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SWR4 Abendgedanken

Ein Donnerschlag! Oder ein Flugzeugstart! Das waren für mich bisher immer sehr laute Geräusche. Zurzeit ist es das Abendessen bei uns zuhause. Wenn zwei Kinder gleichzeitig erzählen und jeder zuerst gehört werden will.
Zur Zeit der Bibel waren Posaunen das lauteste Geräusch, das die Menschen kannten.
Das war damals sicher noch ein ganz anderes Instrument als heute. Vor allem laut! Die Posaune klingt in der Bibel immer dann, wenn es besonders laut sein sollte. Oder sich was bahnbrechend Neues ankündigt. Ich stelle mir vor, wie eine Fanfare, wie man sie aus Ritterfilmen kennt.
Die Bibel erzählt zum Beispiel, wie Gott ein ganzes Volk aus der Sklaverei geführt hat. In die Freiheit. Und auf dieser Wanderung kommen sie an einen Berg. Mose, der Anführer, soll oben auf dem Berg Gott begegnen. Dort soll er erfahren, wie das Leben in der Freiheit gut werden kann. Es heißt, dass Gott selbst auf diesen Berg gekommen ist. Und das Zeichen dafür war? Der laute Klang einer Posaune, so dass die Menschen richtig erschrocken sind.[1]
So ist den Menschen klar geworden: Hier fängt was Neues an. Sie sind keine Sklaven mehr. Sie sind jetzt freie Menschen und können ihr Leben neu gestalten.
Daran erinnern mich die Posaunenchöre, die es in vielen Kirchengemeinden gibt. Sie spielen oft bei großen Festen und Feiertagen als wollten sie sagen: Hört, Gott kommt auf die Erde. Oder: hört Gott schenkt neues Leben. Ich habe früher selber auch Trompete gespielt. Und ich fand das immer toll bei solchen Festen zu spielen. Bei Konfirmationen, weil etwas Neues beginnt: ein Lebensweg mit Gott, für den sich junge Menschen selber entschieden haben. Bei Hochzeiten und Jubiläen. Und es gibt natürlich auch den anderen Posaunenklang. Auf den Friedhöfen zum Beispiel: Auch hier beginnt etwas Neues.
Aber egal für welchen Anlass die Posaunen im Zusammenhang mit Gottes Wort erklingen, eines ist sicher. Gott ist uns dann ganz nahe.
Und, wenn wir auch einfach nur auf die schöne Musik hören. Denn das kann die Posaune natürlich auch. Einfach schöne Musik machen.


[1] 2. Mose 19,16.

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Manchmal ist der Himmel ganz nah. Für meine Tochter zum Beispiel, wenn wir Pferdchen spielen. Dann sitzt sie auf meinen Schultern, reckt die Hände hoch und ruft: Papa, meine Hände gehen bis zum Himmel. So einfach ist das für Kinder. Aber ich kenne das auch:  Es gibt Momente in meinem Leben, da habe ich das Gefühl, dass ich dem Himmel ganz nahe bin. Da ist ein Stück Himmel in meinem Alltag zu spüren. Das kann ganz viel sein. Das Lachen meiner Kinder, Das Essen mit meiner Frau. Oder auch einfach das Blühen der Blumen an einem schöner Sonnentag.
Und ich glaube, genau das hat Jesus seinen Freunden immer wieder erklärt: Ihr müsst nicht erst auf den Himmel warten. Das könnt ihr auch jetzt und hier schon haben: Ein Stück Himmel auf Erden.
In einem Lied heißt es: Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen, und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.[1]
Ich glaube, da steckt alles drin, was Jesus gemeint hat. Den Himmel könnten wir jetzt schon hier auf der Erde haben. Wenn – ja, wenn wir uns selbst vergessen. Und unsere ausgetretenen Wege verlassen.
Sich selbst zu vergessen, ist nun nicht so einfach, glaube ich. Aber mich selber nicht so wichtig nehmen. Das könnte schon ein Anfang sein. Ich glaube wirklich, dass es viele Konflikt, nicht gäbe, wenn sich manche Menschen nicht so wichtig nehmen würden. Das fängt im ganz Kleinen an. Neulich habe ich einen Streit auf dem Parkplatz mitbekommen. Es ging um einen Parkplatz, der zehn Meter näher an der Eingangstüre war, als der nächste Freie. Keiner der Streithähne saß im Rollstuhl. Und es wären sicher beide in der Lage gewesen die zehn Meter mehr zu laufen. Aber nein. Sie haben sich gestritten und beschimpft. Wenn da auch nur einer der beiden sich selbst nicht so wichtig genommen hätte, dann hätte es diesen Streit nie gegeben. Und genau das kann man auch aufs Große übertragen. Wenn man sich selber nicht so wichtig nimmt, dann kann man vielleicht den gewohnten Weg mal verlassen und eben einen neuen Weg gehen. Dann berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.


