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13JAN2026
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„Jetzt kommt sie in das Alter, wo es von alleine lacht“, war der Spruch, mit dem mein Vater die ersten pubertären Anwandlungen seiner Tochter kommentiert hat. Meine Freundin Peggy und ich, wir waren damals unzertrennlich. Ständig haben wir die Köpfe zusammengesteckt und gekichert; ich weiß heute selbst nicht mehr, worüber. Was ich noch weiß: Vieles, was uns mit elf oder zwölf gefallen hat, kam uns mit 13, 14 plötzlich total albern vor; anderes hat uns Angst gemacht und verunsichert. Die beste Reaktion auf beides: miteinander drüber lachen. Alles haben wir getauscht und geteilt: Klamotten, Schallplatten, wilde Träume. Peggy war mein Zwilling, mein Spiegel, meine zweite Hälfte. Und alles, was wir gern mit Jungs erlebt hätten, aber nicht kriegen konnten, haben wir uns eben gegenseitig versprochen: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Freundschaft nicht.“ Ich habe fest dran geglaubt: Alles, alles mag sich ändern oder vorbeigehen, aber wir, wir bleiben uns treu.

Aber so war es nicht. Unsere Freundschaft ist zerbrochen. Zerbrochen an einem einzigen Satz, der mich damals mitten ins Herz getroffen hat. Zum Studium sind wir in weit auseinanderliegende Städte gezogen und hatten uns mittlerweile aufs Briefeschreiben verlegt. Auch das war schön und intensiv. Aber dann hat Peggy mir geschrieben, ich würde in meinen Briefen ja nur um mich selber kreisen. Sie fände das ziemlich egoistisch. Und ich? Ich hab die Welt nicht mehr verstanden. War das nicht der Kern unserer Freundschaft, dass wir uns immer alles voneinander erzählt haben? Warum sollte das jetzt nicht mehr gehen? Ich habe es nicht verstanden und war tief verletzt. Als hätte mir jemand, nein nicht jemand, sondern meine beste Freundin ein Messer in die Seele gerammt. Und wir hatten wohl beide auch keine Idee, wie wir mit dem, was plötzlich zwischen uns stand, hätten umgehen sollen. Ich habe immer darauf gewartet, dass sie den ersten Schritt tut und sich bei mir entschuldigt. Und Peggy? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nie wiedergesehen. Und bin längst in einem Alter, in dem es manchmal auch von alleine weint. Lachen oder weinen wird gesegnet sein, heißt es in einem Lied.  Auf diesen Segen warte ich.

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12JAN2026
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„Sensationell!“ ist das Lieblingswort meiner Freundin Nina. Sie benutzt es oft und gerne; manche meinen, inflationär. Tatsache ist: Nina ist wahnsinnig begeisterungsfähig und hat dabei auch noch die wunderbare Gabe, andere mitzureißen. Mich zum Beispiel; von Natur aus eher grüblerisch veranlagt, profitiere von ihrem inneren und äußeren Sprühen.

Zum Beispiel: Nina hat sich spontan entschieden, auf der Rückfahrt vom Urlaub einen Umweg zu nehmen, um mit dem Glacier-Express durch die Schweizer Alpen zu fahren. Die Aussicht aus den gläsernen Waggons: sensationell! Nächste Begegnung: Nina hat die Neuinszenierung einer Oper besucht. Das Bühnenbild, das in drei Aufzügen drei Mal gewechselt hat: sensationell! In schwindelerregendem Tempo lässt sie vor meinem inneren Auge die ganze Oper mit all ihren Umbauten ablaufen. Oder: Nina hat in der Zeitung von einem alternativen generationenübergreifenden Wohnprojekt gelesen. Das Konzept findet sie sensationell! In Nebensätzen rechnet sie mit den letzten Jahrzehnten städtebaulicher Entwicklungen ab und fragt mich, wie ich eigentlich mal im Alter leben möchte.

