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SWR3 Gedanken

„Die Kinder sind mit ihrer Oma im Zirkus." Diktat erste Klasse. Zwei Fehler in einem Satz. Leise schüttele ich den Kopf. Kind muss noch viel lernen.
Kind sitzt am Computer. Läuft nicht so, wie es will. Deshalb drückt es einfach den Aus-Knopf. Das mag der Computer nicht. Leise schüttele ich den Kopf. Kind muss noch viel lernen.
Kind versucht, Blumen zu gießen. Mit dem Gartenschlauch. Fenster sind sauber, Blumen sind trocken. Leise schüttele ich den Kopf. Kind muss noch viel lernen.
Kasse im Supermarkt. Frau drängelt sich vor. Schubst Kind. Schubst mich. Kind wundert sich. Lauthals. Wieso darf die das, fragt Kind. Das darf man doch nicht, stellt Kind fest. Kind hat Recht. Frau muss noch viel lernen.
Auf dem Weg nach Hause. Mann mit Hund. Mann zerrt Hund an der Leine. Weil Hund nicht so will wie Mann. Hund jault. Mann schimpft. Und zerrt noch fester. Kind will hin. Kind will den Hund retten. Der arme Hund. Dem tut das doch weh. Mann muss noch viel lernen.
Zu Hause. Kind trödelt. Ich drängle. Essen ist fertig. Komme gleich, sagt Kind. Kind kommt nicht. Ich gehe hin. Kind beobachtet Ameise. Ich hasse Ameisen. Schau mal, wie viel die tragen kann, sagt Kind. Cool, findet Kind. Kind hat Augen für das Besondere. Ich muss noch viel lernen.
Sonntag. Familiengottesdienst. Ein Rollenspiel zu einer biblischen Geschichte. Jesus ruft die Kinder zu sich. Kind spielt mit. Hinterher sagt Kind: „Du sollst ein bisschen werden wie ich. Dann mag Gott dich lieber." Ziemlich verkürzt, aber nicht verkehrt. Kind hat etwas gelernt. Und eine Menge Erwachsene müssen womöglich noch viel lernen.

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Meinen ersten Liebesbrief habe ich in der siebten Klasse bekommen. Ehrlich gesagt, war es kein Brief. Es war ein Stück kariertes Papier mit einer Multiple-Choice-Frage: Willst du mit mir gehen? So nannte man das damals, wenn man sich auf eine Beziehung einließ. Man „ging" mit jemand. Und mein damaliger Verehrer hatte unter dieser Frage drei Kästchen gemalt: Ja, Vielleicht, Nein. Ich hatte also die Wahl.
Der damalige Verehrer war ein netter Kerl. Aber die große Liebe war er nicht. Ein leidenschaftliches „Ja" konnte ich also schlecht ankreuzen. Ein vehementes „Nein" wollte ich nicht ankreuzen. Schließlich war er ja ein netter Kerl. Also dachte ich über ein „Vielleicht" nach. Aber was ist schon ein „Vielleicht"?
Am Ende habe ich „Nein" angekreuzt. Weil der nette Klaus eben nur der nette Klaus war. Und außerdem hatte er echt viele Pickel. In der siebten Klasse kann man es sich leisten zu warten, ob nach dem netten Klaus nicht vielleicht noch etwas Besseres kommt. Aber den karierten Zettel habe ich immer noch. Weil er mich daran erinnert, dass ich eine Wahl habe.

Das Leben stellt mich ständig vor Entscheidungen. Zur Not täglich. Bin ich dafür oder dagegen? Oder plädiere ich für ein entschiedenes „Vielleicht"? Welche Konsequenzen hat meine Entscheidung? Werde ich Menschen damit glücklich machen oder werde ich sie enttäuschen? Werde ich mit meiner Entscheidung glücklich sein oder von mir selbst enttäuscht? Entscheide ich mich viel zu oft für ein „Vielleicht"?
In allen Entscheidungen meines Lebens hilft es mir, dass schon einmal einer einen Liebesbrief geschrieben hat mit einer klaren Entscheidung. Gott kennt kein „Vielleicht". Gott kennt kein „Nein", wenn es um mich geht. Gott hat sich für mich entschieden. „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein", heißt es in der Bibel. Gott hat seine Wahl getroffen. Gott will eine Beziehung mit mir, er will mit mir gehen. Ein Leben lang.

