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08MAI2026
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Heute, am 8. Mai denken wir daran, dass vor 81 Jahren der 2. Weltkrieg in Deutschland zu Ende ging. Meine Mutter ist ein Kriegskind. 1944 geboren hat sie ihren Vater nie gesehen. Eines erzählt sie immer wieder: Wie sie bis tief in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer wieder mit ihrer eigenen Mutter zum Bahnhof ging. Weil immer wieder Hoffnung aufgekeimt ist, wenn Züge aus dem Osten am Bahnhof ihrer Heimatstadt Esslingen ankamen. Züge voll mit Soldaten. Ausgemergelt und doch sehnsüchtig.

Leider ist ihr Vater, mein Großvater, nie dabei. Leider gehen die beiden, Mutter und Tochter immer wieder alleine nach Hause. Dort angekommen wartet Oma Clara am Fenster. Sie hat schon das Abendessen vorbereitet. Bescheiden, aber liebevoll. Mit ein bisschen Knackwurst von den Verwandten aus Thüringen, die immer wieder mal ein Paket schicken. Nach dem Abendessen liest die Oma der kleinen Margret vor. Auf dem Sofa. „Heidi2 von Johanna Spyri. Und als die Geschichte für diesen Abend zu Ende ist - Heidi liegt weinend auf dem Bett in Frankfurt, voller Angst vor Fräulein Rottenmeier - da bricht es auch aus der kleinen Margret heraus: „Oma, ich glaub, der Papa kommt nicht mehr. Nie mehr.“

Oma Clara sagt nicht viel. „Komm mal her, mein Liebes, komm mal her.“ Und sie nimmt sie in den Arm. Die kleine Margret mag den Geruch der Oma. Ein bisschen wie Lavendel. „Komm her, mein Kleines. Heute schläfst du bei mir.“ Und dann beginnt sie zu singen: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ und „Breit aus die Flügel, beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan dich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein …“
Die kleine Margret ist so froh, dass sie die Oma hat. Ihre Oma. Und sie schläft ein. Im Bett der Oma, und es riecht nach Lavendel.

Mein Großvater kam nicht mehr aus dem Krieg. Nie mehr. Es war nicht leicht. Aber eines, das hat meine Mutter wohl bis heute nicht vergessen: die Abende und die Nächte im Bett der Oma. Sie hat bis heute nicht vergessen, was es bedeutet, getröstet zu werden. Und dass jemand da war. Einfach da.

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07MAI2026
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Wir müssen reden. Wenn meine Frau das zu mir sagt, dann ist es ernst. Kurz nach Ostern war es mal wieder soweit. Es ging ums Fensterputzen. In unserem wunderbaren schwäbischen Pfarrhaus gibt es genau 38 davon. Mit Sprossen, was die Reinigung nicht leichter macht. Mir sind saubere Fenster nicht so wichtig. Meiner Frau schon. Aber das Putzen ist ihr zu viel. Deshalb: Wir müssen reden.

Gut vorbereitet ist sie in unser Gespräch gekommen. Und hat mich überrascht. Mit dem Angebot eines Fensterreinigers. 150 € für 38 Fenster mit Sprossen. Ich habe ziemlich schnell zugestimmt. Zum einen, weil ich selbst keine Lust habe, mich mit Bockleiter und Fenstertuch an die Arbeit zu machen, vor allem aber, weil ich gespürt habe, wie wichtig ihr das ist.

Wir müssen reden. Nicht nur wenn’s ums Fensterputzen geht. Immer wieder höre ich, dass unsere Gesellschaft auseinanderzubrechen droht, weil sich viele nur noch in der eigenen Blase, dem eigenen Echoraum begegnen und die anderen gar nicht mehr wahrnehmen. Und das führt dann zur Sprachlosigkeit oder dazu, dass aufeinander eingeschlagen wird, verbal und leider auch real.

