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16MRZ2021
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Die Passionszeit ist eine besondere Zeit. Viele Christen gestalten sie unter dem Motto „Sieben Wochen ohne…“ Andere verzichten auf Fleischkonsum, Alkohol, Nikotin oder Fernsehen. Wieder andere betrachten sie als richtige Fastenzeit: um abzunehmen oder um den Körper zu entgiften. Manche Zeitgenossen wollen gesunder, schöner, schlanker Frühling und Sommer genießen. Dabei werden dann die aufgestellten Regeln entweder genau beachtet oder auch laxer gehandhabt. Wie dem auch sei: Man könnte sich wunderbar über das Fasten und seine Nebenwirkungen streiten – und zwar nicht erst seit heute. Das war auch schon früher so.

Zu diesem Thema fand ich bei John Wesley (1703-1791), dem Gründer der methodistischen Bewegung, also bei „meinem aufgeklärten Kirchenvater“, einige interessante Gedanken. Dieser Menschenfreund, der sogar für die Abschaffung der Sklaverei eintrat, hatte für sein theologisches Denken vier Leitfragen. Er fragte: Was sagt die Bibel? Wie dachten die früheren Theologen? Was ist vernünftig? Was erfahre, erlebe ich selbst? Bibel, christliche Tradition, Vernunft und Erfahrung bestimmten sein Denken und Reden. Das war damals außergewöhnlich.

In exakt dieser Linie dachte John Wesley auch über das Fasten nach. Er schreibt: Bei keiner Sache „haben sich die Menschen mehr in Extreme verrannt als bei dem religiösen Fasten, von dem Jesus Christus gesprochen hat. Einige haben das Fasten weit höher bewertet, als es von Schrift und Vernunft her geboten ist. Andere dagegen haben es völlig missachtet und – als müssten sie Rache nehmen – es ebenso unterbewertet, wie die anderen es überbewertet haben. Die einen haben vom Fasten gesprochen, als wäre es das alles Entscheidende – wenn nicht das Ziel selbst, so doch unaufgebbar damit verknüpft. Die anderen meinten, das Fasten habe keinerlei Bedeutung und es sei eine fruchtlose Mühe, die überhaupt keine Beziehung zum Ziel des Glaubens habe. Die Wahrheit liegt sicher dazwischen: Das Fasten ist nicht alles, aber auch nicht nichts. Es ist nicht das Ziel selbst, aber ein kostbares Mittel, das dorthin führt; ein Mittel, das Gott selbst eingesetzt hat, durch das er uns gewiss seinen Segen geben will, wenn es richtig gebraucht wird“.

Sollten Sie also noch überlegen, ob Sie in diesem Frühjahr fasten wollen oder nicht, dann entscheiden Sie sich ruhig und vernünftig. Denn ein vernünftig durchgeführtes Fasten tut dem Körper ebenso wie dem Geist, der Psyche gut – gerade in diesen aufregend-bewegten Zeiten.

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 Über allem die Liebe. Ein John-Wesley-Brevier, Stuttgart 2000, zum 17. März

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15MRZ2021
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Der 15. März ist ein besonderer Tag! Nicht deshalb, weil sich nach der gestrigen Landtagswahl, heute die Sieger freuen und die Wahlverlierer ihre „Wunden lecken“. Sondern: 2019, vor zwei Jahren, fand zum ersten Mal der weltweit organisierte Klimastreik unter dem Motto „Friday’s for Future“ statt.

Nach dem Vorbild der Initiatorin Greta Thunberg gehen Schülerinnen und Schüler freitags während der Unterrichtszeit auf die Straßen. Sie protestieren dafür, dass wir endlich die Folgen des selbstgemachten Klimawandels ernst nehmen. So nahmen am 15. März 2019 weltweit fast zwei Millionen Menschen an den Demonstrationen teil. Nun bremste der Corona-Virus im Jahr 2020 diese Demos ziemlich ein. Dennoch: Der Klimawandel ließ sich ebenso wenig wie der Virus aufhalten – mit dem kleinen Unterschied, dass wir momentan impfend mit aller Macht gegen die Ausbreitung des Virus ankämpfen. Gegen den Klimawandel jedoch gibt es keine Impfstrategie. Hier sind vielmehr alle Menschen mit Einsicht und Vernunft gefragt, die globale Erwärmung durch das eigene Verhalten zumindest etwas aufzuhalten.

