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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe, so weißt du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Ich liebe diesen Psalm aus der Bibel.
Er erinnert mich daran: du bist niemals allein, auch wenn du dich einsam fühlen magst. Du bist umfangen von Gottes Liebe und Achtsamkeit, egal, wohin du gehst. „Stiege ich hinauf in den Himmel, so bist du da, bettete ich mich bei den Toten, so bist du auch da.“
Aber das mit dem Alleinsein hat sich ziemlich geändert in den letzten Jahren. Wenn ich heute nicht allein sein will geh ich ins Netz. Wenn ich in einer fremden Stadt bin, sagt mir mein I-phone, welche Bahn ich nehmen muss, wann sie wo abfährt und wann sie ankommt. Ich muss niemanden mehr fragen. Und wenn ich zwischendurch warten muss, kann ich mit Freunden oder Kollegen telefonieren oder schnell ne SMS losschicken. Wo ich auch bin, im Netz bin ich nie allein. Das hat was sehr Tröstliches.
Aber jetzt wissen wir ja, das mit dem Netz hat einen Haken. Da hören Leute meine privaten Gespräche mit. Oder lesen mit, dass ich mir mal einen Bademantel gekauft habe. Aber statt sich zu schämen, dass sie in meinem Badezimmer rumlaufen, schreiben sie mir auch noch: Leute, die so einen Bademantel gekauft haben, haben auch noch Badelatschen dazu gekauft. Ja hallo? Was geht die das an? Ich kann nur hoffen, dass der Bademantelkauf nicht irgendwann vom Geheimdienst gegen mich verwendet wird.
Das Netz hat geradezu was Göttliches. Es gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Aber es hat Haken. Wie alles, was Menschengemacht ist. Es ist nicht wie Gott.
Unsere Vorfahren haben uns Worte hinterlassen, mit denen wir Gott anrufen können. Auf einem sicheren Festnetz, das immer funktioniert.
„Du Gott kennst mich, ich sitze oder stehe, ich zweifle oder glaube, du weißt es. Du verstehst meine Gedanken besser als ich. Dir kann ich nichts vormachen. Das möchte ich manchmal gar nicht wahrhaben. Da fliehe ich lieber in tausend Kontakte, nehme verschiedene Identitäten an, je nachdem, wo ich gerade im Netz unterwegs bin.
Aber du gehst überall mit. Erforsche mich, Gott. Stell mir unbequeme Fragen. Zeige mir, wenn ich mich verrannt habe. Und bring mich wieder auf einen guten Weg. Amen.

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Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden nimmt an seiner Seele!

Jesus hat das mal gesagt. Und irgendwie passt er zu dem Fall Uli Hoeneß, der diese Woche in allen Medien war. Dieser herausragende Fußballer und Manager hat ja alles erreicht, was man in seiner Branche erreichen kann- er hat seinen Verein Bayern München zu einem der führenden Vereine der Welt gemacht mit einem Wert von 1,3 Milliarden Euro. Eine moralische Instanz in Deutschland.

Und jetzt hat den Staat um 27,2 Millionen Euro Steuergelder betrogen. Eine schier unvorstellbare Summe. Gott sei Dank hat bei uns das Gericht die Maßgabe, nach geltendem Recht zu urteilen. Ohne Promibonus oder –malus. Und wie urteilen Sie?

Costas, der Besitzer einer griechischen Taverne bei uns, hat gesagt. „Kann ich nicht urteilen. Weiß ich nicht, was ich als Präsident von Bayern München gemacht hätte.“ Costas kommt aus einem Land, in dem bis vor kurzem Steuern zahlen nur was für Dumme war. Weshalb er jetzt seine verarmte griechische Sippe finanziert.

Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner Seele. Was hilft es den Starken in unserem Land, wenn sie wie Uli Hoeneß Millionen verdienen und dabei den Bezug zur Wirklichkeit verlieren?

Steuern sind die Seele unserer Gesellschaft. Sie vermitteln das Gefühl für Zusammengehörigkeit und Gerechtigkeit- oder eben nicht. Es ist keinefromme Rede, wenn Jesus darauf hinweist:

ein Mensch oder ein Volk beschädigt seine Seele und seine Integrität, wenn Erfolg und Gewinnmaximierung jegliches Mittel heiligt.

Aber es gibt eine Alternative. Jesus nennt sie „Hingabe“. Sich selber hingeben ist eine Alternative. Seine Energie, seine Kraft, seine Leidenschaft. Nicht für den eigenen Geldbeutel, sondern für die Mitmenschen. Nicht für die eigene Ehre, sondern zur Ehre Gottes. Damit etwas heil werden kann.

Das wünsche ich Uli Hoeneß und allen, die wie er darauf angewiesen sind, dass nach dem großen Verlust auch wieder etwas wieder heil werden darf. Weil Andere ihnen Gutes wollen. Nicht zur eigenen Ehre, sondern zur Ehre Gottes. Einfach so.

