Manuskripte

SWR3 Worte


Die früher gelehrte Katechismus-Definition des Glaubens erklärte den Unglauben als die Ablehnung der von der Kirche vorgelegten „Wahrheiten“. Heute sehe ich als Gegensatz zum Glauben nicht den Unglauben, sondern die Angst; und ... verstehe ... Glauben heute eher als „Mut zur Wirklichkeit“, als Mut zum Leben. Jesus hat keine Glaubenslehre vorgetragen, seine in der „Bergpredigt“ ausgesprochenen Weisungen sollen nicht geglaubt werden - sie haben ihre Evidenz in sich selbst - , sie sollen gelebt werden.

Heinrich Missalla, Mut zur Wirklichkeit, in: Publik Forum Nr. 9 (2009), 46f
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es spricht ein Vertreter, eine Vertreterin der Jüdischen Gemeinde https://www.kirche-im-swr.de/?m=5998
Ich liebe das Wort „Sitten“, es hat nichts mit Moral zu tun. Es sind Verhaltensvorschläge und Lebensregeln, die von zermürbenden Entscheidungszwängen befreien. Wo es Sitten gibt, sind wir nicht nur auf die Kraft unseres eigenen Herzens angewiesen. Ich setze dabei immer voraus, dass Sitten keine autoritären Diktate sind, sondern geronnene Lebensweisheiten, die mich vom meiner eigenen Zufälligkeit befreien. Sitten sind Selbstbegrenzungen, die unsere Freiheit fördern und nicht zerstören.

Fulbert Steffensky, Es gehört sich so! Eine Ehrenrettung von Sitten, in: Publik Forum Nr. 9 (2009), 55
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Früher hat man Wahrsagerinnen befragt, den Flug der Vögel beobachtet, man blickte in eine Kristallkugel oder in den Kaffeesatz. Heute geht man zum Arzt und lässt sich Blut abnehmen. Der Arzt soll einem bescheinigen, dass alles in Ordnung ist. Man versucht dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Gesunden Menschen Lebensmut und Hoffnung zu geben sei aber nicht Aufgabe der Medizin. Dafür sei die Religion da ...

... meint der Arzt Peter Sawicki in: Markus Grill, Alarm und Fehlalarm, in: Der Spiegel 17/2009 vom 20.04.09, 124
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Wenn Sie an Gott glauben, wird das Leben einfacher. Für mich gilt der alte Satz der Atheisten: Gott existiert nicht, aber ich vermisse ihn sehr. Mit ihm wäre das Leben viel weniger deprimierend. Das Wissen, dass alles einmal verschwinden wird, selbst die Arien Mozarts, ist schrecklich. Ich würde ein anderes Universum bei weitem vorziehen, eine Welt, in der man die Leute, die man liebt, nicht verliert. Ich glaube nicht, dass es schlecht ist, unsterblich zu sein. Warum sollen wir alles verlieren, eingeschlossen uns selbst? Die Aussicht macht mich zornig.

Paul Verhoeven (niederl. Regisseur), in: FAZ.net vom 16.03.09
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Nicht irgendeine Zukunft – die Gegenwart ist lebendig, und Düfte, Gefühle, Geschmack zeigen ein Zuhause auf, das leicht vergessen wird. Du lebst – die Gegenwart ist lebendig und du in ihr, mit allem, was du bist, warst und sein wirst. Der Augenblick kann über das Kommende Macht gewinnen, und die Angst wird zum Schatten
Solches Vertrauen in Gegenwart und Leben ist keine Garantie für einen guten Ausgang des Kommenden. Es ist ein Vertrauen ins Leben, das wir nicht festhalten und nicht allein gestalten können. In ein Leben, das aus ungeahnten Möglichkeiten, Kräften und Überraschungen besteht. In dem sich Tore auftun, die verschlossen schienen, die ich nicht einmal sah.

Elisabeth Moltmann-Wendel, Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. Texte zur Lebenskunst, Radius: Stuttgart 2008, 109
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Lebe jeden Tag so, als wäre es dein erster Lebenstag. Und lebe ihn so, als wäre es der letzte. Dann freust du dich entweder über das Aufgehen einer Welt in dir und um dich herum. Oder du siehst im Blick auf das Ende die Ganzheit des Lebens. Nur in dieser meditativen Haltung – ein Vorschlag antiker Philosophen – entdeckt man die Tiefe des Lebens, die Freude, jetzt diese Gegenwart zu erfahren.

Pierre Hadot (Philosoph), zit. nach: Ch. Modehn, Zum Frühstück Marc Aurel, in: Publik Forum Nr. 8 (2009), 44

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