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SWR3 Gedanken

 Jörg Leonhardt spritzt die Gischt ins Gesicht. Er reitet mit seinem Rennschlauchboot über die Wellen und strahlt. Er liebt einfach die Geschwindigkeit. Obwohl sie ihm zum Verhängnis geworden ist. Mit 140 km/h ist er als 18jähriger mit dem Auto aus einer Kurve geflogen. Seither ist er von der Brust abwärts gelähmt. Aber wenn man ihn am Steuer seines Rennboots sieht, dann wirkt er alles andere als verbittert.
Für Jörg Leonhardt war es nicht leicht, seine Lähmung zu akzeptieren. Irgendwann hat er aber gemerkt, dass es weiter gehen muss. Und so hat er alle möglichen Sportarten ausprobiert: Basketball, Drachenfliegen und eben sein neustes Hobby, das Rennboot mit 300 PS Außenbordmotor. Das hat er übrigens nicht nur zu seinem eigenen Vergnügen angeschafft. Er bietet damit Rundfahrten für behinderte Kinder an. Im Moment cruist er gerade durch den Hamburger Hafen. Slalomfahren zwischen den Containerschiffen und über Wellen schanzen. Die Kinder hinten in ihren Schalensitzen quietschen vor Begeisterung. Und der Steuermann Jörg Leonhard grinst breit. Auf dem Wasser vergisst er seine Behinderung. Die Kinder ebenso. Ein Kind hat ins Bordbuch eingetragen: „Das tollste, was ich je erlebt hab. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit und Leben. Ich will auch mal ein schneller Kapitän werden!" Jörg Leonhardt findet es müßig darüber nachzudenken, wie sein Leben wohl ohne Behinderung verlaufen wäre. „Vielleicht würde ich dann 30 Kilo mehr wiegen, wäre zweimal geschieden und totunglücklich, wer weiß. So wie es ist, ist es gut."
 Diese Einstellung finde ich bewundernswert und gerne würde ich mir ein Scheibchen davon abschneiden. Wie oft hadere ich mit Kleinigkeiten, bin unzufrieden oder male mir aus, was mir noch alles fehlt zum großen Glück. Jörg Leonhardt hat einen Weg gefunden, mit geplatzten Träumen umzugehen. Er sagt: „Ich habe gemerkt, wenn manchmal eine Tür zufällt, geht woanders eine auf, die womöglich viel viel reizvoller ist."

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Kleider machen Leute - so heißt die aktuelle Fotoausstellung der Starfotografin Herlinde Koelbl. Sie hat Menschen portraitiert - erst in ihrer Berufskleidung und dann im Freizeitlook. Echt interessant finde ich: Obwohl sie den Fotomodellen keine Anweisung gegeben hat, sehen die auf den beiden Fotos komplett unterschiedlich aus: Hier der ehrwürdige Bischof im Ornat, dort der gemütliche Rentner im Jogginganzug. Hier die strenge Richterin in Robe, dort die lockere Frau im Kapuzenpulli. Hier der finstere Eishockeycrack, dort der smarte junge Familienvater. Auf den Fotos ändert sich nicht nur die Kleidung, sondern auch Gesichtsausdruck und Körperhaltung. Die Fotografin Herlinde Koelbl ist sich nach den Shootings sicher, dass Kleidung nicht nur das Äußere, sondern auch die innere Haltung verändern kann. „Bei manchen", sagt sie, „wird mit der Berufskleidung sowas wie ein Schalter umgelegt." Sie vermutet: „Die Uniform kann sogar helfen, derjenige zu sein, der man eigentlich sein will." Um das Thema „Kleider machen Leute" geht es auch schon beim Apostel Paulus. In seinem Brief an die Galater schreibt er: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt." Ein seltsames Bild, einen Menschen als Kleidungsstück anziehen. Ich glaube, es ist so gemeint: Wenn ich Jesus und seine Botschaft ganz nah an mich heran lasse wie ein Kleidungsstück, dann ist er bei mir, egal wo ich bin und wie ich gerade drauf bin.  Wenn Kleider Leute machen, dann müsste das doch auch Auswirkungen haben, wenn ich Jesus als Gewand anziehe. Wie sähe ich wohl mit und wie ohne Jesus aus? Und würde sich auch etwas an meiner inneren Haltung ändern? Ich hoffe, dass Jesus als Gewand mir dabei hilft, zu mir selbst zu kommen. Vielleicht sogar das aus mir zu machen, was ich aus eigener Kraft nicht schaffen kann.

