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13MAI2022
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„Am Ende wird alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, kann es noch nicht das Ende sein“. Diesen Satz vertonte der Deutsch-Rapper Casper in einem seiner Songs. „Am Ende wird alles gut“ – ist eine hoffnungsvolle, geradezu hoffnungsgeladene Aussage. Hier möchte jemand die Erlebnisse und Ereignisse seines Lebens – auch die schwierigen – positiv in sein Leben integrieren. Ein starker Optimismus kommt zur Sprache.

Dieser Satz fordert mich auch heraus, denn er ist nicht einfach zu verstehen. Ich kann ihm nicht einfach nickend zustimmen. Denn was bedeutet es, dass „am Ende alles gut werden soll“? Muss ich dann auch die schwierigsten Dinge meines Lebens „schönreden“? Oder blende ich das Unangenehme einfach aus und betrüge mich selbst?

Und was ist mit jenen, die sich genau das wünschen – „am Ende wird alles gut“ – und es ihr Leben lang nicht erleben? Was ist mit jenen, die an ihrer Hoffnung, dass „alles gut wird“ scheitern? Weil ihnen entsprechende Erfahrungen nicht zuteilwerden oder weil ihnen die seelische Stärke fehlt? Mancher Mensch erlebt: Ich bin seelisch nicht so stark, dass „am Ende alles gut wird“.

Darum weist mich dieser Satz darauf hin, dass dies eher eine Glaubenserfahrung sein könnte. Viele biblische Texte erzählen davon: Menschen, Gottvertrauende erleben schwierige Zeiten. Sie werden angefeindet, verleumdet, gehasst, unterdrückt, verfolgt – und das, obwohl sie niemanden geschädigt haben. Dennoch werden sie zu sozialen Außenseitern gemacht. Sie spüren: Von allein wird das „nie gut“. Deshalb wenden sie sich an Gott und klagen Ihm ihre Situation. David, der große israelitische König und begnadete Liederdichter drückte diese Erfahrung, dass „am Ende alles gut wurde“ so aus:  „Herr, mein Gott, da ich schrie zu dir, machtest du mich gesund“ (Ps 30,3). Das Spannende an den Psalmenliedern ist: Sie klagen Gott ihre schwierige Gegenwart. Aber sie vertrauen Gott, dass er ihre Klage hört und deshalb „am Ende alles gut wird“.

Dies Vertrauen möchte ich von diesen alten Texten immer wieder neu lernen: „Am Ende macht Gott alles gut“, denn Er hat das „letzte, gute Wort“.

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12MAI2022
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Manchmal erhält man unvermittelt und unvermutet bedrängende Mitteilungen. Manche davon können so schwer zu verdauen sein, dass man in eine Schockstarre verfällt. Oder es scheint sich der Boden unter einem zu öffnen. Dann gerät mit dieser einen Nachricht das gesamte Leben ins Wanken. Solche Mitteilungen bezeichnet man oft als „Hiobsbotschaft“.

Dies Wort bezieht sich auf eine biblische Person, die vor vielen tausend Jahren wahrlich Herausfordernd-Spannendes erleiden und erdulden musste. Hiob war eigentlich ein gemachter Mann – erfolgreich im beruflichen und familiären Leben. Doch dann wurde ihm nach und nach all das genommen, was sein Leben ausmachte. Er verlor seinen gesamten Besitz durch Diebstahl und Feuer. Dann starben all seine Kinder bei einem schrecklichen Unglück. Zuletzt wurde auch er gesundheitlich schwer krank. Eiternde, juckende Geschwüre bedeckten seinen Körper und trieben ihn fast in den Wahnsinn. Als jemand, der unter einer Neurodermitis leidet, weiß ich, wie sehr Juckreiz einen Menschen plagen kann. Hiob weiß sich nicht anders zu helfen, als sich in einen Aschehaufen zu setzen und mit einer Scherbe die Geschwüre aufzukratzen.

