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11FEB2026
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Bald ist Landtagswahl – und ein paar der Wahlplakate am Straßenrand versprechen dieses Mal wirklich etwas Sensationelles: Das ewige Leben! Ich musste zweimal hinschauen, aber es scheint ernst gemeint: Einer kleinen Partei geht es nicht um Wirtschaft oder Bildung, sondern darum, den Tod abzuschaffen… Ihre Vertreter sind überzeugt: Wenn man nur genug Geld in die Forschung investiert, dann können wir alle ewig jung bleiben und am Ende muss niemand mehr sterben. Das ewige Leben als Wahlversprechen. Dazu wählen sie krasse Motive: Einen alten Mann im Pflegebett zum Beispiel. Altern erzeugt Leid, steht darunter.

Mich hat das erschreckt. Weil ich den Eindruck habe: Die Plakate zeigen auf krasse Weise etwas, das durchaus im Trend liegt: Die Suche nach ewiger Jugend und ewigem Leben! Die sozialen Medien sind voll davon: von Berichten über amerikanische Tech-Milliardäre, die Unsummen ihres Vermögens in irgendwelche Behandlungen stecken, um das Altern hinauszuzögern. Und auch sonst geht es auf Tik-Tok und Insta dauernd darum, die eigene Ernährung und das Fitnessprogramm zu optimieren, um möglichst lange jung und schön zu bleiben.

Warum ich das so gruselig finde? Weil ich merke, dass dieser Hype um die Selbstoptimierung total Druck machen kann: „Iss dies, mach das – und wenn Du nicht gesund und glücklich bist, dann musst Du Dich eben noch mehr anstrengen!“

Ich finde: Das ist doch kein Leben. Schon gar nicht das ewige, von dem Jesus in der Bibel spricht: Das „ewige Leben“ von dem Jesus spricht, ist nicht ein Leben, das einfach ewig dauert. Es fängt schon im Hier und Jetzt an. Weil Gott es begleitet – ob ich nun gesund bin oder krank, auch wenn ich älter werde – und sogar über den Tod hinaus. Jesus verspricht, dass mein Leben heute schon bei Gott aufgehoben ist und es bleiben wird – eben „in Ewigkeit“.

Deshalb wehre ich mich gegen den Trend zur Selbstoptimierung. Denn ich glaube: Wer im Sinne der Bibel ein „ewiges“ Leben lebt, verdrängt nicht den Gedanken, älter und schwächer zu werden und einmal sterben zu müssen. Und auch nicht den Schmerz, den Krankheit und Tod ja tatsächlich erzeugen. Wer im Sinne der Bibel ein „ewiges“ Leben lebt, schiebt die dunklen Seiten des Lebens nicht weg, sondern versucht anderen beizustehen, die daran leiden. Im Vertrauen darauf, dass auch Gott das ganze Leben mitgeht – egal wie leistungsfähig oder wie hilfsbedürftig ich bin. Und dass ich auch im Tod nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand.

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10FEB2026
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Seit neustem bin ich Parlamentarierin. Ich bin in die Synode gewählt worden – das ist quasi das Parlament meiner Landeskirche. Die Wahl war vor Weihnachten, und bald werden wir unsere erste Sitzung haben. Noch hat es also gar nicht richtig angefangen, aber ich frage mich jetzt schon: Was ist gerade besonders wichtig? Worum sollten wir uns zuerst kümmern? Was erwarten die Menschen von uns als Kirche? Was erwarten Sie, liebe Hörerinnen und Hörer?

Natürlich gibt es da sehr unterschiedliche Meinungen – auch in unserem Kirchenparlament. Den einen dort ist es besonders wichtig, dass die Kirche die Seenotrettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer unterstützt, die anderen möchten das Geld vor allem in die Jugendarbeit vor Ort investieren. Manche finden es selbstverständlich, dass die Kirche auch queere Paare traut – andere sehen da noch Schwierigkeiten. Sind das Themen, die auch Sie wichtig finden? Oder gibt es da noch ganz andere Dinge?

Immer mal wieder treffe ich Leute, die erstaunt sind, wenn ich davon erzähle. Demokratie – in der Kirche? Passt das? Wird bei euch in der Kirche nicht sowieso alles einfach von oben bestimmt?  Nein, so ist es tatsächlich nicht. Die Synodalen, also die Abgeordneten in der Landessynode, werden in meiner Landeskirche von allen Mitgliedern direkt gewählt. Und sie beraten und entscheiden – wie andere Abgeordnete auch – über die Finanzen, Gesetze und Regelungen in der Kirche. Letztlich kann also jeder und jede an der Basis auch mitbestimmen, wie es läuft.

