Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 481 / EG 262  

„Sonne der Gerechtigkeit“ – das heutige Lied zum Sonntag greift dieses alte biblische Bild auf. Gleich in der ersten Strophe steht der Wunsch, dass Gottes Gerechtigkeit sich wie die Strahlen der Sonne überall in der Welt ausbreiten soll – auch heute, in unserer Zeit:

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr. 

„Gerechtigkeit“ und „Sonne“ – spontan würde man die beiden Begriffe wohl nicht miteinander verbinden. Und auch ich denke bei Gerechtigkeit eher an Justitia. Die Statue, die mit Waage und Schwert in der Hand vor vielen Gerichten steht. Justitia zeigt, wie es idealerweise sein soll: Alle Menschen werden unabhängig von ihrer Person gleich beurteilt.

Auch für Gott haben alle Menschen eine besondere Würde – das steht schon auf den ersten Seiten der Bibel. Doch wenn die Gerechtigkeit mit der Sonne verglichen wird, geht es um mehr als um Waage und Schwert. Dann werden wir Menschen nicht nur nach dem beurteilt, was wir getan haben: Gutes wird belohnt und Schlechtes bestraft. Gott wendet sich den Menschen zu und er möchte das Leben jedes Menschen wärmer und heller machen. Wie die Strahlen der Sonne breitet sich seine Gerechtigkeit aus. Doch alleine kann Gott es nicht. Er braucht Menschen, die seine Gerechtigkeit in der Welt umsetzen. Menschen, die zu Veränderungen bereit sind und für andere auch eigene Nachteile in Kauf nehmen. 

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich, Herr. 

„Sonne der Gerechtigkeit“ – das Lied ist ein Patchwork-Produkt, dem heute nicht mehr anzumerken ist, dass die Strophen ursprünglich von drei Dichtern stammen. 1932 hat Otto Riethmüller die Strophen zusammengefügt und mit der heute bekannten Melodie verbunden. Auffällig ist, dass er am Ende jeder Strophe eine Bitte einfügt: Erbarm Dich, Herr! Ein alter christlicher Ruf mit dem Wunsch, dass sich etwas verändern soll.

Noch gibt es viel Leid in der Welt. Vielen Menschen geschieht Unrecht. Aber die Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit kann ermutigen nicht nachzulassen – auch wenn ich weiß, dass meine Bemühungen immer unvollkommen bleiben werden.

Und deshalb bittet das Lied an einer anderen Stelle: Gib uns Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung und Liebesglut. Aus eigener Kraft können wir die Welt nicht gerecht machen. Wenn ich aber in Verbindung mit Gott bin, dann wird das groß, was ich mit meiner kleinen Kraft an Veränderung zu tun versuche. Und dann kann ich schon heute etwas von Gottes Gerechtigkeit sehen.

Gib den Boten Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut, und lass reiche Frucht aufgehn, wo sie unter Tränen sä´n. Erbarm dich, Herr. 

Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit und mit unsrer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft. Erbarm dich, Herr.

 

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