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In einem kleinen Zoo in unserer Nähe gibt es Erdmännchen. Possierliche kleine Gesellen. In ihrer Heimat im südlichen Afrika leben sie in Kolonien von bis zu dreißig Tieren. Ein jedes wiegt ungefähr siebenhundert Gramm, leichte Beute für Füchse und Schakale. Aber im Angesicht des Feindes entfalten die Erdmännchen eine interessante Strategie.
Wenn Gefahr droht, rotten sich die Erdmännchen zusammen. Dicht gedrängt schwanken sie synchron hin und her. Dabei zischen und bellen sie. Auf diese Weise vermitteln sie dem Feind den Eindruck, dass es nicht um ungefähr dreißig einzelne Erdmännchen geht, sondern um ein einziges großes und gewaltiges Tier. Guter Trick.
Sich zusammentun und an einem Strang ziehen. Den Erdmännchen hilft das. Die Erdmännchen haben begriffen, dass sie gemeinsam stärker sind als allein. Dass sie nur gemeinsam überleben können.
Wir sind keine Erdmännchen. Wir sind Erdenmenschen. Unser Leben ist nicht bedroht von Füchsen und Schakalen. Unser Leben ist bedroht von anderen Dingen. Von Gier, von Gleichgültigkeit, von Gewalt.
Wir sind Erdenmenschen, wir sind Weltbürger. Die Frau, die in Syrien stirbt, ist unsere Schwester. Der Mann, der in Frankfurt unter einer Brücke lebt, ist unser Bruder. Das Kind, das in Afrika ein Gewehr trägt, ist unser Kind. Wir sind Weltbürger, wir sind Gotteskinder, wir sind Erdenmenschen. Und können lernen von den Erdmännchen.
An all dem Elend, das unser Leben bedroht, können wir nur dann etwas ändern, wenn wir uns zusammentun. Wenn wir an einem Strang ziehen, uns stark machen. Wenn wir zischen und bellen und uns gemeinsam in eine Richtung bewegen. Wenn wir unsere Meinung sagen und unseren Glauben leben. Wenn wir all den Füchsen und Schakalen zeigen, wer wir sind. Eine Gemeinschaft, die gemeinsam allen Raubtieren dieser Welt gewachsen ist.

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Wenn ich einmal alt bin, was wird dann sein? Zur Zeit gehorchen meine Glieder, funktioniert mein Gehirn. Wenigstens einigermaßen. Aber mit jedem Tag, der vergeht, nähere ich mich meinem Alter. Und was wird dann sein?
Werde ich mich dann nur lebendig fühlen, wenn meine Kinder zu Besuch kommen? Oder werde ich selbst wissen, wie ich meine Tage mit Leben fülle?
Werde ich die Musik, die ich jetzt liebe, noch immer lieben? Oder ist die Liebe zur Volksmusik eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Alters?
Werde ich damit leben können, dass man mich wie ein Kind behandelt, weil mein Körper Pflege braucht? Oder werde ich das gar nicht mehr schlimm finden, weil mein Geist längst auf dem Weg in eine andere Welt ist?
Werde ich der Vergangenheit nachtrauern, die Bilder von früher betrachten, nur in der Erinnerung leben? Oder werde ich den Rentner aus Zimmer 51 für sein Alter ziemlich attraktiv finden und ihn zum Computer-Workshop überreden?
Werde ich meinen Körper hassen, seinen Verfall beobachten und voller Ungeduld jede weitere Einschränkung erwarten? Oder werde ich mit weiser Gelassenheit und einer gesunden Portion Humor akzeptieren, mit jedem Tag faltiger zu werden?
Wird meine Phantasie mit mir grau werden oder wird es gerade meine Phantasie sein, die meine Seele jung hält? Werde ich der Jugend ihre Jugend neiden oder von der Jugend bis zum letzten Tag meines Lebens lernen, dass noch immer etwas geht?
Wenn ich einmal alt bin, was wird dann sein? Wenn ich einmal alt bin, werde ich es wissen.
Heute weiß ich, dass Altwerden eine Kunst ist. Möge Gott, der mich liebt, wie ich bin, der mein Leben begleitet vom ersten bis zum letzten Tag, mir dabei helfen.

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Es gibt sportliche Betätigung, die ich schätze. Mannschaftsspiele gehören nicht dazu. Und das hat etwas mit meiner Schulzeit zu tun. Bevor wir Handball oder Volleyball spielten, mussten erst Mannschaften gebildet werden. Und das lief immer gleich: Zwei Sportasse wurden bestimmt, die sich ihre Mannschaften zusammenstellen durften. Und das taten sie. Sie nannten Name um Name. Meiner war immer am Schluss.
Was natürlich damit zusammenhing, dass ich kein Sportass war. Vor allen Dingen nicht bei Handball oder Volleyball. Und das wusste ich auch. Und trotzdem tat es weh, dass mein Name immer erst am Schluss fiel. Und das noch mit diesem verächtlichen Unterton, der mich als sportlichen Versager brandmarkte, bevor ich auch nur den ersten Ballkontakt hatte.
Den Sportassen habe ich das noch nicht einmal verübelt. Die hatten ihren Sieg im Blick. Und für diesen Sieg war ich ein Handicap. War ich wirklich. Von meinem Sportlehrer hätte ich mir mehr erhofft. Aber der teilte die Verachtung der Sportasse für all die, die keine Sportasse sind. Die nun einmal Versager sind. Und so tat ich ihm den Gefallen und spielte richtig schlecht Handball oder Volleyball.
In irgendeiner Klassenstufe bekamen wir einen neuen Sportlehrer. Und der drehte den Spieß um. Der ließ die Versager die Mannschaften wählen. Und auf einmal war ich nicht diejenige, die als letztes auf der Bank saß, sondern diejenige, die Macht über die Namen hatte. Und das tat gut. So gut, dass ich hochmotiviert übers Feld flitzte und wenigstens versuchte, anständig Ball zu spielen.
Beide Sportlehrer sind mir in Erinnerung geblieben. Aber nur der, der den Spieß umgedreht hat, ist mir zum Vorbild geworden. Weil er das gelebt hat, was mir mein Glaube sagt: Gott gibt den Versagern eine Chance. Und freut sich daran, dass sie über sich hinauswachsen und ihre Chance ergreifen. Und das ist nicht nur im Sportunterricht so. Unsere Welt ist die Arena, das Spiel ist das Spiel des Lebens. Und wenn es nach Gott geht, gibt es in diesem Spiel auch keine Versager.

