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Wenn ich in diesen Sommertagen unsere Enkelkinder im Garten beim Spielen beobachte, muss ich immer wieder an ein Erlebnis vor ein paar Jahren denken:
Wir waren zu einer Familienfeier in unsrer alten Heimat, in Leipzig. Vieles hat sich dort so verändert, dass ich es kaum wiedererkenne. Wir waren schon auf dem Weg zurück nach Hause, an einem späten Sommernachmittag. Ich wusste gar nicht, so richtig, wo wir eigentlich langfuhren bis mir ein Waldstück auffiel, über dem die Sonne schon ziemlich tief stand.
Da müsste doch der Garten meiner Eltern gewesen sein. Etwas zögernd habe ich zugestimmt, am Waldrand abzubiegen und eh ich mich versah, stand ich vor einem überwucherten Gartenzaun. Die Bäume riesig und knorrig, das Gras wild hochgewachsen. Hier war wohl schon lange Zeit niemand mehr gewesen. Das Tor war offen und so habe ich mich ein paar Schritte hinein in diesen finsteren Garten gewagt. Wie verzaubert ist er mir vorgekommen...
Doch auf einmal erstrahlte alles im Sonnenlicht, die Bäume waren wieder jung und zwei Kinder tollten auf der Wiese herum. „Oma, Oma, darf ich diese Blume pflücken?", hab' ich Kinderstimmen gehört und dort am Häuschen hat meine Mutter mit ihrer Gartenschürze gestanden.

Nur einen kurzen Augenblick - hat diese so lebendige Erinnerung gedauert. Auch wenn mir ein paar Tränen in die Augen geschossen sind, dieses Erlebnis hat mich nicht mehr so wehmütig gemacht wie noch viele Jahre zuvor, als ich zuletzt an diesem Ort war. Da konnte ich mich nicht nähern, ohne zu weinen, dass diese herrliche Zeit, in der unsere Kinder mit den Großeltern hier ein kleines Paradies hatten, für alle Zeit vorbei ist. Der Garten gehörte fremden Leuten und meine Mutter war gestorben.

Dieses Mal bin ich zwar auch sehr berührt gewesen, aber vor allem hat mich ein zutiefst dankbares Gefühl erfasst. Ich habe am Gartenzaun sogar lächelnd müssen über so manche Erinnerungen. Wie froh wir sein können, das erlebt zu haben!  

Das Leben hat sich weiterentwickelt, wir alle haben uns weiterentwickelt und auch verändert. Es hat wieder schöne Zeiten gegeben, manchmal auch schwierige. Menschen haben uns verlassen, andere sind in unser Leben getreten. Bei Gedanken wie diesen kommt mir eine Bibelstelle in den Sinn. Sie hilft mir, dankbar zurückzublicken und Neues mit Freude anzugehen. Sie ist aus dem Buch Kohelet im Alten Testament:

„Alles hat seine Zeit - für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit, ... eine Zeit zum Pflanzen, eine Zeit zum Ernten, eine Zeit zum Suchen, eine Zeit zum Verlieren, ... eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen...".

 

