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SWR4 Abendgedanken

Die Christen geben ihren Gedenktagen manchmal kuriose Namen. So steht heute im Kalender der Kirchen der Gedenktag der „Enthauptung Johannes des Täufers“. Makaber und gruselig sind die Bilder, auf denen Künstler darzustellen versuchen, wie der Frau von König Herodes und deren Tochter der Kopf des Täufers auf einer Schale präsentiert wird. Johannes musste sterben, weil er unmissverständlich und auf die Gebote Gottes hingewiesen hatte. Eine königliche Familie zurechtzuweisen, das braucht gehörig Mut. Johannes ist das Einstehen für seine Überzeugungen wichtiger als mögliche Nachteile für sich selber. Mutig dieser Mensch. Mir kommt dabei heute das Wort „Zivilcourage“ in den Sinn. Johannes der Täufer hatte Zivilcourage. Er wurde dafür enthauptet. Zivilcouragiertes Handeln trägt immer Risiken in sich. Man kann nie wissen, wie sich eine kritische Situation entwickelt, wenn ich meine Meinung mit Überzeugung vertrete oder sogar aktiv eingreife. Manchmal verlässt mich hier schon der Mut. Gewalt im öffentlichen oder privaten Raum, Mobbing an Schulen und am Arbeitsplatz. All das gibt es leider genug. So gibt es genügend Gelegenheiten, die unsere Zivilcourage erfordern. Unseren Mut. Wenn ich mit offenen und kritischen Augen lebe, sehe ich, was zu tun ist. Dann sehe ich hoffentlich nicht weg, wenn in meinem Umfeld Menschen gemobbt werden oder ihnen Unrecht geschieht und Gewalt angetan wird. Ich wünsche mir dann den Mut, mich einzumischen. Zivilcourage zu zeigen, wenn Menschen gedemütigt, bedroht oder angegriffen werden. Nicht schweigen und wegschauen. Johannes der Täufer hätte es leichter haben können, wenn er seinen Mund gehalten hätte. Sein Leben wäre ihm wohl erhalten geblieben. Doch er hatte die Kraft das Unrecht beim Namen zu nennen. Ein kurioser Gedenktag, aber eine wichtige Botschaft.

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„Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem Liebe“. Ein Wort, das dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben wird. Der Kalender erinnert heute an diesen Menschen, der um 400 nach Christus lebte. Er war in seinen letzten Lebensjahren bis zu seinem Tod Bischof von Hippo in Nordafrika. Im heutigen Algerien. Als großer Denker des christlichen Altertums hat er die Theologie und Philosophie der nachfolgenden Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag entscheidend beeinflusst. „Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem Liebe“. Ein Wort, das zum Leitbild meiner Kirche gehört und auch mir persönlich viel bedeutet. Es spricht mich an, weil es für eine offene und weite Kirche steht. Für ein offenes Christentum. Augustinus lebte nah am Ursprung des Christentums. Die Welt war noch klein. Vieles war noch unentdeckt und unerforscht. Viele Regionen der Erde waren den ersten Christen noch fremd. Die großen Spaltungen der Kirchen standen noch aus. Heute leben wir in einer vernetzten Welt. Kaum ein Fleck in  der Welt, der nicht irgendwie erforscht und bekannt ist. Jede Religion sucht ihren Platz. Das Christentum ist mittlerweile in viele Konfessionen geteilt. Hier ist dieses Wort des Augustinus wie ein Leitwort für das Miteinander der christlichen Kirchen und Gemeinden. Es ermutigt aufeinander zuzugehen. Sich im Notwendigen zu vereinen. Im Engagement für die notleidenden Menschen. Im Sinne der Bibel Not zu wenden. Gemeinsam so den Glauben an Gott zu bezeugen. Dann aber dem jeweils anderen genügend Freiraum zu geben für seine eigenen Ansichten und Meinungen. Für seine Art zu glauben und zu vertrauen. Tolerant und offen zu sein und respektvoll miteinander umzugehen. So rücken wir als Christen enger zusammen und wissen uns in der Liebe verbunden.

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Das war ein Gefühl vor gut sechs Wochen. An einem Sonntagabend. Deutschland ist Fußballweltmeister geworden. Kaum jemand, der sich dieses Endspiel entgehen ließ. Millionen Menschen blickten wochenlang nach Brasilien. Das Gastgeberland zeigte sich von seiner besten Seite. Prächtige Stadien. Gut gelaunte, feiernde Menschen. Die Probleme des Landes wurden für eine Zeit lang verdrängt. Jetzt schaut die Welt nicht mehr auf Brasilien. Die Probleme aber sind den Brasilianern geblieben. Überhöhte Steuern. Korruption. Bildungsarmut. Wachsende Elendsviertel. Wochenlang war die Weltöffentlichkeit abgelenkt von diesen Herausforderungen. Wochenlang waren die Betroffenen in diesem Fußballland Brasilien selber abgelenkt von ihren Problemen. Probleme, die nicht neu sind. Heute vor 15 Jahren verstarb Dom Hélder Camara. Ein brasilianischer Bischof. Von den Menschen in seinem Land und darüber hinaus bis heute hoch verehrt. Als „Bruder der Armen“ setzte er sich leidenschaftlich für die Verbesserung der Lebenssituation der Menschen in Brasilien und ganz Lateinamerika ein. Als Kämpfer für die Menschenrechte nannte man ihn das „Gewissen Brasiliens“. So trat er massiv und entschieden der damaligen Militärdiktatur entgegen. Ihm war es wichtig, dass die Kirche bei den Menschen ist, ihnen und der Welt zugewandt. Einem Priester, der sich in einem Armenviertel engagierte, sagte er: „Du hast die neue Zeit verstanden. Du weißt, dass die gute Nachricht heute mehr denn je mit Taten verkündet werden muss, ehe sie mit Worten gepredigt wird“. Eine Inspiration für alle, denen auch nach der Fußballweltmeisterschaft die Brasilianer mit ihren Problemen und Sorgen nicht egal sind. Der Todestag von Dom Hélder Camara könnte uns positiv beunruhigen. Klein von Gestalt ist und bleibt dieser Bischof einer der ganz Großen der Christenheit.