Was mich an der Bewegung „Friday’s for Future“ vor allem anspricht, ist die Begeisterung vieler junger und einiger älterer Menschen. Dennoch wundere ich mich auch: Gerade meine Generation der 60jährigen, die sogenannten Babyboomer, müsste  sich nur an die eigene Jugend erinnern. Wir lasen damals voller Schrecken die Studie „Global 2000 – Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. Wir schmeckten sauren Regen, fürchteten absterbende Wälder. Ozonloch und Friedensfrage, die Atomkrise nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl ebenso wie zu hoher Fleischkonsum bewegten uns. Aber wir taten nur wenig dafür, dass sich die Welt nicht weiter aufheizt und somit unsere Lebensbedingungen total verändert werden. Wir hatten die Konzepte für einen „einfacheren Lebensstil“ längst entwickelt – aber setzten sie nicht um.

Nun kommt wieder eine begeisterte, weltweit bestens vernetzte Generation und will, dass sich unsere Lebensverhältnisse nachhaltig ändern. Sie sind besorgt und begeistert. Sie wollen uns überzeugen und mit ihrer Begeisterung mitnehmen. Das ist gut – und vielleicht passt auf sie jener kleine Bibeltext, den die „Herrnhuter Losungen“ dem heutigen Tag als Geleitwort zugelost haben: Die Jugendlichen „können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was sie gesehen und gehört haben“ (frei nach Apg 4,20). Jene umweltbewegten jungen Zeitgenossen wissen: Es ist höchste Zeit zum Handeln, denn es gibt „keinen Planeten B“.

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14MRZ2021
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Am Aschermittwoch begann die Passionszeit. Sie dauert bis Ostern. Das sind sieben Wochen, in denen manche Menschen aus christlicher Überzeugung kein Fleisch essen. Oder sie verzehren mit Vorliebe „Maultaschen“, weil deren Nudelteig die Fleischfüllung so gut versteckt. Wie dem auch sei: Sieben Fastenwochen können lang werden. Deshalb setzen die Liturgen zur Hälfte der Passionszeit einen besonderen Akzent: Sie laden zu einem kleinen vorösterlichen Fest ein.

Dies Fest trägt den schönen lateinischen Namen Laetare, auf Deutsch: „freue dich“. Manchmal heißt der Sonntag auch Freuden- oder Rosensonntag. Aufgrund dieser österlichen Vorfreude wird heute eine besondere liturgische Farbe verwendet. Das strenge, dunkle „violett“ der Passionszeit wird mit dem „Weiß“ des Osterfestes vermischt. Was daraus entsteht? Die Farbe „rosa“. Deshalb trage ich als freikirchlicher Pastor im heutigen Gottesdienst eine rosafarbene Krawatte.

Dennoch denke ich an diesem Freudensonntag auch an Jesu Leiden. Aber ich tue es in Vorfreude auf Seine Auferstehung, die mir von Ostern her bereits entgegenleuchtet. Dazu passt das biblische Leitmotiv dieses Sonntags. Jesus sagte seinen Jüngern vor seinem Leiden und Sterben folgenden Satz: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24). Das ist das Geheimnis des Lebens: Aus dem Sterben entsteht neues Leben.

Dass wenige Samenkörner oft eine gute, manchmal überwältigende Ernte ergeben, werde ich in einigen Monaten beim Sonntagsspaziergang „über die Felder“ feststellen. Momentan wird zwar erst das Saatgut in die Felder ausgebracht. Doch mit der Aussaat beginnt das Geheimnis von Wachstum und neuem Leben. Im Sommer sehe ich dann erntereif-wogende Felder mit vollen Kornähren.