Was können wir dagegen tun? Ein kleines Beispiel, das zwar zugegebenermaßen unsere Gesellschaft nicht gleich rettet, mir aber doch Mut macht: Wenn Fußball-Champions-League übertragen wird, geh ich gerne in eine Kneipe bei uns am Ort. Es wird geraucht da. Und Spielautomaten gibt’s in Hülle und Fülle. Normalerweise nicht meins. Aber dort verbindet der Fußball über alle Grenzen hinweg. Und da liegt man sich, wenn in der 89. Minute der entscheidende Treffer fällt, in den Armen. So entsteht Beziehung. Mir gefällt das. Auch weil ab und zu nach dem Spiel noch ein Gespräch entsteht. Manchmal sogar kontrovers. Und weil dann, wenn ich meine Fußballkumpels mal zufällig beim Einkaufen treffe, auch wieder geredet wird. Über Gott und die Welt.

Ja, wir müssen reden. Und die Grenzen immer wieder mal überschreiten. Und keine Angst haben, vor denen, die anders sind. Ich glaube, Jesus würde wahrscheinlich heute auch in die Fußballkneipe gehen. Denn er hatte keine Angst vor den Menschen, vor allem nicht vor denen, die anders sind oder eine andere Meinung haben. Aber das Gespräch hat er immer wieder gesucht. Und zugehört.

Gestern übrigens war der Fensterputzer da. Zum Abschied zwinkerte er mir zu. „Ich komme gerne wieder. Sie wissen ja: Happy wife, happy life…“  Die 150 € habe ich gerne bezahlt.

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06MAI2026
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Manchmal lässt mich unsere erwachsene Tochter ganz schön hängen. Da schreibt der zuweilen besorgte Vater eine WhatsApp nach der anderen. Ruft an. Sucht sogar über Insta Kontakt. Und sie schweigt. Eine gewisse Zeit kann ich das aushalten. Aber je länger es dauert, desto höher steigt der Pegel aus Sorge, Frust und auch Enttäuschung.  Manchmal schiebe ich dann noch ein wenig souveränes „Haaalooo! Lebst du noch?“ hinterher. Irgendwann, für mich viel zu spät, kommt dann ein gnädiges  „Hi Papa, war grad viel. Melde mich die Tage …“ 

Meine Frau rät mir in solchen Situationen zur Gelassenheit. Lass sie, die meldet sich schon wieder. Ist allerdings nicht grade meine Stärke, das Lassen. Jemanden in Ruhe lassen, der diese Ruhe und diesen Abstand braucht, obwohl ich Nähe und Kontakt möchte, kann ganz schön schwer sein. Und doch so wichtig, weil es Grenzen respektiert.

Wenn dieser Respekt verloren geht, dann kann es sogar gefährlich werden. Stichwort: Stalking. Dass gerade Männer damit Schwierigkeiten haben und sich leider viel zu oft zu Stalkern entwickeln, die anderen das Leben zur Hölle machen, beschämt mich. Sehr. Von Gewaltanwendungen im Netz oder in den eigenen vier Wänden ganz zu schweigen. Das muss aufhören. Und wo wir es beobachten oder auch nur ahnen, gilt es, den Mund aufzumachen und einzuschreiten. Es eben nicht auf sich beruhen lassen. Einander lassen.

Noch was: Loslassen, einen Menschen loslassen, hat mit Respekt und Vertrauen zu tun. Respekt, weil ich seine Entscheidungen respektiere und akzeptiere. Weil ich meinem Gegenüber, egal ob Kindern oder Kolleginnen, dem Lebenspartner oder Freunden eigene Wege zugestehe. Vertrauen, weil ich daran glaube, dass da noch ein anderer ist, der mitgeht und begleitet und auch hält und auffängt.  Das hilft mir. Auch wenn ich an unsere Tochter denke. Wenn ich sie loslasse, dann entlasse ich sie eben nicht ins Nichts. Und auch nicht ins Bodenlose. Gottseidank. Daran denke ich, wenn der Pegel wieder steigt, weil die Antwort aus Leipzig von der Tochter mal wieder auf sich warten lässt.