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Es ist ja ein alter Hut: Wenn ich mich aufrege, dann steigt der Blutdruck. Und noch ein alter Hut: Ich kann den Blutdruck senken, indem ich mich richtig ernähre, Sport treibe oder Medikamente einnehme. Neu aber ist das Mittel, das Dr. Tibbits vom Florida Hospital gegen Bluthochdruck gefunden hat: es heißt „Vergebung". 
Das Team um Dr. Tibbits hat ein achtwöchiges Vergebungstraining entwickelt. Die Probanden hatten alle Bluthochdruck wegen irgendeiner Angelegenheit, die ihnen auf die Nerven ging: zum Beispiel Streit mit dem Nachbarn oder Ärger mit dem Arbeitskollegen. Das Training sollte die Probanden darin schulen und bestärken, ihren Streitpartnern zu vergeben. Gar nicht so leicht, aber es hat geholfen: Die Blutdruckwerte sind deutlich zurück gegangen. Mich hat diese Studie interessiert, weil „jemandem vergeben" ja nicht gerade Hochkonjunktur hat. Wer anderen vergibt gilt schnell als der Verlierer oder das Weichei. Jetzt endlich mal ein Vorteil von vergeben!Ich finde, es ist manchmal gar nicht so leicht zu vergeben, vor allem, wenn etwas Schlimmes vorgefallen ist. Mittlerweile gibt es sogar eine „Forgiveness-Bewegung". Diese Leute sind überzeugt davon, dass eine konfliktfreie Zukunft entscheidend davon abhängig ist, ob die Menschen lernen, einander zu vergeben. Dazu schlagen sie einen Vier-Punkte-Plan vor:

1. Entdecke deinen Ärger in dir und erkenne den Schmerz an.
2. Wenn du erkannt hast, dass sich was ändern muss, entscheide dich aktiv für die Vergebung.
3. Vergib beharrlich, lass Schritt für Schritt den Ärger los. Finde einen neuen Weg, an den Streitpartner zu denken.
Und 4. Freue dich über die Erleichterung. 

Vergebung scheint echt harte Arbeit zu sein. Aber sie wird ja auch belohnt. Zum einen mit dem Gefühl der Erleichterung. Und wenn man der Studie von Dr. Tibbits glauben darf, dann auch mit einem niedrigeren Blutdruck.