Natürlich ist in der Kirche nicht alles verhandelbar. Dass wir an Jesus Christus glauben oder und uns auf die Bibel beziehen, das kann die Synode nicht einfach ändern. Aber wie wir die Bibel verstehen und was das konkret für heute heißt, darüber kann man schon diskutieren. Deshalb sind auch schon ganz früher, in der Antike, Kirchenvertreter in Synoden zusammengekommen, um über die kirchliche Lehre zu beraten. Weil sie überzeugt waren: Ja, Gott schenkt den Menschen Weisheit. Aber eben nicht einem allein die ganze. Deshalb ist es wichtig, zusammenzukommen und viele Stimmen zu hören. Und miteinander darum zu ringen, was richtig ist.

Dass das anstrengend ist und auch nicht immer sehr effizient – keine Frage. Aber ich bin fest überzeugt: Es gibt keine bessere Möglichkeit. Weder im Staat noch in der Kirche. Deshalb hoffe ich, dass diejenigen, die mich als Synodale gewählt haben, geduldig sind, wenn es länger dauert, bis etwas vorankommt. Und habe selbst noch mehr Verständnis und Respekt für alle, die in der Politik mühsame Kompromisse aushandeln – egal ob im Bundestag oder im Ortschaftsrat. Gut, dass sie dazu bereit sind!

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09FEB2026
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Liebe geht durch den Magen, sagt man. Und bei uns im Dorf schmeckt sie nach Nusskuchen. Das Gemeindehaus unserer kleinen Kirchengemeinde hat sich nämlich letzte Woche kurzfristig in eine Art Konditorei verwandelt. Immer neue hausgemachte Nuss- und Apfelstreusel-, Quark-Mandarinen- und Schoko-Kirsch-Köstlichkeiten wurden angeliefert – am Ende haben fleißige Helfer über zwanzig Kuchenboxen am ins Auto gestapelt. Das Ziel der reichen Kuchenspenden: Die Tübinger Vesperkirche!

Die findet gerade in der Tübinger Martinskirche statt. Drei Wochen lang gibt es dort dank unzähliger Freiwilliger nicht nur jeden Tag ein warmes Mittagessen, sondern auch gute Gespräche, Rechts- und Sozialberatung, Fußpflege, Musik und kleine Konzerte. Für alle, die kommen möchten. Und kostenlos für alle, die wenig Geld haben. Die gespendeten Kuchen, das wissen die engagierten Bäckerinnen und Bäcker aus unserem Dorf, sind dort hoch willkommen. Und zwar nicht nur, weil sie als Nachtisch dienen und das knappe Budget der Vesperkirche entlasten, die dringend auf Spenden angewiesen ist.

Ein selbstgebackener Kuchen, das ist für viele Besucherinnen und Besucher der Vesperkirche mehr als ein Nachtisch. Sie merken: Da hat sich jemand extra Zeit genommen, eingekauft und Teig gerührt, damit ich ein leckeres Stück Kuchen essen kann. Und oft weckt der Geschmack der hausgemachten Kuchen auch Erinnerungen an andere, vielleicht auch bessere Zeiten im Leben: Hmm, der frische Nusskuchen, wie der duftet. So hat es früher bei meiner Oma in der Küche gerochen, wenn sie gebacken hat und es warm und gemütlich war.

Nächstenliebe steigt in die Nase – und geht durch den Magen. Und manchmal genügt ein Stück Kuchen, um jemandem zu zeigen: Die Welt ist nicht nur schlecht. Es gibt Menschen, die es gut mit mir meinen – obwohl sie mich nicht mal kennen. Und wer weiß, vielleicht kommt der eine oder andere auf diese Weise sogar Gott auf die Spur: Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist, heißt es in einem Psalm in der Bibel.

Wunderbar, dass in unserer Gemeinde so viele ganz selbstverständlich einen Kuchen für die Vesperkirche backen – oder dort an anderer Stelle ehrenamtlich mitarbeiten. Und so andere etwas von der Freundlichkeit sehen und schmecken lassen. Denn: Liebe geht durch den Magen.