Für viele Dinge, denen ich bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe, hat Nina mit ihrer Begeisterung meine Neugierde geweckt. Und noch etwas habe ich durch sie entdeckt: Solche verstaubten, fast ausgestorbenen biblischen Worte wie loben und preisen, jauchzen, frohlocken oder jubilieren haben für mich einen ganz neuen Sinn bekommen. Den kleinen Kanon „Lobet und preiset ihr Völker, den Herrn“ zum Beispiel singe ich schon seit Kindergottesdienst-Tagen. Aber wie das wirklich aussieht, wie es sich anhört und anfühlt, wenn ein Mensch lobt und preist, weil ihn die Welt mit all ihren Wundern nicht kaltlässt, sondern ergreift, das hat Nina mir gezeigt: „Sensationell, Gott, diese Bergwelt! Schneebedeckte Gipfel und zu Eiszapfen erstarrte Wasserfälle und das grandiose Lichtspiel der Sonne und der Mond, wie er durch die Abendwolken zieht, und erst der Mensch mit seinem wundersamen Gehirn, der Trassen konstruiert und Züge lenkt und Opern schreibt und Häuser baut und singt und liebt und denkt und sorgt. Mein Gott, du bist der Größte!“  Ein Quäntchen nur von Ninas sensationellem Blick auf die Welt wünscht Ihnen für dieses noch junge Jahr Martina Steinbrecher.

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10JAN2026
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Sind Sie eher Sammler- oder Wegwerfer-Typ? Ich beschreibe mal kurz: Die Wegwerfer freuen sich über jede Gelegenheit, etwas loszuwerden: Flohmärkte oder die Kleinanzeigen-App. Im Keller häuft sich nichts unkontrolliert an, in der Garage steht wirklich nur ein Auto und im Kleiderschrank findet sich immer noch ein freier Bügel. Falls Wegwerfer mal umziehen möchten, ist das gar kein Problem.

 

Ganz anders die Sammler. Sie horten schöne Dinge aus der Natur: Herzsteine oder Treibholz. Sie bringen es nicht übers Herz, sich von alten Zeitschriften zu trennen, geschweige denn von Erinnerungsstücken: die erste Konzertkarte oder das Akkordeon vom Papa. Das Größte ist es, wenn die Nachbarn kommen und nach einer Matratze fragen, weil sie unerwarteten Besuch bekommen. Klar, davon haben die Sammler einige rumstehen.

 

Was ist nun besser – sammeln oder wegwerfen? Ich finde, man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen, denn beide Lebensformen haben ihren eigenen Wert. Und ich glaube, beide Typen wünschen sich insgeheim manchmal, ein bisschen wie der andere zu sein: Zum Beispiel der Sammler, der auf dem völlig überfüllten Dachboden steht und sich nach etwas Übersicht und Luftigkeit sehnt. Und vielleicht fragt er sich dann, wer das alles einmal sortieren und entsorgen soll. Und bestimmt auch, wofür er das überhaupt tut, und wen das noch interessiert, wenn er mal tot ist.

 

Oder der Wegwerfer, der gerade wieder einen Schwung Bücher an einen Wohltätigkeitsflohmarkt losgeworden ist, und sich jetzt an diese eine gute Stelle erinnert, die er nochmal gerne nachlesen würde. Und auch er fragt sich in nachdenklichen Momenten, was von ihm bleibt, wenn er stirbt, außer einer gut aufgeräumten Wohnung.

 

Das ist die Frage, die beide Typen vereint: Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr auf der Erde bin? Und ganz egal ob aufgeräumte Wohnung oder überfüllter Dachboden, es gibt noch mehr, was bleiben könnte. Vielleicht ein selbstgemaltes Bild oder ein Baum, den ich gepflanzt und gepflegt habe. Ein Haus, in dem mein Herzblut und meine Arbeitskraft stecken. Vielleicht eine Frau, die um mich weint oder Kinder, die sich gerne an mich erinnern, denen ich was mitgegeben habe. Menschen, die von meiner Großzügigkeit erzählen, oder dass ich ein echter Anpacker war. Freunde, die sich erinnern, dass ich eine ehrliche Haut, dass ich tiefsinnig oder eine Stimmungskanone war. Oder vielleicht etwas ganz anderes.

 

Egal ob Sammler oder Wegwerfer - es gibt so viel was bleiben kann von mir – Gott sei Dank!

