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In meiner alten Heimat ist die Leiterin des Kindergartens in den Ruhestand verabschiedet worden: Nach 46 Dienstjahren in derselben Einrichtung! Auch meine drei Jungs sind bei ihr in der Gruppe gewesen. Der Elternbeirat hatte Kinder und Eltern aus allen Generationen ausfindig gemacht und sie zum Abschiedsgottesdienst eingeladen.
Gerne bin ich hingefahren. Die Kirche ist brechend voll. Ich bin spät dran und bekomme gerade noch einen Sitzplatz in der letzten Bank. Vom Singspiel zur biblischen Geschichte von Noahs Arche bekomme ich deshalb nicht allzu viel mit. Aber so schlimm ist das nicht. Denn vieles ist noch genauso wie vor einem Viertel Jahrhundert, als meine Jungs hier mitgemacht haben. Das Kind, das den Noah spielt, hämmert laut, damit sein Schiff, die Arche, bald fertig wird, denn es droht eine große Flutkatastrophe. Die meisten Kinder sind als Tiere verkleidet, und auch das Lied, das sie singen, kenne ich noch: „Kommt geschwind, kommt geschwind, eh die große Flut beginnt. Kommt herein, kommt herein, steigt in Noahs Arche ein.“ Elefanten und Frösche, Schafe und Hamster, Bären und Tiger tummeln sich auf den Stufen. „Und Noah lädt sie alle ein; kommt in das Schiff herein!“
Zwischen den Liedern habe ich viel Zeit, um meine Gedanken schweifen zu lassen. Was mir im Rückblick neben all den schönen Erinnerungen wohl am wichtigsten war: Die Erziehungspartnerschaft mit den Erzieherinnen. Sie sind damals die ersten gewesen, die außerhalb der eigenen Familie einen Blick für meine Kinder hatten. Einen zugewandten und professionellen Blick. Und ich habe als Mutter im Austausch mit ihnen unglaublich viel gelernt: Zum Beispiel, dass es nicht gut ist, wenn mein fünfjähriger Sohn täglich die Nachrichten schaut, auch wenn ich ihn zu einem weltoffenen und verantwortungsvollen Menschen erziehen möchte. Aber die für Erwachsene gemachten Nachrichten konnte er noch gar nicht wirklich verkraften. Heute diskutieren Eltern mit Lehrern über eine angemessene Nutzung von Social-Media. Und wissen die Expertise der Pädagogen hoffentlich genauso zu schätzen wie ich damals. Beim Abschiedsgottesdienst In der Kirche schweben inzwischen viele bunte Ballons und bilden zusammen einen großen Regenbogen. In der Bibel steht er für Gottes Zusage, die Welt, in der wir leben, für uns und unsere Kinder zu erhalten. Und die ganze Kirche singt jetzt für die scheidende Erzieherin: „Applaus, Applaus für deine Art, uns zu begleiten. Hör niemals damit auf …“ Ich singe dankbar und aus vollem Herzen mit.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44784„Wer schön sein will, muss leiden!“ Das hat schon meine Oma immer gesagt; und in ihrem Gefolge meine Mutter, wenn ich früher in viel zu engen Hosen, viel zu hohen Schuhen oder in einem für die herrschenden Temperaturen viel zu warmen oder viel zu kühlen Outfit das Haus verlassen habe. Ich war da ziemlich hart im Nehmen, und ja, manches Mal habe ich gelitten, gefroren, geblutet und die Zähne zusammengebissen. Weil ich gut aussehen wollte – und zwar ganz nach meinen eigenen Vorstellungen!
Mein Bruder hat den Spruch selbstverständlich nie zu hören gekriegt; damals war klar, dass Jungs nicht so viel auf ihr Äußeres geben. Das scheint sich inzwischen radikal geändert zu haben. Looksmaxxing heißt ein neuer Trend, der gerade vor allem junge Männer erfasst. Auf TikTok, Youtube und anderen Kanälen: Haufenweise Tipps für männerspezifische Pflegeprodukte und jede Menge Foren, in denen sich die User austauschen über das effektivste Bauch Beine Po-Training.
Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Aber manch einer geht dabei noch viel weiter. Und zwar mit der Faust oder mit dem Hammer ins Gesicht, um sich die Wangenknochen oder die Kieferpartie zu zertrümmern. Am Ende sollen die radikalen Maßnahmen zu markanteren Gesichtszügen verhelfen. Und den Mann attraktiver machen. Wer schön sein will, muss leiden?
Ich habe mir etliche dieser Videos bewusst angesehen. Und da hat einer in vollem Ernst diesen alten Oma-Spruch zitiert. Ich bin richtig erschrocken. Leiden bis hin zur Selbstzerstörung, um schön zu sein. Aber warum? Um die Liebe und Zuneigung von anderen zu gewinnen? Das ist doch verrückt! Ich bin im Gegenteil davon überzeugt: Wer schön sein will, egal ob Mann oder Frau, muss nicht leiden, sondern lieben. Und zwar zunächst einmal sich selbst. Leicht gesagt, ich weiß. Aber mit sich selbst liebevoll und gnädig umzugehen, ist eine absolut lohnenswerte Übung. Mir hilft dabei ein kleines Gebet. Täglich morgens, mittags und abends zu sprechen: „Lass mich dankbar sein, Gott, dass Du mich so gemacht hast wie ich bin. Und dass Du mir die Fähigkeit gegeben hast, freundlich mit mir umzugehen.“ Also, Männer, legt den Hammer aus der Hand! Und Frauen, lasst die Sprüche von Schönheit, die aus Leiden kommt. Übt es ein, Euch mit Gottes Augen anzusehen. Und Ihr werdet sehen: Ihr werdet schöner von Tag zu Tag!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44783Eine Frau fährt nachts über eine rote Ampel. Wie sich später herausstellt, ist dabei auch Alkohol im Spiel. Ein Unfall ereignet sich zum Glück nicht; niemand kommt zu Schaden. Sie wird aber kurz darauf von einer Streife angehalten. Der Rotlichtverstoß unter Alkoholeinfluss bringt ihr ein Bußgeld, Punkte in Flensburg und ein zeitlich begrenztes Fahrverbot ein. Und in diesem speziellen Fall das Ende einer Karriere als Bischöfin der evangelischen Kirche in Deutschland.
So war das im Jahr 2010. Die auf frischer Tat ertappte Margot Käßmann hat alle Verstöße zugegeben, die strafen akzeptiert, sich entschuldigt und Reue gezeigt und ist doch drei Tage später von allen ihren Ämtern zurückgetreten. Jetzt steht gerade wieder ein Mann der Öffentlichkeit, diesmal ein Politiker, wegen eines Verkehrsdelikts in der Kritik. Er ist beliebt und wird über Parteigrenzen hinaus geschätzt. Trotzdem ist er nun wegen „Nötigung in Tateinheit mit Beleidigung“ angeklagt worden. Mit seinem Auto soll er sich auf die Überholspur gedrängt, ein anderes Auto ausgebremst und der Fahrerin eine obszöne Geste gezeigt haben. Soll er nun auch zurücktreten? Ist er als Vorbild nicht mehr geeignet? Hat er seine Glaubwürdigkeit eingebüßt?
