilfe „Künstlicher Intelligenz“ längst neue Algorithmen, um noch mehr Geld aus dem Nichts zu schöpfen. Kapitalismus und KI – dieses neue „Traumpaar“ hat uns grade noch gefehlt. Nein - eine Liebesheirat wäre das nicht, wohl aber eine fette Zugewinngemeinschaft.

Zur Abwehr nimmt auch Papst Leo wie seine Vorgänger die Politik in die Pflicht. Wirtschaft ist kein ethik-freier Raum! Niemals darf das hochwirksame Instrument der KI unkontrolliert, unreguliert in die Hände von Spekulanten gelangen. Sonst würden weltweit Reichtum und Armut in die Höhe schnellen und sich die Spaltung der Menschheit weiter vertiefen. Vielmehr müsse die menschliche Arbeit „die grundlegende Dimension der menschlichen Erfahrung bleiben.“2)

Daher appelliert der Papst auch an die Beschäftigten selbst, vor allem in Bildung zu investieren. Je kompetenter arbeitende Menschen werden, desto weniger kann man sie manipulieren und ihre Arbeit entwerten. Zum andern aber sollten sie sich solidarisieren und mit Hilfe starker Gewerkschaften wehren gegen Sozialabbau und den Verlust ihrer Arbeitsplätze.

 

------------

1) „Magnifica humanitas“ (Die großartige Menschheit): Enzyklika von Papst Leo XIV. (2026) – Ziff. 152

2) Ziff 154

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44557
weiterlesen...
10JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Zwei altbekannte Schurken terrorisieren zurzeit die Menschheit – Zwillingsbrüder mit einer verkorksten DNA. Das schadhafte Gen: Sie agieren nur nach dem „Gesetz des Stärkeren“, Schwächere werden gegen die Wand gedrückt. Der eine der beiden hört auf den Namen „Krieg“ – das bleiche Gerippe, diese Ausgeburt der Hölle. Unfähig, Konflikte zu lösen, vertieft der Krieg noch die Gräben. Dennoch führt dieser Nichtsnutz gegenwärtig wieder einmal Regie im Welttheater.

Der andere Bruder nennt sich „Kapitalismus“ und arbeitet in angeblich „friedlichem Wettbewerb“ genau nach demselben Schema: „Fressen oder gefressen werden“. Krieg und Kapitalismus, „K.u.K“, machen natürlich gemeinsame Sache. Denen geht es nicht um irgendwelche „Werte“, sondern immer nur um Macht und Profit!

Also zum Teufel mit ihnen? Gewiss, aber hoppla, „Krieg“ und „Kapitalismus“ haben sich tief in unsere eigenen Herzen und Hirne hineingebohrt. Wir sind Teil des Problems! Wer den Krieg besiegen will, muss erst den Klein-Krieg aus dem eigenen Leben verbannen: Mobbing und Schikane, Hass und Hetze, Gewalt in Häusern und auf den Straßen, Mord und Totschlag als Alleinunterhalter auf dem Bildschirm! Wie soll Friede werden auf Erden, wenn wir Krieg führen in der eigenen Hütte?

Ob wir dem „Kapitalismus“ wirklich den Garaus machen können, entscheidet sich nachher im Supermarkt. Kaufen wir die teureren regionalen Erdbeeren, damit die Erzeuger ihren Erntehelfern den Mindestlohn bezahlen und sie selbst überleben können? Oder greifen wir nach billigen Importen? Wie sollen Einzelhändler überleben, wenn wir ständig nur im Versandhandel unterwegs sind?

Nochmals zurück zur verkorksten DNA: Die Wissenschaft hat längst eine Gen-Schere entwickelt, mit der man schadhafte Gene – ritsch-ratsch – einfach rausschnippeln kann.

Also raus mit dem Gewalt-Gen in unserem Erbgut! Ersetzen wir es durch  „Gewaltfreiheit“. Konflikte kann man friedlich lösen.

„Gier“ und „Haben“ tauschen wir aus gegen „Teilen, was wir haben“.