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09JAN2026
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Das „Elfenministerium“ in Island gibt es nicht. Natürlich nicht, werden die einen sagen. Aber andere erinnern sich vielleicht an eine skurrile Meldung, die durch Presse und soziale Medien ging, wonach eine Autobahn auf Island nicht weitergebaut werden konnte, weil das „Elfenministerium“ Einspruch erhoben hatte.

 

Viele hatten sich gefreut: In Island ist die Welt eben noch in Ordnung, weil dort Straßen wohl nicht die erste Priorität haben. Aber die Isländer haben sich beeilt klarzustellen, dass es bei ihnen kein „Elfenministerium“ gibt. So rückständig wollte man sich dann doch nicht zeigen.

 

Es gibt aber etwas ganz ähnliches in Island, nur eben keine offizielle Behörde und auch nicht verbeamtet. Sie heißen „Elfenbeauftragte“ und werden vor größeren Bauvorhaben tatsächlich zu Rate gezogen: ob was dagegen spricht, ob dort zum Beispiel wichtige Elfenrouten verlaufen oder gar eine Elfensiedlung zerstört würde. Die Elfen, so sagt es die isländische Tradition, sind ein verborgenes Volk, das man zu respektieren hat.

 

Da hat also etwas Vorrang hat, das man gar nicht sehen kann. Elfen stehen für Übersinnliches, für Leichtigkeit, für das Schöne und Lebendige in der Natur. Und dass die Isländer ein Gespür für diese Dinge haben, das gefällt mir wirklich.

 

Im Christentum gibt es auch diese Wesen, die man nicht gleich auf den ersten Blick wahrnimmt. Sie heißen Engel, und es ist immer gut, auf sie zu hören, wenn sie etwas zu sagen haben. Beauftragte dafür gibt es nicht und schon gar kein Ministerium. Aber wenn ich gut mit mir selbst in Kontakt bin, dann merke ich schon, ob und was ein Engel mir zu sagen hat. Engel könnten am Werk sein, wenn ein Freund schonungslos ehrlich zu mir ist, wenn sich in der Nacht mein Gewissen meldet, wenn ich einen Geistesblitz habe oder das berühmte Bauchgefühl, wenn mich jemand an etwas erinnert, wenn ich das Gefühl habe, jetzt unbedingt etwas tun zu müssen oder manchmal auch wenn mir jemand den Vogel zeigt.

 

Ich kann über diese Situationen hinweggehen, aber ich kann ihnen auch eine gewisse Priorität einräumen: die Situation nochmal nachklingen lassen, abwägen was gut und was schlecht daran war, ob ich einen wahren Kern darin entdecke und mich in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln könnte.

 

Wenn es in mir drin so einen kleinen Beauftragten gäbe, der mich immer wieder daran erinnert, dem Unsichtbaren oder Unscheinbaren eine Chance zu geben, dann könnte das mein Leben ganz schön bereichern.

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08JAN2026
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Britta war nicht immer so schlecht drauf und so krank wie heute. Ganz im Gegenteil: sie war mal eine attraktive junge Frau. Ist sogar um die deutschen Meisterschaften im Freistil mitgeschwommen. Danach war sie Bordbegleiterin auf einem schicken Rheinkreuzer.

 

Ich kenne Britta persönlich, und deshalb tut es mir so leid, was aus ihr geworden ist. Jetzt hat sie großporige Haut und ein rötliches Gesicht. Meistens riecht sie nach Alkohol. Immer schon wollte sie davon wegkommen, aber es hat nie funktioniert. Immer wenn ihr langweilig war oder wenn sie schlechte Laune hatte, dann hat sie sich ein Gläschen eingeschenkt. Oder schlimmer noch: es wurde ihr eingeschenkt.

 

Dann ein Tag, der vielleicht Brittas Leben verändert: Sie spaziert gerade am Bodenseeufer entlang, da hört sie Hilferufe. Das sind eindeutig Kinderschreie, die da aus dem Wasser kommen. Britta erinnert sich daran, wie gut sie mal schwimmen konnte. Und obwohl sie getrunken hat, stürzt sie sich ohne lang nachzudenken ins kalte Wasser. Mit letzter Kraft schafft sie es mit dem völlig entkräfteten Kind ans Ufer. Dann wird ihr schwarz vor Augen.