Solche Fragen sind vor sechzehn Jahren im Fall Käßmann erörtert worden, und nun werden sie wieder gestellt. Ganz ehrlich: Mich ärgert das. Denn von einem vorbildlichen Menschen erwarte ich überhaupt nicht, dass er oder sie keine Fehler macht. Zu behaupten, dass irgendjemand sich immer nur korrekt verhält, finde ich nämlich äußerst unglaubwürdig. Jeder Mensch macht Fehler. Von einem vorbildlichen Menschen könnte ich aber lernen, wie ich mit Fehlern umgehen kann. Dass ich sie zum Beispiel nicht vertusche, nicht abstreite, sondern zugebe. Ich könnte lernen, wie ich mich bei anderen entschuldige. Das ist nämlich oft gar nicht so einfach, aber befreiend, wenn es gelingt. Ich könnte sogar lernen, dass ich nicht untergehe, wenn ich mal den Kürzeren ziehe und auf mein gutes Recht verzichte. Und dass ein offener Umgang mit dem, was ich falsch mache, mir und anderen zum Leben hilft. Deshalb fordere ich keine Rücktritte, sondern starke Auftritte von Menschen, die zu ihren Fehlern stehen und mir zeigen, wie das Leben trotzdem weitergehen kann. Fehlerfreundlich. Oder in biblischer Sprache: Barmherzig und gnädig. Geduldig und von großer Güte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44782Jonathan Tah ist mein Held des Monats. Schließlich hat er auch das Tor des Monats geschossen. Im Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft beim Spiel der Deutschen gegen Paraguay. Beim Elfmeterschießen stand es nach sechs Schüssen von jeder Mannschaft drei zu drei. Unentschieden. Ab jetzt gilt die Regel des sudden death: Schütze gegen Schütze; wer nicht trifft, ist raus.
Die Besten waren schon dran; es gibt keine Freiwilligen. Alle schauen betreten auf den Boden und hoffen, dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Dann schnappt sich Jonathan Tah den Ball. Später wird man erfahren, dass er noch nie zuvor in einem Spiel einen Elfmeter geschossen hat. Was treibt ihn an in diesem Augenblick? Vielleicht denkt er an das Tor, das er in der Verlängerung geschossen hat. Es hat leider nicht gezählt; wurde wegen eines Fouls wieder aberkannt. Vielleicht denkt er; das mach ich jetzt wieder wett; ich hab ja noch eins gut. Vielleicht denkt er auch nichts dergleichen. Legt sich den Ball zurecht, läuft an und schießt; der Ball fliegt weit übers Tor in den Himmel über Foxborough. Kurz darauf verwandelt Julio Enciso für Paraguay; Deutschland ist raus.
Und nein, ich habe mich über diese Niederlage nicht gefreut; gerne hätte ich ein Achtelfinale und ein Viertelfinale mit deutscher Beteiligung gesehen, mehr habe auch ich freilich im Vorfeld nicht zu hoffen gewagt. Warum Jonathan Tah dann mein Held ist? Weil er in einem schwierigen, aber entscheidenden Moment die Verantwortung übernommen hat: Ich mach das jetzt. Ich gehe das Risiko ein. Und ich bin bereit, mit den Folgen zu leben, ob nun lauter Jubel oder lauter Vorwürfe dabei herauskommen.
Das finde ich stark. Der biblische Petrus hat einmal geschrieben: „Seid jederzeit bereit, Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, von der ihr erfüllt seid. Denn immer wieder wird man euch auffordern, dafür Rede und Antwort zu stehen.“ Daran muss ich denken, als ich Jonathan Tah später im Interview sehe. Wieder steht er da, steht Rede und Antwort, kneift nicht, regt sich nicht auf, redet sich nicht raus. „Es tut extrem weh“, sagt er, und ja, auch das nehme ich ihm ab. Es tut weh zu verlieren. Und es ist schmerzhaft, seinen eigenen Anteil daran zu tragen. Das Schönste sagt Jonathan Tah zum Schluss: „Ich würde es wieder tun. Ich würde wieder antreten!“ Mach das, Jonathan Tah. Dein Name – Jonathan – bedeutet Gottesgeschenk.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44781Meine Freundin Anne sitzt neben mir im Gottesdienst. Sogar in der Kirche ist es drückend heiß. Inzwischen sind wir aber auf die Hitze vorbereitet und ziehen beide fast gleichzeitig einen Fächer aus unseren Handtaschen heraus. Wir prusten los: Zwei Freundinnen, ein Gedanke… Wir lachen so oft miteinander. Was für ein Geschenk!