Biblische Tugenden, mit deren Hilfe wir „Krieg“ und „Kapitalismus“ aushungern, ihnen das Wasser abgraben können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44556
weiterlesen...
09JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich war Gast in einem Gottesdienst einer freikirchlichen Gemeinde. Die Gemeindeglieder waren aufgefordert, darüber nachzudenken: Was ist der wichtigste Gegenstand in meinem Leben? Spannende Antworten kamen, und eine ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Ein kleiner Junge meinte: Mein Bett.

Seither gehe auch ich bewusster und dankbarer mit diesem Gegenstand in meinem Leben um. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde in einem Anmeldebogen für die Grundschule gefragt: Hat ihr Kind ein eigenes Bett? -  Auch wenn das Viele hierzulande nicht mehr erlebt haben: das eigene Bett war einst keine Selbstverständlichkeit. Raum- und Geldnot zwangen zum Zusammenrücken.


Welche Wohltat es ist, sich nach anstrengenden Tagen hinlegen und ausstrecken zu dürfen, eine Decke zum Wärmen und ein Kissen zum Kuscheln zu haben, das weiß jeder. Der kleine Junge im Gottesdienst hat es ausgesprochen: Dieser eigene kleine Raum von meist zwei Quadratmetern ist ein Wohlfühlraum, zumindest für die, die nicht gerade krank darniederliegen.

Wenn ich in den Nachrichten Bilder von Wohntürmen sehe, die in lodernden Flammen und schwarzen Rauchwolken aufgehen – bombardiert nach Befehlen von Kriegsherrn, die selbst unbegrenzt über komfortable Schlafplätze verfügen –, dann denke ich zunächst an die Kinder, die in den zerstörten Häusern gewohnt haben. Ihr Bett ist weg und mit ihm der Rückzugsort und die Geborgenheit.

„Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet", sagt Jesus (Matthäus-Evangelium 18,10). Und fährt fort: „Es ist auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde!" (18,14). Sie sind an den Kriegen unschuldig, egal, wo auf der Welt sie daheim sind. Sie haben sie nicht verursacht und angeordnet. Sie haben ein Bett verdient und Besseres als Bombardements. Deshalb bete ich mit den Worten eines Gedichts von Reiner Kunze:

 

Wir haben ein Dach

und Brot im Fach

und Wasser im Haus,

da hält man’s aus.

 

Und wir haben es warm

Und haben ein Bett.

O Gott, dass doch jeder

Das alles hätt’!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44555
weiterlesen...
08JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Und wieder ein Rekord: Die deutschen Rüstungsexporte verzeichnen einen neuen Höchststand. In der „Verteidigungswirtschaft“ – so nennt man die Rüstungsindustrie neuerdings verharmlosend – knallen die Sektkorken.

Ich stoße allerdings nicht mit an. Denn ich fürchte, um mit dem jüdischen Lyriker und Philosophen Paul Celan zu sprechen: Der Tod bleibt wohl „ein Meister aus Deutschland“.1)

Keineswegs möchte ich nun jene Menschen erschrecken, die heute früh irgendwo in einer Rüstungsbude mit ihrer Arbeit beginnen. Viele von denen hatten in der Sorge um Arbeit und Brot vielleicht kaum eine andere Wahl. Zusammenzucken aber sollten jene, die das in den Schaltzentralen der Politik und in den Konzernen zu verantworten haben, den „Händlern des Todes“. So nennt sie der Erzbischof von Neapel, Domenico Battaglia in einem flammenden Aufruf. 2)

Leidenschaftlich fleht der Kardinal: „Gebt den Müttern ihre Kinder zurück“. „Wie könnt ihr schlafen“, fragt er sie, „wenn hinter jedem Eurer Verträge Menschen verbluten. Kein Mensch ist als Zielscheibe geboren. Bekehrt Euch! Wieviel Blut müsst ihr noch vergießen?“

Und dann geißelt er den Krieg als Geschäftsmodell: „Es wird keinen Frieden geben, solange Krieg eine akzeptable Investition bleibt.“ Das bedeutet für mich: Es ist ein Skandal, Waffen zu schmieden und sie weltweit gewinnbringend zu verkaufen, um mit Tod und Krieg satte Gewinne zu erzielen.