Trotz dieser furchtbaren Erlebnisse hielt er an seinem Glauben fest. Selbst als ihm geraten wurde, den Glauben an Gott dranzugeben, antwortet er mit dem Satz: „Wenn Gott uns Gutes schenkt, nehmen wir es gern an. Warum sollen wir dann nicht auch das Böse aus seiner Hand annehmen?“ Diese Dinge berichtet die Bibel in sehr knapper Form. Hiob erscheint völlig allein, auf sich gestellt.

Doch einige seiner Freunde hatten von seinem Ergehen gehört und besuchen ihn. Sie verhalten sich ebenfalls sehr ungewöhnlich, denn sie kommen – und schweigen. Eine ganze Woche sitzen sie mit Hiob zusammen und sagen kein Wort. Erst danach entspinnen sich lange Gespräche mit Klagen, Fragen und vermeintlichen Antworten. Hiob jedoch lässt sich durch ihr Nachfragen nicht verunsichern. Er ist sich keiner Schuld, keiner Vergehen bewusst. Immer wieder teilt er seinen Freunden mit, wie groß sein Gottvertrauen ist.

So ist auch der folgende Satz für mich ein herausforderndes Glaubensbekenntnis: „Das Leben gabst du mir und deine Liebe, dein Schutz bewahrte meinen Lebensgeist“ (Hiob 10,12). Ein solches Gottvertrauen gerade dann, wenn es fast unerträglich wird, fordert mich heraus und ermutigt mich sehr. Ich werde mir bewusst, dass ich mein ganzes Leben aus Gottes Hand empfange – im Guten wie im weniger Guten.

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11MAI2022
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Falls wir in den nächsten Tagen einigen Wetterkapriolen ausgesetzt sind, ist das „natürlich“. Tagsüber könnte es schon sommerlich-warm, nächtens jedoch empfindlich kühl, vielleicht sogar frostig werden. Ist dies der Fall, dann wissen wir: Uns „besuchen“ die „Eisheiligen“. Die bekanntesten von ihnen heißen Pankratius, Servatius und Bonifatius. Die Menschen früherer Zeiten lebten intensiver von und mit der Natur, der Schöpfung. Ihnen fiel auf, dass es Mitte Mai immer wieder Temperaturstürze gab. Da diese Menschen nicht nur das „Wetter“ direkter erlebten als wir, sondern auch den kirchlichen Heiligenkalender kannten, kennzeichnete man diese Tage schlicht mit eben jenen Namen. So lautet die Bauernregel an Pankratius: „Wenn’s an Pankratius gefriert, wird im Garten viel ruiniert. Ist Sankt Pankratius schön, wird guten Wein man sehn.“ Je nachdem also, wie das Wetter ist, freuen sich Gärtner, Winzer, Landwirte auf eine gute Ernte oder sie beobachten gespannt die weitere Entwicklung von Wachsen und Gedeihen.

Weil sich das Wetter an eben diesen Tagen sehr unterschiedlich zeigen kann, wurden diese kirchlichen Heiligen zu den „Eisheiligen“. Im Blick auf ihr christliches Leben waren sie weder „frostig“ noch „eisig“. Im Gegenteil: Sie lebten ihren Glauben in großer Überzeugung – und das oft schon in sehr jungen Jahren. Pankratius – sein Name bedeutet „der ganz Starke“ oder „der alles Beherrschende“ – wurde um 290 nChr in Kleinasien geboren und kam als Waisenkind zu seinem Onkel nach Rom. Dort jedoch war ihm kein langes Leben beschieden. Die Christen standen zu jener Zeit unter der strengen Beobachtung durch die weltlich-politischen Behörden und durchlitten damals einige Verfolgungen. Auch Pankratius geriet in eine solche. Er wurde um 304 nChr, mit vierzehn Jahren aufgrund seines Glaubens inhaftiert und kurze Zeit danach enthauptet.

Dieser „Eisheilige“ steht also nicht nur für besondere Wetterphänomene im Frühjahr. Vielmehr beeindruckt er mich damit, dass er schon in so jungen Jahren mit seinem christlichen Glauben ernst gemacht hat. Diesen „ganz starken“ Jugendlichen prägte sein Glaube so sehr, dass er ihn, wo immer es möglich war, bezeugte und sich auch von politischen Autoritäten nicht einschüchtern ließ. Von wegen „frostiger“ Eisheiliger – für mich kann seine Entschiedenheit zu einem echten Vorbild für mein eigenes christliches Bekenntnis in dieser Zeit werden.

