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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

In Mainz wie in vielen anderen Städten lohnt es sich, etwas länger aufzubleiben. Dann kann man nämlich hautnah miterleben, was die Kirche in der Nacht so alles macht.
Denn in Mainz gibt es, wie an anderen Orten auch, mittlerweile eine Nacht der offenen Kirchen. In der Landeshauptstadt ist es in vierzehn Tagen wieder so weit: die dreizehn Kirchen der Innenstadt geöffnet. Teilweise bis weit nach Mitternacht. Jede Kirche hat einen anderen nächtlichen Schwerpunkt und präsentiert sich mal mit Musik, mal mit Gebet und Gelegenheit zum Gespräch, mal mit Lichtinstallationen und Lesungen, mal mit Essen und Trinken. Oder man haut auf die Pauke und trommelt sich seinen Frust vom Leib. Nur als Beispiel, es gibt noch vieles mehr. Jeder ist eingeladen, quer durch die Stadt von Kirche zu Kirche zu ziehen.
Die Kirchen feiern in der Nacht. Ihre Tore stehen deshalb nachts so weit offen, weil schon Jesus die Erfahrung gemacht hat, dass so mancher Gesprächspartner lieber im Dunkeln vorbei geschaut hat.
Das beste Beispiel der Bibel dafür ist Nikodemus. Eine ganze Nacht hindurch redet er mit Jesus. Tagsüber ist er ein angesehener und geachteter Mann. Natürlich viel beschäftigt. Dabei ist er bestimmt kein oberflächlicher Typ, ganz im Gegenteil. Aber der Alltag mit seinen Anforderungen ist das eine und gründliches Nachdenken über Gott und die Welt das andere. Es ist oft einfach keine Zeit und kein Platz, solche Fragen an sich heran zulasssen. Nachts ist das anders. In der Dunkelheit kommen all die Fragen zu Vorschein, die scheinbar nicht tageslichttauglich sind: Woher komme ich - wohin - gehe ich - was soll ich anfangen mit meinem Leben. Für solche Fragen braucht man ein anderes Licht als Büroleuchte oder Sonnenschein. Wenn das Licht weniger wird, dann kann mancher leichter Herz und Verstand für eine neue Erfahrung öffnen. So kommt Nikodemus, als alle schlafen, zu Jesus. Es wird eine richtig gute Nacht für ihn. Sein Gespräch mit Jesus ist ein neuer Anfang mit Gott.
In Erinnerung an diesen nächtlichen Besuch bleiben deshalb für alle Nikodemusse heutzutage die Kirchentüren weit offen. Für eine Nacht heißt es „Schlaflos in Mainz", damit Menschen einen Weg zu Gott finden.

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Ein klares, deutliches Wort ist wie frisches Quellwasser. Es kann mehr bewirken als viele Ermahnungen oder endlose Gespräche. Die Bibel beschreibt Jesus immer wieder als einen Menschen, der solche klaren Worte sprechen kann. Und damit Menschen aufrichtet und neue Kraft für's Leben gibt.
Da ist eine Frau. Alle Beziehungen, die sie eingeht, scheitern. Und das, was sie da aktuell am Laufen hat, verdient den Namen Beziehung kaum. Ihre Mitmenschen lassen sie spüren, was sie von ihr halten. Darum geht sie ihnen aus dem Weg. Das Aus-dem-Weg-Gehen hat den eigenen Weg ersetzt. Am besten möglichst wenig Kontakt. Dann gibt es keine schiefen Blicke. Am besten, wenn man mittags zum Brunnen geht, um Wasser zu schöpfen. In der Gluthitze trifft man keine Menschen. Es geht der Krug eben solange zum Brunnen, bis er bricht. Und oft auch danach noch. Einfach aus Gewohnheit.
Als die Frau wieder zum Brunnen kommt, sitzt da Jesus. Er hat Durst und bittet die Frau um einen Schluck aus dem Brunnen. Und tatsächlich: die Frau kann Jesus das Wasser reichen. Jesus begegnet ihr auf Augenhöhe. Er nimmt sie ernst. Und sie kann etwas für ihn tun. Die beiden kommen ganz von selbst ins Gespräch.
Jesus sagt der Frau auf den Kopf zu, wie schwierig ihre Beziehungen sind. Und einmal ausgesprochen, ist ihr das auf der Stelle auch selbst klar. Und in dem Moment, in dem ihr das klar wird, öffnet sich wieder ihr Herz, sie kann klar denken und bekommt wieder ein Gespür für sich selber. Du bist ein Mensch mit Geist, sagt Jesus zu ihr. Du brauchst die Wahrheit nicht zu fürchten.
Wie oft versuche ich, anderen zu helfen. Und mache mir dabei viel Mühe. An dieser Geschichte wird mir klar: Wie wenig hat genügt, um diese Frau aus ihrem Alltagsgrau in einen guten Tag zu führen. Manchmal genügt es, eine Sache einfach nur auszusprechen. „So ist es" - dieser Satz kann jemanden mit seiner eigenen Lebensgeschichte versöhnen. Schluss mit dem Versteckspiel vor sich selbst und vor den anderen.
Ein Mensch, der in sich selber gefangen war, bekommt neue Kraft. Weil ein anderer ein klares Wort gesprochen hat. Solche Worte sind wie ein Schluck aus einer klaren Quelle oder einem tiefen Brunnen. Frisch gestärkt kann man die Scherben des Krugs, der schon lange zerbrochen ist, liegen lassen. Und kann aufbrechen in das eigene Leben.