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Was für ein herrlicher Ausblick! Da ist die besonders große Anstrengung für das letzte steile Stück Weg bis zum Gipfelkreuz schnell vergessen. Der Aufstieg hat sich gelohnt, ich könnte Stunden hier oben verbringen und mir die frische Luft um die Nase wehen lassen. So zwischen Himmel und Erde.
Mein Mann und ich machen gern Urlaub in den Bergen.
Wir haben festgestellt, dass uns diese Wanderungen sehr gut tun, an Leib und Seele. Wir sind oft stundenlang allein unterwegs, manchmal geht jeder still vor sich hin und hängt seinen Gedanken nach. Und dann unterhalten wir uns auch viel - ohne abgelenkt zu sein. Nicht selten kommen Dinge zur Sprache, die uns unbewusst beschäftigen. Dafür nehmen wir uns im Alltag oft nicht die Zeit oder denken gar nicht daran. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir mit jedem Kilometer, den wir aufwärtssteigen, Dinge unten zurücklassen, die uns im Alltag belasten, über die wir uns streiten. Die uns den Blick verstellen. Manchmal den Blick auf' s Wesentliche.
So habe ich auf so mancher Wanderung das Gefühl, dass wir je näher wir dem Berggipfel kommen auch einen immer besseren Blick auf unser gemeinsames  Leben bekommen. Als würden wir von oben drauf schauen, ganz in aller Ruhe. Gemeinsam erst in die eine, dann in die andere Richtung. Von oben sieht alles ganz anders aus! Wie systematisch die Häuser angeordnet sind, wie gleichmäßig gewunden manche Straßen und Wege. Wie sich Entfernungen relativieren.
Vielleicht können wir mit einem Blick von oben im übertragenen Sinn auch so manche Begebenheit in unserem Leben besser einordnen, können wir erkennen, wie nah oder wie fern wir uns manchmal sind. Welche Wege uns zueinander führen und welche uns voneinander wegbringen. Vielleicht sehen wir dabei auch, dass manche Dinge, die uns mal wichtig waren, in den Hintergrund geraten sind.
Für diesen Blick von oben muss ich natürlich nicht unbedingt auf einem Berg stehen. Es muss einfach ein Ort der Stille sein, an dem ich mich freier fühle, einen weiten Blickwinkel habe, Abstand zum Alltag.
Die Menschen haben diesen Blick aus der Distanz wohl schon immer gesucht und auch gebraucht. In der Bibel ist an vielen Stellen die Rede davon, dass Menschen auf Berge steigen, manchmal vor großen Entscheidungen. Auch von Jesus wird berichtet, dass er hin und wieder Ruhe auf einem Berg gesucht hat, oder in der Wüste um nachzudenken und zu beten.

Diesen Blick von oben braucht es einfach hin und wieder und es ist gut sich dafür Zeit zu nehmen und sich manchmal auch ein bisschen anzustrengen, wie bei einer Bergtour.

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„Wie lange machst du noch?“ oder „Wie lange musst du noch?“ – Wenn man über 60 ist, wird man das immer mal wieder gefragt. Das Ende des Berufslebens ist in Sicht und je nachdem wie man das für sich regelt, dauert es noch ein bisschen oder es ist gleich soweit. Auf alle Fälle ist es gut, wenn man sich schon mit der Zeit danach beschäftigt hat. Denn eine gute Zeit soll es werden.

„Meine beste Zeit ist jetzt!"- diese Überschrift in einer Zeitschrift - hat mich neugierig gemacht. Weil ich denke, dass meine beste Zeit wohl schon eine Weile zurückliegt. Denn die verbindet man ja in der Regel mit jüngeren Jahren und ich bin Anfang 60. Trotzdem habe ich weitergelesen. „In jedem Leben gibt es eine Glanzzeit", stand da, „die einen erleben so eine Phase im frühen Erwachsenenalter, die anderen in der Lebensmitte und andere haben mit 60 ihre besten Jahre noch vor sich." Na das wäre ja toll! Ein bisschen musste ich schmunzeln.
Aber dann habe ich mir überlegt – es kommt doch auf die Perspektive an: Ich habe den größten Teil meines Lebens gelebt, Kindheit und Jugend liegen lange zurück. Viele sehr schöne Zeiten hab ich erlebt, aber ich könnte mich jetzt nicht darauf festlegen, welche nun die beste gewesen ist. Es hat in jeder Phase meines Lebens viel Schönes gegeben. Natürlich auch Schweres, aber das Gute überwiegt, glücklicherweise.
Aber warum soll die Zeit, die ich gerade erlebe oder die, die unmittelbar vor mir liegt, nicht auch eine der besten Zeiten werden? Im Nachhinein betrachtet habe ich für mich doch vieles abgeschlossen. Und ich möchte es auch gar nicht nochmal erleben, so schön es auch war. So wie es jetzt ist, ist es gut. Ich habe meine Lebenserfahrung, die mir hilft, jetzt gut zu leben. Ich kenne mich viel besser als noch früher, meine Stärken, meine Schwächen und habe gelernt, damit umzugehen. Ich bin gelassener, traue mich auch mal Nein zu sagen. Und versuche mich auf die Dinge zu konzentrieren, die mir wirklich wichtig sind.
„Die beste Zeit ist jetzt!“ Da scheint doch mehr dran zu sein, als ich zunächst gedacht habe. Und wenn es mir gelingt, mich von meinem Berufsleben zu lösen und neue, schöne Beschäftigungen zu finden, dann könnte ich tatsächlich eine beste Zeit erleben. Mit mehr Zeit für den Garten, Musik oder die Enkelkinder.
Wenn ich diese neue Lebensphase gesund erleben darf und sie nicht so sehr mit Nutzen, sondern viel mehr mit Sinn erfülle, dann kann ich wirklich eine wunderbare Zeit erleben - die beste, die ich jetzt haben kann. Natürlich, wenn Gott will – denn vieles liegt nicht in unserer Hand. Aber ich vertraue darauf, dass er mich diese Zeit erleben lässt.

