Manuskripte

SWR3 Worte

Der Journalist Antoine Leiris hat bei den Anschlägen von Paris seine Frau verloren. Auf Facebook wendet er sich an ihre Mörder:

Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben.

Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. 

Aus: www.sueddeutsche.de vom 17.11.2015

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Der von den Nazis ermordete Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal aus seiner Lagerhaft:

Je schöner und wertvoller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

 

D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung

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Der frühere Bundespräsident Johannes Rau hat sich einmal kritisch über die Floskel vom Dialog der Kulturen geäußert:

Der Starke führt mit dem Schwachen in der Regel keinen Dialog, sondern versucht ihn zu verdrängen oder ihm seine Weltsicht aufzudrängen. Der Schwache wiederum führt mit dem Starken keinen Dialog, sondern er igelt sich ein und versucht alles festzuhalten, was er irgendwie festhalten kann. …

Das bedeutet auch …: Arm und Reich führen keinen Dialog der Kulturen, sondern müssen um konkreten politischen und wirtschaftlichen Ausgleich ringen. Ein Dialog … setzt Gerechtigkeit oder gerechte Verhältnisse voraus, zumindest aber den Willen und die Fähigkeit, sie anzustreben. 

Aus: Zerreiß doch die Wolken. Texte zum Nachdenken, Hg. v. M. Schlagheck, S. Schmidt, T. Sternberg, Herder: Freiburg 2007

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Der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu über seine Lieblingsstelle im Koran:

„Im Namen des Gnadenvollen, des Allerbarmers.“ So oft wie das im Koran vorkommt, der Hinweis auf die Gnade, der Hinweis auf Erbarmen, der Hinweis darauf, dass es darum geht, Menschen zu lieben, der Hinweis darauf, dass wer einen Menschen tötet, die ganze Menschheit tötet – das liebe ich. Ich bin leider ein altmodischer Humanist. Es fällt zwar nicht immer leicht, Menschen zu lieben. Aber jeder Glaube steht und fällt mit der Menschenliebe. 

Aus: „Publik-Forum“ Heft 10 (2015)

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Der Anwalt Mehmet Daimagüler vertritt Opfer im NSU-Prozess. In einem Interview sagt er, was ihm in seinem Leben noch wichtig ist:

Ich habe im Laufe meines Lebens vielen Menschen Unrecht getan. Manche waren Freunde, andere vollkommen Unbekannte. Das Wissen um die Halbschlechtigkeit meines Herzens macht mir sehr zu schaffen. Es ist ein Gefühl, das mit „schlechtem Gewissen“ ganz und gar nicht ausreichend beschrieben ist. Es ist das Gefühl, als Mensch versagt zu haben und damit auch als Mensch gescheitert zu sein. Ich würde gerne meine Zeit dazu nutzen, wiedergutzumachen, was wiedergutmachbar ist, und zu akzeptieren, was ich nicht mehr ändern kann. 

Mehmet Daimagüler in einem Interview, in: Publik-Forum Heft 21 (2015)

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Der Gefängnisseelsorger Petrus Ceelen über die Unfähigkeit zur Liebe zu sich selbst:

Wenn ich mich selbst nicht ausstehen kann, kann ich andere nicht ertragen.

Wenn ich mich selbst nicht akzeptieren kann, kann ich andere nicht annehmen.

Wenn ich zu mir selbst nicht JA sagen kann, kann ich andere nicht bejahen.

Wenn ich mich selbst nicht lieben kann, kann ich mich anderen nicht liebevoll zuwenden.

 

Petrus Ceelen, Wenn ich mich selbst nicht …, aus: Krass. Konkret. Katholisch: Beten – Das Gebetbuch, BDKJ im Erzbistum Köln (Hg.), Verlag Haus Altenberg

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Der Theologe Dominik Blum in einem Adventsbuch für junge Leute:

„He, worauf wartest du?“

Es nieselt. Mit hochgeschlagenem Kragen stehe ich an der Ampel und denke an irgendwas.

Der junge Kerl, der die Frage gestellt hat, läuft an mir vorbei über die Straße. Er dreht sich um und grinst. Die Ampel ist längst grün. Ich will loslaufen – da springt sie wieder auf rot.

„He, worauf wartest du?“ Es ist … – Advent. Worauf warte ich eigentlich?

 

Domink Blum (Hg.), Warte.Zeit. Ein Adventsbuch für junge Erwachsene, Verlag Haus Altenberg

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