 

Als Britta wieder aufwacht schaut sie in das freundliche Gesicht eines Arztes. „Glück gehabt“, sagt er. „Dem Kind geht´s gut, aber Sie hätte es beinahe erwischt. Ich rate Ihnen dringend, ab sofort auf jeglichen Alkohol zu verzichten, sonst können Sie sich in Zukunft solche Rettungsaktionen nicht mehr leisten.“ Dieser Satz klingt Britta noch lange in den Ohren. Sie beschließt tatsächlich, ab sofort mit dem Trinken aufzuhören, macht sogar erstmals einen Entzug in einer Klinik mit. Hoffentlich hält sie das durch!

 

Menschen erzählen immer wieder solche erstaunlichen Geschichten, wo ein einschneidendes Erlebnis oder eine Person das ganze Leben verändert. Diese Personen sind meistens keine besonderen Helden, sondern oft Menschen, die selbst auf Hilfe angewiesen sind. Helfer sind hilfsbedürftig oder andersrum: Hilfsbedürftige werden zu Helfern.

 

So wie an diesem Tag am Bodensee. Da haben zwei Menschen ihren Engel getroffen: Britta hat das Kind gerettet, und wer weiß, vielleicht wird auch das Kind Britta retten. Ich hoffe sehr darauf.

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07JAN2026
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Jona – das ist ein beliebter Vorname, eine Stadt in der Schweiz und auch die Hauptfigur in einer biblischen Kurzgeschichte. Ganz kurz gefasst geht die Geschichte so: Jona bekommt von Gott einen Auftrag: er soll in die gottlose Stadt Ninive gehen und den Einwohnern Gottes Strafe androhen, falls sie nicht ihr Leben ändern und sich bessern. Ninive ist für damalige Verhältnisse riesig. Heute würde man sagen, dort regieren das Geld und die Lust. Prunk und Prostituierte, Glückspieler und Kneipen.

 

Jona hat auf diese heikle Mission nicht die geringste Lust. Ihm liegt nicht viel an Ninive. Er sagt sich: „Das auserwählte Volk ist doch Israel. Sollen die sündigen Leute aus Ninive doch ruhig untergehen.“ Jona verweigert sich, versteckt sich, ändert dann aber seine Meinung und kommt nach langem Hin und Her schließlich in der Metropole an. Er predigt dort von Gottes drohendem Strafgericht und ruft dazu auf umzukehren und sich zu bessern. Und siehe da: Die Leute aus Ninive ändern tatsächlich ihr Leben, sie besinnen sich auf Tugend und Moral. Und Gott verschont die Stadt.

 

Jona freut sich aber keineswegs. Im Gegenteil: er hadert schon wieder mit Gott. Erstens: dieser ewige Großmut, warum muss Gott nur immer so barmherzig sein! Und zweitens: Jetzt steht Jona selbst als Dummer da. Denn alle Drohungen, die er so bildreich beschrieben hat, stellen sich als Schall und Rauch heraus.

 

Jona sitzt also in der brütenden Hitze vor den Toren der Stadt und schmollt. Und jetzt zeigt sich die Bibel wieder einmal von ihrer hintersinnigen Seite: Gott lässt über ihm einen Strauch wachsen, der ihm Schatten spendet. Jona freut sich über das Geschenk. Doch am nächsten Tag lässt Gott die Pflanze wieder verdorren und schickt dazu einen mörderisch heißen Ostwind. Jona ist außer sich, aber das kennen wir ja schon von ihm.

 

Dann ertönt Gottes Stimme: „Jona, der Strauch ist über Nacht gewachsen und auch über Nacht wieder eingegangen. Du hast nicht einen Finger für ihn krumm gemacht und jetzt tut er dir leid. Mir aber sollte es nicht leidtun um Ninive, die große Stadt, in der mehr als 120.000 Menschen leben?“

 

Die Jona-Geschichte will zeigen, dass Gott sich weder berechnen, noch für eine Sache einspannen lässt. Das hat der Prophet bitter zu spüren bekommen. Wäre es nach Jona gegangen, dann hätte Gott sich als harter Hund zeigen sollen, und er selbst wäre als starker Prophet dagestanden. Aber Gott handelt nach seinen eigenen Grundsätzen: Wer sich ihm zuwendet, der hat nichts zu verlieren.

