Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

       

Autor*in

 

Archiv

05SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Dank neuer Technik wird heute oft das Wohn- oder Schlafzimmer auch zum Arbeitsplatz. Um die 25 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten ganz oder teilweise im Homeoffice. Das erspart den Arbeitsweg und erlaubt, die Arbeitszeit selbst einzuteilen.

Doch offenkundig macht vielen Menschen die Arbeit im Homeoffice seelisch zu schaffen. „Mir fällt jeden Morgen die Decke auf den Kopf“, klagt eine junge Programmiererin. Ihr fehlt der Orts- und Tapetenwechsel. Gleichzeitig verliert die Wohnung ihren Charakter als Rückzugs- und Erholungsraum. Am meisten aber vermissen die Home-Workers das kollegiale Miteinander am Arbeitsplatz. Kein freundliches „Hallo und wie geht’s?“ Das war einmal!. Das einzige Gegenüber ist nun ein nackter Bildschirm mit Texten, Zahlen und Tabellen – den lieben, langen Tag. Wie gern würde man sich in der Kantine treffen, sich fachlich und persönlich austauschen, Sprüche klopfen, sich über Vorgesetze lustig machen und sich einfach als Mensch fühlen. Wer auch privat – warum auch immer – allein lebt, droht in dieser Arbeit noch mehr zu vereinsamen.

In der Betriebsseelsorge unterstützen wir Erwerbstätige, stets für ein gutes Betriebsklima zu sorgen. Doch im Homeoffice gibt es gar kein soziales Miteinander, wo man sich wohlfühlen und vor allem auch mitreden und solidarisch mitbestimmen kann. „Ich ertappe mich ständig bei Selbstgesprächen“, gesteht mir ein Ingenieur in seiner Arbeitskammer. Viele fühlen sich nur noch als „Arbeitskraft“, als Maschine, aber nicht mehr als Mensch.

Daher haben wir in unserem Dekanat einen kostenlosen „Co-Working-Space“ eröffnet.1) Hier heißen wir täglich Werktätige, unter ihnen auch viele junge, herzlich willkommen. Sie stöpseln sich ein – wie gewohnt. Aber siehe da: Nebendran sitzt tatsächlich ein leibhaftiger Mensch! Man lernt sich kennen, oft entwickeln sich Freundschaften. Der Kaffee-Automat in der Lounge wird zur „Anknüpfbar“. Eine stille Lese-Ecke erlaubt auch den Rückzug. Antonia ist als kirchliche Mitarbeiterin präsent und bietet ein kleines kulturelles Rahmenprogramm. Nein – auch dieser Arbeitsplatz ist kein Streichelzoo, aber ein Wohlfühlort. Viele der Worker und Workerinnen erfahren zum ersten Mal Kirche neu und ganz anders – als Kirche an ihrer Seite. So versuchen wir, der Arbeit ihre soziale Dimension zurückzugeben, die ihr im Homeoffice abhanden kam.  

 

------------------

  • als Beispiel: „Anknüpfbar“ im Dekanat Böblingen.

https://anknuepfbar-coworking.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45136
weiterlesen...
04SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im Matthäus-Evangelium steht der Satz: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!" (7,12). Sie wollen anrufen und sich beklagen? Sie sind verärgert – und sehen auch Gründe hierfür? Unser Alltag ist ja oft voller Misslichkeiten. Und schon nimmt man das Telefon oder schreibt eine Mail, um sich heftig zu beschweren.

Ich möchte einfach zu bedenken geben, ob es nicht auch anders gehen könnte: Greifen Sie zu Stift oder Tastatur nicht nur, um Ärger loszuwerden, sondern um sich zu bedanken. Melden Sie sich, um Lob, Wertschätzung und Anerkennung auszudrücken oder schlicht nochmals „Danke“ zu sagen. Ganz gleich, ob es ein Amt ist, mit dem Sie es zu tun hatten, ein Hotel, das Ihnen Unterkunft bot, eine Firma, die Sie beliefert hat, Handwerker, die Ihnen geholfen haben, eine Arztpraxis, ein Büro, ein Geschäft – verlassen Sie den Ort nicht ohne ein freundliches Wort, ein ehrlich gemeintes Kompliment, einen besonderen Gruß.