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05MAI2026
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Stimmt bei Ihnen die Work-Life-Balance? Sind Arbeit und Leben, Verpflichtungen und Freizeit im rechten Verhältnis? Ganz ehrlich, mir persönlich widerstrebt dieser in Mode gekommene Ausdruck: Work-Life-Balance. Work und Life – Arbeit und Leben – das sind doch keine getrennten Bereiche. Und ich höre doch nicht auf, zu leben, wenn ich bei der Arbeit bin. Die Rede von der Work-Life Balance aber vermittelt genau das. Und das wiederum kann dann dazu führen, dass die die Arbeit als leblos oder zumindest als freudlos erlebt wird. Für mich passt das nicht. Ich halte es für wichtig, dass die Arbeit Teil meines Lebens ist und ich eben auch in meiner Arbeitszeit lebe, Freude habe lachen kann, Erfolge feiere; es mir manchmal schön mache; die Kolleginnen zum Lachen bringe. 

Das bedeutet nicht, dass immer alles locker und easy ist. Nein, auch das Schwere und das Mühsame gilt es zu erleben und zu durchleben. Auch das ist ja Teil meines Lebens. Die Bibel spiegelt das wider, dass unser Leben ein ganzes ist: Wenn ich an Jesus und seine Geschichte denke: Der hat gekämpft wie ein Löwe, gefastet und gefeiert ohne Ende. Gelitten und geliebt. Ja, gerade das Leiden war ein zwar schwerer, aber wichtiger Teil seines Weges. Aber es war nicht das Ende.

Als Christ glaube ich daran, dass nichts, nicht mal der Tod, es festhalten, in den Griff bekommen kann, das Leben. Deshalb muss ich das selbst auch nicht versuchen oder Angst haben, die Arbeit und die Verpflichtung könnten es verdrängen, an den Rand schieben, in den Griff bekommen. Und weil ich das glaube, möchte ich ihm Raum geben. Jeden Tag. Auch bei der Arbeit. Und es suchen. Das Leben. Und nicht immer nur hoffen, dass der eine Teil irgendwie vorbeigeht und der andere sich möglichst toll anfühlt.  

Zum Schluss: Eine gute Freundin hat unter die Todesanzeige ihres Vaters nur einen Satz geschrieben: „Er hat gelebt.“ Gefällt mir. Gelebt hat er, weil er sein Leben eben nicht damit verbracht hat, sich darauf vorzubereiten irgendwann mal zu leben - im Urlaub oder im Ruhestand, oder wenn die Kinder groß sind. Denn Leben ist immer jetzt. Auch bei der Arbeit. 

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04MAI2026
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Es ist zehn Uhr. Ich sitze an einem traumhaften Tag im Sessellift in Lech am Arlberg.  Über mir stahlblauer Himmel, unter mir strahlend weißer Schnee. Und Sonne satt.  Schöner kann das Leben kaum sein. Dann Pling. Eine WhatsApp.

„Herr Brändle, henn Sie mih vergessa?“ Das schreibt, in leicht vorwurfsvollem Ton, unsere Putzfrau, die vor der verschlossenen Pfarrhaustür steht. Mist. Ja, ich hab sie tatsächlich vergessen. Jetzt kam sie umsonst. Sollte nicht passieren. Ist mir unangenehm. Sehr. Weil ja ganz offensichtlich ist, dass ich einen Fehler gemacht habe. Kurz trübt das meine Laune. Ich mag es nicht, wenn mir Fehler passieren.

Der amerikanische Schriftsteller Arthur Miller – seines Zeichens vierter Ehemann von Marylin Monroe - hat einmal gesagt: Ohne unsere Fehler sind wir Nullen. Hm, müsste es nicht umgekehrt lauten:  Wer Fehler macht, ist eine Null?