Aber was ist das? In Annes Augenwinkeln sehe ich es glitzern. Das sind doch Tränen und keine Schweißperlen? Verstohlen blicke ich mehrfach zu ihr hinüber. Kein Zweifel: Jetzt laufen ihr Tränen über die Wangen. Und beim anschließenden Kirchenkaffee erzählt sie mir, was los ist: Am Abend davor war sie mit dem Fahrrad von einer sommerlichen Veranstaltung nach Hause gefahren; ganz beglückt, weil das Theaterstück unter freiem Himmel so schön gewesen ist. An einer Ampel musste sie anhalten, ist dann bei Grün rechts abgebogen – und wäre um Haaresbreite von einem Auto über den Haufen gefahren worden.
Vollbremsung, quietschende Reifen, Schockstarre; der Fahrer steigt aus und entschuldigt sich tausendmal; beide sind grün im Gesicht. Und in Annes Kopf hämmert es: „Mein Gott, ich hätte tot sein können! Einfach so; von jetzt auf gleich. Da hast du alles richtig gemacht, jede Verkehrsregel beachtet, einen Helm auf, Reflektoren am Fahrrad und trotzdem!“
Sie denkt an ihre Kinder, an ihre Tochter, die übermorgen Geburtstag hat. Nachts findet Anne dann kaum Schlaf. Trotzdem kommt sie am nächsten Morgen zum Gottesdienst; wir hatten uns da verabredet. Und langsam fängt der Schock vom Abend zuvor an, sich zu lösen. Aus Annes Lachen werden Tränen. Die Lieder, die wir schon so oft gemeinsam gesungen haben, hören sich plötzlich ganz anders an: „Du hast uns deine Welt geschenkt, du gabst uns das Leben, du hast uns deine Welt geschenkt, Gott wir danken dir!“ Was für ein kostbares Geschenk doch das Leben ist! Und wie zerbrechlich in jedem einzelnen Augenblick. Ich kann es ihr so gut nachfühlen, und als sie mir alles erzählt hat, nehme ich sie fest in den Arm.
Eine große Dankbarkeit für mein Leben durchströmt mich, und auf dem Heimweg summe ich das Lied aus dem Gottesdienst vor mich hin: „Guter Gott, ich bitte dich: Schütze und bewahre mich. Lass mich unter deinem Segen leben und ihn weitergeben. Bleibe bei uns allezeit, segne uns, segne uns, denn der Weg ist weit.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44780Ein Brautpaar spricht mit mir wegen ihrer Trauung. Ich kenne die beiden schon länger und frage sie, was sie aneinander schätzen und lieben.
Sie schauen sich an und dann sagt Jasmin, die Braut: „Ich mag, wie unterschiedlich wir sind.“ Er lächelt und schaut kurz verschämt auf den Boden. „Ich liebe an Steffen, dass er ganz anders ist als ich. Ich bin oft zu rational und auch zu optimistisch. Er bringt mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Das hilft mir sehr.“ Sie lächeln einander an. Steffen beginnt zögerlich. Ich merke ihm an: Er will die richtigen Worte finden. „Ich liebe sie, weil sie so optimistisch ist. Sie sieht immer das Gute. Ist so herzlich. Grade, wenn ich eher mal zweifle und skeptisch bin.“
Beide erzählen, wie ihnen ihre Unterschiedlichkeit gut tut. Wie sie sich ergänzen. Ich finde, die beiden sind wirklich total verschieden. Auch beruflich: Er arbeitet als Erzieher und sie macht den Doktor in Physik.
Ich dachte nach diesem Gespräch: Ich wünsche mir, dass wir uns eine Scheibe davon abscheiden. Wir als Gesellschaft.
Ich habe den Eindruck, dass die aktuelle politische und gesellschaftliche Atmosphäre eher die Angst vor Unterschiedlichkeit vergrößert. Zum Beispiel vor Menschen, die eine andere Sprache sprechen und aus einer anderen Kultur kommen. Sobald über das Verbrechen eines Asylsuchenden berichtet wird, steigt das Misstrauen gegenüber den Menschen, die aus Ihrer Heimat geflüchtet sind, um bei uns Schutz zu finden. Oder wenn ich lese, dass manche homosexuelle Paare vermeiden, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, weil sie Angst vor Gewalt haben.
