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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

18MAI2019
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Es gibt Sätze die sind so stark, dass man sich überlegen muss, wie man mit ihnen umgeht. Ob man sie aussprechen kann. Oder lieber nicht. Wenn zwei Menschen in der Kirche heiraten, da gibt es so einen Satz. „Bis das der Tod uns scheidet!“ heißt es in einem klassischen Trauversprechen. Oft erlebe ich in Traugesprächen, wie die Menschen mit diesen Worten ringen. Und zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen:

 

In einem Traugespräch sagten zwei Menschen mal zu mir:
„Herr Pfarrer, nein, bis das der Tod uns scheidet können wir nicht sagen“. Auf meine Nachfrage bekam ich die Antwort: „Nein, auch der Tod wird uns nicht trennen“. Ein anderes Paar sagte zu mir wie aus einem Mund: „Nein, bis das der Tod uns scheidet wollen wir nicht sagen“. Ich fragte nach. Sie erklärten mir daraufhin, dass beide schon einmal verheiratet waren und sie deshalb ein solches Versprechen nicht ehrlich geben könnten. Sie hatten ja schon erlebt: Manchmal endet die Liebe vor dem Tod.

Das musste auch Thomas Gottschalk erleben, der heute Geburtstag hat. Sie erinnern sich vielleicht: Anfang des Jahres hat sich das Ehepaar Gottschalk getrennt. Die Boulevardblätter waren voll von Mutmaßungen und Stellungnahmen. In einem Kommentar war zu lesen: Wer jetzt fragt, was das für eine Ehe war, hat etwas nicht verstanden. 44 Jahre sind eine tolle Ehe gewesen…

Das kann ich zwar nicht beurteilen, ob es eine tolle Ehe gewesen ist, aber 44 Jahre gemeinsam durch das Leben zu gehen –  das halte ich für bewundernswert. Und zwar ganz unabhängig davon wie es endet – ob mit dem Tod oder mit einer Trennung.

Soziologinnen und Historiker weisen uns ja immer wieder daraufhin: noch nie in der Geschichte waren Paare so lange zusammen wie zu unseren Zeiten. Erst die längere Lebenserwartung und die lange Friedenszeit haben dazu geführt, dass Ehen solange dauern können.

Ich finde: Es kommt bei der Ehe nicht darauf an ob man diesen Satz sagen kann: Bis das der Tod uns scheidet! Es kommt vielmehr darauf an, die gemeinsamen Jahre mit gegenseitigem Respekt und wechselseitiger Fürsorge zu gestalten. Wenn das gelingt, dann ist jede Ehe wertvoll, egal wie lange sie dauert.

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17MAI2019
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Hinterm Horizont gehts weiter – eine der berühmten Liedzeilen von Udo Lindenberg. Millionen singen diesen Text und sind angerührt in ihren Herzen. Auch auf Beerdigungen wird dieses Lied oft gespielt. Und ich verstehe es sehr gut. Aber mir stockt dann auch immer der Atem.

Dieses Lied ist ein Versprechen. Es antwortet auf eine Sehnsucht, die ich auch tief in mir spüre. Die Sehnsucht, dass es mehr gibt, als das was wir sehen. Dass wir auch nach dem Tod noch verbunden sind. Und was Neues wartet auf uns.

Ich glaube fest dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Aber immer wenn es über das Diesseits hinaus geht fehlen mir die Worte. Die Ängste, Wünsche und Hoffnungen sind so verschieden – aber die Trauer eint.

Der Wunsch mit seinen geliebten Menschen nach dem Tod wieder vereint zu sein ist groß. Sich vorzustellen: irgendwann sehen wir uns wieder - der Tod ist nicht das Ende. Das hilft sicher auch, um die Trauer besser zu ertragen.

Ich denke oft an das Bibelwort das verspricht „und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein“ (Offenbarung 21,4). Das ist meine Hoffnung.

Ich glaube Gott möchte, dass wir das Leben genießen in Gemeinschaft und Verantwortung füreinander. Und dass wir darauf vertrauen: Nach dem Tod gibt es Leben bei ihm.Aber wie ist das konkret? Wie kann man das Menschen in Trauer sagen?

Mir fehlen da oft die Worte. Und dann bin ich froh, dass es Dichter gibt. So wie Udo Lindenberg. Der hat Worte dafür gefunden: „Hinterm Horizont gehts es weiter…“ Und heute wird er 73 Jahre alt. Er ist selbst dem Tod schon von der Schippe gesprungen in seinem exzessiven Leben. Vielleicht konnte er deshalb Worte finden, die so viele Menschen berühren.