„Ein Mensch fühlt plötzlich sich verwandelt, sobald man menschlich ihn behandelt." Sie können die Wahrheit dieser Verszeile von Eugen Roth noch heute experimentell überprüfen.

"Ich rufe nur an, um mich bei Ihnen zu bedanken!" Nach solchen Worten denkt Ihr Gegenüber am Telefon jetzt vielleicht: Hab ich mich gerade verhört? Oder ist heute der Weltfreundlichkeitstag? Ich weiß nicht, ob es den gibt. Falls nicht, könnte man ihn erfinden und gleich für weitere 300 Tage patentieren lassen.

„Hier rufen die Leute in der Regel nur an, um sich zu beschweren", sagt mir die Mitarbeiterin eines Dienstleisters. Dass jemand einfach nur ein kurzes Dankeschön loswerden möchte, bloß so, ohne Berechnung und Hintergedanken, das kommt eher nicht vor. Schade eigentlich.

Denn ein freundliches Wort für einen andern fällt wie ein Lichtstrahl auf uns selbst zurück und erhellt unseren eigenen Alltag. Probieren Sie es aus!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45135
weiterlesen...
03SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Bald ziehen die Schwalben wieder in Richtung Süden. „Schwalbe“ aber bleibt. So nennt sich ein Obdachloser in Stuttgart. Er lebt seit bald 30 Jahren auf der Straße, sammelt Flaschen und kommt mit etwa zehn Euro am Tag gut über die Runden. „Nein, ich bin gar nicht arm“, erzählt er mir, denn „Gott versorgt mich das ganze Jahr.“

Kurz vor Weihnachten kam „Schwalbe“, der seltsame Vogel, auf die Idee, 200 Euro Flaschenpfand als „Geburtstagsgeschenk für Jesus“, wie er sagt, in einen Umschlag zu stecken und einer Ordensschwester in den Briefkasten zu werfen. Man solle mit diesem Betrag obdachlosen Frauen das Weihnachtsfest verschönern.

Bald pfiffen es die Stuttgarter Spatzen von allen Dächern. Wo gab‘s denn schon sowas: Ein obdachloser Habenichts spendet für Hilfsbedürftige! Und dann geschah, womit „Schwalbe“ gar nicht rechnen konnte: Sein „Geburtstagsgeschenk für Jesus“ hatte eine gewaltige Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Im Handumdrehen hob die Caritas die Treuhand-Stiftung „Schwalbennest“ aus der Taufe. Stand heute sind bereits mehr als 100.000 Euro aufgelaufen. Dank „Schwalbe“ kann nun der „Sozialdienst katholischer Frauen“ Müttern in Not und obdachlosen Frauen konkret unter die Arme greifen.1)

Mir kommt bei dieser Geschichte der Junge aus dem Evangelium in den Sinn. Er teilt bei der Bergpredigt Jesu sein Vesper, fünf Brötchen und zwei Fische. Und Jesus brach die Brote, sprach das Dankgebet, und siehe da:Tausende wurden satt (Markusevangelium 6,41). In einem Kirchenlied besingen wir gerne dieses Wunder: „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.“ „Schwalbe“ gab, was er hatte: 200 Euro Flaschenpfand. Und auch da geschah dieses Wunder: Teilen steckt an. „Schwalbe“ glaubt, da sei Gott höchstpersönlich am Werk. Den spüre er nachts um sich rum, erzählt er, wenn er irgendwo Platte macht. „Gott sieht man nicht, aber ich spüre ihn wie den Wind, den man ja auch nicht sieht.“  

Hey „Schwalbe“: Danke – Du hast ein großartiges Zeichen gesetzt! Bleib bei uns, flieg nicht weg und komm gut über den Winter!

