Manuskripte

SWR3 Worte

Ein 32jähriger Patient suchte den Therapeuten Richard Crowley auf: „Ich kann einfach nicht mit dem Daumenlutschen aufhören", sagte er.
„Machen Sie sich darüber keine Sorgen", beruhigte ihn Crowley. „Lutschen Sie einfach jeden Tag an einem anderen Finger."
Von da an musste sich der Patient jedesmal, wenn er die Hand zum Mund führte, bewusst für einen Finger entscheiden, der an diesem Tag dran sein sollte. Die Woche war noch nicht um, da war er geheilt.
„Wenn ein Laster zur Gewohnheit wird, ist es schwierig, mit ihm umzugehen", meinte Richard Crowley. „Doch wenn es von uns (...) neue Entscheidungen, eine Wahl verlangt, wird uns bewusst, dass es diese Anstrengung nicht wert ist."

Aus dem Buch „Der Wanderer" von Paulo Coelho

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Ein Morgengedicht von Wilma Klevinghaus:

Jedes Erwachen ist ein Neubeginn:
neu wahrnehmen, was vorher war
neu sehen hören riechen schmecken
für neues Wirken - neue Möglichkeit
zu neuem Fehlen auch und zum Verzeihen

So schüttle ab den Schlaf, des Todes Bruder
Als Erwachter tritt in deinen Tag getrost
und voller Zuversicht,
dass der dich weckte
dich geleiten wird (...)

Wilma Klevinghaus
Martin Schmeisser (Hg): Morgenlicht und Abendstern

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Hazelius stützte sich mit einer Hand an den Sandstein. „Sie haben ihre Frau verloren?" Ford nickte. Er fragte sich, warum er mit Hazelius darüber redete (...). „Wie sind sie damit fertig geworden?" „Gar nicht. Ich bin davon gelaufen, in ein Kloster." Hazelius trat ein Stück näher. „Sind sie denn ein gläubiger Mensch?" „Ich...weiß es nicht. Ihr Tod hat meinen Glauben erschüttert. Ich musste herausfinden ... wo ich stand. woran ich eigentlich glaubte." „Und?" „Je mehr ich mich bemüht habe, desto unsicherer wurde ich. Es hat mir gut getan zu erkennen, dass ich niemals ganz sicher sein würde."

Aus dem Buch „Credo" von Douglas Preston.

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Der Arzt und Theologe Manfred Lütz erzählt in seinem Buch „Gott" eine interessante Geschichte. Für mich fast so etwas wie ein kleiner Gottesbeweis.
Eines Tages rief mich ein Bekannter an: Ob ich ihm eine Bibel besorgen könnte? Er habe sich diesmal so unglaublich in eine Frau verliebt, dass er den Eindruck habe, das gehe irgendwie tiefer. Er wolle sofort die Bibel lesen. Ich muss dazu sagen, dass dieser Bekannte sehr nett und sozial engagiert war. Aber mit dem christlichen Glauben hatte er eigentlich nie etwas zu tun gehabt. Seine Eltern hatten ihn nicht taufen lassen und er hatte sich immer zum Atheismus bekannt. Er wusste, dass ich Christ bin und hatte mit mir schon einige Male über den Glauben an Gott auf durchaus hohem Niveau diskutiert - freilich bloß theoretisch. Und jetzt hatte es offensichtlich „Woom" gemacht. Er hatte sich wirklich verliebt. Und die Liebe zu dieser Frau ließ ihn nicht bloß ahnen, sondern erleben, dass es über den Tod hinaus noch etwas geben müsse.

Manfred Lütz: Gott
Aus dem Buch „Credo" von Douglas Preston

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In dem Märchen „Der kleine Drache Hab-mich-lieb" beschreibt die Schriftstellerin Andrea Schwarz die Reise eines kleinen Drachen. Er hat schon viel erlebt. Schließlich trifft er den weisen Zauberer Moya.

Der kleine Drache kratzte sich am Kopf, traute sich aber schließlich doch, die Frage zu stellen: „Wie macht man das denn nun - leben?" Moya sah ihn liebevoll an: „Du tust es längst..." - „Wie bitte?", der kleine Drache glaubte, nicht recht gehört zu haben.

„Ja", wiederholte Moya, „ich mein schon, was ich gesagt habe: du tust es bereits. (...) Du hast dich getraut, (...) den Träumen einen Platz in deinem Herzen zu geben, du hast deine Einsamkeit gespürt, du hast dir eingestanden, dass du Angst hast, du hast anderen vertraut und konntest staunen, du hast die scheinbare Sicherheit aufgegeben, du hast dich verwunden lassen und hast geweint. (...) Das ist doch leben - auch wenn du dabei deinem Ziel vielleicht noch nicht näher gekommen bist."

Andrea Schwarz
Der kleine Drache Hab-mich-lieb

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Passiert einem in Deutschland etwas, versäumt man den Zug, bricht man ein Bein, macht man Pleite, so sagen wir: Schlimmer hätte es nicht kommen können. Immer ist das, was passiert, gleich das Schlimmste - bei den Iren ist es fast umgekehrt: bricht man hier ein Bein, versäumt man den Zug, macht man Pleite, so sagen sie: It could be worse - es könnte schlimmer sein: man hätte statt des Beines den Hals brechen, statt des Zuges den Himmel versäumen, und statt Pleite zu machen, hätte man seinen Seelenfrieden verlieren können (...) Was passiert, ist nie das Schlimmste, sondern das Schlimmste ist nie passiert.

Aus dem irischen Tagebuch von Heinrich Böll

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Heute ist der Gedenktag des Heiligen Thomas. Thomas war einer der Jünger Jesu. Er glaubte nicht so recht an die Auferstehung seines Herrn. Denn er war nicht dabei gewesen, als Jesus den anderen Jüngern erschienen war. Thomas sagte zu ihnen:

Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male (...) und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!
Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Aus dem Johannes-Evangelium

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