Für mich sind es drei Gründe, die für seine Einschätzung sprechen:
Zum Ersten: Fehler macht nur, wer sich traut, etwas zu tun. Wer etwas in die Hand nimmt, wer Entscheidungen trifft. Und es ist so wichtig, dass es Menschen gibt, die sich das trauen – trotz des Risikos, auch mal für einen Fehler gerade stehen zu müssen.
Ein Zweites: Auch wenn ich einen Fehler mache oder meine Schwächen ans Licht kommen, hat das seine zwei Seiten: Ein Beispiel: Es nervt mich, wenn jemand sich nicht entscheiden kann, einfach nicht klar Position bezieht. Aber so jemand ist meistens auch ziemlich einfühlsam. Ja, solche Menschen haben oft ein ausgeprägtes Mitgefühl. Schwächen als Stärken.
Und noch ein Drittes: Gerade, wenn ich Schwäche zeige, an Dingen scheitere, Fehler mache, werde ich für andere greifbar, bin ich Mensch und kein Übermensch. Es entsteht Nähe und Platz für andere Kräfte außer meinen eigenen.

Vor bald 2000 Jahren hat Paulus den Menschen in Korinth geschrieben: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2. Korinther 12, 10) Er meint damit: Wenn wir unsere Grenzen und Schwächen anerkennen, machen wir Platz für eine stärkere Kraft, die Kraft Gottes. Mit dieser Kraft in meinem Leben kann ich dann auch leichter Fehler zugeben und muss nicht so tun, als sei ich perfekt. Ach, übrigens: Als ich oben aus dem Sessellift ausgestiegen bin, hat es wieder Pling gemacht: „Macht nix, dann geh ich jetzt auf den Marktplatz und trinke einen Kaffee in der Sonne. Komm dann nächste Woche wieder.“

„Der Kaffee geht auf mich,“ schreibe ich zurück.

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02MAI2026
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Ich gehe gern spazieren. Und meistens gehe ich schneller als nötig. Ich merke dann richtig, wie ich Strecke machen will. Ein bisschen Bewegung, ein bisschen Tempo – und am Ende das Gefühl: Gut, wieder eine Runde geschafft, wieder ausreichend Schritte gemacht.

Bei meiner letzten Runde war das etwas anders. Vor mir lief ein Kind. Und dieses Kind hat offenbar überhaupt keine Eile. Es blieb bei jeder zweiten Pfütze stehen. Schaut hinein, als wäre dort etwas ganz Besonderes zu sehen. Patscht mit dem Schuh im Wasser. Lacht. Und geht dann ein paar Schritte weiter – bis zur nächsten Pfütze.

Am Anfang bin ich echt ungeduldig. Ich denke: „Jetzt geh doch einfach weiter. Ich komm ja nicht an dir vorbei.“ Der Weg ist schmal, und das Kind bleibt einfach in seinem eigenen Tempo.

Irgendwann merke ich: Ich werde langsamer. Ich habe mich wohl unbewusst dem Lauftempo des Kindes angepasst. Und noch was ist anders: Ich schaue auch in die Pfützen und sehe, wie sich die Bäume im Wasser spiegeln. Wie der Wind kleine Wellen in die Pfützen zieht. Eigentlich nichts Besonderes. Es sind kleine Dinge, an denen ich sonst einfach vorbeilaufe, wenn ich nur meinen Plan verfolge Strecke zu machen. Aber jetzt freue ich mich, dass ich sie sehe.

Offensichtlich braucht es nicht viel. Einen kleinen Moment – bei mir ein Kind – das sich einfach so dazwischenschiebt und etwas verändert, sichtbar macht. Und was ich dann sehe, wird immer mehr.

Später fällt mir dann das Gleichnis vom Senfkorn ein, das Jesus einmal erzählt hat.

Ein Senfkorn ist so klein, dass man es schon mal übersieht, und dennoch, kann es etwas Großes werden. Es bleibt nicht klein und unscheinbar. – Und ein Senfstrauch kann immerhin bis zu drei Meter hoch werden!