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Alle Menschen sind gleich und jeder hat eine Würde- jedenfalls vor dem Gesetz. Und theoretisch.
Aber Praktisch? Wenn ich durch die Mainzer Innenstadt laufe, sehe ich immer mehr Männer und auch ein paar Frauen, die begegnen mir nicht auf Augenhöhe. Die sitzen auf einer Decke am Boden. Mit Hund im Arm und einem Pappbecher vor den Füßen. Gleichheit und Würde?
Viele Geschichten in der Bibel erzählen, wie Jesus vor solchen Leuten stehenbleibt. Er fragt sie, was sie wollen. Und dann heilt er sie oder sagt: nimm deine Decke und geh! Du bist gesund. Manchmal wär ich gern wie Jesus. Aber ich bins nicht.
Und jetzt hab ich Ärzte gesehen, die kommen dem, was Jesus gemacht hat, ziemlich nah. Die gehen vor denen da unten am Boden in die Knie. Das heißt, sie gehen in die Hocke und reden mit ihnen auf Augenhöhe. Hallo, wie geht’s? Kann ich helfen? Oder einfach nur: schönen Tag noch!
Warum sie das tun? Sie glauben an die „Gleichwürdigkeit“. Das Wort gibt’s im Deutschen gar nicht, es stammt von dem dänischen Familientherapeuten  Jesper Juul. Der hat sich gefragt: welche Haltung ist gut, wenn man als Erwachsener mit Kindern zu tun hat. Und er meint: am wichtigsten ist die „Gleichwürdigkeit“. Man muss Kinder für „gleichwürdig“ halten. Ihre Bedürfnisse und Ängste so ernst nehmen wie die eigenen. Und sich Respekt verschaffen, indem man sie respektvoll behandelt.
Natürlich sind Menschen total verschieden. In einem aber sind wir alle gleich. In unserer Würde. Würde ist nichts, was wir uns verdienen könnten. Würde haben wir. Sie ist uns geschenkt. Und zwar von Gott. Man kann sie nicht sehen, man kann nur an sie glauben. Und Erfahrungen damit machen.
Der Arzt, der seit über 20 Jahren Wohnsitzlose auf der Straße behandelt, sagt, das sei für ihn sehr wertvoll. Immer wenn er in die Hocke geht vor einem, der da auf seiner Decke am Boden sitzt, erlebt er etwas sehr Befriedigendes: eine ehrliche Begegnung. Ohne Maske. Aber mit viel gegenseitiger Wertschätzung. Eben: Gleichwürdigkeit. Ganz praktisch. Und heilsam.

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Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber schaut das Herz an.
Das habe ich jetzt ganz neu verstanden. Als ich meine Freundin von früher wiedergesehen habe. Nach 40 Jahren.
Sie war wie ich 5 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in unser Dorf kam. Schon wieder Katholiken! Haben die Leute gesagt. Die bringen unsere schöne protestantische Ordnung durcheinander!
Meine Freundin musste jeden Samstag erst in die Badewanne und dann zur Beichte. Ich wäre gerne mit, aber ich war ja evangelisch. Also haben wir uns auf die Bordsteinkante vor der Kirche gesetzt und ich hab ihr vorgeschlagen, was sie beichten könnte- nicht zu viel und nicht zu wenig. Als Dank fürs Beichtcoaching hat sie mich zur Sonntagsmesse mitgenommen.
Meine Freundin war immer eine halbe Note besser als ich. Das hat mich manchmal gekratzt, aber sie war nun mal meine Freundin.
Irgendwann fing es an. Da wurde sie auf einmal verschlossen und zickig. Ich konnte mir keinen Reim drauf machen. Und so ist die Freundschaft auseinander gegangen.
Und jetzt steht sie vor mir, nach 40 Jahren. Ihr damals tiefschwarzes Haar ist jetzt grau. Ihr Gesicht hat Fältchen. Aber es ist nicht mehr verschlossen. Sie freut sich wirklich, mich zu sehen.
„Übrigens- ich hab dich früher immer beneidet! Sagt sie irgendwann. – Was? Du mich? Du warst doch die Bessere in der Schule! Sag ich. – Ich war neidisch, dass du morgens mit deiner Familie gefrühstückt hast. Dass deine Mutter dir ein Pausenbrot geschmiert hat. Meine Familie ist nie mit mir aufgestanden. Ich hab mir morgens immer mein Pausenbrot zusammengesucht und bin im Dunkeln aus dem Haus geschlichen. – Ich spüre ihren Schmerz und es tut mir so leid. Warum hast du nichts gesagt? frage ich sie.- Ich hab mich so geschämt, damals, ich konnte nichts sagen. Ich war ja noch ein Kind. Und du auch.
Der Mensch sieht, was vor Augen. Aber Gott schaut das Herz an. Und manchmal schenkt er das Glück, einem Anderen auch ins Herz schauen zu dürfen.
An diesem Abend haben wir noch lange erzählt und gekichert. Wie die kleinen Mädchen, damals auf der Bordsteinkante vor der Kirche. Beim Beichtcoaching. Versöhnte Verschiedenheit. Ihrer Zeit weit voraus.