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Viel ist in diesen Tagen von Rücktritten die Rede. Da interessiert mich doch, was in der Bibel zum Thema Rücktritt steht. Viele Beispiele zu diesem Thema gibt es nicht. Denn die Bibel erzählt meistens von Menschen, die ihr Amt oder ihre Aufgabe von Gott bekommen haben. Und von Gott trennt man sich nicht so ohne weiteres. Kann man von seiner Berufung durch Gott überhaupt zurücktreten?
Der Prophet Jona hat das getan. Oder genauer gesagt, versucht. Er bekam von Gott den Auftrag, die Bevölkerung von Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Reiches, zur Umkehr und zur Buße aufzufordern. Den Herrscher der Großmacht inklusive. Diese Aufgabe hält Jona für reinen Selbstmord. Er als unbekannter Ausländer soll allein die Menschen in einer fremden Großstadt verändern? Lynchen werden sie ihn, sonst nichts. Prophet zu sein bedeutet scheinbar: Mission impossible. Wirklich ein unmöglicher Auftrag. Jona reicht seinen Rücktritt ein und tritt umgehend eine Seereise in die entgegen gesetzte Richtung an.
Doch so schnell gibt Gott nicht auf. Er schickt einen starken Sturm und den berühmten großen Fisch, der Jona verschluckt und nach drei Tagen bei Ninive wieder an Land ausspuckt. Jona hat die Botschaft Gottes verstanden und bleibt im Amt. Er nimmt sozusagen seinen Rücktritt vom Rücktritt. Als er dann in Ninive seinen Auftrag ausführt, kommt es ganz anders, als Jona das vermutet hatte. Obwohl er sich gar nicht bis zur Stadtmitte vortraut, kommt seine Botschaft an. Man hört auf ihn.
Jona ist ein guter Mann. Aber dazu gehören auch seine Schwächen, seine Ängste und Fehler. Wie bei uns allen. Von Jona lässt sich lernen, dass Beständigkeit im Amt und Schwäche einander nicht widersprechen. Sonst wäre ein Amt wirklich etwas Unmenschliches, etwas, das Menschen gar nicht übernehmen können. Nicht Vollkommenheit ist das Ziel, sondern die Fähigkeit, zu Fehlern zu stehen und daraus zu lernen.
Jona bleibt also im Amt. Und er bleibt er selbst. Gott weiß seinen Propheten so zu nehmen, wie er ist. Zurücktreten muss nur einer: der Gedanke, dass man im Amt perfekt sein muss