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Eine witzige Anekdote aus dem Kindergarten: Die Erzieherin fragt in die Runde, ob denn jemand weiß, welche drei Geschenke die heiligen drei Könige dem Jesuskind mitgebracht haben. Einige Kinder wissen, dass auf jeden Fall Gold dabei war. „Genau, Gold war dabei“, sagt die Erzieherin. Und sie erklärt gleich auch warum. Gold war das kostbarste, was die Menschen damals kannten. Und deshalb war es etwas Königliches. Denn die drei waren überzeugt: Jesus ist ein neuer und völlig anderer König für die ganze Welt.

 

Dann kündigt die Erzieherin an: „Jetzt wird´s schwieriger. Was haben die Könige denn noch mitgebracht?“ Die Kinder gucken ein bisschen ratlos, aber dann traut sich Mia: „Weihrauch“. Die Erzieherin erklärt den Kindern erst mal, was das überhaupt ist. Und dass wenn man die Harzklümpchen anzündet, ein ganz besonderer Rauch aufsteigt, duftet und sich ausbreitet. Und deshalb war Weihrauch schon immer Zeichen für das Göttliche – nicht greifbar, aber doch überall präsent.

 

 „Das dritte Geschenk weiß aber bestimmt niemand“, prophezeit die Erzieherin. Doch der kleine Jakob ruft: „Ich weiß es: Möhren!“ Fast muss die Erzieherin loslachen, aber gleichzeitig erkennt sie, dass Jakob vom Wort her schon ganz nah dran war. Denn „Möhren“ und „Myrrhe“ klingt ja ziemlich ähnlich, ist aber leider etwas völlig anderes.

 

Myrrhe ist wie der Weihrauch auch ein Harz. In der Antike hat man Myrrhe als Medizin benutzt, um Wunden zu desinfizieren, um zu heilen. Im Zusammenhang mit Jesus bedeutet es, dass er heilt, dass er rettet, und dass er erlöst. Spätestens wenn wir sterben und ins Reich Gottes eingehen, sollen wir erlöst werden von allem, was uns hier auf der Erde einschränkt, traurig oder wütend macht.

 

Möhren würden als Geschenk zwar nur wenig hermachen, aber vielleicht hat der Gedanke ja doch etwas, gerade weil Möhren so alltäglich sind und deshalb sehr gut zu Jesus passen. Der ist ja auch nicht in einem Palast geboren, sondern in einem gewöhnlichen Stall. Und schließlich hat sich Jesus später auch viel lieber mit dem gewöhnlichen Volk umgeben als mit den Großkopfeten. Er war mit Fischern und Handwerkern unterwegs, nicht mit Politikern oder Großgrundbesitzern.

 

Die Anekdote aus dem Kindergarten zeigt mir zweierlei: Gold, Weihrauch und Myrrhe stehen für Jesus als einen, der königlich, göttlich und heilsam ist. Aber trotzdem passen alltägliche Geschenke wie zum Beispiel Möhren mindestens genauso gut zu ihm – weil er bescheiden war, weil er die Kleinen groß gemacht hat, und weil er wollte, dass seine Botschaft bei allen ankommt.

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05JAN2026
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Ich war im längsten Konzert der Welt. Nicht bis zum Ende, denn das ist erst für das Jahr 2640 vorgesehen - da musste ich leider früher raus. Das Konzert läuft seit dem Jahr 2001 in Halberstadt in der Burchardi-Kirche. Es ist ein Orgelstück des Komponisten John Cage und hat den Titel „As slow as possible“, also „so langsam wie möglich“. Alle Töne und Akkorde werden dabei sehr, sehr lange ausgehalten.