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16MRZ2021
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Die Passionszeit ist eine besondere Zeit. Viele Christen gestalten sie unter dem Motto „Sieben Wochen ohne…“ Andere verzichten auf Fleischkonsum, Alkohol, Nikotin oder Fernsehen. Wieder andere betrachten sie als richtige Fastenzeit: um abzunehmen oder um den Körper zu entgiften. Manche Zeitgenossen wollen gesunder, schöner, schlanker Frühling und Sommer genießen. Dabei werden dann die aufgestellten Regeln entweder genau beachtet oder auch laxer gehandhabt. Wie dem auch sei: Man könnte sich wunderbar über das Fasten und seine Nebenwirkungen streiten – und zwar nicht erst seit heute. Das war auch schon früher so.

Zu diesem Thema fand ich bei John Wesley (1703-1791), dem Gründer der methodistischen Bewegung, also bei „meinem aufgeklärten Kirchenvater“, einige interessante Gedanken. Dieser Menschenfreund, der sogar für die Abschaffung der Sklaverei eintrat, hatte für sein theologisches Denken vier Leitfragen. Er fragte: Was sagt die Bibel? Wie dachten die früheren Theologen? Was ist vernünftig? Was erfahre, erlebe ich selbst? Bibel, christliche Tradition, Vernunft und Erfahrung bestimmten sein Denken und Reden. Das war damals außergewöhnlich.

In exakt dieser Linie dachte John Wesley auch über das Fasten nach. Er schreibt: Bei keiner Sache „haben sich die Menschen mehr in Extreme verrannt als bei dem religiösen Fasten, von dem Jesus Christus gesprochen hat. Einige haben das Fasten weit höher bewertet, als es von Schrift und Vernunft her geboten ist. Andere dagegen haben es völlig missachtet und – als müssten sie Rache nehmen – es ebenso unterbewertet, wie die anderen es überbewertet haben. Die einen haben vom Fasten gesprochen, als wäre es das alles Entscheidende – wenn nicht das Ziel selbst, so doch unaufgebbar damit verknüpft. Die anderen meinten, das Fasten habe keinerlei Bedeutung und es sei eine fruchtlose Mühe, die überhaupt keine Beziehung zum Ziel des Glaubens habe. Die Wahrheit liegt sicher dazwischen: Das Fasten ist nicht alles, aber auch nicht nichts. Es ist nicht das Ziel selbst, aber ein kostbares Mittel, das dorthin führt; ein Mittel, das Gott selbst eingesetzt hat, durch das er uns gewiss seinen Segen geben will, wenn es richtig gebraucht wird“.

Sollten Sie also noch überlegen, ob Sie in diesem Frühjahr fasten wollen oder nicht, dann entscheiden Sie sich ruhig und vernünftig. Denn ein vernünftig durchgeführtes Fasten tut dem Körper ebenso wie dem Geist, der Psyche gut – gerade in diesen aufregend-bewegten Zeiten.

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 Über allem die Liebe. Ein John-Wesley-Brevier, Stuttgart 2000, zum 17. März

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15MRZ2021
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Der 15. März ist ein besonderer Tag! Nicht deshalb, weil sich nach der gestrigen Landtagswahl, heute die Sieger freuen und die Wahlverlierer ihre „Wunden lecken“. Sondern: 2019, vor zwei Jahren, fand zum ersten Mal der weltweit organisierte Klimastreik unter dem Motto „Friday’s for Future“ statt.

