Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

Was ist wichtig im Leben? In einer Gesprächsrunde haben wir uns darüber unterhalten. Eine Frau hat gesagt: Am meisten kommt es auf die Menschen an: dass sie sich gut verstehen. Dass sie miteinander lachen können. Dass sie sich gegenseitig unterstützen.

Ja, bestätigt eine andere: Die Menschen sind wichtig, viel wichtiger als das, was sie haben, was es zu essen gibt und wieviel sie für ihre Klamotten ausgeben. 

Ich gebe ihr Recht. Besonders beim Essen ist eine gute Atmosphäre wichtig. Da kann die Speisekarte noch so verlockend sein und der Koch noch so bekannt, wenn der Service nicht freundlich ist, dann nützt das alles nichts. Und zu Hause ist es ebenso: Was nützt mir ein tolles Essen, wenn die Nerven der Hausfrau blank liegen. Jeder am Tisch fühlt sich angespannt und hat Angst, etwas Falsches zu sagen. Essen macht dann Freude, wenn sich die Menschen am Tisch gut verstehen. 

Dies wurde schon vor vielen hundert Jahren genauso empfunden. In einem alten Weisheitsbuch der Bibel finde ich den Spruch: Besser ein Teller Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Hass.

Es ist nicht so wichtig, was ich auf dem Teller habe, was ich mir leisten und kaufen kann. Was Menschen durch ihre frohe Stimmung und eine angenehme Unterhaltung daraus machen, das macht das Essen schön.

Wenn ich mit interessanten Menschen zusammen bin und wir uns gut verstehen, dann gibt es viel zu erzählen. Da schmeckt ein frisches Brot, ein Stück Käse und ein guter Wein genauso gut oder besser als ein aufwendiges Essen, für das einer lang in der Küche stehen muss. Wo sich zwei aber nichts zu sagen haben außer Vorwürfen, da nützt auch ein Goldrand am Teller nichts.    

Deshalb komme ich immer wieder darauf: Die Menschen sind wichtig und dass sie sich gut verstehen. Es muss nicht immer etwas Besonderes oder Teures sein, wenn ich meine Freunde zum Essen einlade.  

Es stimmt schon: Lieber ein Teller Kraut mit Liebe oder Lachen als ein Ochsenbraten mit Streit. Wie aber wär es denn mit einem Ochsenbraten mit Liebe? Diese Variante finde ich auch nicht schlecht.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26248

Wohin schaue ich, wenn Gefahr droht? Worauf höre ich, wenn ich Angst habe? Starre ich auf die bedrohlichen Wellen oder auf das, was mir Mut macht? Davon hängt viel ab.

Ein gutes Beispiel dafür ist Petrus. Einer aus dem Freundeskreis um Jesus. Er war ein Fischer, kein langweiliger Typ, einer der etwas gewagt und den Mund aufgemacht hat. 

Die Bibel erzählt: Einmal war Petrus mit seinen Freunden auf dem See. Jesus ist nicht im Boot gewesen. Plötzlich ist ein Unwetter aufgezogen. Der Wind peitschte über den See, die Wellen schlugen ins Boot. Da ist ihnen Jesus auf dem See erschienen. Sie haben gedacht, das kann nicht sein. Aber Jesus hat sie angesprochen. Petrus will es genau wissen und bittet: Jesus, sag, dass ich zu dir kommen soll. Und da sagt Jesus wirklich zu Petrus: Komm her zu mir.

Ich frage mich: Wie kann man nur so etwas wagen. Wie soll das gehen. Aber Petrus hat sich ein Herz gefasst und ist aus dem Boot gestiegen. Er hat das Wasser betreten. Bisher hat es immer geklappt, wenn er den Worten Jesu vertraut hat. Und auch die Worte, die Jesus zu anderen gesagt hat, die haben gestimmt, die haben getragen.

Petrus geht also über das Wasser. Sein Blick ist auf Jesus gerichtet. Fast könnte man denken, dass zwischen den beiden ein unsichtbares Drahtseil gespannt ist. An dem geht Petrus auf Jesus zu. Aber dann, bei der nächsten großen Welle, hat Petrus die Angst gepackt. Sein Blick ist nicht mehr auf Jesus gerichtet, sondern auf das tobende Wasser. Petrus hat die Kontrolle verloren. Er hat gemerkt, dass er untergeht. 

