Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

„Diese Wirtschaft tötet“[1] – Ende 2013 sorgt dieser Satz von Papst Franziskus für Furore. Er prangert ein System an, dass Menschen weltweit ausgrenzt und wie Müll behandelt. 

„Der Hintergrund ist, dass wir in einer ökologischen und soziale Krise sind, die gewaltige Ausmaße hat: Wir haben das größte Artensterben seit 65 Millionen Jahren produziert – ‚wir‘, das ist die industrielle Zivilisation – und den Homo Sapiens gibt es erst seit 200 000 Jahren. Es ist also eine dramatische Entwicklung, eine Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und man muss ja verstehen, wo die her kommt.“

Fabian Scheidler hat mittlerweile verstanden, wo diese ökologische und soziale Krise gigantischen Ausmaßes ihren Ursprung hat:

Am 20. März 1602[2] wurde in den Niederlanden die erste Aktie der Vereinigten Ost-Indien-Kompagnie ausgegeben; ein Zusammenschluss von Amsterdamer Gewürzhändlern. Was auf den ersten Blick beinahe romantisch aussieht, hatte im Lauf der letzten knapp 500 Jahre zur Folge dass wir aktuell eine Situation haben, … 

„… wo 42 Menschen heute so viel besitzen, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also eine dramatische Spaltung zwischen arm und reich auf der Welt.“

2015 hat Fabian Scheidler darum ein so kluges wie vielbeachtetes Buch über die Geschichte des Kapitalismus geschrieben: „Das Ende der Megamaschine“[3] 

„Meine Frage war: a) Wo kommt diese Dynamik her, die die ökologische und soziale Krise hervorgerufen hat? Und b) Warum tun wir uns so schwer – oder unsere Regierung – etwas dagegen zu unternehmen?“

Und die Antwort? 

„Man muss, glaube ich, etwas weiter zurückgehen: Viele sagen ja, es ist der Neoliberalismus, der Turbokapitalismus der letzten 30, 40 Jahre – und da ist auch ein Stück was dran – aber die Wurzeln dieser Krisen reichen viel tiefer: Wir haben ein Wirtschaftssystem, das darauf beruht, dass es immer weiter wachsen muss, immer weiter expandieren muss – Stillstand ist Tod für diese System – und das tut es seit 500 Jahren und stößt nun an die globalen, ökologischen Grenzen dieses Planeten und es ist zugleich ein Wirtschaftssystem, das nur funktionieren kann, wenn die einen reich sind und die anderen arm sind.“ 

Hatte Jesus vor 2000 Jahren also recht, als er sagte: „Ihr könnt nicht beiden [Herren] dienen, Gott und dem Mammon“[4]?

  

Teil II:

 

Papst Franziskus wünscht sich eine arme Kirche und auch Papst Benedikt hat bei seinem letzten Deutschlandbesuch 2011 in Freiburg davon gesprochen, dass die Kirche in Deutschland ihr Verhältnis zu Geld und eigenem Besitz kritisch hinterfragen müsse.[5]

Gerade dann, wenn sich viel Besitz in nur wenigen Händen konzentriert, kommt nämlich eine Negativspirale in Gang: 

„Warum? Weil Kapitalismus historisch darauf beruht, dass Kapital in sehr wenigen Händen konzentriert ist. Allein die Branche von Erdöl, Kohle und Erdgas wird jedes Jahr mit 500 Milliarden Dollars subventioniert. D.h. die größten Unternehmen bekommen sehr viel Geld von uns Steuerzahlern. Das ist kein Marktsystem, das ist ein komplett verzerrter Markt. Die Größten kriegen sozusagen zusätzlich immer noch was und die Kleinen müssen kämpfen. Deswegen ist es kein Markt.“ 

Es braucht also dringend Veränderung, denn… 

„… langfristig müssen wir uns über eine Wirtschaft Gedanken machen, die dem Gemeinwohl dient und eben nicht dem Profit.“ 

Obwohl ein bedingungsloses Grundeinkommen viele kluge Befürworter hat und beharrlich diskutiert wird, sind wir aktuell noch weit von einer Gemeinwohlökonomie entfernt. Dabei haben so viele Menschen am eigenen Leib schmerzhaft erfahren müssen, was es heißt, wenn es vor allem darum geht, wie sie in unser aktuelles Wirtschaftssystem passen: 

„Ich hab das schon als Kind gesehen. Ein guter Freund von mir, mein bester Freund damals, der ist von der Schule damals sehr stark unter Druck gesetzt worden, weil er halt Mathe nicht besonders gut konnte. Und man muss ja wissen: Die Schule, wie sie historisch entstanden ist, nach dem Vorbild des Militärs übrigens im 17./18. Jahrhundert, dient auch dazu, Menschen darauf vorzubereiten, im Kapitalismus zu funktionieren; also eine Leistungsgesellschaft zu produzieren, wo alle miteinander konkurrieren. Und ich hab eben gesehen, wie mein Freund, der sehr große Qualitäten hatte, menschlich, als mein Freund, so unter Druck gesetzt wurde, dass auch sein Lebensweg sehr großen Schaden genommen hat und ich fand das sehr ungerecht und finde das bis heute ungerecht, dass Menschen sortiert werden, je nachdem wie nützlich sie in dieser ganzen Maschinerie sind.“ 

Und die Kirche: Teil dieser Maschinerie oder doch ein Ort, an dem vieles anders und einiges besser ist? 

„Wir sehen auch bei der katholischen Kirche – oder auch schon im Spätmittelalter, als die Kirche noch nicht in dieser Weise gespalten war –, dass Teile der Kirche versucht haben, Widerstand zu leisten gegen den aufkommenden Kapitalismus; zu sagen: ‚Zins ist unethisch, das dürfen wir nicht machen!‘, und andere haben sich daran beteiligt […]. Also es ist eine gemischte Bilanz.“ 

Und Fabian Scheidler unterscheidet deshalb zwischen Kirche als Organisation einerseits und der Jesus-Bewegung andererseits: 

„Nun muss man aber auch sagen, nach allem, was wir historisch wissen, dass die Jesus-Bewegung ja tatsächlich auch keine kirchliche Institution kreieren wollte. Es war eine Bewegung, die auf Wanderschaft beruhte, nicht auf dem Aufbau von neuen hierarchischen Institutionen, wie sie die Kirche dann geworden ist, und insofern glaube ich, fällt es einer solchen hierarchischen Institution, wie sie Kirchen sind, und die auch Geld brauchen, um ihre Leute zu bezahlen, sehr schwer, zu diesen Idealen zurückzufinden.“

Keine Hierarchie, Unabhängigkeit von Geld, Wanderschaft: Schwer vorstellbar und doch scheint dieses radikale Ursprungsideal heute tatsächlich eine der größten Herausforderungen für die Kirchen zu sein.

Zum Schluss noch ein Experiment: Was wäre, wenn wir nicht nur Kirche, sondern auch Gott ganz anders denken würden? 

 „Erstens ist es ein Mann – warum solls ein Mann sein? Zweitens ist es ein Mensch, also anthropomorph – warum solls ein Mensch sein? Und drittens ist es ein Substantiv – warum solls überhaupt ein Substantiv sein und nicht ein Verb?“ 

Und wenn Gott tatsächlich ein Verb wäre: Welches müsste es sein?



[1] Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ (EG), 2013

[3] Scheidler, Fabian, Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation, Promedia, Wien 2015

[4] Mt 6,24 (Einheitsübersetzung 1980)

[5] In diesem Zusammenhang hat er das Wort der sog. „Entweltlichung“ geprägt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28201