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07FEB2026
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Ich bin beim Neujahrsempfang der örtlichen Tageszeitung, und die Chefredakteurin hat eine Schachtel mit Zetteln, mit denen sie vorstellt, was für sie zu gutem Journalismus gehört. Zum Beispiel, dass die Informationen richtig sind. Dass eine Journalistin unabhängig ist und transparent arbeitet. Dass die Artikel relevant sind für die Leserschaft. Es kommen noch eine ganze Reihe an Schlagworten, und dann kommt ein Zettel, der so gar nicht zu den anderen passt. Auf ihm steht: Hoffnung.

Damit hätte ich hier – mitten in der Redaktion der Zeitung – nicht gerechnet. Aber die Chefredakteurin sagt: „In einer Welt voller Krisen, Kriege und Unsicherheit braucht es auch das, was Mut macht und auf eine andere Zukunft hoffen lässt. Und auch das wollen wir in unseren Artikeln bieten.“

Hoffnung und Zukunft – je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich, dass die beiden zusammengehören. Eine Zukunft ohne Hoffnung mag ich mir nicht vorstellen. Das wäre ganz schön trostlos.

Dass Zukunft nur mit Hoffnung geht, das lese ich auch in den alten Zeilen von Jeremia, einem der Propheten. Vor ungefähr 2500 Jahren schreibt er in Gottes Namen: „Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.“ (Jer 29,11) Auch damals bei Jeremia ist die Ausgangslage alles andere als rosig. Die Menschen sind aus der Heimat vertrieben worden und in dem Land fühlen sie sich unsicher und von Gott verlassen. Aber Jeremia ermutigt, dass es anders werden kann. Dass die Zukunft noch offen ist, und Gott nicht von ihrer Seite weicht.

Darauf möchte ich auch heute noch vertrauen. Und trotzdem kann ich nicht hoffnungsvoll in die Zukunft stürmen. Das muss ich auch gar nicht. Denn die Hoffnung ist eher von der feinen, leisen Sorte. Schnell wird sie übertönt von schlechten Nachrichten und Katastrophenmeldungen. Aber ich glaube, sie ist ausdauernd und findet ihre Nischen. Und wenn ich genau hinschaue, dann kann ich sie entdecken: bei Menschen, die nicht nur an sich selbst denken, sondern sich auch verantwortlich für andere fühlen. Wenn eine Kollegin für mich einspringt, weil bei mir gerade Land unter ist. Oder wenn jemand Position bezieht und eingreift, weil jemand anderes gerade abfällig behandelt wird.

Dass der Zukunft die Hoffnung nicht abhandenkommt, dafür mag ich etwas tun. Und auch wenn meine Möglichkeiten beschränkt sind, weigere ich mich, mich von dem lähmen zu lassen, was mich jetzt gerade bedrängt. Sondern ich halte Ausschau nach dem, was Blicke verändert, was Herzen verbindet und was meine Seele leichter macht.

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06FEB2026
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Bei mir ist noch Weihnachten. Zumindest ein bisschen – auch, wenn schon Anfang Februar ist. Tannenzweige, Krippe und Weihnachtskugeln sind zwar schon gut verpackt im Keller gelandet, aber vom großen leuchtenden Stern im Wohnzimmerfenster kann ich mich in diesem Jahr noch nicht trennen. Ich brauche sein Licht. Gerade jetzt, wenn das Grau sich an manchen Tagen hartnäckig hält und es viele Tage gibt, an denen es nasskalt und ungemütlich ist. Und auch die Weltlage ist weit davon entfernt mein Gemüt aufzuhellen.

Der Stern mit seinem Licht tut mir dann besonders gut. Denn er macht nicht nur mein Wohnzimmer hell, sondern er erinnert mich daran, dass Weihnachten weitergeht. Zu Weihnachten gehören für mich unbedingt die Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern gefolgt sind. Es sind Gottessucher, die einen langen Atem haben. Die sich von widrigen Umständen unterwegs nicht aufhalten lassen. Und die in der Zukunft noch etwas erwarten. Damit sind sie für mich echte Vorbilder – auch noch im Februar.