 

Gespielt wird das Konzert auf einer Orgel, die extra dafür konstruiert wurde. Und da das Stück für jeden Organisten eine Zumutung wäre und seine Lebenszeit übersteigen würde, haben sich die Macher des Werkes etwas ausgedacht: Sie stecken immer nur die Orgelpfeifen, die gerade gebraucht werden, auf die Luftdüsen. Das Stück wird so langsam gespielt, dass die Klangwechsel ungefähr mit einem Jahr Abstand erfolgen. Diese Klangwechsel sind immer ein feierliches und gut besuchtes Event in der Burchardi-Kirche.

 

Dieses Konzert ist ein richtiges Kunstprojekt. Und es hat mich so neugierig gemacht, dass ich nach Halberstadt gefahren bin. Es ist wie eine kleine Ausstellung konzipiert. Man kann durch die leere Kirche flanieren. In der Mitte steht das Örgelchen und produziert gerade einen ziemlich schrägen Dauerakkord, der aus sieben Tönen besteht. Fast ein bisschen nervig.

 

Interessant finde ich die Zeitleiste aus Metall, die rundum an der Kirchenwand angebracht ist. Für jedes Konzertjahr kann man dort eine Patenschaft übernehmen und ein Metalltäfelchen mit seinem Namen und Widmung anbringen lassen. Für das Jahr 2453 steht da zum Beispiel: „Zu meinem 500. Geburtstag“. Auf einem anderen Schild ist zu lesen: „Was wird geblieben sein?“ Und auf einer Tafel steht: „Klingende Flaschenpost – schwebend im Kirchenschiff – ein Hauch von Ewigkeit“

 

Das ganze Stück kann ich nicht erfassen, weil es einfach zu lang für mein Leben ist. Aber ich komme ins Grübeln über die Zeit und das Sein. Mir wird hier schön vor Augen geführt, dass ich nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen bin - genau wie die Orgeltöne oder die Zeitleiste an der Kirchenwand. Vielleicht gibt es auch in meinem Leben Ereignisse, die erst einen Sinn bekommen, wenn ich das Ganze aus einiger Entfernung betrachten könnte: Ein Verlust, eine Fehlentscheidung oder ein vermeintlicher Zufall, der mein Leben verändert hat.

 

Eine, die das Konzert besucht hat, bringt es für mich ganz gut auf den Punkt. Sie sagt: „Für uns Menschen ist dieses Orgelstück etwa so, als wolle man einer Eintagsfliege die Jahreszeiten erklären. Es macht mir bewusst, dass manche Dinge größer sind als ich selbst.“

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03JAN2026
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In einem Psalmgebet in der Bibel heißt es über uns Menschen:
Unser Leben dauert ungefähr siebzig Jahre oder, wenn wir bei Kräften sind, auch achtzig. (Ps 90 BasisBibel)

Das ist ein Zitat aus Psalm 90, das auch als Sprichwort noch einigermaßen bekannt ist. Aber – will ich das hören? Gerade jetzt, wo mir der Jahresanfang wieder mal vor Augen stellt, wie schnell die Zeit doch vergeht? Und obendrein heute? Wo ich doch Geburtstag habe.

Nein, nicht wirklich, muss ich zugeben. Ich bin mittlerweile näher dran an den 70 als mir lieb ist. Und ich bin der Typ Mensch, der sich an Geburtstagen fragt: Was hast Du eigentlich bisher geleistet? Oder hast Du Deine Zeit wenigstens gut genutzt? Bist Du fröhlich gewesen? Hast Du‘s genossen?

Glauben Sie mir: Es ist eine blöde Idee, am Geburtstag solche Fragen zu wälzen. Denn wenn man der Grübel-Typ ist – so wie ich – dann lautet die Antwort natürlich: Nein! Natürlich wäre immer mehr drin gewesen und habe ich Chancen verpasst – durchaus auch große, die wichtig hätten sein können. Ja – und dann bestätigt mir der Psalm das auch noch, weil es da weiter heißt: „Im Ganzen aber ist es nur Arbeit und vergebliche Mühe.“ Mein Leben: siebzig bis achtzig Jahre vergebliche Mühe? Ganz toll…

Ehrlich – ich will das heute nicht hören. Ich kann aber auch gar nicht verhindern, dass mir solche Gedanken kommen. Wohin mit dieser unangenehmen Erkenntnis, vergänglich zu sein – mitsamt allem, was ich je getan habe oder noch tun werde? Wohin – wenn nicht zu Gott?