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Auf dem Außengelände unserer Kindertagesstätte befindet sich ein großer Sandkasten. Seit kurzem ist darin aber kein Sand mehr, sondern Muttererde. Das hat etwas damit zu tun, dass unsere Kinder gerne tiefe Löcher buddeln. Und das geht nicht bei fein rieselndem Sand. Das geht nur bei richtiger Erde. Deswegen haben wir den Sand gegen Erde ausgetauscht. Und uns von einigen Eltern eine Menge Ärger eingehandelt.
Das ist doch Dreck, finden manche. Man weiß ja gar nicht, ob diese Erde nicht gefährlich für die Gesundheit ist. Womöglich enthält sie merkwürdige Stoffe oder merkwürdige Kleinlebewesen. Womöglich ist diese Erde eine Bedrohung für die Gesundheit.
Natürlich haben wir nicht irgendeine Erde in unseren Kindergarten gekarrt. Es ist hochwertiger Mutterboden, von einer Behörde geprüft und für gut befunden. Das haben wir schriftlich. Aber auch das kann die Bedenken der Eltern nicht ausräumen. Zertifizierter, gereinigter und im Fachhandel gekaufter Sand wäre ihnen allemal lieber. Dem misstrauen sie bei weitem nicht so wie der Muttererde.
Erde ist ein wichtiges Grundelement unseres Lebens. Erde ist ein Stück Natur. Und sie befindet sich im Übrigen nicht nur auf dem Außengelände unserer Kindertagesstätte, sondern auf jedem Waldweg. In der Natur eben. Darf ich mein Kind nun nicht mehr in den Wald lassen aus Angst um seine Gesundheit?
Bei aller Achtung vor elterlicher Sorge, bei allem Respekt vor Bakterien und Mikroben: Nachweislich tun wir unseren Kindern keinen Gefallen, wenn wir ihnen den Kontakt mit ihrem natürlichen Lebensraum nur noch unter sterilen Bedingungen erlauben. Und ich finde es bedenklich, wenn wir Natur und Natürlichkeit zuallererst als Bedrohung wahrnehmen. Gottes Schöpfung ist zunächst einmal gut. Sie ist es nicht erst dann, wenn sie den Labortest bestanden hat.

 

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Ich kenne Gott. Ich habe ihn schon gesehen. Im Kino. Er trug weiße Hosen und ein weißes Hemd. Und er sah dem US-Schauspieler Morgan Freeman verblüffend ähnlich.
In dem Film „Bruce Allmächtig" spielt Morgan Freeman Gottvater persönlich. Und er spielt ihn auf eine sehr sympathische Weise. Mit Humor und Gelassenheit und Weisheit. So wie ich ja auch irgendwie gerne hätte, dass Gott ist.
Aber in Wirklichkeit habe ich Gott ja noch nie gesehen. Ich habe keine Ahnung, ob er so humorvoll, gelassen und weise ist. Und schon gar nicht, ob er Morgan Freeman ähnlich sieht. Morgan Freeman sieht das anders.
Obwohl er ihn großartig gespielt hat, ist er der Meinung, dass es Gott gar nicht gibt. Er hält Gott für eine Erfindung der Menschen. Weil es keinen wissenschaftlichen Beweis für Gott gibt. Die Existenz Gottes ist in seinen Augen „nur" eine Frage des Glaubens.
Damit spricht er vermutlich vielen Menschen aus dem Herzen. Die auf der einen Seite nur Ergebnissen aus Versuchsreihen trauen und andererseits ihr Vertrauen auf einen Gott setzen sollen, der in keine Versuchsreihe passt.
Aber so ist das mit dem Glauben. Ähnlich wie mit der Liebe. Die passt auch in keine Versuchsreihe. Und trotzdem ist sie unbestritten da. Es gibt Dinge, die sich wissenschaftlich nicht erfassen lassen. Und bis zum Erweis des Gegenteils werden wir damit leben müssen, dass es so sein kann oder ganz anders.
Ich für mein Teil möchte mein Leben nicht nur in Versuchsreihen aufgehoben wissen, sondern kann gut damit leben, dass es Dinge gibt, die meinen Verstand übersteigen. Die Liebe, das Leben, Gott. Und vielleicht mache ich im Glauben ja sogar die Erfahrung, dass Gott wirklich humorvoll, weise und gelassen ist. Auch wenn Gott womöglich Morgan Freeman nicht die Bohne ähnlich sieht.

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