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In der Stadt Gordion zeigte man vor langer Zeit stolz einen Ochsenkarren. Der stand als Andenken an ein wichtiges Ereignis im örtlichen Tempel. Das Wichtigste an dem Ochsenkarren war jedoch ein Knoten. Dieser Knoten hat die Zugstange des Wagens und das Joch für die Ochsen miteinander verbunden. Das Besondere an diesem Knoten war: man bekam einfach keinen Anfang zu fassen. Keiner konnte ihn lösen. Dabei gab es die Prophezeiung: wer diesen Knoten löst, der wird ein großer Herrscher werden. Viele versuchten sich vergeblich an diesem Knoten, bis Alexander der Große vorbeikam. Der wollte herrschen, konnte sich nicht beherrschen und schlug den berühmten gordischen Knoten mit seinem Schwert einfach in Stücke.
Warum auch nicht. Manchmal muss man kurzen Prozess machen. Manchmal muss man „Basta" sagen, sich einfach durchsetzen und dann ist Ruhe. Alexander mit dem Schwert zeigt: Der Zweck heiligt die Mittel. Da sage noch einer, Gewalt sei keine Lösung.
Allerdings gibt es zur Geschichte noch eine zweite Variante, die geht ganz anders. Da betrachtet Alexander den Knoten in aller Ruhe und stellt dann fest, dass der Knoten in der Mitte von einem kleinen Pflock zusammen gehalten wird. In dieser Version der Geschichte überlegt Alexander ein Weilchen und zieht dann diesen Pflock einfach heraus; und der Knoten fällt auseinander.
Woran es wohl liegt, dass diese Fassung der Geschichte viel weniger bekannt ist als die mit Schwert? Kommt ein kräftiger Schnitt mit der Klinge besser an als eine unscheinbare Handbewegung? Ich finde die zweite Fassung jedenfalls viel sympathischer. Ohne Schwert, aber mit Fingerspitzengefühl löst Alexander das Rätsel. Die Bibel fordert uns immer wieder dazu auf, solche Lösungen zu suchen. Es geht um Alternativen dazu, groß und mächtig dastehen zu wollen. Statt auf dem Weg alles kurz und klein zu schlagen, lernt man sich selbst kennen. Alexander, der den Pflock aus dem Knoten zieht, beherzigt die Weisheit der Bibel. Dort heißt es: Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte gewinnt.

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Nach den schrecklichen Todesfällen bei der Love-Parade in Duisburg hat sich auch die ehemalige Nachrichtensprecherin Eva Herman zu Wort gemeldet. Sie meint, das Sterben im Tunnel sei eine Strafe Gottes gewesen.
Da stellt sich jemand hin und verurteilt andere Menschen. Und damit nicht genug: er bzw. sie tut es im Namen Gottes Nun kann man ja eine Lebensweise, die man nicht teilt, als weniger gut bezeichnen. Aber Gott dazu zu Hilfe nehmen - das macht daraus etwas ganz Anderes: wer meint, Gottes Zorn gilt denen, die nicht so sind wie ich, der macht aus Gott einen Hampelmann. Der meint zu wissen, wen Gott für gut und wen er für böse hält. Und ist nebenbei auch noch felsenfest davon überzeugt, selbst auf der richtigen Seite zu stehen.
Ich finde solche Äußerungen ärgerlich und unverantwortlich. Aber sie sind leider nicht  neu. Schon immer gibt es Leute, die meinen, die Opfer eines Unglücks seinen selbst Schuld und hätten es von Gott aus „verdient" zu sterben.
Zu Lebzeiten Jesu war das nicht anders. Damals gab es in Jerusalem ein schlimmes Unglück. Ein Turm stürzte ein. Achtzehn Menschen starben. Die Leute wollten wissen, wie Jesus darüber denkt: Haben diese achtzehn Menschen mehr gesündigt als die anderen, fragen sie ihn.
Jesus antwortet mit einem klaren und eindeutigen Nein! Ein Unglück ist keine Strafe für Menschen, die den moralischen Vorstellungen anderer nicht entsprechen. Jesus ist überzeugt: Wer angesichts des Todes Genugtuung statt Mitgefühl zeigt, der hat selbst den Weg des Todes eingeschlagen.
Jesus zeigt, dass es auch anders geht. Er tritt ein für die, die anders, unangenehm anders sind. Leben - das ist für ihn immer ein Geschenk; und deshalb ist es wichtig, alles zu tun und zu suchen, was dem Leben dient. Unser Leben - das Leben von jedem Menschen - ist zu kostbar, zu heilig. Wir Menschen sind viel zu beschränkt in unserem Urteil, um darüber entscheiden zu können, wer unter uns zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Deshalb erinnert uns Jesus an etwas, das wir jeden Morgen beobachten können: Gott lässt seine Sonne aufgehen über allen Menschen.