Nach dem Vorbild der Initiatorin Greta Thunberg gehen Schülerinnen und Schüler freitags während der Unterrichtszeit auf die Straßen. Sie protestieren dafür, dass wir endlich die Folgen des selbstgemachten Klimawandels ernst nehmen. So nahmen am 15. März 2019 weltweit fast zwei Millionen Menschen an den Demonstrationen teil. Nun bremste der Corona-Virus im Jahr 2020 diese Demos ziemlich ein. Dennoch: Der Klimawandel ließ sich ebenso wenig wie der Virus aufhalten – mit dem kleinen Unterschied, dass wir momentan impfend mit aller Macht gegen die Ausbreitung des Virus ankämpfen. Gegen den Klimawandel jedoch gibt es keine Impfstrategie. Hier sind vielmehr alle Menschen mit Einsicht und Vernunft gefragt, die globale Erwärmung durch das eigene Verhalten zumindest etwas aufzuhalten.

Was mich an der Bewegung „Friday’s for Future“ vor allem anspricht, ist die Begeisterung vieler junger und einiger älterer Menschen. Dennoch wundere ich mich auch: Gerade meine Generation der 60jährigen, die sogenannten Babyboomer, müsste  sich nur an die eigene Jugend erinnern. Wir lasen damals voller Schrecken die Studie „Global 2000 – Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. Wir schmeckten sauren Regen, fürchteten absterbende Wälder. Ozonloch und Friedensfrage, die Atomkrise nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl ebenso wie zu hoher Fleischkonsum bewegten uns. Aber wir taten nur wenig dafür, dass sich die Welt nicht weiter aufheizt und somit unsere Lebensbedingungen total verändert werden. Wir hatten die Konzepte für einen „einfacheren Lebensstil“ längst entwickelt – aber setzten sie nicht um.

Nun kommt wieder eine begeisterte, weltweit bestens vernetzte Generation und will, dass sich unsere Lebensverhältnisse nachhaltig ändern. Sie sind besorgt und begeistert. Sie wollen uns überzeugen und mit ihrer Begeisterung mitnehmen. Das ist gut – und vielleicht passt auf sie jener kleine Bibeltext, den die „Herrnhuter Losungen“ dem heutigen Tag als Geleitwort zugelost haben: Die Jugendlichen „können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was sie gesehen und gehört haben“ (frei nach Apg 4,20). Jene umweltbewegten jungen Zeitgenossen wissen: Es ist höchste Zeit zum Handeln, denn es gibt „keinen Planeten B“.

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14MRZ2021
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Am Aschermittwoch begann die Passionszeit. Sie dauert bis Ostern. Das sind sieben Wochen, in denen manche Menschen aus christlicher Überzeugung kein Fleisch essen. Oder sie verzehren mit Vorliebe „Maultaschen“, weil deren Nudelteig die Fleischfüllung so gut versteckt. Wie dem auch sei: Sieben Fastenwochen können lang werden. Deshalb setzen die Liturgen zur Hälfte der Passionszeit einen besonderen Akzent: Sie laden zu einem kleinen vorösterlichen Fest ein.

Dies Fest trägt den schönen lateinischen Namen Laetare, auf Deutsch: „freue dich“. Manchmal heißt der Sonntag auch Freuden- oder Rosensonntag. Aufgrund dieser österlichen Vorfreude wird heute eine besondere liturgische Farbe verwendet. Das strenge, dunkle „violett“ der Passionszeit wird mit dem „Weiß“ des Osterfestes vermischt. Was daraus entsteht? Die Farbe „rosa“. Deshalb trage ich als freikirchlicher Pastor im heutigen Gottesdienst eine rosafarbene Krawatte.

Dennoch denke ich an diesem Freudensonntag auch an Jesu Leiden. Aber ich tue es in Vorfreude auf Seine Auferstehung, die mir von Ostern her bereits entgegenleuchtet. Dazu passt das biblische Leitmotiv dieses Sonntags. Jesus sagte seinen Jüngern vor seinem Leiden und Sterben folgenden Satz: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24). Das ist das Geheimnis des Lebens: Aus dem Sterben entsteht neues Leben.

Dass wenige Samenkörner oft eine gute, manchmal überwältigende Ernte ergeben, werde ich in einigen Monaten beim Sonntagsspaziergang „über die Felder“ feststellen. Momentan wird zwar erst das Saatgut in die Felder ausgebracht. Doch mit der Aussaat beginnt das Geheimnis von Wachstum und neuem Leben. Im Sommer sehe ich dann erntereif-wogende Felder mit vollen Kornähren.

