Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Thomas Weißer und Prof. Pater Dr. Edward Fröhling

Weißer: Heute feiern die Christen das Fest Christi Himmelfahrt. Vierzig Tage nach Ostern. Ein merkwürdiges Fest. Da geht dieser Jesus, der ja übrigens vom Tod auferstanden ist, mit seinen Freunden in einen Garten. Und dann fährt er doch relativ unvermittelt in den Himmel auf. Was daran zu glauben sein kann, darüber spreche ich mit Pater Edward Fröhling von der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar bei Koblenz. Um gleich mal provozierend einzusteigen: Glauben Sie an die reale Himmelfahrt Jesu? 

Fröhling: Ich würde schon sagen, dass ich an die Himmelfahrt glaube, auch wenn es mir etwas schwer vorzustellen ist, dass Jesus auf einer Wolke sozusagen nach oben abgefahren ist. Sondern Himmelfahrt heißt für mich eher, in eine wie auch immer geartete neue Weise des Daseins zu kommen.

Weißer: Das ist sehr stark eine symbolische Deutung. Symbolik ist in der Geschichte ja auch mit Händen zu greifen. 40 Tage nach Ostern. 40 ist ja eine wichtige Zahl, die vollgeladen ist mit Symbolik. Warum glauben Sie, warum diese 40 so betont wird?

Fröhling: Die 40 ist in meinem Denken eher so ein Symbol wirklich für eine Hungerzeit. Ja, die 40 Jahre Israels in der Wüste, an die man denken kann. Ja, eine Zeit, würde ich sagen, nach Ostern, auch der Verzweiflung, des Wartens, des Nicht-weiter-Wissens der Jünger. Also eine Durst- und Hungerzeit wirklich.

Weißer: Aber dieser Jesus ist doch bei seinen Freunden und verlässt sie dann erst. Wie passt das zusammen mit der Vorstellung einer Durst- und Hungerzeit?

Fröhling: Der taucht immer mal wieder auf, aber verschwindet auch wieder. Und wirklich glauben können sie das ja nicht. Also, das finde ich schon auch eine große Zeit des Zweifelns, des Suchens, des Verstehen-Wollens. Und im Grunde endet diese Zeit ja erst noch mal zehn Tage später - natürlich auch wieder symbolisch - mit Pfingsten. Mit dem Herabkommen des Geistes und einem neuen Aufbruch.

 Weißer: Zunächst einmal ist der Aufbruch der von Jesus. Jesus, der die Jünger verlässt. Und dazu gehen sie, so erzählen es die biblischen Berichte, außerhalb der Stadt. Sie gehen in einen Garten, sie gehen auf den Ölberg. Welche Symbolik steckt für Sie darin, dass die Geschichte um Himmelfahrt draußen passiert und nicht im Haus?

 Fröhling: Ich glaube, im Haus kann das schwer passieren. Sozusagen unter einem verrammelten Himmel oder umgeben von Mauern glaube ich, kommt man in diese neue Art mit Gott zu leben nicht hinein. Sondern da braucht man Freiheit zu atmen und Freiheit zu denken. Auch die Natur als Raum der Begegnung mit Gott. Und auf der anderen Seite sind in der Tradition die zwei Orte, die für die Himmelfahrt gehandelt werden, zentrale Orte auch für das Leben mit Jesus, für sein irdisches Leben. Der Ölberg auf der einen Seite oder auch der Berg der Seligpreisungen in Galiläa. Wo man genau weiß: Da sozusagen pulsiert das jesuanische Leben.

 Weißer: Wenn die Erfahrung Gottes, die Erfahrung Jesu so stark an Orte außerhalb der eigenen vier Wände gebunden ist, was kann das dann bedeuten? Heißt das: Gott ist ein Gott, der vor allem in der Natur anzutreffen ist?

 Fröhling: Ich glaube nicht, vor allem in der Natur, auch in der Natur. Aber für die Gottesbegegnung hilft es, glaube ich, den Blick und die Gedanken frei zu haben. Ich würde sagen, einen Atemraum der Freiheit zu haben. Und das geht in vermauerten Kirchen selten.

 Weißer: Das ist natürlich ein spannendes Thema, weil ja unsere Liturgie, unser Gottesdienst sehr stark auch an diesen Gottesdienstraum gebunden ist. Ist da Himmelfahrt möglicherweise eine Perspektive, zu sagen, eigentlich findet Glaube noch an vielen, vielen anderen Orten statt, wie nur in den Kirchen?

 Fröhling: Das sicherlich. Zum Beispiel die Heilige Theresa, die betont immer, dass der Himmel eigentlich überall ist, wo Gott wohnt. Und damit überall sein kann. Ich glaube, es ist auch kein Zufall, dass die Himmelfahrtsgottesdienste oft ökumenisch gestalten sind, dass sie im Freien stattfinden, also außerhalb der Kirchenräume. Hier in Vallendar ist das auch so. Mit Posaunenchor oben auf dem Berge.

 Weißer: Ich finde das spannend, auf der einen Seite zu sagen, Himmel ist überall, also auch in verschlossenen Räumen, umgekehrt aber, glaube ich, braucht es doch diese Erfahrung, wirklich den offenen Himmel über sich zu haben, in der Natur zu sein, Freiraum zu haben. Ist da diese Komponente, ich spüre wirklich, dass da so ein offener Raum ist, ist die nicht wichtig für das Glaubensleben und nicht nur zu sagen, Himmel ist überall und den kann ich auch in meinem kleinen Raum sozusagen finden?

