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SWR3 Gedanken

Mit die schönsten Teppiche kommen aus islamischen Ländern. Von hervorragender Qualität, mit wunderbaren Mustern. Orientteppiche - ein Markenzeichen. Die besten dieser Teppiche sollen aber alle einen Webfehler haben. Und zwar absichtlich, aus Glaubensgründen. Es heißt, die muslimischen Teppichknüpfer machen ganz bewusst einen Fehler in ihre wundervollen und kostbaren Teppiche, denn absolute Vollkommenheit und makellose Schönheit sind nach ihrem Glauben allein Allah vorbehalten. Egal ob diese Geschichte nun eine Legende ist oder ob dieses Prinzip nun tatsächlich überall und bei allen Teppichen durchgehalten wird. Den Gedanken finde ich wunderbar. So sehr ich mich auch abrackere, so sehr ich mich auch um das beste und schönste Ergebnis bemühe, perfekt bin ich nicht und ich kann als begrenzter und endlicher Mensch auch keine perfekten Produkte schaffen. Das heißt natürlich nicht, dass ich mich nicht bemühen will oder die Zügel schleifen lasse, vor allem wenn es um Menschen geht, aber ich kann bei vielen Dingen gelassener sein. Denn Perfektion ist im Letzten eigentlich unmenschlich. Und zwar in doppelter Weise: Es ist nicht dem Menschen entsprechend, sondern wie die Muslime sagen, allein Gott vorbehalten perfekt zu sein. Und für den Menschen kann Perfektion ganz einfach unmenschlich werden, wenn er sich unter einen Erfolgsdruck setzt, dem er nicht gewachsen ist und dem er sich auch nicht zu unterwerfen bräuchte. Ich weiß wovon ich spreche und wenn ich das nächste Mal wieder etwas zu gut oder zu perfekt machen möchte, dann denk' ich einfach an die schönen Teppiche mit dem Webfehler, stresse ab und gebe Allah, dem lieben Gott - oder wie immer wir ihn nennen möchten - die Ehre.

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Ab und zu kommen junge Menschen zu mir, um sich beraten zu lassen. Meistens vor oder nach dem Abi mit der Frage, was sie beruflich machen können. Nach den ersten Fragen wie, was sie gern machen, was ihre Hobbies sind oder welche ihre Lieblingsfächer in der Schule waren, stelle ich ihnen meistens die Frage: „Und was ist deine Vision?". Bevor sie sich fragen, ob der Kottlorz jetzt spinnt, umschreibe ich diese Frage: „Wo willst du hin mit deinem Leben, wo oder als was siehst du dich in - sagen wir - 5 Jahren ? Manchmal sind die jungen Leute irritiert bei dieser Frage, manchmal geht ein erstauntes Lächeln über ihr Gesicht. Und meistens kommen wir dann in ein Gespräch, das die wichtige Berufsentscheidung nicht ausspart, aber mit Fragen zu tun hat, die weitergehen als Schule und Beruf: Wie will ich leben, was bedeuten mir Leistung, Erfolg, Geld? In welchen Beziehungen will ich leben? Mein Gegenüber gibt dann den Takt an und die eigentliche Beratung läuft.

Was ist deine Vision? - diese Frage stelle ich auch alle paar Jahre meinen Freunden, wenn wir uns treffen und genug Zeit haben um über unser Leben zu sprechen. Hast Du noch Visionen? Hast Du sie vielleicht enttäuscht aufgegeben? Kannst Du sie eigentlich noch sehen oder haben der Alltag, die Familie, der Beruf sie verdeckt? Was ist Deine Vision? Wo willst Du hin mit Deinem Leben in den nächsten 5-10 Jahren? Diese Frage stelle ich mir auch selbst. Natürlich nicht täglich, aber der Anfang eines Jahres ist mir immer wieder Anlass meine Pläne und Visionen zu überprüfen. Zu schauen wo ich stehe mit meinem Leben. Und wohin ich möchte  - so mir wieder ein Jahr geschenkt wird.