Für Jesus zeigt sich darin, wie das Reich Gottes ist. Das ist kein geografischer Ort, vielmehr eine Erfahrung, in der uns Gott nahekommt. Und das kann ein kleiner Moment sein, aus dem viel werden kann, wenn ich ihm Raum gebe.

Das kann auch ein Gespräch sein, in dem ich mal wirklich hinhöre oder ein Moment, in dem ich ruhiger reagiere, als sonst vielleicht . Mich mal zurücknehme, den anderen mehr sehe. Kleine Dinge, aus denen mehr werden kann. Und vielleicht merke ich später: Da hat sich etwas bewegt. Da ist etwas sichtbarer und größer geworden.

Wie bei dem Spaziergang mit dem Kind.

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01MAI2026
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Wir sind fünf Personen, meine drei Kinder, mein Mann und ich. Da geht einiges Brot weg. Deshalb hole ich alle paar Tage morgens Brot, nachdem ich die Kinder in den Kindergarten gebracht habe. Und jedes Mal, wenn ich die Bäckerei betrete, steht die Bäckers-Crew schon da: wach, freundlich, bereit. Während ich selbst noch halb im Morgen hänge.

Ich nehme das für selbstverständlich, aber dass die ziemlich früh aufstehen müssen, während andere sich gerade noch im Bett umdrehen, nur damit es dann so gut duften kann und ich unser Brot kaufen kann – daran denk ich eher nicht. Für mich fängt der Tag ja gerade erst an.

Heute ist der 1. Mai. Ein Feiertag. Unser Brot habe ich schon gestern besorgt. Der Morgen fühlt sich ruhig an, fast wie ein kleiner Sonntag.

Und gleichzeitig weiß ich: Für viele andere ist das heute kein freier Tag. Im Krankenhaus, in der Pflege, bei der Feuerwehr, an der Tankstelle. Und eben auch in der Bäckerei.

Der 1. Mai soll daran erinnern, dass Arbeit nichts Selbstverständliches ist. Dass Menschen dafür hart gekämpft haben, dass wir schützende Arbeitsrechte haben. Dass es Grenzen gibt, zum Beispiel den Achtstundentag. Dass es so etwas wie Pausen, Urlaub, Mindestlohn, eine Gewerkschaft gibt.

Arbeit nimmt einen sehr großen Teil in unserem Leben ein. Deshalb ist es mir wichtig, Menschen an ihren Arbeitsplätzen auch als Ganzes zu sehen. Als Chef, aber auch als Kunde. Die Würde eines Menschen hört nicht auf, nur weil er arbeitet. Jeder ist mehr als das, was er leistet.

Und genau das zeigt sich darin, wie ich mit anderen umgehe: ob ich ihre Arbeit wahrnehme, ob ich sie anerkenne. Nicht weil ihr Wert davon abhängt, sondern weil ich den Wert damit sichtbar mache.

Der 1. Mai wird als Tag der Arbeit begangen, vielerorts sogar mit großen Kundgebungen. Aber es fängt ja nicht erst mit großen Debatten an, sondern in so einem Moment wie in der Bäckerei. Nicht nur am 1. Mai.

Wenn ich nicht einfach weitergehe, sondern wahrnehme: Da ist ein Mensch, der schon lange wach ist, wenn ich erst ankomme. Der schon gearbeitet hat, während ich noch geschlafen habe, damit ich etwas habe.

Das verändert nicht die ganze Welt – ich weiß.. Aber es verändert meinen Blick. Und manchmal reichen da schon: ein freundliches Wort oder ein Lächeln.

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30APR2026
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Manchmal zweifle ich. Nicht nur an mir, sondern auch an meinem Glauben. Und manchmal frage ich mich ganz ehrlich, ob Gott wirklich da ist.

Ich sage das so offen, weil ich glaube: Zweifel gehört zum Glauben dazu. Zweifeln ist nichts Bedrohliches, kein Feind, den man loswerden muss. Für mich ist er eher wie ein Besucher. Einer, der anklopft, Fragen mitbringt, mich durcheinanderbringt – manchmal einfach dableibt.

