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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Die Klage der Armen ist die Anklage der Reichen, dafür gibt es in der Bibel viele Beispiele. So im Buch Nehemia aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Es heißt dort: „Die Männer des einfachen Volkes und ihre Frauen erhoben aber laute Klage gegen ihre Volksgenossen. Sie sagten: Wir müssen unsere Söhne und Töchter verpfänden um Getreide zu bekommen, damit wir zu essen haben und leben können….Wir sind doch vom selben Fleisch wie unsere Volksgenossen; unsere Kinder sind ihren Kindern gleich, und doch müssen wir unsere Söhne und Töchter zu Sklaven erniedrigen“ (Neh 5,1-2. 5) Die einen haben genug Geld, ihre Söhne und Töchter haben alle Chancen der Welt und die andern nagen am Hungertuch, sie müssen ihre Söhne und Töchter als Sklaven verkaufen.
Leider nicht nur eine alte biblische Geschichte von vor 2500 Jahren, sondern auch harte Realität unserer Tage. Um selbst nicht zu verhungern, verkaufen viele Eltern aus den armen Ländern des Südens ihre Kinder als Prostituierte, als kleine Babies oder einfach nur als billige Arbeitskräfte in die reichen Länder des Nordens. Der Unterschied: Wir müssen uns die Klagen der Eltern nicht anhören, zwischen Ihnen und uns liegen oft tausende von Kilometern. Aber im Zuge der globalen Information können wir nicht so tun, als wüssten wir von nichts.
In der Bibel nimmt die Geschichte ein unerwartet gutes Ende. Nehemia hört die Klagen der Armen, wird zornig und stellt im Namen Gottes die Vornehmen und Beamten zur Rede. Und es klingt wie ein Märchen, seine Worte zeigen Wirkung. Die Reichen haben ein Einsehen und erlassen den Armen die Schulden, so dass sie ihre Kinder nicht mehr verkaufen müssen.
Wäre doch ein guter Vorsatz für 2009. Dafür sorgen, dass es für immer mehr Kinder ein gutes Ende nimmt, auch heute im 21.Jahrhundert. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Konsequent keine Produkte kaufen, für die Kinder ausgebeutet wurden, Geld für Straßenkinderprojekte spenden. Und auch im Namen Gottes den Armen Gehör zu verschaffen. Denn die Klage der Armen ist die Anklage der Reichen.
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Prosit Neujahr, das kann man heute, am zweiten Tag vom neuen Jahr, sicherlich noch wünschen. Prosit oder einfach nur prost heißt übersetzt, es möge nützen. Es möge nützen das neue Jahr 2009. Bei den Prognosen für dieses Jahr klingt das fast schon wie ein frommer Wunsch. Denn alle rechnen ja mit einer größeren Wirtschaftskrise, die Arbeitslosenzahlen sollen wieder steigen, der Staat wieder mehr Schulden machen und es kann sogar passieren, dass es ein Minuswachstum gibt, zu deutsch: Unsere Wirtschaft wird vielleicht schrumpfen. Wie soll da das Jahr 2009 ein nützliches Jahr werden?
Ich denke, gerade deswegen kann dieses Jahr nützlich sein für uns. Denn Krisen können zum Nachdenken, zur Besinnung führen. Persönliche Lebenskrisen können einen Menschen dazu bringen, dass er sein Leben total umkrempelt. Er ganz neue Akzente setzt und sich von alten Zielen verabschiedet. Wäre ja eine Chance für unsere Gesellschaft, die Wirtschaftskrise zum Nachdenken zu nutzen. Vielleicht ist das erwartete Minuswachstum ja ein heilsamer Zwang, einige als selbstverständlich geltende Ziele zu hinterfragen.
In den katholischen Gottesdiensten wird im Jahr 2009 in erster Linie aus dem Markusevangelium vorgelesen. Der erste Satz, den Jesus dort spricht, lautet: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Umkehren, neue Ziele setzen. Ziele, die – wenn es nach Jesus geht - mit dem Reich Gottes verträglich sind. Das aber geht nicht ohne Gerechtigkeit. Die Güter dieser Erde müssen gerecht verteilt werden, sowohl weltweit als auch innerhalb eines Landes. Das wär doch was für das Jahr 2009. Alle Leitsätze der Wirtschaft, wie z.B. Hauptsache die Aktienkurse steigen, die Dividenden stimmen und die Wachstumsrate ist hoch, werden daran gemessen, ob sie der Gerechtigkeit dienen. Ich bin mir sicher, dann würde es nützen das Jahr 2009. Nicht trotz, sondern wegen der Wirtschaftskrise.