Vor knapp 80 Jahren hat der Theologe Karl Rahner einen Text zu den Weisen aus dem Morgenland geschrieben, in dem er seine Leserschaft direkt anspornt: „Lasst auch uns auf die abenteuerliche Reise des Herzens zu Gott gehen! Lasst uns laufen! Lasst uns vergessen, was hinter uns liegt. Es ist noch alles Zukunft. Es sind noch alle Möglichkeiten des Lebens offen, …“
Und zu sich selbst sagt er: „Verzage nicht: der Stern ist da und leuchtet. (…) Warum schiebst du selbst die Wolken vor den Stern? Die Wolken der Verdrossenheit, der Enttäuschung, der Bitterkeit des Versagthabens (…)? Gib die Wehr auf: der Stern leuchtet!“[1]

Wie lange der Stern in meinem Wohnzimmer noch leuchten wird, weiß ich noch nicht. Und auch nicht, was heute auf mich zukommen wird. Aber ich möchte mich vom Stern anstiften lassen, mich aufzumachen und mein Herz offen zu halten – für das, was heute zwischen all dem Alltagsgrau durchscheint. Was mich innerlich stärkt und mich zufrieden sein lässt. Dann leuchtet der Stern – wie der Stern in der Weihnachtsgeschichte – dort, wo ich etwas von Gott finden kann.

 

[1]Aus: Karl Rahner, Von der seligen Reise des gottsuchenden Menschen. Gedanken zum Fest der Erscheinung des Herrn, in: Geist und Leben 22 (1949) 405-409

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05FEB2026
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Es ist wieder mal jede Menge los. Zu viel los und eigentlich müsste alles gleichzeitig bedacht und getan werden. Ein riesiger Berg, der sich da vor mir auftürmt. Er scheint unbesiegbar.

Unbesiegbar und riesig – so wird auch Goliat in der Bibel beschrieben. Der Riese, der vierzig Tage lang morgens und abends herumbrüllt und die Israeliten zum Zweikampf auffordert. Und dann taucht David auf. Der kleine Hirtenjunge. Ihn hatte niemand auf dem Schirm. Wie auch. Zu jung, zu unerfahren, zu klein und zu schwach. Und doch ist er es, der sich Goliat stellt und ihn am Ende nur mit einer Steinschleuder besiegt.

Schon als Kind mochte ich die Geschichte, und dass es da um Krieg und Gewalt geht, habe ich damals gar nicht so sehr bemerkt. Für mich zählte Davids Mut, und dass ein Schwacher einen Stärkeren besiegen kann.

Wenn ich heute die Geschichte lese, dann fasziniert mich an David vor allem, wie er in der Situation handelt. Ich mag, dass er angesichts der Größe von Goliat nicht wie alle anderen vor Angst in Schockstarre verfällt, sondern dass er sich der Situation stellt. Auch wenn es so nicht geplant war. Eigentlich sollte David nur zu seinen Brüdern gehen und schauen, ob es ihnen gut geht, nicht kämpfen. Aber an der Front angekommen merkt David irgendwie: Hier bin ich gefragt. Jetzt muss ich ran. Für mich heißt das: David schafft es in der Stresssituation, auf sein Herz zu hören und zu handeln.

Und damit nicht genug. Ich schätze an David, dass er weiß, was er kann und was ihn stark macht. Und das ist nicht die Rüstung, in die man ihn vor dem Kampf stecken will. Im Gegenteil. Als ihm König Saul den Helm auf den Kopf setzt und den Brustpanzer überstreift, da sagt David: „Ich kann in diesen Sachen nicht gehen, ich bin nicht daran gewöhnt.“ (1 Sam 17,39). Schnell legt er die Rüstung wieder ab und tritt dem Riesen mit dem entgegen, was er kennt: nämlich mit Hirtenstab und Schleuder in der Hand, fünf Steinen in der Tasche und einer großen Portion Gottvertrauen.

Von David kann ich vier Dinge lernen, die tragen, wenn es ernst wird: zum einen auf die innere Stimme zu hören. Dann die Frage: wofür will ich wirklich stehen und meine Kraft einsetzen? Als nächstes, dass ich darauf vertraue, was ich kann und was mir in ähnlichen Situationen schon einmal geholfen hat. Und zu guter Letzt: zuversichtlich bleiben, dass es gut gehen kann.

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04FEB2026
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„Was ist der Mensch?“ Diese uralte Frage stellt sich heute wieder ganz neu. Denn künstliche Intelligenz kann inzwischen Vieles, von dem wir bisher gedacht haben: Das macht uns als Menschen aus. Sie beantwortet komplexe Fragen und spricht mit uns, sie berät bei Sorgen und diagnostiziert Krankheiten. Für manche ist die KI schon jetzt eine Art „Freundin“, sich mit ihr zu unterhalten fühlt sich für Viele sehr menschlich an.