So weckt auch der heutige Sonntag als Mitte der Passionszeit Hoffnung auf Fülle und Lebensfreude. Jesus sagt mir mit seinem Satz vom „Sterben des Weizenkorns“, dass auch aus Seinem Sterben neues Leben entstehen wird. Die Hoffnung auf neues Leben ist in diesen Wochen des Jahres 2021 so präsent wie selten zuvor. Wir hoffen, dass die Zahlen der Menschen, die sich mit dem Corona-Virus infizieren weniger werden. Wir möchten wieder schrittweise aus dem Lockdown ins quasi „normale Leben“ zurückkommen. Das wäre dann wahrlich ein Vorfreuden-Fest auf die Auferstehung; ein Fest, das sich vorsichtig aus dem Dunkel ins Licht, ins neue Leben  hineintastet.

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12MAI2020
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„Du hast einen Wunsch frei. Diesen will ich dir erfüllen.“ Was wäre wohl, wenn ein politisch Verantwortlicher im Traum von einer guten Fee so angesprochen würde? Vermutlich würde er es nicht glauben, denn mit solchen Angeboten rechnet ein Realpolitiker nicht! Er würde, in Erinnerung an einen großen Politiker, eher zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Doch nicht nur Sagen oder Märchen berichten von solch „guten Träumen“, sondern auch die Bibel.

So kommt Gott eines Nachts zu einem frisch inthronisierten König und sagt ihm: „Bitte, was ich dir geben soll!“ Der so Angesprochene überlegt sich sehr genau, was er für sein Regierungsamt braucht. Er antwortet so auf Gottes Bitte: „Gib deinem Knecht ein gehorsames Herz, dass er dein Volk richten könne und verstehe, was gut und böse ist“ (1Könige 3). Nur diese zwei Dinge braucht ein guter König: Ein Herz, das Gott gehorcht und ein Rechtsempfinden, das vernünftig zwischen „gut und böse“ unterscheiden kann! Ich finde, diese politische Bitte ist fast zu schön um wahr zu sein! Denn ein großes Problem in unserer Welt ist, dass nur wenige Staaten „gut und gerecht regiert werden“. Gewiss, in manchen europäischen Ländern ist dies noch der Fall. Aber in vielen Ländern dieser Welt sind Regierungen korrupt und Gerichte urteilen häufig zugunsten der Mächtigen und Reichen. Zudem sind die sozial-gesellschaftlichen Brüche oft so tief, dass viele Menschen in ihnen verschwinden.

Natürlich ist auch in unserem Land nicht „alles Gold, was glänzt“. Momentan wehren sich manche dagegen, dass ihnen die Grundrechte beschnitten werden. Dennoch bin ich dankbar dafür, wie die Regierung diese Pandemie managt und steuert. Und ich bin dankbar dafür, wie viele Menschen, die eher zu den kaum Beachteten gehören, in Supermärkten und Krankenhäusern, Apotheken und Altenheimen, Kindergärten und Schulen ihr Möglichstes tun, um uns ein einigermaßen stabiles Leben zu ermöglichen.

Dass obendrein die Sozialsysteme alles versuchen, um allzu große Härten abzufedern – auch diese Beobachtung macht mich dankbar. Deshalb: Auch wenn sich nicht alle Politiker dem christlichen Glauben „verpflichtet fühlen“, so handeln viele so, dass Leben geschützt und recht vernünftig zwischen „gut und böse“ unterschieden wird. Das ist zumindest für mich ein Grund, dankbar durch diesen Tag zu gehen.

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11MAI2020
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Vor einigen Tagen haben wir ein wichtiges Jubiläum nicht gefeiert! Ohne die Corona-Einschränkungen hätte es an vielen Orten in Europa – in Ost und West – ein großes Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gegeben. Große Hauptstadtparaden der Alliierten hätten daran erinnert, wie Nazi-Deutschland niedergerungen wurde. Im deutschen Bundestag hätte man sich dankbar daran erinnert, dass die alliierten Armeen aus Ost und West dem Tausendjährigen Reich nach zwölf Jahren ein Ende gemacht haben. Obwohl viele Deutsche unmittelbar nach Kriegsende den Sieg der Alliierten nicht als Befreiung, sondern als Niederlage empfanden, erwies sich dieser alliierte Sieg im Lauf der Jahrzehnte als äußerst positiv. Heute erinnern wir uns dankbar daran, dass wir zu einem Leben in Frieden und Freiheit bei wachsendem Wohlstand befreit wurden.