 Fröhling: Ich würde sagen, das, was ich unter freiem Himmel spüren und erleben kann, im Idealfall würde ich das natürlich dann auch mit in den geschlossenen Raum nehmen.

 Weißer: Wie geht das denn, den freien Himmel in den geschlossenen Raum, in die eigenen vier Wände zu retten, wie Sie sagen?

 Fröhling: Ich finde, das heißt vor allem, sich diese Freiheit des Denkens, die Weite der Perspektive zu erhalten, sich auch dem Fremden auszusetzen. Sich eben nicht nach rechts und links zu schützen, gegen das Fremde oder das Unerwartete. Sondern wirklich diesen klaren, freien Blick zu behalten. Und das kann man, glaube ich, auch in der Kirche.

 Weißer: Wie machen Sie das für sich: den klaren, freien Blick behalten? Haben Sie da besondere Übungen oder Techniken oder kommt das von allein?

 Fröhling: Von alleine kommt das nicht. Für uns, in unserer geistlichen Tradition ist das vor allem die Zeit der Exerzitien. Aber auch da gehen wir ins Grüne. Da geht man wirklich weg.

 Weißer: Ist das nicht aber ein Problem, dass Glaube sich, in sage mal in Anführungszeichen, leichter tut, außerhalb der Stadt, außerhalb dessen, wo Menschen verdichtet aufeinander leben und Natur wenig Platz hat. Und heute leben aber viele Menschen in Städten, wohnen nahe aufeinander und man hat den Eindruck, Glaube findet da keinen Platz mehr. Müssen wir da nicht neue Ideen entwickeln, um Glauben auch in die Stadt, in die Enge zu bringen. Und nicht nur immer auf die Natur zu verweisen?

 Fröhling: Das, glaube ich, stimmt. So Projekte gibt es ja auch. Also in Köln, die Brüder und Schwestern von Jerusalem versuchen das ja - monastisches Leben in der Stadt ausdrücklich. Also Arbeit und kontemplatives Leben zu verbinden. Es ist aber in der Stadt wirklich schwieriger. Das erlebe ich selber auch so - im Gewühl und im Gedränge. Und auf der anderen Seite lebt der Glaube von der verbindlichen Gemeinschaft. Also ganz ohne Mauern und Versammlung und Gedränge und Austausch kann Glaube, glaube ich, nicht überleben.

 Weißer: Und was erzählt dann Christi Himmelfahrt für den Glauben von Menschen heute? Was denken Sie?

 Fröhling: Für mich ist das Wichtigste an Himmelfahrt eigentlich der Segen, den Jesus hinterlässt. Also, dass er nicht  in die Wolken abfährt, sondern im Sich-den-Blicken und Sich-dem-Zugriff-Entziehen eigentlich neu erfahrbar wird - und das Versprechen seiner dauernden, vielleicht auch unsichtbaren Begleitung seinen Jüngern hinterlässt.

 Weißer: Wenn Christi Himmelfahrt ein Fest ist, dass sehr stark mit der Erfahrung draußen verbunden ist, könnte das auch etwas darüber erzählen, dass dieser Gott einer ist, der für verschiedene Wetter sozusagen gemacht ist? Also ein Schönwetterglaube aber auch, was man draußen erlebt, Sturm, schlechtes Wetter, Regen?

 Fröhling: Das denke ich schon, das ist sozusagen die Kehrseite des schönen, offenen Himmels. Das bedeutet natürlich gleichzeitig auch Ausgesetzt-sein und Ausgeliefert-sein dem Wandel und leider auch dem Unbill des Wetters. Da kann ich nicht garantieren, dass ich ein schönes, gesichertes Leben habe, was man sich in seinen eigenen vier Wänden wenigstens teilweise noch zusammenzimmern kann.

 Weißer: Das Fest Christi Himmelfahrt ist ein Fest, in dem nicht nur heiter Sonne sozusagen ist, sondern in dem Menschen auch Abschied nehmen, in dem sie traurig sind. Wenn wir einen ökumenischen Gottesdienst draußen auf der Wiese feiern, spielt das erst einmal keine Rolle. Wie passt das zusammen: Dieses Glauben unter offenem Himmel und der Abschied?

 Fröhling: Ich glaube, es heißt, sich verabschieden von Jesus, in Anführungszeichen, in der einen Form. Also, dass ich ihn als greifbaren Menschen bei mir habe, rein körperlich. Das ist, würde ich sagen, die traurige Seite, dieser Abschied vom irdischen Jesus. Und auf der anderen Seite ist es zu lernen, Gott auch ohne diese greifbaren Erscheinungsformen begegnen zu können: Im konkreten Leben, in den Unbillen des Lebens, im Wechsel des Wetters, auch in der Natur. Also ich glaube, Pfingsten und Himmelfahrt gehören wirklich eng zusammen. Eugen Biser betont das oft, dass Christus nicht nur eigentlich in den Himmel abfährt, sondern gleichzeitig wie in einer Doppelbewegung sich in der Schöpfung neu einnistet könnte man sagen, da neu Wohnung nimmt: In unserem Leben, in unserem Herzen, aber eben auch wirklich in der ganzen Welt, wo ich ihm dann begegnen kann.

 Weißer: Professor Pater Dr. Edward Fröhling von der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar bei Koblenz. Vielen Dank für das Gespräch.

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