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Frieden, das wünsche ich Ihnen und uns allen für das Jahr 2009. Der Neujahrstag ist aber nicht nur der Tag der guten Wünsche sondern auch der guten Vorsätze. Vielleicht wegen dieser Kombination hat Papst Paul VI diesen Tag zum Weltfriedenstag erklärt. Damit wir uns den Frieden nicht nur wünschen, sondern ihn uns auch vornehmen. Seit 1968 gibt es jährlich vom Papst zum heutigen Tag eine Weltfriedensbotschaft. Auch Benedikt XVI führt diese Tradition fort. Seine Botschaft in diesem Jahr trägt den Titel: „Die Armut bekämpfen, Frieden schaffen.“ Damit liegt er ganz auf der Linie seiner Vorgänger. Immer wieder weisen die Päpste in ihren Schreiben auf den Zusammenhang von Frieden und Armutsbekämpfung, von Frieden und Gerechtigkeit hin. So hieß etwa die Weltfriedensbotschaft 1972: „Willst du den Frieden, so arbeite für die Gerechtigkeit“. Frieden und Gerechtigkeit zusammen zudenken, ist gute biblische Tradition. Schon im Alten Testament beim Propheten Micha heißt es im vierten Kapitel: „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern, und Winzermesser aus ihren Lanzen“(Mich 4,3). Der Satz ist als ein Bild für den Frieden recht bekannt. Weniger bekannt aber ist der nächste Vers, der für die Gerechtigkeit steht. Er lautet: „Und jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum.“ (Mich 4,4). Wein und Feigen stehen nicht nur für ausreichendes, sondern für gutes Essen und Trinken. Modern würde man sagen, sie stehen dafür, dass die Menschen nicht nur überleben, sondern gut leben können. Und dazu braucht es nicht nur Essen, Trinken, Kleidung und Wohnung, sondern auch Kino, Theater, Musik, Literatur und Kunst. Jeder muss die Möglichkeit haben, daran teilhaben zu können, sonst gibt es keinen Frieden. Welt weit nicht und in unserm Lande nicht. Und deshalb ist jedes Engagement für benachteiligte Jugendliche, jede Nachhilfestunde, ein Beitrag zum Frieden. Jeder Einsatz für alte, kranke und behinderte Menschen, jede Vorlesestunde im Altenheim, ein Beitrag zum Frieden. Frieden für das Jahr 2009 muss also nicht nur ein frommer Wunsch, sondern kann auch ein ernster Vorsatz sein.

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Klagen und Danken erwünscht
Im Rückblick auf das Jahr 2008 darf jeder klagen aber auch danken, beides sind Grundformen des Gebetes.

Besuch im Altenheim; ich überbringe die Weihnachtsgrüße der Gemeinde. Eine alte Dame klagt mir ihr Leid: „Ach wissen Sie das Jahr 2008 war ein sehr schlechtes Jahr für mich. Anfang des Jahres starb mein Mann und im Sommer hab ich mir das Bein gebrochen. Nach dem Krankenhaus musste ich dann ins Altenheim. Jetzt bin ich hier, letztes Jahr Weihnachten war ich noch zu Hause, saß mit meinem Mann unterm Weihnachtsbaum.“ Tränen kommen der alten Dame in die Augen, dann fasst sie sich wieder und meint: „Aber man darf ja nicht klagen, das Leben ist eben so.“ Sie merkt gar nicht, dass sie bereits am Klagen ist. Und deshalb unterlasse ich es auch, ihr zu widersprechen. Denn natürlich darf man klagen, ja man soll sogar klagen. In der Klage bringe ich alles, was mich bedrückt, meine Trauer, meine Verletztheiten, meine unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte ins Wort. Ich spreche aus, was mich belastet, das ist auf alle Fälle besser als es in mich hineinzufressen.
