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SWR4 Abendgedanken

 Es ist schon spät und bald wird es dunkel. Und wenn es draußen dunkel wird, schaue ich manchmal innerlich den vergangenen Tag nochmals im Rückblick an. So wie heute. Und ich merke, das, was ich denke, es ist eigentlich wie ein Gebet. Ein Gebet zur Nacht. Vielleicht tun Ihnen diese Gedanken jetzt auch gut:  

„Guter Gott
nachts habe ich das Gefühl, dass du mir besonders nahe bist.
Wenn es dunkel um mich herum ist, höre ich intensiver und sehe viel tiefer.
Ich spüre dem nach, was sich den ganzen Tag über in mir angesammelt hat. Manchmal sind es viele Erlebnissen, die mir nachgehen. Manchmal nur eine kurze Begegnung.
Manches wirkt noch lange nach. Wie heute der freundliche Blick eines lieben Menschen. Oder die zarte Berührung so nebenbei. Oder das Dankeschön von einer Freundin. Dafür bin ich dankbar.
Und manches macht die dunkle Nacht um mich herum noch viel dunkler.
Es macht mir Angst, dass mein Leben begrenzt ist. Dass es Krankheiten und Tod gibt und so viel Elend und Sorgen auf der Welt. Dass kann ich oft nicht verstehen, wozu das viele mühen und Lasten tragen gut sein soll. Kannst du mir da eine Antwort geben? Ich ahne schon, du willst es mir überlassen.

Und ich weiß, dass es Antworten gibt, die du mir schon längst in mein Herz gelegt hast. Es sind Antworten, die mir Mut machen und mich trösten. Ob ich sie diese Nacht wieder unter meiner Decke spüren kann? Lieber decke ich mich jetzt gut zu mit guten Erinnerungen. Vielleicht schenkst du mir sogar wieder schöne Träume im Schlaf.

Ach, wie gut ist es zu wissen, dass du mich mit deinen liebenden Händen zudeckst und mir meine Sorgen wie meine Kleider abstreifst und zur Seite legst. 

Ich weiß, dass du meinen Schlaf behütest und meine Sorgen wandeln kannst, so dass sie mir heute Nacht nichts anhaben können. Ich kann mich nun hinlegen, mich fallen lassen und mich geborgen und aufgehoben wissen bei dir. Denn du bist bei mir.

Das macht es mir leichter, manche Sorgen unvollendet beiseite zu legen, denn sie sind aufgehoben bei dir. Heute Abend finde ich sowieso keine Lösung mehr. Vielleicht morgen. Und morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus. Ich freue mich schon auf den neuen Tag morgen und bin gespannt, was er bringen wird.

Ich wünsche Ihnen heute eine Gute Nacht. Schlafen Sie gut.“ 

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Es hat mich berührt, als im Radio die Nachricht kam: Udo Jürgens ist tot. Ich hab ihn als Sänger sehr „gemocht“. Nicht nur weil er auch aus Kärnten kommt, so wie ich.

Seine Lieder mag ich gerne. Sie machen mir Mut, sie strotzen nur so von Lebenskraft. Im vergangenen Jahr hat Udo Jürgens zu seinem 80sten Geburtstag seinen letzten Song geschrieben. Dieser Song heißt: „Mitten im Leben“. Er selbst hat in einem Interview bei der Veröffentlichung des Musiktitels gesagt: „Ja, ich weiß, der Titel klingt ein bisschen widersprüchlich. Mitten im Leben und ich steh nun schon am Ende meines Lebens. Aber ich weiß nicht, wann mein Leben vorbei sein wird. Deshalb will ich bis zum Schluss alles geben – mit voller Kraft.“

Und genau so singt er dieses Lied auch. Es heißt da zum Beispiel: „Du bist Optimist, auch wenn alles zerbricht, verlierst du die Hoffnung nicht.“

Das klingt für mich wie eine Lebensweisheit, die Udo Jürgens noch gerne weitergeben wollte: Verlier die Hoffnung nicht.

Bei so einem Lied merke ich wieder, wie gut Musik tun kann. Wie oft höre ich ein Lied und es trifft mich mitten in meinem Leben. Und oft ist es nur ein Satz oder ein Wort, die mich stark berühren tief drinnen, wo es mir genauso geht wie in dem Lied. Und irgendwie hilft mir das dann auch weiter.
Die Lieder von Udo Jürgens mag ich deshalb auch so gerne, weil sie für mich echt und authentisch sind. Er hat immer auch ein Stück von sich und seinem Leben erzählt. Er hat etwas von sich hergegeben und damit auch anderen etwas geschenkt.
Die Bühne, das war sein Leben, das hat er immer wieder betont. Berührt hat mich auch, als er in seiner Biografie schreibt, wie er mit dem Tod seiner Mutter umgegangen ist. Er wusste, dass sie bald sterben wird. Da hat er sie zu sich in die Schweiz eingeladen und mit ihr ein letztes schönes Wochenende verbracht. „Wir beide wussten, dass es das letzte Mal sein wird. Es war trotzdem schön. Ich habe meine Mutter in ein Hotel eingeladen, ich habe sie richtig verwöhnt, wir haben Sekt getrunken und waren einfach zusammen, nur wir beide. Sie hat sich so darüber gefreut. Das werde ich nie vergessen.“ Es imponiert mir, wie er als Mensch mit dem Tod umgegangen ist. Dass er nicht traurig war, dass seine Mutter sterben wird, sondern dass er mit ihr noch bewusst gelebt hat. Udo Jürgens sagte in einem Interview mal von sich, dass er nicht religiös ist, aber ich glaube, er hat viel vom Leben verstanden.