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Sie haben einen besonderen Draht zueinander: Großeltern und Enkelkinder. Ich freue mich jedes Mal, unsere Enkelkinder wiederzusehen. Ein herrliches gegenseitiges Geben und Nehmen – die Zeit, die Enkelkinder und Großeltern miteinander verbringen.
Für die Großeltern bedeutet es, das Leben nochmal aus einer völlig anderen Perspektive zu sehen. Mit den Enkeln bekommt es ein anderes Tempo. Man nimmt sich Zeit, Geschichten zu erzählen, ihre vielen Fragen zu beantworten.
Die Großelternrolle ist wesentlich einfacher als die der Eltern. Denn die haben die ganze Verantwortung. Da können Großeltern viel entspannter sein, weil die Enkel ja auch immer wieder nach Hause zu ihren Eltern gehen. Oder weil die Großeltern so manches wie von einer Tribüne aus mit verfolgen können. Und wenn es nötig ist, helfen sie. Großeltern sind Eltern in der zweiten Reihe. Und in dieser Position können sie gelassener und geduldiger, manchmal großzügiger sein. Und sie können auf ihre Lebenserfahrungen zurückgreifen.
Das kommt bei den Enkeln sehr gut an. Großeltern sind nicht selten für ihre Enkelkinder so eine Art Oase, in der sie auf Verständnis treffen, wenn es mal Ärger mit den Eltern gibt. Wo sie getröstet werden und wo jemand Zeit hat, sich ganz auf sie einzustellen. Großeltern sind wichtige Bezugspersonen für die Kinder. Das ist ein großes Glück, denn es ist ja nicht selbstverständlich, Enkel zu haben und sie in der Nähe aufwachsen zu sehen.
„Enkel sind das beste Mittel gegen die Demütigungen des Alters“- hat mal jemand gesagt. Und ich denke, das stimmt. Einerseits wird einem erst durch die  Enkelkinder bewusst, dass man jetzt zur ältesten Generation gehört – und das Lebensende ein Stück näher rückt. Andererseits bekommt man durch die Kinder wieder Freude an Dingen, die man so lange nicht mehr gemacht hat.

Man nimmt Zeit ganz anders wahr - als hätte man viel mehr davon. Wenn man zum Beispiel immer wieder das gleiche Spiel spielt. Einfach weil es Spaß macht. Ohne nach dem Nutzen zu fragen – eine gute Erfahrung. Das erinnert mich an die eigene Kindheit. Ich kann dankbar auf sie zurückblicken. Und werde irgendwie gelassener, wenn ängstliche Gedanken aufkommen, weil älter oder alt werden, für mich nicht so toll ist. Ich kann gelassener sein, weil ich sehe, wie sich das Leben wiederholt, wie es  immer weitergeht, es spannend bleibt – auch wenn ich vieles  nicht mehr selbst erleben werde – Denn  „…alles im Leben hat seine Zeit…“.

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Den Monat Juli mag ich besonders. Mit ihm verbinde ich herrliche Erinnerungen an meine Kindheit. Und das nicht nur, weil ich gleich zu Beginn Geburtstag habe und im Garten die wunderschönsten Blumen blühen. Um meinen Geburtstag herum haben immer die Sommerferien begonnen – und das war ein so wunderbares Gefühl. Nach den Wochen vor den Zeugnissen – habe ich mich dann immer so herrlich frei gefühlt: Jetzt beginnt erstmal eine andere Zeitrechnung – morgens ausschlafen, mit Freunden im Schwimmbad verabreden oder einfach im Garten herumliegen, „die Seele baumeln lassen“ – herrlich!
Der Juli, der siebte Monat im Jahr. 7 ist eine heilige Zahl! Und ich finde, sie passt so gut zum Juli! Denn laut Schöpfungsbericht der Bibel ist ja der siebte Tag - der Tag, an dem Gott sich von der Erschaffung der Welt ausgeruht und sein Werk betrachtet haben soll. Also ideal, wenn man im Juli Urlaub machen kann, sich ausruhen, mal zur Besinnung kommen kann. Und wenn dann das Wetter mitspielt, es sonnig und mal so richtig heiß ist, dann kann man spüren wie auch die Natur ruht, sie reift. Bis zur großen Ernte ist noch etwas Zeit...
Die Hälfte des Jahres ist schon vorüber und das macht mich auch ein bisschen nachdenklich: Was hat sich in dieser Zeit alles ereignet. Worüber habe ich mich gefreut und worüber bin ich traurig gewesen? Habe ich bisher schon einiges erledigen können von dem, was ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe… Manches habe ich nur angestoßen, angedacht, aber das ist nicht schlimm. Denn so wie die Früchte auf den Feldern und den Obstbäumen reifen, so brauchen manche Gedanken und Pläne auch eine gewisse Zeit – bis sie reif werden. Das kann ich im Liegestuhl oder mit Blick in die Natur möglicherweise besser erkennen. Dass man einer Sache auch Zeit geben muss sich zu entwickeln.