Dass in Deutschland wieder Strömungen an die Oberfläche kommen, die positiv über die Nazi-Diktatur denken, ist leider nicht zu übersehen. Doch die meisten Menschen freuen sich, dass sie in Frieden und Wohlstand leben und obendrein zuverlässig-unaufgeregt regiert werden. Die Unaufgeregtheit hebt sich gerade in den Corona-Zeiten wohltuend von vielen anderen Regierungen ab. Dennoch sprechen Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer von der größten, weltweiten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dass es oft unsichere Zeiten im Verlauf der Welt- und Menschheitsgeschichte gab, davon berichten sogar biblische Texte. Doch sie bezeugen bei aller Ungewissheit auch, dass Gottvertrauen sich lohnen kann. So wird in einem Klagelied gefragt, ob Gott Sein Volk verstoßen habe. Diese Menschen verzweifelten schier an ihrer erlebten Gottverlassenheit. Dennoch hielten sie an Gott fest und fragten ihn: „Warum verstößt du uns und lässt uns zuschanden werden?“ Solch bange Fragen münden in die Bitte an Gott: „Mach dich auf, hilf uns, erlöse uns um deiner Güte willen.“ Wer so zu Gott fleht, vertraut darauf, dass Gottes Hilfe schon früher erfahren wurde. Diese Erfahrung klingt dann so: „Gott, wir haben mit unseren Ohren gehört, unsere Väter haben’s uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten, vor alters“ (Ps 44,2). So will ich mich auch in dieser momentan merkwürdigen Zeit daran erinnern lassen, was ich schon an Positivem in diesem Land, mit diesem Gott erlebt habe. Denn positive Erfahrungen sind die „Sonnenstrahlen der Zuversicht“ auf ein hoffentlich bald wieder normales Leben.

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10MAI2020
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Heute dürfen Christen in Baden-Württemberg endlich wieder Gottesdienste feiern! In Rheinland-Pfalz war das schon am vergangenen Sonntag der Fall. Doch heute darf ich mich auch als Württemberger mit „meiner Gemeinde“ zur gottesdienstlichen Feier treffen. Aber: Wir sollen die Hygienevorschriften und Abstandsregeln einhalten. Dennoch können wir uns im Kirchenraum treffen, miteinander Gottes Wort hören, beten, still sein, den Segen empfangen.

Nur eins dürfen wir nicht: Singen! Und das an einem Sonntag, den die evangelische Gottesdienstordnung dem Singen gewidmet hat. Denn der heutige Sonntag trägt den Namen „Kantate“, also „Singet“. Kann man sich das vorstellen: Gottesdienst feiern ohne gemeinsamen Gesang? Das gemeinsame Singen ist für evangelische Christen geradezu ein Kennzeichen ihres Gottesdienstes. Nicht singen zu dürfen ist fast wie ein Fußballspiel mit „Torjubel-Verbot“. Die oberen Spielklassen allerdings planen „Geisterspiele“, die auch ziemlich umstritten sind. Denn ohne Torjubel und Begeisterung auf den Rängen kommt keine Stimmung auf.

Eine gottesdienstliche Zusammenkunft ohne Live-Gesang ist mir ebenso kaum vorstellbar. Dennoch freue ich mich, dass wir überhaupt wieder miteinander zum Gottesdienst zusammenkommen können. Ich möchte die Menschen, die zur Gemeinde gehören, wieder einmal von Angesicht zu Angesicht sehen – auch wenn sie Mund- und Nasenschutz tragen. Ich möchte – natürlich in gebührendem Abstand! – wieder einmal ein paar Worte mit ihnen wechseln und hören, wie es ihnen geht. Und ich wünsche mir, dass wir miteinander durch das Hören auf Gottes Wort Ermutigung, Hilfe und Trost für unseren Alltag empfangen, denn „das Wort, das mir hilft, kann ich mir nicht selber sagen“. Manchen Choral werde ich einfach nur lesen und die Melodie dazu spielen lassen. Dennoch werden wir in den nächsten Wochen und Monaten noch auf Einiges verzichten müssen – auf den Kirchenkaffee im Anschluss an den Gottesdienst zum Beispiel oder das gegenseitige Begrüßen per Handschlag oder das Umarmen. Aber ich freue mich auf jede Person, die wieder kommt.