Er schreibt in seinem letzten Lied: „Du spürst, wie deine Stärke wächst, wenn du vertraust. Auch wenn jeder sagt, dass es ausweglos ist, stehst du auf, gerade dann“. Diesen Satz mag ich besonders: Aufstehen fürs Leben. Der Tod von Udo Jürgens hat mich nachdenklich gemacht. Seine Lieder bleiben. Und sie haben eine Botschaft für mich: Das Leben anzupacken – mit voller Kraft. Danke, Udo Jürgens. 

 

 

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Ich mache jetzt Yoga. Manche schauen dann etwas skeptisch, wenn ich das erzähle. Und fragen erstaunt: Yoga? Hast du deine Religion gewechselt?

Ich sage dann gerne: Ich bete nun - mit meinem Körper. Und das ist mehr als nur körperliche Gymnastik. Yoga ist für mich ganzheitliches Beten mit Leib und Seele. Und ich gebe zu: Das tut meinem Körper und meiner Seele gut.

Zum Beispiel, wenn ich das Vater-unser- Gebet Zeile für Zeile als Yogaübung mache. Dann ist das für mich eine neue Weise zu beten. Und das geht zum Beispiel so: Beim „Vater unser im Himmel“ - strecke ich mich weit nach oben, meine Hände sind leicht gefaltet, aber geöffnet und zeigen in den Himmel.

Ich finde es schön, mich ganz in Richtung Himmel zu strecken. Beim Ein- und Ausatmen spüre ich, wie weit der Himmel sein kann. Wenn der Atem dann  durch meinen Körper fließt, spüre ich auch die Weite meines Körpers. Beim „Geheiligt werde dein Name“ gehe ich kopfüber nach unten, die Hände lasse ich locker fallen. Wenn es geht, berühre ich mit den Händen sogar den Boden oder meine Zehenspitzen.

Ich finde es entspannend, meinen Körper so vornüber sinken zu lassen und mich ganz fallen zu lassen. Auch innerlich entspannt mich das sehr. Ich werde ruhiger, mein Atem wird langsamer. Die Last des Tages werfe ich so hinter mich und lege sie Gott in die Hand.

Ich gebe zu, diese körperlichen Übungen hören sich leichter an, als sie sind. Aber ich übe jeden Tag abends und jedes Mal geht es ein wenig leichter.

Ich strecke mich, ich dehne mich und spüre das Gebet in jeder Faser meines Körpers. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, tut es mir gut. Ich fühle mich nach den Übungen erfrischt an Leib und Seele.

Ich spüre, dass mein Körper mich zum Beten einlädt. Wenn ich mich körperlich verhärte und verkrampfe, werde ich steif nicht nur im Nacken oder am Rücken, ich werde auch eng in meinen Gedanken. Ich verschließe mich, ich mache zu. Wenn ich mich lockere, werde ich lebendiger und beweglicher. Ich werde weiter und offen. Das tut mir gut und ich spüre, das tut auch meinem Glauben gut. Ich sehe manchmal tiefer und meine Hoffnung wird weiter. Und was ich noch schön an den Yogaübungen finde: Ich übe neue Gebetshaltungen ein. Und diese Haltungen zeigen mir auch neue Haltungen in meinem Denken und Glauben auf. Ich spüre intensiver, dass ich mich fallen lassen kann, dass ich vertrauen kann und dass ich mich ganz öffnen kann.

Passen Yoga und christlicher Glaube zusammen? Ja, für mich, sehr gut sogar. Yoga hilft mir, meinen Glauben neu zu entdecken.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19190

Jetzt ist es fertig: Und es hängt bei mir im Büro an der Wand. Mein neues selbstgemaltes Bild. Es ist gelb, rot und weiß.

Davor war das Bild mal ganz weiß und danach war es dann zitronengelb.

Ja, meine Bilder verändern sich, werden übermalt und schauen dann wieder ganz anders aus. Die Bilder leben mit mir mit, würde ich sagen. An dem Bild in meinem Büro male ich schon fast 2 Jahre. Deshalb ist es mir besonders ans Herz gewachsen. Meine Kolleginnen schmunzeln immer schon, wenn sie mich mit dem Bild aus dem Büro und ein paar Tage später damit wieder rein laufen sehen: „Na, bist du noch immer nicht zufrieden mit deinem Bild?“ Ja, sie haben Recht.

Ich war nicht zufrieden. Und wollte immer wieder etwas daran verändern.