Wenn ich der Typ bin für trübe Gedanken, dann ist Psalm 90 wie für mich geschrieben. Nicht, weil er mir die Sinnlosigkeit meines Lebens vor Augen stellen will, sondern weil ich mit dieser bitteren Erkenntnis zu Gott kann. Ihn fragen kann, herausfordern kann und auch bitten: Dass er mir Zuversicht schenken möge – ob ich gerade erfolgreich und glücklich bin oder eben auch nicht. Und mir zeigt, dass mein Leben sehr wohl eine Richtung hat und ganz und gar nicht vergebens ist.

Deshalb genug gegrübelt an meinem Geburtstag und nicht so ernst sein. Heute halte ich mich an ein anderes Lieblingszitat von mir – von der Mode-Schöpferin Coco Chanel:

„Eine Frau kann mit 19 entzückend, mit 29 hinreißend sein, abererst mit 39 ist sie abolut unwiderstehlich. Und älter als 39 wird keine Frau, die einmal unwiderstehlich gewesen ist!“ 

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02JAN2026
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Zweiter Januar – das Jahr ist noch jung: jung genug, um eins meiner Lieblings-Kirchenlieder nachzulesen. Paul Gerhard – ein Pfarrer, der vor ungefähr 400 Jahren gelebt hat – hat es speziell für den Jahreswechsel geschrieben. Die erste Strophe lautet:

Nun lasst uns gehn und treten / mit Singen und mit Beten / zum Herrn, der unserm Leben / bis hierher Kraft gegeben.

Zum Herrn gehen, mich an die Seite Gottes stellen an der Schwelle eines neuen Jahres – diese Worte haben mich das erste Mal gepackt, als ich ein junger Teenager gewesen bin, im Wohnzimmer meines Elternhauses: als im Radio an Silvester – in den letzten Minuten kurz vor Mitternacht – eine klare Männerstimme das ganze Gedicht vorgelesen hat. Und dann wurde live übertragen: die Turmuhr vom Ulmer Münster, wie sie 12 Uhr geschlagen hat: Ein gesegnetes, neues Jahr…  

Im Radio-Programm ging’s dann weiter mit Big-Band und Tanzmusik – da war ich aber noch gar nicht fertig mit dem Gedicht und wie es weitergeht: Nämlich, wie wir Menschen durch die Jahre gehen…

… „durch so viel Angst und Plagen, / durch Zittern und durch Zagen, / durch Krieg und große Schrecken, / die alle Welt bedecken.“

Paul Gerhard hätte diese Zeilen genauso gut auch heute dichten können und genauso, als ich noch ein Teenager gewesen bin: „Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern…“ bis zum heutigen Tag immer auch durch schwere Zeiten; und kämpfen wir mit Ungerechtigkeiten überall auf diesem Planeten.

Deshalb: Lasst uns gehn und treten zu Gott dem Herrn, sagt Paul Gerhardt. Denn für ihn macht Gott es, wie eine treue Mutter mit ihren Kindern: Er lässt uns „seine Kinder, wenn Not und Trübsal blitzen, in seinem Schoße sitzen“.

Ich war damals selbst fast noch ein Kind, als ich das Gedicht zum ersten mal gehört habe. Und bin heute dankbar, dass ich immer noch eins sein darf: Gottes Kind, geborgen in seinem Schoß. Wenn Not und Trübsal blitzen, wenn ich Sorgen habe und mich machtlos fühle.

Deshalb, Gott, bitte ich dich auch für das neue Jahr 2026:

Sei der Verlassnen Vater, / der Irrenden Berater, / der Unversorgten Gabe, / der Armen Gut und Habe.

Hilf gnädig allen Kranken, / gib fröhliche Gedanken / den hochbetrübten Seelen, / die sich mit Schwermut quälen.

Und endlich, was das meiste, / füll uns mit deinem Geiste, / der uns hier herrlich ziere / und dort zum Himmel führe.

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