Mir ist schon bewusst. Das ist alles nicht dasselbe, wie die Unterschiedlichkeiten, von denen dieses Brautpaar gesprochen hat. Und trotzdem: Ich möchte von diesem Paar lernen. Für unsere Gesellschaft und auch für die Kirche, dass Unterschiedlichkeit mir keine Angst zu machen braucht. Ganz im Gegenteil. Dass ich dafür werbe, andere ermutige, es auch so zu sehen.
Auch wenn Unterschiedlichkeit ganz schön anstrengend und herausfordernd sein kann. Ich bin überzeugt: Wir brauchen einander. Nicht dabei, was jeder von uns alleine schon kann oder weiß. Sondern bei dem, was ich allein nicht kann und nicht sehe. Und da gibt‘s grade genug!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44736Es ist Freitagabend und plötzlich heißt es: Bombenalarm.
Ich bin an dem Wochenende mit ein paar Freunden verabredet. Wir waren gemeinsam auf einer Fortbildung und treffen uns seitdem jedes Jahr. Diesmal sind wir in Nürnberg. Die Tage sind durchgeplant. Eigentlich wollten wir gerade beginnen uns zu erzählen, was seit letztem Jahr so los war und plötzlich piepen unsere Handys.
Es wurde eine Fliegerbombe gefunden. Alle im Umkreis von zwei Kilometern müssen die Häuser verlassen. Schnell ist klar: Wir gehören dazu. Und schnell ist auch eine Lösung gefunden: Wir können in ein Haus ein paar Kilometer außerhalb von Nürnberg. Es ist nervig, weil wir unser Wiedersehen anders geplant hatten, aber alles in allem ist es unkompliziert. Wir fangen an, das Notwendigste zusammenzupacken.
Eine syrische Familie ist auch noch mit uns im Gästehaus. Ein Ehepaar mit einer kleinen Tochter. Vielleicht 8 oder 9 Jahre alt. Sie machen sich auf den Weg in eine der Notunterkünfte. Die Kleine hat Angst und versteht die Welt nicht mehr. Sie sagt: „Bei uns zuhause mussten wir beim Bombenalarm in den Keller und jetzt sollen wir plötzlich das Haus verlassen?“ Mir wird schmerzhaft bewusst, was dieses Kind schon alles mitmachen musste und jetzt auch hier in Deutschland so eine Situation erlebt. Ich frage mich, wie die Kleine wohl weiter aufwachsen wird, wenn sie nirgends Sicherheit spürt.
Um vier Uhr morgens wird die Bombe entschärft. Uns geht es allen gut, aber wir sind völlig platt, weil wir so lange darauf gewartet hatten, wann wir wieder zurückkönnen. Wir fahren direkt zurück und versuchen noch eine Mütze Schlaf zu bekommen.
Am nächsten Morgen treffen wir im Gästehaus auch die syrische Familie wieder. Wir sind froh, dass alles gut gegangen ist. Sowohl die Entschärfung der Bombe als auch das mit den Notunterkünften. Doch eine Frage trübt unsere zurückgewonnene Leichtigkeit. Die Frau der syrischen Familie fragt: „Was wohl in unserem Heimatland in achtzig Jahren noch an Bomben und Minen im Boden gefunden wird?“.
Und da wird mir noch mehr bewusst: Krieg hat immer Leid und Tod zur Folge. Wenn ich unsere Nachrichten anschaue, sehe ich „nur“ das aktuelle Leid. Wenn ich auf die syrische Familie in dieser Nacht schaue, sehe ich was so ein Krieg innerlich und äußerlich anrichtet. Wie er auch in Zukunft das Leben von Menschen bestimmt. Und das tut weh!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44735Heute darf ich Jakob taufen. Es ist ein traumhaft schöner Tag. Auch weil es heute nicht mehr selbstverständlich ist, dass Eltern ihr Kind taufen lassen. Wir sind um die dreißig Leute, die mitfeiern, und ich beginne den Gottesdienst draußen vor der Kirche. Ich begrüße alle, spreche das erste Gebet, um gleich unterbrochen zu werden.