Und deshalb möchte ich – auch wenn ich nicht singen darf, dennoch das tun, womit ein kluger Ratgeber einen anderen Menschen beauftragte: „Tu, was dir vor die Hand kommt – das ist gerade in solch besonderen Zeiten das Entscheidende! – denn Gott ist mit dir“ (1Sam 10,7). Deshalb lasse ich das Jammern sein und werde kräftig das anpacken, was mir zu tun möglich ist.

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13NOV2019
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Zugegeben: Man hört mir an, dass ich ein „Reingeschmeckter“ bin. Manchmal fragt mich jemand nach spätestens fünf Minuten: „Sie sind nicht von hier, oder?“ Ich lächle und sage: „Doch, ich lebe schon seit dreißig Jahren in Baden-Württemberg. Nach meinem Studium in Tübingen bin hier „hängen“ geblieben.“ Dann stellt der andere als nächstes fest: „Aber man hört es Ihnen nicht an!“. Auch das stimmt. Denn ich fände es merkwürdig, wenn ich als gebürtiger Nordhesse mit einer aus Bremen stammenden Mutter, der in Ostwestfalen aufgewachsen ist, plötzlich zu „schwäbeln“ anfinge. Dennoch lebe ich bereits lange genug in Schwaben, dass manches Verhalten auf mich abgefärbt hat. So bezeichnen mich manche schon als echten „Bruddler“, im Norden würde man „Nörgler“ sagen. Läuft etwas nicht so, wie ich es mir vorstelle, beginne ich zu „bruddeln“. Und manchmal halte ich es recht genau mit dem schwäbischen Motto, das ich jetzt hochdeutsch formuliere: „Habe ich nichts zu meckern, ist das schon ein großes Lob!“ Dabei tut einem ständiges „Bruddeln“ gar nicht gut. Das merke ich wohl. Andererseits: Manchmal ist ein wenig bruddeln gesünder, als allen Ärger in sich reinzufressen. Wer jedoch nur „bruddelt“, motzt oder kritisiert, wird von seinen Mitmenschen nicht sonderlich geliebt. 

Auch deshalb versuche ich, meinen kritischen Blick zu verändern. „Loben statt motzen“ wäre hin und wieder eine interessante Alternative, denke ich mir. Dazu jedoch muss ich zunächst Positives entdecken und aussprechen. Ich könnte also erst einmal „danke“ für etwas sagen, was ich empfangen habe, bevor ich Kritik äußere. Denn das Danken tut sowohl dem dankenden Menschen als auch dem Bedankten gut und entspannt manch angespannte Lage. „Dankbarkeit“ wirkt positiv und dient dem Frieden zwischen den Menschen. Ich falle dann nicht sofort mit meiner Kritik ins Haus, sondern überlege erst einmal, wofür ich danken kann. Dankbarkeit jedoch braucht zuerst mein Denken, mein Nach-Denken, denn „denken“ und „danken“ haben denselben Wortstamm. Deshalb nehme ich mir vor: Sollte ich mal wieder kurz vorm „Bruddeln“ sein, will ich erst einmal schauen und nachdenken, wofür ich „dankbar“ bin. Das tut mir gut und meinen Mitmenschen auch, denn es stiftet Frieden. Und das ist genau das, wozu ein biblischer Text ermutigt: „Glücklich sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5,9).

