Manuskripte

SWR3 Worte

In dem Film „Wie im Himmel" gibt es eine Frau namens Gabriella. Nach Jahren der Gewalt in ihrer Ehe fängt sie wieder an zu singen. Hier ist ihr Lied der Freiheit:

Jetzt ist mein Leben meins.
Ich habe ein bisschen Zeit bekommen auf der Erde,
und meine Sehnsucht hat mich hierher geführt.
(......)
Ich will fühlen, dass ich lebe
und wissen, dass ich genüge.
Ich habe niemals vergessen, wer ich bin,
ich habe es nur schlafen lassen,
vielleicht hatte ich keine Wahl,
nur den Willen zu überleben.

Ich will glücklich leben, weil ich ich bin,
will stark und frei sein können,
will sehen,
wie die Nacht in Richtung Tag geht.

Ich bin hier und mein Leben gehört nur mir,
und den Himmel, an den ich glaubte,
gibt es, den werde ich irgendwo finden.

Ich will fühlen, dass ich mein Leben gelebt habe.

aus: http://www.golyr.de/stefan-nilsson/songtext-gabriella-s-song-608760.html

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Der amerikanische Regisseur Woody Allen erzählt:

Vor einigen Jahren habe ich einmal eine Standuhr gekauft, in der eine gut versteckte Videokamera eingebaut war. Ich habe die Uhr mit der Kamera dann im Wohnzimmer meiner Eltern aufgestellt. Meine Eltern waren damals beide über 90 Jahre und hatten eine Betreuerin. Ich wollte doch mal sehen, ob meine Eltern von der Betreuerin wirklich gut behandelt werden.
Nach einigen Tagen stellte sich dann heraus, dass die Betreuerin sehr nett und rücksichtsvoll war zu meinen Eltern.
Meine Eltern hingegen benahmen sich furchtbar.

aus: Werkstatt für Liturgie und Predigt, Ausgabe September 2010, Kassel

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Eine Sitte, die es in China geben soll:

Einmal im Jahr kommt die ganze Sippe zusammen,
setzt sich im Kreis, alle verstopfen sich die Ohren mit Lehm,
dann sagen sie einander die Wahrheit,
das heißt: sie sagen einander alle Erdenschande,
verspotten, verfluchen, verhöhnen einander, bis sie keuchen,
jeder gesteht seine Ehebrüche, seine Geschäfte,
seine Listen, seine Süchte, seine Ängste,
gesteht und schreit, bis er heiser ist -
und dann, wenn keiner mehr kann,
polken sie den Lehm aus den Ohren,
lächeln, verbeugen sich zierlich,
begleiten einander nach Hause,
laden sich gegenseitig zum Tee
und leben wieder ein Jahr lang zusammen,
wie es sich gehört,
friedlich, höflich und gesittet.

Erzählt von Max Frisch
Max Frisch: Tagebuch 1946 - 1971, Frankfurt/M. 1972

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Einen Menschen, gibt es,
den du näher kennen lernen musst.
Auch wenn du niemals ganz herausbekommst,
warum er dies tut und jenes nicht,
warum er einmal so fühlt und ein andermal anders,
warum er von Leidenschaften hingerissen wird
und dann wieder gleichgültig und kalt bleibt.

Es ist ein Mensch, mit dem du täglich leben musst
und von dem du dich nicht befreien kannst.
Dieser Mensch sitzt in deiner eigenen Haut.

Dieser Mensch bist du selbst.

Um ein bisschen glücklich zu sein,
ist es von größter Bedeutung,
dass du dich wohl fühlst in deiner eigenen Haut.

Phil Bosmans
aus: Phil Bosmans: In dir liegt das Glück. Freiburg 1998

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Ich will mich bereitmachen:

hören,
was mich angeht,

sehen,
wo ich gefordert bin,

sagen,
was ich weiß,

entscheiden,
wenn ich dies kann,

verantworten,
was ich mache,

werden,
was ich sein kann.

Ich will mich bereitmachen,
leben
und Leben ermöglichen.

Max Feigenwinter
aus: Max Feigenwinter: Wurzeln spüren, Neues wagen. Texte, die Mut machen. Eschbach 1999

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Der Schriftsteller Jules Verne meint:

Für die Dichter ist die Perle eine Träne aus dem Meer,
für den Orientalen ein erstarrter Tautropfen,
für die Damen ist sie ein Schmuck,
den sie an Finger, Hals oder Ohr tragen.
Für den Chemiker jedoch ist sie ein Gemisch
aus Phosphat und Kalziumkarbonat mit etwas Gelatine.
Und für den Biologen ist sie einfach eine krankhafte
Sekretion des Organs, das in gewissen zweischaligen
Muscheln Perlmutt produziert.

aus: Hans-Helmar Auel u.a. (Hg.): Zitate zum Kirchenjahr, Band 2, Göttingen 1997

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Manchmal hat man zu antworten,
in unvorhersehbaren und unaufschiebbar schicksalhaften Augenblicken des Lebens:
hat zu antworten,
auf alles.
Wer bin ich?
Was habe ich vor?
Gegen wen, für wen will ich sein im Leben?
Warum?
Und was das Wichtigste ist: mit welchem Ziel?
Das ist der Augenblick im Leben,
da man zu antworten hat.
In dem eine Antwort erwartet wird;
die Stille ist groß, dramatisch.
Doch dann erfährst du,
wirst du gewahr,
dass man auf solche Fragen nicht mit Worten,
sondern nur mit dem Leben antworten kann.

Worte des ungarischen Schriftstellers Sandor Marai
aus: Sándor Márai: Himmel und Erde

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