Woche vom 05.04.2009 bis 11.04.2009 
Pfarrerin Annette Bassler trifft Roger Willemsen, Publizist, Moderator
Freitag, 10. April 2009

Teil 1: Geistige Freiheit
Der Knacks, so lautet der Titel eines Bestsellers, in dem es um menschliches Scheitern, um Brüche und Wendepunkte im Leben geht.
Geschrieben hat das Buch der Publizist und Filmemacher Roger Willemsen.
Vor 11 Jahren hat er seine fulminante Fernsehkarriere beendet. Weil er sich nicht verbiegen wollte wegen der Quote.
Mir macht das Scheitern deshalb nicht furchtbar viel aus, weil ich vom Gelingen nicht eine so große Meinung habe. Ich muss eine Sache aus ihr selbst begründen, ich muss genau wissen, warum ich ein Buch mache und könnte jede Frage, warum es so und nicht anders ist, aus sich selbst beantworten. Dann ist der Erfolg etwas Sekundäres.
Wichtiger als Erfolg ist es, über den Knacks zu reden, meint der Humanist Roger Willemsen. Denn im Knacks im Leben kann Lebenssinn liegen. Das passt zum Karfreitag
Seine Predigt über die Lüge hat fast eine Stunde gedauert. Ein Feuerwerk kluger Pointen. Viel Gelächter in der vollen Kirche. Und jetzt sitzt er mir in der Sakristei gegenüber. Hinter seiner großen rechteckigen Brille leuchten freundliche Augen. Kaum zu glauben, dass der attraktive 54 jährige Willemsen noch immer solo ist.
Pfarrerin? Fragt er. Ja, er ist sehr protestantisch erzogen mit Religions- und Konfirmandenunterricht. Und protestantischem Karfreitag.
Ich kann mich nicht daran erinnern, den Karfreitag als bedrückenden Tag empfunden zu haben, ich hab eher schon als Kind das Gefühl gehabt, dass das Unterbrechen durch Feiertage dem Leben Akzente gibt, der Tag fühlte sich anders an, die Farben waren anders es waren eher Moll- Tage, keine Dur- Tage und das hat mir nicht geschadet.
Eher in Moll als in Dur ist auch seine Art zu reden und zu denken. Der studierte Germanist, Philosoph und Kunsthistoriker hat seine wissenschaftliche Laufbahn mit Forschungen über den „Selbstmord in der Literatur“ abgebrochen. Er wollte lieber schreiben und Filme machen. Und so wurde er so etwas wie der Philosoph unter den Fernsehmoderatoren, hat viele Berühmtheiten portraitiert, von Madonna bis Yassir Arafat, von Kurt Masur bis Woody Allen. Meine Ehrfurcht, diesen Meister des Interviews nun selber befragen zu dürfen, kommentiert er mit einem freundlichen „Dankeschön“.
Als Fernsehmann hat er gelernt, dass Erfolg eben nicht an der Quote zu messen ist.
Wenn ich bei allen meinen Projekten mich fragen würde, ob ich Erfolg habe, dann wäre ich am Ende Reinhold Beckmann, und das will ich nicht sein, sondern ich muss mich fragen: kann ich es begründen.
Selber begründen, was man tut, vor dem, was einem wichtig und heilig ist. Martin Luther hat das ähnlich ausgedrückt. Einzig frei ist der Mensch, der vor dem Gewissen und vor Gott begründet und rechtfertigt, was er tut. Und eben nicht der Quote hinterher läuft und ängstlich nach der Anerkennung der Anderen schielt.
Ich frage ja bei der Angst: sagt ihr mir, ob es gut ist, das ist aber ein falscher Schluss. Aber wenn ich das Buch schlechter schreibe, als ich es schreiben könnte, dann ist es ein Misserfolg, der mich schmerzt.
Das Buch, das er meint, ist das erfolgreichste, das er je geschrieben hat. Übers Scheitern, über den Knacks im Leben. Nie hätte er gedacht, dass es ein Bestseller würde. Umso mehr freut er sich jetzt. Dass ein Knacks im Leben, eine Lebenswunde, ein Bruch in der Biographie einen Menschen erst richtig menschlich machen kann.