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„Ein gutes neues Jahr!" Auch heute am zweiten Tag dieses 2013 wünschen sich viele, dass dieses Jahr ein gutes sein möge.
Für manche ist so ein neues Jahr auch belastend. Für sie stehen ein Haufen Probleme oder Sorgen vor ihnen. Für andere ist so ein Jahresanfang mehr Lust als Last, weil sie sich darauf freuen, die Dinge, die sie so vorhaben anzupacken.
Ich habe ein Zitat gelesen, das diese beiden Gefühlslagen gegenüber dem neuen Jahr zusammenbringt. Und im besten Fall auch die Menschen mit verschiedenen Belastungen und Kräften zusammen bringt. Dieses Zitat ist vom jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber und geht so:

 „Mit sich beginnen, aber nicht bei sich enden, bei sich anfangen, aber sich selbst nicht zum Ziel haben".

Klingt komplizierter als es ist. Bei sich anfangen könnte heißen, nicht von Anderen die Veränderung, die Verbesserung erwarten, sondern es selber tun, eben bei sich selbst anfangen. Aber sich nicht selbst zum Ziel haben, also etwas tun, das auch den Anderen gut tut, das sie stützt und stärkt. Mit sich beginnen kann auch heißen mit mir ins Reine kommen, mir einen Ruck geben, um in die Gänge zu kommen, um voran zu kommen. Aber nicht bei mir enden. Also wenn ich weiter gekommen bin, stärker geworden, auch an den Anderen denken, was für ihn tun, aufs Ganze schauen.

 „Mit sich beginnen, aber nicht bei sich enden, bei sich anfangen, aber nicht sich selbst zum Ziel haben." Ein gutes Zitat für ein gutes neues Jahr!

 

 

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„Das erste Mal" hat es in sich. „Das erste Mal" ist in jedem Fall etwas ganz Besonderes. Und zwar nicht nur, das erste Mal mit jemandem zu schlafen, was landläufig mit „dem ersten Mal" verbunden wird. „Das erste Mal" hat auch sonst einen Zauber in sich, eine Aura. Es ist wie wenn man ein Feld mit unberührtem, frisch gefallenem Schnee betritt: der erste Kuss, die erste Liebe, das erste Mal im Meer baden, das erste Mal fliegen oder das erste Kind. Man betritt Neuland und die Welt verändert sich.
Nicht weniger hat es auch „das letzte Mal" in sich. Der letzte Kuss, der letzte Gruß, das letzte Wort. All diese „letzten Male" geben den Gesten, den Berührungen oder den letzten Worten eine Intensität, die oft an die Schmerzgrenze geht. „Das letzte Mal" verleiht der Zeit davor eine neue Perspektive, manchmal einen verklärenden und manchmal einen enthüllenden Blickwinkel. Eine scheinbar normale, alltägliche Begegnung wird im Bewusstsein dass sie die letzte war zur Kostbarkeit, zum gut gehüteten Schatz.
Das erste und das letzte Mal, das sind die Momente, an denen sich das Leben verdichtet. Sie sind das A und O, das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Sie bilden die Schwelle, an der man einen Hauch vom Jenseits spürt, aber nur ganz kurz, so, wie der Atem den Spiegel beschlägt und verschwindet. Aber doch lange genug, um die Sehnsucht zu wecken, die zwischen dem ersten und dem letzten Mal schlummert, die Sehnsucht nach dem Zustand, in dem sich das erste und das letzte Mal verbinden: zum glücklichen Immer.