So weckt auch der heutige Sonntag als Mitte der Passionszeit Hoffnung auf Fülle und Lebensfreude. Jesus sagt mir mit seinem Satz vom „Sterben des Weizenkorns“, dass auch aus Seinem Sterben neues Leben entstehen wird. Die Hoffnung auf neues Leben ist in diesen Wochen des Jahres 2021 so präsent wie selten zuvor. Wir hoffen, dass die Zahlen der Menschen, die sich mit dem Corona-Virus infizieren weniger werden. Wir möchten wieder schrittweise aus dem Lockdown ins quasi „normale Leben“ zurückkommen. Das wäre dann wahrlich ein Vorfreuden-Fest auf die Auferstehung; ein Fest, das sich vorsichtig aus dem Dunkel ins Licht, ins neue Leben  hineintastet.

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12MAI2020
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„Du hast einen Wunsch frei. Diesen will ich dir erfüllen.“ Was wäre wohl, wenn ein politisch Verantwortlicher im Traum von einer guten Fee so angesprochen würde? Vermutlich würde er es nicht glauben, denn mit solchen Angeboten rechnet ein Realpolitiker nicht! Er würde, in Erinnerung an einen großen Politiker, eher zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Doch nicht nur Sagen oder Märchen berichten von solch „guten Träumen“, sondern auch die Bibel.

So kommt Gott eines Nachts zu einem frisch inthronisierten König und sagt ihm: „Bitte, was ich dir geben soll!“ Der so Angesprochene überlegt sich sehr genau, was er für sein Regierungsamt braucht. Er antwortet so auf Gottes Bitte: „Gib deinem Knecht ein gehorsames Herz, dass er dein Volk richten könne und verstehe, was gut und böse ist“ (1Könige 3). Nur diese zwei Dinge braucht ein guter König: Ein Herz, das Gott gehorcht und ein Rechtsempfinden, das vernünftig zwischen „gut und böse“ unterscheiden kann! Ich finde, diese politische Bitte ist fast zu schön um wahr zu sein! Denn ein großes Problem in unserer Welt ist, dass nur wenige Staaten „gut und gerecht regiert werden“. Gewiss, in manchen europäischen Ländern ist dies noch der Fall. Aber in vielen Ländern dieser Welt sind Regierungen korrupt und Gerichte urteilen häufig zugunsten der Mächtigen und Reichen. Zudem sind die sozial-gesellschaftlichen Brüche oft so tief, dass viele Menschen in ihnen verschwinden.

Natürlich ist auch in unserem Land nicht „alles Gold, was glänzt“. Momentan wehren sich manche dagegen, dass ihnen die Grundrechte beschnitten werden. Dennoch bin ich dankbar dafür, wie die Regierung diese Pandemie managt und steuert. Und ich bin dankbar dafür, wie viele Menschen, die eher zu den kaum Beachteten gehören, in Supermärkten und Krankenhäusern, Apotheken und Altenheimen, Kindergärten und Schulen ihr Möglichstes tun, um uns ein einigermaßen stabiles Leben zu ermöglichen.

Dass obendrein die Sozialsysteme alles versuchen, um allzu große Härten abzufedern – auch diese Beobachtung macht mich dankbar. Deshalb: Auch wenn sich nicht alle Politiker dem christlichen Glauben „verpflichtet fühlen“, so handeln viele so, dass Leben geschützt und recht vernünftig zwischen „gut und böse“ unterschieden wird. Das ist zumindest für mich ein Grund, dankbar durch diesen Tag zu gehen.

