Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(EG 495, Str. 2) 

Eine barocke Liedstrophe als Morgengebet für heute

Gib, dass ich tu mit Fleiß,
was mir zu tun gebühret,
wozu mich dein Befehl
in meinem Stande führet.
Gib, dass ich's tue bald,
zu der Zeit, da ich soll,
und wenn ich's tu, so gib,
dass es gerate wohl. 

Es war Liebe auf das erste Hören. Als mir dieses Lied vor fünfzig Jahren bei einer Musikfreizeit für Jugendliche begegnete, hat die Musik mich sofort in ihren Bann gezogen. Bald kannte ich die Bass-Stimme des Chorals aus der Bach-Kantate „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist" auswendig, und seither habe ich sie unzählige Male gesungen. Auch der Text hat sich mir eingeprägt - vielleicht gerade weil seine Sprache so anders ist als die unsere. Zwischen dem Verfasser und uns liegen ja mehr als drei Jahrhunderte. Johann Heermann war ein evangelischer Pfarrer in Niederschlesien. Er hat etwa 400 Lieder gedichtet und damit Andreas Gryphius, Paul Gerhardt und andere Dichter der Barockzeit geprägt. Ein Jahr vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ist er 1647 gestorben. Wir haben zu Beginn die zweite Strophe seines Liedes „O Gott, du frommer Gott" gehört; die erste lautet: 

O Gott, du frommer Gott,
du Brunnquell guter Gaben,
ohn den nichts ist, was ist,
von dem wir alles haben:
gesunden Leib gib mir
und dass in solchem Leib
ein unverletzte Seel
und rein Gewissen bleib.

 Choralpartita BWV 767 / 8 

„Gib, dass ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret": Schon lange Jahre hat diese zweite Strophe auch einen Platz in meinem Morgengebet. Die Worte des barocken Pfarrers und Dichters sind für mich wie eine Brücke von der Stille der Nacht in die Arbeit: Ich will sie gut tun und gern; aber ich kenne auch die Versuchung, die Dinge vor mir herzuschieben - deshalb „gib dass ich's tue bald". Auch weiß ich, dass ich das Gelingen nicht herbeizwingen kann: „und wenn ich's tu', so gib, dass es gerate wohl". Das Lied lädt mich ein zum Vertrauen und gibt meiner Hoffnung Worte: Gott zeigt mir auch heute meinen Platz und seinen Auftrag. Er schlägt meinem Tun und Lassen den Takt. Er kann und will mein Leben fruchtbar machen. 

Wie die Menschen, die diese Worte seit dem 17. Jahrhundert gesungen und gebetet haben, darf ich mich und meine Tage unter den Segen Gottes stellen. Er hat nicht nur die Hand im Spiel. Er hält das Spiel in seiner Hand. 

Gib, dass ich tu mit Fleiß ... 

Musik 1 und 3: Choral aus der Kantate BWV 45; John Eliot Gardiner

Musik 2: „O Gott, du frommer Gott": Choralpartita (BWV 767/8); Wolfgang Zerer, Orgel

℗ + © 2000 - Hänssler Verlag GmbH; ℗ 2004 Master Music Ltd.; MM 419-2

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