----------

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45134
weiterlesen...
02SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Reden ist Silber, Schweigen ist Tod. - Nein, das war jetzt kein Versprecher, auch wenn wir das Sprichwort anders kennen. Ja, es gibt ein Schweigen, das Gold sein kann, ein Zeichen tiefer innerer Übereinstimmung oder des Taktes. Was mir im Alltag aber vor allem begegnet, das ist das tödliche Schweigen, das Menschen schier zum Wahnsinn bringen kann, sie depressiv oder auch aggressiv macht und so verzweifelt, dass sie Selbstmordgedanken verfolgen. Der Psychotherapeut Reinhard Haller berichtet: „Ich habe in den vergangenen Jahren öfter Menschen wegen Suizidgefahr behandelt, bei denen nichts anderes vorhanden war als: Es redet niemand mit mir“.1)

Tödliches Schweigen; Menschen, die sich jedem Gespräch, auch einem Streit verweigern, die den Mund nicht auftun, wo sie erklären müssten, die sich abwenden, sich auf gar nichts einlassen – das kann verletzender sein als ein Schimpfwort. In Betrieben, Nachbarschaften, Familien, und gerade auch in der Politik. Man redet einfach nicht miteinander. – Wichtiger als Gründe hierfür herauszufinden, ist es,  nach Auswegen zu suchen.

Im Anfang war das Wort." Dieser berühmte Eröffnungssatz des Johannesevangeliums (1,1) im Neuen Testament ist der Schlüssel zum Herzenstor von uns Menschen. Es geht eine schöpferische Kraft aus von Worten, die aufbauen und aufrichten. „Betteln Sie nicht darum, bleiben Sie souverän – ohne Vorwürfe und ohne Schuldgefühle“, empfiehlt Reinhard Haller und fährt fort: „Mit andern zu reden ist ein Menschenrecht, das man sich von niemandem nehmen lassen darf. Signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft und lassen Sie sich auf keine Schweige-Kriege ein."

Ich kenne die Selbstwertzweifel und den Schmerz der Isolation, die wohl alle erfahren, die schon mal angeschwiegen wurden. Da hilft mir nicht zu resignieren oder mich in Gleichgültigkeit zu flüchten. Mir hilft, ins Reden zu kommen und da zu verweilen, wo ich Gehör finde. Ganz wunderbare Gespräche haben sich oft ergeben an fremden Orten, mit fremden Menschen und selbstverständlich da, wo ich mich Gott anvertrauen kann. Sprechen wir doch heute mal miteinander – über das Schweigen.

----------------

1) Reinhard Haller: „Toxisches Schweigen: Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen“ – NOW 2026

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45133
weiterlesen...
01SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute am Anti-Kriegstag erinnert der DGB an den Überfall Hitler-Deutschlands auf unser Nachbarland Polen – vor nunmehr 87Jahren. Ich sehe vor mir jenes bekannte Presse-Foto mit den frechen Gesichtern deutscher Soldaten, die feixend den Schlagbaum aus der Verankerung reißen, denn: „Räder müssen rollen für den Sieg!“, so die Parole. Doch sie rollten geradewegs ins Verderben. Über 70 Millionen Menschen kamen im Zweiten Weltkrieg ums Leben.

Doch der Wahnsinn hat noch kein Ende. Wieder Kriegsgerassel auch mitten in Europa. Ich fasse es nicht: Da glauben doch viele allen Ernstes, man könne eine Atommacht militärisch zum Frieden nötigen und Verhandlungsbereitschaft erzwingen. Das kann nicht gut gehen!

Im Lukas-Evangelium konfrontiert Jesus einmal seine Hörerschaft mit der Frage: Welcher König, der Krieg führen will, setzt sich zuvor nicht hin und hält Rat, ob er seinem Feind wirklich gewachsen ist? „Wenn nicht“, so fährt Jesus fort, „schickt er eine Gesandtschaft und bittet um Frieden“ (Lukas-Evangelium 14,31-32).

Auf eine solche „Gesandtschaft“ wartet man im Ukraine-, im Gaza- und im Iran-Krieg zurzeit vergeblich. Deutschland und die EU haben nicht einmal einen Plan, wie diese Kriege zu beenden sind. Stattdessen verlängern sie diese noch mit Waffenlieferungen und riskieren einen atomaren Gegenschlag.

