Manuskripte

SWR3 Worte

02NOV2019
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Allerseelen steht heute in meinem Kalender. Der Gedenktag für die Verstorbenen. Der Autor Joachim Meyerhoff beschreibt in einem seiner Romane wie er seine verstorbenen Großeltern in sich lebendig hält:

„Kaum, dass ich an sie denke, sind sie auch schon da. Sitzen in ihrem Sessel und stoßen mit mir an. Verlässlicher Besuch aus dem Totenreich. Es kommt mir so vor, als würde es sie freuen, wenn ich mich an sie erinnere. Mit offenen Armen empfangen sie mich und der Unterschied, zu einem echten Besuch bei ihnen als sie noch am Leben waren und einem Gedankenbesuch, verfliegt. Wie auch immer sie das geschafft haben, die Vergänglichkeit verschont sie und die Zeit trägt sie, wann ich es will, bereitwillig auf Händen zu mir. Ganz und gar lebendig.“

 

Quelle: Joachim Meyerhoff, „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, Kiepenhauer&Witsch, München, 2015, Seite 347.

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01NOV2019
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Heute ist Allerheiligen. Meine Lieblingsheilige ist Teresa von Avila. Denn sie war eine fromme Frau mit einem ganz speziellen Humor. Der sich zum Beispiel in Geschichten wie dieser zeigt:

Einmal beklagte sie sich im Gebet darüber, dass sie sich als Äbtissin mit so viel Generve und Problemen herumzuschlagen habe. Worauf sie Gott sagen hörte: „So behandle ich meine Freunde“. Und sie antwortete ihm: „Darum hast Du auch nur so wenige!“

 

 

Quelle: https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=3694_Teresa+von+Avila&seite=4

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31OKT2019
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Jean Ziegler ist 85 Jahre alt, hat als UNO Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung viel Elend gesehen und ist dadurch zu einem der schärfsten Kritiker des Kapitalismus geworden. Er will ihn abschaffen und begründet das so:

Unsere gegenwärtige Weltordnung ist … eine Diktatur …des globalisierten Finanzkapitals. Wenn man alle Sparten … zusammennimmt, beherrschten im Jahr 2018 laut Weltbank die 500 größten Privatkonzerne die Hälfte des Weltbruttopsozialprodukts, also alle in einem Jahr produzierten Reichtümer. Diese Privatkonzerne … besitzen eine Macht ohne jegliche Kontrolle. Weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen können sie kontrollieren. Egal, wo wir in der Geschichte suchen, kein Kaiser, kein König und kein Papst hat je eine solche Macht gehabt.

 

 

Quelle: Galore Interviews, „Die kannibalische Weltordnung muss gestürzt werden“, Interview von Sylvie-Sophie Schindler mit Jean Ziegler, Seite 14.

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30OKT2019
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Weltspartag steht heute in meinem Kalender. Wo sich doch das Sparen bei null Zinsen überhaupt nicht mehr lohnt. Obwohl viele Banken noch ein Bombengeschäft machen. Der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat eine Idee, was die Großbanken mit ihren Gewinnen machen könnten. Er sagt:

Wussten Sie, dass die Europäische Zentralbank im vergangenen Jahr 92 Milliarden Euro Gewinn gemacht hat? Nicht mit irgendwelchen unternehmerischen Aktivitäten, sondern unter anderem mit griechischen Staatsanleihen. Selbst mit unserem bankrotten Land lässt sich also noch Geld machen! Stecken wir doch dieses Geld in einen Fonds, um die Armut zu bekämpfen!

 

 

Quelle: Galore Interviews, „Politik ist ein ekelhaftes Geschäft“, Interview von Patrick Wildermann mit Yanis Varoufakis, Seite 33.

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29OKT2019
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Thomas Gottschalk hat ein Buch über sein Älterwerden geschrieben. Darin denkt er auch an die Lebenszeit die ihm noch bleibt. Für die hat er sich folgendes vorgenommen:

Wahrhaftig sein. Nicht mehr das vor mich hinzumoderieren, was mein Gegenüber hören möchte, sondern ihm das zu sagen, was ich wirklich denke, ob es ihm passt oder nicht.

 

Quelle: Thomas Gottschalk „Herbstbunt – Wer nur alt wird, aber nicht klüger, ist schön blöd“, Heyne Verlag, München, 2019, Seite 271.

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28OKT2019
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Thomas Gottschalk hat ein Buch über sein Älterwerden geschrieben. Und schaut dabei auch auf sein Leben zurück. Im Großen und Ganzen ist er damit zufrieden. Wenn er aber etwas bedauert, dann ist es folgendes:

Was mir gefehlt hat… ist der Mut zum Widerspruch. Ich habe zu oft Ja gesagt im Leben und zu oft geschwiegen. Das klingt aus meinem Munde etwas abwegig, aber ich habe manchmal nur drauflosgeplaudert, anstatt wirklich etwas zu sagen. Und manchmal habe ich nicht das gesagt, was ich gedacht habe und hätte sagen sollen. Da war ich immer etwas feige… Ich habe Konfrontationen vermieden, wo ich sie hätte suchen sollen. Meine Angst, die Stimmung zu verderben, war genauso groß wie meine Angst, manchen Dingen auf den Grund zu gehen…

 

 

Quelle: Thomas Gottschalk „Herbstbunt – Wer nur alt wird, aber nicht klüger, ist schön blöd“, Heyne Verlag, München, 2019, Seite 270.

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27OKT2019
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Der Sonntag ist eigentlich ein Ruhetag. Immer mehr Menschen wollen oder können sich aber nicht ausruhen. Martin Liebmann ist Chef einer Werbeagentur und Mitglied im Verein zur Verzögerung der Zeit. Er empfiehlt öfter mal faul zu sein und beschreibt das so:

Der Inbegriff von Faulheit ist für mich einfach nur irgendwo zu sitzen und zu schauen… Besonders gern sitze ich in einem Straßencafé. Da lasse ich das Leben an mir vorbeiziehen. Nur wenn ich im Stress bin, was leider oft vorkommt, kann ich das nicht aushalten. Für viele Menschen ist das Wort Faulheit negativ besetzt…Wie oft hören wir: Ohne Schweiß kein Preis. … Und wer nichts leistet ist nichts wert. Ich kann damit wenig anfangen. Für mich ist es etwas Positives mal nichts leisten zu müssen.

 

 

Quelle: „Die Faulheit genießen“. Interview Christopher Piltz mit Martin Liebmann, in: Der Spiegel, Nr. 37/.9.2019, Seite 54.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29652