Manuskripte

SWR3 Worte

Dem ehemaligen Messdiener Harald Schmidt zum 50. Geburtstag.

Der Papst besucht die Stadt New York. Kaum angekommen, setzt er sich von seinen Begleitern ab und winkt ein Taxi heran, in dem ein Inder sitzt.
„Ich möchte eine Stadtrundfahrt machen.“ sagt der Papst. Klar, sagt der Inder, steigen Sie ein.“
"Aber nein, sagt der Papst. "Ich möchte fahren."
"Unmöglich, sagt der Inder, das kostet mich meine Lizenz!“
"Guter Mann, Sie müssen das verstehen. Ständig werde ich im Papamobil rumgefahren- mit 15 km/h. Ich will endlich mal wieder selbst fahren."
“Na gut, sagt der Taxifahrer und setzt sich auf den Rücksitz.
Der Papst steigt vorne ein, fährt los und gibt- kaum ist er auf dem Highway, ordentlich Gas. Als er mit 120 km/h an einer Polizeistreife vorbeifährt, nimmt die sofort die Verfolgung auf und bringt ihn zum Stehen.
Der Polizist steigt aus seinem Wagen, geht zum Taxi und schaut durchs Fenster.
Dann nimmt er sein Funkgerät und spricht mit der Zentrale.“
“Zentrale, wir haben da ein Geschwindigkeitsproblem.“
“Wieso Problem? Antwortet die Stimme, Papiere kontrollieren, aufschreiben etc.“
“So einfach ist das nicht. Hier sitzt eine höher gestellte Persönlichkeit.“
“Was? Ist es unser Verteidigungsminister?“ - Nein, höher!“- „Ist es etwa unser Präsident?“ -„Nein, noch höher!“ - „Was höheres als unseren Präsidenten gibt es nicht. Wer ist es denn?“
“Das weiß ich eben nicht. Jedenfalls hat er den Papst zum Chauffeur!“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=1964
In seinem Buch „endlich Mann werden schreibt der Franziskanerpater Richard Rohr:

Wenn ein Kind die größere Welt ohne Unterstützung und Begleitung des Vaters betreten muss, führt das zu lebenslanger, nagender Trauer. Ich habe die Geschichte allzu oft gehört, allzu oft das nervöse Zucken um den Mund … gesehen, wenn die Geschichte erzählt wird, auch bei älteren Männern. Sie vergessen niemals.
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist zu tief für Worte, sie berührt eine uralte, tief sitzende Sehnsucht. Ein Sohn möchte von seinem Vater männliche Energie bekommen und dann möchte er wissen, dass er ihm etwas zurückzugeben hat, beinahe von gleich zu gleich. Warum erinnern sich wohl so viele Männer daran, wie sie mit ihren Vätern Fangen gespielt haben?...
Die gegenseitige Selbsthingabe von Vater und Sohn erschafft den Geist- das ist in weiten Teilen des Johannesevangeliums die fundamentale Metapher für Gott.

Aus: Richard Rohr, Endlich Mann werden, Claudius Verlag, München 2005, S. 125https://www.kirche-im-swr.de/?m=1963
Der frömmste Werbeslogan, der je erfunden wurde:

Wohnst du noch, oder lebst du schon?

Hast du noch Angst, oder wagst du schon?

Hältst du noch fest, oder gibst du schon?

Schweigst du noch, oder redest du schon?

Zögerst du noch, oder betest du schon?


Aus: Evangelischer Lebensbegleiter, Gütersloh, München 2007, S.671https://www.kirche-im-swr.de/?m=1962
Weise werden
Wo finden wir zu unserer eigenen Autorität?...
Der Franziskanerpater Richard Rohr fragt:

Um zu beginnen, müssen wir die weisen Menschen… erkennen, ehren und zu Hilfe nehmen.
Es gibt eine Menge solcher Weiser, nur sind sie meist nicht besonders auffällig und verfügen selten über nennenswerten Einfluss…
Von ihnen geht Macht aus, so wie es die Evangelien auch über Jesus berichten…. In ihrer Nähe fühlt man sich sicher und energiegeladen. Sie ziehen keine Energie ab, sie geben Energie…
Ein Weiser braucht keine Uniform und kein Abzeichen, keinen Titel und keinen besonderen Hut, um seine Autorität zu beweisen. Seine spirituelle Autorität wird offenbar, sobald man mit ihm spricht. Das bedeutet nicht, dass sie vollkommen sind….. Ganz normale Menschen können und sollen uns als Mentoren dienen.

Aus: Richard Rohr, Endlich Mann werden, Claudius Verlag, München 2005, S.116https://www.kirche-im-swr.de/?m=1961
Am Wichtigsten unterwegs ist das Wasser.
Damit die Bäume frisch sind,
deine Kraft nicht nachlässt,
deine Beine nicht knicken.

Am wichtigsten unterwegs ist die Erde:
Dass du, wenn du müde wirst, dich legen kannst,
dass ein Einschnitt da ist im Gebirge,
der dir den Weg ebener macht.

Am wichtigsten unterwegs ist das Feuer:
Ein Licht gibt es in der Mitternacht,
das den Fröstelnden wärmt,
ein fernes Zeichen ist es einer Behausung.

Doch fade wird dir dein Brot sein,
der Schluck Wasser wird dir nicht munden
und dürftig wird das Lagerfeuer qualmen,
wenn keiner da ist, mit dem du teilst.
Am wichtigsten unterwegs ist der Gefährte.

Elena Nikolaevskaja,
J.A. Brauer, aus dem Russischen, 1962
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1960
Unser Körper, unsere Seele und vor allem unsere Misserfolge werden mit zunehmendem Alter zu unseren Lehrmeistern.
Wir haben eindeutig nicht die Kontrolle. Es ist schon erstaunlich, dass man das Offensichtliche derart betonen muss. Dabei hat diese Entdeckung überhaupt nichts Negatives, im Gegenteil. Es ist eine aufregende Entdeckung des eigenen Schicksals und der göttlichen Vorsehung. Es ist eine Entdeckung, wie wir geführt und in den Dienst genommen werden, die Entdeckung, dass unser Leben einem inneren Ziel folgt, dass wir … auf unsere innere Berufung hören können und in der Lage sind, uns unser persönliches Schicksal als Geschenk Gottes anzueignen.

Richard Rohr, Franziskanerpater und Exerzitienmeister
In: Richard Rohr, Endlich Mann werden, Claudius Verlag, München 2005, S. 97
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1959
Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß,
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen,
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine
Und der Erfolg selbst macht uns klein.

Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.

Das ist der Engel, der den Ringern
Des Alten Testaments erschien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich wie formend, an ihn schmiegte.

Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein.

Der Schauende, von Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke: Buch der Bilder, Frankfurt 1973, zitiert in: Richard Rohr, Endlich Mann werden, Claudius Verlag, München 2005, S. 100https://www.kirche-im-swr.de/?m=1958