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11MAI2020
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Vor einigen Tagen haben wir ein wichtiges Jubiläum nicht gefeiert! Ohne die Corona-Einschränkungen hätte es an vielen Orten in Europa – in Ost und West – ein großes Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gegeben. Große Hauptstadtparaden der Alliierten hätten daran erinnert, wie Nazi-Deutschland niedergerungen wurde. Im deutschen Bundestag hätte man sich dankbar daran erinnert, dass die alliierten Armeen aus Ost und West dem Tausendjährigen Reich nach zwölf Jahren ein Ende gemacht haben. Obwohl viele Deutsche unmittelbar nach Kriegsende den Sieg der Alliierten nicht als Befreiung, sondern als Niederlage empfanden, erwies sich dieser alliierte Sieg im Lauf der Jahrzehnte als äußerst positiv. Heute erinnern wir uns dankbar daran, dass wir zu einem Leben in Frieden und Freiheit bei wachsendem Wohlstand befreit wurden.

Dass in Deutschland wieder Strömungen an die Oberfläche kommen, die positiv über die Nazi-Diktatur denken, ist leider nicht zu übersehen. Doch die meisten Menschen freuen sich, dass sie in Frieden und Wohlstand leben und obendrein zuverlässig-unaufgeregt regiert werden. Die Unaufgeregtheit hebt sich gerade in den Corona-Zeiten wohltuend von vielen anderen Regierungen ab. Dennoch sprechen Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer von der größten, weltweiten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dass es oft unsichere Zeiten im Verlauf der Welt- und Menschheitsgeschichte gab, davon berichten sogar biblische Texte. Doch sie bezeugen bei aller Ungewissheit auch, dass Gottvertrauen sich lohnen kann. So wird in einem Klagelied gefragt, ob Gott Sein Volk verstoßen habe. Diese Menschen verzweifelten schier an ihrer erlebten Gottverlassenheit. Dennoch hielten sie an Gott fest und fragten ihn: „Warum verstößt du uns und lässt uns zuschanden werden?“ Solch bange Fragen münden in die Bitte an Gott: „Mach dich auf, hilf uns, erlöse uns um deiner Güte willen.“ Wer so zu Gott fleht, vertraut darauf, dass Gottes Hilfe schon früher erfahren wurde. Diese Erfahrung klingt dann so: „Gott, wir haben mit unseren Ohren gehört, unsere Väter haben’s uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten, vor alters“ (Ps 44,2). So will ich mich auch in dieser momentan merkwürdigen Zeit daran erinnern lassen, was ich schon an Positivem in diesem Land, mit diesem Gott erlebt habe. Denn positive Erfahrungen sind die „Sonnenstrahlen der Zuversicht“ auf ein hoffentlich bald wieder normales Leben.

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10MAI2020
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Heute dürfen Christen in Baden-Württemberg endlich wieder Gottesdienste feiern! In Rheinland-Pfalz war das schon am vergangenen Sonntag der Fall. Doch heute darf ich mich auch als Württemberger mit „meiner Gemeinde“ zur gottesdienstlichen Feier treffen. Aber: Wir sollen die Hygienevorschriften und Abstandsregeln einhalten. Dennoch können wir uns im Kirchenraum treffen, miteinander Gottes Wort hören, beten, still sein, den Segen empfangen.

Nur eins dürfen wir nicht: Singen! Und das an einem Sonntag, den die evangelische Gottesdienstordnung dem Singen gewidmet hat. Denn der heutige Sonntag trägt den Namen „Kantate“, also „Singet“. Kann man sich das vorstellen: Gottesdienst feiern ohne gemeinsamen Gesang? Das gemeinsame Singen ist für evangelische Christen geradezu ein Kennzeichen ihres Gottesdienstes. Nicht singen zu dürfen ist fast wie ein Fußballspiel mit „Torjubel-Verbot“. Die oberen Spielklassen allerdings planen „Geisterspiele“, die auch ziemlich umstritten sind. Denn ohne Torjubel und Begeisterung auf den Rängen kommt keine Stimmung auf.