Jesus hat Petrus seine Hand entgegen gestreckt. Da ist sie wieder, die Verbindung, die Zusage, der Halt. Hör auf mich, richte deinen Blick auf mich und vertraue mir. 

Auch ich habe schon erlebt: wenn ich auf das Rettende schaue, wenn ich den Worten vertraue, die Jesus sagt: ich bin bei dir, hab keine Angst – dann gehe ich nicht unter. Wenn ich die Hand ergreife, die Gott mir entgegenstreckt – oft durch andere Menschen – dann versinke ich nicht in der Angst. 

Vielleicht wird nicht alles gut. Die Krankheit ist nicht weg. Der Streit noch nicht beendet. Aber ich habe einen Haltepunkt. Ein Drahtseil, an dem ich durch hohe Welle gehen kann. Wenigstens so weit, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen habe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26247

Wenn alle in eine Schublade gesteckt werden, das gefällt mir nicht. Lehrer sind so, Handwerker sind so und Rentner so …und Lastwagenfahrer sind rücksichtslos. Besonders die aus Osteuropa, habe ich eine Frau klagen hören. Selbst wenn da etwas dran wäre. Ich finde diese allgemeinen Urteile trotzdem ungerecht. Nicht alle sind so.

Es gibt eine Geschichte in der Bibel. Sie erzählt: In einer Stadt herrschen Unrecht und Gewalt. Alle Einwohner scheinen verstrickt in Betrug und Lügen. Deshalb beschließt Gott, die ganze Stadt zu bestrafen. Da hat es einer gewagt und ist eingetreten für die Stadt. Es war Abraham (1.Mose 18), einer der Väter des Volkes Israel. Er bittet Gott: Verschone diese Stadt. Es hat nicht nur böse Menschen darin. Und dann fängt Abraham an, mit Gott zu handeln. Und Gott lässt sich darauf ein. Er verschont die Stadt, wenn 10 gefunden werden, die anders sind.  

Mir geht es nicht um eine ganze Stadt. Mir geht es um eine Gruppe von Menschen, über die ein Urteil gefällt wird. Aber nicht alle aus dieser Gruppe sind so. Faul oder rücksichtslos oder geizig. Um der wenigen willen, die anders sind, finde ich es unfair, alle in eine Schublade zu stecken und pauschalen Urteile zu verbreiten.   

Stichwort Brummifahrer. Neulich bin ich mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren. Der Radweg kreuzt die Einfahrt auf die Autobahn. Ich habe zeitig über meine linke Schulter zurückgeschaut. Da habe ich gesehen, dass ein überlanger Brummi sich auf der Einfädelspur nähert. Automatisch habe ich mich darauf eingestellt, dass ich abbremsen muss. Doch schon hat der Fahrer seinen Riesenlaster abgebremst. So konnte ich mit Schwung meine Fahrt fortsetzen. Ich habe mich bedankt und gewinkt. Der Fahrer hat zurückgewinkt. Und gerade noch habe ich sehen können, dass da ‚Ro‘ auf dem Nummernschild steht für Rumänien.
Schon einer genügt, um zu zeigen, dass nicht alle so sind.   

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26246

Die Bibel ist ein Wir-Buch. Sie macht von Anfang an klar, dass der Mensch kein Einzelgänger ist. Sie sagt: es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Er ist geschaffen, mit anderen und für andere zu leben.

Diese anderen sind Menschen, Männer und Frauen, Kinder. Aber nicht nur. Zu diesem Wir gehören auch die Mitgeschöpfe, die Pflanzen und die Tiere. Heute lernen wir wieder, Erde, Wasser und Luft als eine große Schöpfungsfamilie zu sehen. Da geht es jedem dann gut, wenn es dem anderen auch gut geht. Wie in einem Mobile hängen wir alle zusammen.