Für mich ist das kein leeres Versprechen. Ich glaube Gott wartet hinterm Horizont. Darauf vertraue ich. Diese Zuversicht wünsche ich allen Menschen die trauern und Abschied nehmen müssen.

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16MAI2019
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Kennen Sie Pierce Brosnan? Ein Schauspieler. Heute hat er Geburtstag. Für mich ist er nicht nur der besten James Bond Darsteller aller Zeiten, nein, er ist für mich der Inbegriff von Liebe und Sehnsucht und Kitsch.

Das hat mit einem Film zu tun, in dem er mitspielt. „Mama Mia“ heißt er. Ein Film in dem viele Lieder von Abba vorkommen. Er spielt dort eine Hauptrolle und er singt auch – manche meinen zum Leidwesen des Filmes. Mamma Mia war der erste Familienfilm bei uns. Den konnten wir als ganze Familie zusammen sehen. Da war für jeden was dabei: Liebe, Musik, Schmerz und Tanz. Eine Szene ist mir besonders wichtig: Die weibliche Hauptdarstellerin bereitet ihre Tochter auf die Hochzeit vor. Sie kämt ihre die Haare und frisiert sie und dabei singt sie.

Und in dem Lied heißt es in einer Zeile „Die Zeit gleitet mir durch die Finger“. Wenn ich die Szene sehe und das Lied höre, denke ich an meine Kinder. Sie werden immer größer und erwachsener. Die Zeit mit Ihnen vergeht so schnell. Und dann laufen mir immer die Tränen. Inzwischen wissen meine Kinder schon Bescheid und sagen dann: „Achtung jetzt weint Papa gleich wieder“

Aber trotzdem schauen wir den Film gerne zusammen. Mir tut das so gut! Denn für mich ist das wie ein Testdurchlauf. Ich kann mit meinen Lieben in den Armen schon mal filmisch bestimmte Lebenssituationen testweise erleben. Und durch den Kitsch im Film kann ich mich meinen Gefühlen hingeben. Ich erlebe etwas in sicherer Umgebung und bereite mich innerlich schon etwas darauf vor: Ja: auch meine Kinder werden erwachsen werden und einmal das Haus verlassen.

Und ich kann meinen Kindern meine Emotionen zeigen, ohne dass es zu peinlich wird. Kitsch wird oft belächelt. Dabei tut Kitsch manchmal gut. Kitsch schafft manchmal die Möglichkeit Dinge zu fühlen und auszudrücken, die anders so nicht möglich sind. Dafür liebe ich Hollywood und all die Liebesschnulzen. Und Mama Mia! Ich hoffe meine Kinder schauen noch lange mit mir diesen Film! Und meinetwegen  hin und wieder auch einen James Bond.

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15MAI2019
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Bei uns Menschen sind Gaben, Wissen und Vermögen ungleich verteilt. Das ist nicht schön. Aber richtig schlimm wird es, wenn die einen beginnen, auf die anderen herabzusehen. Wenn sie sich selbst für etwas Besseres halten und über die anderen spotten.

In manchen Fernsehformaten gehört das ja dazu. „Germanys next Topmodel“ fällt mir da ein. Da gibt es immer wieder Zank. Die eine gehört zu den Besten und bekommt viele Aufträge und trotzdem hat sie immer wieder Angst vor den neuen Aufgaben. Die anderen ziehen über sie her. Nehmen ihren Kummer nicht ernst und spotten. Da kann man in Nahaufnahme beobachten, wie schwer es ist, das auszuhalten, dass die Gaben unterschiedlich verteilt sind. Irgendwie typisch Mensch. Vor allem in Konkurrenzsituationen.

Jeder will der Beste sein. Und manche haben dann das Gefühl: ich kann nur gut sein, wenn der andere schlecht ist. Elende Vergleicherei.

Aber eigentlich gibt es nur einen, der wirklich auf uns herabsehen kann: Das ist Gott. Aber wie schaut Gott auf die Menschen? Was sind wir in seinen Augen? Die Bibel gibt darauf eine Antwort, die auf den ersten Blick sehr hart erscheint: „Gott weiß, dass wir Staub sind“, heißt es da und: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der heiße Wind darüber geht, so ist sie nimmer da.“ – Vor Gott sind die Menschen nur wie Gras und Staub. Klein und zerbrechlich. Wie unbedeutend sind dann erst die Dinge, um die wir uns streiten und wegen denen wir uns das Leben schwer machen?

Und trotzdem: Obwohl wir klein und zerbrechlich sind, ist Gottes Blick voll Liebe. Gott hat Mitleid mit uns und will uns helfen, wenn wir an unsere Grenzen kommen.

