Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Manchmal fängt das Dunkel an zu sprechen. Besonders jetzt im Januar, an kurzen, kalten Tagen, wenn die Sonne selten scheint. Wer viel allein ist oder sich Sorgen machen muss – um die Gesundheit, ums Geld, um andere Menschen – der hört es manchmal sprechen, das Dunkel, die Schatten: Wahrscheinlich bin ich selbst schuld, sagen sie. Oder: Vielleicht lohnt sich das alles nicht mehr. Oder: Warum immer ich? Schatten, die sprechen:
Ein Gesang aus Taizé nimmt diese Erfahrung auf: Jesus Christus, inneres Licht, lass mein Dunkel nicht zu mir sprechen.

Dass das Dunkel spricht – das erfahren wir nicht nur im persönlichen Leben. Es gibt auch politisch dunkle Zeiten, deren Schatten sich auf die Seelen legen. Als 1949 die ökumenische Gemeinschaft von Taizé gegründet wurde, war das eine Reaktion auf die Grausamkeiten des Krieges und des Holocaust. Heute, am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, ist die Erinnerung daran besonders präsent.

Roger Schütz, der Gründer von Taizé, hatte im besetzten Frankreich Juden versteckt und kümmerte sich nach dem Krieg zum Ärger der französischen Bevölkerung auch um deutsche Kriegsgefangene. Er erlebte die Zeit als, wie er sagte, „Jahre, in denen der Hass nichts als Hass zeugte“.
Diesem Dunkel, so war er überzeugt, muss und kann der christliche Glaube etwas entgegensetzen.

Jesus Christus, inneres Licht, lass mein Dunkel nicht zu mir sprechen.
Jesus Christus, inneres Licht, gib mir die Fähigkeit, deine Liebe aufzunehmen.

Das Vertrauen auf Jesus lässt, so legt es das Lied nahe, ein inneres Licht aufleuchten, dass die Schatten zum Schweigen bringen kann. Weil es an die Liebe erinnert, die da ist – trotz allem. Die Liebe, die sagt: Es ist gut, dass es dich gibt. Du darfst du sein.

Wer sich an diese Liebe erinnert und sie aufnehmen kann, der hat den inneren Schatten – den Schuldgefühlen, der Unzufriedenheit, dem Fatalismus – etwas entgegenzusetzen. Und der bekommt Kraft, dem Dunkel in der Gesellschaft, dem Hass und dem Neid, entgegenzuwirken.

Herr, du erforscht mich und du kennst mich… Es ist sicher kein Zufall, dass die Oberstimme zu diesem Taizé-Gesang Worte aus Psalm 139 aufnimmt. Denn die Schatten, die in mein Leben hineinsprechen, können und sollen durch das Licht der Liebe Gottes ja nicht einfach ausgeblendet werden.

Im Gegenteil: Jesus als inneres Licht macht auch die Schatten sichtbar. Aber eben auf eine Weise, die es mir möglich macht, mit ihnen umzugehen. Sie zu sehen, aber nicht auf das zu hören, was sie sagen. Dann weiß ich, warum ich ärgerlich bin – aber ich lasse mich nicht vom Ärger bestimmen. Dann gebe ich zu, wenn ich an etwas schuld bin – aber lasse mich nicht von der Schuld lähmen.

Jesus Christus, inneres Licht, lass mein Dunkel nicht zu mir sprechen.
Jesus Christus, inneres Licht, gib mir die Fähigkeit, deine Liebe aufzunehmen.

Ich glaube, es tut gut, sich auf die Suche nach diesem inneren Licht zu machen. Mir persönlich – und wohl auch unserer Gesellschaft.

Berthier, Jacques, Jésus le Christ

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