In jedem Konflikt braucht`s Vermittler, nicht Sekundanten, Büchsenspanner und Waffenlieferanten, sondern neutrale Vertrauensleute, die geduldig zuhören, nachfragen und analysieren. Das ist die hohe Kunst der Diplomatie. Für Papst Leo ist sie kein bloßes Handwerk, sondern eine „pastorale Berufung“ zur „denkenden Nächstenliebe“.1) Denn Diplomatie will immer auch die Herzen gewinnen.

Das wissen erfahrene Erzieherinnen schon lange, wenn sie mit Herz und Hirn Konflikte ihrer jungen Streithähne schlichten. Ich wünschte mir, man könnte die Kriegstreiber mit ihren breiten Hintern auf Kinderschemeln in einen solchen Stuhlkreis setzen. Sie kämen erst wieder hoch, wenn sie sich die Hand zur Verständigung reichen.

Was Kinder kapieren, müssten doch auch Politiker begreifen, nämlich: Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden.

-------------------------------

  • Schreiben Leo XIV. an die Diplomaten-Akademie (21. 11. 2025)

https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-01/papst-leo-xiv-diplomatenakademie-brief-jubilaeum-naechstenliebe.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45132
weiterlesen...
31AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Oh wie schön!" ruft da jemand und kann sich gar nicht sattsehen. Eine Blume, ein Bild, ein Musikstück, ein Kleid. Da berührt etwas Herz und Sinne. Und löst Freude aus. – So Vieles ist schön: Schön, dass Du gekommen bist, schön, dass Du Deine Arbeit geschafft hast, schön, dass es endlich ausgestanden ist, schön, dass es Grund gibt, aufzuatmen. Schön, dass Sie mir heute früh zuhören.

Die Bibel redet an vielen Stellen auch vom Schönen. Preist die Schönheit einer menschlichen Gestalt, einzelner Bäume oder der Morgenröte.

„Schönheit" – dieses einzige Wort stellte einer der Mitgründer der ukrainischen Rüstungsfirma Fire Point (Denys Shtilierman) unter das Video, das er am 20. Juli im Internet veröffentlichte: „Schönheit". –  Die Aufnahmen zeigen den Aufstieg einer ballistischen Rakete. Vermutlich handelt es sich um eine FP-9 – einen Flugkörper, der mit rund 8.000 Kilometern pro Stunde Moskau erreichen soll, wie zu lesen war 1) 

Schönheit – eine Waffe mit großer Reichweite, deren einziges Ziel es ist, gigantische Zerstörung und Tod zu bringen?

Ballistische Raketen richten verheerende Schäden an, die von der Art des Sprengkopfes – konventionell, nuklear, chemisch – abhängen. Durch den extremen Aufprall und die hochexplosive Ladung entstehen riesige Krater. Die Druckwelle zerstört Gebäude, hinterlässt schreckliche Trümmerfelder, verursacht Großbrände und zerstört die Infrastruktur, Straßen und Brücken. Umherfliegende Trümmerteile und Splitter führen zu weiteren Schäden, schwersten Verletzungen und – grausamen Tod.

Die katastrophalen Auswirkungen durch den Ausfall von Stromnetzen, Wasserversorgung, Verkehrswesen und Krankenhäusern will man sich gar nicht weiter vorstellen. Jeder aber sollte es wissen. Das alles ist nachzulesen auf den offiziellen Seiten der Ministerien. 2)

Wer kann das schön finden? – Ich jedenfalls mag ein solches Schönheitsideal nicht teilen. Ich teile eher dasjenige meines Namensvetters Paulus. Der Apostel schreibt an seine Gemeinde in Rom (Römerbrief 10,15):

"Wie schön sind die Füße derer, die Frieden verkündigen, die Gutes verkündigen!“3)

 

----------

1)     https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/russland-ukraine-krieg-muss-putin-vor-diesen-raketen-zittern-a-50265834-1c45-4a87-b276-cf334a6937ae - und

https://web.de/magazine/politik/russland-krieg-ukraine/ukraine-krieg-bringt-rakete-entscheidende-wende-42542464

 

