Manuskripte

SWR3 Worte

Toleranz bedeutet mitnichten, dass jeder machen kann, was er will. Toleranz heißt auch nicht Beliebigkeit, heißt nicht, dass man für alles Verständnis haben soll. Toleranz ist nichts Schrankenloses. ... Toleranz setzt aber voraus, dass die heiligen Bücher, wie immer sie heißen, ob Bibel oder Koran, nicht über oder gegen die Grund- und Menschenrechte gestellt werden. Das ist die Gefahr, die im religiösen Fundamentalismus steckt: Dass sie Heilige und Propheten irgendwo herholt und über den Menschen setzt. Es gibt in dieser Welt keinen höheren Wert als den Menschen. Wer sich anmaßt, unter Berufung auf eine Religion oder einen Propheten den einen Menschen den Wert zuzusprechen und den anderen Menschen zu verachten – dann müssen wir dagegen antreten und streiten.

Heribert Prantl, Rede zur Eröffnung des Gesellschafter-Projekts am 11.03.2006, dokumentiert unter: http://diegesellschafter.de/projekt/ueber/rede_heribert_prantl.php
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2032
In den vergangen Jahren sind nicht nur Wirtschaftsbetriebe, sondern auch Universitäten, Schulen, Kinderläden, Schwimmbäder und Bibliotheken rationalisiert worden. Es gibt einen blauäugigen Glauben daran, man könne auch noch aus einem Gefängnis ein Profit-Center machen. Rationalisierung bedeutet üblicherweise, dass man das Geld für zehn, hundert oder tausend Leute spart, wenn man zehn, hundert oder tausend Leute „freisetzt“. Eine Massenentlassung gilt jedenfalls den so genannten Analysten als unternehmerische Leistung. Betriebswirtschaftliche Rationalität ist an die Stelle der Ratio, an die Stelle der Vernunft der Aufklärung getreten. Man nennt das – Rationalisierung.

Heribert Prantl, Rede zur Eröffnung des Gesellschafter-Projekts am 11.03.2006, dokumentiert unter: http://diegesellschafter.de/projekt/ueber/rede_heribert_prantl.php

https://www.kirche-im-swr.de/?m=2031
Wie wäre es mit einer Gesellschaft, in der man mehr Zeit für Kinder hat? Es ist doch ziemlich sonderbar: In der Zeit, sagen wir zwischen fünfundzwanzig und fünfzig, arbeiten wir wie die Blöden. Wir komprimieren unser ganzes Arbeitsleben in die Zeit, in der wir Kinder bekommen und großziehen könnten. ... Wenn wir dann allmählich sechzig werden, gehen wir in Rente und genießen Jahrzehnte, die zumeist aus den Sozialabgaben jüngerer Eltern finanziert werden, die aber gleichzeitig für ihre eigenen Kinder aufkommen müssen. Mit Sechzig Plus haben wir dann Zeit, aber keine Kinder.

Heribert Prantl, Rede zur Eröffnung des Gesellschafter-Projekts am 11.03.2006, dokumentiert unter: http://diegesellschafter.de/projekt/ueber/rede_heribert_prantl.php
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2030
Ich habe einen Traum, und ich glaube, Gott träumt diesen Traum auch. Wir alle träumen ihn, denn jeder von uns ist ein Kind Gottes. Es ist der Traum von der großen weltweiten Familie, zu der wir alle gehören. Ich gebe zu, das klingt ziemlich schlicht und sentimental. Aber in Wirklichkeit ist es sehr radikal. Was heißt das denn: eine Welt, eine globale Familie? Es heißt, dass es keine Außenseiter gibt. Alle gehören dazu, Schwarze und Weiße, Reiche und Arme, Kluge und weniger Kluge, Schöne und nicht so Schöne, Unversehrte und Behinderte, Frauen und Männer, Schwule, Lesben und Heteros, einfach alle, ohne Ausnahme. ...
Wir sind eine Familie. Und jedes Mal, wenn wir das vergessen, bekommen wir eine Menge Scherereien. Das ist mein großer Traum, der Traum von der Weltfamilie.

Desmond Tutu (Ehemaliger Erzbischof von Kapstadt), Ich habe einen Traum, in: „Die Zeit“ Nr. 1 vom 29.12.2005
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2029
Mir wurde klar: Nokia und Ericsson und Siemens und all die anderen, die behaupten, mit ihrer Technik die Welt kleiner zu machen – sie irren sich. Das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer Zeit, in der wir endlich verstehen können, wie groß die Welt ist. Wie wenig wir übereinander wissen. ... In meinem Traum können diese neuen Technologien Werkzeuge sein, die eine Renaissance der Aufklärung und der Vernunft schaffen. Wir können weiter und tiefer blicken – und auf diese Weise erfahren, was wir alles nicht über andere Menschen wissen.

Henning Mankell (Schriftsteller), Ich habe einen Traum, in: „Die Zeit“ Nr. 10 vom 03.03.2005
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2028
Soll ich meine Bequemlichkeit abschütteln und in eine fordernde Wirklichkeit eintreten? Oder soll ich lieber schläfrig bleiben in einer Selbstzufriedenheit, die unbewusst in Kauf nimmt, dass sie anderen Leid verursacht? Es geht darum, seine jeweiligen Denkmuster für eine Nanosekunde zu unterbrechen, um in dieser Pause eine neue Frage zu stellen – oder eine alte Frage neu zu stellen. ... Ich träume davon, dass alle Menschen im Laufe ihres Lebens durch solche Nanosekunden ihre eigene Konditionierung durchbrechen könnten. Sie kämen sich selbst näher. Wir werden auch in Zukunft unsere Mittelklassewagen fahren, Billig-T-Shirts tragen, zu Kurzstreckenflügen aufbrechen. Aber vielleicht werden wir uns dank unserer Reflexionen [dann] fragen, auf welche Weise wir mit den Menschen in Nigeria, Angola, Indien, Kasachstan oder Südafrika verbunden sind.

Joseph Fiennes (Schauspieler), Ich habe einen Traum, in: „Die Zeit“ Nr. 17 vom 19.04.2007
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2027
Wer sich nicht auf andere Menschen oder auf die faszinierenden Schwierigkeiten einer Sache, an die man glaubt, einlässt, dessen Leben führt unweigerlich in die Langeweile eines besinnungslosen Konsumismus. ... Nur durch Öffnung, durch Zuwendung zu anderen kann man sie vermeiden.
Dazu braucht man allerdings eine bestimmte Einstellung gegenüber den Mitmenschen. Genau wie ich im Geschlechterverhältnis Über- und Unterordnung für schädlich halte, finde ich, dass wir uns abgewöhnen müssen, Menschen mit ihren Fähigkeiten in die Kategorie „besser“ und „schlechter“ einzuteilen. Sie sind anders, verschieden. Ich glaube an das Evangelium der Talente – und schätze die Geduld der Krankenschwester nicht geringer als die Geduld des Nobelpreisträgers.

Gesine Schwan (Präsidentin der Europauniversität Viadrina), Ich habe einen Traum, in: „Die Zeit“ Nr. 34 vom 17.08.2006
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2026