Heute ist Silvester, der letzte Tag im Jahr, viele halten an diesem Tag Rückschau. Und wenn Sie bei dieser Rückschau auf das Jahr 2008 Anlass zur Klage haben, dann tun sie es, klagen Sie. Und wenn Sie ihrer Familie, ihren Freunden oder Nachbarn ihre Klage nicht zumuten wollen, klagen sie trotzdem. Und werfen sie dem ihre Klagen an den Kopf, der seit Jahrtausenden Adressat vieler Klagen ist: Gott, ob leise oder laut, ob mit Zorn oder in Trauer, er hält das aus.
Wenn Sie aber bei der Rückschau auf das Jahr 2008 Grund zum Danken haben, dann tun Sie das auch. Gott freut sich, wenn er nicht nur Klagen hört. Wenn sie sich im Rückblick auf 2008 freuen können, weil die Ehe immer noch hält, die Kinder Freude bereiten und die Kollegen im Grunde ganz nette Menschen sind, dann dürfen Sie auch mal danke sagen.
Danken und Klagen sind Grundformen des Gebetes. Sie bauen auf der großen Hoffnung auf, dass ich bei allem, was mir widerfährt, den größten Traurigkeiten aber auch den schönsten Freuden, nicht allein bin.
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Ochs und Esel, sie gehören in jede anständige Weihnachtskrippe. Und das obwohl sie in der biblischen Weihnachtsgeschichte gar nicht vorkommen. Sie tauchen erst in den künstlerischen Darstellungen der Krippenszene auf, sie sind sozusagen eine Erfindung der Maler und Bildhauer. Sie sind aber mehr als nur eine künstlerische Ausschmückung. Es gibt Krippendarstellungen, sogar sehr alte, da sind Ochs und Esel ganz zentral dargestellt, wichtiger noch als Maria und Josef. Um zu verstehen, was das soll, muss man ins Alte Testament schauen. Die gemeinsame Erwähnung von Ochs und Esel in einem Satz kommt dort an zwei Stellen vor.
Zum einen im Buch Deuteronomium (Dtn 22,10), in dem ganz viele lebenspraktische Anweisungen stehen. Unter anderem heißt es dort: „Du sollst nicht Ochs und Esel zusammen vor den Pflug spannen.“ Das wird jeder Bauer verstehen. Denn die beiden Tiere sind so unterschiedlich in Größe und Stärke, dass sie sich nicht miteinander vertragen. Ochs und Esel passen gar nicht zusammen. Und doch stehen sie vereint an der Krippe des Jesuskindes. Die Aussage ist klar: Das Kind in der Krippe kann Gegensätze zusammenbringen. Menschen zusammenzuführen, die sich nicht ausstehen können. Dieses kleine Kind in der Krippe ist ein Friedensbringer, er führt die friedlich zusammen, die es normaler Weise nicht miteinander aushalten, eben Ochs und Esel.
Und im Buch Jesaja (Jes 1,3) heißt es „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht:“ Der Prophet Jesaia kritisiert mit diesem Satz die Zustände im Volk Israel. Das Volk kümmert sich nicht um Gott und seine Gebote, es erkennt nicht, wer sein eigentlicher Herr ist. Unsere Vorfahren haben diese Erkenntnis in einem schönen Spruch auswendig gelernt, er heißt auf Latein: „Cognovit bos et asinus / quod puer erat dominus.“ Übersetzt: Von Ochs und Esel lernen wir: Das Kind ist der Herr.