Eine Atempause – das kann der Juli für mich sein, wenn ich mich auf ihn einlasse: Licht und Luft genießen kann – und meine Gedanken leichter werden in der Natur. Wenn ich es schaffe ganz bei mir zu sein. Manchmal am Tag, aber auch unter dem sommerlichen Abendhimmel. Der Mond steht im Juli nur knapp über dem Horizont und erscheint so besonders hell. In solch einer Juli Nacht  hat der Dichter Joseph von Eichendorf wohl folgendes erlebt:

„…Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.“

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Es ist für mich manchmal nicht so einfach gewesen, katholisch zu sein – während meiner Schulzeit in den 60er und siebziger Jahren in Leipzig. Offiziell hat man uns beigebracht, dass es Gott nicht gibt.- Damit hatte ich kein Problem, ich kann mich nicht erinnern, dadurch je Zweifel bekommen zu haben, die anderen wussten es halt nicht besser.
Was mir aber zu schaffen gemacht hat war, dass ich damals so allein mit meinem Glauben gewesen bin. Und wenn ich auf dem Weg zum Religionsunterricht ins Pfarrhaus oder sonntags zur Kirche Klassenkameraden getroffen habe, ist mir das ziemlich peinlich gewesen. Ich habe Angst gehabt, dass sie mich überheblich auslachen oder hinter meinem Rücken gemein über mich tuscheln. Wie hätte ich mir gewünscht, ein paar Gleichgesinnte an meiner Seite zu haben. Wieviel selbstbewusster hätte ich sein können und mir nicht dauernd irgendwelche Notlügen ausdenken müssen. Aber es gab ja Gleichgesinnte! Vier evangelische Mitschüler! Wie froh war ich, als ich das herausgefunden habe. Nur schade, dass wir am Sonntag nicht gemeinsam zur Kirche gehen konnten. Und auch nicht zum Religionsunterricht. Das hätte so gutgetan, in dieser atheistisch geprägten Umgebung.
Heute weiß ich: Wir gehören zusammen - das wird bei ökumenischen Gesprächen immer wieder betont. Und deshalb bin ich wie viele ungeduldig. Viele Menschen leiden unter der Trennung, besonders auch wenn katholische und evangelische Christen miteinander verheiratet sind. Auch Papst Franziskus weiß das. Er hat gesagt, dass er bereit sei Fenster und Türen zu öffnen, damit neue Wege möglich sind. Das stimmt mich hoffnungsfroh.
Denn es ist etwas in Bewegung, das spürt man besonders auch gerade jetzt, wo die Feierlichkeiten anlässlich des 500. Reformationsjubiläums in vollem Gange sind. Das ist so erstaunlich wie erfreulich, dass nach 500 Jahren Trennung Katholiken und Protestanten so viel gemeinsam auftreten wie nie zuvor: Ein neuer Wind weht. Endlich, denn in den Gemeinden gibt es schon lange ein freundschaftliches Miteinander von evangelischen und katholischen Christen, viele gemeinsame Projekte. Allein wäre manches gar nicht zu bewältigen. Papst Franziskus versteht sich als echter Seelsorger, den Menschen zugewandt. Er gibt ihnen die Möglichkeit eigenverantwortlich zu entscheiden.
Ich denke, das ist der richtige Ansatz. Und wenn sich morgen in der Hildesheimer Michaeliskirche protestantische und katholische Christen zu einem Bußgottesdienst treffen, dann wollen sie gemeinsam um Vergebung bitten. Besonders auch dafür, dass viele Menschen unter dieser Trennung der Christen leiden mussten.