Direkt vor mir stehen drei Mädchen. Die Schwester des Täuflings und ihre Freundinnen. Mit großen Augen schauen sie zu mir hoch und nur Zuhören ist scheinbar zu langweilig. Als ich im Gebet sage: „...öffne Jakob die Tür, durch die auch wir durch die Taufe eingetreten sind…“ Komme ich gar nicht weiter, weil die erste schon ganz laut fragt: „Welche Tür?“. Ich halte kurz inne. Zeige auf die Eingangstür der Kirche und sage: „Genau die Tür hier, durch die wir gleich reingehen.“ Alle schmunzeln. Als es am Ende des Gebets heißt: „…durch Christus, unseren Bruder und Herrn…“ fragt die Schwester des Täuflings ganz laut: „Wessen Bruder ist das?“. Die Mutter greift ein und sagt halblaut: „Das ist nächste Woche ne super Frage für Deine Relilehrerin.“
Ich sag es mal so: Es kam im Laufe der Taufe noch die eine oder andere Frage auf. Und ich hab mich an der ein oder anderen Stelle ertappt und ein wenig dumm gefühlt, weil ich die Fragen gar nicht so einfach beantworten konnte.
Und gleichzeitig habe ich etwas Schönes gelernt: Kinder stellen unerwartete, aber auch ganz wunderbare Fragen. Sie haben ein untrügliches Gespür für die Worthülsen, die ich als Pfarrer zu oft und zu selbstverständlich benutze.
In der Bibel wird erzählt, wie Jesus mit vielen Leuten unterwegs war. Einmal war ein Kind dabei und er hat gesagt: „Werdet, wie so ein Kind.“ Ich denke, er hat gemeint: Verlernt nicht Fragen zu stellen und hinterfragt auch das, was ihr so selbstverständlich sagt.
Ich habe gelernt: Bei einer Taufe muss nicht alles klar sein, alles klug erklärt werden, was Glaube bedeutet und was Kirche. Nein, die Taufe ist ein erster Schritt. Ich finde es richtig, wenn da Fragen gestellt werden. Auch, wenn ich dadurch ein bisschen herausgefordert werde. Glauben bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern neugierig zu bleiben und Fragen zu stellen. Eben, wie ein Kind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44734Ein Fünfzehnjähriger ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich war bei der Beerdigung, weil ich seine Eltern gut kenne. Es war schlimm. Die verzweifelten Eltern zu sehen. Die vielen jungen Leute. Aus dem Musikverein, in dem er gespielt hat, aus seiner Berufsschule, aus seinem Freundeskreis. Alle waren sprachlos, traurig und viele haben geweint. Ich auch.
Zwei Dinge sind mir dabei wieder neu aufgegangen:
Zum einen, wie wichtig Gemeinschaft ist. Gerade in einer solchen Situation, in der ich mich so hilflos fühle. Aber Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel. Ich war selbst als Jugendlicher beim Jugendrotkreuz, habe in der Blaskapelle mitgespielt und war Ministrant in der Kirchengemeinde. Ich habe dort im Laufe der Zeit erfahren, dass es Menschen gibt, die mir wohlgesonnen sind, mit manchen bin ich bis heute befreundet. Sie stehen mir bei, wenn etwas Schlimmes passiert.
Und zweitens: An Gott zu glauben, kann hilfreich sein. Der Pfarrer hat am Beginn der Beerdigung gesagt, dass er nicht weiß, warum der junge Mann diesen Unfall hatte. Dass es darauf keine Antwort gibt, warum Gott solche Dinge zulässt. Aber dass gläubige Menschen glauben und hoffen, dass Gott das nicht egal ist. Dass er mitleidet, mitgeht und auch, dass wir uns eines Tages alle wiedersehen werden. Ich glaube das auch.