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12NOV2019
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Zehn Tage für den Frieden – das ist die weltweite Ökumenische Friedensdekade. Im Moment sind wir mitten drin. In diesem Jahr hat sie das Motto „FriedensKlima“. Bis zum 20. November treffen sich friedensbewegte Menschen zu gemeinsamen Gottesdiensten und Gebeten. Sie nehmen so ihre christliche Verantwortung für Schöpfung und Welt wahr. „FriedensKlima“: Dies spannende Wort „beschreibt den Wunsch nach einer besseren Welt und zugleich eine bereits gelebte Praxis“. Wir Christen hoffen auf eine neue Welt, die Gott versprochen hat. Einmal wird sie kommen, hat sein Sohn Jesus gesagt. Dann werden alle Menschen an einem Tisch sitzen. Bereits jetzt fängt Gottes neue Welt an – und zwar überall da, wo Menschen im Sinne Gottes leben; wo sie sich für das Erhalten der Umwelt einsetzen, für ein gewaltfreies Miteinander oder ihre Konflikte einfallsreich lösen.

Dabei spricht das biblische Motto des heutigen Tages in der FriedensDekade von Jesus Christus. Von ihm heißt es in einem biblischen Text: „Denn Christus ist unser Friede. Er hat die trennende Mauer zwischen den Menschen überwunden, indem Er diese durch sein Kommen überbrückte“ (nach Epheser 2). Vor drei Tagen wurde an den Fall der Berliner und gesamtdeutschen Mauer von 1989 erinnert. Dass diese Mauer, an der so viele Menschen starben, beseitigt wurde, ist für mich bis heute ein Wunder! Dass Ost und West, die durch tiefe ideologische Gräben voneinander getrennt waren, wieder zusammenkamen, erscheint mir noch oft wie ein Traum. Und dass all dies friedlich, ohne Waffengewalt vollzogen wurde, erstaunt mich noch immer. Es geht also: Menschen können ihre Konflikte gewaltfrei lösen. Damals trugen die Kirchen ihren Teil dazu bei – mit Gottesdiensten, Gebeten, Demonstrationen. Heute jedoch erlebe ich, wie neue Mauern – manchmal nur in Köpfen oder sozialen Medien – hochgezogen werden. Das gesellschaftliche Klima ist nicht mehr so friedlich wie noch vor einigen Jahren. Der Umgangston wird rauer. Man spricht nicht mehr miteinander. Gegenseitiges Beschimpfen scheint normal zu werden. Man diskutiert nicht mehr sachlich, hört einander kaum noch zu. In dieser Situation mahnt das Stichwort „FriedensKlima“: „Reiß die Mauer zwischen dir und deinem Mitmenschen ein. Lass dich auf neue Gespräche ein. Heb die Feindschaft zwischen dir und deinem Nachbarn auf.“ Ein solches Friedensklima wirkt sich aus – bei Ihnen, bei mir und in der Schöpfung. Für dies Friedensklima lohnt sich aller Einsatz.

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11NOV2019
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Manche Zeitgenossen stehen heute voller Vorfreude auf. Denn endlich beginnt sie, die fünfte Jahreszeit. Heute, um 11 Uhr 11 fällt der Startschuss für die neue Faschings- oder Karneval-Session. An vielen Orten gibt es dafür eine eigene Tradition. Noch dauert es zwar einige Monate bis zum karnevalistischen Höhepunkt mit Prunk- und Stunksitzungen sowie den Umzügen am Rosenmontag. Aber ab heute bereiten sich manche schon darauf vor. Sie überlegen sich vielleicht schon, wie sie sich verkleiden, wie sie ihre Wagen und Umzüge gestalten wollen. Warum beginnt der Karneval bereits am 11. November? Manche sagen, das hängt mit dem Advent zusammen. In drei Wochen ist ja der erste Advent. Und Advent war ursprünglich eine Fastenzeit. In der Adventszeit sollen sich Christen innerlich auf Jesu Kommen in die Welt und in ihr Leben ausrichten. Deshalb verzehrte man vor Beginn der adventlichen Fastenzeit all jene Lebensmittel, die nicht „fastenzeittauglich“ sind. Das waren bis ins 19. Jahrhundert hinein Fleisch, Fett, Schmalz, Eier und Milchprodukte. Das bedeutet: Jetzt stillt man seinen „Hunger“ auf Fleisch oder Süßigkeiten. Dennoch gibt es in den Wochen bis zum ersten Advent bereits erste Faschings- und Karnevalsveranstaltungen.