Ich hoffe sehr, dass es jetzt mit Schwung weitergeht und diese Trennung Stück für Stück aufgehoben wird. Vielleicht erlebe ich sie ja noch, die Vereinigung der Christen in Deutschland.

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Am Abend eines langen Tages kann das Leben für einen Menschen ganz anders aussehen. Ich habe daran denken müssen, als wir kürzlich auf dem Weg zur Arbeit an einer Unfallstelle vorbeigekommen sind. Mehrere Autos waren ineinander gefahren und sie sahen alle ziemlich demoliert aus. Es hat wohl Gott sei Dank nur leicht Verletzte gegeben.
Ich denke lieber nicht an die unvorstellbar schlimmen Dinge, die sich im Laufe eines Tages ereignen können. Trotzdem halte ich morgens beim Aufstehen, hin und wieder bewusst inne und hoffe und bete, dass es ein guter Tag wird.
Es gibt Abende, da denke ich, dass ich heute Morgen nicht mal geahnt habe, was sich so alles ereignen wird. Dann muss ich den Tag erstmal in Ruhe Revue passieren lassen. Alles überdenken. Sicher kennen Sie solche Abende auch. Da hat man plötzlich eine Entscheidung treffen müssen und ist sich jetzt am Abend nicht mehr sicher, ob es so richtig ist. Ein andermal gerät man mit einem Menschen in Streit in einer Sache. Dabei schien alles so klar und harmonisch. Es gibt Neuigkeiten, die man so nicht erwartet hat, gute, freudige und auch belastende. Das muss man erstmal verarbeiten: Inwiefern betreffen sie mich persönlich, was ändert sich dadurch für mich. Wie gehe ich damit um. Wie geht es weiter? Wo und wie kann ich helfen? Die Gedanken kreisen in meinem Kopf.

So ist das Leben, es ist ständig in Bewegung, nichts bleibt wie es ist. Mir fällt dazu ein Song von Herbert Grönemeyer aus den 90ern ein. „Es bleibt alles anders“ ist der Titel“ – paradox, aber er formuliert kurz und genau, was ich oft gedacht habe, wenn Veränderungen anstanden. Wenn ich mir schon ausgemalt habe, wie das Leben weitergehen könnte – nicht nur meines, auch das anderer, die mir nahestehen, für die ich mich in gewisser Weise verantwortlich fühle. Vieles verändert sich, ob ich will oder nicht.

Dann aber gibt es auch vieles, das bleibt. Feste Größen im Leben. Die bleiben mir, auf die kann ich mich verlassen. Es sind vor allem die Menschen an meiner Seite, die bleiben. Die sich mit mir freuen und die da sind, wenn mir manchmal alles zu viel ist - am Abend eines langen Tages. Und noch etwas, das mir persönlich bleibt, ist mein Gottvertrauen. Mein Vertrauen darauf, dass mit Gottes Hilfe alles gut werden kann. Das mir hilft, meine Gedanken zu ordnen. Ruhig zu werden. Ich denke dann oft: Herr bleibe bei mir, denn es will Abend werden.