2)    Schadensfolgen nach Angriffen mit ballistischen Raketen:

https://www.bmlv.gv.at/wissen-forschung/publikationen/beitrag.php?id=19

Bundesministerium für Landesverteidigung. Vollständiger Beitrag als PDF:  9 Seiten (366 KB)

 

3)      Berühmtes Zitat aus der Bibel, das ursprünglich aus dem Buch Jesaja (Kapitel 52, Vers 7) stammt und im Neuen Testament vom Apostel Paulus in Römer 10,15 aufgegriffen wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45131
weiterlesen...
29AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor gut einem Monat habe ich davon gelesen. In einem großen Einkaufszentrum in der Stadt wurde eine Frau von ihrem Ex-Partner mit angegriffen und schwer verletzt. Bei allem Schreck war ich für eine Sache dankbar: In den Zeilen, die ich dazu gelesen habe, war nicht von „Familiendrama“ oder „Beziehungstat“ die Rede. Lange wäre mir das gar nicht aufgefallen. Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, warum solche Begriffe problematisch sind.

„Familiendrama“ klingt nach einem tragischen Schicksal, das über eine Familie hereinbricht. „Beziehungstat“ beschreibt zunächst nur den Rahmen, in dem die Tat geschieht. Beides lenkt leicht vom Wesentlichen ab: Hier handelt ein Mensch gewalttätig gegen einen anderen. Und statistisch sind es im sozialen Nahraum meist Männer, die Gewalt ausüben, während Frauen die Opfer sind.1 2

Und wenn wir von einem Familiendrama sprechen, rückt die Gewalt selbst oft in den Hintergrund. Sie erscheint als tragischer Teil einer konflikthaften Beziehung. Doch Gewalt ist kein Schicksal. Sie ist eine Entscheidung und hat Verantwortliche.3

Wir müssen das Problem benennen. Schwere körperliche Gewalt gegen Frauen wird überwiegend von Männern verübt. Und niemand wird ein so komplexes Problem4 mit einer einzigen Maßnahme lösen. Es braucht Schutzräume für Frauen. Gute Präventionsarbeit. Beratungsangebote. Eine Justiz, die aufmerksam hinschaut. Ich meine, wir müssen darüber spreche, welche Vorstellungen von Männlichkeit wir Jungen und Männern vermitteln:5 wie wir über Macht denken, über Kontrolle, über Kränkungen und Konflikte - wie wir reagieren, wenn jemand Hilfe braucht oder Gewalt ausübt -  und wie wir Männer selbst mit Abweisungen und Schwäche umgehen. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Gewalt nicht verharmlost und privatisiert als Beziehungsdrama.

Denn das klingt dann fast so, als hätten die Umstände die Tat verursacht. Doch hinter solchen Worten kann leicht verschwinden, dass ein Mensch Verantwortung für sein Handeln trägt. Die Dinge beim Namen zu nennen, gehört zur Wahrhaftigkeit. Deshalb müssen wir fragen, woher Gewalt kommt, welche Vorstellungen von Männlichkeit wir weitergeben und wie wir mit Macht, Kränkungen und Konflikten umgehen.

Das ist nicht männerfeindlich. Im Gegenteil: Wenn wir Gewalt verhindern wollen, müssen wir auch über die Bedingungen sprechen, unter denen sie entsteht. Gelingt es, festgefahrene Muster zu durchbrechen, profitieren alle davon. Männer, weil sie bessere Wege finden können, mit Verletzungen und schwierigen Gefühlen umzugehen. Frauen, weil weniger von ihnen Gewalt erfahren oder sogar ihr Leben verlieren.

1Gewalt im Geschlechterverhältnis im engen sozialen Nahraum - Bundesstiftung Gleichstellung

2 Weibliche und Männliche Opfer von Partnerschaftsgewalt - Open Data Portal

3 Warum ein Femizid weder "Familiendrama" noch "Beziehungstat" ist | BR24

4 BKA - Meldungen - Polizeilich erfasste Gewalt gegen Frauen nimmt weiter zu
5 Toxische Männlichkeit - woher kommt der Hass auf Frauen? | tagesschau.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45084
weiterlesen...
28AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Mit der Parascha Ki Tawo treten die Israeliten an eine Schwelle. Vierzig Jahre Wüstenwanderung liegen hinter ihnen. Nun stehen sie kurz davor, das verheißene Land zu betreten. Und gerade in diesem Augenblick erinnert die Tora an etwas Entscheidendes: Vergiss nicht, woher du kommst.

