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Woche vom 29.03.2009 bis 04.04.2009




Wolf-Dieter Steinmann, evang. Kirche, trifft Helmut Mödritzer, Mitorganisator eines Friedensgottesdienstes zum NATO-Gipfel und Schuldekan in Baden-Baden

Sonntag, 29. März 2009     [Druckversion]

Teil 1: NATO-Gipfel: Anlass zum Nachdenken

Stellen Sie sich vor, man feiert Geburtstag, aber der größte Teil der Familie wird ausgeladen. Seltsam, oder? Aber so ähnlich kommt es Helmut Mödritzer vor, wenn er die Vorbereitungen für den NATO-Geburtstags-Gipfel in der kommenden Woche verfolgt. Die Bürger scheinen eher zu stören. Helmut Mödritzer lebt in Baden-Baden und arbeitet dort als evangelischer Schuldekan.
Organisiert mit anderen Gottesdienst und Friedensgebete zum Gipfel.

Der NATO Anlass wird zu wenig als Chance begriffen, über Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung nachzudenken. Es ist eher etwas, was groß organisiert werden muss.

Die Kirchen wollen, dass Bürger über den Frieden nachdenken und ob die NATO diesem Frieden dient. Darum laden sie ein zu Friedensgebeten und Gottesdiensten.

Helmut Mödritzer wirkt nicht aufgeregt, eher nachdenklich, aber doch auch irritiert, wenn er erzählt was der NATO Gipfel an Einschränkungen für die Bürger bringt. Schulen werden geschlossen, wer in der inneren Sicherheitszone wohnt, darf nur begleitet aus dem Haus. Helmut Mödritzer hat den Eindruck:

Wenn ich die Medien wahrnehme, dann erwartet mich Baden-Baden als Hochsicherheitstrakt. Es wurde ja auch angekündigt, man möge diese Zeit am Besten zu Ferien nutzen. Ich fühl mich nicht eingeladen bei dieser Feier, sie läuft auch weitgehend an der Bevölkerung vorbei. Deswegen war für uns in der Kirche wichtig, wir wollen feiern, wir wollen zum Gottesdienst einladen und möchten genau nicht, dass sich die Menschen zu Hause verschanzen, sondern den NATO-Gipfel jetzt zum Anlass nehmen, über den Frieden nachzudenken, über die Frage, was für einen Frieden wir wollen und wie Gottes Frieden aussieht.

Nicht die NATO feiern, sondern Gottesdienst feiern und dabei den Frieden bedenken. Darum geht es am Freitagabend. Nicht in der zentralen Stadtkirche - auch die ist nur schwer erreichbar - sondern an der Baden-Badener Peripherie. Helmut Mödritzer fühlt sich dazu herausgefordert als Christ und als Staatsbürger. Findet nicht gut, dass die Bürger so außen vor bleiben. Es könnte sogar zum Schaden für die Demokratie sein, meint er. Der Friede ist gemeinsame Sache. Und er teilt z.B. die Skepsis vieler, ob deutsche Soldaten in Afghanistan dem Frieden dienen können. Wenn die NATO sich nicht verändert.

Es ist mir vor allem auch klar geworden eine Aussage: „Wer den Frieden will, muss den Frieden auch vorbereiten.“ Wir haben momentan mit großen Problemen zu tun, aber wir haben konsequent mit Folgeproblemen zu tun. Wir haben die Folge, dass die Taliban letztlich von Amerika aufgerüstet worden sind. Es ist für mich kein Konzept erkennbar, das wirklich sich dem Frieden verpflichtet.

Einem Frieden jedenfalls, der den Namen „gerechter“ Friede verdient. „Gerechter Friede“. Diesen Begriff haben evangelische und katholische Kirche in den letzten Jahren geprägt. Wollen ihn auch in die Politik einbringen. Frieden ist vielfach bedroht, meint Helmut Mödritzer:

Es sind klar natürlich militärische Konflikte, es sind aber auch wirtschaftliche Konflikte, es sind soziale Konflikte in unserer Gesellschaft und sind Konflikte und letztlich auch Konflikte in mir selbst und ich glaube, alles vier muss zusammen gedacht werden.