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In keiner Weihnachtskrippe dürfen sie fehlen: Die Hirten. Männer, die meist ganz lieb dreinschauen, manchmal schon etwas naiv wirken, einen Bart tragen und sich unbeholfen dem Jesus Kind und seinen Eltern nähern. Von der Krippe in meiner Kindheit ist mir ein Hirte gut in Erinnerung. Er steht ganz verlegen vor Maria, Josef und dem Kind, schaut fromm und andächtig und ist so ergriffen, dass er vor lauter Verlegenheit seinen Hut zwischen seinen Händen zerdrückt. Nun, verlegen werden sie wohl gewesen sein, die Hirten, aber ob sie so fromm und andächtig waren, das möchte ich doch bezweifeln. Von dem, was sie beruflich so leisten mussten, waren es auf alle Fälle keine sanften Typen, die immer nur lieb und nett waren und keiner Fliege was zu leide tun konnten. Denn Hirte zu sein, war ein Knochenjob. Immer draußen bei Wind und Wetter, Kälte und Hitze, Tag und Nacht. Sie waren stets unterwegs, denn der Boden war karg und so mussten die Herden beständig woanders hin geführt werden. In der Regel waren es auch nicht ihre eigenen Tiere, sie waren nur Angestellte der Besitzer der Herden. Viel verdienen konnte man dabei nicht, der Job wurde eher schlecht bezahlt. Sie waren nicht besonders gut angesehen, damals, die Hirten. Sie gehörten zur Unterschicht und waren dann noch vom Land, also die gebildeten Städter haben sich mit denen nicht abgegeben.
Eine solche Gesellschaft passt natürlich zu dem Kind, das dort geboren wurde. Denn in seinem ganzen Leben hat es dieser Jesus mehr mit den einfachen Leuten und den armen Schluckern gehalten als mit den Noblen und Reichen. Seine späteren Jünger z.B., sie gleichen diesen Hirten. Es waren einfache Fischer vom See Genezareth, die von ihrer Hände Arbeit lebten, keine intellektuellen Überflieger. Die Hirten an der Krippe sind also keine Idylle sondern Programm. Das Programm von Weihnachten: Gott wird Mensch bei den einfachen Leuten.
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Das Fest der Heiligen Familie, so heißt der heutige Sonntag in der katholischen Kirche. Ist ja auch klar, so kurz nach Weihnachten ist allen noch die Krippe im Kopf. Und wie schön sie dort dargestellt ist, die Heilige Familie: Maria ganz zart, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, schaut liebevoll auf den neugeborenen Jesusknaben. Josef, ein kräftiger Mann, steht im Hintergrund und passt auf seine Familie auf. Und das Jesuskind selbst, es schläft oder lächelt, einen schreienden Jesusknaben hab ich in einer Krippe noch nie gesehen. Also eine Idealfamilie, die heilige Familie, alles voller Harmonie, Konflikte gibt es in dieser Familie nicht. Das gilt aber nur für Krippendarstellungen, schaut man in die Bibel, so sieht die Geschichte ganz anders aus. Das geht schon los mit dem 12 jährigen Jesus im Tempel, der Sohnemann reißt einfach aus. Dass Josef Jesus eine Tracht Prügel verabreicht, wird in der Bibel zwar nicht geschildert, aber doch die vorwurfsvolle Frage Marias: „Kind, warum hast du uns das angetan?“ Und das war erst der Anfang, je älter Jesus wird, umso schärfer wird der Ton zwischen Jesus und seiner Mutter. Den Höhepunkt des Konflikts schildert der Evangelist Markus im dritten Kapitel: Jesus hatte sich gerade mit den Schriftgelehrten angelegt. Da kommt Maria, zusammen mit dem Rest der Familie, und will ihren Sohn zurückholen, ihn auffordern, mit dem öffentlichen Auftreten aufzuhören. Aber als die Leute Jesus sagen, dass draußen seine Mutter und seine Brüder seien, sagt er nur: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ Und er blickt auf die Menschen, die um ihn herum sitzen, und sagt: „Ihr seid mir Mutter und Brüder.“ Eine härtere Abfuhr kann man sich kaum vorstellen. Er lässt seine Familie in der Öffentlichkeit abblitzen. Es also hat ganz schön gekracht in der heiligen Familie. Nun muss man nicht gleich nach der Geburt eines Kindes schon an den vielen Ärger erinnern, der im Laufe der Erziehung auftreten kann. Aber es ist wichtig zu sagen, dass es auch in der Heiligen Familie Konflikte gab. Das ist tröstlich, Krach und Auseinandersetzungen mindern nicht die Heiligkeit einer Familie, sie zu verschweigen, kann aber der Scheinheiligkeit einer Familie Vorschub leisten.
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