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Erinnern Sie, wann Sie das letzte Mal so richtig wütend waren? Auf einen Menschen, auf sein Verhalten. In einer Situation. Ich bin selten wütend und wenn, erinnere ich das genau. Wut bricht bei mir aus, wenn mich etwas massiv ärgert. Wenn Menschen oder ich selbst ungerecht behandelt werden. Wenn ich wütend bin, will ich etwas verändern. Ich will mich nicht damit abfinden, was geschehen ist oder geschieht. Wut gibt mir Kraft und Energie es nicht so zu belassen, wie es ist. Es beruhigt mich, wenn ich in der Bibel einen wütenden und zornigen Jesus erlebe. Er geht die Pharisäer wütend an: „Weh euch ihr Heuchler! Blinde Führer seid ihr! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von dem, was ihr in eurer Maßlosigkeit zusammengeraubt habt.“ In seiner Wut über das Verhalten der Pharisäer erkenne ich, was Jesus wesentlich und heilig ist. Seine Wut entbrennt immer dann, wenn Unrecht geschieht. Wenn sich Menschen von der Gerechtigkeit loslösen. Der liebe und gütige Jesus ereifert sich dann wütend für Gerechtigkeit und Wahrheit. Seine Liebe und seine Güte sind dabei keine Gegensätze zu seiner Wut. Ich spüre seine Energie, die wie Feuer in ihm brennt. Manchmal wünsche ich mir, dass ich öfter wütend wäre. Wenn in meiner Nähe Unrecht geschieht oder Falsches erzählt wird. Wenn Menschen lieblos miteinander umgehen. Ständige Wutanfälle oder Wutausbrüche helfen da nicht weiter. Dann werde ich zum ungenießbaren Wüterich. Doch wenn Wut angebracht ist, dann sollte ich sie nicht unterdrücken. Sie ist dann eine Energie, die etwas verändern kann. Wie eine Kraft und Leidenschaft, die mich kreativ werden lässt. Ich bewundere diesen Jesus, der diese Kraft und Leidenschaft lebt. Der wütend ist, wenn Menschen einander Unrecht tun. Der seine Wut nicht unterdrückt, weil er lieb sein will.

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Es sind noch Schulferien. Für viele Menschen eine lang ersehnte Auszeit. Eine freie Zeit. Eine Zeit, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen genießen. Einmal das tun, wozu ich sonst so selten komme. Einfach mal in den Tag hineinleben. Den Alltag vergessen. Eine solche Auszeit ist wie eine Brachzeit, die die Natur in jedem Winter erlebt. Brachliegen. Da denke ich vielleicht eher an ungenutzt, vergeudet, unproduktiv. Frühere Generationen dagegen ließen ganz bewusst ein Drittel des Ackerlandes als Brache liegen, damit sich der Boden erholen konnte. Das Wachstum kommt zum Stillstand. Die Blätter werden abgeworfen. Der Boden kann sich erholen. Äußerlich sieht man kaum was von dem, was sich innerlich verwandelt und verändert. Es lohnt sich in der Betriebsamkeit des Alltags einfach mal aufzuhören. Eine Brachzeit zu haben. Wenn wir uns eine Auszeit nehmen, wie es jetzt viele in der Ferienzeit tun, dann muss ich deswegen nicht weit wegfahren. In der eigenen Region und sogar in den eigenen vier Wänden kann ich aufhören betriebsam zu sein. Jede Auszeit kann, wie die Brachzeit in der Landwirtschaft, fruchtbar sein. Erholsam. Lebendig. Ich mache den Wert meines Lebens nicht fest an der Arbeit und meiner Produktivität. Es gibt keinen Menschen, der sich sein Recht auf Leben erarbeiten oder beweisen muss. Juden und Christen sind sich einig darin, dass dieses Ruhehalten, dieses Aufhören, heilig ist. In den ersten Kapiteln der Bibel erzählen Menschen davon, wie sie sich damals die Erschaffung der Welt durch Gott vorstellten. Die Vollendung der Schöpfung am siebten Tag geschieht durch die Ruhe des Schöpfers und seiner Geschöpfe. Eine Brachzeit, eine Auszeit, kann zu einer besonderen Zeit werden – für Schöpfer und Geschöpfe. Für Gott und Mensch.

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