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Heute ist es wieder soweit: Da stehen die Erstklässler vor mir in der Kirche. Sie schauen mich mit großen Augen an und ich lege meine Hand auf ihren Kopf, segne sie und sage „Gott beschütze dich".
Denn das brauchen sie, die Erstklässler. In dieser Woche werden in Rheinland-Pfalz die neuen Erstklässer eingeschult. Gemeinsam mit ihren Familien marschieren sie zum ersten Mal ganz offiziell als Schüler in die Schule.
Das ist ein sehr aufregender Tag. Wie der Schritt in eine neue Welt. Die Schule ist wie ein unentdecktes Land, das vor den Kindern liegt und nur darauf wartet, von ihnen erforscht zu werden. Einschulung ist ein wichtiger Schritt zu mehr Eigenständigkeit.
Das sehen auch die Eltern so und sind stolz auf ihre Kinder. Aber vor ihrem inneren Auge sehen sie auch die Gefahren des Schulwegs, den Lernstoff der kommenden Jahre, den Streit auf dem Schulhof. Zu gern würden sie all das für ihre Kinder aus dem Weg räumen, aber natürlich geht das nicht. Die Eltern wissen: all diese Gefahren und Risiken gehören dazu. So manche Prüfung und schwierige Situation müssen die Kinder selbst bestehen, niemand kann ihnen das abnehmen.
Das soll Kindern und Erwachsenen keine Angst machen. Neue Situationen gehören zum Leben dazu. Gott hat das Leben so eingerichtet. Wir gehen immer wieder auf unterschiedlichen Wegen und können einander nicht ständig im Blick haben. Nur so können Menschenkinder groß werden.
Ein Segen kann die Kraft und Gelassenheit dazu geben. Deshalb werden heute und morgen überall im Land Einschulungsgottesdienste gefeiert. Bei uns kommen die Kinder dann nach vorne zum Altar, bekommen die Hand auf den Kopf gelegt und ein Kreuz geschenkt. Es ist aus Olivenholz und riecht auch noch gut. Dazu sage ich zu jedem einzelnen Kind: Gott beschütze dich!
Die Kinder sollen wissen und spüren: Gott ist da, wenn ich etwas Neues anfange. Der erste Schritt ist oft ziemlich schwer. Aber Gott geht ihn mit. Sein Segen begleitet auch uns heute, am Anfang dieser Arbeitswoche.
Übrigens: die Kinder sind stolz, wenn sie ihr Kreuz bekommen und gesegnet werden. Noch viele Jahre später erzählen sie davon und bewahren ihr Kreuz auf. Vielleicht ist das das Schönste am Segen: dass er mitwächst und mitgeht.

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Bei uns hat der Blitz eingeschlagen. Der hat im Kirchturm die Läutemaschine außer Gefecht gesetzt. Weshalb bei uns zur Zeit nur noch zwei statt drei Glocken läuten. Zuerst dachte ich: das wird auch schon gehen, schließlich sind unsere Glocken noch nicht einmal zehn Jahre alt und die ganze Zeit davor wurde ganz ohne Geläut Gottesdienst gefeiert.
Aber jetzt, nach dem ersten Gottesdienst ohne Glocke Nummer zwei, muss ich zugeben. Sie fehlt mir. Das hätte ich nicht gedacht. Und vielen anderen geht es genau so. Sie vermissen den Klang der Glocke.
Unsere Glocke Nummer zwei trägt den Namen Kantate. Und Kantate hat uns immer gut durch unser Leben begleitet. Mit ihren Nachbarinnen im Turm ist Kantate dabei, wenn Kinder getauft werden, wenn wir Konfirmation oder Hochzeit feiern oder uns von einem Menschen verabschieden müssen. Sie läutet zur Ehre Gottes und für die Menschen.
Wenn wir in der Kirche unten nach Worten für das Wunder eines neuen Lebens suchen, dann lässt Kantate von oben ihr zwei gestrichenes D ertönen.
Wenn wir versuchen, Konfirmanden etwas von unseren Erfahrungen mit dem Glauben an Jesus Christus auf den Weg geben, dann gibt sie den festen Rhythmus dazu.
Wir sind selig vor Glück, wenn zwei Menschen sich trauen und heiraten und Kantate lässt dazu einen fröhlichen Grundton erklingen.
Und wenn wir einen Menschen verloren haben, erinnert sie uns von oben daran, bei wem wir Trost finden können.
Dabei ist sie alles andere als monoton, denn außer dem Schlag- oder Nominalton schwingen noch ganz viele Ober- und Untertöne mit. Nicht umsonst sprechen die Fachleute von Glockenmusik. Glocken erinnern uns mit ihrem Klang: wir kennen die vielen Zwischentöne des Lebens und bringen sie zum Klingen, wie Gott das bei euch auch tut.
Kurzum: Kantate gehört einfach dazu und ihre Botschaft ist einfach: Ihr feiert, ihr seid fröhlich oder traurig, ihr seid nachdenklich - und Gott ist bei euch, er lässt euch nicht im Stich. Gott ist wie die Grundmelodie in eurem Leben, ein ständiger Begleiter in allen Hochs und Tiefs.
Das ist uns so richtig klar geworden, als bei uns der Blitz eingeschlagen hat. Auf diese Erkenntnis wollen wir nicht verzichten. Gleich morgen früh rufen wir den Glockenmonteur an, damit er sich um unsere Kantate kümmert.

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