Mit dem Glauben verhält es sich genauso, wie mit der Gemeinschaft. Der fällt auch nicht vom Himmel. Ich muss ihn genauso erfahren und einüben. Indem ich jeden Abend vor dem zu Bett gehen bete oder sonntags im Gottesdienst bin. Gott ist nicht irgendwo weit weg. Manchmal glaube ich, dass ich ihn spüre. In einem Moment der inneren Ruhe, wenn ich bete. In einem Wort oder Lied, das mich im Gottesdienst berührt oder auch manchmal einfach nur im Rauschen der Blätter, wenn ich spazieren gehe. Ich kann es nur schwer beschreiben. Aber ich habe dann eine Ahnung, dass Gott da ist. Und diese Ahnung ist in den vergangenen Jahren stärker geworden. Es ist, wie mit einem guten Freund, mit dem ich Zeit verbringe. Man lernt sich besser kennen.
Bei dieser Beerdigung habe ich beides erlebt. Wie Gemeinschaft und Glaube helfen, die allgemeine Sprachlosigkeit auszuhalten. Und, wie gut es tut, wenn wir uns in schweren Zeiten nicht allein lassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44733„Alle Menschen lieben Seifenblasen.“ Das hat neulich eine Studentin zu mir gesagt. Ich musste schmunzeln, weil ich gleich Seifenblasen vor meinem inneren Auge hatte. Sie hat mir dann erzählt, dass sie immer ein kleines Röhrchen Seifenblasen dabei hat. Wenn zum Beispiel bei einer Sitzung eine Diskussion schwierig ist, dann kommt es zum Einsatz. „Danach war es meistens besser.“, sagte sie. „Auch wenn die Situation vorhin vielleicht gerade blöd war, dann haben zumindest einige kurz gelächelt.“.
Was für eine tolle Idee. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das wirklich funktioniert. Wenn Seifenblasen so leicht und bunt durch die Luft schweben. Die Situation ist bestimmt nachher noch dieselbe. Die Menschen auch. Aber im besten Fall hat sich die Atmosphäre ein wenig geändert.
Stellen Sie sich mal vor: Sie stehen am Bahngleis. Es kommt eine Durchsage, dass Ihr Zug 20 Minuten verspätet ist. Sie stehen dort, stöhnen vielleicht, motzen, zücken Ihr Handy. Und dann sehen Sie plötzlich, wie eine Wolke Seifenblasen an Ihnen vorbeizieht. Müssen Sie da nicht automatisch hinschauen, schmunzeln und schauen, wo die herkommen. Natürlich kommt der Zug deswegen nicht früher. Aber durch das Genervtsein auf die Bahn auch nicht.
Ich glaube, wir brauchen mehr Seifenblasen in unserem Leben. Mehr Momente, die uns den Ärger, der manchmal in uns hochkommt, vergessen lassen. Etwas, wie Seifenblasen lässt mich kurz in die Luft und in die Weite schauen, staunen und lächeln. Die bunten schwebenden Kugeln sind geradezu ein Gegenmodell zur kahlen Härte eines Bahnhofs.
Als Theologe würde ich sagen: Seifenblasen sind so, wie ein bisschen Frohbotschaft für zwischendurch. Ok, es ist gewagt meinen Glauben mit Seifenblasen zu vergleichen. Ich hoffe, er platzt nicht so leicht. Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit. Wie Jesus mit Menschen umgangen ist, was er von Gott erzählt hat, dass er gestorben und auferstanden ist. Diese große Geschichte… lässt mich auch immer wieder staunen, in die Weite schauen und manchmal auch lächeln. Gerade wenn etwas schwierig ist. Wenn ich wahnsinnig gestresst bin oder einen Streit hatte und mich über jemanden geärgert habe. Da habe ich durch biblische „Geschichten“ und meinen Glauben immer wieder Seifenblasenmomente erlebt. Danach war nicht alles gut. Aber für einen Moment besser und mein Herz weiter.
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