Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 861

Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen

und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde,

dass Friede werde unter uns . 

Dieses Lied  von Christoph Lehmann und Thomas Laubach wird oft und  gerne gesungen. Mir gefällt es auch -  besonders der beschwingte Rhythmus und die kleinen Pausen, die den Melodiefluss unterbrechen.  Sie geben dem Lied etwas Leichtes, Inspirierendes.  Pausen sind wichtig – nicht nur in der Musik.

Pausen braucht es  auch in unserem Leben. Nur durch Unterbrechung kann  Platz  für etwas Neues entstehen: wenn wir unsere üblichen Denkweisen, Pläne und Ziele vergessen. Unterbrechung  - das ist die kürzeste Definition für Religion.  Wenn wir uns trauen,  neu anzufangen. Dann   „berühren sich Himmel und Erde“ so sagt es zumindest dieses Lied. 

Ein uralter Menschheitstraum. Wenn sich Himmel und Erde verbinden, dann kann sich das Leben erneuern. Die Menschen erlebten ja in der Natur, wie der Regen und der morgendliche Tau das Grün der Felder sprießen ließ. In der Vorstellung der frühen Mittelmeerkulturen hatten sich da  Himmel und Erde vereinigt. In einer Art Heiligen Hochzeit. Diese Vorstellung  mag uns fremd erscheinen,  aber   „wenn sich Himmel und Erde berühren“, das bleibt  dennoch ein eindrückliches  Bild. Für mich ist es ein poetischer Ausdruck für die Momente,  wo ich mich unmittelbar mit allem Lebendigen verbunden fühle.  Ich bin dann nicht mehr vereinzelt und auf mich beschränkt - da „berühren sich für mich Himmel und Erde“, da kann ich  die Verbindung zum Göttlichen und zu  Gott ahnen.. 

Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken

Und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde,

dass Friede werde unter uns . 

Es ist kein Wunder, dass dieses Lied gerne bei Trauungen gesungen wird, wenn Mann und Frau zu einem Ehepaar werden und ihren gemeinsamen Lebensweg besiegeln. Liebe betrifft uns im Innersten unserer Existenz. Sie erfasst unsere Seele und elektrisiert unsere Sinne.  Wenn zwei Menschen sich lieben, überschreiten sie die Grenzen ihres kleinen Ichs und können in ihrer gegenseitigen Hingabe und in ihrer sexuellen Lust Transzendenz erleben.  Himmel und Erde berühren sich. Deswegen finde ich es gut, bei einer Trauung dieser spirituellen Dimension Ausdruck zu verleihen und das gemeinsame Leben bewusst unter Gottes Segen zu stellen. 

Das bedeutet nicht, dass wir dann die Hände einfach in den Schoss legen können nach dem Motto „der Himmel wird’s schon richten“. Gerade in diesem Lied wird die menschliche Seite stark betont. Auch in der 3. Strophe, wo es heißt: „Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden“ 

Hass entsteht allzu leicht aus Angst ums eigene Ich, durch Vorurteile und durch vermeintlich oder tatsächlich erlittenes Unrecht. Wer hasst, zieht sich auf sich selbst zurück – oder auf seine Gruppe. Hass trennt – im Kleinen wie im Großen. Aber wir können den Hass überwinden, indem wir nach Gerechtigkeit suchen und zur Versöhnung bereit sind. Es kommt auf uns an. Auf unsere Einstellung. Auf unser Handeln. Manchmal erscheint das eine unlösbare Aufgabe, so groß ist der Hass.   Doch dieses Lied ermutigt dazu, Verbündete zu suchen und immer wieder damit anzufangen. Notfalls auch den ersten Schritt zu machen, und die Geduld nicht aufzugeben. Weil wir darauf vertrauen können, dass in den menschlichen, oft so aussichtslosen Friedensbemühungen auch eine göttliche Kraft wirkt. 

Das Lied ist 1989 entstanden – als die friedliche Revolution in der DDR die Mauer schließlich zum Einsturz brachte. Für mich immer noch ein Wunder,

wo sich Himmel und Erde berührten. 

Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden

und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde,

dass Friede werde unter uns .

 

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