Ich spüre dann so eine Unruhe in mir, schaue das Bild und denke mir, da fehlt doch noch etwas. Eine andere Farbe, eine neue Nuance. Ein wenig mehr Kontur. Ein bisschen mehr Pepp. Ich weiß, dieses und auch meine anderen Bilder haben mit meinem Leben zu tun. Sie erzählen meine Geschichte. Und daher braucht so ein Bild, bis es fertig ist auch seine Zeit. Farbschicht für Farbschicht pinsle ich aufeinander. Aber: Nichts wird ganz übermalt, das alte Bild scheint immer ein wenig durch das neue hindurch. Ich will die alten Farben nicht ganz übermalen. Sie sollen auch dazu gehören. Ja, sie bauen aufeinander auf. 

Für mich ist Malen fast wie ein Gebet. Ein Schöpfungsprozess. Ich bin dabei ganz still und höre auf mein Inneres. Ich würde sogar sagen, ich male nicht, es malt ein bisschen aus mir heraus. Ich bin dann ganz tief verbunden mit meinen Gefühlen. Und ja, vielleicht ist das Malen fast schon so was wie ein Gebet für mich. Manchmal ein Danke sagen und manchmal eine Bitte. Ich drücke auf diese Weise auch Stimmungen aus, decke ein Stück meines Lebens auf und bringe es auf die Leinwand. 

Ach ja, das Bild, das jetzt in meinem Büro hängt, es ist jetzt endlich fertig. So wie es ist, gefällt es mir. Für mich sieht es aus wie ein bunter Wald. Andere haben gesagt, es scheint wie eine sprudelnde Quelle zu sein. Jemand hat sogar gemeint, es sieht aus wie der Himmel in gelb, rot und weiß. Egal, wie es aussieht. Ich finde es schön. Jetzt will ich es nicht mehr übermalen. Zumindest nicht in nächster Zeit. 

 

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Dieses Jahr wäre meine Oma 100 geworden. Sie ist mit 89 Jahren verstorben. Zu Hause im Kreis der Familie. Und im Kreis der Familie wollen wir auch ihren 100. Geburtstag als Erinnerungstag an sie feiern.

Wir wollen uns treffen und Oma feiern, so als ob sie mittendrin und bei uns dabei wäre. Vielleicht werden wir Fotos anschauen, ihren Lieblingskuchen backen und Geschichten über sie austauschen. Wir wollen Oma hochleben lassen, und auf diese Weise Danke sagen, dass sie bei uns war. Oma fehlt mir.

Ja, sie fehlt mir schon. Besonders dann, wenn es etwas zu feiern gibt in der Familie. Bei meiner Hochzeit zum Beispiel habe ich sie sehr vermisst, bei der Taufe unseres Neffen auch, in der Zwischenzeit hätte sie sogar schon einen Urenkel.

Aber sie fehlt mir auch, wenn ich traurig bin und sie zum Reden brauche. Dann stelle ich mir vor, wie sie vor mir steht, mit ihren geflochtenen langen Haaren und ihrer freundlich wippenden Brille auf der Nase. Bestimmt sagt sie dann: „Es wird schon wieder alles gut. Bete nur.“ Das hat sie meistens gesagt wenn ich sie traurig angeschaut habe. Sie hat fest an das Gute geglaubt. In jedem Menschen. Besonders ihr Gott-Vertrauen war stark. Dazu fällt mir die Geschichte mit dem Baum ein. Ich bin als Kind immer mit meiner Oma zum Milchholen gegangen. Damals war das ein weiter Weg zu Fuß  - zweimal in der Woche zum benachbarten Bauernhof. Auf dem Weg dorthin mussten wir einen steilen Anstieg nach oben nehmen Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie wir immer geschnauft haben. Ganz oben auf der Höhe stand ein Baum. Ich glaube, es war ein Apfelbaum. Und an diesem Baum haben wir jedes Mal eine Pause gemacht. „Wir rasten jetzt hier“, hat Oma gesagt. „Nur ein paar Minuten“. Ich fand es nicht immer so toll, ich wollte ja bald weiter und schnell wieder heim. Aber es war nichts zu machen. Oma bestand auf dieser Pause. Sie hat sich an den Baum angelehnt, einmal kräftig durchgeatmet und zufrieden um sich geschaut. Nach zehn Minuten sagte sie dann immer: „In Gottes Namen - gehen wir weiter“. Da war es wieder, ihr starkes Gottvertrauen.

Heute denke ich gerne an diese Pausenzeit mit Oma. Ja, es war eine richtig schöne Zeit mit ihr. Den Apfelbaum gibt es schon lange nicht mehr. Aber ich kann mich noch gut an seinen festen Stamm und seine weiten Äste erinnern. Ein Baum, zum Anlehnen und Ausruhen. Wie meine Oma. Es fallen mir noch viele schöne Momente mit meiner Oma ein. Und all diese Erinnerungen begleiten mich auf meinem Lebensweg. Sie machen mein Leben reich. Ich bin dankbar, so eine Oma gehabt zu haben. Und ich bin gespannt, welche Geschichten uns noch einfallen werden an ihrem 100. Geburtstag. 

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