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In Istanbul entsteht derzeit ein außergewöhnliches Projekt: christliche, jüdische und muslimische Musiker üben für ein gemeinsames Konzert. Das Projekt heißt „Music fort the one God", also „Musik für den einen Gott". Für Juli ist eine Deutschlandtour geplant. 
Sandra Sinsch, Oboistin aus Deutschland ist auch dabei. Sie läuft durch das Probenzentrum in der Altstadt von Istanbul. Aus den Übungsräumen klingt unterschiedlichste Musik. Am Ende des Flurs singen sich die griechisch-byzantinischen Sänger ein, nebenan proben die jüdischen Musiker und gegenüber trifft sich der islamische Sufi-Chor. Sandra Sinsch ist fasziniert. Sie sagt: „Das ist wie ein Fenster, das man öffnet und dann in eine ferne Zeit katapultiert wird, wo alles eins war und friedlich nebeneinander gelebt hat." 
Steht man auf dem Flur, dann hört sich alles noch etwas durcheinander an. Schaut man aber in die einzelnen Übungsräume, dann wird schnell klar, dass sich hier die unterschiedlichsten Kulturen echt zusammenraufen. Ahmed Özhan, ein bekannter türkischer Sänger, steht mit einer christlichen Sängerin zusammen und müht sich um die Aussprache von „Halleluja". Im Alten Testament steht die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die verschiedenen Völker versuchen, gemeinsam einen hohen Turm zu bauen. Sie scheitern schließlich, weil alle durcheinander reden und sich nicht mehr verstehen.  Für mich ist das ein Bild für die momentane Situation der Religionen: Jede spricht ihre eigene Sprache und beharrt auf ihren Positionen. Ein Gegenentwurf ist  „Music for the one God". Premiere war Ende April in Istanbul. Der schnauzbärtige Sufi-Sänger stand neben einem jüdischen Chor, begleitet von der Oboistin Sandra Sinsch. Und auch der türkische Sänger brachte sein „Halleluja" fast akzentfrei über die Lippen. Der Organisator strahlt. Er will mit dem Projekt hinweisen auf die vielen Dinge, die die Religionen verbinden, und nicht auf das, was trennt. Er sagt: „Es gibt so viele Dinge, die uns vereinen! Deswegen ist dieses Konzert wie ein gemeinsames Gebet."

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Mein Sohn Fred ist jetzt ein Jahr alt. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe, dann habe ich ihn meistens dabei. Weihwasser findet er spannend und Kerzen auch. Aber ruhig auf Papas Schoß sitzen, das ist nichts für ihn. 
Der Gottesdienst beginnt. Wuchtig setzt die Orgel ein. Fred staunt mit großen Augen über meine Schulter zur Empore hoch. Dann begrüßt der Pfarrer. Fred wird unruhig. Er rutscht auf meinem Schoß hin und her. Schließlich gebe ich nach und lasse ihn auf den Boden runter. Die Kniebank ist viel interessanter als das Kyrie. Für mich beginnt jetzt eine harte Probe: auf der einen Seite will ich dem Gottesdienst folgen, auf der anderen Seite muss ich immer ein Auge auf Fred haben. Ich halte ihn, wenn er fast über die Kniebank nach vorne kippt. Ich schütze seinen Hinterkopf gegen die Kante der Sitzbank, ich ziehe ihn leicht zurück, wenn er zu weit weg krabbelt. Und dann passiert es irgendwann doch: Er crasht voll mit der Stirn gegen den Taschenhaken. Großes Geschrei und heile, heile Segen vom Papa.
Die Lesung beginnt. Eine Stelle von Paulus aus dem Brief an die Römer. Da heißt es: „Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet. Sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen und Töchtern macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!" 
Dass Gott unser Vater ist, das ahne ich schon seit ich das  „Vater unser" bete. Aber jetzt, mit dem quirligen Fred um mich herum, da verstehe ich nochmal besser, wie das gemeint sein könnte: Der Papa schützt, lenkt sanft in eine Richtung, lässt trotzdem Freiheiten, wirkt im Verborgenen, kann aber nicht alles verhindern. Das ist bei mir und Fred so, aber bestimmt auch bei Gott Vater und mir.