Und dieser Besucher klopft manchmal öfter an, als mir lieb ist: Wenn ich als Mutter an meine Grenzen komme, weil alles zu viel wird. Wenn ich mir Sorgen mache um ein Familienmitglied, dass im Krankenhaus oder um einen Freund, der unerwartet seinen Job verliert. Dann klopft dieser Zweifel an und ich sage zu Gott: „Ein bisschen Hilfe wäre schon schön!“ Aber keine Antwort. Gott fühlt sich dann ziemlich weit weg an. Ich frage mich dann: „Gott, wo bist du?“

In solchen Momenten denke ich dann oft an diesen einen Satz von Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Satz ist kein frommer Gedanke. Das ist ein Aufschrei. Und er steht genau da, wo alles auf dem Spiel steht, am Kreuz.

Ich habe festgestellt, ich brauche diesen Satz. Weil er zeigt: Selbst Jesus kennt dieses Gefühl von Gottesferne. Und wenn Jesus das kennt, dann ist Gott nicht fern von diesem Gefühl, sondern mittendrin. Ich kann also davon ausgehen, dass Gott um meine Gefühle weiß, weil er sie selbst durchlitten hat. Zweifel ist also nichts, was mich vom Glauben trennt. Sondern etwas, das dazugehört.

An manchen Tagen, an denen der Zweifel anklopft, bete ich manchmal nur einen einfachen Satz: „Gott, ich glaube – hilf meinem Unglauben.“

Mehr ist es oft nicht. Aber dieser Satz ist ehrlich. Er tut nicht so, als wäre alles klar. Er sagt: Das ist, was ich habe. Mehr gerade nicht. Und ich beginne dann den Tag mit dem, was da ist, mit Vertrauen und mit Zweifel. Beides darf sein.

Zweifel besucht mich immer wieder. Das ist nicht einfach. Aber ich setze mich immer wieder mit ihm an einen Tisch. Und auch wenn ich Gott dann nicht spüre, vertraue ich darauf, dass er trotzdem da ist.

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29APR2026
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Im Supermarkt stehe ich an der Kasse, vor mir eine ältere Dame. Sie legt ihren Einkauf aufs Band und sucht in ihrem Geldbeutel nach dem passenden Kleingeld. Das dauert eine Weile.

Hinter mir wird es schon ein bisschen unruhig. Sie kennen das vielleicht. Dieses leise Seufzen. Man merkt sofort: Manche hätten es gern schneller. Ehrlich gesagt, ich kenne diesen Gedanken auch von mir selbst. Man steht da, hat es eilig und denkt: „Jetzt mach schon…“

Die Frau vorne hat es vermutlich gemerkt. Sie kramt immer hektischer nach ihren Münzen und schaut unsicher auf die anderen in der Schlange.

Was ist das nur für ein merkwürdiger Druck, den wir uns im Alltag machen? Beim Einkaufen, im Straßenverkehr, beim Warten irgendwo: Alles soll schnell gehen.

Das Leben funktioniert aber oft gar nicht so. Manches geht eben nicht schneller, auch wenn man Druck macht. Manchmal braucht ein Mensch einfach länger. Beim Bezahlen. Beim Autofahren. Beim Erzählen. Ich hab ja auch schon festgestellt, dass ich an manchen Tagen langsamer unterwegs bin.

Und eigentlich weiß ich auch „Alles hat seine Zeit“. Dieser Satz steht schon in der Bibel und passt erstaunlich gut in solche Alltagssituationen (Kohelet 3,1-8).

Nur ist das nicht so einfach: Heutzutage muss alles schnell muss. Die Welt drückt auf Tempo. Wir wollen schnelle Antworten, schnelle Entscheidungen, schnelle Abläufe.  Aber das Leben selbst hat oft ein anderes Tempo.

Wenn ich aber „Alles hat seine Zeit“ beherzige, dann passiert was Entscheidendes: Ich gestehe mir und auch anderen Zeit, nach und nach für das was ansteht und entschleunige so. Wie bei der Supermarktfrau, wenn ich geduldig warte, damit sie sich Zeit nehmen kann, um zu bezahlen.

