Woche vom 08.01.2012 bis 14.01.2012 

Von Harry Waßmann, Tübingen, Evangelische Kirche
Öffne mir die Augen
Samstag, 14. Januar 2012
„Mach doch die Augen auf! Schau in die Welt - mit klarem Blick!
Geht das gleich, auf Anhieb?
Mir fallen die ersten Blicke am Morgen schwer.
Wenn ich aufwache - öffne ich langsam und allmählich die Augenlider. Manchmal will es gar nicht gleich gelingen.
Meine Augen sind wie blockiert, wie versperrt. Schlaf in den Augen - wie man so sagt.
Und das kann Verschiedenes bedeuten: Ein Traum ist nicht zu Ende geträumt.
Oder Ängste vor Pflichten werden mit wach.
Die Augen auf bekommen - das ist ein Weg - vom Schlaf in den Alltag.
Noch beim ersten Blick auf die Zeitung, ist da ein Unbehagen in mir. Ich will nicht gleich Nachrichten und Informationen 1:1 auf mich wirken lassen.
Und ich möchte nicht nur eine bloße Wieder-Holung des Alltags.
Ich möchte anders, ich möchte neu in den Tag gehen. Erholt.
Ich brauche einen Augenöffner, der meine ersten Blicke und ersten Gedanken auf diese wunderbare Erfahrung lenkt: Dass ich heute diesen Tag erleben kann.
In einem Psalmgebet ist dieser Wunsch so ausgedrückt:
Gott, „öffne mir die Augen - dass ich sehe die Wunder an deinen Weisungen"(Ps 119,18)
Also nicht: Klapp, klapp! Augen auf und durch!
Sondern: Gott, Du, öffne mir die Augen!
Lass mich heute über die Alltagskämpfe und -krämpfe hinausschauen.
Und zwar bewusst und gerichtet: Dass ich bemerke und wahr nehme die wunderbaren Aspekte an Gottes Weisungen, an seinen Lebenshilfen.
Wenn ich mich z. B. heute an das Gebot erinnere: „Lass dich nicht gelüsten nach dem, was dein Nächster hat! Das kann meinen Ausblick auf den bevorstehenden Tag verändern:
Heute nicht mehr begehren, als mir gegeben ist.
Das kann meinen Eifer, meine Eitelkeiten, meinen Ehrgeiz dämpfen.
Dieser Blick auf ein einziges Gebot Gottes kann mein Leben auch entspannen:
Heute nicht immerfort andere übertrumpfen wollen. Nicht ihre Begabungen überbieten wollen, sondern schauen: Was sind meine Fähigkeiten, was kann ich - und was können andere - vielleicht auch besser als ich.
Gottes Lebenshilfen können meinen Alltag entlasten - vom ersten Augenblick an.
Sie können mein Leben orientieren und ihm Halt geben.
Darum:
Gott, „öffne mir die Augen - dass ich sehe die Wunder an deinen Weisungen" (Psalm 119,18).
So möchte ich aus dem Schlaf in den neuen Tag gehen. Neu auf- und ausgerichtet.
Die Gabe der Tränen
Freitag, 13. Januar 2012
Es heißt: Tränen schmecken bitter. Sie haben oft mit Schmerzen zu tun. Und die mag „man" oder soll „man" in der Regel nicht zeigen. Was aber, wenn Tränen ausbleiben? Wie bitter ist das! Wenn ich niemals weinen kann.
Wenn keine Schmerzenstränen und auch keine Freudentränen mehr fließen.
Wenn ich immer gefasst bin.
Wenn ich vor meinen Kindern - der Frau - den Freunden und Kollegen meine Tränen verstecke, wegdrücke. Wenn mir nie mehr zum Heulen zu Mute ist bei alten Bildern, Musiken, bei Erinnerungen an gelungenes und versäumtes Leben.
»gib mir die gabe der tränen gott«.
So beginnt ein Gebet von Dorothee Sölle (1929-2003).*
Das ist mir unter die Haut gegangen.
»gib mir die gabe der tränen gott«.
In Südafrika - so hat mir ein Freund vor Jahren erzählt - da hat er bei einem Gottesdienst erlebt, wie ein ganzes Dorf am Sonntagmorgen zusammen gekommen ist und alle haben erst einmal geweint. Alle miteinander - beinahe eine Stunde lang. Um danach in größter Freude und mit großem Halleluja Gottes Gegenwart in ihrer Mitte zu feiern.
Und unlängst hat mir ein Drogenabhängiger - von seiner Erfahrung erzählt - und mir direkt ins Gesicht gesagt: „Tränen reinigen. Sie müssen heulen. Nur so kommen Sie weiter."