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Dürfen wir über andere Menschen urteilen? Und wenn ja, wie eigentlich? Das hat mich beschäftigt, als in den vergangenen Wochen viel Empörung in den Medien war. Weil manche Promis sich schuldig gemacht haben: wegen Vorteilsnahme im Amt, wegen Steuerbetrug, wegen möglicher Kinderpornographie.
Es gibt Urteile, die fällen Gerichte. Und es gibt moralische Urteile, die fällen wir bzw. unsere Medien. Gerichte urteilen nach Recht und Gesetz. Aber wir und unsere Medien- woran halten wir uns eigentlich, wenn wir urteilen?
Jesus hat auf diese Frage eine interessante Antwort gegeben. Damals war auch viel Empörung unterwegs. Seine Zeitgenossen haben eine Frau beim Ehebruch ertappt. Das war damals ein no-go, ein Tabu. Das geltende Recht war damals: Tod durch Steinigung. Jesus kommt dazu, als alle das Urteil vollstrecken wollen. Und obwohl sie das hätten können, fragen sie Jesus, ob er das Urteil auch richtig findet. Moralisch richtig. Ist es legitim, was legal ist? Was meinst du, Jesus?
Jesus setzt sich mitten in diese aufgeheizte Stimmung hinein- und schweigt. Kritzelt etwas in den Sand. Lässt die Leute warten, sich ein wenig beruhigen. Dann gibt er ihnen was zum Nachdenken. Einen Leitfaden, der ihnen hilft, selber eine Antwort auf ihre Frage zu finden. Er sagt: Wer unter euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.
Bin ich ohne Schuld? In Sachen Steuerbetrug vielleicht? So zu fragen finde ich nicht angenehm. Aber es hilft mir. Wenn ich weiß, wie leicht ich selber schuldig werde, kann ich nicht mehr den Stab über andere brechen. Wenn ich weiß, dass ich moralisch kein besserer Mensch bin, dann kann ich nicht mehr wollen, dass die Existenz eines Menschen vernichtet wird. Es geht einfach nicht mehr. In der biblischen Geschichte von der Ehebrecherin lassen die Leute deshalb ihren Stein fallen und gehen weg.
Wir dürfen über andere Menschen urteilen? Jesus sagt mir: Moral fängt immer bei sich selber an. Taten kann man verurteilen, nicht aber Menschen. Jeder hat das Recht auf eine neue Chance. Nach der Verurteilung. Das sind wir -christlich gesprochen- einander schuldig.

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"Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt."
Ja, es gibt solche Leute. Mit einem sonnigen Gemüt. Die haben eine schlimme Kindheit gehabt, haben ihren Job verloren oder gar eine Scheidung hinter sich und trotzdem. Nichts haut sie um. Sie haben einen unzerstörbaren Kern in sich.
"Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt."
In der Psychologie nennt man das „Resilienz“. Resilient ist ein Mann, eine Frau, wenn sie Zeiten extremer Belastung oder Anspannung durchstehen, wenn sie Krisen überstehen, ohne an ihnen zu zerbrechen.
Aber wie kommt das? Es gibt ja Kinder, die haben in ihrer Familie viel Gewalt und Lieblosigkeit erfahren. Und gehen als Erwachsene trotzdem ihren Weg, gründen eine Familie und sind prima Väter oder Mütter und nette Kollegen. Was hat sie „resilient“, also widerstandsfähig gemacht? Das haben sich Forscher gefragt und haben herausgefunden: am Wichtigsten war- dass es in ihrem Leben eine liebevolle und verlässliche Beziehung gegeben hat. Zu wem auch immer: zur Oma, zur Nachbarin, zum Onkel. Eine einzige Beziehung genügt, damit ein Mensch in sich einen „unbesiegbaren Sommer“ haben kann- mitten im Winter.
Für mich war diese eine Beziehung irgendwann auch die Beziehung zu Gott. Mit ihm konnte ich immer reden, in den Geschichten von Jesus habe ich erfahren, wie er bestimmte Situationen einschätzen und beurteilen würde. Und dass er immer für mich da ist. Das ist für mich bis heute Licht und Wärme, ein unzerstörbarer Sommer mitten im Winter.
Und manchmal schickt Gott mir heute noch einen Menschen, der mich verlässlich und liebevoll begleitet: eine beste Freundin, ein verständnisvoller Partner, eine kluge Mutter.
Man braucht gar nicht viel, um ein „Stehaufmännchen“ zu sein und sich nicht unterkriegen zu lassen. Eine einzige Beziehung genügt. Zu einem Menschen. Zu Gott selber, Der ganz am Anfang der Bibel von sich selber sagt: Ich bin der, der immer für dich da ist.

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