Ein besonderer Brauch wird beschrieben: Die Menschen sollen die ersten Früchte ihrer Ernte nach Jerusalem bringen. Und dabei sprechen sie einen bemerkenswerten Satz: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer.“
Mit diesen Worten beginnt die Erinnerung an die eigene Geschichte – an Unsicherheit, Fremdsein und Abhängigkeit. Erst danach wird von Ernte, Erfolg und Dankbarkeit gesprochen.

Die Tora weiß offenbar: Wohlstand kann vergesslich machen. Wer angekommen ist, übersieht leicht die Mühen des Weges. Wer Sicherheit erlebt, vergisst manchmal die Verletzlichkeit anderer Menschen.

Darum verbindet die Bibel Dankbarkeit immer mit Verantwortung. Die Freude über das Eigene darf nicht dazu führen, dass andere ausgeschlossen werden. Im Gegenteil: Gleich danach heißt es, man solle auch die Bedürftigen, die Fremden und die Einsamen am eigenen Glück teilhaben lassen.

Vielleicht beginnt Mitmenschlichkeit genau dort: im Erinnern. Im Bewusstsein, dass auch wir nicht alles allein erreicht haben. Dass unser Leben von Unterstützung, Vertrauen und manchmal auch von Zufällen getragen wird.

Unser Wochenabschnitt lehrt deshalb eine Haltung der Demut. Nicht Selbstverständlichkeit, sondern Dankbarkeit. Nicht Überheblichkeit, sondern Offenheit. Und vielleicht entsteht daraus jene innere Reife, die eine Gesellschaft menschlicher macht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44634
weiterlesen...
27AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Anfang Juli haben wir mit dem diesjährigen Konfi-Jahrgang eine WG-Woche gemacht. Eine Woche lang im Gemeindehaus wohnen – und der Rest des Lebens geht ganz normal weiter. Die Konfis sind zur Schule gegangen, die Erwachsenen zur Arbeit. Und zwischendrin ist eine richtig schöne Gemeinschaft entstanden. Wir haben viel gespielt, gemeinsam der Hitze getrotzt, gekocht, gegessen, abgewaschen... Und irgendwann wurde dann auch geschlafen. Und obwohl es so einfach war – wir hatten keine spektakulären Aktionen – wollte am Ende der Woche kaum jemand gehen, so gut war die Gemeinschaft.

Oder ein anderes Beispiel – aber viel weiter weg, letzten Sommer: die Jugendfreizeit in Kroatien. Direkt am Meer. Dreimal baden am Tag, Geländespiele. Es war also viel mehr geboten. Und trotzdem war am wichtigsten: Leben miteinander zu teilen. Wir haben gemeinsam gegessen, gewartet, bis alle da waren, und am Ende des Tages miteinander geteilt, was wir erlebt haben. Hier das gleiche: Am Ende viel Abschiedsschmerz, und alle sind sich einig: die Gemeinschaft wird fehlen.

Ob im Alltag in Deutschland oder über die Alpen hinweg in Kroatien: Was diese Gemeinschaft ausmacht, ist eigentlich gar nicht so viel. Es braucht Zeit füreinander. Und die Lust, das Leben miteinander zu teilen.

Natürlich leben solche Angebote auch davon, dass von vornherein klar ist: Das ist eine Gemeinschaft auf Zeit. Da blendet man manches aus, was einem vielleicht nach drei Wochen auf die Nerven gehen würde.

Ich mag es, dass diese Suche nach Gemeinschaft eine Grundlage meines Glaubens ist. Die Grundlage, um gemeinsam nach dem richtigen Weg zu suchen. Und gemeinsam zu fragen, was der Glaube an Gott eigentlich bedeutet. Jesus hat mit seinen Jüngern intensiv das Leben geteilt. In den ersten christlichen Gemeinden wurde Gemeinschaft zu einem zentralen Gut. Und sogar die Dreieinigkeit gehört hierher: Gott ist Gemeinschaft. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gemeinschaft gehört also nicht nur zum christlichen Leben. Sie steckt schon in Gott selbst. Und dieser Gott sucht die Gemeinschaft mit Menschen.