Ich habe lange Tränen oft versteckt, in mir nicht aufkommen lassen.
Inzwischen rühren zu Tränen nicht nur Ängste und Sorgen.
Es können auch Songs von früher sein, oder auch schmerzhafte Irrtümer, an die ich mich erinnere, die zwar hinter mir liegen, aber einst Versöhnung verhindert haben.
Ich will Tränen zulassen:
Sie holen mein Leben zurück.
Sie decken verschüttete Empfindungen auf.
Sie öffnen mich für Sehnsüchte.
Tränen lösen meine übermäßige Selbstkontrolle.
Sie befreien mich von dem Deckel auf meinem Leben, den ich selber installiert habe.
Sie können helfen und heilen: dazu ermutigt mich dieses Gebet von Dorothee Sölle:
„Gib mir die gabe der tränen gott
... Führe mich aus dem lügenhaus
... schleif meine intelligente Burg
... Reinige mich vom verschweigen
... erinnere mich an die tränen der kleinen studentin in göttingen
wie kann ich reden, wenn ich vergessen habe wie man weint
wie kann ich reden wenn meine tränen nur für mich sind
Gib mir die gabe der tränen gott...
... gib mir das wasser des lebens."
Ich selber will noch näher an diesem Wasser des Lebens bauen.
Gott, gib mir die Gabe der Tränen!
* Dorothee Sölle - fliegen lernen, gedichte, Berlin 1979, S.35
Gottes-Teilchen
Donnerstag, 12. Januar 2012
Wo soll man Gott suchen?
Wenn ich höre, ein Mensch sucht Gott, denke ich zuerst an bohrende Fragen und schwere Lebenssituationen. Doch Menschen suchen Gott auch aus anderen Gründen.
Aus Neugier. Aus wissenschaftlicher Neugier: Wenn Gott ist - wo ist er dann?
In einer Pressemeldung vor ein paar Wochen hieß es:
„Cern-Forscher erspähen Spuren des Gottesteilchens"(13.12.2011) Sind Atomphysiker Gott auf die Spur gekommen?
Oder wenigstens einem Teil von ihm? Worum geht es?
Im Kernforschungszentrum Cern bei Genf untersuchen Physiker in einem 27 km langen, unterirdischen Teilchenbeschleuniger die Bedingungen, wie Materie entsteht.
Alle Elementarteilchen der Urmaterie seien bekannt - bis auf das noch nicht nachgewiesene so genannte Higgs-Teilchen, benannt nach dem schottischen Physiker Peter Higgs.
Wer nun das letzte Detail der Entstehung von Materie entdeckt - so die Annahme - kann auch die Entstehung der Welt erklären und hat damit angeblich auch Gott in die Karten geguckt.
Diese Annahme rührt her von einer großen Tradition europäischer Philosophie.
Der gilt Gott als prima causa, als erste Ursache allen Seins.
Und die Theologen - die Gotteswissenschaftler - sie haben das lange Zeit auch so behauptet: Gott ist die Ursache der Schöpfung - Physik und Metaphysik - die Natur und das Übernatürliche - haben den einen Ursprung: nämlich Gott.
Doch ganz so schwer erforschbar und verborgen wie das Higgs-Teilchen verhält sich der Gott der Bibel nicht.
Fassbar für immer, festlegbar für immer - das will er zwar nicht sein:
„Ich bin, der ich bin - ich werde sein, der ich sein werde." Das lässt Gott Mose so wissen - auf die Frage, wer er sei - und was sein Name sei. (2. Mose 3)
Und doch hat sich Gott identifizierbar geoutet, verbindlich. Nicht in einem Riesen - aber auch nicht in einem winzigen Elementarteilchen.
Christen sagen: In einem Stall - in der Krippe - in einem Kind - in Jesus - da ist Gott fassbar. Das ist sein menschliches Elementarteilchen.
Da ist Urmaterie seiner Zuwendung zu seinen Geschöpfen, zu Menschen und Tieren -zu seiner ganzen Schöpfung.
Viele Physiker glauben an das Higgs-Teilchen, auch wenn sie es nicht gesehen haben.
Möge es ihnen bald gelingen, es nachzuweisen. Ein Nobelpreis winkt für die Entdeckung.
Für alle, die darüber hinaus auch einen sinnlich-spürbaren Gott suchen, empfehle ich:
Sucht ihn in der Krippe, sucht ihn bei den Kindern, den Sanftmütigen, den Friedensstiftern, bei den Menschen, die leiden und von seinem Heiligen Geist getröstet werden.
Da habe ich ihn gefunden.

