Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 411)

Können wir uns das vorstellen, dass die ganze Erde singt, also erfüllt ist von schönen Stimmen und harmonischem Klang? Ich weiß, dass ich mich manchmal sehr danach sehne, nichts zu hören. Die Geräuschkulisse, die mich umgibt, macht mir nicht selten zu schaffen. Wenn ich das ausblenden kann ... Kein Problem! Aber manchmal wünsche ich mir die sprichwörtliche „himmlische Ruhe“ herbei.

Johannes von Geissel, nach dem das Lied zum Sonntag heute verfasst worden ist,  sehnt sich offenbar nach etwas anderem. Wenn es nach ihm geht, soll alles, was existiert, in einen gemeinsamen Jubel einstimmen. Die ganze Erde soll singen und der Himmel mit ihr. Ein gemeinsames Loblied auf Gott, den Schöpfer des Universums. So lautet das anspruchsvolle Programm.

Strophe 1

Erde, singe,
dass es klinge,
laut und stark dein Jubellied!
Himmel alle,
singt zum Schalle
dieses Liedes jauchzend mit!
Singt ein Loblied eurem Meister!
Preist ihn laut, ihr Himmelsgeister!
Was er schuf, was er gebaut,
preis ihn laut!

 

Alle vier Strophen des Lieds sind nur von dem einen Gedanken geprägt: dass eben alles mitmacht und jeder beteiligt ist. Die Himmelsgeister, der Mensch, die Tiere des Feldes, die Fische und die Vögel, aber auch alle Nationen.

Strophe 3 (sprechen!)

Nationen,
die da wohnen
auf dem weiten Erdenrund,
Lob lasst schallen,
denn mit allen
schloss er den Erlösungsbund.
Um uns alle zu erretten,
trug er selber unsre Ketten,
ging durch Tod die Himmelsbahn
uns voran.

 

Diesen Gedanken der dritten Strophe, den finde ich geradezu revolutionär. Sie ist zwanzig Jahre nach dem ursprünglichem Text verfasst worden, 1864. Dazwischen liegen die Unruhen der deutschen Revolution von 1848 und damit verbunden viele Veränderungen auf der politischen Landkarte Europas.

Das macht diese Strophe für mich höchst aktuell. Wo der Zusammenhalt in Europa zu zerbrechen droht. Wo der Ruf nach starken Führern laut wird, die sich abgrenzen gegen andere, vor allem gegen Fremde. Das Lied zum Sonntag heute setzt einen anderen Akzent. Es gibt über das politische Miteinander hinaus einen entscheidenden Grund, weshalb die Menschen zusammenhalten sollten - über alle staatlichen Grenzen hinweg: weil Jesus Christus die ganze Menschheit erlöst hat. Wer das glaubt, weiß sich mit allen anderen verbunden. 

Gott hat den Kosmos ursprünglich so geschaffen: als wohlklingende Harmonie. Der Lobpreis auf ihn ist dabei quasi automatisch entstanden. Alle haben gespürt, dass es gut ist, wie es ist. Und dieses Gefühl mündet in den Dank an Gott, den Schöpfer.

So einfach wie im Paradies, im Urzustand, ist es nicht mehr. Umso mehr freue ich mich an diesem Lied, das uns daran erinnert. Mit seiner bewegten Melodie, die sich aufschwingt und entspannt wieder hinuntersteigt; die sich selbstverständlich und frohen Mutes zwischen Erde und Himmel bewegt.

 

Verwendete Einspielungen:

Improvisation über "Erde singe, dass es klinge" für Orgel solo

Göstl, Robert

  

Erde singe, dass es klinge, laut und stark dein Jubellied! Bearbeitung für Chor und Orgel

Unbekannt; Geissel, Johannes von;

Chor der Stiftsmusik St. Peter Salzburg

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