Ich rufe in Erinnerung: Christlicher Auftrag ist und bleibt, „Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden“ (Jesaja 2,4). Es sei Wahnsinn, so mahnt der Erzbischof von Mailand¸ daran zu glauben, „man könne die Welt weiter in Brand setzen, ohne dabei selbst zu verbrennen. Der einzig mögliche Realismus ist jetzt der Frieden!“

Ach ginge uns doch endlich der Satz Jesu unter die Haut: „Wer zum Schwert greift, der wird durch das Schwert umkommen.“ (Matthäus-Evangelium 26,52)

-------------

  • Paul Celan (1920-1979): „Todesfuge“
  • Kardinal Domenico Battaglia: „Brief an die Händler des Todes“ (6. April 2026) https://www.sabinopaciolla.com/kard-battaglia-brief-an-die-handler-des-todes/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44554
weiterlesen...
06JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Künstler Daniel Beerstecher wandert gerade quer durch Deutschland. Im Juni 2025 ist er in seiner Heimatstadt Stuttgart aufgebrochen. Jetzt, ein Jahr später, kommt er demnächst dorthin zurück.

Das Besondere an der Reise: Daniel Beerstecher redet unterwegs nicht. „Ich höre zu – ein Jahr im Schweigen“, so heißt seine Aktion, die gleichzeitig ein Kunstprojekt ist.

Man kann ihn unterwegs eine Zeitlang begleiten auf seiner Wanderung oder ihn als Gastgeber zu sich nach Hause einladen. Und man kann dem Künstler dabei von sich erzählen, ihm etwas aus dem eigenen Leben anvertrauen. Also ein Gespräch führen mit einem Schweigenden. Daniel Beerstecher antwortet dann nicht mit Worten, – aber er hört aufmerksam zu, lässt das Gesagte still in sich wirken und blickt einen dabei offen an.

Mich fasziniert das. Dieses Projekt kommt nicht laut daher oder pompös. Daniel Beerstecher besticht nicht mit Schlagfertigkeit oder geschwungenen Reden. Und trotzdem hat sein Handeln Kraft. Weil gerade das Schweigen Neues möglich macht. Menschen, die ein Teil dieser Reise geworden sind, zeigen sich sehr berührt von der Begegnung.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, die weiß auch etwas von der Kraft der leisen Töne [vgl. 1. Könige 19,8-13]: Sie erzählt von Elia – er ist ein Prophet, also ein Mensch, der in besonderer Weise mit Gott verbunden ist.

Dieser Elia steckt in einer heftigen Lebenskrise. Er weiß nicht mehr, woran er sich orientieren soll, fühlt sich verlassen von Gott und der Welt. Und er macht sich deshalb auf – vierzig Tage und vierzig Nächte lang, bis er den heiligen Berg Gottes erreicht. Dort erlebt Elia einen tosenden Sturm, ein heftiges Erdbeben und ein großes Feuer. Aber in keinem dieser gewaltigen Naturelemente kann Elia Gott finden, heißt es in der Geschichte. Er bleibt verlassen.

Doch dann geschieht es. Gott kommt zu Elia, – aber ganz leise, in einem sanften Wind. Und Elia fühlt sich gehört und verstanden, kommt mit Gott ins Gespräch, ganz ohne hörbare Worte.

Stille, Schweigen – das hat tatsächlich viel mit Gott zu tun, glaube ich als Christ. Der schweigende Wanderer Daniel Beerstecher schreibt zu seinem Projekt: „Vielleicht braucht es in einer lauten Welt zuerst einen stillen Raum, in dem wieder gehört werden kann.“

[https://ich-hoere.zu.com/blog/tage-278-281-zu-gast-im-haus-werdenfels-ein-ort-fuer-stille-und-begegnung]

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44499
weiterlesen...
05JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Bei uns in Deutschland wird nach wie vor viel gespendet. Für einen gemeinnützigen Verein zum Beispiel, für ein soziales Projekt, für Hilfe ganz in der Nähe oder weiter weg. Und ich finde das bemerkenswert – dass so viele Menschen bereit sind, von ihrem Geld etwas abzugeben. Für ihr Geld haben sie schließlich gearbeitet und haben es sich verdient.