 

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Es ist ein so richtiger Gefühlsmixtag, der Silvester. Nach den mehr oder minder besinnlichen Weihnachtstagen wird das Leben wieder schneller, bunter und lauter, heute Nacht jedenfalls. Die einen freuen sich auf Party, die anderen lassen es eher ruhig angehen mit Gästen und Fondue. Und nicht wenige sind allein und schauen wehmütig oder dankbar auf das Jahr zurück. Bei mir ist es von allem etwas. Um mich zu sammeln, um Herz und Hirn zusammen zu bekommen, setz ich mich an Silvester immer eine halbe Stunde in mein Arbeitszimmer und blättere meinen Terminkalender durch. Schaue mir das zurückliegende Jahr an, Monat für Monat, Tag für Tag. Ein Ritual, das mir heilig ist, denn da liegt ein weiteres Lebensjahr vor mir, festgehalten in Tagesrubriken, Zahlen und Terminen. Da bekomme ich, weil ich ja in meinen Terminkalender schaue, zuerst mal Arbeit zu sehen, aber auch rauschende Feste und zeitlos schöne Nächte. Mit manchen Tagen verbinde ich Ärger, mit anderen Trauer. Ich werde erinnert an glückliche Stunden, an volles, pralles Leben, Ich sehe schwere Tage mit Überlastungen und Traurigkeit. Dieses Jahr, genau dieses Jahr 2012 mit jedem einzelnen Tag ist ein weiteres Jahr, das mir geschenkt wurde. Ein Jahr der Katastrophen und Unglücke, des Glücks und des Schmerzes, des Leids und der Freude, wie jedes Jahr. Im öffentlichen Leben wie auch in meinem privaten. Ein Jahr, das nun bald unwiederbringlich vorbei ist. Und wie bei allem, was abgeschlossen ist, empfinde ich eine Mischung aus Zufriedenheit, Wehmut und Dank. Ich lege es vor Gott, dieses mein Leben 2012. Mit allem, was drin war und nicht drin war. Dankbar für die Höhen und die Tiefen. Weil Leben immer beides ist. Und die Höhen die Tiefen erträglicher machen und die Tiefen die Höhen bewusster und intensiver. Ich lege dieses Jahr vor Gott, danke ihm dafür und hoffe auf ein weiteres...

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Zwischen den Jahren - so werden diese Tage zwischen Weihnachten und Silvester auch genannt. Ich mag diese Tage. Sie sind nicht so gefühlsbeladen wie Weihnachten und nicht so knallig wie Silvester.     Diese Tage zwischen den Jahren haben was von einer Dämmerung. Wenn der Tag noch nicht ganz gegangen ist und die Nacht noch nicht ganz da. Ein kurzer Zustand des sanften Übergangs, mit dem alles so mild einhüllenden Licht. Die Tage zwischen den Jahren sind für mich wie die Abenddämmerung des Jahres. Meistens hab ich Urlaub in dieser Zeit. Mein Tempo in diesem Zwischenraum wird langsamer. Ich habe Zeit. Zeit zurückzuschauen, auf das Jahr. Zeit aufzuräumen, Dinge zu ordnen, für die ich das ganze Jahr keine Zeit hatte. Nachdenken, inne halten, wie zwischen zwei Atemzügen. Die Zeit zwischen den Jahren hat für mich genauso viel mit Religion zu tun wie Weihnachten. In dieser Zwischenzeit fällt es mir leichter mein Leben zu betrachten, zu erkennen was ist. Zurückschauen und nach vorn. Was war gut? Was will ich beibehalten? Was war schlecht, schädlich für mich oder andere? Was muss sich ändern? Die Religion der ich angehöre ermutigt an vielen Stellen zur Veränderung, zum Aufbruch. Wenn Menschen in einer Sackgasse waren, dann hat der Mann aus Nazareth seine heilige Gabe eingesetzt und die Menschen wieder zu sich gebracht, ihre Seele wieder ins Lot gebracht. Eine seiner zentralen Botschaften war dabei die des „Schon und noch nicht". Die große Veränderung Deines Lebens zu Guten hin liegt in Deiner Hand. Mit Deiner Entscheidung es zu verändern hat sie schon begonnen. Sie ist noch lange nicht fertig. Aber Du bist auf dem Weg. Schon und noch nicht. Wie die Zeit zwischen den Jahren. Das alte Jahr fast schon wieder zu Ende, das neue noch nicht da. Oder wie die Dämmerung. Die Nacht noch nicht zu Ende aber der Tag schon fast da...

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