[1] Text: Thomas Laubach, Melodie: Christoph Lehmann.

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Ja – das geschieht dem Recht. Wenigstens ein Mal hat die Gerechtigkeit gesiegt. Na ist doch wahr.
Das hab ich neulich im Auto gedacht – ich glaube ich habe es sogar laut vor mich hin geschimpft.
Ich war auf dem Weg in die Schule und ich war brav mit meinen 70 unterwegs. Kurz vor dem Ortsschild überholt mich noch einer mit einem Affentempo. Dazu noch ziemlich riskant.
500 m weiter zeigt mir dann ein orangefarbener Blitz:  Es gibt noch so was wie Gerechtigkeit auf dieser Welt. Den Raser hats erwischt. Hoffentlich wird’s ordentlich teuer…
Ich glaube ich habe mich wirklich wegen der Gerechtigkeit gefreut. Denn oft genug siegt sie eben nicht, die Gerechtigkeit. Im Gegenteil. So ist die Welt. Leider.
Im Großen ist das häufig auch so. Es ist doch nicht gerecht, dass es Menschen gibt, die buchstäblich alles haben. Und andere Menschen verlieren alles auf der Flucht und müssen um ihr Leben fürchten. Es ist auch nicht gerecht, dass manche hart arbeiten und ein Vielfaches von dem verdienen, was andere kriegen, die genauso viel arbeiten. Ungerechtigkeiten gab es schon immer.
Deshalb hat Jesus auch Geschichten erzählt, wo es um Gerechtigkeit geht. Einmal erzählt er, dass ein Mann jede Menge zu tun hat. Deshalb stellt er Tagelöhner ein. Das macht er ein paar Mal an diesem Tag. Sogar kurz vor Feierabend stellt er nochmal welche ein. Und am Ende bekommen alle denselben Lohn. Die, die schon den ganzen Tag arbeiten und die, die nur noch eine Stunde gearbeitet haben, bekommen genau dasselbe.[1]
Ja: das ist auch ungerecht. Aber um das ging es Jesus nicht, glaube ich. Ich meine, er wollte zeigen, wie man mit Ungerechtigkeit umgehen kann. Immerhin haben doch alle bekommen, was sie zum Leben brauchen.
Mir hilft diese Geschichte bei mir zu bleiben. Zumindest manchmal. Habe ich nicht alles, was ich zum Leben brauche – und noch viel mehr? Kann ich da nicht den anderen gönnen, dass sie auch haben, was sie brauchen? Den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf und Sicherheit. Den Arbeitern ihren Mindestlohn.
Das ist dann vielleicht immer noch nicht gerecht. Aber wenigstens können alle leben.


[1] Matthäus 20,1-20.