Mir hilft das sehr: Weil ich weiß, dass ich für Gott wichtig bin, obwohl ich so klein und voller Fehler bin, gibt mir das eine ganz andere Sicherheit. Ich habe es nicht mehr nötig, andere klein zu machen, um selbst groß zu sein. Für Gott sind wir alle wertvoll – so klein wie wir auch sind.

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14MAI2019
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Jeder bekommt, was er verdient. Ich weiß nicht, ob das eine Binsenweisheit, alter Volksglaube oder eher die Hoffnung auf Gerechtigkeit ist. Aber ich frage mich: Will ich wirklich, dass es so ist?

„Das hast du dir verdient“ – das hat Christian einmal grinsend zu mir gesagt. Er ist mein Begleitsoldat im ersten Auslandseinsatz in Bosnien gewesen. Wir sind oft unterwegs zu den verschiedenen Feldlagern. An einem heißen Sommertag sitze ich neben ihm auf dem Beifahrersitz und stöhne, weil ich die Sonnenseite erwischt habe. „Womit denn? Was hab ich falsch gemacht?“, gebe ich kläglich zurück.

Christian hat mich nur ärgern wollen. Aber es entspinnt sich ein interessantes Gespräch über Ursache und Wirkung, über Schuld und Strafe. Und welche Rolle Gott dabei spielt.

„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort…“ - ist es wirklich Gott, der uns zuteilt, was wir verdienen? Und der uns bestraft, wenn wir eine Schuld auf uns laden?

Natürlich wünsche ich mir, dass es in der Welt gerecht zu geht. Ich wünsche mir, dass Gewalttäter gerecht bestraft werden. Und ich verstehe, dass ein gerechter Gott die einzige Hoffnung bleibt für die vielen Opfer, die zusehen müssen, wie die Täter ungestraft davon kommen.

Trotzdem hat Jesus immer wieder von dem Gott erzählt, der verzeiht. In einem alten Gebet hat schon Jesus gelernt: „Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.“

Ich hoffe zwar, dass ich vieles richtig mache. Aber wer weiß, was mir alles schiefgeht. Oder wie mich kommende Generationen beurteilen, z.B. weil ich so viel Energie verschwende. Ich will gar nicht wissen, was ich verdient hätte!

Zum Glück kann ich auf einen Gott vertrauen, der mir verzeiht, wenn ich meinen Fehler bereue. Der mir die Last meiner Schulden abnimmt. Und mir eine zweite Chance gibt.

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13MAI2019
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„Vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat“ – so beginnt ein altes jüdisches Gebet. Es lädt mich ein, mich an das zu erinnern, was mir geschenkt ist. Was einfach da ist, ohne dass ich etwas dafür tue. Anstatt immer nur nach dem zu schauen, was mir fehlt oder nicht in Ordnung ist. Oder danach zu schauen, was ich alles kann und leiste und erreicht habe.

Ich glaube, dass ich dann reicher werde. Denn vieles in meinem Leben habe ich nicht mir selbst zu verdanken. Und echter Reichtum hat nichts mit dem zu tun, was ich auf dem Konto habe.

Wie das aussehen kann, habe ich von Wolle gelernt. Ich habe ihn bei einer Soldatenfreizeit kennengelernt. Wir sind an einem Morgen zur S-Bahn gegangen. Vor dem Bahnhof haben einige Obdachlose in der Kälte auf dem Boden gesessen. Wolle unterbricht unsere Unterhaltung und wirft einem von Ihnen vier Euro in den Pappbecher. Ich muss ihn ziemlich überrascht angeschaut haben. Denn er erzählt, dass er das öfter macht. Einmal hat er in einem Supermarkt auch zwei Schälchen Hundefutter gekauft. Für den Hund, der immer bei dem Obdachlosen sitzt. Und dann fasst er zusammen: „Ich kann abends in der Kneipe 50, 60 € bezahlen. Ohne das es am Ende des Monats deswegen eng wird. Da ist es doch nicht schwer, einem von diesen armen Kerlen mal einen Euro zuzustecken oder ein Brot zu kaufen.“

Diese einfache Gleichung hat mich beeindruckt. Wolle hat nicht über die Bettler geschimpft. Er hat nicht damit angegeben, wieviel Geld er hat. Und er wollte auch nicht damit angeben, dass er Gutes tut. Er spürt einfach, dass es ihm gut geht. Und er weiß, dass er das nicht nur seiner eigenen Leistung verdankt. Sondern dass es ihm geschenkt worden ist. Er ist für mich ein reicher Mann, weil er aus dem Gefühl der Dankbarkeit heraus lebt und geben kann.

„Vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat.“ – Gott macht mich reich. Daran hat mich Wolle an diesem Tag erinnert. Beinahe hätte ich es vergessen.

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