Was macht uns als Menschen aus? Was macht den Unterschied– zwischen dem Gespräch mit einer KI und mit meinem realen Gegenüber? Wenn ich einem Menschen begegne und mit ihm spreche, dann entsteht eine Beziehung zwischen uns: ich lasse mich auf den anderen ein, vertraue ihm vielleicht etwas an, wir beide öffnen uns.  Was ich sage, was ich tue, hat natürlich Auswirkungen auf den anderen. Ich mache mich dadurch verletzlich und kann ebenso den anderen verletzen. Und dafür bin ich verantwortlich.

Bei einer Interaktion mit der KI ist das nicht der Fall. Sich mit ihr zu unterhalten ist einfach. Aber: Sie fühlt nicht, sie leidet nicht. Sie kann nicht von mir verletzt werden.

 

Was uns als Menschen besonders macht ist also vielleicht gar nicht so sehr, dass wir bestimmte Fähigkeiten haben. Uns macht nicht aus, dass wir intelligent sind, leistungsfähig, erfinderisch, sondern dass wir verletzlich sind. Denn gerade darin können wir mitfühlen, wenn andere leiden, können wir Schmerz nachempfinden und dann auch Verantwortung für andere übernehmen.

 

Spannend finde ich daran: Gott macht genau das auch. Er wird in Jesus Mensch er leidet und stirbt sogar am Kreuz. Nicht seine Stärke macht ihn aus, sondern seine Schwäche. Genau deshalb ist Gott für mich so nah, weil er selbst verletzlich ist. Mir hilft das, mich ihm anzuvertrauen. Ansonsten wäre er ein abstrakter Begriff, unverwundbar. Wie eine KI.

 

Menschsein passiert da, wo wir verletzlich sind, wo wir Fehler machen und sie uns und anderen verzeihen. Wo wir Verantwortung übernehmen für diese Welt und füreinander da sind. Das macht uns wahrhaft menschlich und verbindet uns mit Gott.

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03FEB2026
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In Minneapolis protestieren seit Tagen tausende Menschen gegen die Abschiebepolitik Trumps. Bei Minusgraden verharren sie Stunden auf der Straße, um sich gegen die Gewalt und Willkür der Ausländerbehörde ICE zu stellen, die durch die Stadt zieht und Angst verbreitet.  

Auffällig ist diesmal: Viele Geistliche sind mit auf der Straße. Christliche Pfarrerinnen, Imame, Rabbis, Ordensleute. Sie alle sind erkennbar an ihrer geistlichen Kleidung,ort unterwegs, wo viele Einwanderer wohnen. Sie beobachten und dokumentieren die Aktionen von ICE, versuchen zu deeskalieren und Demonstrierende zu unterstützen.

Sehr bewegt hat mich ein Video, das zeigt, wie diese Geistlichen unterschiedlicher Religionen nebeneinander auf dem Boden knien. Sie beten und singen mit den Demonstrierenden, bevor sie von den Polizisten abgeführt und verhaftet werden. 

Eine beteiligte evangelische Pfarrerin begründet ihren Einsatz folgendermaßen: „Unsere Aufgabe ist es, dort zu sein, wo Menschen Angst haben. Glaube darf nicht neutral bleiben, wenn Unrecht geschieht.“
Schon in den vergangenen Wochen sind viele Gemeinden zu Hilfezentren geworden. Sie haben Einwanderer unterstützt, Papiere beschafft und Essen nach Hause geliefert - an die, die aus Angst vor den ICE-Agenten das Haus nicht mehr verlassen konnten. 1300 Pakete wurden von Freiwilligen jeden Tag gepackt und ausgeliefert.

Rev. DeWayne Davis fasst bei einer Pressekonferenz der Geistlichen zusammen, was sie alle antreibt. Er sagt: „Wir verstehen die Bedeutung des Glaubens: Wir sind alle verbunden. Wir gehören zusammen. Wir sind Teil eines Volkes, eines menschlichen Körpers, der nach dem Bild eines liebenden und schönen Gottes geschaffen ist, der möchte, dass alle Kinder Gottes frei sind.“

Für mich senden die Geistlichen in Minneapolis ein Zeichen weit über die Stadt hinaus: Schweigen ist keine Option, wenn die Würde und das Leben von Menschen auf dem Spiel stehen.

Hundreds of clergy descend on Minneapolis and go on lookout for ICE

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02FEB2026
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Ich bin ganz ehrlich: Bei uns im Wohnzimmer hängt noch die Weihnachtsdekoration. Die Krippe hab ich erst vor ein paar Tagen abgebaut. Ich bin bisher nicht dazugekommen und irgendwie wollte ich es wohl auch noch nicht ganz wegpacken, dieses Weihnachtsgefühl.