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Ich habe ihn immer dabei – meinen Schirm. Ja wirklich.
Nein ich bin kein Wetter-Pessimist und ich brauche auch noch keinen Stock. Ich spreche auch gar nicht von einem Regenschirm. Ich denke daran, dass es von Gott in einem Gebet in der Bibel heißt: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“[1]
Genau diesen Schirm habe ich immer dabei.
Und das Beste ist: Das ist nicht so ein kleiner Taschenschirm, der eigentlich nur den Kopf trocken hält. Das ist ein XXL-Familienschirm mit jeder Menge Platz drunter. Für die Großwetterlagen des Lebens. Unter dem Schirm kann man weitergehen, auch wenn es in Strömen regnet. Es gibt ja nicht nur Sonnentage im Leben. Aber mit Schirm braucht man eben nicht stehen zu bleiben und warten, bis das Wetter sich ändert. Und auch wenn die Sonne zu heftig scheint, gibt ein Schirm mir Schatten. Dass mein Kopf nicht zu heißt wird und ich mir am Ende die Nase verbrenne.
Ich finde: So ist das mit Gott als Schirm.
Wie ich das meine?
Ich weiß, dass Gott immer für mich da ist. Wenn es mir nicht so gut geht genauso, wie wenn ich total fröhlich und zufrieden bin. Als Regen oder Sonnenschirm schützt er mich täglich. Das gibt mir Sicherheit. Dieser Schirm ist so etwas wie eine Burg.  Ich verstehe gut, wie der Mensch das meint, der diesen Regenschirm-Psalm gebetet hat. Hier kann ich mich mal ausruhen. Nachdenken und Kraft tanken, um weiterzumachen. Denn: nur weil ich einen Schirm habe, gibt es ja jetzt nicht keinen Regen mehr. Also sind ja nicht alle meine Probleme einfach weg. Aber ich kann dann vielleicht besser mit ihnen umgehen.
Und  weil ich diesen Schutzraum habe, kann ich selbstsicher und vielleicht ein bisschen aufmerksamer durch mein Leben gehen.
Ich kann meinen Schirm  auch jederzeit mit anderen teilen. Mit den Menschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. Aber auch mit den Menschen, denen ich zufällig begegne. Ich kann ihnen zuhören. Für sie da sein, mittragen, mitfeiern oder gemeinsam Ruhe und Schatten suchen. Davon erzählen, wie es ist so einen Schirm zu haben. Der Schirm jedenfalls ist groß genug. Gott eben. Und ich bin froh, dass ich ihn immer mit dabei habe.


[1] Psalm 91,1.

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Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln …[1] Das ist wahrscheinlich eines der bekanntesten Gebete, die es gibt. Und auch ein sehr altes. Es findet sich in den Psalmen der Bibel.
Und es ist ein sehr idyllisches Bild. Zumindest stelle ich mir das so vor, wenn ich heute an eine Schafherde denke. An die grünen Wiesen und das kristallklare Plätschern eines Baches. Und dann eben der Hirte, der mit seinem Stab herumläuft und nach dem Rechten sieht.
Das hat zur Zeit der Bibel sicher nochmal ganz anders ausgesehen. Und mein idyllisches Hirtenbild ist auch ein bisschen in Verruf geraten. Leider. Ich bin doch schließlich kein Schaf! Und belämmert schon gar nicht. Ich will mein Leben doch selber in die Hand nehmen. Und mir nicht von irgendjemand eine Richtung vorgeben lassen.
Aber was, wenn ich dieses Hirtenbild mal anders denke. Dass jeder für jeden ein guter Hirte sein kann.
Als Vater oder Lehrerin. Als Oma oder Kollege. Als Bruder und Schwester. Ein Hirte der die Richtung weist, wenn der andere sich verirrt hat. Ein Hirte der die Ängste vertreibt. Oder der verbindet, was verletzt wurde. Ein Hirte, der für mich das lebenswichtige Wasser findet. Wenn sich jeder in dieser Verantwortung seinem Mitmenschen gegenüber sieht, dann bin ich auch gerne einmal Schaf. Vertraue dem anderen und verlasse mich auf ihn. Überlasse mal jemand anderem die Führung, bevor ich selber wieder den Stab in die Hand nehme. Denn darum geht es für mich in diesem Gebet. Schlicht und einfach um das Vertrauen.
Für mich ist  die Kirche  so ein Ort, wo jeder Verantwortung für seinen Nächsten übernimmt. Wenn ich da z.B. an die Besuchsdienste denke. Wo Menschen ehrenamtlich ältere oder einsame Menschen besuchen gehen. Oder auch viele sich für eine bestimmte Sache engagieren.
Mag sein, dass ich den Kirchentag noch in mir trage – der war gestern in Stuttgart zu Ende. Da konnte man sehen, wie Menschen an vielen Stellen füreinander da sind. Was da alles möglich ist, wenn das funktioniert.
Und dabei ist es gar nicht so wichtig, wer den Stecken in der Hand hat. Denn letztlich ist der Herr mein Hirte.


[1] Psalm 23,1.

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