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Der Spanier Justo Martinez wollte sein ganzes Leben Gott widmen und Mönch werden. Durfte er aber nicht, weil er kurz vor seinem Ordensgelübde an Tuberkulose erkrankte. Er hat trotzdem seinen Weg gemacht...
Mittlerweile ist Justo Martinez 86 Jahre alt und hat einiges geleistet: Er baut seit über 50 Jahren an seiner eigenen Kathedrale. Ganz allein. Das Bauwerk steht in der Nähe von Madrid und ist beeindruckend: 55 Meter lang und 35 Meter hoch. Eine große Kuppel im Petersdom-Look und viele Türmchen. Alles bunt und teilweise aus recycelten Materialien: Blechbüchsen und Bruchziegel. 
Nachdem klar war, dass Justo Martinez nicht in den Orden eintreten kann, ist er völlig überraschend wieder gesund geworden. Und dann hat er auf einem geerbten Grundstück einfach angefangen zu bauen. Ohne Genehmigung, ohne Bauplan und ganz allein. Es hilft höchstens einmal einer seiner Neffen. Oder er bekommt altes Baumaterial von benachbarten Firmen gespendet. Eigentlich ein kleines Wunder, dass die Kathedrale nicht längst eingestürzt ist - ohne Statiker und Architekt. 
Es gab sogar schon eine Ausstellung im Museum of Modern Art in New York über die Kathedrale. Und inzwischen pilgern Ströme von Neugierigen dorthin, um das Bauwerk zu sehen. Und um den Mann zu sehen, der dieses Wunder vollbracht hat - Justo Martinez. 
Der Mann steckt voller Energie. Er läuft mit wachen Augen über seine Großbaustelle und arbeitet mal an einem Stück Mauer und dann wieder voll Liebe zum Detail an einem Glasfenster. Er sagt: „Für mich ist es nicht wichtig, dass die Kathedrale fertig wird. Mir kommt es darauf an, jeden Tag etwas für Gott zu tun." Das wäre ihm als Mönch bestimmt auch gelungen. Aber wahrscheinlich nicht so originell wie jetzt.
Nun kann nicht jeder, dem ein Lebenstraum verwehrt bleibt, eine Kathedrale bauen. Aber Justo Martinez könnte dazu anregen, nach kreativen Auswegen zu suchen. Und manchmal kann dann auch was ganz Großes daraus werden.

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Kommt man in meine Heimatstadt Überlingen am Bodensee, dann wird man am Ortsschild empfangen mit der Aufschrift „Bitte Ruhe, Kneipp-Heilbad!". Ich erinnere mich gut an heiße Tage, wo ich mir als Kind die Hosen hochgekrempelt habe und in ein so genanntes Kneipp-Becken mit eiskaltem Wasser gestiegen bin. Im Storchengang ging es an einem Geländer entlang bis die Beine weh taten oder bis irgendjemand angefangen hat, rumzuspritzen. 
Kneippen nennt man das und erfunden hat´s Sebastian Kneipp, ein Priester aus Bayern. Noch vor dem Studium war er an Tuberkulose erkrankt und auf ein altes Buch gestoßen. Das empfahl Anwendungen mit kaltem Wasser und viel Bewegung an der frischen Luft. Mitten im November beginnt Kneipp seine Eigentherapie und nimmt drei Mal am Tag Vollbäder in der eiskalten Donau. Selbst während seines Studiums in München setzt er die Therapie fort. Nachts schleicht er aus dem Priesterseminar, steigt in einen Springbrunnen und übergießt sich mit Wasser. Bei der Untersuchung vor der Priesterweihe stellt der Arzt verblüfft fest: Keine Spur mehr von Tuberkulose. 
Kneipp entwickelt seine Therapie weiter. Für ihn ist Heilen mehr als nur die Symptome zu behandeln. Körper, Seele und der Lebensstil müssen mit einbezogen werden. Er sagt: „Erst als ich daran ging, Ordnung in die Seelen meiner Patienten zu bringen, da hatte ich Erfolg." 
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Heilkraft in der Natur und im Menschen selbst steckt. Für mich ist das ein Zeichen, dass hier der heilende Gott anwesend ist. In mir und in der Natur. Umso schwerer zu verstehen finde ich, warum diese Kraft manchmal auch nicht mehr ausreicht, jemanden zu heilen. 
So wie bei Sebastian Kneipp. Im Alter von 75 Jahren ist er schwer an Blasenkrebs erkrankt und am 17. Juni 1897 gestorben. Für ihn und alle Menschen habe ich die Hoffnung, dass die Heilkraft Gottes ihre wahre Wirkung erst nach dem Tod entfaltet.

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