Die Bibel ist ein Wir-Buch. Das zeigt nicht nur die Schöpfungsgeschichte. Auch in den Schriften der Propheten finden wir dies: Witwen und Waisen haben zu ihrer Zeit am unteren Rand der Gesellschaft gelebt. Alle hatten die Pflicht für sie zu sorgen. Also von wegen: die gehen uns nichts an oder selber Schuld oder wer arbeiten will, der bekommt Arbeit. Die Propheten haben Fürsorge und sozialen Ausgleich im Namen Gottes eingefordert.

Auch im Neuen Testament, das sich auf Jesus Christus bezieht, bleibt die Bibel ganz in dieser Spur. Der Einzelne ist wichtig bei Gott. Ich finde es rührend, dass er jeden mit Namen kennt und sich persönlich kümmert. Aber genauso gilt, dass Gott mit Jesus Großes vorhat. Nicht nur den einzelnen, sondern die ganze Welt will er heilen und befreien. Gott will, dass sie ein Lebensraum ist und bleibt, für alles was lebt. 

Gut 20 Jahre nachdem Jesus gestorben war, schreibt Paulus, der Apostel: Einer soll dem anderen helfen, auszuhalten, was schwer ist. Und er mahnt:  Wenn ihr mehr habt als ihr braucht, soll das dazu dienen, den Mangel auszugleichen, den die andern gerade erleiden.

Wir. Zusammen. Gemeinsam. Füreinander. Gegenseitig. So spricht die Bibel davon, wie wir Menschen miteinander leben sollen. Als Gottes Geschöpfe und Kinder. Ich finde: Wir brauchen solche Worte und die entsprechenden Taten heute ganz dringend. Denn nur wenn es jedem gut geht, können wir in der Einen Welt in Frieden leben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26245

Menschen brauchen Vorbilder. Nicht um diese zu kopieren, sondern als Beispiele.
So ein Vorbild ist für mich Dietrich Bonhoeffer. Heute sind es 73 Jahre, dass er im Gefängnis Tegel in Berlin ermordet worden ist.

Dietrich Bonhoeffer war Pfarrer. Zusammen mit anderen Männern und Frauen hat er Widerstand geleistet gegen das unmenschliche System des Dritten Reiches. 

Warum hat er das getan? Er konnte nicht tatenlos zusehen, wie Gottes Wort missachtet wurde. Damals wurden jüdische Bürgerinnen und Bürger ausgegrenzt und verfolgt. Der Staat hat das angeordnet. Und die Kirche hat dazu geschwiegen. Kauft nicht bei Juden stand dann an jüdischen Geschäften geschrieben. So wurde die Bevölkerung aufgefordert, das Recht jüdischer Bürger mit Füßen zu treten. Für Bonhoeffer war klar, da dürfen Christen nicht mitmachen.   

Wir dürfen uns Dietrich Bonhoeffer aber nicht als einsamen Helden vorstellen. Er ist in einer großen Familie mit fünf Geschwistern aufgewachsen und hatte viele Freunde. Er liebte gutes Essen und er reiste gerne.

Eine zärtliche Liebe hat ihn mit seiner Freundin und Braut Maria von Wedemeyer verbunden. Sie war 12 Jahre jünger als er. Als Dietrich 1943 – 1945 im Gefängnis war, haben sie sich Briefe geschrieben. Es berührt mich, wenn ich lese, was sie ihm ins Gefängnis geschrieben hat: ich habe einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwa in der Größe deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl stehen da. Wenn ich dasitze, glaube ich schon beinahe, ich wäre bei dir.

Aber weder die Liebe zu seiner Freundin noch die schönen Seiten des Lebens konnten Bonhoeffer abhalten, einzutreten für Gerechtigkeit. Er hat auf sein Gewissen gehört und hat Widerstand geleistet gegen die Gewaltherrschaft des Dritten Reiches. Es hat für ihn keine andere Wahl gegeben. Er musste Gottes Wort gehorchen mehr als denen, die an der Macht waren.  

Dieses mutige Beispiel darf nicht vergessen werden. Es weckt auf. Es ruft nach dem Mut, der heute nötig ist, einzutreten für ein friedliches Zusammenleben mit allen Menschen in unserem Land.   

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26244