Für mich ist ein Leben bei dem ich permanent auf den Zuwachs des persönlichen Wohls ausgerichtet bin, kein wirkliches Leben, weil ich dieses Wohl nicht mehr empfinden kann, aber ich habe zu Hause vier Ordner mit Zeichnungen von Kindern aus Afghanistan, die aus der bloßen Tatsache, dass wir ihnen Brunnen bohren, ein Brunnen kostet 800 Euro und er rettet Mädchen, die durch Minenfelder laufen müssen um am Fluß kontaminiertes Wasser, das häufig Infektionskrankheiten auslöst, zu schöpfen.
Und da sind wir auch schon bei den Leidenden Menschen, um die es im Karfreitag ja geht. An den Roger Willemsen viele Anfragen hat.
Teil 2: Das Kreuz von unten betrachtet
Schon öfters hat der Protestant Willemsen in Kirchen eine Predigt gehalten. Weil er über die Jahre immer mehr fasziniert ist von der Mitmenschlichkeit des Christentums. Und doch hat er eine Menge Anfragen. Zum Beispiel an die Sache mit dem Kreuz.
Wenn ich früher Reiseleiter in Florenz war, drehte ich mich einmal um mich selbst und sagte: sehen Sie, da wird grade jemand gekreuzigt, da haben wir ein Martyrium, da haben wir einen Stephanus, der mit Steinen beworfen wird. Also dass der Schmerz eine derartige Bedeutung in der Religion hat ist signifikant.
Wenn das Leid und der Schmerz so im Mittelpunkt stehen, ist das nicht eine Einladung zur Perversion? Dass man anfängt, den Schmerz und das Leid zu mögen. Nach dem Motto: je schlechter es mir geht, desto besser bin ich als Christ?
Es ist immer die Erinnerung an Schmerz und es ist keine unbedingt angenehme Erinnerung, sich mit dem Schmerz zu konfrontieren. Und es ist immer die Frage, warum sich dieser Glaube ein Bild gesucht hat, das durch Blut und Folterbilder repräsentiert wird.
Im Gespräch mit Willemsen wird mir deutlich, wie wichtig es ist, die Geschichte vom Kreuz aus der richtigen Perspektive zu sehen. Nicht aus der Perspektive der Mächtigen. Sondern aus der Perspektive derer, die leiden und ohnmächtig sind. Von unten muss man aufs Kreuz schauen. Und das tut Willemsen intuitiv richtig, trotz aller Zweifel und Anfragen.
Gleichzeitig finde ich es wirklich wichtig, für Erniedrigte und Beleidigte aufzutreten, ich finde es wirklich wichtig, Opfergeschichten zu erzählen. Und insofern ist ein Teil des Lebens, das mir sinnvoll erscheint, immer auch ein Leben für Andere. Nur- ich würde das nicht an die große Glocke hängen wollen, weil ich das als die natürliche Folge eines öffentlich Arbeitenden empfinden würde.
Mit Hingabe widmet er sich einem afghanischen Frauenverein, spendet Geld, nützt seinen guten Namen, um Gutes ganz praktisch zu tun. Brunnen schenken. Schulen schenken.
Ich kann in diesem Gottesdienst sitzen und kann sagen: wie schön ist die Architektur, wie erhaben klingt, was da von der Orgel zuhören ist, wie schön ist, dass sich da Menschen versammeln und bereit sind, etwas Zweckloses zu tun und sich einer so unvernünftigen Verhaltensweise wie dem Glauben in die Arme zu werfen, das alles hat meine grenzenlose Bewunderung.
Aber selbst kann er es nicht tun. Sich Gott in die Arme zu werfen. Einfach so zu Gott zu beten.
Ich glaube, es muss einfach innen wieder klingen. Und es muss etwas geben, was von der Existenz dessen, was ich da aufrufe, tief überzeugt ist. Und meine Überzeugung geht da nicht mit.
Weil es da bei ihm einen Bruch gibt, ein Schweigen, einen Knacks. Mir ist am Karfreitag wichtig, mit anderen zu bedenken: wir sind nicht allein mit unserem Knacks, mit den Fragen und dem Schweigen. Am Ende werden wir Antwort bekommen. Weil Gott uns will.