„Alles hat seine Zeit“: Arbeiten und reden, Schweigen und auch geduldig sein. Vielleicht wirkt dieser alte Satz aus der Bibel genau deshalb bis heute. Manche Dinge gehen nicht schneller, wenn ich mich beeile. Und Hektik hat noch niemandem geholfen. Manchmal hilft es mehr, die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Es dauert vielleicht gefühlt einen Moment länger und dann geht es auch weiter.

Im Supermarkt an diesem Tag hat es am Ende gar nicht viel länger gedauert. Die Frau findet ihr Geld, die Kassiererin bedankt sich freundlich und die nächsten Kundinnen und Kunden zahlen ihre Einkäufe.

„Alles hat seine Zeit“ denke ich mir, atme tief durch und versuche, das nächste Mal auch mit mir geduldiger zu sein.

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28APR2026
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Frieden ist ein großes Wort. Und manchmal frage ich mich, ob es nicht zu groß ist für unsere Welt. Wenn ich in diesen Tagen Nachrichten höre, Schlagzeilen lese – dann spüre ich: Frieden ist fragil. Schnell zerbrechlich. Und oft erschreckend nah daran, verloren zu gehen.

„Wahat al-Salam / Neve Shalom“ – das heißt „Oase des Friedens“. So nennt sich ein kleiner Ort in Israel, mitten in den Hügeln zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Gegründet 1972 – von jüdischen und arabischen Familien, die dort gleichberechtigt zusammenleben. Sie schicken ihre Kinder in eine gemeinsame Schule, sprechen Hebräisch und Arabisch, feiern ihre je eigenen Feiertage – und lernen voneinander.

Ich war selbst noch nicht dort. Aber ich habe ein Buch gelesen, das mich nicht mehr loslässt. Geschrieben haben es Evi Guggenheim und Eyas Shbeta – sie Jüdin aus der Schweiz, er Palästinenser aus Israel. Die beiden leben seit vielen Jahren in der Oase des Friedens, haben sich dort kennengelernt, geheiratet und unterrichten an der Friedensschule.

Im Buch beschreiben sie in abwechselnden Kapiteln ihre Geschichte, so dass ihre unterschiedlichen sozialen Prägungen gut erkennbar sind. Als Kinder der 50er Jahre erzählen sie auch, wie sie die politischen Ereignisse um Israel wahrnehmen: Die Erste Intifada und den Oslo-Friedensprozess. Natürlich mit Blick auf ihr erbautes Dorf, die Friedensoase. Nicht immer ist es dort friedlich, denn auch Konfliktfelder tauchen auf. Etwa, als der erste jüdische Junge zum Militärdienst einberufen wird und mit 21 Jahren als Soldat stirbt. Kann der geliebte Sohn des Friedens-Dorfes als israelischer Soldat sichtbar geehrt werden? Und wäre das dann ein Hohn für alle Palästinenser, die im Dorf leben?

Sie beschreiben vor allem, wie sie mit Konflikten umgehen, wo sie sich einig werden und wo sie sich uneinig aushalten. Vor allem, in dem sie versuchen zu verstehen, woher Ausgrenzung und Hass stammen. Das ist auch der Ansatz in ihrer Schule.

Gerade in diesen Tagen, in denen so viel von Gewalt die Rede ist und neue Spannungen entstehen, ist so ein kleiner Ort mehr denn je ein Zeichen. Für mich zeigt er: Frieden ist möglich und setzt dort an, wo sich Menschen aufeinander einlassen und sich aushalten, auch wenn’s schwer ist.

Ich glaube: Solche Orte brauchen wir auch bei uns. Oasen des Friedens. In der Schule. In der Nachbarschaft. Im eigenen Herzen.

Frieden ist ein großes Wort. Und die Sehnsucht danach ist der Anfang, ihn möglich zu machen.

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