Eine gottesdienstliche Zusammenkunft ohne Live-Gesang ist mir ebenso kaum vorstellbar. Dennoch freue ich mich, dass wir überhaupt wieder miteinander zum Gottesdienst zusammenkommen können. Ich möchte die Menschen, die zur Gemeinde gehören, wieder einmal von Angesicht zu Angesicht sehen – auch wenn sie Mund- und Nasenschutz tragen. Ich möchte – natürlich in gebührendem Abstand! – wieder einmal ein paar Worte mit ihnen wechseln und hören, wie es ihnen geht. Und ich wünsche mir, dass wir miteinander durch das Hören auf Gottes Wort Ermutigung, Hilfe und Trost für unseren Alltag empfangen, denn „das Wort, das mir hilft, kann ich mir nicht selber sagen“. Manchen Choral werde ich einfach nur lesen und die Melodie dazu spielen lassen. Dennoch werden wir in den nächsten Wochen und Monaten noch auf Einiges verzichten müssen – auf den Kirchenkaffee im Anschluss an den Gottesdienst zum Beispiel oder das gegenseitige Begrüßen per Handschlag oder das Umarmen. Aber ich freue mich auf jede Person, die wieder kommt.

Und deshalb möchte ich – auch wenn ich nicht singen darf, dennoch das tun, womit ein kluger Ratgeber einen anderen Menschen beauftragte: „Tu, was dir vor die Hand kommt – das ist gerade in solch besonderen Zeiten das Entscheidende! – denn Gott ist mit dir“ (1Sam 10,7). Deshalb lasse ich das Jammern sein und werde kräftig das anpacken, was mir zu tun möglich ist.

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13NOV2019
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Zugegeben: Man hört mir an, dass ich ein „Reingeschmeckter“ bin. Manchmal fragt mich jemand nach spätestens fünf Minuten: „Sie sind nicht von hier, oder?“ Ich lächle und sage: „Doch, ich lebe schon seit dreißig Jahren in Baden-Württemberg. Nach meinem Studium in Tübingen bin hier „hängen“ geblieben.“ Dann stellt der andere als nächstes fest: „Aber man hört es Ihnen nicht an!“. Auch das stimmt. Denn ich fände es merkwürdig, wenn ich als gebürtiger Nordhesse mit einer aus Bremen stammenden Mutter, der in Ostwestfalen aufgewachsen ist, plötzlich zu „schwäbeln“ anfinge. Dennoch lebe ich bereits lange genug in Schwaben, dass manches Verhalten auf mich abgefärbt hat. So bezeichnen mich manche schon als echten „Bruddler“, im Norden würde man „Nörgler“ sagen. Läuft etwas nicht so, wie ich es mir vorstelle, beginne ich zu „bruddeln“. Und manchmal halte ich es recht genau mit dem schwäbischen Motto, das ich jetzt hochdeutsch formuliere: „Habe ich nichts zu meckern, ist das schon ein großes Lob!“ Dabei tut einem ständiges „Bruddeln“ gar nicht gut. Das merke ich wohl. Andererseits: Manchmal ist ein wenig bruddeln gesünder, als allen Ärger in sich reinzufressen. Wer jedoch nur „bruddelt“, motzt oder kritisiert, wird von seinen Mitmenschen nicht sonderlich geliebt. 

Auch deshalb versuche ich, meinen kritischen Blick zu verändern. „Loben statt motzen“ wäre hin und wieder eine interessante Alternative, denke ich mir. Dazu jedoch muss ich zunächst Positives entdecken und aussprechen. Ich könnte also erst einmal „danke“ für etwas sagen, was ich empfangen habe, bevor ich Kritik äußere. Denn das Danken tut sowohl dem dankenden Menschen als auch dem Bedankten gut und entspannt manch angespannte Lage. „Dankbarkeit“ wirkt positiv und dient dem Frieden zwischen den Menschen. Ich falle dann nicht sofort mit meiner Kritik ins Haus, sondern überlege erst einmal, wofür ich danken kann. Dankbarkeit jedoch braucht zuerst mein Denken, mein Nach-Denken, denn „denken“ und „danken“ haben denselben Wortstamm. Deshalb nehme ich mir vor: Sollte ich mal wieder kurz vorm „Bruddeln“ sein, will ich erst einmal schauen und nachdenken, wofür ich „dankbar“ bin. Das tut mir gut und meinen Mitmenschen auch, denn es stiftet Frieden. Und das ist genau das, wozu ein biblischer Text ermutigt: „Glücklich sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5,9).

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