Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Worin besteht das Leben? Und was kommt danach? Schon immer haben Menschen darauf eine Antwort gesucht. Aber erst in der Gegenwart scheint sich der weite Horizont, für den der biblische Glaube das Wort Ewigkeit hat, verflüchtigt zu haben. Leben erschöpft sich in der biologischen Spanne zwischen Geburt und Tod.
In dem Lied, das ich Ihnen heute mitgebracht habe, geht es genau darum: über den engen Horizont hinauszuschauen. Es stammt von Gerhard Tersteegen aus dem Jahr 1738: "Kommt Kinder lasst uns gehen, der Abend kommt herbei." Gemeint ist nicht der Abend eines Tages. Gemeint ist das Ende eines Lebens, das kraftlos in einer wüsten Lebenslandschaft verharrt. Demgegenüber heißt es: lasst Euch stärken mit neuem Mut! Sucht das Ewige im Jetzt!  Und lebt in der Zuversicht, dass das Ende gut ist!

1. Kommt, Kinder, lasst uns gehen,
der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen
in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut,
zur Ewigkeit zu wandern
von einer Kraft zur andern;
es ist das Ende gut.

Gerhard Tersteegen wird 1697 als siebtes von acht Kindern in Moers geboren. Genießt eine humanistische Ausbildung. Lernt Kaufmann. Bald wird ihm seine bürgerliche Welt zu klein. Er gibt seinen Beruf auf und beginnt das Leben eines Wanderpredigers. Predigt in Scheunen und Schobern.
Ein Weltflüchtiger ist er darum nicht. Er bleibt ein sozial engagierter Mensch und entwickelt so etwas wie eine christliche Lebenskunst, wenn er sagt: Belaste dich nicht mit schwerem Gepäck! Mach es wie ein Pilger. Der hat auch nur das Lebensnotwendige dabei:

4. Man muss wie Pilger wandeln,
frei, bloß und wahrlich leer;
viel sammeln, halten, handeln
macht unsern Gang nur schwer.
Wer will, der trag sich tot;
wir reisen abgeschieden,
mit wenigem zufrieden;
wir brauchen's nur zur Not.

Gerhard Tersteegen. Einer, dem die bürgerliche Welt zu klein geworden war. Und der sich faszinieren ließ von einer anderen, größeren Welt, die sich ihm mit dem Wort Ewigkeit verband.
Die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer beschrieb vor ein paar Jahren einmal, was der Verlust der Ewigkeit für den modernen Menschen bedeutet. Zeitdruck im Hier und Jetzt. Den Zwang, alles gleich und sofort erleben zu müssen. Ein Pragmatismus, der nicht in der Lage ist, über den eigenen Horizont hinauszudenken.
Darum gefällt mir das Lied von Gerhard Tersteegen. Es entwirft die Sehnsucht nach einem größeren Leben. Für Tersteegen findet es seinen Ausdruck in der Gestalt des Jesus von Nazareth. Eine Welt, die endlich nicht mehr zu klein ist. Weil sie sich aufmacht nach der Ewigkeit.

11. Drauf wollen wir's denn wagen,
es ist wohl wagenswert,
und gründlich dem absagen,
was aufhält und beschwert.
Welt, du bist uns zu klein;
wir gehn durch Jesu Leiten
hin in die Ewigkeiten:
Es soll nur Jesus sein.

 

Musiken 1-4 
„Komm Kinder lasst uns gehen“  track 14 aus CD Gott ist gegenwärtig. Die schönster Tersteegen Lieder  Hänssler Verlag    LC 06047

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