Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

02FEB2020
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Zu meiner Studienzeit hatte der Psalm 139 aus dem Alten Testament unter uns Studierenden einen echt schlechten Ruf. „Stasi-Psalm“ haben wir ihn genannt. Wahrscheinlich weil damals gerade die Zeit der großen Stasi-Enthüllungen war. Aber vor allem weil er bei vielen das Gefühl hervorgerufen hat, Gott überwacht uns Menschen auf Schritt und Tritt. Es gibt kein Entrinnen, weil er einfach alles sieht und weiß von uns.

 

Auch mir war der „Stasi-Psalm“ anfangs nicht geheuer. Da heißt es nämlich: „Ob ich sitze oder stehe, du Gott kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt.“

 

Genau dieser Psalm 139 war die Vorlage für den Text unseres heutigen Liedes. Der Frankfurter Stadionpfarrer Eugen Eckert hat ihn umgeschrieben. Und der Pianist Torsten Hampel hat die Musik komponiert.

 

Musik: 1. Strophe

 

Wie gesagt, ich habe auf den Text des Psalms 139 erst einmal ablehnend reagiert. Ich fand, das klingt nach Dauerüberwachung, nach einem Gott, vor dem man sich nicht verstecken kann.

 

Den Verfasser des Psalms stört das aber gar nicht. Im Gegenteil, er schätzt es, dass einer um ihn weiß. Er wird gar nicht mehr fertig, Gott dafür zu danken. Er braucht diese verlässliche Größe, die seinen Weg ganz genau kennt. Und er bittet sogar darum, dass Gott ihm Hinweise gibt, wenn er selbst mit seinem Lebensweg mal danebenliegt.

 

Mir hat das Lied von heute geholfen, den Psalm 139 mit anderen Augen zu sehen. Als ich das Lied zum ersten Mal gehört habe, hat es mir gedämmert, dass man den Psalm auch anders verstehen kann als wir Studierende damals. Gerade die zweite Strophe, die hat mir besonders gefallen. Da wird klar: Gott sammelt nicht auf dubiose Weise Informationen über mich, um mich anzuschwärzen. Sondern er möchte, dass ich mich entwickle, dass ich etwas aus mir mache. Vielleicht auch dass ich zu dem werde, der ich eigentlich sein könnte. Da heißt es: „Du Gott bist bei mir, dass ich wachse, blühe, reife, dass ich lerne und begreife. Dass ich finde wenn ich suche, dass ich segne, nicht verfluche, bleibst du Gott bei mir.

 

Musik: 2. Strophe

 

Gott hält seine Hand über mich. Er deckt mich nicht zu, er erstickt mich nicht. Aber er beschirmt mich, lässt mir Luft zum „wachsen, blühen, reifen“, wie gerade zu hören war. Je länger ich über den Text nachdenke, desto tröstlicher ist er für mich. Und ich glaube, bei Gott ist es vielleicht ähnlich wie bei guten Eltern. Sie haben schon ein Auge auf die Kinder. Aber sie lassen ihnen auch die Freiheit, selbst die Welt zu entdecken ohne ihnen etwas Vorgefertigtes zu servieren, ohne sie vor allen Schrammen zu bewahren.

 

Die dritte Strophe bekräftigt noch einmal, dass Gott bei mir ist. Aber nicht nur während ich lebe, liebe, oder aushalte oder am Ende bin, sondern auch über mein Lebensende hinaus. Im Liedtext heißt es: „Dass ich dein bin, nicht verderbe, ob ich lebe oder sterbe, bleibst du Gott bei mir.“ Diese Hoffnung, die habe ich auch. Und mit dieser Hoffnung zu leben ist wirklich ein gutes Gefühl.

 

Musik: 3. Strophe

Quelle:

Gruppe Habakuk: Ob ich sitze oder stehe, ob ich liege oder gehe (Von allen Seiten)

Tonträger: Wir feiern Erstkommunion (Track Nr. 21), Label: Audio Kösel, München 2007

T: Eugen Eckert (nach Ps 139)

M:  Torsten Hampel

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