Günther Gremp trifft Dr. Claus Hipp
Sonntag, 05. April 2009

Kreuze aufhängen und ethisch wirtschaften
Als ich das Verwaltungsgebäude des HIPP – Werkes im bayerischen Pfaffenhofen betrete, empfangen mich an den Wänden nicht überdimensionierte HIPP – Gläschen oder Werbesprüche für Babynahrung, sondern großformatige Gemälde – der Firmenchef Claus Hipp ist auch Künstler - und ein großes holzgeschnitztes Kreuz:
Jeder, der zu uns kommt, weiß, wie wir denken, wie wir eingestellt sind. Meine Eltern hatten natürlich auch während der Nazi – Zeit Kreuze hängen und haben deswegen viel Leid erdulden müssen. Aber warum sollten wir unseren Glauben nicht nach außen hin bekennen?
Die Frage stellen, heißt für den Unternehmer, Künstler und promovierten Juristen Claus Hipp, sie positiv zu beantworten.
Wenn vom Herrn über die HIPP – Gläschen die Rede ist, dann ist er der Claus Hipp, wenn er als Maler und Kunstprofessor auftritt, dann nennt er sich Nikolaus Hipp. Und das hat mit seiner Herkunft zu tun:
Meine Mutter war Schweizerin und sie wollte meinen Vater heiraten, der Deutscher war. Die Schweizer Familie war dagegen. Das war vor dem Krieg, man wusste, wie das politisch weiter geht. Da hat sie eine Wallfahrt gemacht zum Nikolaus von der Flüe und hat da versprochen, den ersten Sohn so zu nennen, wenn sie den Mann kriegt. Und sie hat meinen Vater geheiratet und ich habe so meinen Namen bekommen.
Die Verwurzelung in einer christlichen Familie und der Name des Schweizer Nationalheiligen aus dem 15. Jahrhundert sind für Claus Hipp nichts Beiläufiges. Daran orientiert er sich:
Ich schätze meinen Namenspatron ganz besonders, denn es ist beeindruckend, dass er als Analphabet doch vielen Studierten wertvolle Dinge gesagt hat, dass er vor allem für den Frieden so aktiv tätig war in seinem Land, aber trotzdem für die Freiheit, für die Unabhängigkeit, die Wehrhaftigkeit und die Christlichkeit der Schweiz eingetreten ist.
Das sind Ziele, die in der Unternehmenssprache dauerhafter Erfolg, ehrlicher Wettbewerb oder guter Umgang mit den Mitarbeitern heißen könnten, kurz ethisch verantwortet wirtschaften. Um das zu gewährleisten hat sich die Firma Hipp eine detaillierte Ethik-Charta gegeben, die Claus Hipp in seinem Buch „Die Freiheit es anders zu machen“ auf 38 Seiten wiedergibt.
Wir sind sehr bestrebt, uns um Wirtschaftsethik zu kümmern, aber es ist nicht alles bei uns so in Ordnung und es gibt viel zu verbessern. Trotzdem stehen wir besser da als wenn wir es nicht mal fest geschrieben hätten. Dinge, die die Eltern, die Großeltern und die Vorfahren schon gelebt haben und die wir auch in die nächste Generation weitergeben.
Zu diesen Dingen gehört ganz gewiss der organisch-biologische Landbau. Bewahrung der Schöpfung und Qualitätsdenken gehen Hand in Hand, wenn Hipp mit rund 6000 Öko-Bauern zusammenarbeitet und sich das auch etwas kosten lässt:
Im Wettbewerb gibt es starken Preiskampf. Wenn wir aber unsere Lieferanten jetzt im Preis zu sehr drücken, dann sind die nicht mehr in der Lage, gute Qualität zu liefern. Also müssen wir uns unseren Lieferanten gegenüber fair verhalten und ihnen so viel zugestehen, dass sie gut leben können davon und dass sie gute Qualität liefern können. Jedes andere Verhalten würde vielleicht kurzfristig einen höheren Ertrag bei uns bringen, aber langfristig würde es nicht funktionieren, weil wir schlechte Qualität bekämen und dann würden wir am Markt unsere Position verlieren.
Ethisch handeln heißt für den 70jährigen, nicht nur ans eigene Konto im Auge zu behalten:
Die Sozialverpflichtung des Eigentums sagt einerseits, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut zu bezahlen. Wir müssen aber auch bei der Sozialverpflichtung des Eigentums an die Allgemeinheit denken. Es gibt viele Dinge im Staat, die staatlicherseits nicht genug oder überhaupt nicht geregelt sind. Da ist dann die Wirtschaft, da sind die Unternehmer gefordert zu helfen. Das kann im Sozialbereich sein, das kann genau so gut im kulturellen Bereich sein.