Ich will herausfinden, wie solche Inseln der Gemeinschaft, die ich im Sommer erlebe, auch für andere Altersgruppen möglich werden können – oder ob es sie vielleicht längst gibt. Eine Idee habe ich schon: Bei uns in der Gemeinde das Kaffeetrinken und Zusammensitzen nach dem Gottesdienst wieder stärker zu beleben. Das ist vielleicht nicht so intensiv wie eine Woche gemeinsam im Gemeindehaus. Aber mir ist bewusst geworden: Es braucht nicht viel dafür. Eine Tasse Kaffee und etwas Zeit könnte schon reichen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45083
weiterlesen...
26AUG2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor kurzem bin ich in Stuttgart in der Innenstadt auf Parkplatzsuche gewesen. Ich habe – gegen jede Wahrscheinlichkeit – tatsächlich auch einen gefunden; und musste deswegen kurz meinen Glauben hinterfragen.

An dem Abend hatte ich eine Freundin von außerhalb besucht. Und als ich aufgebrochen bin, da habe ich noch gesagt: Jetzt kommt der schlimmste Teil des Abends: die Parkplatzsuche in Stuttgart. Da hat meine Freundin nur gegrinst und gemeint: Meine Oma hat, wenn sie mit ihren sieben Enkeln unterwegs war immer für einen freien Parkplatz gebetet. „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ heißt es in der Bibel, also hat sie das gemacht. Soll ich das für Dich jetzt auch machen? Dafür beten, dass du einen Parkplatz findest?

„Kann ja nicht schaden“ oder so etwas ähnliches habe ich beim Losfahren gemurmelt – obwohl ich eigentlich fest die Meinung vertrete, das Gebet so nicht funktioniert. Auch meinen Konfis oder in meinen Predigten am Sonntag sage ich das: dass das Gebet nicht einfach eine Wunschmaschine ist, die unser Leben leichter macht.

Ich bin also losgefahren, die Freundin hat für den Parkplatz gebetet – und tatsächlich: als ich in meine Heimatstraße eingebogen bin, war der perfekte Parkplatz frei, direkt vor meiner Haustür. Sonst suche ich um diese Uhrzeit schon einmal eine halbe Stunde.

Und trotzdem bleibe ich dabei: Gebete sind keine Wunscherfüller. Und ich glaube, dass so eine Gebetspraxis auch gefährlich ist. Weil man schnell an die Frage kommt: Wenn ich das nächste Mal keinen Parkplatz finde – habe ich dann nicht genug gebetet? Oder sonst etwas falsch gemacht? Dann hängt meine Beziehung zu Gott auf einmal davon ab, wie oft ich einen freien Parkplatz finde. Und es würde wichtige Fragen offenlassen: Warum kümmert sich Gott um freie Parkplätze für mich, aber nicht um zum Beispiel ausreichend Essen für Menschen, die auf der Straße leben?

Die Frage kann ich nun mal nicht beantworten - und werde gleichzeitig trotzdem für Menschen in Not oder Obdachlosigkeit beten – und manchmal auch für einen freien Parkplatz. Ich finde darin kommt ein Grundvertrauen zum Ausdruck, das mir und meiner Beziehung zu Gott guttut. Was Gott draus macht, das überlass ich ihm.

Zwei Tage später habe ich es noch einmal versucht. Wieder Parkplatzsuche, wieder ein kurzes Gebet. Diesmal ohne Erfolg. Ich bin lange um die Häuser gefahren. Seltsamerweise war ich danach nicht enttäuscht von Gott. Vielleicht brauchte einfach jemand anderes den Parkplatz dringender. Vielleicht auch nicht. Aber es tut mir gut, dass ich Gott sagen kann, was mich belastet. Und genau wie die Oma meiner Freundin nehme ich den Satz ernst: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45087
weiterlesen...