Von Dr. Karoline Rittberger-Klas, Stuttgart, Evangelische Kirche
ich glaub schon
Mittwoch, 11. Januar 2012
Ich glaub schon... Vielleicht ist manchen von Ihnen dieser Satz im lila Design auch schon aufgefallen, der neuerdings in Württemberg auf Plakaten der Evangelischen Landeskirche zu finden ist. Ich glaub schon - das klingt zunächst mal nicht sehr überzeugt, eher zögerlich und unsicher. Dabei soll der Slogan ja eigentlich für die Kirche und den Glauben werben.
Oder muss man den Satz anders lesen? Ich glaub schon - wobei sich die implizite Frage ergibt: und Sie? Das klingt schon überzeugter, fast herausfordernd.
Aber was bedeutet das in dem Fall: glauben? Wenn ich normalerweise eine Frage mit „Ich glaub schon" beantworte, dann meine ich damit: Ja, ich gehe davon aus, dass es so ist. Ich denke, das ist die korrekte Antwort, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin. Aber geht es darum in der Kirche?
Ich meine: Nein. Wenn in der Kirche vom Glauben die Rede ist, dann geht es nicht primär darum, bestimmte Aussagen für wahr zu halten. Und zur Not den Verstand auszublenden und Unverständliches und Zweifelhaftes nicht länger zu hinterfragen.
Ich glaube, das bedeutet in der Kirche vielmehr „ich vertraue". Ich vertraue darauf, dass es gut ist, dass es mich gibt - weil Gott mich so gewollt hat. Ich vertraue darauf, dass ich sein darf, wie ich bin, auch wenn ich Fehler mache - weil Gott mich nicht nach meinen Leistungen beurteilt. Ich vertraue auf einen anderen, vertraue mich einem anderen an - das gibt mir Gelassenheit und nimmt mir die Angst.
So ein Vertrauen, das ist etwas anderes als ein vages oder verkrampftes Für-Wahr-Halten. So ein Vertrauen, das muss man sich nicht abringen oder vor gegenteiligen Ansichten abschirmen. Im Gegenteil: Das trägt einen und ermöglicht, angstfrei auf andere zuzugehen - auch diejenigen, die etwas ganz anderes glauben.
Ich denke da an die Frau mit dem kranken Kind, von der in den Evangelien berichtet wird. (Matthäus 15,21ff, Markus 7,24ff) Sie ist keine Jüdin, teilt also den Glauben von Jesus wohl nicht. Aber sie vertraut darauf, dass Jesus ihrer Tochter helfen kann. Und wagt sich zu ihm. Ihre Tochter wird gesund, so berichtet die Geschichte. Was aus der Frau geworden ist, steht nicht da. Aber vielleicht hat sie nach dieser Erfahrung angefangen, sich auch mit dem zu beschäftigen, was Jesus gelehrt hat. Denn wenn ich spüre: Das Vertrauen trägt mich, dann gehen mich auch die Inhalte des Glaubens etwas an.
Ich glaub schon, das heißt also: Ich vertraue - trotz und mit allen meinen Zweifeln. Obwohl oder gerade weil ich eben nicht alles weiß. Insofern ist auch die andere Lesart ganz stimmig: Ich glaub schon... auch wenn ich mir nicht sicher bin. Aber die Sache mit Gott beschäftigt mich. Und ich möchte darüber ins Gespräch kommen.
ich bin
Dienstag, 10. Januar 2012
Ich mache gerne Pläne. Nicht nur jetzt, zu Beginn des neuen Jahres. Ich plane gerne die nötigen Dinge, damit alles funktioniert und mir möglichst keine unliebsamen Überraschungen drohen. Und ich schmiede darüber hinaus gerne Pläne, was noch so alles möglich wäre - im nächsten Urlaub, mit den Kindern, im Beruf. Und wenn ich ein bisschen Muße habe, hänge ich auch gerne Erinnerungen nach. Freue mich an schönen Zeiten, die ich erlebt habe.
Dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden. Obwohl: Sowohl die Zukunftsträume als auch die Erinnerungen können anstrengend werden. Denn nicht immer ist das, auf was ich voraus- oder zurückblicke angenehm. Und außerdem: Ob schön oder schrecklich, Zukunft und Vergangenheit können sich ganz schön breit machen. So breit, dass sie die Sicht auf das Hier und Jetzt verstellen. Schlimmstenfalls ist die Erinnerung an romantische Abendspaziergänge präsenter als der Gedanke, wie mein Mann und ich uns heute einen schönen Abend machen könnten. Oder: Während meine Tochter als Weihnachtsengel „Vom Himmel hoch" singt, denke ich daran, dass ich eigentlich längst eine Klavierlehrerin suchen wollte.