Auch ich arbeite für mein Einkommen. Ich investiere Zeit und Kraft, bringe meine Fähigkeiten ein – und bekomme dafür ein Gehalt. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: Habe ich mein Geld deshalb komplett selbst verdient? Dass ich meinen Beruf überhaupt ausüben kann – das habe ich doch nicht nur mir selbst zu verdanken. Da habe ich Unterstützung und Hilfe erfahren. Ich konnte eine lange Ausbildung machen, ich habe eine passende Stelle gefunden, ich bin gesund genug, um morgens aufzustehen – das alles habe ich nicht verdient. Für mich ist das vor allem ein Geschenk.

Zu biblischen Zeiten, vor vielen hundert Jahren in Israel, da haben sich die Menschen vorgestellt: Das Land, auf dem wir leben und arbeiten, das gehört nicht uns. Das Land gehört eigentlich Gott. Und dass auf dem Land Früchte wachsen, die wir dann ernten und verkaufen können oder mit denen wir unsere Tiere füttern, das haben wir nicht komplett selbst verdient. Das ist Gottes Geschenk an uns. Wir haben nur einen kleinen Teil dazu beigetragen.

Deshalb war es damals auch selbstverständlich, etwas abzugeben von der Ernte oder vom Geld. Meistens ein Zehntel des Ertrags [vgl. z.B. 5. Mose 14,28f.].

Ein Zehntel – zehn Prozent also. Das klingt erst mal nach sehr viel. Jedenfalls dann, wenn ich davon ausgehe, dass mir alles komplett selbst gehört und ich davon was abzwacken soll. Aber mit der alten biblischen Logik sieht die Rechnung plötzlich ganz anders aus: Wenn alles, was ich bekomme, geschenkt ist, und ich gebe ein Zehntel davon weiter, dann darf ich ganze neunzig Prozent für mich behalten! Ich bleibe also überreich beschenkt. Und andere haben auch noch was davon.

Sich beschenkt wissen und davon weitergeben. Diese Haltung hat etwas, finde ich. Wenn ich auf diese Weise Geld spende, verändert das auch in mir selbst etwas.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44498
weiterlesen...
03JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Menschen des Weges“. So hat man vor 2.000 Jahren die ersten Christen genannt [vgl. z.B. Apostelgeschichte 9,2]. Also die Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus. Vermutlich um auszudrücken: Christen machen sich auf einen neuen Weg, und zwar ganz praktisch, mitten im Leben.

„Menschen des Weges“. Ich persönlich habe einen ganz neuen Zugang bekommen zu dieser Bezeichnung. Seit ich nämlich mit dem Laufen angefangen habe.

Wenn ich da aufbreche zum Training, dann mache ich das meistens für mich persönlich. Wann ich eben gerade Zeit habe und in meinem eigenen Tempo. Das ist mit das Schöne für mich an diesem Sport – ich kann da völlig individuell unterwegs sein, immer und überall.

Und auch für mich als Christ ist wichtig: Erst mal glaube ich auf meine persönliche Art und Weise. Mich Gott nahe fühlen oder beten – das tue ich, wie es mir entspricht.

Aber auch wenn ich gern in meinem Tempo und auf meine Weise laufe, bin ich nicht allein unterwegs. Natürlich begegnen mir auf meinen Laufrunden immer wieder auch andere Läufer. Die meisten kenne ich gar nicht persönlich. Meistens reicht es nur für ein hastiges „Hallo“. Und trotzdem spüre ich dann Verbundenheit. Wir haben dieselbe Leidenschaft, machen ähnliche Erfahrungen, sind auf einem gemeinsamen Weg. Das macht das Laufen noch viel schöner.

