Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 833 Augsburg)

Gesegnet werden. Das hört sich groß an, zeigt sich aber schon in ganz kleinen Zeichen. Als ich ein Kind war, haben mir meine Eltern morgens ein Kreuz auf die Stirn gemacht, wenn ich aus dem Haus ging. Das war ihr Segenszeichen. Ein Zeichen, das mir sagte: Mach es gut. Es soll dir nichts passieren. Du bist begleitet. Wir denken an dich. Und wir hoffen, dass Gott dich behütet. Ich erinnere mich an keinen Tag, der ohne diesen Segen verging.

1. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mir die Hände reicht. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mit mir Wege geht. / Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsren Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.

Fast schon beschwörend wiederholt der Text des evangelischen Pastors Uwe Seidel die Formel „Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, …“. Das spricht eine alltägliche Erfahrung aus: Dass nämlich oft tatsächlich niemand da ist, wenn ich Hilfe brauche. Ich muss allein zurechtkommen, habe keine Unterstützung, muss eine schwierige Situation alleine schultern. Das Kreuzzeichen meiner Eltern erzählt dagegen von der Hoffnung, dass ich nicht allein bin. Dass mich bei einem Konflikt jemand an der Hand hält, dass mich jemand begleitet, wenn ich einen schweren Gang vor mir habe.

2. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mich mit Kraft erfüllt. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mir die Hoffnung stärkt. / Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsren Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.

Im Refrain des Liedes zitiert der Textautor Uwe Seidel die Bibel. Im ersten Brief an die Philipper heißt es: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7) Ein Frieden, der über alle Vernunft hinausgeht. Wie das geht? Ich weiß, wie brüchig jeder Frieden ist, den ich selbst mache: mit mir, mit anderen. Und ich erlebe, dass auch der Frieden in der Welt brüchig ist: Trotz der langen Friedenszeit etwa hier in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Friede, den Menschen machen, der muss sich ziemlich heftig gegen alle Unvernunft zur Wehr setzen. Gottes Friede ist da eine Chiffre: Für einen Frieden, den ich ersehne, obwohl ich weiß, dass niemand in der Lage ist, ihn zu machen.

3. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mich mit Geist beseelt. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mir das Leben schenkt. / Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsren Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.

Intensiv steigert die Musik von Thomas Quast den Wunsch, dass mein Leben gesegnet und begleitet ist, geistvoll ist, lebendig ist. Die einfache Melodie unterstreicht das. Sie fräst sich wie ein Ohrwurm ins Gehör. Dabei unterstützt sie den Text. Weil ich so nämlich den Tag über diesen Vers mit mir tragen kann: „Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da.“

Johann Sebastian Bach notierte einmal in seiner Bibel: „Bey einer andächtigen Musique ist Gott allezeit mit seiner Gnaden=Gegenwart.“ Kurz: Gott begleitet mich im Lied. Begleitet mich also auch, wenn ich „Keinen Tag soll es geben“ vor mich hin summe. So wird das Lied selbst zu einem Segen. Wie ein Kreuzzeichen, das mich durch den Tag trägt.

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------  

Keinen Tag soll es geben

Text: Uwe Seidel (1995)

Musik: Thomas Quast (1995)

© tvd-Verlag, Düsseldorf

 

01

Band Ruhama

CD Einer trage des anderen Last – eine ökumenische Messe (2012) (Track 13 / 4:10)

tvd-Verlag Düsseldorf (21206.6)

LC 05648

 

02

Band Ruhama

CD Da berühren sich Himmel und Erde (2003) (Track 11 / 4:06)

tvd-Verlag Düsseldorf (20306.6)

LC 05648

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27543