Manuskripte

SWR3 Worte

29DEZ2007
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von

Das Weihnachtsfest ist vorüber, das neue Jahr hat noch nicht begonnen. Es ist, als befänden wir uns zwischen den Jahren.
Vielleicht verstehen wir den Hintergrund besser, wenn wir sagen: zwischen den Jahresanfängen. Caesar hatte den Jahresanfang vom 1. März, auf den 1. Januar vorverlegt. Das Mittelalter kannte fünf Daten. Der 25. Dezember konkurrierte mit dem 1. Januar, und eine zusätzliche Schwierigkeit ergab sich, als Papst Gregor XIII. zehn Tage ausfallen ließ, so dass die Katholiken schon Neujahr hatten, die Protestanten lange Zeit aber noch nicht.
Irgendwie befand man sich am Jahresende immer zwischen den Jahren, und unklare Zustände geben Raum für Aberglaube, Mythos und Brauchtum. Meine Schwiegermutter, die tief aus dem Mecklenburgischen stammte, weigerte sich etwa, zwischen den Jahren Wäsche zu waschen.
Selbst in unserer nüchternen Zeit weht uns zwischen den Jahren ein leiser Hauch an, als wären wir gleichzeitig in Vergangenheit und Zukunft gefangen.

Der Journalist Peter Schmachthagen im Hamburger Abendblatt 2002
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2840
28DEZ2007
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Es interessiert mich nicht, welche Planeten die Umlaufbahn deines Mondes kreuzen.
Ich möchte wissen, ob du deinen tiefsten Schmerz kennen gelernt hast.
Ob die Hinterhalte des Lebens dich offen gemacht haben
Oder dich haben welken lassen. Weil du zumachst, aus Angst vor weiterem Schmerz.

Ich möchte wissen, ob du Schmerz aushalten kannst,
meinen und deinen eigenen
ohne ihn verstecken oder abschwächen zu müssen

Ich möchte wissen, ob du voller Freude sein kannst –
meiner und deiner eigenen.
Ob du wild und ausgelassen tanzen kannst,
und zulässt, dass der Rausch dich bis in die Zehen und Fingerspitzen ausfüllt.

Ich möchte wissen ob du mit dir selber alleine sein kannst
Ob du wirklich die Gesellschaft genießt, in der du bist, wenn sonst niemand da ist.

The Invitation – Die Einladung, von Oriah Mountain Dreamer, kanadische Autorin und Sozialarbeiterin

https://www.kirche-im-swr.de/?m=2839
27DEZ2007
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Sie sah nicht,
dass ich es sah:
Wie sie den Finger
über die Fensterscheibe gleiten ließ,
der Zug fuhr schnell,
es hatte geregnet.
Sie malte
ein lachendes Mondgesicht.
Dann
als der Schaffner kam
zeigte sie lässig
ihre Fahrkarte.
Eine alte Dame mit strengem Mund.

Inge Meidinger-Geise, heute 84-jährige Schriftstellerin
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2838
26DEZ2007
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Nichts an der Härte des Lebens endet, weil Weihnachten geworden ist. Der Augenschein trügt nicht. Die Kranken quälen sich, der nächste Tsunamie wird kommen und wieder Unzählige in den Tod reißen. Die Welt geht ihren Gang. Ob die Welt nicht ein wenig besser sein könnte, wir wissen es nicht. Weihnachten hat keine Antwort auf diese Frage. Aber es birgt ein Versprechen in sich. Das Kind aus der Krippe wird groß werden. Und es wird dann von einem Gott Zeugnis geben, der will, dass wir uns – trotz allem – an uns und an ihm freuen. Dass wir das Leben leben.

Magnus Striet, Theologieprofessor in Freiburg und Buchautor
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2837
25DEZ2007
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Schon häufig habe ich mich gefragt, warum das Weihnachtsfest bis heute unzählige Menschen berührt. Natürlich spielen die eingeübten Rituale von Weihnachten eine große Rolle, der Jahresrhythmus. Aber das allein ist es nicht. Kaum zu glauben, dass es wirklich so war, ist es vielleicht gerade dieses Unglaubliche an der Weihnachtsgeschichte, das uns anrührt. Gott ist uns gleich geworden. Wie zerbrechlich sind wir. Warme Körper, die lieben können. Aber eben doch nur Staubkörner in einem gigantischen All. Auch Gott ist zerbrechlich geworden. Er will uns so in seiner Liebe nahe sein.

Magnus Striet, Theologieprofessor in Freiburg und Buchautor
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2836
24DEZ2007
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Die Angst
Klopft an die Tür.
Das Vertrauen
Öffnet.
Niemand
steht draußen.

Chinesische Weisheit
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2835
23DEZ2007
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Zwischen Arbeit und Konsumieren
Soll Stille sein und Freude,

zwischen Aufräumen und Vorbereiten
sollst du es in dir singen hören,

Gottes altes Lied von den sechs Tagen

Und dem einen der anders ist.

Zwischen Wegschaffen und Vorplanen
Sollst du dich erinnern

An diesen ersten Morgen,
deinen und aller Anfang,

als die Sonne aufging
ohne Zweck

und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit, die niemandem gehört

außer dem Ewigen


Dorothee Sölle

https://www.kirche-im-swr.de/?m=2834