Manuskripte

SWR3 Worte

Erzähle uns Gott vom Anfang der Welt
Wie du die Sterne geboren hast
In wildem Tanz und verwoben die Menschen
Mit Himmel und Erde
Flüstere Deine silbernen Träume in unsere müden Alltagsohren
Erzähle uns Deine Geschichten ganz neu
Vom Suchen und Finden vom Ernten und Teilen
Vom gelobten Land hinter der Zeit
Deine Wahrheit zeichne uns ins zerrissene Herz
Sprich Deine Liebe in unsere Einsamkeit Gott
Und Deine Treue in unser ängstliches Leben
Schenke uns Gott Deinen luftigen Segen.
Carola Moosbach

Himmelsspuren. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2001

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Ich lobe den Tanz
denn er befreit den Menschen von der Schwere der Dinge
bindet den Vereinzelten an die Gemeinschaft
Ich lobe den Tanz der alles fordert und fördert
Gesundheit und klaren Geist und eine beschwingte Seele
Tanz ist Verwandlung des Raumes, der Zeit,
des Menschen, der dauernd in Gefahr ist
zu zerfallen ganz Hirn, Wille oder Gefühl zu werden.
Der Tanz dagegen fordert den ganzen Menschen
der in seiner Mitte verankert ist
der nicht besessen ist von der Begehrlichkeit
nach Menschen und Dingen
und von der Dämonie der Verlassenheit im eigenen Ich
Der Tanz fordert den befreiten,
den schwingenden Menschen im Gleichgewicht aller Kräfte
Ich lobe den Tanz
O Mensch lerne tanzen

Der Kirchenvater Augustinus, im 4. Jahrhundert nach Christus

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9067

Liebes Leben, fang mich ein,
halt mich an die Erde.
Kann doch was ich bin nur sein,
wenn ich es auch werde.

Gib mir Tränen, gib mir Mut,
und von allem mehr.
Mach mich böse oder gut,
nur nie ungefähr.

Liebes Leben, abgemacht?
Darfst mir nicht verfliegen.
Hab noch so viel Mitternacht
Sprachlos vor mir liegen.

Konstantin Wecker
Fliegen mit dir. Liebeslieder, Konstantin Wecker, S.45, 2007, Frankfurt

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9066

Vielen Dank für die Wolken
Vielen Dank für das wohltemperierte Klavier
Und warum nicht für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
Und für allerhand andere verborgene Organe,
für die Luft und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür dass mir das Fahrzeug nicht ausgeht
Und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse im Garten.

Hans Magnus Enzensberger
Aus: Kiosk. Hans Magnus Enzensberger, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M. 1995

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ich glaube ein grashalm ist nicht geringer als das tagwerk der sterne
und die ameise ist nicht minder vollkommen
und des zaunkönigs ei und ein sandkorn
und die baumkrone ist ein meisterstück vor dem höchsten
und die brombeerranken könnten die hallen des himmels schmücken
und das schmalste gelenk meiner hand spottet aller technik
und die kuh die wiederkäut mit gesenktem kopf
übertrifft jedes bildwerk
und eine maus ist wunder genug
um millionen ungläubige wankend zu machen

Walt Whitman, US-amerikanischer Schriftsteller des 19. JahrhundertsAus: sonntags. Erfindung der Freiheit, Andere Zeiten e.V., Hamburg 2009

https://www.kirche-im-swr.de/?m=9064

Wenn der Sommer vorbei ist
und die Ernte in die Scheuern gebracht ist,
wenn sich die Natur niederlegt,
wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es -
dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an;
an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust.
Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist,
gelaicht ist, geerntet ist - nun ist es vorüber.
Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher,
aber im Augenblick dient das zu gar nichts;
wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist:
im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.
Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt,
es ist ganz still.
So vier, so acht Tage - Und dann geht etwas vor.
Eines Morgens riechst du den Herbst.
Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig;
es hat sich eigentlich gar nichts geändert - und doch alles.

Kurt Tucholsky
aus Kurt Tucholsky in : Kaspar Hauser. Die Weltbühne, 22.10.1929, Nr. 43, S. 631

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Nimm dir ein Buch.
Eines mit leeren Seiten.
Erinnere dich.
Sonntag. Montag. Dienstag. Mittwoch.
Donnerstag. Freitag. Sonnabend.
Wofür bist du dankbar?
Schreib es auf.
Schlag das Buch erst zu, wenn fünf Dinge
auf der Seite stehen.
Schreib.
Jede Woche, ein Jahr.

Dein Leben ist schön.
Aus: sonntags. Erfindung der Freiheit, Andere Zeiten e.V., Hamburg 2009

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