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Sehnsucht – hin und wieder habe ich so ein Gefühl der Sehnsucht. Doch dieses Gefühl kann ich manchmal gar nicht richtig beschreiben. Ich spüre, dass ich etwas vermisse, dass mir etwas fehlt. Manches im Leben habe ich mir anders vorgestellt. Habe ich was versäumt? Sollte ich gerade jetzt was verändern? Dann kommen mir Ideen: Ja das möchte ich noch erleben, das muss wunderbar sein… Ist das Sehnsucht?
„Ich sehne mich so nach dem Frühling“, hat meine Nachbarin zu mir gesagt, „nach seinem Duft, dem ersten Grün, einem lauen Lüftchen. Sie erhofft sich davon wieder mehr Freude am Leben, ein neues Lebensgefühl. Es wird wieder Frühling, ganz bestimmt. Dann hat dieses Sehnen ein Ende. Aber schneller, als man denkt, sind neue Sehnsüchte da. So ist das nun mal. Ein merkwürdiges Gefühl, diese Sehnsucht!
„Sich sehnen“ gehört zum Menschsein – das hat schon der Heilige Augustinus im 4. Jahrhundert erkannt.
Die Geschichte der Menschheit, unsere Kultur sind ohne dieses Sehnen nicht denkbar. Immer wieder sind die Menschen, getrieben von einer tiefen Sehnsucht aufgebrochen, wollten Neues entdecken, ihr Leben zum Besseren verändern. Die Sehnsucht kann einem Menschen unglaubliche Kräfte verleihen. Ihn auf großartige Ideen bringen. Sehnsucht ist das Gefühl, dass das Leben immer noch etwas für mich bereithält, etwas noch nicht Dagewesenes. Dass es noch etwas Besseres, Vollkommeneres gibt…
So ist das auch, wenn wir uns nach unserem ganz persönlichen Lebensglück sehnen. Nach einem Menschen, mit dem ich mein Leben teilen kann, der mich liebt, dem ich vertraue. (Natürlich sehnen wir Menschen uns nach ganz unterschiedlichen Dingen).
Es gibt Sehnsüchte, die die Menschen ein ganzes Leben lang begleiten und sie sogar leiden lassen: Wenn es nicht klappt mit der Liebe. Der geliebte Mensch unerreichbar ist. Sich das Leben nicht so gestaltet, wie man es erhofft hat. Menschen, die sich so sehr an das klammern, was sie sich ersehnen, übersehen manchmal das Naheliegende. Dabei wäre das gut für sie.
Und wenn es schlimm kommt, wird die Sehnsucht zur Sucht. Weil es ihnen dann nicht mehr gelingt, mit der Wirklichkeit zurecht zu kommen.
Der Heilige Augustinus hat festgestellt, dass die Menschen nach dem Vollkommenen suchen, dem Absoluten. Er sagt wörtlich “dass all unser leidenschaftliches Sehnen, sei es nach Erfolg, Liebe, Reichtum oder das Paradies letztendlich ein Sehnen nach Gott ist, ein Sehnen, das über diese Welt hinausgeht, in die Unendlichkeit.“

Aber selbst wenn sich meine Sehnsüchte und Träume solange ich lebe nicht absolut erfüllen lassen, sie helfen mir dabei, das Leben hier und heute schöner und lebenswerter zu machen

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Im Grunde beginnt für mich das neue Jahr erst Mitte März so richtig. Wenn die Tage wieder länger werden, es nicht mehr so kalt ist und wenn sich im Garten das erste zarte Grün zeigt. Dann bin ich voller Tatendrang, dann will ich Verschiedenes neu gestalten in Haus und Garten. Dann trenne ich mich auch viel leichter von Sachen, die ich schon lange nicht mehr brauche, Kleidung oder Hausrat. Dann habe ich Lust Neues anzuschaffen und Urlaubspläne kann ich erst dann so richtig ins Auge fassen.
Genau in diese Zeit, in der ich so in Aufbruchsstimmung komme, fällt auch die Fastenzeit. Von Aschermittwoch bis Ostern reicht sie. Viele Menschen nutzen sie, um in ihrem Leben mal aufzuräumen, zu schauen, was sich verändern lässt - zum Besseren. Da geht es einerseits viel um Verzicht: auf Essen oder Alkohol. Aber die Fastenzeit ist auch eine gute Gelegenheit, mal generell auf mein Leben zu schauen. Einige meiner Gewohnheiten unter die Lupe zu nehmen. Mich mal etwas genauer zu beobachten. Ganz im ursprünglichen Sinn des Wortes „fasten“.
Denn „fasten kommt aus dem Gotischen, einer alten germanischen Sprache und bedeutet da „beobachten“. Diese Art von Selbstbeobachtung vor Ostern, gab es schon im 4. Jahrhundert. Erst sehr viel später ist „Fasten“ zum wichtigen Begriff für Enthaltsamkeit auch bei den Christen geworden. Im Mittelalter wurden dann Fastenregeln aufgestellt, Diese Regeln legten fest, grundsätzlich alles zu meiden, was satt und träge macht, was immer das sein mag, das können durchaus bestimmte Gewohnheiten sein. Das sollte den Menschen bewusst schwerfallen. Trotzdem waren Fastenübungen nicht als Bestrafung oder Selbstquälerei zu verstehen. Die Menschen sollten sich besinnen, innehalten.
Ich meine, das tut bis heute gut. Wenn ich mich also mal eine bestimmte Zeit beobachte, dann kann ich erkennen, was gut ist in meinem Leben, aber auch – und das ist genau so wichtig, was nicht so gut läuft. Welche Abhängigkeiten habe ich? Blockieren sie mich? Verbringe ich mit manchen Dingen mehr Zeit als gut für mich ist und auch für mein Zusammensein mit den Menschen, die mir etwas bedeuten?
Gut ist auch, wenn ich meine körperliche Verfassung mal etwas genauer beobachte. Habe ich mich verändert, was fällt mir vielleicht schwerer als noch vor einiger Zeit, kann ich was dagegen tun, vielleicht bisschen Sport treiben… Dann kann ich hoffentlich entspannt dem Frühling und Sommer entgegengehen. Endlich mal wieder eine ausgedehnte Wanderung auf der Schwäbischen Alb machen, weil ich da so gut abschalten kann. Vielleicht mit Freunden, zu denen, der Kontakt immer weniger geworden ist. Ich möchte in der Fastenzeit einfach mal wieder ausloten, was mir wirklich wichtig im Leben ist. Und mir künftig dafür mehr Zeit nehmen.