Ich glaube, damit bin ich nicht allein. Denn traditionell ging die Weihnachtszeit bis heute - bis zum Fest Lichtmess. Solange blieb früher auch der Weihnachtsbaum aufgebaut. Das hat sich mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1960er Jahren dann geändert, inzwischen endet die Weihnachtszeit nach Dreikönig.

Auch wenn ich es nicht bewusst deshalb gemacht habe – ich mag, dass in der alten Tradition Weihnachten nachwirken darf. Denn dieses Funkeln und Leuchten im Advent und der Weihnachtszeit liebe ich besonders im Winter.

Das heutige Fest Mariä Lichtmess erinnert genau daran. Denn heute werden in den katholischen Kirchen traditionell die Kerzen gesegnet, die in diesem Jahr dort brennen werden. Auch wenn die Weihnachtszeit vorbei ist, sollen Kerzen das ganze Jahr an das Leuchten von Weihnachten erinnern. Daran, dass Jesus das Licht der Welt ist. Und dass wir alle Licht füreinander sein können.

Diese Symbolik finde ich richtig schön - denn Zeiten, in denen wir ein Licht brauchen können, gibt es schließlich das ganze Jahr über. Manchmal kann das tatsächlich eine Kerze sein. Meine Mutter hat früher immer ein Licht für uns Kinder angezündet, wenn wir eine Prüfung geschrieben haben. Oder wenn jemand eine Operation hatte oder sehr krank war. Nicht die Kerze selbst verändert dabei etwas. Sondern, dass jemand an mich denkt, jemand ein Licht für mich anzündet, das kann Kraft geben.

Meine Kinder lieben es, in der Kirche eine Kerze für Oma und Opa anzuzünden und ein kurzes Gebet zu Gott zu schicken. Es ist noch nicht so lange her, dass die Großeltern gestorben sind. An die Menschen zu denken, die uns besonders am Herzen liegen, kann ein warmes Erinnerungsleuchten in uns anzünden.

Einen dunklen Tag heller machen, das kann auch ein aufmunterndes Lächeln; oder jemand der zuhört, der mir das Gefühl gibt, gesehen zu werden mit dem, was mich gerade beschäftigt. Das heutige Fest Lichtmess erinnert mich daran: Licht für andere können wir dadurch sein, dass wir uns umeinander sorgen und füreinander da sind. Dass wir in dunklen Zeiten von unserer Hoffnung erzählen und uns für andere einsetzen, die dringend ein Licht brauchen können.

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31JAN2026
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Das kommt vor - im Leben: Dass einem einfach mal die Kraft ausgeht.  Ich glaube, das kennt jeder: Es passiert irgendetwas unerwartetes. Es wird immer mehr und mehr, mit dem man klarkommen muss. Jemand aus der Familie wird krank. Oder man selbst. Die Beziehung rutscht in die Krise. Oder wenn Eltern mit ihren heranwachsenden Kindern ringen - und Kinder mit ihren Eltern, dann kostet das Kraft. Und manchmal auch zu viel.

Für mich ist das Schlimmste dabei, dass mir dann auch meine Lebensfreude abhandenkommt. Und wenn ich nicht wenigstens ab und zu mal zufrieden bin – woher soll ich dann neue Kraft schöpfen?

Und - wo ist eigentlich Gott in so schweren Zeiten?

Das haben auch die Menschen der Bibel gefragt. Zur Zeit des Propheten Jesaja, als das ganze israelitische Volk in der Krise gesteckt hat. Und ihnen die Kraft ausgegangen ist. Da hat Jesaja verkündet: „Das geknickte Rohr wird er nicht brechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Der glimmende Docht, das geknickte Rohr - klar, dass ich damit gemeint bin. Ich, der Mensch in schweren Zeiten. Aber wer wird das geknickte Rohr nicht brechen? Von wem redet Jesaja? Wer ist das, der den glimmenden Docht, das letzte Fünkchen Hoffnung nicht vollends auslöschen will?

In der Christlichen Tradition ist es Jesus - das Kind in der Krippe! Er raubt niemandem die letzte Kraft. Und er ist ein Fingerzeig, wo mir Gott begegnet - ob nun Weihnachten ist, oder nicht.

Wenn die angesichts von Sorgen und Nöten die Kraft auszugehen droht und da ist einer - ein Mann, eine Frau, eine Fremde oder ein Freund - egal - wenn da jemand ist, der hilft, den Funken zu erhalten, die geknickte Seele wieder aufzurichten - dann begegnet mir da Gott!

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