Wenn es so weit kommt, finde ich, dann wird es bedenklich. Deshalb haben mich die verspäten Weihnachtsgrüße aus Kamerun ganz seltsam berührt, die neulich bei mir angekommen sind. Der Karte war ein kurzer Text von der Amerikanerin Helen Mallicoat beigefügt. Sie lässt darin Gott selbst zu Wort kommen. Gott spricht mit einem, der seine Vergangenheit bereut und sich vor der Zukunft fürchtet.
"Wenn Du in der Vergangenheit lebst", sagt Gott, „mit ihren Fehlern und den Dingen, die Du heute bereust, ist es schwer. Mein Name ist nicht: ich war. Wenn Du in der Zukunft lebst, mit ihren Problemen und Sorgen, ist es schwer. Mein Name ist nicht: Ich werde sein. Wenn Du in diesem Augenblick lebst, ist es nicht schwer. Ich bin da. Mein Name ist: Ich bin."
Helen Mallicoat hat so erklärt, wie sie die berühmte Bibelstelle versteht, wo Mose Gott nach seinem Namen fragt - und der antwortet: „Ich werde sein, der ich sein werde." So übersetzt Luther. Oder: „Ich bin, der ich bin". Was der hebräische Urtext meint, ist auf Deutsch nur schwer einzufangen.
Im Augenblick ist Gott da. Deshalb ist es gut, den Augenblick zu leben, ihn wahrzunehmen und zu schätzen. Heute Abend noch mit meinem Mann ein Glas Wein trinken. Und beim Krippenspiel nur an die Engel denken. Und da vielleicht auch Gott finden. Das wäre mal ein anderer Plan für das neue Jahr. Von selbst wäre ich da nicht draufgekommen. Aber manchmal braucht man eben eine Botschaft, die von weiter her kommt.
gastfrei
Montag, 09. Januar 2012
Bekommen Sie gerne Besuch? Heute, nach zwei Wochen voller Feiertage, haben viele wahrscheinlich eine differenzierte Meinung zu diesem Thema.
Ich muss zugeben: Ich bin bei Besuch auch nicht ganz entspannt. Früher habe ich mir gerne ausgemalt, wie es wäre, ein ganz und gar offenes Haus zu führen. Und habe mich geärgert, dass die ältere Generation immer so einen Umstand macht, sobald sich Gäste ankündigen. Heute fange ich selbst an, Kuchen zu backen - oder mindestens welchen vom Bäcker zu holen -, das gute Geschirr rauszuholen und den Kindern saubere Kleider anzuziehen.
Einerseits ist das natürlich schön. Der selbst gebackene Kuchen, das ist ja auch ein Zeichen der Wertschätzung. Und es kann Freude machen, alles liebevoll für die Gäste vorzubereiten. Aber gleichzeitig können solche Maßstäbe zur Belastung werden. Manchmal fehlt die Zeit, manchmal die Kraft oder der Platz, Gäste so zu empfangen, wie man gerne möchte - oder wie man denkt, dass sie es erwarten. Und dann - ja dann verzichtet man vielleicht lieber auf eine Einladung. Oder bittet diejenigen, die spontan klingeln, lieber nicht herein.
Ich finde das schade. Denn über die Feiertage habe ich dieses Jahr mal wieder die Erfahrung gemacht: die spontanen Begegnungen waren die schönsten. Wenn man sich beim Spazierengehen zufällig getroffen hat und dann gemeinsam eine Tasse Kaffee getrunken - mitten im chaotischen Wohnzimmer zwischen neuen Kinderspielsachen und Überresten der großen Weihnachtsfeier.
In der Bibel ist Gastfreundschaft ein wichtiges Thema - und ein hohes Gut. Seid gastfrei, so ermahnen die Apostel immer wieder die ersten Christen. Gastfreundschaft, das bedeutet natürlich auch, dass man Gästen einen angenehmen Aufenthalt bereitet. Aber vor allem bedeutet es, dass man sie überhaupt einlässt - und sich auf sie einlässt. Offen zu sein, auch wenn es gerade gar nicht zu passen scheint, weil man äußerlich oder auch innerlich nicht aufgeräumt ist - das kann eine Überwindung sein. Aber ich glaube: eine lohnende.
Denn eine Kultur der Gastfreundschaft verändert auch das Miteinander in einer Gesellschaft. Wenn ein Besuch kein Staatsakt ist, sondern zum Alltag gehört, dann kann ich mich trauen, einfach mal wo vorbeizuschauen, statt einsam daheim zu sitzen. Und jemanden herein zu bitten, selbst wenn ich nichts im Haus habe.
Gastfreundschaft ist ein Geschenk. Und sie birgt nicht selten wunderbare Überraschungen: „Gastfrei zu sein vergesst nicht", heißt es im Hebräerbrief, „denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt." (Hebräer 13,2)