Welches Motto die jeweiligen Faschingshochburgen in diesem Jahr wählen, weiß ich nicht. In der Bibel jedoch finde ich ein Motto, das gut zu Fasching und Karneval, zum Feiern und Verkleiden passt. Es lautet: „Sei weise zum Guten, aber geschieden vom Bösen“ (nach Römer 16,19). Dieser Hinweis auf das zwischenmenschliche Miteinander ist nicht nur für den Umgang in der Faschingszeit sinnvoll, sondern ganz generell. „Sei weise zum Guten“ fordert auf eine angenehme Weise heraus. Denn dann überlege ich mir nicht, wie ich mein Gegenüber schädige oder in den Schatten stelle. Ich überlege mir auch nicht, wie ich ihn in die „Pfanne haue“ oder mich über sie lustig mache. Sondern ich überlege, was meinem Gegenüber „gut“ tun könnte. Mit dieser Grundmelodie, meinem Gegenüber „Gutes tun zu wollen“ ließe sich gewiss prima Fastnacht, Fasching feiern. Ich denke darüber nach, was mein Gegenüber braucht, um sich wohl zu fühlen und gern feiern zu können – einerlei ob verkleidet oder nicht. So wünsche ich Ihnen heute einen gesegneten Tag und einen erfreulichen Anfang der „fünften Jahreszeit“.

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„Mit Musik geht alles besser“ ist ein altes Sprichwort, das heute sehr dominant umgesetzt wird. Das beginnt bereits beim Aufstehen: Radiowecker oder Smartphone dudeln die ersten Melodien. Beim Frühstück und Duschen spielen Radio oder mp3-Player die Playlist rauf und runter. Auf dem Weg zur Arbeit hört man entweder den SWR oder das selbst zusammengestellte Musikprogramm. So erlebe ich es beinah täglich: Überall wird Musik gespielt, meist von der Konserve. Und das ist heute auch wirklich einfach – denn ich habe sie entweder auf dem Smartphone gespeichert oder streame sie mir direkt aus dem „Netz“.

Aber geht mit „Musik tatsächlich alles besser“?! Oder lenkt Musik nicht auch ab und verhindert ein konzentriertes Arbeiten, eine konzentrierte Teilnahme am öffentlichen Leben? Und wovon soll Musik mich ablenken? Vielleicht von einer uninteressanten Arbeit? Oder vom Stehen im Verkehrsstau? Oder soll sie mich vom Nachdenken über mich und mein Leben abhalten? Vielleicht müsste man einmal ganz neu über den Sinn von privat gebrauchter Musik nachdenken. Vor allem wäre es gut, die „persönliche Note“ von Musik wieder zu entdecken.

Was ich mit der „persönlichen Note von Musik“ meine? Ich meine damit die Möglichkeit, nicht nur „Konservenmusik“ zu hören, sondern wieder einmal selbst zu singen. Das mag zunächst ein merkwürdiger Gedanke sein. Aber mir tut es gut, selbst zu singen: Dabei kann ich das eine oder andere Lied, das ich gerade höre, ja mitsummen oder – wenn ich niemanden störe – auch mitsingen! Ich könnte mich auch in einem Gesangsverein oder einem Chor anmelden und wieder neu das Singen lernen und ausüben. Ich würde vielleicht sogar neue Lieder lernen oder alte Lieder neu singen. Und ganz nebenbei würde ich sogar gut gelaunt durch meinen Alltag gehen, denn Singen versetzt in eine positive Stimmung. Bei Menschen, die selber singen – so las ich es vor kurzem – werden Glückshormone freigesetzt. Und das könne heißen: Ich gehe offener und aufmerksamer durch die Welt und freue mich an den schönen Dingen, die mir begegnen. Ein biblischer Sänger hat dies Erleben in folgende Worte gekleidet: „Singt Gott, dem Herrn, ein neues Lied, denn Er tut Wunder“ (Ps 98,1). So wünsche ich Ihnen für den heutigen Tag offene Augen und Ohren für das Leben, das um sie herum pulsiert. Vielleicht freuen Sie sich über das, was Sie sehend erleben und fangen an, selbst zu singen.

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