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„Wie man in den Wald hineinruft so schallt es wieder heraus“. Ein bekanntes Sprichwort. Wieviel Wahrheit es doch enthält, habe ich kürzlich auf zweifache Weise erfahren:
Einmal als ich beim Service der Sperrmüllabfuhr angerufen habe, den Mitarbeitern war ein Fehler unterlaufen und ich wollte wirklich freundlich darum bitten, ihn zu korrigieren: Die Dame am Telefon war allerdings alles andere als freundlich und machte mich für den Fehler verantwortlich, ohne mich überhaupt richtig anzuhören. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich ins Telefon geschimpft habe. So kann´s gehen. Und ich habe mich dann geärgert, dass ich mich von ihrem aggressiven Ton habe anstecken lassen. Das will ich nicht.
Weil ich auch erlebt habe, wie ich mit gleichbleibender Freundlichkeit Missverständnisse ausräumen und meine Position klar sagen konnte. Wenn es so läuft, fühle ich mich dann einfach besser.

Und so habe ich es neulich im Büro erlebt: Der Anrufer war wütend, das habe ich gleich gemerkt, an seinem langen Schnaufer bevor er seine Rede überhaupt begonnen hat. Seinen ganzen Unmut und seine Verärgerung habe ich zu spüren bekommen. Dabei ist es mir gelungen, ganz ruhig zu bleiben, obwohl ich bei vielem, was er gesagt hat, sofort hätte einhaken wollen. Sein Tonfall war schon ziemlich aggressiv. Aber ich habe auch gemerkt, dass er auf seine Weise besorgt und engagiert ist. Deshalb habe ich, als er eine Pause gemacht hat, zu ihm auch gesagt, dass ich ihn in mancher Hinsicht verstehen kann. Und plötzlich ist er ruhiger geworden, ich meine auch freundlicher und ich konnte ihm meine Ansicht ganz in Ruhe erläutern. Er hat gut zugehört, fand manches interessant, was ich gesagt habe, vielleicht habe ich ihn ein wenig überzeugen können. Auch wenn wir am Ende keinesfalls einer Meinung waren. Das Gespräch ist für uns beide gut zu Ende gegangen.

Mir fällt auf, dass es in letzter Zeit zunehmend Klagen darüber gibt, dass der Umgangston in unserer Gesellschaft rauer geworden ist, Menschen schnell aggressiv werden, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Dass in den Parlamenten unsachliche Debatten geführt werden, Meinungen nicht mehr ungestört vorgetragen werden können. Abgeordnete beschimpft werden. Das ist Besorgnis erregend, weil es unseren demokratischen Grundwerten widerspricht. Das kann nicht so weiter gehen, meint auch Muhterem Aras, die Landtagspräsidentin von Baden-Württemberg und will möglichst viele Menschen unserer Gesellschaft miteinander ins Gespräch über unsere demokratischen Werte bringen. Und zu denen gehört nun mal, dass man einander zuhört, auch wenn die Meinungen zu einem Thema sehr weit voneinander entfernt sind. Nur so ist ein gutes Zusammenleben möglich. Weil nur so Lösungen gefunden werden können. Und ein höflicher, freundlicher Umgangston macht für alle das Leben angenehmer. Im Landtag wie zu Hause.

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