Ich bin überzeugt, dass ich später mal nicht dran gemessen werde, wie viel Geld ich angehäuft habe, sondern was ich damit gemacht habe.
Chef und Diener
Einen Unternehmer, der in einem Buch die 10 Gebote als Leitlinien seines Handelns beschreibt und aktuell auslegt, im Blick auf die Firma und privat, den geht man suchen.
In Claus Hipp kann man einen solchen Mann finden.
Nicht nur in seinen Produkten bekennt sich Claus Hipp zum Ökologischen. Auch das Verwaltungsgebäude der Firma ist aus natürlichen Rohstoffen gebaut, z.B. mit Holz und Ziegelsteinen. Statt des Künstlichen findet man hier Kunst: große abstrakte Gemälde des Hausherrn, der auch als Künstler und Kunstprofessor internationalen Ruf genießt. Firmenleitung und Künstler – das sollte den Tag ausfüllen, aber Claus Hipp hat noch eine ehrenamtliche Aufgabe:
Also ich bin in der Kirche tätig als Mesner einer Wallfahrtskirche und ich ministriere. Ich sperre die Kirche in der Früh auf und ich kümmere mich drum und als der heutige Hl. Vater noch unser Münchener Erzbischof und Kardinal war, da hat er mir gesagt, ich soll mich wie früher ein Patron auch weiterhin um die materiellen Nöte dieses Gebäudes kümmern und das mache ich auch sehr gerne.
Für Claus Hipp ein praktischer Ausfluss seiner religiösen Lebenseinstellung:
Glauben ist ein Ausdruck des Willens, aber auch ein Ausdruck der Demut.
Demut, denke ich, ist ja nicht unbedingt die Standardeigenschaft für Unternehmer, die im allgemeinen sagen, wo es lang geht. Aber Claus Hipp hat offensichtlich kein Problem mit seiner Rolle als Laie in der Kirche, fühlt sich nicht gegängelt:
Der Münchener Erzbischof hat den Wahlspruch „Wo der Geist Gottes ist, da ist die Freiheit“. Wenn wir im Geist Gottes leben, dann haben wir die Freiheit. Aber um im Geist Gottes zu leben, gibt es schon gewisse Begrenzungen in unserem Leben; gewisse Opfer, aber die bringen uns die Freiheit. Insofern fühle ich mich als Diener und ich freue mich, wenn ich dienend mithelfen kann.
Zum Beispiel in seiner kleine Wallfahrtskirche:
Es freut mich, dass viele Menschen da hingehen, dass auch in unserer heutigen Zeit das Bedürfnis nach Mystik da ist, nach Ruhe und nach der Begegnung im Glauben, auch an Plätzen, an denen nicht immer ein Priester da ist, sondern nur das Allerheiligste und der Raum.
Mystik und Ruhe – im Kloster selbstverständlich, aber in einer Firma mit 1000 Beschäftigten an fünf Standorten?
Ich nehme mir jeden Tag Zeit, wenn ich die Kirche aufsperre, aber auch wenn ich in der Stadt bin und zwischendurch mal eine Zeitspanne frei ist, dann führt mich der Weg oftmals in eine Kirche. Beten kann man überall, ob ich aufs Flugzeug warte oder im Flugzeug, das ist immer möglich, im Auto genauso. Meditative Momente und Mystik ist von besonderer Bedeutung. Und das sollten wir auch wieder erkennen, dass wir das alles in der Kirche auch haben. Wir brauchen nicht nach Indien oder sonst wo hingehen. Das ist ein großer Schatz. Wir müssen dankbar sein, dass wir das haben.
Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, denke ich, als ich mich von Dr. Claus Hipp verabschiede. Aber dann zeigt er mir gleichsam den Schlüssel zu seinem Verständnis:
Was mich in unserem heutigen Leben doch immer bewegt ist vom Apostel Paulus, wenn er sagt: blickt nach oben, nicht nach unten. Also wir sollen in all unserem Tun nach oben blicken und schauen: es ist unter einem anderen Gesichtspunkt zu sehen als wenn wir es nur unter irdischen Kriterien anschauen.
Buchtipp:
Claus Hipp:
Die Freiheit, es anders zu machen.
Mein Leben, meine Werte, mein Denken.
Pattloch-Verlag. München 2008. 304 S., € 18.95