So geht es mir auch, wenn ich mitkriege, dass jemand wie ich an Gott glaubt oder sich Christ nennt. Manchmal erfährt man das ja voneinander, und sei es nebenbei auf der Arbeit oder über Social Media. Dann merke ich: Wir gehören zusammen. Auch wenn wir unseren Glauben vielleicht ganz unterschiedlich leben.

Und manchmal genieße ich auch größere gemeinsame Treffen unter Christen. Bei einem Gottesdienst zum Beispiel. Oder wenn Kirchentag ist. Dann spüre ich: Wir sind gemeinsam Teil einer großen weltweiten Bewegung.

Als Läufer erlebe ich das bei Lauftreffs. Wenn sich ein paar Leute verabreden und als Gruppe eine Runde drehen. Und natürlich bei großen offiziellen Laufveranstaltungen. Wenn Hunderte oder gar Tausende zusammen auf die Strecke gehen. Jeder hat dann ein persönliches Ziel – aber genauso geht es um die gemeinsame Leidenschaft. Auch heute ist das so, am ersten Mittwoch im Juni. Da wird in vielen Ländern auf der Welt der Tag des Laufens begangen. Und Menschen machen sich gemeinsam auf den Weg.

Das ist schon was mit den „Menschen des Weges“. Ich bin gerne einer von ihnen. Mit Laufschuhen genauso wie als Christ.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44496
weiterlesen...
02JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wann ist man eigentlich krank – und wann gesund? Bei der Arbeit frage ich mich das manchmal. Es gibt ja so Tage, da bin ich nur ganz leicht erkältet und fühle mich sonst fit. Aber – ich arbeite als Seelsorger in einer Klinik. Da bin ich vor allem mit Patienten in Kontakt. Und dann ist natürlich völlig klar: Schon mit ein bisschen Schnupfen geht das nicht. Weil das ansteckend ist und für meine Gesprächspartner böse Folgen haben kann. Lasse ich mich deshalb also krankschreiben? Nicht unbedingt. In meinem Beruf habe ich ja auch Büroarbeit zu erledigen. Würde ich die wegen eines Schnupfens meinen Kollegen aufdrücken, käme mir das falsch vor.

Krank oder gesund? So klar und eindeutig lässt sich das also gar nicht immer sagen. Das beobachte ich auch bei den Patienten: Klar, auf dem Papier sind die krank. Deshalb sind sie ja im „Kranken-Haus“, mit einem gesundheitlichen Problem. Aber ich treffe immer wieder Patienten, denen es insgesamt gut geht. Weil es gerade aufwärts geht. Oder weil sie mit ihrer Krankheit zurechtkommen. Und umgekehrt gibt es ja auch Menschen, denen fehlt aus medizinischer Sicht gar nichts, – und trotzdem sind sie unglücklich.

Bin ich krank oder gesund? Bei der Frage kommt es auch auf mein Umfeld an. Wenn ich gut unterstützt werde, kann ich auch in einer Krankheitsphase einigermaßen zurechtkommen. Wenn ich auf mich allein gestellt bleibe, ist das schwieriger.

Und dann gibt es ja auch noch solche Dinge wie eine persönliche Veranlagung zur Depression oder eine Behinderung. Ob das Krankheiten sind, darüber lässt sich streiten. Aber sie beeinträchtigen das Leben.

Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – so sagt es die Weltgesundheitsorganisation. Das ist ein Ideal, das wahrscheinlich niemand je ganz erreicht. Deshalb glaube ich: Niemand von uns ist nur gesund, und niemand ist nur krank. Ich trage immer Anteile von beidem in mir.

Von Jesus erzählt die Bibel, dass er Menschen gesund gemacht hat. Zum Beispiel gibt er einem blinden Mann das Augenlicht wieder [vgl. Johannes 9,1-41]. Und zugleich gibt er ihm damit eine neue Stellung im Ort. Plötzlich ist er mehr als der blinde Bettler, als den ihn alle Leute immer gekannt haben. Hier „die Gesunden“, dort „die Kranken“ – diese Aufteilung funktioniert nicht mehr. Denn wir sind immer gesund und krank zugleich. Und wir brauchen uns immer gegenseitig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44495
weiterlesen...