Ein Erlebnis im Nahen Osten hat ihm die Sehnsucht nach „gerechtem Frieden“ tief eingeprägt: Er ist damals mit dem Bus die paar Kilometer von Jerusalem nach Bethlehem gefahren, von Israel nach Palästina. Eben noch Wohlstand, pralles Leben. Und dann auf palästinensischer Seite:

Die Präsenz von jungen Männern, von Jugendlichen auf der Straße. Perspektivlose Augen zu sehen, das fand ich ausgesprochen beklemmend. Und es löste aus, diese ganz große Sehnsucht, es möge Frieden sein und es möge an der Zeit sein, alles Leben als Geschenk wahrzunehmen, das unendlich wichtig ist.


Teil 2: Zum Frieden erziehen

Friede ist nicht erst dann bedroht, wenn im Krieg geschossen wird oder wenn Menschen mit Terror überzogen werden. Auch in der Schule hat Helmut Mödritzer Frieden schon schmerzlich vermisst. Und zwar nicht nur unter Schülern:

Wie manchmal auf Konferenzen über Schüler gesprochen wurde, da habe ich mir gewünscht und habe mich danach gesehnt, wirklich – wie wir es in der Bibel lesen, den Menschen als Gottes Ebenbild wahrzunehmen. Es ist diese Sehnsucht, den Menschen in seiner unbedingten Würde auch anzuerkennen.

Sie und ich, Kinder, Schüler als Ebenbilder Gottes mit unbedingter Würde: Klingt abstrakt, aber er hat ganz konkrete Dinge vor Augen, wenn er die Gottebenbildlichkeit verletzt sieht.

Wenn Schülerinnen und Schüler als Objekte behandelt werden, vorschnell -meines Erachtens- als nicht beschulbar dargestellt werden. Das hat wehgetan und mir hat diese unbedingte Solidarität zur Schülerin und zum Schüler schlicht gefehlt.

Warum ist diese Achtung für ihn so wichtig für den Frieden? Vielleicht sogar die Grundbedingung dafür?

Ich glaube, was wir lernen müssen, ist, unser Leben, das Leben der anderen, die Existenz dieser Welt überhaupt als Geschenk zu begreifen. Dann rücken Menschen näher aneinander heran, dann werden sie sich näher, werden sie zu Geschwistern und nicht zu Feinden.

Klingt schön, aber ist es nicht zu schön, um wahr zu sein? Geschwister sind wahrhaftig nicht gefeit vor Konflikten. Je näher man sich ist, umso heftiger kann es krachen. Darum ist es ihm sehr wichtig, dass in der Schule gelernt wird, Konflikte gewaltfrei zu lösen.
In vielen Schulen gibt es schon das Fach „soziales Lernen“, gibt es Schüler als Streitschlichter. Und als Schuldekan ist er – glaube ich – auch ein bisschen Stolz, dass es oft Religionslehrer sind, die sich da engagieren. „Frieden stiften“ und das heißt: mit anderen den Frieden einüben, ganz konkret, ganz praktisch. Diese Grundhaltung sollen Schüler erwerben und einüben.

Es geht nicht um ein Patentrezept. Aber was ist die Alternative? Das ist die Spirale der Gewalt. Aus dem Lernen, dass mein unmittelbares Gegenüber Gottes Ebenbild ist: In einem Konfliktfall versuche ich mir klar zu machen, das ist ein Gegenüber und es verdient Respekt, Würde und Achtung. Bis hoch in die Auseinandersetzungen von Staaten.

Helmut Mödritzer trennt nicht den Frieden im Alltag und den zwischen Staaten. Es geht ihm um die Grundhaltung andern Menschen gegenüber. Und darum geht er fest davon aus, dass in den Schulen das Thema NATO Gipfel auch auf den Plan kommen wird.

Wenn es uns gelingt, den Menschen zu verstehen als einmaliges Geschenk, von der Gottebenbildlichkeit zu definieren, dann geben wir Schülerinnen und Schülern letztlich eine Grammatik des Glaubens mit und mit dieser Grammatik können sie sich in dieser Welt zurecht finden und können eigenständig Probleme, Fragen und Herausforderungen beantworten. Das fände ich ganz toll und davon träume ich auch, dass Religionsunterricht da einen Beitrag leisten kann, der in die Gesellschaft mittelfristig, längerfristig aber gegebenenfalls auch ganz aktuell hineinwirkt. Per E-Mail empfehlen